Rhetorik. Von Korax und Teisias zu WhatsApp und Twitter

Sprachlicher Abstieg oder Entwicklung?


Hausarbeit, 2015

18 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Ursprünge der Rhetorik
1.1 Rhetorik bei Aristoteles
1.2 Die Sophisten
1.3 Nutzung der Rhetorik

2. Meinungsbildung im 21. Jhd
2.1 Heutige Rolle der Rhetorik

3. Entwicklung der Kommunikation

3.1 Einfluss neuer Medien auf die Kommunikationsqualität

Literaturverzeichnis

1. Ursprünge der Rhetorik

Korax und sein Schüler Teisias gelten als die Begründer der Rhetorik in der Antike. Aber auch schon deutlich vor dem ersten bekannten Redelehrer Korax im 5. Jhd. v. Chr. gab es erfolgreiche Redner, die sich (bewusst oder unbewusst) der Redekunst bedienten. Folglich hat Korax nicht die Rhetorik als solche begründet, sondern sie lediglich aus der vorhandenen Praxis abgeleitet und beschrieben.1 Schopenhauer als vergleichsweise moderner Blickwinkel geht sogar von einer naturgegebenen Dialektik aus: „Die Hilfsmittel hiezu gibt einem jeden seine eigne Schlauheit und Schlechtigkeit einigermaßen an die Hand: dies lehrt die tägliche Erfahrung beim Disputieren; es hat also jeder seine natürliche Dialektik, so wie er seine natürliche Logik hat.“2 Woher die Rhetorik im Ursprung stammt, lässt sich nicht mehr zurückverfolgen. Allerdings lässt sich der Verlauf nach Korax nachvollziehen. Es ist überliefert, dass der Redelehrer Gorgias von Leontinioi, der 427 v. Chr. nach Griechenland kam, einen großen Teil zur Entwicklung und Verbreitung der Rhetorik beitrug. Er selbst erlangte seine Redekunst in Gerichtsverhandlungen in Sizilien.3 Etwa zur gleichen Zeit entwickelte der Philosoph Sokrates eine rhetorische Dialogform, die er Mäeutik nannte. Hierbei geht es im Kern darum, Wissen zu vermitteln indem man den Dialogpartner durch gezielte Fragen zur Erkenntnis bringt. Dadurch, dass dieser selbst zur Einsicht gelangt ist, es also sein eigener Gedanke war, nimmt er das Gelernte besser für sich an.4 Lysias, der sich von Teisias in der Rhetorik hatte Unterrichten lassen, verdiente seinen Unterhalt mit dem Schreiben von Reden. Er schrieb vor allem Reden für Gerichtsverhandlungen, bei denen er sein rhetorisches Geschick einsetzte um seinen Kunden zum Recht zu verhelfen. Isokrates hatte die Rhetorik bei Gorgias von Leontinioi studiert und verfasste zunächst wie Lysias auch Gerichtsreden. Diese Tätigkeit gab er allerdings nach Eröffnung einer eigenen Rhetorikschule auf. Karl-Heinz Göttert fasst den Grundgedanken Isokrates’ wie folgt zusammen: „Was Isokrates im Auge hatte, war die kulturstiftende Rolle der Sprache, ihre integrierende, ja pazifizierende Wirkung im menschlichen Zusammenleben“5. Tatsächlich geht es Isokrates primär um die Rhetorik als sprachliches/stilistisches Mittel. Zugunsten der Rhetorik stellt er die Philosophie hinten an6 und sieht sich damit im Konflikt mit dem Philosophen Platon. Dieser hatte bei Sokrates gelernt und die erste Philosophenschule Griechenlands gegründet, die „Platonische Akademie“. Hier lehrte er im Gegensatz zu Isokrates vor allem die Philosophie, der die Rhetorik seiner Meinung nach bestenfalls untergeordnet sein sollte. Seine Schule wird z.T. sogar als „rhetorikfeindlich“7 bezeichnet. Aristoteles, einer der bekanntesten griechischen Philosophen der Geschichte, hatte bei Platon gelernt, nimmt jedoch nicht die gleiche Position ein wie sein Lehrvater, sondern bringt Rhetorik und Philosophie zusammen. Seine Werke behandeln unter anderem die Themen Physik, Astronomie, Meteorologie, Biologie, Philosophie und Politik.

1.1 Rhetorik bei Aristoteles

Natürlich nimmt auch die Rhetorik einen großen Stellenwert bei Aristoteles ein, eines seiner Werke befasste sich ausschließlich mit der Redekunst. Er nimmt beispielsweise eine Einteilung in drei „Arten der Beredsamkeit“8,auch genera orationis (Redegattungen) genannt, vor: genus iudicale – Gerichtsrede, genus deliberativum – Beratungsrede und genus demonstrativum – Lobrede. Diese ordnet er auch temporal ein: Die Gerichtsrede für Vergangenes, denn die Taten über die gesprochen wird sind bereits vergangen; die Lobrede für die Gegenwart; und die Beratungsrede für Entscheidungen, die die Zukunft betroffen oder in der Zukunft gefällt werden.9 Den einzelnen Redegattungen weist er bestimmte Merkmale, ein bestimmtes Publikum und die daraus hervorgehenden Verhaltensweisen zu.10 Er schafft damit eine erste verschriftlichte Grundlage für das zielgruppenorientierte schreiben von Texten. Außerdem erstellt er eine Einordnung in status orationes – vier Frageweisen für die Rechtspraxis. Er unterteilt die Fragen in status coniecturae – Vermutungsfragen, status finitionis – Definitionsfragen, status qualitatis – Rechtsfragen und status translationis – Verfahrensfragen.11 Wenn auch vorrangig für genus iudicale geschrieben, lässt sich die Statuslehre auch auf die beiden anderen aristotelischen Genera anwenden.12 Status und Genus nach Aristoteles geben wichtige Hinweise zur Redevorbereitung. Wie die Rede allerdings stilistisch ausgestaltet werden soll, kann erst entschieden werden wenn die Intention des Redners geklärt ist. Hierzu hat Aristoteles die officia oratoris – die Aufgaben des Redners in drei Bereiche unterteilt: Logos, der Redner versucht die Zuhörer intellektuell zu Einsicht zu bewegen, hierzu muss der Redner muss die Zuhörer belehren (docere) oder ihnen mittels Argumenten etwas beweisen (probare); Ethos, hierbei versucht der Redner die Zuhörer zu besänftigen, sie emotional für seine Sache zu gewinnen (conciliare) oder zu erfreuen (delectare); und Pathos, der Redner versucht die Zuhörer zu bewegen (movere) oder gegen jemanden oder etwas wie z.B. den Gegenredner aufzustacheln (concitare). Aristoteles strebte nach einem Ausgleich zwischen den drei Aufgaben des Redners, einer emotionalen Beeinflussung sollten in der Regel auch logische Argumente vorausgegangen oder gefolgt sein.13

1.2 Die Sophisten

Mit voranschreitender Entwicklung der Rhetorik, kamen auch Zweifel über Zweck und Stellenwert der Redekunst auf. Durch geschickte rhetorische Manöver, konnte derjenige der eigentlich im Unrecht war, das Recht zugesprochen bekommen. Platon vergleicht die Rhetorik mit Schmeichelei und gibt zu bedenken, dass die Gefahr bestünde, die Frage nach dem wirklichen Recht hierdurch aus dem Fokus zu verlieren.14 Schopenhauer schreibt darüber: „...wer als Sieger aus einem Streit geht, verdankt es sehr oft, nicht sowohl der Richtigkeit seiner Urteilskraft bei Aufstellung seines Satzes, als vielmehr der Schlauheit und Gewandtheit, mit der er ihn verteidigte.“15 Genau dies warfen Platon, Aristoteles und wahrscheinlich auch Sokrates (so steht es in Platons Schriften) den sogenannten Sophisten (griech. „Weisheitslehrer“) vor. Die Sophisten waren eine Bewegung, die bestehende Moralvorstellungen und Werte wie auch das mythische Weltbild um den griechischen Pantheon in Frage stellten, und so maßgeblich zur Aufklärung beitrugen. Sie wichen allerdings nicht nur von Werten und Normen ab, sondern auch von etablierten Sichtweisen auf die verschiedenen möglichen Sichtweisen der Individuen. Hierdurch ergab sich eine Verschiebung der Wahrheitswahrnehmung, eine objektive Wahrnehmung ist in dieser Betrachtungsweise kaum möglich. Durch die subjektivistisch-relativistische Tendenz der Sophisten, kannten sie nur positionsabhängige Standpunkte.16 Die Sophisten lebten als wandernde Lehrer, die gegen Bezahlung die Rhetorik lehrten und ihren Schülern die Mittel an die Hand gaben, einen Disput mit rhetorischen Mitteln zu gewinnen.17 In den Diskussionen gab es für die Sophisten selten Recht oder Unrecht, der Sophist Protagoras (481-411 v.Chr.) stellte hierzu einen noch immer bekannten Satz auf: “Der Mensch ist das Maß aller Dinge, der Seienden, wie sie sind, der nicht seienden, wie sie nicht sind“18. Von den zuvor bereits genannten Rhetorikern gelten Gorgias19, Lysias20 und Isokrates21 als Sophisten. Ersterer wurde von Platon wegen seiner sophistischen Ansichten der Wortverdreherei bezichtigt.22 Aristoteles sieht die Rhetorik als wichtiges Instrument an, sie solle allerdings zur Überzeugung genutzt werden, nicht zur Überredung. Die Überredung war für Aristoteles ein sophistisch geprägter Begriff, Überredung bedeutet für ihn das Gegenüber um jeden Preis von seiner Sache zu überzeugen, auch mit Scheinwahrheiten und Trugschlüssen. Überzeugen hingegen kann man jemanden nur von einer Sache, die auch für den Gesprächspartner Sinn ergibt, von der er am Ende eben selbst Überzeugt sein kann – und nicht etwa überredet worden ist.23

[...]


1 Vgl. Heldmann, K.: 1982, S. 22.

2 Schopenhauer, A.: 2009, S. 13.

3 Vgl. Göttert, K.-H.: 2009, S. 75.

4 Vgl. Reuter, H.: 2014, S. 33.

5 Göttert, K.-H.: 2009, S. 76.

6 Vgl. Schirren, T./Ueding, G.: 2000, S. 3.

7 Göttert, K.-H.: 2009, S. 91.

8 Aristoteles/Krapinger, G.: 1999, S. 19.

9 Vgl. Göttert, K.-H.: 2009, S. 21.

10 Vgl. Aristoteles/Krapinger, G.: 1999, S. 19ff.

11 Vgl. Göttert, K.-H.: 2009, S. 23.

12 Vgl. Göttert, K.-H.: 2009, S. 25.

13 Vgl. Göttert, K.-H.: 2009, S. 27f.

14 Vgl. Göttert, K.-H.: 2009, S. 77.

15 Schopenhauer, A.: 2009, S. 13.

16 Vgl. Rapp, Christof (19.09.2015), http://universal_lexikon.deacademic.com/302942/Sophisten%3A_Aufkl%C3%A4rer_oder_Wortverdreher.

17 Vgl. Rehfus, Wulff D. (19.09.2015), http://www.philosophie-woerterbuch.de/online-woerterbuch/?tx_gbwbphilosophie_main[entry]=832&tx_gbwbphilosophie_main[action]=show&tx_gbwbphilosophie_main[controller]=Lexicon&cHash=bee30ce0ce79024e6da57166452fdbf2.

18 Protagoras (Schriften nicht erhalten, Wortlaut überliefert)

19 Rehfus, Wulff D. (19.09.2015), http://www.philosophie-woerterbuch.de/online-woerterbuch/?tx_gbwbphilosophie_main[entry]=832&tx_gbwbphilosophie_main[action]=show&tx_gbwbphilosophie_main[controller]=Lexicon&cHash=bee30ce0ce79024e6da57166452fdbf2.

20 Vgl. Müller, K. O./Müller, E.: 1841, S. 372.

21 Vgl. Eucken, C.: 1983, S. 7.

22 Vgl. Martens, E.: 2004, S. 75.

23 Vgl. Aristoteles/Krapinger, G.: 1999, S. 9ff.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Rhetorik. Von Korax und Teisias zu WhatsApp und Twitter
Untertitel
Sprachlicher Abstieg oder Entwicklung?
Hochschule
SRH Hochschule Riedlingen
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
18
Katalognummer
V308164
ISBN (eBook)
9783668062023
ISBN (Buch)
9783668062030
Dateigröße
585 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rhetorik, Korax, Teisias, Gorgias, Sokrates, Lysias, Isokrates, Platon, Aristoteles, Sophisten, Dialektik, Mäeutik, Massenmedien, Meinungsbildung, Manipulation, Fernsehen, Radio, Varofake, Neo Magazin Royale, Jauch, Yanis Varoufakis, Jan Böhmermann, Bundestagsreden, WhatsApp, E-Mail, Twitter, Facebook, Google+, Blogs, Threema, ChatOn, Rechtschreibung, Sprachkompetenz, Kommunikationsqualität
Arbeit zitieren
Simon Crins (Autor), 2015, Rhetorik. Von Korax und Teisias zu WhatsApp und Twitter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/308164

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Rhetorik. Von Korax und Teisias zu WhatsApp und Twitter



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden