Sex, Gewalt und Faschismus im italienischen Kino. Der Sadiconazista-Film


Hausarbeit, 2012
22 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Im Visier
2.1 Geschichtliche Grundlagen
2.2 Der Sadiconazista-Film
2.3 Stereotypen des Sadiconazista-Films
2.3.1 Die Rolle der Frau
2.4 Fetisch des Sadiconazista-Films
2.5 Der Traum vom Tabu
2.6 Die Souveränität des Zuschauers

3 Schluss
3.1 Der neue Kapitalismus
3.2 Enthistorisierung und das nationalsozialistische Bild
3.3 Fazit

Quellenverzeichnis

Internetquellen

1 Einleitung

Die hier vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit einem Filmgenre, hauptsächlich bestehend aus italienischen Filmen der zweiten Hälfte der 70er Jahre, dem Sadiconazista-Film. Es werden die Themen des Nationalsozialismus und die nationalsozialistischen Gefangenenlager dargestellt. Gewalt und Sexualität spielen eine bedeutende Rolle. Auf der einen Seite waren die Themen durch ihren exploitativen Charakter als Vorwand der Darbietung von Szenen der Gewalt und sadistischer Sexualität bedeutend. Auf der anderen Seite dienten die Filme als ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Zu beachten ist, dass zwischen den Motiven hinter den produzierten Filmen unterschieden wird. In den ersten Jahren des Genres tauchten höchst politische und auch philosophisch inspirierte Filme auf. Später wurde diese Phase von sensationsbetonten Werken abgelöst wird.

Die Sexualität und Grausamkeit wird in Form von Zwangssystemen mit Folter und Vergewaltigung zwischen Gefangenen und Aufseher oder Wärtern dargestellt. Zu den Handlungsorten gehören dabei Gefangenenlager, Bordelle und villenartige Anwesen in Deutschland. Der Zeitraum, in dem das Geschehen abläuft, beschränkt sich in den meisten Fällen auf die Tage vor dem Ende des faschistischen Systems, was dem Rezipienten durch geschichtliches Wissen über den wirklichen Ausgang des Krieges ein tröstendes Gefühl geben mag. Ihre sexuelle Ausdruckskraft erhalten die Filme nicht zuletzt aufgrund der erotischen Ausstrahlung der Uniformen. Es tauchen in den Filmen außerdem bestimmte stereotype Figuren auf.

Gerade für die Darstellung von Nackt- und Foltersequenzen boten sich außerdem Themen an, wie die Inquisition oder auch Nonnenklöster, die ihre zeitlichen thematischen Hochphasen erfuhren.1 In der Regel sind die Filme so aufgebaut, dass sich eine sensationelle Sequenz an die andere reiht. Es wird eine Ausgangssituation mit möglichst viel Konfliktpotenzial gezeigt, worauf anschließend zahllose, langanhaltende Nahaufnahmen der Gewalt und des Sexualaktes folgen.

In dieser Arbeit soll zum einen das inszenierte, sadomasochistische und sadistische Geschehen im Film, zum anderen das Verhältnis zwischen Publikum und Film untersucht werden. Es wird sich dabei zeigen, dass beide Gebiete gewisse Gemeinsamkeiten haben. Bezüglich des genannten Uniformenkults lässt es sich nicht vermeiden, hier das Thema Fetischismus, seine Verbindung zu den Themen Tabu und Macht aufzugreifen, sowie die Wirkung desselben auf den Zuschauer. Dabei ist es wichtiger, welche Rolle, der Rezipient beim Schauen des Films einnimmt oder in welche er gedrängt wird, als die Frage, ob sich die Filme explizit an ein sadomasochistisches Publikum wenden.

Diese Themen sind alle sehr miteinander verflochten und aus ihren Beziehungen entsteht ein Kreislauf.

2 Im Visier

2.1 Geschichtliche Grundlagen

Der politische Aufruhr der 60er Jahre, entzündet durch den Vietnamkrieg, ließ auch in den 70er Jahren nicht nach, dem Zeitalter der Entstehung vieler Exploitation-Filme, sondern radikalisierte sich kulturell. Es entstand eine sexuelle Revolution und gesetzliche Einschränkungen und die Zensur der Medien wurden gelockert. Zudem fand die Sexualität ihre Kommerzialisierung und Versachlichung. Die Zensuren wurden dahingehend erweitert, dass Filme, in deren Handlung sich historische Ereignisse abspielten, eine Genehmigung erhielten. Diese Bestimmung hat man erfüllt und so erfuhr der Nationalsozialismus eine Instrumentalisierung.

Die oben erwähnten frühen Sadiconazista-Filme wurden durch die politischen Ansichten der italienischen Linke geformt, mit der Aussage, dass die starke Sexualisierung des Faschismus ein sexuell repressives System bedeutet. Diese sexuelle Unterdrückung hatte Triebstörungen zur Folge, weshalb sich die faschistische Sexualität nur in Form von Brutalität zur Abreaktion äußern konnte.

Die Herangehensweise Italiens an das vergangene politische Geschehen, unterschied sich durch die unterschiedliche Geschichte natürlich stark von der der Deutschen. Die deutsche Seite hatte als Verursacher der Verbrechen eine Schuld zu tragen und war daher um eine möglichst abgesicherte und realistische Darstellung des Historischen bemüht, während der italienische Film unbefangener war. Die Italiener waren nicht so mit dem Schrecken des deutschen Nationalsozialismus in Form von Konzentrationslagern und einer entsetzlichen Zahl von Ermordeten konfrontiert worden wie andere Völker und fanden einen leichteren Umgang zu diesem Thema. Die filmische Art und Weise, mit der die Italiener dem Nationalsozialismus begegneten, macht die Elemente deutlich, die bei vorherigen sachlichen Versuchen, sich mit den gesellschaftlichen, politischen oder ökonomischen Verhältnissen auseinander zu setzen, nicht sichtbar wurden.2

2.2 Der Sadiconazista-Film

Der Begriff dieses Genres hat mit der Historie nichts zu tun. Es handelt sich dabei um eine Vereinigung des Nazi-Begriffs der nationalsozialistischen Diktatur und des sexuellen Sadismus. Auch Nazi-Exploitation genannt, steckt in diesem Wort der Begriff Ausbeutung. Der Film soll auf etwas reduziert und konzentriert werden, was für eine möglichst spektakuläre Wirkung sorgt. Die elementaren Empfindungen dabei sind meist Ekel, Angst und Grauen.

„Hierfür bieten sich alle Sujets an, die Voraussetzungen für die explizite Darstellung von Gewalt- und Sexualakten garantieren: Prostitution, Halbwelt, Subkultur, Gefängnisse, Gefangenenlager, Bürgerkriegssituationen, Sekten, Kannibalismus, Inquisition, Sklaverei.“3

Konstruktionen der Macht und Unterdrückung finden sich in allen dieser Sujets wieder. Dennoch entziehen sich die Filme einem konventionellen Spannungsaufbau. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die 70er Jahre konventionelle Pornografie und Softpornografie, exzessiv gewalttätige Exploitationsfilme, sowie gewalttätige Sexfilme hervorbrachte und diese Genres zum Teil von ein und demselben Publikum konsumiert wurden. In der Literatur wird häufig von der >Neugier auf das Innere< gesprochen, welche diese neuen Genreformen hervorgebracht hat. „Die zermürbenden Dokumentarbilder aus dem Vietnamkrieg haben einen erschütternden Distanzverlust bewirkt.“4 Es genüge in Filmen also nicht mehr Nacktes zu zeigen, sondern es solle noch mehr entblößt und das Innere zur Schau gestellt werden. „Das kreative Foltern und die umfassende Versehrbarkeit des Körpers, alles detailliert inszeniert in einer drastischen Konfrontationsästhetik.“5 Ziel sei dabei, die Neugier des Zuschauers auf das Tabuisierte zu wecken.

Ausgehend von der Tatsache, dass sich ein sadomasochistisches Verhältnis aus einem sich freiwillig dem Sadisten unterwerfenden Masochisten und einem durch die Handlungsgrenzen des Masochisten beschränkten Sadisten zusammensetzt, muss im Falle des Sadiconazista-Films festgestellt werden, dass es sich bei den Täter-Gefangenen-Verhältnissen nicht um Sadomasochismus handelt, sondern in nahezu allen Filmen um Sadismus. Das bedeutet im psychoanalytischen Sinn, dass eine sexuelle Befriedigung auf Kosten einer vom Sadisten gedemütigten anderen Person erfolgt. Lediglich zwischen den Tätern selber tauchen sadomasochistische Beziehungen auf. Durch die oben genannten italienischen, faschistischen Ansichten, dass sich Sexualität nur in Form von Gewalt entfalten könne, entstanden sämtliche sadistische und sadomasochistische Unterwerfungsszenarien. Marcus Stiglegger fand zudem heraus, dass Sadismus zumeist eine Aufspaltung in einen freiwilligen-privaten Sadismus und einen unnatürlich-aggressiven erfährt. Letzterer basiert auf einer (meist politischen) Machtposition, wie sie auch in den Sadiconazista-Filmen vorkommt.

In der Regel behandeln Sadiconazista-Filme das Thema des Faschismus in der Erscheinungsform des deutschen Nationalsozialismus. Die Herangehensweise fällt dabei unterschiedlich aus. Während zu Anfang eine Interpretation des Faschismus und seines Gewaltsystems als Folge einer unterdrückten Sexualität erfolgt6, wird schließlich auch versucht, auf das Vorhandensein eines latenten Faschismus in der Gesellschaft der 70er Jahre hinzuweisen7. Angeregt durch die Erfolge der ersten Sadiconazista-Filme, entstand eine große Anzahl exploitativer Filme, mit dem Wunsch an den Ruhm anzuknüpfen. Sie nutzten das nationalsozialistische System lediglich als einen Rahmen zur Vorführung der Exploitation, um einen größtmöglichen Sehreiz mittels pornografischer Handlungen verbunden mit Gewalttätigkeit zu erzielen. Um schnell und viel zu produzieren, waren sie jedoch häufig schlecht oder gar nicht recherchiert. Thematisch waren sich alle Filme sehr ähnlich, die faschistischen Symbole wurden zu Dekorationselementen und die Handlung löste sich von den historischen Fakten. Ende der 70er Jahre endete das Produzieren von Sadiconazista-Filmen, nachdem diese 1975 bis 1977 ihre Hochphase erlebt hatten.

2.3 Stereotypen des Sadiconazista-Films

Bei den Sadiconazista-Filmen bildete sich schnell ein spezielles Personenrepertoire heraus, welches durch bestimmte Rollen vertreten wurde. Stiglegger hat die Stereotypen untersucht und kommt auf acht bestimmte Rollen: die nationalsozialistischen Despoten, die nationalsozialistischen Parteifunktionäre, die Opfer mit rebellischer Attitüde und die passiven Opfer, die Zweifler, die Handlanger, die Kunstbarbaren und die Verführer. Die Charakteren bekommen aber keine weitere Tiefe. Stereotyp ist auch die Abfolge von Standardsituationen, da im Laufe der zahlreichen produzierten Filme die thematische Vielfalt erschöpft war. Im Allgemeinen erfolgt zunächst das Eintreffen der Gefangenen. Unter aggressiven Befehlen von Soldaten verlassen sie den Transporter und müssen sich aufstellen oder in das Lager, Bordell oder ähnliches marschieren. Die Ausrufe der Soldaten sind selbst in fremdsprachigen Fassungen auf deutsch. Anschließend erfolgt meist die Rede eines SS-Mannes, der die Häftlinge einschüchtern und die Verhältnisse klarstellen will, danach die Selektion nach Geschlecht, Alter und Abstammung. Häufig müssen die Gefangenen ihre Kleidung ablegen, die Häftlingsuniform anziehen und werden rasiert, was außerdem der Endwürdigung dient. Oft bekommt der Zuschauer während dieser Prozedur schon eine erste Vorstellung über die Charakterzüge der Häftlinge. Der Gefangenenalltag wird ebenso ähnlich gezeigt: Appelle, Häftlinge am Ende ihrer Kräfte, Zurechtweisungen, patrouillierende Aufseher, Nötigungen, Strafaktionen, Exekutionen, Folter und medizinische Experimente am lebendigen Leib. Den Sexualakt- und Gewaltformen sind in dem Sadiconazista-Filmen keine Grenzen gesetzt. Von lesbischen Beziehungen, über Massenvergewaltigungen, bis hin zu tödlich endenden Schlägen. Stiglegger stellt fest: „Einigen Filmen gelingt es, mit dem Tod eines einzigen Protagonisten eine Metapher für den Tod von Millionen weiteren zu finden“8.

[...]


1: Stiglegger, Marcus (2001): http://www.ikonenmagazin.de/artikel/sadiconazista.htm.

2: Friedländer, Saul: Kitsch und Tod. Der Wiederschein des Nazismus, München, Wien 1984, S. 10.

3: Stiglegger, Marcus: Nazi-Chic und Nazi-Trash. Faschistische Ästhetik in der populären Kultur, Berlin 2011, S. 16.

4: Demny, Oliver: Sex & Subversion. Pornofilme jenseits des Mainstreams, Berlin 2010, S. 93.

5: Stiglegger, Marcus: Terrorkino. Angst/Lust und Körperhorror, Berlin 2010, S. 60.

6: Wenk, Silke: Rhetoriken der Pornografisierung. Rahmungen des Blicks auf die NS-Verbrechen, in: Gedächtnis und Geschlecht. Deutungsmuster in Darstellungen des nationalsozialistischen Genozids, Frankfurt a.M./ New York 2002, S. 273ff.

7: Stiglegger, Marcus (2001): http://www.ikonenmagazin.de/artikel/sadiconazista.htm.

8: Stiglegger, Marcus: Nazi-Chic und Nazi-Trash. Faschistische Ästhetik in der populären Kultur, Berlin 2011, S. 41.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Sex, Gewalt und Faschismus im italienischen Kino. Der Sadiconazista-Film
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Kunsthistorisches Seminar und Kunstodie)
Veranstaltung
Attraktion, Sensation, Spektakel: Dimensionen des Spielfilms jenseits der Narration
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
22
Katalognummer
V308200
ISBN (eBook)
9783668063082
ISBN (Buch)
9783668063099
Dateigröße
475 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sadiconazista, Faschismus, Nationalsozialismus, italienischer Film, Fetischismus, Sex und Gewalt, sex and violence, Sadismus, Uniformenkult
Arbeit zitieren
Hilke Räuschel (Autor), 2012, Sex, Gewalt und Faschismus im italienischen Kino. Der Sadiconazista-Film, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/308200

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