Flavius Josephus und der Jüdische Krieg. Zur Geschichtsschreibung in "Bellum Judaicum"


Hausarbeit, 2005
21 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A. Einleitung: Anspruch an die Historiographie im Vorwort zu Bellum Judaicum ... 4

B. Der historiographische Ort des Bellum Judaicum ... 5

C. Der Autor – Flavius Josephus ... 8

I. Biographische Daten ... 8

II. Tendenzen Josephus’ in seiner Geschichtsschreibung in Bellum Judaicum ... 10

1. Schmeicheleien gegenüber Titus und Lobreden auf die Stärke Roms ... 10

2. Anschluss an hellenistische Traditionen ... 11

3. Apologetische Interpretation des Krieges ... 13

D. Die Zerstörung des Jerusalemer Tempels – Zufall oder Absicht ... 15

I. Die Darstellung von Flavius Josephus - Zufall ... 15

II. Zweifel an der Darstellung Josephus’und die Gegenthese – Absicht ... 16

E. Resümee: Umsetzung des historiographischen Anspruchs im Bellum Judaicum ... 18

A. Einleitung: Anspruch an die Historiographie im Vorwort zu Bellum Judaicum

Give me the facts, Ashley, and I will twist them the way I want to suit my argument. [1] “

Auch wenn dieses Zitat, mit welchem Winston Churchill seine eigene Praxis im Umgang mit der Geschichte beschreibt, von einem Politiker aus dem 20. Jahrhundert stammt, kann eine ähnliche Vorgehensweise auch unter antiken Historikern, zu denen Flavius Josephus gehört, nicht ausgeschlossen werden.

Seinem Anspruch an die Geschichtsschreibung verleiht Flavius Josephus bereits in seinem Vorwort zu Bellum Judaicum[2] Ausdruck. Darin verpflichtet er sich als Augenzeuge zu historischer Treue und dazu, nur das auf beiden Seiten tatsächlich Geschehene zu berichten, und, wie die alten Geschichtsschreiber, die Begebenheiten der eigenen Tage, zu schildern[3]. Einschränkend fügt er jedoch hinzu „ […] Will mich jemand um dessentwillen schelten, was ich, seufzend über das traurige Los meiner Vaterstadt, gegen die Tyrannen und ihren Anhang von Banditen im Tone der Anklage vorbringe, so möge er diesen Verstoss gegen das Gesetz der Geschichtsschreibung, meinem Schmerz zugute halten. […]“ Schuld am Untergang Jerusalems haben „der innere Hader“ und die „Tyrannen der Juden“.[4] Mit Tyrannen meint Josephus die Zeloten und Sadduzäer, die er darüber hinaus durch ihr „grausames Wüten[5]“ alleinig für die Zerstörung des Jahwe-Tempels und das Leid des jüdischen Volkes verantwortlich macht.[6] Rom trifft dagegen keine Schuld. Im Gegenteil: Der Caesar Titus hatte während des ganzen Krieges Mitleid mit dem Volk und zögerte die Zerstörung Jerusalems wiederholt hinaus, um den Schuldigen Zeit für einen Sinneswandel zu geben.[7] Von diesem Standpunkt aus betrachtet Josephus nun die Ereignisse in Bellum Judaicum[8] mit dem selbst ernannten Ziel, „[…] die Griechen sowie diejenigen Römer, die den Feldzug nicht mitgemacht [haben] […]“[9] über die Geschichte des Jüdischen Krieges zu informieren. Damit gibt Josephus in seinem Vorwort nicht mehr und nicht weniger vor als den Rahmen, innerhalb dessen er sein Werk und seine historiographische Leistung beurteilt sehen möchte.

Darüber hinaus darf jedoch nicht außer Acht gelassen werden, dass jeder Berichterstatter sich täuschen kann; dass er in der Regel nur unvollständig berichten kann, weil er bereits während dem Berichten eine Entscheidung treffen muss, welche Ereignisse er für bedeutend genug hält, um darüber zu informieren, und welche Ereignisse möglicherweise seine Adressaten interessieren könnten. Ist der Bericht mit bestimmten Zielsetzungen des Autors verbunden, kann davon ausgegangen werden, dass diese Ziele den Bericht beeinflusst haben, umso mehr, wenn der Autor seine eigenen Taten und Absichten schildert; kaum jemand stellt sich selbst gerne negativ dar.[10] Eine gänzlich objektive Quelle kann es demnach nicht geben. Jede Quelle trägt bewusst oder unbewusst, absichtlich oder ungewollt, offensichtlich oder unterschwellig die Handschrift ihres Verfassers.

Diese Arbeit wird nun versuchen, anhand ausgewählter Beispiele die Handschrift des Josephus in Bellum Judaicum darzustellen, und auf mögliche unbewusste, unterschwellige oder absichtlich verschleierte Begebenheiten, Einflüsse und Intentionen im Werk aufmerksam zu machen. Gegenstand der Untersuchung ist zu zeigen, dass sein Werk einerseits von einem sehr tendenziösen und vereinfachenden Charakter geprägt ist, und sich andererseits durch seine vielen verschiedenen Einflüsse als hoch komplex erweist. Am Schluss dieser Untersuchung soll die Frage beantwortet werden, ob Josephus sich ebenfalls die im Zitat beschriebene Praxis zueigen gemacht hat, oder ob er seinem Anspruch aus dem Vorwort zu Bellum Judaicum gerecht werden konnte.

B. Der historiographische Ort des Bellum Judaicum

Flavius Josephus, geboren zwischen AD September 37 und März 38, starb ungefähr um AD 100.[11] Die griechische Fassung seines Werks Bellum Judaicum, welche von Vespasian persönlich unterzeichnet und zur Veröffentlichung freigegeben wurde, verfasste Josephus irgendwann zwischen dem Jahr AD 75 und 79 in Rom.[12] Jedoch wird angenommen, dass Josephus bereits AD 75 eine nicht mehr erhaltene Erstfassung des Bellum Judaicum in aramäischer Sprache veröffentlichte. [13] Der tatsächliche sogenannte Jüdische Krieg zwischen den Juden Palästinas und der römischen Besatzungsmacht dauerte von AD 64 bis 73. Er ereignete sich im Gebiet des heutigen Palästina, vornehmlich in den Provinzen Judäa, Samaria und Galiläa.

Die Ursachen für diesen Krieg reichen jedoch bereits zurück bis in die Zeit nach Christi Geburt. Zu den traditionellen Konflikten der Juden mit Griechen und Syrern traten vermehrt auch soziale und gesellschaftliche, innerjüdische Probleme. Die jüdische Gesellschaft war geprägt von dem sozialen Gegensatz zwischen armen Bauern, Handwerkern und Landarbeitern und einer reichen städtischen Oberschicht, zu der auch Josephus’ Familie zählte. Daneben verbreiteten sich messianische Erwartungen und Sektenfanatismus in der jüdischen Bevölkerung, die zunehmend unter römischen Provokationen, beginnend mit Caligulas, [14] litt.[15]

Mit der Einsetzung des Prokurators Gessius Florus als Statthalter von Judäa AD 64 intensivierten sich nicht nur die römischen Übergriffe, sondern Florus selbst versuchte „ […] voll Erbitterung die Juden in einen förmlichen Krieg zu verwickeln, durch den allein er seine Schandtaten verdecken zu können meinte.“[16] Diese Ansicht wird durch Tacitus in seinen Historien bestätigt.[17] Nach zahlreichen Intrigen[18] und Lügen [19] des Florus, wird AD 64 in Massada das Fanal zum großen Aufstand gegeben, indem die dortige römische Besatzungsmacht besiegt und die Festung von den Juden eingenommen wird[20]. So bricht „ […] im zwölften Jahre von Neros Regierung der Krieg […][21]“ aus, zu dessen Niederschlagung Vespasian von Nero im Jahre AD 67 den Befehl über 60'000 Mann erhielt. Im selben Jahr nahm Vespasian, nach 47tägiger Belagerung,[22] die Festung Jotapata ein, die unter Josephus als ihrem Befehlshaber[23] erbitterten Widerstand leistete. Dabei wurde Josephus gefangen genommen und erlebte von diesem Zeitpunkt an den Jüdischen Krieg im Gefolge Vespasians und Titus’ zunächst als Gefangener, später dann als Freigelassener. Durch den Tod Neros im Jahre AD 68 und die folgenden innerrömischen Wirren[24] wurden die militärischen Operationen in Palästina unterbrochen. Vespasian begab sich zunächst nach Ägypten, wo man ihn zum Princeps ausrief. Ende des Jahres AD 69 wurden die Truppen des Vitellius[25] von der flavischen Partei geschlagen, sodass Vespasian im Sommer AD 70 als Princeps in Rom einzog. Zeitgleich lebten die Kämpfe in Jerusalem wieder auf, was dazu führte dass nun Titus, der älteste Sohn Vespasians, die Truppen in Palästina befehligte. Im April AD 70 schloss Titus Jerusalem ein, im August eroberte er den Tempel, im September besiegte er die Gegner und zerstörte Jerusalem.[26] Bereits Mitte des Jahres AD 71 feierten Vespasian und Titus in Rom zusammen den Triumphzug für ihren Sieg über die Juden, obwohl nach dem Fall Jerusalems der Jüdische Krieg über die Festungen Macherus und Massada weitergeführt wurde. [27] Die Festung Macherus wurde von den Belagerten im Tausch gegen einen gefangenen Kameraden an die Römer übergeben.[28] Die Widerstandkämpfer der Festung Massada wählten den Freitod. [29] So endete der Jüdische Krieg AD 73 in Massada, wo er im Jahre AD 64 begonnen hatte. Nach dem Krieg wurde Judäa in eine selbständige prätorische Provinz umgewandelt und die legio X Fretensis in der Nähe Jerusalems stationiert. [30] Josephus war bereits im Frühjahr AD 71 mit Titus nach Rom gekommen, wo er bis zu seinem Tod in einem von Vespasian ehemals bewohnten Haus lebte[31] und u. a. seine Werke Bellum Judaicum, Contra Apionem, Vita und Antiquitates Iudaicae verfasste.

[...]


[1] Vgl. Ashley, M.: Churchill as Historian, London 1968, S. 18.

[2] Im Folgenden werden die allgemein bekannten Abkürzungen gemäß TRE verwendet: für Bellum Judaicum steht „Bell“, für Contra Apionem „Ap“, für die Vita „Vit“ und für die Antiquitates Iudaicae „Ant“.

[3] Bell I, Vorwort, 1-5

[4] Bell I, Vorwort, 4

[5] Bell I, Vorwort, 11

[6] Vgl. Leeming, H. / Leeming, K.: Josephus’ Jewish War and its Slavonic Version (Arbeiten zur Geschichte des antiken Judentums und des Urchristentums; Bd. XLVI), Brill / Leiden / Boston 2003, S. 25.

[7] Bell I, Vorwort, 4 & 11

[8] Vgl. Weiler, I.: Titus und die Zerstörung des Tempels von Jerusalem – Absicht oder Zufall?, in: Klio. Beiträge zur Alten Geschichte 50 (1968), S. 140.

[9] Bell I, Vorwort, 1f

[10] Vgl. Sellin, V.: Einführung in die Geschichtswissenschaft, Göttingen 1995, S. 44, 49.

[11] Vgl. Schreckenberg, H.: s.v. Josephus (Flavius Josephus), in: RAC 18 (1998), Sp. 762.

[12] Vgl. Leeming / Leeming: Slavonic Version, S. 22.

[13] Vgl. Wandrey, I.: s.v. I. Flavios., in: DNP 5 (1998), Sp. 1089.

[14] Caligula von AD 37 – 41 römischer Princeps

[15] Vgl. Christ, K.: Geschichte der römischen Kaiserzeit. Von Augustus bis Konstantin, München 1988, S. 249f.

[16] Bell II, XIV, 3

[17] Vgl. Schall, U.: Die Juden im Römischen Reich, Regensburg 2002, S. 201.

[18] Florus sucht nach Mitteln, den jüdischen Aufstand wieder zu entfachen. Bell II, XV, 3f

[19] Florus schickte C. Cestius Gallus, Statthalter von Syrien, einen Bericht, in dem er die Juden beschuldigt, den Abfall von Rom zu erkämpfen. Bell II, XVI, 1

[20] Bell II, XVII, 2

[21] Bell I, Vorwort, 7

[22] Vgl. Schaller, B.: s.v. Iotapata, in: DKlP 2 (1967), Sp. 1444.

[23] Unter C1. Biographische Daten wird näher auf diesen Umstand eingegangen.

[24] Vierkaiserjahr

[25] Nach Galba und Otho seit April AD 69 nun 3. Princeps im Vierkaiserjahr.

[26] Vgl. Christ, K.: Geschichte der römischen Kaiserzeit, S. 246ff.

[27] Vgl. König, I.: Der römische Staat II. Die Kaiserzeit, Stuttgart 1997, S. 100.

[28] Bell VII, VI, 4

[29] Bell VII, IX, 1

[30] Vgl. Wandrey, I.: s.v. I. Flavios., Sp. 1191.

[31] Vgl. Schreckenberg, H.: s.v. Josephus, Sp. 767.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Flavius Josephus und der Jüdische Krieg. Zur Geschichtsschreibung in "Bellum Judaicum"
Hochschule
Universität Augsburg
Veranstaltung
"Die Flavier"
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
21
Katalognummer
V308316
ISBN (eBook)
9783668069060
ISBN (Buch)
9783668069077
Dateigröße
461 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Flavius Jospehus, Bellum Judaicum, Jüdischer Krieg, Flavier, Altertum, Antike, Titus, Tempel, Rom, Jerusalem, Jahwe Tempel, Juden, jüdisches Volk, Quelle, Historiographie, historiographisch, Quellenkunde, Quelleninterpretation, Vespasian, Palästina, Judäa, Samaria, Galiläa, Christi, Christus, Syrer, Gessius Florus, Nero, Massada, meassianische Erwartung, Jotapata, Macherus, Rezeption, Domitian, römisch, Agrippa, Imperium Romanum, Kaiserreich, Thukydides, Herodot, Polybios, Hohepriester, Prophet, Judentum, Israel, Gott, Jahwe, Römer, Gallus, Ananus, Katastrophe, Zerstörung, Tacitus, Severus, Cassius Dio
Arbeit zitieren
Sarah Heitz (Autor), 2005, Flavius Josephus und der Jüdische Krieg. Zur Geschichtsschreibung in "Bellum Judaicum", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/308316

Kommentare

  • Gast am 19.10.2015

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