Zusammenhang zwischen ethnischer und sozialräumlicher Segregation, städtischer Armut sowie sozialer Ausgrenzung in Großstädten Nordrhein-Westfalens


Bachelorarbeit, 2015

44 Seiten, Note: 2.0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

Teil I: Theorie
2. Begriffsbestimmung „Segregation“
3. Der „Raum“ als Bedeutungsträger
4. Formen der Segregation mit besonderer Betrachtung der ethnischen Segregation und ihrer Effekte
5. Ursachen und Entwicklung der Segregation in deutschen Städten
6. Armut und soziale Ausgrenzung
7. Der Begriff „Kultur der Armut“
8. Zusammenfassung

Teil II: Empirische Ausarbeitung
9. Zur Methode: Das qualitative Interview
10. Struktur und Gesellschaft - Gesamtblick auf Dortmund
11. Die Nordstadt
12. Das Interview
13. Interpretation der statistischen Daten und des Interviews
14. Fazit
15. Verzeichnisse

1. Einleitung

Die sozialen und politischen Wandlungen der letzten zwanzig Jahre haben vielen Menschen neue Möglichkeiten eröffnet und gleichzeitig auch vielfältige wirtschaftliche und politische Risiken heraufbeschworen. Es handelt sich hierbei um die Zugangsprobleme zum Arbeitsmarkt, die Teilhabeprobleme an den einzelnen gesellschaftlichen Subsystemen, die mangelnde positionale und emotionale Anerkennung, die abnehmende moralische Anerkennung und die exklusiver werdenden Leistungs- und Verteilungs­strukturen ebenso wie die instabilen Gemeinschaftszugehörigkeiten (Neckel & Soeffner 2008).

In einigen Stadtteilen der Großstädte Deutschlands ist immer eine Dominanz von Gruppen mit ähnlicher sozialer Herkunft oder sozialem Status zu beobachten. Die räumliche Gliederung der Städte in sich ist zu erkennen. In der Raumsoziologie findet nach Löw et al. (2008) der Begriff Segregation für diese stadträumliche Erscheinung Verwendung. Pierre Bourdieu (1991: S. 25) hebt hervor, dass „der von einem Akteur eingenommene Ort [seine] Stellung im sozialen Raum“ repräsentiert. Man kann also nach Bourdieu Rückschlüsse auf das Maß an ökonomischem Kapital und auf die Stellung einer Person in der Gesellschaft ziehen, wenn man den Fokus auf seinen Wohnort richtet. Nach Löw et al. (2008: 39; s. a. Kreckel 1992) verkörpert die soziale Ungleichheit eines der Hauptthemen der Soziologie und sie qualifiziert die Segregation dann als ein Problem, wenn von Armut bedrohte und betroffene Menschen in einem Stadtteil isoliert leben. Sie ist dann ein „Ergebnis von sozialer Ungleichheit, das heißt, ungleicher Chancen und Präferenzen einzelner Bevölkerungsgruppen“ (Friedrichs 1995: S. 79). Die negativ konnotierten Schlagwörter, die sich im direkten Zusammenhang mit dieser Thematik heraus­kristallisieren, sind Ungleichheit, Armut und Ausgrenzung, deshalb sollen diese in das Zentrum dieser Arbeit gerückt werden.

Ich möchte mich in dieser Arbeit mit der sozialen Segregation beschäftigen. Vor allem möchte ich hierbei auf die Segregation von Menschen mit einem Migrationshintergrund eingehen und untersuchen, ob die Folgen der ethnischen Segregation trotz des Wohnens in Armutsvierteln nicht auch noch andere Konsequenzen als die Herausbildung einer „Kultur der Armut und Ausgrenzung“ zur Folge hat.

Diese Arbeit ist in einen theoretischen und in einen empirischen Teil untergliedert. Im Teil I werden alle im Zusammenhang mit dem Thema dieser Arbeit stehenden Begriffe geklärt, darunter sowohl der Begriff der Segregation, des Raumes und der Ausgrenzung als auch der Begriff der städtischen Armut. Außerdem werden die Formen der Segregation und ihre Effekte behandelt sowie ihre sozialen Ursachen analysiert. Im Teil II handelt es sich um eine empirische Ausarbeitung in Form einer qualitativen Datenerhebung, genauer gesagt, um ein Interview mit einer Beauftragten des Quartiersmanagements in der Nordstadt in Dortmund. Zunächst wird die Methode der Ausarbeitung näher beschrieben, anschließend werden die strukturellen und gesellschaftlichen Hintergründe auf der Basis der aktuellen statistischen Zahlen herausgearbeitet und dokumentiert. Dann erfolgt das Interview mit der darauffolgenden Interpretation des Gesprächs und der Erläuterung der statistischen Grundlage. In einem Fazit werden die Ergebnisse aus dem theoretischen und empirischen Teil zusammengeführt und formuliert.

Teil I: Theorie

2. Begriffsbestimmung „Segregation“

Der Begriff Segregation stammt aus der Sozialökologie und bedeutet räumliche Trennung. Er bezieht sich sowohl auf den Prozess der räumlichen Differenzierung als auch auf dessen Ergebnis (Spektrum 2001). In einigen Stadtteilen der Großstädte Deutschlands ist immer eine Dominanz von Gruppen mit ähnlicher sozialer Herkunft oder sozialem Status zu beobachten. Die räumliche Gliederung der Städte in sich ist zu erkennen. Der Begriff der Segregation bezeichnet nach Löw et al, (2008) die Konzentration von Bevölkerungs­gruppen in gesellschaftlichen Feldern oder an städtischen Orten. Der Zusatz „residentiell“ weist insbesondere auf die Quartiersbildung von Menschen der gleichen sozialen Stellung, der gleichen ethnischen Zugehörigkeit und der gleichen Lebensform oder Altersgruppe hin. Die beiden ersten Segregationsformen finden nach Schäfers (2000: S. 64) im wissenschaftlichen Diskurs bislang das größte Forschungsinteresse. Seit den Arbeiten der Chicagoer Sozialökologen ist der Begriff der Segregation nicht nur ein Schlüsselbegriff der sozialräumlichen Stadtanalyse, sondern auch der Analyse der sozialen Ungleichheit (ebd.). Seit Jean-Jacques Rousseaus großem Essay „Der Ursprung der Ungleichheit unter den Menschen“ aus dem Jahre 1754 stellt nach Schäfers (2000: S. 64) die Suche nach den Ursachen der Segregation die zentrale Frage an die traditionelle Gesellschaft. Die Vertreter der Chicagoer Schule, unter anderem Park und Burgess (1974: 55) entwickelten ein Stadtstrukturmodell, „das Zonenmodell“, welches die Auswirkungen der Einwanderung auf die Struktur der Stadt untersuchte und als Vorlage für andere Modelle diente. Laut dem Zonenmodell nach Park und Burgess (1974: 55) lassen sich Städte in Zonen aufteilen. Das Zentrum bildet der „Loop“, von diesem dehnen sich kreisförmig angeordnete Zonenringe zur Peripherie. Die entstehenden Zonen sind als natural areas benannt und haben nach Friedrichs (1995: 39) immer einen bestimmten Nutzen und werden von einer bestimmten Bevölkerungsgruppe bewohnt. Zur Peripherie hin, steigt nach Heineberg (2006) der Status der Wohnbevölkerung. In der ersten „Zone in Transition“ siedeln sich (ebd.) Migranten an. Diese Zonen sind verarmte Stadtviertel, die von vielen industriellen Unternehmen umgeben sind. Daraufhin folgt die „Zone of Workingmen´s Homes“, in dieser Zone, die als Arbeiterquartier definiert wird, wohnen nach Park und Burgess (1974: 56) hauptsächlich Zuwanderer der zweiten Generation. Die vierte Zone die „Residential Zone“ stellt die gesellschaftliche Mittelschicht dar. Die letzte Zone ist die „Commuting Zone“, in dieser soll die pendelnde statushohe Bevölkerung leben (Heineberg 2006). Park sieht dieses Modell als ein mobiles, welches sich in die nächstfolgenden Zonen ausdehnt. Diese Mobilität steigert nach Park und Burgess (1974) Segregation.

Der Begriff beschreibt also den Vorgang der ungleichen Verteilung von Bevölkerungsgruppen, Geschäften und Unternehmen in einer Stadt und beschreibt zugleich auch den Zustand (Hamedinger 2002: S. 123). Durch die Segregation kommt es nach Fassmann (2004: S. 162) auf der einen Seite zu einer Entmischung und auf der anderen Seite gleichzeitig zu einer Ballung und Konzentration. Das Deutsche Institut für Urbanistik (2006) beschreibt so das Entstehen von Studentenvierteln, Armutsvierteln, Migrantenvierteln sowie Viertel die überwiegend von Familien und älteren Menschen bewohnt werden. Laut Fassmann (2004: S. 162) handelt es sich bei der Segregation um ein generelles und kulturübergreifendes Phänomen, welches in allen Städten zu registrieren ist. Die Ausprägung der Trennung in den Städten findet immer unterschiedlich starken Ausdruck. Planerisch utopisch scheint eine Stadt ohne Segregation und mit einer perfekten Durchmischung von Funktionen und Gesellschaft zu sein (ebd.). „Eine perfekte residentielle Segregation einer städtischen Gesellschaft und der städtischen Räume ist demnach dann gegeben, wenn eine Stadt aus nach der Sozial-, Bau und funktionalen Struktur homogenen, aber untereinander verschiedenen Teilgebieten besteht“ (Dangschat 1998: S. 209; s. a. Hamedinger 2002). Die residentielle Segregation, also die Segregation der Wohnbevölkerung, ist durch eine gesellschaftsbezogene Ordnungsfunktion mit grundlegender Bedeutung gekennzeichnet. Die Raumqualitäten werden durch die Aneignung und Zuweisung spezifischer Stadträume ungleich verteilt (Fassmann 2004: S. 162-164). Die Haushalte mit besserer Ressourcenausstattung distanzieren sich aktiv, denn sie können sich ihren Wohnstandort nach ihren individuellen Präferenzen aussuchen. Passiv und unfreiwillig werden wiederum diejenigen Haushalte segregiert, die nur über geringe Ressourcen verfügen. Es erfolgt eine automatische Lenkung in Quartiere der Stadt, die von der Mehrheitsgesellschaft gemieden werden (Häußermann 2012: 383). Bei den Präferenzen der Mehrheitsgesellschaft kann es sich nach Fassmann (2004: S. 164) um eine vorteilhafte Lage in der Stadt, gute Verkehrsanbindungen, eine intakte Umwelt sowie eine reichhaltige Ausstattung mit technischer und sozialer Infrastruktur handeln. Problembeladene segregierte Quartiere bilden sich in der Regel in den innerstädtischen Altbaugebieten (Häußermann 2012: S. 391).

Quantifizierbarkeit

Zur Messung des Zustands der ungleichen Verteilung in den räumlichen Einheiten, also der Mischung und Entmischung von spezifischen Bevölkerungsgruppen, können zwei geeignete Maßzahlen herangezogen werden. Zum einen handelt es sich um den Segregationsindex (Fassmann 2004, S. 167), der die Verteilung einer Bevölkerungsgruppe im Vergleich zur Gesamtbevölkerung misst. Zum anderen ist das der Dissimilaritätsindex, der die Verteilung zweier Bevölkerungsteilgruppen ermittelt (Friedrichs 1995: 79). Als Ergebnisse gelten bei beiden Indikatoren Werte zwischen 0 – 100, wobei 0 für die perfekte Gleichstellung und 100 für die maximale Segregation steht. Man geht von der Verteilung einer ausgewählten Bevölkerungsgruppe nach Teilräumen, verglichen mit der Verteilung der Bevölkerung insgesamt, aus. Beispielsweise liegt offensichtlich dann keine überdurchschnittliche Konzentration in einem bestimmten Bezirk vor, wenn dort 10 % aller Ausländer wohnen und gleichzeitig 10 % der Bevölkerung leben. Es herrscht dann eine Gleichverteilung zwischen den In- und Ausländern. Eine hohe Ungleichverteilung ist dann festzustellen, wenn in einem Bezirk 90 % der Ausländer der Stadt leben, aber nur 10 % der Wohnbevölkerung insgesamt. Die entsprechende Maßzahl wird errechnet, indem die Differenzen beider Indizes in Bezug auf die Teilräume der Gesamtstadt addiert werden (Fassmann 2004: S. 167). Häußermann und Siebel (2004: S. 140-141) kritisieren jedoch, dass diese Maßzahlen aufgrund verschiedener Methodischer Probleme, nicht zum Vergleich verschiedener Städte geeignet seien, sondern nur zur Beobachtung des Segregationsmaßes einer Stadt über bestimmte zeitliche Perioden.

3. Der „Raum“ als Bedeutungsträger

„Der gesellschaftliche Raum ist - wie der geographische – im höchsten Maße determinierend; wenn ich sozial aufsteigen möchte, habe ich eine enorme Steigung vor mir, die ich nur mit äußerstem Kraftaufwand erklettern kann; einmal oben wird mir die Plackerei auch anzusehen sein, und angesichts meiner Verkrampftheit wird es dann heißen: ‚der ist doch nicht wirklich distinguiert.‘“ (Bourdieu 1997: S. 37)

Um die Themen Segregation, Ausgrenzung und Armut im räumlichen Kontext richtig erfassen und einordnen zu können, ist es unerlässlich, über den „Raum“ an sich zu sprechen, und zwar dahin gehend, was er für seine Bewohner bedeutet und wie er von außen bewertet wird. Martina Löw (2001) hat beobachtet, dass sich gegen Ende des letzten Jahrhunderts die Wahrnehmung der Menschen bezüglich des Raums verändert hat. In Folge dessen wird er immer erneut als Problem angesprochen. Nach Häußermann und Kronauer (2009: S. 126) repräsentieren Räume gesellschaftliche Machtstrukturen und Hierarchien, dabei bildet die Gestaltung der Räume selbst ein Mittel der Herrschaft. Sie verkörpern symbolische Orte. Durch die Bewertung der Räume wird der Stadtraum strukturiert und die Bewertung zeitigt Folgen für die Bewohner. Es geht unter anderem um die Wechselbeziehungen zwischen dem physischen Raum und den Strukturen des Sozialraums sowie auch um die Prozesse der Aneignung und Entfremdung von Raum, die stark in die Lebenschancen der Bewohner eingreifen können. Wenn ein bestimmtes Maß an Abwärtsentwicklung in einem Quartier erreicht worden ist, beginnt ein gewisses „Stigmatisierungs- und Labeling-Prozess“ (ebd.). Dieser kommt vor allem durch die äußere Umwelt, aber auch durch die Bewohner selbst zustande. Gemäß ihren Orientierungen und in der Hoffnung auf „bessere Zeiten“ formulieren sie selbst drastische Urteile über das Milieu, in dem sie leben. Für die Bewohner eines Quartiers, die nicht freiwillig dort wohnen, ist die Stigmatisierung nach Häußermann & Kronauer (2009: S. 126) insofern folgereich, dass dadurch ihr Selbstwertgefühl negativ beeinflusst wird. Durch die Stigmatisierung von Großsiedlungen wird der Prozess der Ausgrenzung auf der symbolischen Ebene verstärkt, aus dem massive Konsequenzen für die Bewohner resultieren können. Die Chance der Identifikation mit dem Quartier wird somit zunichtegemacht (ebd.). Diejenigen Familien, die eine Stütze sein könnten, werden dadurch in die mentale und soziale Isolation getrieben (Gestring 2007: S. 143). Nachlässigkeit und offensichtliche Desinvestitionen in das Quartier zählen Häußermann & Kronauer (2009: S. 126) zu den symbolischen Formen der Demütigung und symbolischen Gewalt, die die Lebensqualität und das Selbstwertgefühl der Bewohner nachhaltig beeinflussen. Zu beachten ist zudem, dass sich die stigmatisierende Außenwahrnehmung nachteilig auf die sozialen Teilhabechancen an der „Normalgesellschaft“ auswirkt, beispielsweise und besonders auf die Lehrstellen- und Arbeitsplatzsuche (Häußermann & Kronauer 2009: S. 126). Die sozialräumliche Nachbarschaft verkörpert für schlechter gestellte Sozialgruppen den Ort der gesellschaftlichen Teilhabe, an dem die soziale Integration stark an das Lokale gebunden ist (Kronauer & Vogel 2004: S. 236; s.a. Sutterlüty et al. 2008: S. 27).

4. Formen der Segregation mit besonderer Betrachtung der ethnischen Segregation und ihrer Effekte

Die sozialräumliche Konzentration von Bevölkerungsgruppen hat es in der Geschichte der Städte immer wieder gegeben. Vor allem drei Formen sind zu differenzieren: Die sozialökonomische Segregation nach dem sozialen Status, die ethnische Segregation nach der Herkunft und die demografische Segregation nach dem Alter bzw. nach Lebenszyklusphasen (Krummacher 2007: S. 109). Die Orte, in denen Ausländer wohnen, sind häufig gleichzeitig auch diejenigen Orte, in denen Deutsche aus den unteren sozialen Schichten wohnen, also überlagern sich in den multiethnischen Stadtteilen meistens alle drei Formen (Bremer 2001: S. 180), deshalb richte ich das Hauptinteresse auf die ethnische Segregation. Außerdem muss auch zwischen der freiwilligen und der erzwungenen Segregation unterschieden werden. Die freiwillige Segregation wird aktiv von den entsprechenden Personen und Haushalten angestrebt. Sie beruht nach Krummacher (2007: S. 110) auf den Wahlmöglichkeiten auf dem Wohnungsmarkt und den selbstständigen Entscheidungen. Die Motive basieren auf den Präferenzen, auf die ich im späteren Verlauf noch detailliert eingehen werde. Im Gegensatz zur freiwilligen Segregation resultiert die erzwungene Segregation aus den fehlenden Wahlmöglichkeiten und muss oft passiv hingenommen werden. Die Gründe dafür sind meistens status- und marktbedingt, administrativ und rechtlich generiert oder kommen durch die Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt zustande (ebd.). Auch hierzu werde ich im späteren Verlauf näher Stellung nehmen. Ganz unproblematisch und als fast immer freiwillig wird nach dem Deutschen Istitut der Urbanisitik (2006) die soziale Segregation der wohlhabenden Haushalte charakterisiert, während die soziale Segregation der armen Haushalte dagegen oft unfreiwillig zustande kommt. Die Konzentration von heterogenen Armutsgruppen mit Raum- und Infrastrukturdefiziten in benachteiligten Teilen der Stadt verursacht in zunehmendem Maße individuelle und kollektive Benachteiligungen (Hamedinger 2002). Die Segregation muss nach Fassmann (2007: S. 10-11) differenziert bewertet werden, sie darf weder verteufelt noch sollte sie ausschließlich gut geheißen werden. Entscheidend für die Bewertung ist der dynamische Kontext. Die ethnische Segregation ist zu Beginn für den Prozess der Sozialintegration wichtig, hilfreich und vermutlich auch wünschenswert, da in der frühen Phase der Integration die segregierte Nachbarschaft als Ort der Wertevermittlung und der Sozialisation fungiert (ebd.). Eine skeptische Beurteilung und Überprüfung sind dann angebracht, wenn sich die ethnische Segregation auch nach langer Zeit nicht auflöst (s. a. Farwick 2004) und somit die zwischenmenschliche Ebene in Verbindung mit der Aufnahmegesellschaft gemieden wird, sei es von der Aufnahmegesellschaft oder der ethnischen Gruppe gewollt. Was sich kurzfristig als unvermeidbar, vielleicht sogar auch als notwendig erweist, scheint sich längerfristig eher als nachteilig auszuwirken (Fassmann 2007: S.10-11).

Bei der ethnischen Segregation von Haushalten sind also sowohl negative als auch positive Effekte zu registrieren (Krummacher 2007: S. 111-112; s. a. Tab. 1).

Tabelle 1: Positive und negative Aspekte der ethnischen Segregation Quelle: ILS NRW 2004: 14; zum Teil ergänzt durch Krummacher (2007): S. 112

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Gesamtsituation ethnisch geprägter Quartiere ist auf der einen Seite durch sozioökonomische Problem- und Notlagen gekennzeichnet, die zusammen mit den Defiziten, die räumlich bedingt sind, zu Konflikten und Konkurrenzen um die knappen Ressourcen, wie Arbeit, Einkommen Wohnen, Bildung, soziale Infrastruktur, führen (Krummacher 2007). Nach Friedrichs und Blasius (2000) verfestigen sich so von der Norm abweichende Verhaltensweisen. Diese Tatsache kann wiederum gegenseitige Abschottung, interkulturelle Konflikte, Gewaltbereitschaft und Fremdenfeindlichkeit verursachen (Krummacher 2007: S. 114).

Auf der anderen Seite sind in den ethnischen Quartieren sehr wohl auch endogene Potenziale und Ressourcen festzustellen. Wenn diese erkannt, aktiviert und nachhaltig gefördert werden, dann können diese durchaus die Basis für geeignete Herangehensweise und einen guten Ansatz zur Stabilisierung und Verbesserung der Lebenslagen bedeuten und dadurch einen wichtigen Beitrag zur Reduzierung der interkulturellen Konflikte leisten (Krummacher 2007: S. 114; s. a. Tab. 2).

Nach Keim und Neef (2000) bieten hierbei die Familie und Nachbarschaft soziale Ressourcen und Selbsthilfepotenziale für Migranten. Diese sind eine wichtige Hilfestellung und geben sozialen Halt, damit ein weiteres Abrutschen verhindert wird. Krummacher (2007) hat die Potenziale der Migranten aufgelistet, die der Stabilisierung der multiethnischen Stadtteile dienen.

Tabelle 2: Potenziale der Migranten zur Stabilisierung multiethnischer Stadtteile Quelle: Krummacher (2007): S. 114

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

5. Ursachen und Entwicklung der Segregation in deutschen Städten

Die Städte sind laut Spiegel (2000: S. 197) ihre gesamte Geschichte hindurch durch ein hohes Maß an sozialer Ungleichheit gekennzeichnet. Diese resultierte immer aus denselben Gründen. In erster Linie waren für die Ungleichheit die deutlichen Einkommens- und Vermögensunterschiede, die mit einer fortwährenden zunehmenden Arbeitsteilung und beruflichen Spezialisierung einhergehe, verantwortlich. Des Weiteren war ein Nebeneinander unterschiedlicher Religionsgemeinschaften zu registrieren, die in ihrer kulturellen Praxis relativ selbstständige und deutlich andere Gemeinden bildeten. Auch dürfen die großen Wanderungsbewegungen nicht vergessen werden, die in den meisten Zuwanderungsländern zur Herausbildung ethnischer Kolonien und zu sozialer Ungleichheit führten, die in der räumlichen Ungleichheit endete (ebd.).

Nach Friedrichs (2000: S. 179) kann die Segregation anhand von individuellen Merkmalen und strukturellen Bedingungen erklärt werden. Die individuellen Merkmale/Faktoren sind von den Personen bzw. Haushalten in gewissem Maße selbst beeinflussbar, während sie auf die strukturellen Bedingungen/Faktoren keinen Einfluss nehmen können.

Individuelle Merkmale

Präferenzen, Ressourcen und Restriktionen bilden Konzepte, durch die, vereinfacht formuliert, das Handeln von Individuen erklärt werden kann. Zunächst geht es um die Nachbarschaft, denn Personen neigen nach Friedrichs (2000: S. 179) dazu bzw. verfolgen die Präferenz, mit Personen zusammenzuleben, die ihnen ähnlich sind. Dieser Wunsch basiert wahrscheinlich auf der Annahme, so gewissen Konflikten im Hinblick auf unterschiedliche Lebensweisen aus dem Weg gehen zu können (ebd.). Die erste Annahme lautet also, dass Personen und Haushalte gerne mit solchen Nachbarn zusammenleben, die ihnen hinsichtlich mehrerer Merkmale ähnlich sind (ebd.). Nach Meyer (2007: S. 22) spielt in dem Zusammenhang auch die Identitätsbildung eine wichtige Rolle. Er vertritt die Ansicht, dass das soziale Selbst über die entsprechenden Bezugsgruppen ausgebildet wird. „Somit besteht eine Dialektik von Eigenidentifikation und der Identifikation von Anderen[,] die in die Gesellschaft eingebettet sind“ (Assmann 2000 et al.; s. a. Meyer 2007: S. 22). Laut Weichhart (1990: S. 17) ist die Bedeutung des Identifiziert-Werdens nicht zu unterschätzen, indem das betroffene Subjekt: „(…) genötigt ist, die von außen vorgenommenen Kategorisierungen im Verlaufe des Sozialisationsprozesses zumindest zum Teil zu internalisieren“ (Meyer 2007: S. 22). Auf der Grundlage des Prozesses der Identifizierung kann sich durch die Identifizierung mit der Gemeinschaft ein Zusammengehörigkeitsgefühl entwickeln. Eine symbolische Grenze zwischen der Zugehörigkeit und der Ausgrenzung wird gezogen. Diese Grenze hat eine doppelte Funktion inne, zunächst eben als Abgrenzung und als Schutz vor dem „Nichtgleichen“, aber auch als ein „Ort“ des Austausches und der Kooperation mit Anderen. Eine zweite Annahme ist somit gegeben, die Konstruktion von einer kollektiven Identität als Motiv für Segregation (Meyer 2007: S. 24-29). An dieser Stelle richtet sich der Fokus auf die zu Beginn genannten Präferenzen. Ob diese tatsächlich verwirklicht werden können, hängt von den Ressourcen der Personen bzw. Haushalte ab (Friedrichs 2000: S. 179). Ähnliche Präferenzen, wie z.B. in einem ruhigen Wohngebiet nahe der City zu leben, einen Garten und eine große Wohnung mit besonderen Ansprüchen zu besitzen, verfolgen nach Häußermann und Siebel (2004: S. 159) viele Personen und Haushalte, jedoch ist es nicht allen möglich, diese auch in die Tat umzusetzen. Diese Präferenzen sind von den Ressourcen, die als ökonomisches Kapital[1] z.B. Einkommen und als kulturelles Kapital u.a. Bildung sowie soziales z.B. Beziehungen definiert werden, abhängig. (Treibel 2000: S. 215; s. a. Kuhlmann 2012). Sie stellen demnach den Filter dar, der darüber bestimmt, welche Präferenzen realisiert werden können. Als dritte Annahme kann konstatiert werden: Je größer die ökonomischen und kulturellen Ressourcen einer Person bzw. eines Haushalts sind, desto größer sind gleichzeitig auch die Wahlmöglichkeiten im Blick auf den Wohnstandort (Friedrichs 2000: S. 179). Die soziale Ungleichheit wird bestimmt durch die entweder vorhandene oder mangelnde Ausstattung mit ökonomischen und kulturellen Ressourcen. Diese Ressourcen stellen somit auch eine Restriktion dar (ebd.). Vorurteile sind ebenfalls eine weitere wichtige Restriktion, besonders dann, wenn sie mit einem diskriminierenden Verhalten eingehen. In einem solchen Fall können Personen und Haushalte durch das Verhalten von Maklern, Vermietern und Nachbarn daran gehindert werden, in ein bestimmtes Wohngebiet zu ziehen. Daraus resultiert das Problem der Diskriminierung. Dies führt zu dem Konzept der sozialen Distanz zurück. Es wir nach Mitteln und Wegen gesucht, um Personen, mit denen man nicht in Kontakt treten möchte, von sich fernzuhalten (Friedrichs 2000: S. 179). Dem ist zudem hinzuzufügen, dass die Arbeitsmigranten der ersten Generation es bevorzugt haben, geringere Mieten für ihren Wohnstandort auszugeben, denn sie beabsichtigten ursprünglich, nur eine zeitlich begrenzte Zeit in Deutschland zu arbeiten, möglichst viel Geld anzusparen (indem sie auch weniger für die Miete zahlten) und dann wieder in ihr Heimatland zurückzukehren (Häußermann & Siebel 2004: S. 174).

[...]


[1] Hier wurde auf die „drei Kapitalsorten“ nach Bourdieu Bezug genommen (Bourdieu 1992).

Ende der Leseprobe aus 44 Seiten

Details

Titel
Zusammenhang zwischen ethnischer und sozialräumlicher Segregation, städtischer Armut sowie sozialer Ausgrenzung in Großstädten Nordrhein-Westfalens
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Geographisches Institut)
Note
2.0
Autor
Jahr
2015
Seiten
44
Katalognummer
V308317
ISBN (eBook)
9783668070974
ISBN (Buch)
9783668070981
Dateigröße
1803 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Segregation, Armut, Ungleichheit, Ausgrenzung, Kultur der Armut, Raum, Bedeutung Raum, Dortmund, Dortmund- Nordstadt
Arbeit zitieren
Hülya Kocak (Autor), 2015, Zusammenhang zwischen ethnischer und sozialräumlicher Segregation, städtischer Armut sowie sozialer Ausgrenzung in Großstädten Nordrhein-Westfalens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/308317

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