Zum Gesundheits- und Risikoverhalten von Jugendlichen und möglichen Zusammenhängen zwischen verhaltensbezogenen Lebensstilfaktoren und Religiosität/Spiritualität

Eine Querschnittbefragung von Kärntner AHS SchülerInnen


Masterarbeit, 2013

117 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Danksagung

Abkürzungen

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abstract deutsch

Abstract

1 Einleitung
1.1 Hintergrund
1.2 Zielsetzung

2 Theoretischer Teil
2.1 Gesundheitsförderung
2.1.1 Gesundheit
2.1.2 Gesundheitsförderung und Prävention
2.1.3 Salutogenetische Perspektive
2.1.4 Risikofaktoren und Risikoverhalten
2.1.5 Resilienz- bzw. Schutzfaktoren und Gesundheitsverhalten
2.1.6 Gesundheitsdeterminanten
2.1.7 Gesundheitsförderung und Religiosität/Spiritualität
2.2 Religiosität/Spiritualität und Gesundheit
2.2.1 Begriffsdefinition von Religiosität/Spiritualität
2.2.2 Messbarkeit von Religiosität/Spiritualität
2.2.3 Das Konzept der Zentralität
2.2.4 Messung von Religiosität/Spiritualität bei Jugendlichen
2.2.5 Modell zum Einfluss von Religiosität/Spiritualität auf die Gesundheit
2.2.6 Die Heidelberger Prospektive Interventionsstudie
2.3 Gesundheits- und Risikoverhalten von Jugendlichen
2.3.1 Ernährung
2.3.2 Diätverhalten/Verdacht auf Essstörung
2.3.3 Bewegung/körperliche Aktivität
2.3.4 Rauchen
2.3.5 Alkoholkonsum
2.3.6 Körpergewicht/BMI
2.4 Verhaltensbezogenen Lebensstilfaktoren und Zusammenhänge mit Religiosität/Spiritualität
2.4.1 Ernährung
2.4.2 Bewegung/körperliche Fitness
2.4.3 Rauchen
2.4.4 Alkoholkonsum
2.4.5 Körpergewicht

3 Methode
3.1 Fragestellungen
3.2 Stichprobe
3.3 Erhebungsmethode
3.3.1 Ernährungsverhalten
3.3.1 Verdacht auf Essstörungen
3.3.2 Bewegungsverhalten
3.3.3 Rauchverhalten
3.3.4 Alkoholkonsum
3.3.5 Religiosität/Spiritualität (R/S)
3.3.6 Kontrollvariable
3.4 Durchführung der Befragung
3.4.1 Datenschutz
3.4.2 Bias-Kontrolle
3.4.3 Ethische Aspekte
3.5 Statistische Auswertung
3.5.1 Behandlung fehlender und unglaubwürdiger Daten
3.5.2 Scores zum Ernährungsverhalten
3.5.3 Deskriptive Statistik
3.5.4 Regressionsanalyse

4 Ergebnisse
4.1 Stichprobe
4.2 Gesundheits- und Risikoverhalten
4.2.1 Ernährungsverhalten
4.2.2 Verdacht auf eine Essstörung
4.2.3 Bewegungsverhalten
4.2.4 Rauchverhalten
4.2.5 Alkoholkonsum
4.2.6 BMI
4.2.7 Religiosität/Spiritualität
4.3 Deskriptive Darstellung der Scores und Kategorien für die logistische Regression
4.4 Korrelationsanalyse
4.5 Regressionsanalyse

5 Diskussion
5.1 Limitationen
5.1.1 Stichprobe
5.1.2 Erhebungsmethode und Scores zum Ernährungsverhalten
5.2 Prävalenz von Gesundheits- und Risikoverhalten
5.3 Zusammenhang zwischen verhaltensbezogenen Lebensstilfaktoren und Religiosität/Spiritualität
5.4 Ausblick

Literaturverzeichnis

Anhang

Abkürzungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Gesundheitsdeterminanten nach Dahlgren & Whitehead

Abbildung 2: Modell zum Einfluss von Religiosität auf die Gesundheit

Abbildung 3: Die österreichische Ernährungspyramide

Abbildung 4: Perzentile für den BMI

Abbildung 5: Obst- und Gemüsekonsum nach Geschlecht

Abbildung 6: Süßigkeiten- und Limonaden/Eisteekonsum nach Geschlecht

Abbildung 7: Fast Food-Konsum nach Geschlecht

Abbildung 8: Mahlzeitenhäufigkeit nach Geschlecht

Abbildung 9: Verdacht auf Essstörung nach Geschlecht

Abbildung 10: Bewegungshäufigkeit nach Geschlecht

Abbildung 11: Rauchverhalten nach Antwortkategorien und Geschlecht

Abbildung 12: Rauscherfahrung nach Antwortkategorien und Geschlecht

Abbildung 13: Gewichtsklassifikation nach Geschlecht

Abbildung 14: Religiositätsausprägung nach Zentralitätsstufen und Geschlecht

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Kategoriale Funktionsweisen des religiösen Konstruktsystems

Tabelle 2: Operationalisierung des religiösen/spirituellen Verhaltens

Tabelle 3: Reliabilität der Zentralitätsskala und ihrer fünf Subskalen

Tabelle 4: Einfluss der einzelnen Gesundheitsfaktoren auf gesundes Altwerden

Tabelle 5: Zusammenwirken der Gesundheitsfaktoren

Tabelle 6: Fragen zur Religiosität/Spiritualität

Tabelle 7: Stichprobe nach Schulen und Geschlecht

Tabelle 8: Obst und Gemüsekonsum nach Antwortkategorien

Tabelle 9: Süßigkeiten- und Limonaden/Eisteekonsum nach Antwortkategorien

Tabelle 10: Fast Food-Konsum nach Antwortkategorien

Tabelle 11: Mahlzeitenhäufigkeit pro Woche nach Geschlecht

Tabelle 12: Bewegungshäufigkeit nach Antwortkategorien

Tabelle 13: Rauchverhalten-Häufigkeit nach Antwortkategorien

Tabelle 14: Häufigkeit des Rauchverhaltens nach Geschlecht

Tabelle 15: Stärke des Rauchverhaltens nach Geschlecht

Tabelle 16: Alkoholkonsum nach Antwortkategorien

Tabelle 17: Rauscherfahrung nach Antwortkategorien

Tabelle 18: Rauscherfahrung nach Geschlecht

Tabelle 19: BMI Mittelwert und Standardabweichung nach Geschlecht

Tabelle 20: Deskriptive Darstellung der Scores

Tabelle 21: Kategorien und Kodierung der Lebensstilvariablen

Tabelle 22: Korrelationen nach Spearman

Tabelle 23: Korrelationen nach Spearman (Fortsetzung)

Tabelle 24: Binär logistische Regressionsanalyse – Anzahl der Zigaretten pro Tag

Tabelle 25: Binär logistische Regressionsanalyse – Rauscherfahrung

Tabelle 26: Binär logistische Regressionsanalyse – Anzahl der Zigaretten pro Tag*

Tabelle 27: Binär logistische Regressionsanalyse – Rauscherfahrung

Tabelle 28: Häufigkeiten der Lebensmittelauswahl nach Antwortkategorien

Tabelle 29: Gesundheits- und Risikoverhalten nach Kategorien und Geschlecht

Abstract deutsch

Zivilisationserkrankungen werden durch Lebensstilfaktoren beeinflusst. Diese werden im Kindes- und Jugendalter geprägt und oft in das Erwachsenenalter übernommen. Die Prävalenz von Risikofaktoren wie Rauchen, übermäßiger Alkoholkonsum, geringer Verzehr von Obst und Gemüse sowie Bewegungs­mangel ist bei Jugendlichen hoch. Diese Risikofaktoren bedingen einander und sind einerseits von Persönlichkeitsfaktoren, andererseits von Kontextfaktoren beeinflusst. Das Ziel dieser Studie ist, in einer repräsentativen, populationsbezogenen Stichprobe aktuelle Daten zum Gesundheits- und Risikoverhalten von Jugendlichen zu gewinnen und Zusammenhänge zwischen Lebensstilfaktoren und Religiosität/Spiritualität zu evaluieren.

Methode

In einer Querschnittbefragung von sieben randomisierten Schulen (AHS) der 11. Schulstufe in Kärnten wurden 225 Jugendliche (64 % Mädchen, 36 % Jungen; Durchschnittsalter 16,4 Jahre) mittels Online-Fragebogen befragt.

Ergebnisse

Es gibt im Gesundheits- bzw. Risikoverhalten und im Zusammenhang mit Religiosität/Spiritualität signifikante Geschlechtsunterschiede. Religiosität/Spiritu­alität korreliert einerseits signifikant positiv mit der Lebensmittelauswahl und mit der Mahlzeitenhäufigkeit – bei den Jungen auch mit dem Bewegungsverhalten. Andererseits gibt es indirekte Zusammenhänge mit dem Rauchverhalten sowie der Rauscherfahrung. In der Regressionsanalyse blieb Religiosität/Spiritualität als signifikanter Prädiktor für die Stärke des Rauchverhaltens und für die Anzahl an Rauscherfahrungen, bei Kontrolle mit dem Geschlecht, subjektivem Stress-empfinden und den anderen korrelierenden Lebensstilfaktoren.

Schlussfolgerung

Diese Studie weist darauf hin, dass Religiosität/Spiritualität als potenzielle Gesundheitsressource gesehen werden kann. Der Zusammenhang mit anderen Kontextfaktoren muss in weiteren Studien untersucht werden. Dazu wäre das Miterfassen der Religiosität/Spiritualität als zusätzlichen kulturellen Faktor in Jugendumfragen hilfreich. Des Weiteren werden für die Gesundheitsförderung unter Jugendlichen geschlechtsspezifische Programme benötigt.

Abstract

Background

Many chronic diseases are largely influenced by lifestyle factors. Health behavior developed during adolescence often persists into adulthood. The prevalence of certain risk factors such as smoking, alcohol abuse, low fruit and vegetable consumption, and lack of physical activity is high among young people. These lifestyle factors influence one another and are further affected by social and environmental factors. The aim of this study is to acquire up-to-date representative population-based-data sample for the health and risk behavior of adolescents, and to evaluate the relationship between lifestyle factors and religiosity/spirituality.

Method

A cross-sectional survey was carried out across seven randomized high schools (AHS) in the province of Carinthia in Austria, whereby a total of 225 11th-grade pupils (64 % girls, 36 % boys; average age 16.4 years) were interviewed by means of an online questionnaire.

Results

There are significant gender differences in health and risk behavior, and in the relationship with religiosity/spirituality. There is positive correlation between religiosity/spirituality and both food choices and the number of main meals weekly – in the case of boys, there is an additional link with physical activity. There is also an indirect relationship with smoking and experiences of alcohol intoxication. The results of the logistic regression models indicate that religiosity/spirituality is a significant predictor for smoking (how many cigarettes per day are smoked) and for problem drinking, even after controlling for gender, stress perception and other correlated lifestyle factors.

Conclusion

The study suggests that religiosity/spirituality can be seen as an important health resource. Further systematic research on the interrelationship and interactions with other social and environmental factors is needed. It would be helpful if surveys among adolescents included religiosity/spirituality as an additional cultural factor. Furthermore this study indicates that gender-specific health promotion programs for adolescents are needed.

„Krankheit oder Gesundheit sind die Ergebnisse von Wechsel-wirkungen in äußerst komplexen Systemen, in denen es nicht einen, zwei oder drei determinierende Faktoren gibt, sondern in denen alle Faktoren komplex, flexibel und mit unterschiedlichen Vorzeichen in Wechselwirkung treten.“

Grossart Martice(1)

1 Einleitung

1.1 Hintergrund

Es ist bekannt, dass das Risiko des Auftretens von Zivilisationserkrankungen, wie Adipositas, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Lungenerkrankungen und Erkrankungen des Bewegungsapparates, durch individuelle Lebens­stilfaktoren beeinflusst wird. Beispielsweise reduziert regelmäßige Bewegung, gesunde Ernährung, moderater Alkoholkonsum und ein Verzicht auf Rauchen das Mortalitätsrisiko um 50 % und das Risiko für chronische Erkrankungen um fast 80 %(2–4) Bei 33 % der Krebstodesfälle in den USA ist Rauchen die Ursache, daneben spielen übermäßiger Alkoholkonsum, Übergewicht, Bewegungsmangel und falsche Ernährungsgewohnheiten eine Rolle(5–7)

Das Gesundheits- und Risikoverhalten wird bereits in der Kindheit und im Jugendalter geprägt. Es ist durch Studien belegt, dass Gesundheits- und Risikoverhalten, das im Jugendalter angenommen wird, mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit auch im Erwachsenenalter eine Fortsetzung findet(8,9).

Im Bericht des Bundesministeriums für Gesundheit von 2007 „Die Gesundheit der Österreichischen SchülerInnen im Lebenszusammenhang“ (HBSC-Bericht)(10) wird auf den explosionsartigen Anstieg des sogenannten Risikoverhaltens wie Rauchen, Alkohol- und Drogenkonsum unter Jugendlichen hingewiesen. Die Autoren beziehen sich auf die Daten des internationalen WHO-HBSC-Surveys, die seit den 1980er Jahren bei 11-, 13- und 15-jährigen SchülerInnen durchgeführt werden (11,12) . Im aktuellen österreichischen HBSC-Bericht (13) werden auch 17-Jährige erfasst und die Situation weniger drastisch dargestellt. Die Prävalenz von Risikofaktoren wie Rauchen, Alkohol, geringer Konsum von Obst und Gemüse etc. ist dennoch hoch. Ähnliche Ergebnisse werden im aktuellen internationalen WHO-HBSC-Bericht (14) aus anderen europäischen Ländern und Nordamerika berichtet. Ebenso wird in dem im Jahr 2011 erschienenen „Leitfaden schulische Gesundheitsförderung“ dargelegt, dass der Gesundheitsstatus der Schuljugend durchaus problematisch ist, was mit Bewegungsmangel, falscher Ernährung, Rauchen, Alkohol- und Drogenkonsum zusammenhängt (15) .

Diese verhaltensbezogenen Lebensstilfaktoren von Jugendlichen bedingen einander. Beispielsweise hängen Rauchen und Alkoholkonsum einerseits mit der regelmäßigen Ernährung zusammen – je öfter jemand raucht bzw. Alkohol trinkt, umso häufiger nimmt er keine bzw. nur eine Hauptmahlzeit zu sich. Andererseits hängen sie mit Bewegung zusammen – diejenigen, die mehr Sport betreiben, rauchen weniger und trinken weniger Alkohol (10,16) . Auch das Auslassen des Frühstücks geht mit anderen Risikoverhaltensweisen wie Rauchen, Alkoholkonsum und sitzendem Freizeitverhalten einher (14) . Des Weiteren sind diese Verhaltensweisen nicht nur mit dem Selbstbild und der persönlichen Identität verbunden, sondern auch mit einem bestimmten sozialen Milieu (13,14,16) . Stress fördert schädliches Verhalten. Beispielsweise wird im Kinder- und Jugendgesund-heitsbericht Kärnten (16) gezeigt, dass Jugendliche umso seltener rauchen, je höher die Lebensqualität (schulisches und außerschulisches Wohlbefinden) ist.

Für das gesundheitspolitische und -erzieherische Handeln bedeutet dies die Notwendigkeit einer integrierten Gesundheitsförderung (17,18) . Es geht darum, sich nicht nur auf ein Thema bzw. auf einen Risikofaktor zu fokussieren, sondern den ganzen Lebensstil – im Sinne von Lebensweise (19) (Verhalten mit den Lebensbedingungen und den individuellen und kollektiven Ressourcen) – in den Fokus zu rücken und dies bereits bei Kindern und Jugendlichen.

Es gibt mittlerweile zahlreiche Studien, die auf den positiven Einfluss von Religiosität/Spiritualität auf die Gesundheit und das Gesundheitsverhalten hinweisen (20,21) . Koenig gibt in „Spirituality & Health Research“ (22) einen Überblick über die Ergebnisse der Reviews im Bereich Religiosität/Spiritualität und Gesundheit. Es wird ein positiver Zusammenhang berichtet, beispielsweise in Bezug auf mehr Wohlbefinden und Glück, weniger Depression, mehr körperliche Aktivität, weniger Rauchen und einen geringeren Alkoholkonsum, niedrigeren Blutdruck, weniger Herzerkrankungen und höhere Lebenserwartung (geringere Mortalität). Die meisten dieser Studien stammen aus Amerika (Appendix 20,21) . Nur wenige Studien (z.B. 23–30 etc.) zeigen die Beziehungen zwischen Religiosität/Spiritualität und dem Gesundheitsverhalten von jungen Menschen. Beispielsweise untersuchten Wallace und Forman(24) eine randomisierte Stichprobe mit fast fünftausend Studenten und Studentinnen aus 135 Schulen in den USA. Sie fanden heraus, dass Religiosität mit einer besseren Ernährung zusammenhängt. Dies wurde in späteren Studien bestätigt(23,29). Nagel und Sgoutas-Emch(27)berichten bei Jugendlichen einerseits von einem signifikant positiven Zusammenhang zwischen einer höheren spirituellen Erfahrung, häufigerem Gottesdienstbesuch und der Häufigkeit des Betens, mit Bewegung und andererseits von einem signifikant negativen Zusammenhang zwischen regelmäßigem Gottesdienstbesuch und Gebetszeit, mit wöchentlichem Alkoholkonsum. Brown et al.(30)analysierte Querschnittdaten von 22 Umfragen von 1976-1997 bezüglich Risiko- und Schutzfaktoren von Substanzgebrauch unter Jugendlichen, in einer Stichprobe von 188.000 Studenten und Studentinnen. Religiöse Hingabe war signifikant und indirekt mit Rauchen assoziiert und der stärkste und konstanteste Schutzfaktor dagegen. Das entspricht den Ergebnissen von Wallace et al.(24)und Dunn(28).

2009 wurde eine Metaanalyse zum Thema „Religiosity/Spirituality and Mortality“(31)veröffentlicht. Bei der gesunden Bevölkerungsgruppe ergab sich für die religiös engagierteren StudienteilnehmerInnen eine Risikoreduktion bezüglich der Gesamtmortalität von 18 %, hingegen bei bestehenden Erkrankungen von nur 2 %. Daraus kann geschlossen werden, dass der protektive Effekt von Religiosität/Spiritualität vor allem in der Primärprävention zum Tragen kommt, nämlich bevor es zu einer Erkrankung kommt(32).

Die Jugend-Wertestudie von 2008 ergab, dass für 11 % der österreichischen Jugendlichen zwischen 14 und 24 Jahren der Lebensbereich "Religion" sehr wichtig ist. 34 % bezeichnen sich als religiös. Gleichzeitig sagten 69 % der Jugendlichen, dass sie an Gott glauben(33). Der Bericht zur Jugend-Wertestudie von 2011(34)zeigt, dass Religion für 8 % der Jugendlichen sehr wichtig, für 15 % als eher wichtig und für den Rest als wenig oder überhaupt nicht wichtig ist.

1.2 Zielsetzung

Diese Masterthese hat zum Ziel, aktuelle Daten zum Gesundheits- und Risikoverhalten von Jugendlichen zu gewinnen und Zusammenhänge zwischen verhaltensbezogenen Lebensstilfaktoren und Religiosität/Spiritualität zu evaluieren. Der erste Teil schafft dazu die theoretische Basis. Die Erkenntnisse dieser Arbeit sollen einen Beitrag zur schulischen Gesundheitsförderung und Prävention leisten.

2 Theoretischer Teil

Es erfolgt zunächst ein Überblick über ausgewählte wichtige Begriffe der Gesundheitsförderung und Prävention sowie eine zusammenfassende Darstellung, welchen Platz Religiosität/Spiritualität darin hat bzw. haben kann. Anschließend wird die Definition von Religiosität/Spiritualität angesprochen und ihre Messbarkeit ausführlich erläutert. Die Darstellung des theoretischen Erklärungsmodells von Harold Koenig zum Einfluss von Religiosität/Spiritualität auf die Gesundheit soll einen Zugang zur Komplexität der Thematik vermitteln. Dies wird durch eine Studie von Grossarth-Marticek ergänzt. Schließlich folgen die Ergebnisse der Literatursuche zum Thema Gesundheits- und Risikoverhalten von Jugendlichen und dem Zusammenhang zwischen Religiosität/Spiritualität und verhaltensbezogenen Lebensstilfaktoren.

2.1 Gesundheitsförderung

Gesundheitsförderung und Gesundheitsförderungsforschung sind für die Zukunft des Gesundheitssystems ausschlaggebend(35). „Health in All Policies“, also Gesundheitsförderung in allen Politikbereichen, heißt das neue Konzept der Gesundheitsförderung(36). Für die vertiefte Auseinandersetzung mit dem Thema der Gesundheitsförderung gibt es viele Publikationen, beispielsweise(15,35,37,38), und es sei an dieser Stelle auf diese verwiesen.

Die folgenden Aussagen zu den Begriffen der Gesundheitsförderung stammen zum Großteil aus dem Buch der deutschen Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung „Leitbegriffe der Gesundheitsförderung und Prävention“(39). Sie geben einen Einblick in dieses Thema und legen dar, dass Religiosität/Spiritualität darin einen Platz einnimmt.

2.1.1 Gesundheit

Der Gesundheitsbegriff ist nicht einfach und eindeutig zu definieren. Die bekannteste Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aus dem Jahr 1948(40)lautet:

„Gesundheit ist der Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens (engl. ‚well-being‘) und nicht nur des Freiseins von Krankheit und Gebrechen. Sich des bestmöglichen Gesundheitszustandes zu erfreuen, ist eines der Grundrechte jedes Menschen, ohne Unterschied der Rasse, der Religion, der politischen Überzeugung, der wirtschaftlichen oder sozialen Stellung“ (41)

In den späten 1990er Jahren wurden in Abschlussdokumenten zentraler Konferenzen und Versammlungen der WHO die ökologische und eine spirituelle Dimension (in der Bedeutung von „Lebenssinn“) hinzugefügt. Mit dieser, den Gesundheitsbegriff betreffenden, Definition vollzieht die WHO einen Paradigmenwechsel von einer rein biomedizinischen hin zu einer multidimensionalen Sichtweise, die körperliche, seelisch-geistige und soziale Anteile beinhaltet. Sie ist vor allem für die Praxis der Prävention und der Gesundheitsförderung von Bedeutung(41).

In Form des biopsychosozialen Modells hat sich diese Sichtweise mittlerweile auch in der medizinischen Alltagssprache etabliert, wenn sie auch die medizinische Praxis noch nicht durchdrungen hat(42), möglicherweise aufgrund der kaum zu operationalisierenden Mehrdimensionalität(41).

Piko(43)schreibt dazu: „Indeed, the conceptual definition of health has no operational value. The components, however, can already be operationalized, measured, and interpreted”. Das entspricht der Dimensionalität eines biopsychosozialen Verständnisses von Krankheit und Gesundheit, wie es Egger(42)darlegt.

Hurrelmann(44)hat acht interdisziplinäre Maximen von Gesundheit und Krankheit formuliert

1 Gesundheit und Krankheit ergeben sich aus einem Wechselspiel von sozialen und personalen Bedingungen, welche das Gesundheitsverhalten prägt.
2 Die sozialen Bedingungen (Gesundheitsverhältnisse) bilden den Möglichkeitsraum für die Entfaltung der personalen Bedingungen für Gesundheit und Krankheit.
3 Gesundheit ist das Stadium des Gleichgewichts, Krankheit das Stadium des Ungleichgewichts von Risiko- und Schutzfaktoren auf körperlicher, psychischer und sozialer Ebene.
4 Gesundheit und Krankheit als jeweilige Endpunkte von Gleichgewichts- und Ungleichgewichtsstadien haben eine körperliche, eine psychische und eine soziale Dimension.
5 Gesundheit ist das Ergebnis einer gelungenen, Krankheit einer nicht gelungenen Bewältigung von inneren und äußeren Anforderungen.
6 Persönliche Voraussetzung für Gesundheit ist eine körperbewusste, psychisch sensible und umweltorientierte Lebensführung.
7 Die Bestimmung der Ausprägungen und der Stadien von Gesundheit und Krankheit unterliegen einer subjektiven Bewertung.
8 Fremd- und Selbsteinschätzungen von Gesundheits- und Krankheitsstadien können sich auf allen drei Dimensionen – der körperlichen, der psychischen und der sozialen – voneinander unterscheiden.

Als konsensfähige Definition von Gesundheit schlägt Hurrelmann(41,44)vor:

„Gesundheit ist das Stadium des Gleichgewichts von Risikofaktoren und Schutzfaktoren, das eintritt, wenn einem Menschen eine Bewältigung sowohl der inneren (körperlichen und psychischen) als auch äußeren (sozialen und materiellen) Anforderungen gelingt. Gesundheit ist gegeben, wenn eine Person sich psychisch und sozial im Einklang mit den Möglichkeiten und Zielvorstellungen und den jeweils gegebenen äußeren Lebensbedingungen befindet. Sie ist ein Stadium, das einem Menschen Wohlbefinden und Lebensfreude vermittelt“.

Als wichtige Elemente einer solchen Lebensführung werden in der Literatur positive Einstellungen zu den alltäglichen Herausforderungen, die Annahme des eigenen Körpers und der psychischen Grundausstattung, optimistische Erwartungen an die soziale Umwelt und insgesamt die Vorstellung von der Beeinflussbarkeit der eigenen Lebensführung erwähnt. In den Lern- und Entwicklungstheorien wird dies als „Selbstwirksamkeit“(45), in der salutogenetischen Theorie als „Kohärenzgefühl“(46)und in der Sozialisationstheorie als „produktive Realitätsverarbeitung“(44)bezeichnet(41).

2.1.2 Gesundheitsförderung und Prävention

Die „Ottawa Charter for Health Promotion“(47)wird noch heute als das wesentliche Referenzdokument für moderne Gesundheitsförderung angesehen. Ihre Aussagen wurden im Laufe der Zeit durch neue wissenschaftliche Erkenntnisse untermauert(48). Gesundheitsförderung zielt demnach „auf einen Prozess [ab], allen Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung über ihre Gesundheit zu ermöglichen und sie damit zur Stärkung ihrer Gesundheit zu befähigen. Um ein umfassendes körperliches, seelisches und soziales Wohlbefinden zu erlangen, ist es notwendig, dass sowohl einzelne als auch Gruppen ihre Bedürfnisse befriedigen, ihre Wünsche und Hoffnungen wahrnehmen und verwirklichen sowie ihre Umwelt meistern bzw. verändern können. In diesem Sinne ist die Gesundheit als ein wesentlicher Bestandteil des alltäglichen Lebens zu verstehen und nicht als vorrangiges Lebensziel. Gesundheit steht für ein positives Konzept, das in gleicher Weise die Bedeutung sozialer und individueller Ressourcen für die Gesundheit betont wie die körperlichen Fähigkeiten. Die Verantwortung für Gesundheitsförderung liegt deshalb nicht nur bei dem Gesundheitssektor sondern bei allen Politikbereichen und zielt über die Entwicklung gesünderer Lebensweisen hinaus auf die Förderung von umfassendem Wohlbefinden hin“ (47).

Hurrelmann et al.(38)bezeichnen als Gesundheitsförderung „ alle Eingriffshandlungen, die der Stärkung von individuellen Fähigkeiten der Lebensbewältigung dienen“.

Prävention wird nach den gängigen wissenschaftlichen Definitionen als Krankheitsverhütung verstanden, oder, nach Hurrelmann et al.(38), als „ alle Eingriffshandlungen, die dem Vermeiden des Eintretens oder des Ausbreitens einer Krankheit dienen“.

Es lassen sich drei Ebenen der Prävention unterscheiden. Erstens die primäre Prävention, die auf generelle Vermeidung auslösender oder vorhandener Teilursachen (Risikofaktoren) bestimmter Erkrankungen bzw. Gesundheitsstörungen abzielt. Zweitens die sekundäre Prävention, wo es um die Entdeckung eines eindeutigen (auch symptomlosen) Frühstadiums einer Krankheit und deren erfolgreiche Frühtherapie geht. Drittens die tertiäre Prävention, die die wirksame Behandlung einer symptomatisch gewordenen Erkrankung mit dem Ziel, ihre Verschlimmerung zu verhindern, umfasst(49).

Sowohl die krankheitsorientierte Herangehensweise der Prävention als auch der salutogene Ansatz der Gesundheitsförderung zielen letztlich auf die Gesundheit der Bevölkerung ab und sollten als einander ergänzend betrachtet werden(49).

2.1.3 Salutogenetische Perspektive

Der Begriff Salutogenese wurde von Aaron Antonovsky(46), einem amerikanisch-israelischen Medizinsoziologen, als Gegenbegriff zu dem der Pathogenese geprägt. Er beinhaltet vor allem die Erforschung der Prozesse, welche die Gesundheit erhalten und fördern. Während die Pathogenese darauf abzielt, zu erkennen, warum und woran Menschen krank werden, geht es bei der Salutogenese darum, was Menschen gesund erhält. Ihre Grundfrage lautet, warum Menschen trotz oftmals zahlreicher alltäglicher Belastungen und krankheitserregender Risikokonstellationen sowie kritischer Lebensereignisse gesund bleiben(50).

Je mehr generalisierte Widerstandsressourcen einer Person zur Verfügung stehen, desto stabiler bildet sich eine Überzeugung heraus, die Antonovsky als Kohärenzgefühl bezeichnet hat(46): eine Grundüberzeugung, dass das Leben sinnvoll ist und dass es gemeistert werden kann, auch wenn es manchmal schwierig ist. Das Kohärenzgefühl setzt sich aus drei Teilkomponenten zusammen: dem Gefühl der Verstehbarkeit der eigenen Person und der Umwelt, dem Gefühl der Handhabbarkeit und Bewältigbarkeit und dem Gefühl der Bedeutsamkeit und Sinnhaftigkeit. Menschen mit einem stark ausgeprägten Kohärenzgefühl fühlen sich den Anforderungen gewachsen, erleben sich nicht als ausgeliefert oder fremdbestimmt und sind bereit, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen. Sie erleben Stressoren als weniger angstauslösend und können sie häufig sogar als Herausforderung bewerten(44,50).

Antonovskys Annahme, dass das Kohärenzgefühl mit einem positiven Gesundheitszustand korreliert, konnte inzwischen in zahlreichen Studien insbesondere für die psychische und psychosomatische Gesundheit bestätigt werden. Dass es jedoch ursächlich der entscheidende Parameter für die Platzierung auf dem Gesundheits-Krankheits-Kontinuum ist, kann nach aktuellem Erkenntnisstand nicht als eindeutig belegt gelten(50).

2.1.4 Risikofaktoren und Risikoverhalten

Ein Risikofaktor gibt Auskunft über eine potenzielle, sich direkt oder indirekt und in der Regel erst mit zeitlicher Verzögerung manifestierende Gefährdung einerseits der Gesundheit, andererseits der Entwicklung oder der sozialen und kulturellen Integration. Risikofaktoren werden definiert als erhöhte Wahrscheinlichkeit, unter anderem eine bestimmte Krankheit zu erwerben, einen bestimmten Gesundheitsschaden vorzeitig zu erleiden, Lebensqualität zu verlieren oder vorzeitig zu versterben(51).

Risikofaktoren sind nicht gleichzusetzen mit Ursachen oder Kausalitäten. Die Wirkung von Risikofaktoren wird als Gruppenrisiko bestimmt. Damit ist sie für die einzelnen Menschen in der Regel nicht kausal oder zwangsläufig. Selbst für medizinische Risikofaktoren erster Ordnung wie die Hypertonie, die Hypercholesterinämie oder das Zigarettenrauchen ist der positive Vorhersagewert für den Einzelfall nicht überzeugend. Risikoaussagen müssen daher nicht für jeden Einzelfall zutreffen. Eine Häufung und das Zusammenwirken von mehreren Risikofaktoren erhöhen jedoch auch bei einzelnen Personen die Wahr­scheinlichkeit von Erkrankung erheblich, in Richtung einer „ Fast-Kausalität “(51). Allgemein kann unterschieden werden zwischen (A) Risikofaktoren, die verhaltens-, lebensweise- und persönlichkeitsgebunden sind, und (B) Risikofaktoren, die sozialstrukturell oder ökologisch bedingt sind, und (C) unabänderlichen Risikofaktoren, d. h. einer Intervention nicht zugängliche Risikofaktoren wie Alter, Geschlecht, familiäre Vorbelastungen sowie genetische oder organische Dispositionen(51).

Die wichtigsten epidemiologisch nachgewiesenen Risikofaktoren für Herzkreislauf-und Krebserkrankungen, die mit persönlicher Lebensweise zusammenhängen, sind gewohnheitsmäßiges Rauchen und Passivrauchen, übermäßiger Alkoholkonsum und chronischer Alkoholmissbrauch, Fehlernährung (vor allem hyperkalorische, kohlenhydrat- bzw. ballaststoffarme Ernährung, hoher Konsum gesättigter Fette und unzureichende Aufnahme von Obst und Gemüse) sowie Übergewicht und Adipositas, Bewegungsmangel und körperliche Inaktivität, chronische Stressbelastung und Stressüberlastung etc.(51).

Risikoverhalten umfasst demnach alle Verhaltensweisen oder Gewohnheiten, die, wissenschaftlich belegt, die Wahrscheinlichkeit erhöhen, eine spezifische Krankheit zu entwickeln(52).

2.1.5 Resilienz- bzw. Schutzfaktoren und Gesundheitsverhalten

Die Begriffe Schutzfaktoren, Protektivfaktoren, Ressourcen und Resilienzfaktoren werden häufig synonym verwendet. Der Schwerpunkt der Resilienz- und Schutzfaktorenforschung ist die Salutogenese. Im Mittelpunkt stehen schützende Faktoren, die sich stärkend auf die psychische und physische Gesundheit auswirken. Obwohl grundsätzlich angenommen wird, dass Schutzfaktoren die belastende Wirkung von Risikofaktoren verringern, also eine sogenannte moderierende Wirkung haben, scheinen einige Schutzfaktoren direkt, d. h. unabhängig vom Vorliegen eines Risikos, wirksam zu werden(53).

Als personale Schutzfaktoren werden individuelle Lebenskompetenzen, Persönlichkeitsmerkmale und spezifische Bewältigungsstrategien wie beispielsweise die positive Lebenseinstellung und Religiosität bezeichnet. Außerdem fallen körperliche Schutzfaktoren (ein stabiles, widerstandsfähiges Immunsystem und körperliche Gesundheit) in diesem Bereich. Auf psychosozialer Ebene ist die schützende Wirkung einer hohen Selbstwirksamkeitserwartung und einer geringen Depressivität empirisch belegt. Außerdem gilt soziale Unterstützung als Schutzfaktor, die verschiedene Formen annehmen kann, wie Partnerschaft, Sozialbeziehungen am Arbeitsplatz oder ein Netz sozialer Bindungen im privaten Bereich. Für Kinder und Jugendliche sind des Weiteren verschiedene Faktoren der familiären Umwelt als Schutzfaktoren belegt(53).

Schutzfaktoren sind langfristig wirksame Gesundheitsressourcen. Eine konti­nuierliche Förderung protektiver Ressourcen in Lebenskontexten (Familie, Schule, Gemeinde etc.) sowie ein aktives Eintreten gegen gefährdende soziale und gesundheitliche Ungleichheiten zählen zum Kern der Gesundheitsförderung(53).

Das Gesundheitsverhalten umfasst demzufolge Verhaltensweisen, die nach wissenschaftlichen Erkenntnissen die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass Krankheiten vermieden werden bzw. die Gesundheit erhalten wird(52).

Schmid zitiert in seinem Beitrag im Lehrbuch Schulische Gesundheitsförderung(54)Lippke & Renneberg:

„Gesundheitsverhalten ist jegliches Verhalten, das die Gesundheit fördert und langfristig erhält, Schäden und Einschränkungen fernhält und die Lebenserwartung verlängert. Gesundheitsverhalten kann auch die Unterlassung eines Risikoverhaltens sein, also wenn Verhaltensweisen, die die Gesundheit gefährden, aufgegeben oder reduziert werden“.

Der Begriff wird damit als Gegenbegriff zum Risikoverhalten verwendet.

2.1.6 Gesundheitsdeterminanten

Die Determinanten der Gesundheit sind jene bestimmenden Faktoren, die unsere Gesundheit wesentlich beeinflussen. Einen guten Überblick über die Gesundheitsdeterminanten bietet die ursprünglich von Dahlgren und Whitehead entwickelte Grafik (siehe Abb. 1 Seite).

Die Determinanten der Gesundheit können in fünf übergeordnete Bereiche systematisiert werden, die in einer wechselseitigen Beziehung stehen und sowohl einen direkten als auch einen indirekten – über die nächste Schicht vermittelten – Einfluss auf die Gesundheit besitzen. Gesundheit wird infolgedessen als Ergebnis eines Netzes verschiedener Einflüsse gesehen.

Zunächst wird Gesundheit von unabänderlichen Faktoren wie Alter, Geschlecht und Erbanlagen beeinflusst. Die Faktoren individueller Lebensweisen beziehen sich auf Gesundheits- und Risikoverhalten (z. B. Ernährung, Tabak- und Alkoholkonsum oder Gewalt). Eine gute soziale Integration in unterschiedliche soziale Netzwerke (Freundeskreis, Familie, Gemeinschaften) unterstützt die Erhaltung und Wiederherstellung von Gesundheit. Beeinflusst werden diese sozialen Netzwerke durch die individuellen Lebens- und Arbeitsbedingungen, wie etwa die Belastung am Arbeitsplatz, Bildung ebenso wie die Wohnsituation und das Gesundheitssystem. Die allgemeinen sozioökonomischen, kulturellen und umweltbezogenen Bedingungen bilden als Makrofaktoren die komplexesten Determinanten der Gesundheit(55).

Abbildung: Gesundheitsdeterminanten nach Dahlgren & Whitehead

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Gesundheitsdeterminanten, Farbe gezeichnet — Fonds Gesundes Österreich [Internet]. [zitiert 25. Juli 2012]. Verfügbar unter: http://www.fgoe.org/presse-publikationen/down­loads/­fotos-­­grafiken/ernaehrungspyramide-infografiken/gesundheitsdeterminanten-farbe-gezeichnet

2.1.7 Gesundheitsförderung und Religiosität/Spiritualität

Religiosität/Spiritualität kommt in diesen Darstellungen der Begrifflichkeiten zur Gesundheitsförderung explizit nur selten vor. Beispielsweise ist in der erweiterten WHO-Definition von Gesundheit die spirituelle Dimension in der Bedeutung von „Lebenssinn“ neben körperlichem, geistigem und sozialem Wohlbefinden enthalten(41). Außerdem wird, wie bereits unter2.1.1ausgeführt, gesagt, dass sich das Gesundheitsverhalten aus einem Wechselspiel von sozialen und personalen Bedingungen ergibt(44). Wie unter2.1.4beschrieben, gehören zu den personalen Schutzfaktoren unter anderem spezifische Bewältigungsstrategien, wie eine positive Lebenseinstellung und Religiosität(53).

Gesundheitsförderung betont die individuellen Ressourcen für die Gesundheit(38). Gemäß der salutogenetischen Perspektive sind es die generalisierten Widerstandsressourcen, die zu der Überzeugung führen, dass das Leben sinnvoll ist(46). Religiosität/Spiritualität kann als individuelle Widerstandsressource eine Rolle in der Gesundheitsförderung spielen, wenn sie nach Bedürfnis und nicht nach Pflicht, Routine oder Zwang gelebt wird(1,21).

Das Verhalten kann nicht isoliert vom unmittelbaren Lebenskontext bzw. der Lebenswelt betrachtet werden. Die Lebensbedingungen und die individuellen und sozialen Ressourcen spielen dabei eine Rolle(19). Religiosität/Spiritualität gehört, wie andere kulturelle Faktoren, zur Lebenswelt und kann nicht nur als individuelle, sondern auch als soziale Ressource positiven Einfluss auf das Verhalten nehmen.

2009 wurde von zwei renommierten Instituten eine Metaanalyse zum Thema „Religiosity/Spirituality and Mortality“(31)veröffentlicht. Hefti(32)schreibt dazu, dass bei der gesunden Bevölkerungsgruppe sich für die religiös engagierteren Studienteilnehmer eine Risikoreduktion bezüglich der Gesamtmortalität von 18 %, hingegen bei bestehenden Erkrankungen von nur 2 % ergab. Daraus kann geschlossen werden, dass der protektive Effekt von Religiosität/Spiritualität vor allem in der Primärprävention zum Tragen kommt, bevor es zu einer Erkrankung kommt.

Dies sind Gründe, Religiosität/Spiritualität in der Gesundheitsförderung und Gesundheitsförderungsforschung einzubeziehen.

2.2 Religiosität/Spiritualität und Gesundheit

In den letzten zehn Jahren hat die Forschung im Bereich Religiosität/Spiritualität und Gesundheit stark zugenommen. Es gibt mittlerweile viele Studien, die einen positiven Zusammenhang belegen. Jedoch existieren auch Studien, die von keinem Zusammenhang oder gemischten Ergebnissen berichten(21,22).

Ein Kritiker der Forschung im Bereich Religiosität/Spiritualität und Gesundheit, Sloan, weist auf zum Teil große Mängel mancher Studien zu diesem Thema hin, welche die Bewertung der salutogenen Wirkung von Religiosität/Spiritualität erschweren(56,57). Koenig(22)hingegen schreibt, dass Forscher im Bereich Religiosität/Spiritualität und Gesundheit, vor allem aber der Kritiker Sloan und seine Kollegen und Kolleginnen, bei der Interpretation von Studien häufig erklärende Variablen mit Confounder verwechseln bzw. gleichsetzen, d. h. die Ergebnisse werden mit diesen Variablen kontrolliert. Wenn jedoch erklärende Variablen genauso wie Confounder als Kontrollvariablen, anstatt zur Erklärung der Effekte herangezogen werden, schwächt dies den Zusammenhang der Religiosität/Spiritualität mit Gesundheit ab oder der eigentlich vorhandene Effekt geht komplett verloren. Erklärende Variablen helfen, den Effekt des Prädiktors auf die Zielvariable zu erklären. Es kann sich dabei um Mediatoren handeln. Mediatoren können in der Forschung von Religiosität/Spiritualität und Gesundheit beispielsweise Tugenden, Gesundheitsverhalten, positive oder negative Gefühle, mentale Störungen, Substanzmissbrauch oder sozialer Anschluss sein. Wenn nun ein Prädiktor durch einen Mediator auf die Zielvariable wirkt, wird dies als indirekter Effekt bezeichnet, im Unterschied zum direkten Effekt des Prädiktors auf die Zielvariable(22).

Der Einfluss der Religiosität/Spiritualität auf die Gesundheit ist ebenso komplex, wie der Einfluss anderer Gesundheitsdeterminanten. Auch dies-bezüglich gibt es direkte und indirekte Effekte. Das Modell von Koenig(21)bezüglich Einfluss der Religiosität/Spiritualität auf die körperliche Gesundheit und erhöhte Lebenserwartung bildet etwas von dieser Komplexität ab. Ergänzend dazu werden die Ergebnisse der Heidelberger prospektiven Interventionsstudie vorgestellt. Zuvor wird noch auf die Diskussion zur Begriffsdefinition hingewiesen und auf die Messbarkeit von Religiosität/Spiritualität eingegangen.

2.2.1 Begriffsdefinition von Religiosität/Spiritualität

Es findet sowohl in den USA als auch im europäischen Raum eine Diskussion um die Definition von Religiosität und Spiritualität statt. Die Frage, die dabei gestellt wird, ist, welcher der beiden Begriffe als übergeordnet gilt(58).

Religiosität/Spiritualität ist ein multidimensionales Konstrukt mit einer Vielzahl von Bedeutungen. Ursprünglich war im Begriff der Religion/Relig ngesehen wird, erscheint eine klare Trennung sowohl im angloamerikanischen als auch im deutschen Sprachraum schwierig, da sich beide Bereiche inhaltlich überlappen. “ Koenig(22)ist der Meinung, dass es keinen Goldstandard in der Definition von Religiosität und Spiritualität gibt, sondern, dass jeder seine eigene Definition hat, was in der klinischen Praxis kein Problem darstellt, sehr wohl aber in der Forschung. Hier brauche es klare Definitionen, da hier diese Begriffe operationalisiert werden müssen, um sie quantitativ zu erfassen. Er äußert die Ansicht, dass Spiritualität in Studien schwer gemessen werden kann. Viele Fragebögen, die Spiritualität eruieren, sind stark durch die positiven Auswirkungen von mentaler Gesundheit und gutem sozialem Verhalten beeinflusst. Dadurch werden in Studien oft rein säkulare Probanden und Probandinnen unter ‚spirituell‘ miterfasst. Es wird weniger die Religiosität/Spiritualität erhoben, sondern die gute mentale und soziale Gesundheit.

Wie bei Koenig(20–22)werden auch in dieser Arbeit die zwei Begriffe Religiosität/Spiritualität synonym verwendet, da hier sowohl die institutionelle als auch die individuelle Seite gemeint ist. Ein transzendenter Bezug ist inbegriffen.

2.2.2 Messbarkeit von Religiosität/Spiritualität

Mit der Begriffsdefinition von Religiosität/Spiritualität hängt das Messinstrument, mit dem die Ausprägungen erfasst werden, zusammen.

In der Forschung wurden bzw. werden oft nur wenige Ausprägungen der Religiosität/Spiritualität erfasst. Beispielsweise wird nach der Häufigkeit des Gebetes oder des Gottesdienstbesuches gefragt. Diese greifen jedoch zu kurz, um das multidimensionale Konstrukt der Religiosität/Spiritualität zu erfassen.

Unterrainer et al.(59)legt dar, dass aufgrund der Aktualität der Thematik bezüglich Messbarkeit von Religiosität/Spiritualität einerseits etablierte Verfahren in die deutsche Sprache übersetzt bzw. weiterentwickelt, andererseits neue Verfahren kreiert wurden. Einen Überblick über deutschsprachige Fragebogenskalen geben Zwingmann, Klein und Höfling(60)sowie Büssing(61), über englischsprachige Skalen ist bei Koenig nachzulesen(22).

In der Folge wird ausführlich auf das Messinstrument, das im Methodenteil (Kapitel3.3.5) zur Anwendung kommt, den Religiositäts-Struktur-Test (R-S-T) von Huber(62–65), eingegangen.

2.2.3 Das Konzept der Zentralität

Der R-S-T ist ein multidimensionaler, erprobter Fragebogen und gilt derzeit im deutschsprachigen Raum als das verbreitetste Instrument zur Messung von Religiosität/Spiritualität(60). Dieses Frageinstrument war zunächst auf das Christentum beschränkt(64), mittlerweile gilt es für die Anwendung in Kulturen, die von den drei monotheistischen Weltreligionen geprägt sind, als geeignet(60,62). Von diesem Basisfragebogen gibt es drei Versionen (mit 15, 10 bzw. 5 Items). Interreligiös sind die Zentralitätsskalen in ihrer erweiterten Form, die im Rahmen der weltweiten Religionsmonitor-Studie der Bertelsmann-Stiftung zur Anwendung kommen(60,66).

Laut Huber(64)kann dieses Instrument durch das Erfassen von fünf Dimensionen für eine differenzielle Messung der multidimensionalen Struktur der Religiosität genutzt werden.

Die theoretische Grundlage des R-S-T ist der Begriff des religiösen Konstruktsystems, welches in der Zentralitätsskala abgebildet wird. Es werden folgende Annahmen zugrunde gelegt(64):

(A) Die fünf Dimensionen der Religiosität bilden einen repräsentativen Querschnitt aller spezifisch religiösen Aktivierungsmöglichkeiten des religiösen Konstruktsystems ab.
(B) Je öfter das religiöse Konstruktsystem aktiviert wird, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass es eine zentrale Stellung in der Persönlichkeit eines Menschen einnimmt.
(C) Mit der Zentralität des religiösen Konstruktsystems nimmt die Wahrscheinlichkeit zu, dass dieses Konstruktsystem in der Konfiguration aller Konstruktsysteme einer Persönlichkeit funktionell autonom ist.
(D) Mit der Wahrscheinlichkeit einer autonomen Funktionsweise des religiösen Konstruktsystems geht die Wahrscheinlichkeit einer intrinsischen religiösen Motivation einher.

Tabelle 2 auf Seitebeschreibt die Operationalisierung der fünf Dimensionen, die im R-S-T erfragt werden. In der Zentralitätsskala (R/S-Z-Score = Gesamtscore) sind alle Dimensionen gleichgewichtig vertreten(63). Bei einer niedrigen Ausprägung aller fünf Dimensionen ist kein oder nur ein marginales religiöses Konstruktsystem vorhanden, was auf der Zentralitätsskala als sehr niedriger Wert abgebildet wird.

Für die deskriptive Darstellung gibt es drei Zentralitätsstufen (hoch-religiös, [mittel] religiös und schwach-religiös) mit entsprechenden Funktionsweisen. Diesen sind jeweils Wertebereiche der Zentralitätsskala zugeordnet (siehe Tab. 1 auf Seite 18). Damit können die drei Idealtypen wie folgend empirisch differenziert werden(63).

Bei einer autonomen Funktionsweise befindet sich das religiöse Konstruktsystem in einer zentralen Position. Aus dieser Position vermögen religiöse Inhalte in die Tiefe der Persönlichkeit zu wirken, zahlreiche Lebensbereiche zu durchdringen und einen autonomen, konsistenten und kontinuierlichen Einfluss auf das allgemeine Erleben und Verhalten auszuüben.

Bei einer heteronomen Funktionsweise liegt eine nur untergeordnete Position des religiösen Konstruktsystems vor. In dieser Position ist sowohl die Intensität als auch die Breite seines Einflussbereichs beschränkt. Religiöse Inhalte kommen im Lebenshorizont zwar vor, aufgrund der untergeordneten Position des religiösen Systems sind von ihnen jedoch keine deutlichen erlebens- und verhaltensbestimmenden Effekte zu erwarten. Religion hat eher den Charakter einer Hintergrundmusik. Diese Gruppe kann auch als „religiös“ klassifiziert werden.

Bei einer marginalen Funktionsweise sind kaum religiöse Konstrukte vorhanden. Dies führt dazu, dass in allen Konstrukt- bzw. Lebensbereichen der Einfluss religiöser Vorstellungen gegen Null tendiert(63,64).

Tabelle: Kategoriale Funktionsweisen des religiösen Konstruktsystems

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung nach Huber S. Zentralität und multidimensionale Struktur der Religiosität: Eine Synthese der theoretischen Ansätze von Allport und Glock zur Messung der Religiosität. In: Zwingmann C, Moosbrugger H, Herausgeber. Religiosität: Messverfahren und Studien zu Gesundheit und Lebensbewältigung : neue Beiträge zur Religionspsychologie. Münster: Waxmann; 2004.

Tabelle: Operationalisierung des religiösen/spirituellen Verhaltens

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dimensionen

Beschreibung

Kognitives Interesse

Die intellektuelle Dimension wurde völlig inhaltsfrei durch zwei Fragen nach Häufigkeit und Intensität des kognitiven Interesses an religiösen Fragen operationalisiert. In differenzieller Perspektive bietet die Ausprägung dieser Dimension wichtige Zusatzinformationen über die individuelle Ansprechbarkeit für religiöse Fragen.

Religiöse Ideologie

In der Dimension der religiösen Ideologie wird nur nach der Plausibilität der Existenz einer transzendenten Realitätsebene gefragt. Dadurch bleibt eine maximale Offenheit für unterschiedliche inhaltliche Ausgestaltungen dieser transzendenten Realitätsebene gewahrt. In differenzieller Perspektive bietet die Ausprägung dieser Dimension wichtige Zusatzinformationen über die prinzipielle Zugänglichkeit von transzendenzbezogenen Welt- und Selbstdeutungen.

Gebet

In der Dimension des Gebets wird erfasst, wie oft und wie intensiv in aktiver Weise ein Bezug zu einer transzendenten Ebene der Realität hergestellt wird. In differenzieller Perspektive bietet die Ausprägung dieser Dimension wichtige Zusatzinformationen über die tatsächliche Aktivierung transzendenzbezogener Selbst- und Weltdeutungen. Das Gebet zeigt gewissermaßen, wie intensiv das in der religiösen Ideologie vorhandene Potenzial tatsächlich ausgeschöpft wird.

Religiöse Erfahrung

In der Dimension der religiösen Erfahrung wird gefragt, wie oft eine transzendente Realitätsebene als eine aktiv handelnde Instanz wahrgenommen wird, die in der Welt erfahrbar ist. In differenzieller Perspektive bietet die Ausprägung dieser Dimension wichtige Zusatzinformationen über die individuelle Bestätigung transzendenzbezogener Selbst- und Weltdeutungen. Je mehr derartige Erfahrungen konstruiert werden, desto stabiler dürften sie sein.

Gottesdienst

Die Dimension des Gottesdienstes wird durch zwei Fragen nach Häufigkeit und Intensität der Gottesdienstteilnahme operationalisiert. In differenzieller Perspektive bietet die Ausprägung dieser Dimension wichtige Zusatzinformationen über die soziale Verankerung der persönlichen Religiosität. Bei dieser Dimension kann auch von „Kirchlichkeit“ gesprochen werden – und zwar in dem Sinn, dass mit der Ausprägung dieser Dimension auch die Bindung an die Kirche zunimmt. Demgegenüber ist dies bei den vier vorausgegangenen Dimensionen nicht notwendigerweise der Fall.

Quelle: Eigene Darstellung nach Huber S. Zentralität und multidimensionale Struktur der Religiosität: Eine Synthese der theoretischen Ansätze von Allport und Glock zur Messung der Religiosität. In: Zwingmann C, Moosbrugger H, Herausgeber. Religiosität: Messverfahren und Studien zu Gesundheit und Lebensbewältigung : neue Beiträge zur Religionspsychologie. Münster: Waxmann; 2004.

Wie Tabelle 3untenzeigt, sind die in den acht Studien ermittelten Reliabilitäten der Zentralitätsskala sehr gut. Cronbachs-Alpha schwankt zwischen .89 und .94. Es sind auch, bis auf wenige Ausnahmen, die Reliabilitäten der fünf Subskalen gut bis sehr gut(64).

Tabelle: Reliabilität der Zentralitätsskala und ihrer fünf Subskalen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

a Reliabilitäten aus acht verschiedenen Stichproben

Quelle: Eigene Darstellung nach Huber S. Zentralität und multidimensionale Struktur der Religiosität: Eine Synthese der theoretischen Ansätze von Allport und Glock zur Messung der Religiosität. In: Zwingmann C, Moosbrugger H, Herausgeber. Religiosität: Messverfahren und Studien zu Gesundheit und Lebensbewältigung : neue Beiträge zur Religionspsychologie. Münster: Waxmann; 2004.

2.2.4 Messung von Religiosität/Spiritualität bei Jugendlichen

Cotton et al.(67)weisen darauf hin, dass für die Messung der Religiosität/Spiritualität bei Kindern und Jugendlichen besondere Kriterien Berücksichtigung finden müssen. In der Lebensphase der Befragten erfolgt neben der körperlichen eine Entwicklung der sozialen, kognitiven und emotionalen Fähigkeiten, die auf die Ausdrucksformen und Ausprägungen von Religiosität/Spiritualität Einfluss nimmt. Das heißt, es ist ein Unterschied, ob 11-, 14- oder 18-Jährige befragt werden.

Laut dem „6. Bericht zur Lage der Jugend in Österreich“(68)unterscheiden sich drei Phasen in der Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen: die ,frühe Adoleszenz‘ zwischen 10 und 13 Jahren, die ‚mittlere Adoleszenz‘ zwischen 14 und 17 Jahren und die ,späte Adoleszenz‘ zwischen 18 und 21 Jahren.

Der R-S-T ist für den Einsatz unter Jugendlichen erprobt und geeignet(69).

2.2.5 Modell zum Einfluss von Religiosität/Spiritualität auf die Gesundheit

Koenig hat, auf Basis seiner langjährigen Forschung auf dem Gebiet von Religiosität/Spiritualität und Gesundheit, ein theoretisches Modell entwickelt (siehe Abb. 2unten), um den Einfluss von Religiosität/Spiritualität zu illustrieren. Nachfolgend wird dieses Modell erklärt und dazu frei aus Koenig(20,21)übersetzt.

Religiosität/Spiritualität fungiert in diesem Modell als Ausgangspunkt für eine bessere körperliche Gesundheit und hohe Lebenserwartung. Sie führt zu den Glaubenstugenden Glaube, Hoffnung und Liebe. Außerdem ergeben sich daraus die praktischen Ausprägungen des Glaubens, einerseits die privaten und gemeinschaftlichen bzw. öffentliche religiösen Praktiken und andererseits die religiösen Erfahrungen und das ‚religiöse Coping‘. Persönliche religiöse Praktiken beinhalten Gebet, Meditation, Lesen der Schriften (z. B. der Bibel) sowie religiöse Radio- oder Fernsehsendungen hören bzw. sehen. Zu den öffentlichen Praktiken zählen der Besuch von Gemeinschaftsveranstaltungen, wie beispielsweise Gebetstreffen oder Gottesdienst.

Abbildung: Modell zum Einfluss von Religiosität auf die Gesundheit

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Koenig HG, King DE, Carson VB. Handbook of religion and health. Oxford; New York: Oxford University Press; 2011. Seite 587.

Der Einfluss von Religiosität/Spiritualität auf körperliche Gesundheit und hohe Lebenserwartung kann auf drei Pfaden erfolgen:

1 Der psychologische Pfad

Religiosität/Spiritualität begünstigt Charakterzüge wie Vergebung, Ehrlichkeit, Selbstdisziplin, Selbstlosigkeit, Dankbarkeit etc. Diese führen zu vorwiegend positiven Gefühlen. Genannt werden können diesbezüglich Wohlbefinden, Freude, Optimismus und Selbstwert etc. Diese wirken sich positiv auf emotionalen Stress und den Umgang mit Lebenskrisen aus und beeinflussen somit soziale Aktivitäten und Beziehungen auf eine positive Weise. In diesem Fall wirkt Religiosität über einen Mediator der Charakterzüge auf die Gesundheit.

Neben diesem indirekten Pfad kann Religiosität/Spiritualität auch direkt auf positive Gefühle und soziale Aktivitäten und Beziehungen wirken. So beeinflusst Religiosität/Spiritualität direkt Körperfunktionen und körperliche Gesundheit positiv, ohne die Charakterzüge als Mediatoren.

Koenig merkt an, dass in der Forschung explizit zwischen Religiosität/Spiritualität und ihren Auswirkungen in Form der Charakterzüge und den Charakter­eigenschaften, die von weltlichen Einflüssen geprägt sind, unterschieden werden muss. Nur dann kann der Einfluss der Religiosität/Spiritualität gemessen werden. Ausschlaggebend ist im Zuge dessen das verwendete Messinstrument.

2 Der soziale Pfad

Religiosität/Spiritualität kann zu stärkeren sozialen Beziehungen (z. B. Ehe, Familie) und damit zu guter sozialer Integration führen. Damit wirkt sie über den positiven Einfluss von Beziehungen und Gemeinschaft auf die physiologischen Körperfunktionen und dadurch auf die körperliche Gesundheit.

3 Der Pfad über das Verhalten bzw. den Lebensstil

Zusätzlich zu diesem psychologischen und sozialen Pfad wird die körperliche Gesundheit durch den Lebensstil bzw. das Gesundheitsverhalten beeinflusst.

Religiosität/Spiritualität kann das Entwickeln eines positiven Lebensstils (Gesundheitsverhalten) fördern bzw. vor ungesundem Verhalten (Risikoverhalten) schützen. Dieser Einfluss kann einerseits direkt durch das Befolgen religiöser Vorschriften, andererseits indirekt durch die Reduktion von emotionalem Stress, durch vorwiegend positive Gefühle oder durch ein gutes soziales Netzwerk erfolgen.

Alle großen Religionen haben Gesetze und Regeln bezüglich Ernährung, sexuellen Praktiken und anderem Gesundheitsverhalten. Unterschiedlich ist die Praxis ihrer Umsetzung. Religiöse Traditionen, die ihre Mitglieder stark ermutigen, diese Richtlinien umzusetzen, sind die Siebenten-Tags-Adventisten (STA) und die Mormonen, außerdem die orthodoxen Juden, Buddhisten und Moslems(70).

Beispielsweise enthalten sich STA von Alkohol, Tabak und koffeinhaltigen Getränken. Sie verzichten auch auf im Alten Testament der Bibel verbotenes Fleisch, wie z. B. Schwein. Viele sind Vegetarier. STA meiden zudem häufig scharfe Gewürze und hoch raffinierte Lebensmittel. Die Ernährung der STA ist meist reicher an Folsäure, Thiamin, Vitamin C, Vitamin A und Ballaststoffen, niedriger im Gesamtfettgehalt, gesättigten Fettsäuren und Cholesterin(21,70).

Ähnlich wie bei den STA gestalten sich diese Vorgaben bei den Mormonen. Sie enthalten sich auch von Alkohol, Tabak, koffeinhaltigen Getränken und Drogen. Sie backen oft ihr eigenes Vollkornbrot und vermeiden hoch bearbeitete bzw. raffinierte Produkte. Ihr Fleischkonsum ist jedoch vergleichsweise hoch. Orthodoxe Juden halten sich an die mosaischen Gesetze, sie meiden Schweinefleisch und achten auf einen mäßigen Alkoholkonsum. Buddhisten und einige Hindus verfolgen eine vegetarische Ernährung, die reich an Kohlenhydraten ist und ein gutes Verhältnis zwischen mehrfachungesättigten- und gesättigten Fettsäuren aufweist(21,70).

Weiterer Einfluss

Neben diesen drei oben beschriebenen Pfaden wirkt Religiosität/Spiritualität auch auf die Persönlichkeit, auf die entwicklungsbedingten Erfahrungen (frühe Kindheit, Schule und spätere Lebenserfahrungen) und sogar auf die Genetik (vor allem in Bezug auf Depression, Substanzabhängigkeit, psychischen Störungen und allgemeinen Persönlichkeitseigenschaften, siehe Koenig(21)Seite 593) und dadurch auf die körperliche Gesundheit und alle anderen Faktoren(21). Wobei es sich dabei um einen wechselseitigen Einfluss handelt und die entwicklungs­bedingten Erfahrungen und die Genetik grundsätzlich auf alle anderen Faktoren wirken (siehe Abb. 2 auf Seite).

Neben all diesen positiven Einfluss gibt es auch die Möglichkeit, dass Religiosität/Spiritualität negative Gefühle, wie Depression, Angst, Einsamkeit, Minderwertigkeit, Abhängigkeiten etc., auslöst. Dadurch erhöht sich der emotionale Stress, welcher soziale, berufliche und andere wichtige Bereiche des Lebens negativ beeinflusst. Dies ist der Fall, wenn die Beziehung zu Gott von Konflikten und Disharmonie geprägt ist, und wenn Gott, der ist, der straft und verurteilt, anstatt der, der liebt und gnädig ist(1,21).

Das Modell von Koenig versucht nicht, den ‚übernatürlichen‘ Einfluss von Religiosität/Spiritualität zu erklären, sondern das, was mit wissenschaftlichen Methoden messbar bzw. erforschbar ist(21). Interessant und ergänzend dazu kann die Heidelberger Prospektive Interventionsstudie von Grossarth Marticek herangezogen werden(1). Durch seine Ergebnisse lässt sich das Modell von Koenig möglicherweise mit einem direkten Einfluss von Religiosität/Spiritualität auf die körperliche Gesundheit und eine erhöhte Lebenserwartung erweitern.

2.2.6 Die Heidelberger Prospektive Interventionsstudie

In dieser Studie wurden in den Jahren 1973 bis 1993 35 814 Menschen hinsichtlich ihres Gesundheitszustandes untersucht. Das ForscherInnenteam interessierte, was den Menschen gesund erhält. Sie fanden 15 Gesundheits- oder Positivfaktoren. Das sind Faktoren, die die Gesundheit aufrechterhalten bzw. zu Gesundheit und Zufriedenheit bis in das hohe Alter (75-88 Jahre) führen(1).

Wie Tabelle 4 und 5 auf Seitedarlegen, konnte Grossarth Marticek mit dieser Studie zeigen, dass es sich beim Einfluss auf die Gesundheit um Synergieeffekte handelt und dass einzelne Faktoren keinen oder nur einen sehr geringen Einfluss auf die Gesundheit haben(1).

Interessant ist, dass der Faktor ‚Gefühlsmäßig spontane Gottesbeziehung‘ den größten Einfluss von den einzelnen Faktoren aufweist (siehe Tab. 4) und einen höheren Verlust bringt, wenn dieser fehlt, als der Faktor ‚Gute erbliche Voraussetzungen‘ (siehe Tab. 5).

Tabelle: Einfluss der einzelnen Gesundheitsfaktoren auf gesundes Altwerden

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung nach Grossarth-Maticek R. Systemische Epidemiologie und präventive Verhaltensmedizin chronischer Erkrankungen: Strategien zur Aufrechterhaltung der Gesundheit. Berlin, New York: Walter de Gruyter; 1999.

Tabelle: Zusammenwirken der Gesundheitsfaktoren

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung nach Grossarth-Maticek R. Systemische Epidemiologie und präventive Verhaltensmedizin chronischer Erkrankungen: Strategien zur Aufrechterhaltung der Gesundheit. Berlin, New York: Walter de Gruyter; 1999.

2.3 Gesundheits- und Risikoverhalten von Jugendlichen

Wie im Kapitel2.1.6ausgeführt, ist der individuelle Lebensstil ein Bereich unter den Gesundheitsdeterminanten, der in der Gesundheitsförderung ein Ziel für Interventionen darstellt. Dieses Gesundheits- und Risikoverhalten ist jener Bereich, der den unmittelbarsten Einfluss auf die Gesundheit ausübt, wenn er auch nicht 100 %ig in der Kontrolle des/der Einzelnen liegt(68).

Es gibt interindividuelle Unterschiede im Gesundheits- bzw. Risikoverhalten von Jugendlichen. Neben dem Vorhandensein von hemmenden bzw. förderlichen Faktoren (Risiko- und Schutzfaktoren), dem Zeitpunkt des Beginns der Pubertät und allgemeinen Persönlichkeitsfaktoren haben Kontextfaktoren, wie Familie, Schule, Peergruppe und Nachbarschaft, Einfluss auf das Verhalten Jugendlicher(38,68). Insbesondere Jugendliche aus sozial benachteiligten Milieus verfügen über geringere soziale Ressourcen und treffen in ihrem Umfeld auf schwierige Situationen zur Lebensbewältigung. Aus diesem Grund müssen Jugendliche heute als eine nach Geschlecht, Ethnizität, Entwicklungsbesonderheiten und Status zu differenzierende Zielgruppe betrachtet werden(37,38,68).

Das gesundheitsförderliche Verhalten nimmt mit dem Alter ab, das gesundheitsgefährdende zu(13). Allgemein zeichnen sich Jugendliche durch die Neigung zu risikoreichem Verhalten aus, einerseits durch neurobiologische Veränderungen im Gehirn, andererseits wird dies forciert, um verschiedene Entwicklungsaufgaben zu meistern(38,54). Riskantes Verhalten kann im Zuge der personalen und sozialen Identitätsbildung als eine unvermeidliche Begleit­erschei­nung in diesem Prozess angesehen werden. Die negativen Folgen eines Risiko­verhaltens werden umso wahrscheinlicher, je mehr sich das riskante Verhalten in der Jugendphase zu einem Lebensstil verfestigt, der beibehalten wird(71).

Im Folgenden gehe ich auf jene Lebensstilfaktoren ein, die für den empirischen Teil dieser Arbeit relevant sind: Ernährung und Essstörungsverhalten, Bewegung, Rauchen und Alkoholkonsum. Zunächst erfolgt jeweils eine allgemeine Beschreibung und wissenschaftliche Evidenzen, anschließend wird der Zusammenhang mit Religiosität/Spiritualität hergestellt. Neben dem Gesundheits- und Risikoverhalten wird auch das Körpergewicht als Risikofaktor für die Krankheitsentstehung behandelt.

2.3.1 Ernährung

Eine richtige Ernährung hat vor allem für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen besondere Bedeutung. Sie ist sowohl für ihre geistige als auch ihre körperliche Gesundheit wichtig(16,72). Körperlich kann sich eine Fehlernährung sowohl unmittelbar auswirken wie bei Zahnkaries, Blutarmut, Unter- oder Übergewicht, als auch langfristig Schäden verursachen, z. B. bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und Diabetes Typ 2(13,54). Außerdem bilden sich in diesem Lebensabschnitt die Präferenzen für bestimmte Lebensmittel und die Ernährungsgewohnheiten(73). Viele Gewohnheiten hinsichtlich des Ess-verhaltens, die im Kindes- und Jugendalter erlernt werden, bleiben auch im Erwachsenenalter bestehen(54). Darum ist es in dieser Lebensphase besonders wichtig, die Entwicklung gesunder Essgewohnheiten zu fördern. Die Ernährung wird besonders von Geschlecht, dem Alter, der Rasse/Ethnizität, dem Geburtsort, der Bildung und anderen sozioökonomischen Faktoren beeinflusst(16).

Konsumenten denken bezüglich Ernährung nicht an die Nährstoffzufuhr, sondern an Lebensmittel bzw. Essen. Deshalb wurden von der WHO die lebensmittelbasierten Ernährungsempfehlungen herausgegeben und international wurden die Empfehlungen lebensmittelbezogen dargestellt und kommuniziert(74). Auch ist die Evidenz für Lebensmittel überzeugender, als dies für einzelne Nährstoffe zutrifft(75).

Im März 2010 wurde durch die Initiative „G´scheit g´sund“ des Bundesministeriums für Gesundheit eine einheitliche österreichische Ernährungspyramide (siehe Abb. 3 auf Seite) entwickelt, die auch für Jugendliche gilt(76).

Die Empfehlungen für eine ideale Ernährung von Jugendlichen lauten:

- täglich mindestens 1,5 Liter Flüssigkeit, bevorzugt energiearme Getränke in Form von Wasser, Mineralwasser, ungezuckerten Früchte- oder Kräutertees oder verdünnten Obst- und Gemüsesäften;
- täglich fünf Portionen Gemüse, Hülsenfrüchte und Obst. Ideal sind drei Portionen Gemüse und/oder Hülsenfrüchte und zwei Portionen Obst;
- täglich vier bis fünf Portionen Getreide, Brot, Nudeln, Reis oder Kartoffeln;
- täglich drei Portionen Milch und Milchprodukte, bevorzugt fettarme Varianten;
- pro Woche mindestens ein bis zwei Portionen Fisch, bevorzugt fettreichen Seefisch;
- pro Woche maximal drei Portionen fettarmes Fleisch oder fettarme Wurstwaren und drei Eier;
- täglich ein bis zwei Esslöffel pflanzliche Öle, Nüsse oder Samen, selten und sparsam Streich-, Back- und Bratfette wie Butter, Margarine oder Schmalz und fettreiche Milchprodukte wie Schlagobers, Sauerrahm, Crème fraîche;
- maximal eine Portion am Tag von fett-, zucker- und salzreichen Lebensmitteln sowie energiereichen Getränken, wie Süßigkeiten, Schokolade, Fast Food, Snacks, Knabbereien und Limonaden.

Abbildung: Die österreichische Ernährungspyramide

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Bundesministerium für Gesundheit. Infografiken — Fonds Gesundes Österreich [Internet]. [zitiert 26. Februar 2013]. Verfügbar unter: http://www.fgoe.org/presse-publikationen/downloads/fotos-grafiken/infografiken

(A) Ernährungsverhalten österreichischer Jugendlicher

Der österreichische Ernährungsbericht von 2008(77)ergab, dass die Zufuhr von komplexen Kohlenhydraten und mehrfach ungesättigten Fettsäuren bei den BerufschülerInnen und den AHS-SchülerInnen unter den D-A-CH-Referenzwerten(78), hingegen der durchschnittliche Fett- , Protein- und Zuckeranteil darüber lag. Beispielsweise betrug der Zuckeranteil durchschnittlich 16 g, statt max. 10 g und der Ballaststoffanteil zwischen 14 g (Berufsschülerinnen) und 18 g (AHS-Schüler), statt den empfohlenen 30 g. Der Proteinanteil überstieg sowohl bei den Jungen als auch bei den Mädchen den Empfehlungen von 0,9 bzw. 0,8 g/kg Körpergewicht. Für den aktuellen österreichischen Ernährungsbericht von 2012(79)wurden keine Jugendlichen im Alter von 14-18 Jahren befragt, sodass keine aktuellen Erkenntnisse vorliegen.

Laut österreichischem HBSC-Bericht von 2010(13)und dem Kinder- und Jugendgesundheitsberichtes Kärnten(16)essen die Schülerinnen und Schüler zu selten täglich Obst und Gemüse. Umgekehrt konsumieren sie zu häufig Süßigkeiten oder gezuckerte Limonaden oder beides.

(B) Obst und Gemüse

Rasmussen et al.(80)haben eine Review der quantitativen Studien bzw. KrØlner et al.(81)der qualitativen Studien erstellt und die Determinanten für den Obst- und Gemüseverzehr beschrieben. Beispielsweise fanden Rasmussen et al.(80)konsistente Ergebnisse, dass ein niedriger sozioökonomischer Status mit einem niedrigeren bzw. selteneren Obst- und Gemüseverzehr zusammenhängt. Auch geht Fast Food-Konsum mit einem niedrigeren bzw. selteneren Obst- und Gemüseverzehr einher. Hingegen haben Kourlaba et al.(82)keine signifikanten Assoziationen zwischen sozioökonomischem Status und Ernährungsverhalten bei Jugendlichen gefunden.

Studien konnten zeigen, dass der Zusammenhang zwischen Gemüse- sowie Obstkonsum und Krebsrisiko weniger stark ist, als Mitte der 1990 Jahre angenommen. Dennoch kann bestimmten Gemüse- und Obstsorten durchaus ein präventives Potenzial zugeschrieben werden(6,75,83). Die Empfehlung, reichlich Gemüse und Obst zu essen, sollte trotzdem fortgeführt werden. Obst und vor allem Gemüse hat eine niedrige Energiedichte und führt zu einer raschen Sättigung. Dies wirkt sich langfristig günstig auf das Körpergewicht aus, welches zu den wichtigsten Gesundheitsdeterminanten gehört(83).

Außerdem haben Khaw et al.(4)in der prospektiven Populationsstudie „Combined Impact of health Behaviour and Mortality in Men and Women“ gezeigt, dass ein Konsum von fünf Portionen Obst und Gemüse am Tag mit drei weiteren Gesundheitsfaktoren (Nicht-Rauchen, körperliche Aktivität und ein moderater Alkoholkonsum) das Mortalitätsrisiko – besonders bezüglich Herz-Kreislauf-Erkrankungen – entscheidend beeinflusst. Ähnliches wiesen Studien zur mediterranen Diät auf(3).

(C) Süßigkeiten/Limonaden

So wie der Verzehr von viel Gemüse und ballaststoffreichen Lebensmitteln ein Gesundheitsverhalten darstellt, ist der hohe Verzehr von Süßigkeiten, zuckerhaltigen Limonaden und Fast Food mit einem erhöhten Risiko, an bestimmten Krankheiten zu erkranken, verbunden(54,84)und stellt somit ein Risikoverhalten dar.

Ludwig et al.(84)eruierten in einer prospektiven Beobachtungsstudie über 19 Monate, dass der Konsum von gezuckerten Getränken mit erhöhtem BMI und erhöhter Häufigkeit von Übergewicht assoziiert ist. Diese Ergebnisse zeigten sich auch nach Adjustierung mit anthropometrischen, demografischen Ernährungs- und Lebensstilvariablen (z. B. körperliche Aktivität).

Eine rezente randomisierte Interventionsstudie unter übergewichtigen und adipösen Jugendlichen(85)konnte einen Effekt von gezuckerten Getränken auf den BMI nach einer einjährigen Intervention darlegen, nicht jedoch nach dem zweijährigen Follow-up ohne Intervention.

Der Süßigkeiten- und Limonadenkonsum der Jugendlichen ist relativ gering, so lange die Eltern ihn kontrollieren, also etwa bis zu einem Alter von 12 Jahren. Dann steigt der Konsum sprunghaft an und bleibt bei den Jungen auf diesem hohen Niveau, bei den Mädchen sinkt er ab den 16. Lebensjahr wieder(16).

(D) Fast Food

Im Adipositasbericht aus dem Jahr 2006(86)weisen die Autoren und Autorinnen auf eine amerikanische Studie von French et al. 2001 hin, die zeigte, dass es einen Zusammenhang zwischen der Häufigkeit des Fast Food-Konsums und einer höheren Aufnahme an Energie und Fett bei Jugendlichen gibt.

Ergebnisse des Kinder- und Jugendgesundheitssurveys (KiGGS) von Mensink et al.(73)zeigen, dass Fast Food von den meisten Kindern und Jugendlichen nur ein- bis dreimal im Monat gegessen wird. Der Anteil derer, die 1- bis 2 Mal pro Woche oder häufiger Fast Food konsumieren, nimmt mit dem Alter bei Mädchen leicht und bei Jungen stark zu. Etwa ein Drittel der 14- bis 17-jährigen Jungen isst mindestens einmal pro Woche Fast Food, bei den Mädchen sind es weniger(73).

Eine Kohortenstudie über fünf Jahre(87)untersuchte potenziale Prädiktoren für den Fast Food-Konsum von Jugendlichen. Bei den Mädchen war das Gewichtsbewusstsein und gesundes Gewichtsmanagement schützend vor hohem Fast Food-Konsum, bei den Jungen war es vor allem der positive Einfluss von Familie und Peers, der einen zu hohem Konsum abwendete, wohingegen eine Mitgliedschaft in einem Sportverein eher zu einem erhöhten Konsum beitrug.

(E) Mahlzeitenhäufigkeit

Neben der Ausgewogenheit der Ernährung kommt auch der Regelmäßigkeit, mit der Mahlzeiten zu sich genommen werden, eine bedeutende Rolle zu. Besonders das Frühstücksverhalten stellt einen wichtigen Indikator für einen gesunden Lebensstil dar(88). Dies trifft vor allem deshalb zu, weil das Auslassen des Frühstücks sowohl mit einer verminderten kognitiven Leistungsfähigkeit einhergeht(16)als auch die Einnahme von ballaststoffarmen sowie zucker- und fettreichen Zwischenmahlzeiten begünstigt(10).

Tägliches Frühstücken wurde in der Studie von Vereecken et al.(88)positiv mit einem allgemein gesünderen Lebensstil assoziiert. Diese Studie zeigte auch, dass Mädchen seltener frühstücken als Jungen und dass die Häufigkeit des täglichen Frühstücks mit dem Alter abnimmt.

Regelmäßiges Frühstücken ist assoziiert mit einer höheren Aufnahme an Mikronährstoffen und seltenerem Konsum von Softdrinks. Der BMI und die Prävalenz von Übergewicht sind bei jungen Personen, die frühstücken, niedriger(14,16,89). Je mehr die Jugendlichen körperlich aktiv sind, umso häufiger ernähren sie sich auch regelmäßig mit drei Mahlzeiten am Tag. Interessant ist auch der Zusammenhang zwischen regelmäßigen Hauptmahlzeiten sowie Obst- und Gemüsekonsum – je häufiger die Hauptmahlzeiten eingenommen werden, umso häufiger ist der Obst- und Gemüsekonsum(16).

Gegenteilig geht das Auslassen des Frühstücks mit anderem Risikoverhalten wie Rauchen, Alkoholkonsum und sitzendem Freizeitverhalten einher(14).

2.3.2 Diätverhalten/Verdacht auf Essstörung

Neben der Lebensmittelauswahl, also der Qualität der Ernährung und der Mahlzeitenhäufigkeit, kann als weiterer ernährungsrelevanter Risikofaktor ein gestörtes Essverhalten gesehen werden. Eine erhöhte Bedeutsamkeit von Figur und Gewicht und daraus resultierendes Diätverhalten gehören zu den am besten bestätigten und bedeutungsvollsten Risikofaktoren, die bei jungen Frauen zu einem erhöhten Risiko für spätere Essstörungssymptome oder -syndrome führen(89,90). Laut dem Positionspapier der „Society For Adolescent Medicine“(91)nimmt die Häufigkeit der Essstörungen zu. Sie sind das dritthäufigste chronische Gesundheitsproblem im Jugendalter(90,91).

Geissner und Schary(93)untersuchten die umfassend diskutierten soziokulturellen Einflussfaktoren bei der Ausbildung einer Essstörungssymptomatik, also bei einer noch nicht manifestierten klinischen Anorexie oder Bulimie. Bei dieser Studie ging es um normative Vorstellungen zu Schlankheit und Attraktivität sowie um gezügeltes Essverhalten und Gewicht. Die Ergebnisse lassen den Schluss zu, dass ein übertriebenes und einseitiges Muster an schlankheits-, essens- und gewichtsbezogenen Erziehungseinflüssen zu einer späteren Essstörungssymptomatik führen kann.

Schon Pudel und Westenhöfer weisen in ihrem Buch „Ernährungspsychologie“(94)darauf hin, dass bereits bei Kindern und Jugendlichen Anzeichen gezügelten Essverhaltens gefunden werden können. Dieses gezügelte Essverhalten und Diäthalten wird vor allem durch die Unzufriedenheit mit dem eigenen Gewicht und der eigenen Figur motiviert. Gezügeltes Essen bzw. Diätphasen gehen dem erstmaligen Auftreten von Essanfällen voraus(94). McLean und Barr(95)berichten über einen Zusammenhang zwischen gezügeltem Essen und einer erhöhten Energieaufnahmen. Beiseigel und Nickols-Richardson(96)konnten diesen Zusammenhang zwar nicht bestätigen, zeigten jedoch, dass gezügeltes Essen mit der Höhe des Körperfettanteils assoziiert ist.

Friend et al.(97)berichteten von einer indirekten Assoziation zwischen Körperzufriedenheit und der Häufigkeit des Abwiegens. Die Autoren dieser Studie weisen auch darauf hin, dass die Häufigkeit des Abwiegens mit dem BMI und der Gewichtsabnahme assoziiert ist. Binge-Eating-Symptome traten bei denen, die sich am wenigsten und am häufigsten wogen, vermehrt auf(97).

Im Kinder- und Jugendgesundheitsbericht Kärnten(16)wurde die Körperwahrnehmung durch die Fragen, wie viele der jungen Menschen gerade eine Diät halten und wie sie ihren Körper wahrnehmen, erfasst. Die Kombination dieser beiden Aussagen in Verbindung mit dem BMI gab den Autoren Auskunft über eine problematische Beziehung zum eigenen Köper(16). In der KiGGS-Studie(92)wurde der SCOFF-Fragebogen(98), der auch in der vorliegenden Arbeit zum Einsatz kam, verwendet. Dieser besteht aus fünf Fragen, welche die Kernsymptome von Anorexia und Bulimia nervosa charakterisieren.

2.3.3 Bewegung/körperliche Aktivität

Körperliche Aktivität wird in der Regel als „ jegliche Körperbewegung bezeichnet, die mit einer Muskelkontraktion verbunden ist und bei der der Energieverbrauch höher als im Ruhezustand ist “(99)bzw. die „ außer Atem bringen“ (14). Wissenschaftliche Studien bestätigen, dass körperliche Aktivität und körperliche Fitness ein grundlegender Bestandteil gesundheitsförderlicher Lebensführung ist und sowohl bei Frauen als auch bei Männern das Mortalitätsrisiko senkt(4,54,100–102). Körperliche Aktivität beeinflusst die körperliche Konstitution positiv, indem sie Bluthochdruck entgegenwirkt, die Knochensubstanz bei Jugendlichen stärkt sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen und einigen Krebsarten im Alter vorbeugt(99). Des Weiteren konnten positive Effekte auf das psychische Wohlbefinden, im Sinne einer Verminderung von Angstzuständen und Depression sowie einer verbesserten Schlafqualität und Stärkung des Selbstwertgefühls, festgestellt werden(99). Körperliche Aktivität hat einerseits zahlreiche positive Effekte auf die Gesundheit, auf der anderen Seite sind jedoch auch die Hälfte der ärztlichen behandelten Verletzungen auf Sportunfälle zurückzuführen(16,103).

Es wird eine moderate körperliche Aktivität von mindestens einer Stunde täglich für alle Kinder und Jugendliche empfohlen, wobei moderat definiert ist als Äquivalent zu schnellem Gehen, bei dem einem warm wird und man leicht außer Atem geraten kann(16,103,104).

Körperliche Aktivität stellt ein erlerntes Verhalten dar, welches im Kindes- und Jugendalter erworben und im Erwachsenenalter meist beibehalten wird(54). Generell zeigt sich, dass das Ausmaß an körperlicher Betätigung auch mit dem Alter bei beiden Geschlechtern stark abnimmt. Am stärksten ist die Abnahme zwischen 13 und 15 Jahren(13,54,105).

2.3.4 Rauchen

Rauchen ist die größte durch Verhaltensänderung vermeidbare Ursache für Krankheiten und vorzeitige Sterblichkeit und wird heute international als der bedeutendste Risikofaktor für die Gesundheit der jugendlichen Bevölkerung angesehen(16,106). Abgesehen vom Nikotin, das suchterzeugend wirkt, kommt es durch die Verbrennung der Tabakwaren zur Freisetzung eines Gemisches aus vielen giftigen und krebserregenden Substanzen und Partikeln(106). Auf den Tabakkonsum sind 90 % der Lungenkrebserkrankungen, 25-30 % aller Krebserkrankungen und 75 % der Todesfälle wegen chronischer Bronchitis und obstruktiver Atemwegserkrankungen sowie rund ein Drittel aller Herz-Kreislauf-Erkrankungen mit Todesfolge zurückzuführen(106,107).

Die Entstehung von Gesundheitsproblemen hängt eng mit der Dauer (Jahre des Tabakkonsums) und der Intensität (Menge der gerauchten Zigaretten) des Rauchens zusammen(16,71,108).

[...]

Ende der Leseprobe aus 117 Seiten

Details

Titel
Zum Gesundheits- und Risikoverhalten von Jugendlichen und möglichen Zusammenhängen zwischen verhaltensbezogenen Lebensstilfaktoren und Religiosität/Spiritualität
Untertitel
Eine Querschnittbefragung von Kärntner AHS SchülerInnen
Hochschule
Medizinische Universität Graz  (Medizinischen Universität Graz in Kooperation mit der FH Joanneum Gesellschaft mbH)
Veranstaltung
Angewandte Ernährungsmedizin - Applied Nutrition Medicine
Note
1
Autor
Jahr
2013
Seiten
117
Katalognummer
V308339
ISBN (eBook)
9783668069336
ISBN (Buch)
9783668069343
Dateigröße
2694 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
evaluation, gesundheits-, risikoverhaltens, jugendlichen, zusammenhänge, lebensstilfaktoren, religiosität/spiritualität, eine, querschnittbefragung, kärntner, schülerinnen
Arbeit zitieren
Gabriele Gäbler (Autor), 2013, Zum Gesundheits- und Risikoverhalten von Jugendlichen und möglichen Zusammenhängen zwischen verhaltensbezogenen Lebensstilfaktoren und Religiosität/Spiritualität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/308339

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