Rolle und Funktion des Klaviers in Elfriede Jelineks "Die Klavierspielerin"


Bachelorarbeit, 2015

86 Seiten, Note: 2.0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorbemerkung ̶ das Instrument Klavier

1 Einleitung

2 Die Disziplinarmacht nach Foucault
2.1 Das Konzept der Disziplinarmacht
2.2 Die Methoden der Disziplin als strategische Technologien der Disziplinarmacht
2.2.1 Die gelehrigen Körper: von Raumordnung, Zeitplanung, Übung und Programm
2.2.2 Die Mittel der guten Abrichtung : vom überwachendem Disziplinarblick über normierenden Sanktion bis Prüfung

3 Rolle und Funktion des Klaviers als Disziplinierungsmittel innerhalb der Institutionen Familie und Musik
3.1 ̶ beispielhaft erläutert am Leben und Wirken von Carl Czerny (*1791 Wien – gest. 1857 ebd.): das Klavierspielen als Arbeit, Programm, Beruf, Produktivität und Subjektivität
3.2 ̶ beispielhaft erläutert anhand zeitgenössischer Übebiographien Gisela, Georg und Johnny
3.3 Zwischenfazit

4 Die Disziplinierungsfunktion des Klaviers in Jelineks Roman Die Klavierspielerin
4.1 Die Methoden der Disziplin in den Räumen mit Klavier
4.1.1 Der heimische Übungsraum I: das eigene Bauernhaus
4.1.2 Der Konzertraum: das private Kammerkonzert in einer Patrizierwohnung
4.1.3 Der heimische Übungsraum II: das Zuhause in Wien (1)
4.1.4 Der Probenraum
4.1.5 Der Unterrichtsraum im Konservatorium
4.1.6 Der heimische Übungsraum II: das Zuhause in Wien (2)
4.1.7 Das Kabinett der Putzfrauen im Konservatorium
4.1.8 Der heimische Übungsraum II: das Zuhause in Wien (3)
4.2 Die Räume ohne Klavier ̶ Räume ohne die Methoden der Disziplin?
4.2.1 Die Straßenbahn: zwischen Verstößen gegen die Methoden der Disziplin und dem selbsterzeugten Ausschluss
4.2.2 Die Peep-Show und die Wiener Praterauen: zwischen exponentiell gesteigerter räumlicher Enge als Selbstbestrafung und aktivem Handeln
4.2.3 Umkleideraum und Jungenklo: zwischen Aggression, Unterwerfung, Kontrolle und Dominanz
4.2.4 Im Stadtpark: zwischen Herrschaftsfantasie und Selbstzüchtigung

5 Fazit

Literaturverzeichnis

Vorbemerkung ̶ das Instrument Klavier

Als Klavier bezeichnet man ein Tasteninstrument, das bis zu seiner heutigen Form vielfacher technischer Modernisierung unterzogen worden ist: es ist vom Klang her voluminöser, lauter und vor allem auch schneller bespielbar als frühere Modelle Etwas grob-bildlich ausgedrückt hat es „zwei Elternteile: der leibliche Vater ist das Cembalo, die geistige Mutter die Orgel.“[1]

Zur Klangerzeugung werden auf Tastendruck Hämmerchen unter Zuhilfenahme einer speziellen Mechanik gegen Saiten geschlagen. Damit besteht beim Klavier die Möglichkeit leise und laut zu spielen, eben ’Pianoforte‘ ̶ im Gegensatz zum leise-kristallinen Cembalo, dessen Saiten mittels einer Feder angerissen werden.

Ein Klavier umfasst eine Tastatur von meist 88 Tasten, der tiefste Ton heißt Subkontra-A, der höchste c5 und der Umfang beträgt 7¼ Oktaven. Das ist mehr, als alle menschlichen Stimmlagen, von Bass bis Sopran zusammengenommen, leisten könnten.

Ein Hausklavier ist circa 130 cm hoch, 145 cm breit, und hat ein ungefähres Gewicht von 200 kg. Ein Konzertflügel nimmt den Raum um ein Mehrfaches ein: mit bis zu 308 cm Länge, 158 cm Breite und Höhe von 100 cm, bei einem Gewicht von 700 kg.

Aus diesen Angaben lässt sich ableiten, dass das Klavier, beziehungsweise der Flügel, ein Instrument ist, das fest an einen Raum gebunden ist ̶ und nur mit hohem logistischem und kostspieligen Aufwand von einem zu einem anderen Ort transportiert werden kann. Es ist also weitgehend immobil und hat die starke Tendenz zum Solisteninstrument.

Der Klavierspieler ist über die Immobilität des Klaviers, mehr als jeder andere Musiker, auf bestimmte Räume fixiert. Als ‚Räume des Klaviers‘ können der heimische Übungsraum, der Unterrichtsraum, der Probenraum, der Konzertraum sowie das Tonstudio zur medialen Verarbeitung definiert werden.

Die klassische Orgel ̶ als Tasteninstrument Verwandtschaft zum Klavier aufzeigend, aber klangerzeugend mit Pfeifen versehen ̶ an dem die Autorin Elfriede Jelinek auch ausgebildet wurde und 1971 einen Abschluss am Wiener Konservatorium machte, wird überhaupt nicht mehr bewegt, sondern bleibt fest eingebaut vor Ort.

„Die Mutter nennt Erika gern ihren kleinen Wirbelwind, denn das Kind bewegt sich manchmal extrem geschwind. Es trachtet danach, der Mutter zu entkommen.“

Elfriede Jelinek in „Die Klavierspielerin“

1 Einleitung

Das Klavier in Elfriede Jelineks Roman Die Klavierspielerin [2] ist nicht nur ein Bestandteil im Titel, sondern zugleich ein zentraler Gegenstand: Es funktioniert als wirkungsmächtiges Element der Erziehung der jungen Erika Kohut durch ihre Mutter und später auch in gleicher Weise zwischen der Klavierlehrerin Erika Kohut und ihren Schülern, die sie am Wiener Konservatorium unterrichtet. Es kann damit als Disziplinierungsmittel angesehen werden.

Mit den beiden Bereichen ‚Instrument‘ und ‚Disziplin‘ lässt sich ein erster Bezug zu Michel Foucault knüpfen. Seine Studie Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses [3] beschreibt die Entstehung der modernen Disziplinargesellschaft und legt deren Methoden dar.

Bisher wurde auf Basis von Foucault von Karl Ivan Solibakke der musikalische Diskurs in Jelineks Theatertexten[4] und auch der des Romans Die Klavierspielerin erforscht.[5]

Im JeliNetz, dem öffentlich-wissenschaftlichen Internetportal des Elfriede-Jelinek-Forschungszentrums (Wien), hat Alexander Flor eine Seminararbeit zur Instrumentalisierung von Musikstücken in Jelineks Roman veröffentlicht.[6] Diese folgt einem interdisziplinären Ansatz und versucht zwischen den Musikstücken im Roman und dem Text einen Bezug herzustellen.

Die Frage nach der Rolle und Funktion des Instruments Klavier im Roman wurde hingegen noch nicht bearbeitet und ist Thema der vorliegenden Arbeit.

Im Fokus dieser Arbeit steht die These, dass das Klavier im Roman ein Disziplinierungsmittel im Sinne von Foucault dargestellt, es ist somit ein integraler Bestandteil der Methoden der ‚Disziplin‘. Analysiert wird die Art und Weise der literarischen Umsetzung dieses Disziplinierungsmittels. Die zentralen Fragen Foucaults, nach der Produktivität von Macht, der Erzeugung des Macht-Wissen-Komplexes und nach der Subjektivierung des Individuums, werden ebenfalls angesprochen, stehen aber nicht im Mittelpunkt der Analyse.

Als Methodik benutze ich im Wesentlichen das von Michel Foucault in Überwachen und Strafen [7] darstellte Instrumentarium der Disziplinarmacht, das sich bis in die kleinsten gesellschaftlichen Einheiten fortsetzt; insbesondere das der Organisation und Anwendung der ‚Disziplin‘, die im gleichnamigen Kapitel der Studie dargestellt wird. Das Funktionsfeld der ‚Disziplin‘, von Foucault in zahlreiche Methoden aufgespalten, wird im Sinne einer „Werkzeugkiste“[8] eingesetzt ̶ allerdings weniger „[…] um die Machtsysteme zu sprengen […]“[9], sondern um sie zu dechiffrieren. Die Organisation und Wirkungsweisen der Disziplin wird auf das musikalische Umfeld übertragen und anschließend anhand einer Matrix aus Klavier, Raum und Machtverhandlung im Roman überprüft.

Der Schwerpunkt der Untersuchung ist literaturtheoretisch angelegt. Fragen der Gattung, der Stilistik, der Tropik u.ä. sowie erzähltheoretische Aspekte finden nur dann Erwähnung, wenn sie sich in diesen Zusammenhang einordnen lassen. Diese Arbeit verfolgt nicht das Ziel einer Dispositiv- oder Diskursanalyse.

In der Vorbemerkung ist bereits die Koppelung von Klavier und Raum als zentrale Zugangskategorie markiert worden. In den dort benannten ‚Räumen des Klaviers‘ etablieren sich ständig und aufs Neue Raum-Macht-Konstellationen, die auch so in Jelineks Roman erkennbar und inszeniert werden. Das Tonstudio wird hier allerdings vernachlässigt, da es im Roman keine Rolle spielt. Diese besonderen Prägungen des Raumes und den dort stattfindenden Machtspielen sind deckungsgleich mit Michel Foucaults Studie. Er formuliert darin eine Disziplinarmacht, deren Strategie sich aus verschiedenen Teiltechnologien zusammensetzt und deren erste Organisation die Herstellung von „lebenden Tableaus“[10] durch Raumfestsetzung ist.

In Kap. 2. wird das Konzept der Disziplinarmacht zunächst allgemein vorgestellt und als Analysegrundlage daran anschließend die Methoden der Disziplin dargelegt. Die Basis für Foucaults Überlegungen bildet der Wechsel des Strafens ̶ von der Folter zur Festsetzung der Rechtsbrecher in Gefängnissen ̶ welche sich um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert vollzieht. Die neue Machttechnik entwickelt sich vor dem Hintergrund der gesellschaftlich-politischen Neuordnungen sowie der Industrialisierung und durchdringt als eine Mikrophysik der Macht mit ihren vielfältigen Disziplinarmethoden auch die kleinsten gesellschaftliche Elemente.

In Analogie zu Foucaults Argumentationsgang werden als zu beobachtende Institutionen die Familie und Musikinstitutionen gewählt und das Instrument, das innerhalb der Machtspiele eine zentrale Rolle einnimmt, ist natürlich das Klavier.

Kap. 3 zeigt die Anwendungen und Vernetzung des Disziplinierungsmittels Klavier auf. Dazu wird mit Carl Czerny ein Beispiel aus dem 18./19. Jahrhundert, also zeitgleich zu Foucaults Beschreibung der Entstehung der Disziplinarmacht, gewählt. Czerny lebte zurückgezogen in Wien, gilt als ebenso produktiv wie erfolgreich. Bis heute ist er wirkungsmächtiger Komponist für Klavieretüden aller Schwierigkeitsstufen.

Mithilfe von faktualen, zeitgenössischen Übebiographien lässt sich der Bogen zur zeitgenössischen Funktion des Disziplinierungsmittels Klavier spannen ̶ schließlich ist Jelineks Roman zeitgenössisch und nicht historisch angelegt ̶ und die bereits dargelegten Muster und Methoden der Disziplin werden weiter verfolgt.

Die ‚Räume des Klaviers‘ im Roman von Jelinek werden in vorliegender Arbeit als Macht- und Disziplinarräume untersucht (Kap. 4.1.), in denen Disziplin auf bestimmte Art und Weise erzeugt wird. Dazu wird in diesem Kapitel anhand der definierten Räume ein Raumraster erstellt. Entgegen ursprünglicher Absicht, der strikten Trennung von Räumen mit/ohne Klavier, wird das Putzfrauenkabinett des Konservatoriums ebenfalls hier betrachtet, da der Raum an dieser Stelle derartig eng mit den Machtverhandlungen um das Klavier verwoben ist, dass eine Aufnahme in Kap. 4.1. sinnvoll erscheint.

Wenn die Annahme aus Kap. 3 gilt, dass das Klavier ein Mittel der Disziplinierung und Subjektivierung ist, dann soll ̶ sozusagen als Gegenprobe ̶ gefragt werden, ob die ‚Nicht-Räume‘ des Klaviers zugleich Räume der ‚Nicht-Disziplin‘ bzw. Subversion von Disziplin sind. In Kap. 4.2. wird anhand der ebenfalls markant ausgedehnt beschriebenen Räume ̶ Straßenbahn, Peep-Show und Wiener Praterauen, Garderobe und Jungenklo sowie Park ̶ versucht, diese Frage zu beantworten.

Das Fazit, Kap. 5, fasst die wesentlichen Aussagen und Ergebnisse zusammen, stellt eventuelle Gegenpositionen heraus und formuliert weitere Forschungsperspektiven sowie offene gebliebene Fragen.

2 Die Disziplinarmacht nach Foucault

2.1 Das Konzept der Disziplinarmacht

Das Thema Macht nimmt im Werk von Michel Foucault eine zentrale Stellung ein. Dabei denkt er Macht nicht als ein System, in dem Macht als geschlossene Einheit definiert wird, „Die Macht gibt es nicht“[11], sondern als Beziehung der Subjekte untereinander, die ständig aufs Neue verhandelt wird: „Wo es Macht gibt, gibt es Widerstand.“[12] Machtbeziehungen sind damit elastisch und in verschiedenen Abstufungen dynamisch veränderbar ̶ und zwar von allen Seiten.

Macht und Herrschaft sind nach Foucault nicht identisch, sondern sie können als Machtbeziehungen und Herrschaftszustände gegeneinander abgegrenzt werden. Herrschaftszustände können als eine Form stark verfestigter Machtbeziehungen angesehen werden, sodass sie […] auf Dauer asymmetrisch sind und der Spielraum der Freiheit äußert beschränkt ist. […] In diesen Fällen ökonomischer, sozialer, institutioneller oder sexueller Herrschaft besteht das Problem in der Tat darin, zu wissen, wo sich Widerstand formieren kann.[13]

Foucaults Interesse gilt jedoch nicht der Beschreibung dessen, was Macht ist, sondern wie Macht entsteht, funktioniert und welche Machtbeziehungen sichtbar gemacht werden können.

In der Studie Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses ̶ 1975 in Frankreich, 1976 in Deutschland erschienen ̶ werden die Entwicklungen des Strafens analysiert. Diese vollziehen sich auf Basis unterschiedlicher Reformprojekte sowohl in Europa als auch in den Vereinigten Staaten vom späten 18. Jahrhundert bis zum 19. Jahrhundert.[14] Die Wurzeln für diese Reformen, die u.a. auch in der Abschaffung der Folter münden, werden im Allgemeinen durch zunehmend wirkungsmächtigere, kulturhistorisch-wissenschaftliche Strömungen aus Humanismus, der Aufklärung, dem Utilitarismus gesehen. Foucault bezweifelt jedoch diese geistigen Wurzeln als alleinigen Ursprung der Reformprojekte:

Wir sind weit weniger Griechen, als wir glauben. Wir sind nicht auf der Bühne und nicht auf den Rängen. Sondern eingeschlossen in das Räderwerk der panoptischen Maschine, das wir selber in Gang halten - jeder ein Rädchen.[15] ̶ und ergänzt seine Analyse u.a. um Aspekte, die sich aus der Ökonomisierung der Gesellschaft im industriellen Zeitalter ergeben.

Die Entwicklung der Strafen könnte als ein komplexer (nord-)amerikanischer-europäischer Prozess aufzeigt werden; Foucault beschränkt sich jedoch auf Entwicklungen in Frankreich und zieht nur vereinzelt außerfranzösische Quellen hinzu, u.a. bei der ausgedehnten Analyse des ‚Panopticons‘, einem architektonischen Entwurf des Engländers Jeremy Bentham[16] für eine Disziplinier-und Kontrollanstalt.

Anhand der vier Themenkomplexe Marter, Bestrafung, Disziplin und Gefängnis, die zugleich die Kapitel in Überwachen und Strafen bilden, wird die historische Entwicklung des Strafsystems von den absolutistischen Hinrichtungsschauspielen zu den Korrektionsanstalten des 19. Jahrhunderts aufgezeigt. Indem er verschiedene Ebenen, angefangen von Subjekten und Praktiken über Gegenstände bis hin zu Architekturen und Institutionen ebenso vielfältig wie analytisch miteinander verschränkt, können die Entstehungs- und Wirkungsmechanismen einer Disziplinar- und Normierungsmacht beschrieben, sowie Rückschlüsse auf die Funktionsweise der Disziplinargesellschaft gezogen werden.

Für die Studie stellt Foucault vier Regeln auf, die man auch als Hypothesen zu seiner Arbeit betrachten kann: 1. Die Bestrafung soll als eine „komplexe gesellschaftliche Funktion“ betrachtet werden. Das Leitbild der Analyse der Strafmechanismen besteht nicht in der Verfolgung repressiver Wirkungen, sondern fordert auch die Betrachtung der Gesamtheit ihrer positiven Wirkungen.[17] Diese Abwendung von der Repressionstheorie der Macht und Hinwendung zu den ebenso positiven wie nutzbringenden Effekten[18] wird später mehrfach nachdrücklich betont, u.a.: „Man muß aufhören, die Wirkungen der Macht immer negativ zu beschreiben, als ob sie nur ausschließen, unterdrücken […] würde. In Wirklichkeit ist die Macht produktiv; […].“[19] Die 2. Regel umfasst die Forderung, Strafmethoden als Techniken aus der Perspektive der politischen Taktik zu analysieren, wobei z.B. Nützlichkeitseffekte miteinzubeziehen sind. Diese Regel verfolgt also die Frage nach der Strategie der Macht. Die 3. Regel enthält die Anweisung, Geschichte des Strafrechts und der Humanwissenschaften als gemeinsame Matrix, als »epistemologisch-juristischen« Formierungsprozess, zu untersuchen.[20] Die Koppelung von Vermenschlichung der Strafe und Erkenntnis des Menschen treten durch die Wirkungsmechanismen dieser neuen Technologie der Macht zutage. Die 4. Regel bezieht sich auf das Auftreten der Seele im Bereich des Strafens, die nunmehr gebessert werden soll. Der frühere Rechtsbrecher wird nun zu einem juristischen Subjekt, mit einem Recht auf Existenz, dessen Körper auf eine neue Art von den Machtverhältnissen besetzt wird. „Das Wesentliche der Strafen, welche die Richter auferlegen, besteht nicht in der Bestrafung, sondern im Versuch zu bessern, zu erziehen, zu »heilen«.“[21]

Der Anspruch, eine Besserung des Rechtssubjektes herbeizuführen, kann nunmehr nur dadurch erfüllt werden, dass ein ganzer Komplex wissenschaftlichen Wissens in die Gerichtspraxis einzieht: „[…] eine Armee von Technikern […] die aus „Aufsehern, Ärzten, Priestern, Psychiatern, Psychologen und Erziehern“[22] besteht. Sie ersetzen laut Foucault den Scharfrichter und mit ihm die Marter. Wenngleich die Abschaffung der Folter per Gesetz in zahlreichen Ländern ab Ende des 18. Jahrhundert verordnet wird, ist deren endgültige Umsetzung als umfassender Prozess anzusehen. Der abrupte Wechsel, von der Marter (1757) zum Gefängnis (1838), wie er durch Foucaults Gegenüberstellung als faktisch abgeschlossen erscheint, ist in Wirklichkeit eine langwieriger Prozess, der immer wieder erneut bekräftigt werden muss. Allerdings haben die Anstrengungen zur Abschaffung der Folter inzwischen auch internationale Dimensionen erreicht: der unverletzte Körper ist in der Allgemeinen Charta der Menschenrechte von 1948 verankert, u.a. in den §§ 3, 5.[23] Die zuvor zitierte ‚Armee‘ hat den Scharfrichter und die Marter nicht völlig verdrängt, in unterschiedlichen Abstufungen jedoch zunehmend.

Dort, wo sie als abgeschafft gilt, wird sie nicht mehr als öffentliches Spektakel zelebriert, sondern in nicht-öffentlichen Orten vollzogen, zudem häufig dann, wenn sich der Souverän massiv in seiner Macht verletzt sieht. Beispiele dafür zeigt Amnesty International[24] in seinen Berichten. Sich mit diesen Menschenrechtsverletzungen insbesondere in den so bezeichneten Rechtsstaaten auseinanderzusetzen ist jedoch nicht Gegenstand dieser Arbeit.

Die Entwicklung des Strafens von der ‚Marter‘, im Zeitalter des absoluten Herrschers, hin zur ‚Besserung‘ in einer Gesellschaft, die nach höheren Zivilisationsgraden strebt, ist also nicht ganz so eindeutig, wie Foucault sie aufzeigen möchte.

Die Veränderungen im Strafrecht verdeutlicht Foucault anhand zweier Strafmaßnahmen, die er in einem harten Schnitt zunächst kommentarlos gegeneinander stellt. Die eine, 1757 ausgeführt, ist die Beschreibung der Marter des Körpers von Robert-Francois Damiens, einem Vatermörder: hier wird die Strafe als öffentliches Schauspiel und als Demonstration der Macht eines durch das Verbrechen verletzten Souveräns zelebriert. Die andere Strafmaßnahme von 1838 beschreibt das Reglement für ein Haus junger Gefangener in Paris. Der Delinquent wird nunmehr zum Gefängnisinsassen gemacht. Innerhalb dieser Strafe findet jedoch eine komplexe, programmartige Zeitplanung statt, die ihn gesund und leistungsfähig halten, ihn bessern soll. Das Strafen vollzieht sich nach Abschaffung der Marter auf andere Weise, ein Merkmal bleibt jedoch gleich: es bleibt, zwar in unterschiedlicher Intensität, aber dennoch an den Körper gebunden. Der Delinquent wird seiner Freiheit beraubt, in dem er zum Gefängnisinsassen gemacht wird ̶ auch das ist natürlich ein rigider Zu- und Eingriff auf den Körper.

Die sich durchsetzende Strafmilde läßt nach Foucault verschiedene Rückschlüsse zu. Zum einen ist das Phänomen der Strafmilderung nicht automatisch mit der Zunahme von Menschlichkeit gleichzusetzen, denn die Intensitätsänderung geht mit einer Zieländerung dieser neuen Machtwirkung einher, die nun auch auf die Seele wirkt. Zugleich durchdringt diese Macht den gesamten Gesellschaftskörper. Die Analyse, Vermessung, Kategorisierung und Disziplinierung des Menschen und seiner Seele, das Scheiden in normale oder anormale Individuen[25], wird neben der vermeintlichen Verbrechensbekämpfung zu weiteren Zielen, wie der Strafintervention, eingesetzt.

Die Unterwerfung, die nicht mit Unterdrückung gleichzusetzen ist, ist eine weitere spezifische Methode der Disziplinarmacht, die im Zeitalter der Industrialisierung mit ökonomischen Mitteln arbeitet; Strafsystem und Produktionssystem bedingen sich gegenseitig. Foucault verweist dabei auf Rusche/ Kirchheimer, die diese Korrelation 1939 in Punishment and Social Structure [26] historisch nachgewiesen haben und schließt später daraus: „[…] das ist ja gerade die Eleganz der Disziplinen, das sie auf ein so kostspieliges und gewaltsames Verhältnis verzichtet und dabei mindestens ebenso beachtliche Nützlichkeitseffekte erzielt.“[27]

Unterwerfung wird als komplexer Vorgang charakterisiert, der sich nicht auf institutionelle oder staatliche Unterdrückungsmaßnahmen reduzieren läßt. Sie ist im Zusammenhang mit einer Mikrophysik der Macht[28] zu betrachten; einer Macht, die in der Gesellschaft auf allen, auch kleinsten Ebenen ihre Wirksamkeit entfaltet – und dadurch omnipräsent ist. Der Blick auf die mikrophysikalischen Wirkungen ist integraler Bestandteil dieser Arbeit.

Macht beschreibt Foucault weder als Eigentum, noch als Besitz und auch nicht Privileg einer herrschenden Klasse, sondern bezeichnet sie als Strategie, deren Wirksamkeit zwischen den einzelnen Funktionseinheiten wie Institutionen und Apparaten entfaltet wird. Sie sei begründet auf dem Modell einer immerwährenden Schlacht.[29]

Das Konzept der Mikrophysik der Macht[30], das Foucault in Überwachen und Strafen vorstellt, ist an dieser Stelle noch etwas vage entwickelt. Zum einen spricht Foucault davon, dass die Macht von Apparaten und ihren Institutionen eingesetzt wird[31]. Diese Koppelung von ‚Macht‘ und ‚Einsetzen‘ würde noch den Rückschluss zulassen, dass Macht eine statische Funktion hat und ‚von oben‘ eingesetzt wird. Das gleicht noch mehr der Aussage ‚Macht ist Besitz‘ und weniger seiner Vorstellung von Machtbeziehung im Sinne von Handlungsmöglichkeiten. Des Weiteren bezeichnet Foucault diese Institutionen u.a. als Funktionseinheiten[32], zwischen denen sich die Wirksamkeit der Macht entfaltet. Ergänzend könnte man hier hinzufügen, dass sich die Wirksamkeit der Macht nicht nur zwischen den Funktionseinheiten, sondern auch in ihnen selbst entfaltet. Gerade das macht ja die Besonderheit der ‚Mikrophysik der Macht’ und ihre Effizienz innerhalb der Disziplinarmacht aus.

Die ‚immerwährende Schlacht‘ als Grundlage für das Modell der Mikrophysik Macht, die ja auf den Naturzustand, den Kampf ‚Jeder gegen Jeden‘ referiert und bei dem der Stärkere den Schwächeren verschlingt, berücksichtigt wenig die Austauschprozesse der von Foucault angenommenen Funktionseinheiten. Diese können vielfältig wirken: verstärkend, nivellierend, neutralisierend. Der zugrundeliegende Kampf zwischen den Subjekten beschreibt eine einseitige Ausprägung des Verhandelns von Machtbeziehungen, die eine starke aggressive Konnotation haben. Machtbeziehungen changieren aber zwischen vielen abgestuften Ausprägungen, im Mindesten zwischen aggressivem Machtkampf und losem Machtspiel. Machtbeziehungen sind nicht nur durch Kampf geprägt, sondern entstehen durch vielfältige Handlungen im täglichen Miteinander.

Klaus-Michael Bogdal erkennt im Konzept der Disziplinarmacht/ Mikrophysik der Macht eine verdeckte Auseinandersetzung Foucaults mit dem französischen Philosophen Louis Althusser und dessen fragmentarischem Entwurf Ideologie und ideologische Staatapparate [33],[34].

Die Verschiebung auf Alltägliches bei Foucault markiert Bogdal als wesentlichen Unterschied zu Althusser. Als eine gemeinsame Schnittstelle kann die Betrachtung von Institutionen gesehen werden. Althusser beschreibt Macht jedoch ‚von oben‘ als staatliche Unterdrückungsmaschinerie, in der die Hegemonie einer Klasse vereint mit ihren Verbündeten gegen die Mehrheit des Volkes aufrechterhalten wird. Dagegen setzt Foucault das Konzept der Mikrophysik der Macht, die den Gesellschaftskörper mit und durch ihre Institutionen, die aus kleinsten Einheiten bestehen können, durchdringt. Als weitere Schnittstelle kann die Frage beider danach gesehen werden, wie sich die Industriegesellschaft reproduziert, ohne ständig repressive Gewalt anwenden zu müssen.[35] Bei Foucault mündet dies in der Beschreibung und Erkenntnis der Disziplinargesellschaft.

Die Wirkungsmechanismen und Methoden der Disziplinarmacht in Verknüpfung mit der Mikrophysik der Macht aufzuzeigen, ist der zentrale Leitgedanke dieser Arbeit.

Das Gefängnis mit seinen unumkehrbaren Festsetzungsmechanismen repräsentiert für Foucault eine gesellschaftliche Überwachungseinrichtung, in der auf optimale Weise Techniken der Kontrolle entwickelt werden können. Das Gesamtziel der Besserung soll erreicht werden, indem auf das Individuum mit vielfältigen Methoden eingewirkt wird: durch physische Dressur, Analyse der Arbeitseignung, der Korrektur des alltäglichen Verhalten, sowie seiner moralischer Einstellung und seinen Anlagen[36] ̶ das Gefängnis wird damit zum Experimentierfeld der Modernen. Doch nicht nur in Gefängnissen wird der menschliche Körper einer nützlichen Dressur unterzogen, auch in Fabriken, Schulen, Militäreinrichtungen und Hospitälern.

Die Funktionsweise der Disziplinarmacht zeigt Foucault anhand des Architekturmodells ‚Panopticon‘ auf.

Es handelt sich dabei um ein ringförmiges Gebäude, das aus einem Außenring und einem Innenturm, dem Wächterturm, besteht. Der Außenring setzt sich aus vielen einzelnen Zellen zusammen, durch welche beidseitig Licht hindurchscheint. Der Insasse der Zelle kann so ständig vom Wächterturm aus gesehen werden, ohne erkennen zu können, ob tatsächlich ein Wächter anwesend ist. Er muss also mit einer ständigen Überwachung rechnen.

Konzipiert wurde dieses Modell von Bentham nicht nur als Gefängnis, sondern als nützliches Instrument um breite Schichten der Bevölkerung gleichzeitig zu überwachen sowie zu ökonomisch-produktivem Wirken anzuleiten.

Als Hauptwirkung des ‚Panopticons‘ bezeichnet Foucault die Schaffung des ständigen Sichtbarkeitszustandes der Gefangenen, die sich dessen auch bewusst sind und sich entsprechend verhalten. Die disziplinierende Überwachung wird damit zu einer dauerhaften Beobachtung, die Selbstdisziplin erzeugt.

Zum Prinzip der Disziplinarmacht gehört die Depersonalisierung: jedes Individuum kann die panoptische Überwachungsmaschine in Gang setzen. Auf Basis der angewandten Technologien, den Disziplinen, wirkt die moderne Macht ebenso vielfältig wie anonym ̶ sie kann sich weitgehend auf die Automechanismen des erzeugten Disziplinarsubjektes verlassen. Weitgehend soll dabei bedeuten, dass die Methoden und Strukturen bekannt und eingeübt sind. Die Beschreibung des Panopticons weist bei Foucault schon fast zwanghafte, paranoide und statische Züge auf, es sollte jedoch nicht vergessen werden, dass, wie eingangs erwähnt, Machtbeziehungen veränderbar sind.

Das ‚Panopticon‘ mit seinen räumlichen Funktionen der Überwachung und Disziplinierung läßt nach Foucault einen gläsernen Menschen entstehen und soll den „Traum der disziplinierten Gesellschaft“[37] repräsentieren. Die Gesellschaft der Moderne wird in Foucaults Beschreibung nicht nur als Disziplinargesellschaft, sondern auch als Überwachungsgesellschaft gedacht, die aus permanent überwachten Überwachern besteht. Gilles Deleuze schließt hier an Foucault an und konstruiert das Konzept der Kontrollgesellschaft[38], die die nach dem zweiten Weltkrieg in die Krise geratene Disziplinargesellschaft ablöst.

Bogdal bezeichnet das Kapitel ‚Panoptismus‘ nicht nur als Abschluss, sondern auch als Höhepunkt der Analyse der Disziplinen[39]. Es ist jedoch fraglich, ob der gesteigerte Zugriff auf das panoptische Subjekt nicht übergewichtet wird. Es existiert eine Vielzahl von Räumen. Nicht jeder Raum hat die geschilderten zwanghaften Züge in denen sich das Subjekt festsetzen lässt, und Räume können verlassen werden. Die Normierungsregeln des Disziplinarsubjektes können sich durch Innen- und Außeneinwirkungen verändern. ‚Die‘ totale Einschließung, ‚die‘ totale Kontrolle gibt es nicht, wie sich auch später noch aufzeigen läßt. Entzieht sich das Subjekt dauerhaft den panoptischen Wirkungen, kann auch das ‚Panopticon‘ keine Wirkung mehr entfalten.

Das Subjekt als mögliches panoptisches Disziplinierungsobjekt und auch die Grenzen des panoptischen Wirkens aufzuzeigen, durchzieht begleitend, aber nicht schwerpunktmäßig, diese Arbeit.

Die Disziplinarmacht mit ihren Koppelungsmechanismen aus Raumordnung, Zeitplanung, Unterwerfung, Übung und Kontrolle zeigt ein hohes Maß an Produktivität darin, den Idealtyp der industriellen Gesellschaft, den ‘homo oeconomicus‘, zu formen.

Was auf den ersten Blick einer repressiven Unterwerfung gleichkommt, verknüpft Foucault aber auch mit den produktiven Wirkungen der Disziplinarmacht. Er bemerkt, „[…] daß Macht und Wissen einander unmittelbar einschließen; daß es keine Machtbeziehung gibt, ohne daß sich ein entsprechendes Wissensfeld konstituiert […]“[40] ̶ und umgekehrt. Wissen und Macht sind also in einem reziproken Verhältnis aneinandergekoppelt, was sich auch in den später noch zu betrachtenden Texten darlegen läßt.

Die Disziplinarmacht ist also eine Mikrophysik der Macht, die bestimmte Methoden anwendet, um über alle Funktionseinheiten hindurch auf den Gesellschaftskörper einzuwirken:

[…], sie äußert sich in vielen unscheinbaren, aber hochwirksamen Disziplinartechniken der Institutionen, in denen wir uns bewegen: Familie, Kindergarten, Schule, Clique, Verein, Arbeitsgruppe, Partei etc., überall wirken mehr oder minder feine Disziplinierungsmechanismen auf Körperhaltung, Gestik, Mimik, Tonfalle und Bewegungen ein, um auf diese Weise die gesellschaftliche Funktion und das gesellschaftliche Überleben dieser Institutionen sicherzustellen.[41]

Die vielfältigen Methoden die dabei eingesetzt werden, kann man als strategische Technologien der Disziplinarmacht bezeichnen, was im nächsten Abschnitt verdeutlicht werden soll.

2.2 Die Methoden der Disziplin als strategische Technologien der Disziplinarmacht

Im umfangreichsten Kapitel der Studie, ‚Disziplin‘, werden Methoden ̶ und darin enthalten auch Mittel ̶ beschrieben, die für die Disziplinarmacht kennzeichnend sind. Diese gehen weit über das hinaus, was alltagssprachlich als Disziplin bezeichnet wird, z.B. im Duden: „das Einhalten von bestimmten Vorschriften, vorgeschriebenen Verhaltensregeln; das Sich-Einfügen in die Ordnung einer Gruppe, einer Gemeinschaft“, und „das Beherrschen des eigenen Willens, der eigenen Gefühle und Neigungen, um etwas zu erreichen.“[42]

Die Gesamtanwendung ‚Disziplin‘, sind nach Foucault nicht als Habitus eines einzelnen Individuums zu verstehen, sondern bezeichnet die Technologien der Disziplinarmacht.

Im Verlauf seiner Ausführungen wechselt Foucault vom Singular der Kapitelüberschrift ‚Disziplin‘ in den Plural, ‚die Disziplinen‘, und definiert diese als „[…] Methoden, welche die peinliche Kontrolle der Körpertätigkeiten und die dauerhafte Unterwerfung ihrer Kräfte ermöglichen und sie gelehrig/nützlich machen, […].“[43] Der Koppelungseffekt von Unterwerfung und Kontrolle ermöglicht eine Einwirkung auf den Körper, die ̶ unter dem besonderen Betrachtungsmodus der Produktivität von Macht ̶ diesen mit Fähigkeiten anreichern und ihn effizienter machen. Das Ziel ist der gelehrige Körper, welcher der Macht im industriellen Zeitalter dienlich ist. Die Kräfte, die auf ihn einwirken, nutzen ihn aus, formen ihn um und vervollkommnen ihn. Der Körper als Gegenstand und Zielscheibe der Macht[44] tritt schon im Laufe des klassischen Zeitalters auf. Als neu bezeichnet Foucault jedoch die Art und Weise, wie der Körper im 18. Jahrhundert bearbeitet wird: es geht um kleinstmechanische Einwirkungen und Korrekturen der Bewegung, Haltung, Geste und Geschwindigkeit. Ziel ist es, die Ökonomie und die Effizienz derselben zu steigern. Das lässt sich in der richtigen Haltung beim Schreiben, beim Exerzieren mit der Waffe, aber auch beim Erlernen des Klavierspiels aufzeigen.

2.2.1 Die gelehrigen Körper: von Raumordnung, Zeitplanung, Übung und Programm

Die erste zentrale Leistung der Disziplinen ist die Herstellung einer räumlichen Ordnung: „Indem sie »Zellen«, »Plätze« und »Ränge« organisieren, fabrizieren die Disziplinen komplexe Räume aus Architektur, Funktionen und Hierarchien.“[45] Diese Raumordnungen werden durch die Internierung der Individuen erzeugt und ermöglichen einen ständigen Zugriff sowie Kontrolle. Die Errichtung dieser lebenden Tableaus als erste große Operation der Disziplin erzeugt geordnete Vielheiten anstelle einer unübersehbaren Menge.[46] Foucault geht davon aus, dass der Raumordnung immer eine Doppelfunktion zugrunde liegt und zwar in einer Kombination aus Aufteilung und Analyse, beziehungsweise aus Kontrolle und Verständnis.[47]

Die Raumordnung kann nach Foucault mittels verschiedener Techniken[48] erzeugt werden: durch die der Klausur, der baulichen Abgrenzung eines Bereiches von anderen Bereichen, wodurch eine Abgeschiedenheit und Zurückgezogenheit erreicht wird. Des Weiteren ermöglicht die Technik der „Parzellierung“ und „elementaren Lokalisierung“[49], das Individuum jederzeit an einem bestimmten Ort auffindbar zu machen. Foucault folgert daraus, dass die Disziplin der Raumordnung einen ebenso zellenförmigen wie analytischen Raum organisiert. Die Organisation des Raumes erschöpft sich jedoch nicht mit der Zuweisung und Festsetzung in Zellen, sondern hat eine weitere Funktion, die sich aus dem Raum selbst ergibt. In einer Fabrik ̶ Foucault nennt hier als ein Beispiel die Manufaktur von Jouy[50] ̶ ist es die Aufteilung der Arbeitskräfte und deren Anschluss an den Produktionsapparat mit seinen spezifischen Anforderungen. Aufgelöst in einzelne Tätigkeitsbereiche und zugleich produktiv aneinandergekoppelt ergibt sich aus den geordneten Arbeitsabfolgen „ein bleibendes Strukturgitter, das alle Unübersichtlichkeiten beseitigt.“[51] Die Raumordnung wird auch in Jelineks Die Klavierspielerin als eine zentrale Disziplinierungsmethode betrachtet werden.

Das systematische Ordnen, Strukturieren und Zergliedern der Arbeit, deren Anfänge Foucault im 18. Jahrhundert beobachtet, setzt sich im Zeitalter der Industrialisierung und der Entstehung der gewerblichen Massenproduktion fort. Betriebswirtschaftliche Systeme, wie der Taylorismus[52], ausgerichtet auf einen ökonomischen Betriebsablauf und Arbeitseffizienz kommen zum Durchbruch.

Zwischen den einzelnen Gruppen, diesen geordneten, kontrollierten Tableaus, können sich, wie z.B. in den Jesuitenkollegs gelebt, weitere Differenzierungen ausprägen, die sich auf der Basis von Rivalität, Zuordnung und Leistung ergeben: das System des Ranges entsteht. Diese, von Foucault als römische Komödie[53] bezeichnete, Hierarchie findet Eingang in den Schulordnungen des 18. Jahrhunderts und setzt sich zusammen aus Raumordnung, Einteilung in Klassen, der Abfrage von Prüfungsstoff ̶ was wiederum eine Klassifizierung des Individuums erzeugt.

Neben die Disziplin der Raumordnung tritt die der Zeitplanung ̶ ein altes Erbe der klösterlichen Gemeinschaft.[54] Sie setzt sich aus den Elementen Unterwerfung, Rhythmus, Arbeitszwang und Wiederholungszyklen zusammen. Über diese altbekannten Muster findet die Disziplin der Zeitplanung Eingang in den Institutionen wie Schulen, Kollegs, Werkstätten, Manufakturen, Fabriken, Militär und Spitälern ̶ ebenso in den Konservatorien. Diese werden im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert zumeist auf Drängen des Bürgertums errichtet.[55]

Präzise Zeitplanung bestimmt die Ausführung der Tätigkeit, die genau eingehalten und durchgeführt werden muss. Foucault macht anhand zweier Beispiele des Marschierens am Anfang des 17. Jahrhunderts und um die Mitte des 18. Jahrhunderts deutlich, wie ein durch Kleinstdifferenzierung von Bewegungen und Gesten eine neue Methode zur Anpassung des Körpers an zeitliche Imperative entwickelt wurde.[56] Die Verordnung von 1766 zum Marschieren ist zugleich eine programmatische Anweisung und zwingt den Körper in ein anatomisch-chronologisches Verhaltensschema: Körper und Geste werden ebenso zusammengeschaltet, um ein optimales Ergebnis zu erreichen, wie Körper und Objekt, zum Beispiel beim Exerzieren mit der Waffe. „Die gesamte Berührungsfläche zwischen dem Körper und dem manipulierten Objekt wird von der Macht besetzt: die Macht bindet den Körper und das manipulierte Objekt fest aneinander und bildet den Komplex Körper/Waffe, Körper/Instrument, […].“[57] Letztendlich entsteht eine Trilogie aus Körper-Geste-Objekt, zusammengesetzt zu einer effizient funktionierenden Einheit: ein Mensch-Maschine-System entsteht.

Eine erschöpfende Ausnutzung des Körper-Komplexes ist dann möglich, wenn der Zeitplan eingehalten wird. Die Maxime der Disziplinarzeit heißt: Zeit zu verlieren ist verboten. Foucault folgert daraus, dass die Disziplin der Zeitplanung eine positive Ökonomie organisiert[58].

Die Disziplinarzeit erreicht im 18. Jahrhundert auch die pädagogische Praxis. Anhand des Vergleichs eines Gründungsediktes einer Gobelinmanufaktur mit einem späteren Edikt versucht Foucault die Veränderungen in der Ausbildung der Lehrlinge darzustellen. 1667 sind die Lehrlinge über ein Abhängigkeitsverhältnis an einen Meister gebunden, eine Mischung aus Dienstbotenverhältnis und Wissensübertragung.[59] Die Ausbildungszeit wird in Jahren festgelegt, handelt sich aber um eine individuell gestaltete Zeit, ohne Begleitung durch ein flächendeckendes Programm. Das Edikt von 1737 der Gobelinmanufaktur stellt für Foucault eine neue Ebene in der Ausbildung heraus: die der Verschulung. Neben der Ausbildung durch einen Meister durchläuft der Lehrling verschiedene Stufen einer Zeichenausbildung an der hauseigenen Schule, die durch die Bildung von Leitungsklassen, Übungen, Prüfungen gekennzeichnet ist. Der Verlauf der Ausbildung wird in einem Generalbuch festgehalten und dient der regelmäßigen Kontrolle eines Inspektors. Die Parallelen zum Klassenbuch, das heute noch im Einsatz ist, sind unübersehbar. Programm und Dauer des Durchlaufens, Übungen von zunehmenden Schwierigkeitsgraden, die in Serien zusammengeschlossen werden und die Qualifikation dieser Serien durch Prüfungen, die das erfolgreiche oder nicht-erfolgreiche Durchlaufen dokumentieren: all das sind Werkzeuge einer analytischen Pädagogik. Die Übung, das altbekannte Muster mit religiösen Wurzeln, „[…] wird ein Element der politischen Technologie des Körpers und der Dauer. Anstatt in einem Jenseits zu gipfeln, richtet sie sich auf eine nie abzuschließende Unterwerfung aus.“[60] Übung bedingt Unterwerfung und Unterwerfung produziert Übungsvorschriften, beides sind zentrale Motive in Jelineks Die Klavierspielerin.

Im Zeitalter der Industrialisierung bedeutet ‚Üben‘ jedoch eine Sinnverschiebung. Von der religiösen Übung zur Erlangung des Heils in einem Jenseits hin zur ökonomischen Ausnutzung der Zeit: besser, schneller, höher. Die Übung ermöglicht eine umfassende Kategorisierung des Subjektes: sie ermöglicht deren Vergleich.

Erst das Zusammenschalten von Raumordnung, Zeitplanung und Übung zu einem Programm, das über die Skalierung von Wissen und Können zunehmend eine analytische Pädagogik erzeugt, bewirkt den gelehrigen Körper.

Foucaults Beschreibung wirkt zeitweilig wie eine Reduktion auf bloßes mechanisches Zusammenwirken des Körpers und Instruments, ein auf technische Funktionalität reduziertes Mensch-Maschine-System. Im direkten Abgleich mit Czernys Biographie, den Übebiographien und Jelineks Die Klavierspielerin werden sich jedoch noch weitere Lesarten des ‚gelehrigen Körpers‘ innerhalb der Wirkungsmechanismen der ‚Mikrophysik der Macht’ herausarbeiten lassen.

2.2.2 Die Mittel der guten Abrichtung : vom überwachendem Disziplinarblick über normierenden Sanktion bis Prüfung

Der Körper funktioniert nach Foucault jedoch nur dann, wenn er einem kontrollierenden, einem zwingenden Blick ausgesetzt ist und die Disziplinen folglich damit auch durchgesetzt werden können.[61] Diese Überwachung durch den Disziplinarblick hat eine Doppelfunktion: zum einen als Element der gesamten Ökonomie, zum anderen als Element der Disziplinargewalt. Die Überwachung funktioniert von oben nach unten, jedoch ist auch eine Überwachung auf horizontaler Ebene, sowie auch von unten nach oben möglich.[62] Das Überwachen und der Disziplinarblick werden als zentrale Motive in Jelineks Die Klavierspielerin untersucht.

[...]


[1] N.N.: Magie in schwarz und weiß. Kleine Geschichte der Klaviermusik. In: Harenberg Klaviermusikführer. 600 Werke vom Barock bis zur Gegenwart. Hg. von Christoph Rueger. Dortmund: Harenberg 1998, S. 13.

[2] Jelinek, Elfriede: Die Klavierspielerin. 43. Aufl. Hamburg: Rowohlt 2012.

[3] Foucault, Michel: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. 14. Aufl. Frankfurt/M.: Suhrkamp Verlag 2013 (suhrkamp taschenbuch 2271).

[4] Solibakke, Karl Ivan: Musikdiskurse in ausgewählten Theatertexten Elfriede Jelineks. In: Austriaca. Cahiers Universitaires d’Information sur l’Autriche, 59 (2004), S. 189-204.

[5] Solibakke, Karl Ivan: Musical Discourse in Jelinek’s Die Klavierspielerin [The Piano teacher]. In: Elfriede Jelinek: Writing Women, Nation and Identity. Hg. von Magarete Lamb-Faffelberger, Mathais Konzett. Madison, NJ: FDU Press 2007, S. 250-269.

[6] „…daß in Schuberts Sonaten mehr Friede des Waldes herrsche als im Wald selber.“ Zur literarischen Instrumentalisierung konkreter Musikstücke in Elfriede Jelineks Roman „Die Klavierspielerin“, Februar 2013. URL: http://jelinetz2.files.wordpress.com/2013/03/zur-literarischen-instrumentalisierung-konkreter-musikstc3bccke-in-elfriede-jelineks-roman-die-klavierspielerin.pdf (21.04.2015).

[7] Foucault, Michel: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. 14.Aufl. Frankfurt/M.: Suhrkamp Verlag 2013 (suhrkamp taschenbuch 2271).

[8] Foucault,: Mikrophysik der Macht. Michel Foucault über Strafjustiz, Psychiatrie und Medizin. Berlin: Merve Verlag 1976, S.53.

[9] Ebd, S.53.

[10] Ebd. S.190.

[11] Foucault, Michel: Dispositive der Macht. Berlin: Merve-Verlag 1978, S. 126.

[12] Foucault, Michel: Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit, Bd.1. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1977, S. 116.

[13] Foucault, Michel: Die Ethik der Sorge um sich als Praxis der Freiheit. In: Dits et Écrits. Schriften: in vier Bänden, Bd.4, 1980-1988. Frankfurt/M.: Suhrkamp Verlag 2005, S. 891.

[14] Vgl. Foucault, Michel: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. 14. Aufl. Frankfurt/M.: Suhrkamp Verlag 2013 (= suhrkamp taschenbuch 2271), S. 14.

[15] Ebd., S. 279.

[16] Bentham, Jeremy: Panopticon, or, The inspection-house: containing the idea of a new principle of construction applicable to any sort of establishment, in which persons of any description are to be kept under inspection. London: T. Payne 1791.

[17] Vgl. Foucault, Überwachen und Strafen, S. 34.

[18] Ebd., S. 35.

[19] Ebd., S. 250.

[20] Vgl. ebd., S. 34.

[21] Ebd., S. 17.

[22] Ebd., S. 19.

[23] Vgl., UNRIC: Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. URL: http://www.unric.org/de/menschenrechte/16 (21.4.2015).

[24] Vgl., Amnesty International: Für eine Welt ohne Folter. URL: https://www.amnesty.de/themenbericht/fuer-eine-welt-ohne-folter (21.04.2015).

[25] Vgl. ebd., S. 34.

[26] Rusche, Georg/ Kirchheimer, Otto: Sozialstruktur und Strafvollzug. [Punishment and Social Structure (1939)]. Frankfurt/M. u. a.: Europäische Verlagsanstalt 1974.

[27] Foucault, Überwachen und Strafen, S. 176.

[28] Vgl. ebd., S. 38.

[29] Vgl. ebd., S. 38.

[30] Vgl. ebd., S. 38f.

[31] Vgl. ebd., S. 38.

[32] Vgl. ebd., S. 38.

[33] Althusser, Louis: Ideologie und ideologische Staatsapparate (1970/76). Hamburg u.a.: VSA 1977.

[34] Vgl., Bogdal, Klaus-Michael: Überwachen und Strafen. In: Foucault-Handbuch. Leben- Werk-Wirkung. Hg. von Clemens Kammler, Rolf Parr, Ulrich Johannes Schneider. Stuttgart u. a.: J. B. Metzler Verlag 2008, S. 70.

[35] Vgl. Bogdal, Überwachen und Strafen. S. 70.

[36] Vgl. Foucault, Überwachen und Strafen, S. 301.

[37] Foucault, Überwachen und Strafen, S. 255.

[38] Deleuze, Gilles: Postskriptum zur Kontrollgesellschaft [1990]. In: Biopolitik: ein Reader. Hg. von Andreas Folkers, Thomas Lemke. Berlin: Suhrkamp Verlag 2014 (= Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, Bd. 2080), S. 127-133.

[39] Vgl., Bogdal, Überwachen und Strafen, S. 75.

[40] Foucault, Überwachen und Strafen, S. 39.

[41] Foucault, Michel: Der Staub und die Wolke. 2. Auflage. Grafenau: Trotzdem-Verlag 1993, S. 1.

[42] Duden: Disziplin. URL: http://www.duden.de/rechtschreibung/Disziplin (21.04.2015).

[43] Foucault, Überwachen und Strafen, S. 175.

[44] Ebd., S. 174.

[45] Ebd., S. 190.

[46] Vgl. ebd., S. 190.

[47] Vgl. ebd., S. 190.

[48] Vgl. ebd., S. 180ff.

[49] Ebd., S. 183.

[50] Ebd., S. 185.

[51] Ebd., S. 185.

[52] benannt nach dem amerikanischen Ingenieur F. W. Taylor (1856-1915).

[53] Vgl., Foucault, Überwachen und Strafen, S. 187.

[54] Vgl. ebd., S. 192.

[55] Vgl., Rumpler, Ursula: Strukturwandel an den öffentlich-rechtlichen Konservatorien Österreichs infolge des Bologna-Prozesses – drei Beispiele: Josef Matthias Hauer Konservatorium und Musikschule der Stadt Wiener Neustadt, Joseph Haydn Konservatorium des Landes Burgenland, Konservatorium Wien Privatuniversität“. (Diplomarbeit Universität Wien 2008). URL: http://othes.univie.ac.at/2059/1/2008-10-27_8703051.pdf (21.04.2014).

[56] Vgl., Foucault, Überwachen und Strafen, S. 195.

[57] Ebd., S. 197.

[58] Vgl. ebd., S. 198.

[59] Vgl. ebd., S. 201.

[60] Ebd., S. 209.

[61] Vgl. ebd., S. 221.

[62] Vgl. ebd., S. 228.

Ende der Leseprobe aus 86 Seiten

Details

Titel
Rolle und Funktion des Klaviers in Elfriede Jelineks "Die Klavierspielerin"
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Institut für Neuere deutsche Literatur- und Medienwissenschaft)
Note
2.0
Autor
Jahr
2015
Seiten
86
Katalognummer
V308350
ISBN (eBook)
9783668068247
ISBN (Buch)
9783668068254
Dateigröße
786 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Foucault, Disziplin, Disziplinargesellschaft, Jelinek, Klavier, Machtverhandlung, Groteske
Arbeit zitieren
Sabine Gesinn (Autor), 2015, Rolle und Funktion des Klaviers in Elfriede Jelineks "Die Klavierspielerin", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/308350

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