Das Themistokles-Dekret von Troizen. Ein echtes Dokument aus der Zeit der Perserkriege oder eine spätere Fälschung?


Hausarbeit, 2012
13 Seiten, Note: 3,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Themistokles-Dekret von Troizen
2.1 Allgemeine Informationen zur Inschrift
2.2. Inhalt der Inschrift
2.3 Analyse der Inschrift

3. Zusammenfassung

4. Quellenverzeichnis

5. Literaturverzeichnis

6. Inschrift von Troizen (Quelle)

1. Einleitung

Im Rahmen des Proseminars „Die Perserkriege“ ist der Schwerpunkt dieser Seminararbeit auf das Themistokles-Dekret von Troizen gelegt, welches die Evakuierung der athenischen Bevölkerung und die Mobilmachung der Flotte aufgrund der bevorstehenden persischen Invasion im Jahre 480 v. Chr. beinhaltet. Dieser athenische Volksbeschluss wurde auf Antrag des Themistokles verfasst. Um die im Jahre 1959 von M. H. Jameson gefundene und im darauffolgenden Jahr publizierte Inschrift1 deuten und unter historischem Blickwinkel interpretieren zu können, ist eine Einordnung in den zeitlichen Kontext notwendig. Dieses Ereignis ist in die Zeit des großangelegten Feldzuges von Großkönig Xerxes I. von Persien einzuordnen. Im Jahre 481 v. Chr. schlossen sich die griechischen Staaten zum sogenannten Hellenenbund2 zusammen, um unter Führung Spartas für die Freiheit Griechenlands zu kämpfen. Ein Jahr später kam es zur Schlacht bei den Thermophylen, in der die hellenischen Truppen vom persischen Heer besiegt wurden. Somit scheiterte die Strategie der Griechen und Xerxes I. gelang der Durchmarsch bis nach Athen, welches aber indessen von Themistokles evakuiert worden war. Die Folgen des Flottenbaus des Themistokles3 zeigten sich in der nachfolgenden Seeschlacht von Salamis im gleichen Jahr, in der Athen zur führenden Seemacht in Griechenland wurde und den Angriff der Perser erfolgreich abwehrte.

Themistokles führte also am Ende die entscheidende Wendung und den Sieg für die Griechen herbei. Die Authentizität des Themistokles-Dekrets ist allerdings seit der Veröffentlichung umstritten und bis heute nicht eindeutig belegt worden. Sie wurde „ als Abschrift einer auf Herodotos basierenden Rekonstruktion aus dem 4. Jh. ohne urkundlichen Wert gesehen, wobei zahlreiche Parallelen mit » Dokumenten « aus vorperikleischer Zeit, die aus polit. Gründen nach der Mitte des 4. Jh. erfunden wurden, diesen Schlu ß sehr plausibel machen [ … ] “ .4

Zu Beginn werde ich einige Vorinformationen über die Inschrift darlegen und den Inhalt kurz beschreiben. Anschließend werde ich das Dekret genauer analysieren und mich mit der Frage der Authentizität beschäftigen, wobei ich mich besonders an den Erkenntnissen von Meiggs/Lewis, Christian Habicht und Helmut Berve orientieren werde. Zum Schluss ziehe ich ein kurzes Fazit über die Forschungsergebnisse und äußere meine persönliche Meinung.

2. Das Themistokles-Dekret von Troizen

2.1 Allgemeine Informationen zur Inschrift

Es handelt sich bei der Inschrift um eine Marmorstele, die im Jahre 1959 in der Nähe der Kirche von Troizen gefunden wurde5. Die Aufzeichnung stammt aus dem dritten Jahrhundert6. Die Inschrift ist fast vollständig erhalten, sie weist lediglich an der linken Seite kleine Zerstörungen auf, durch die die Zeilen 4-32 unleserlich geworden sind7. Dem Herausgeber Jameson ist aber eine fast vollständige Wiederherstellung dieser Teile gelungen8. Ein besonderes Merkmal der Inschrift ist, dass sie stoichedon geschrieben ist, das bedeutet sie enthält in jeder Zeile die gleiche Anzahl an Buchstaben, es sind ab Zeile 4 immer 42 Buchstaben in einer Zeile. Die Zeilen 38-41 sind die Ausnahme, sie enthalten 43 Buchstaben pro Zeile9.

2.2 Inhalt der Inschrift

In den ersten drei Zeilen wird das Dekret als Beschluss von Rat und Volk bezeichnet, das von Themistokles, dem Sohn des Neokles aus dem Demos Phrearrhioi, beantragt wurde. In Zeile 4-12 geht es um die Evakuierung aller Athener und der Metöken10. Die Frauen und Kinder werden nach Troizen gebracht, die alten Leute und der mobile Besitz nach Salamis. Der Schatzmeister und die Priesterinnen der Athene bleiben auf der Akropolis, um den Besitz der Götter zu schützen. Man wollte den heiligen Besitz der Göttin nicht schutzlos dem Gegner aushändigen. Jameson sieht darin einen Kompromissvorschlag von Themistokles11. Die Priesterinnen haben sich, so scheint es, mit Themistokles verbündet und sind nicht für die Verteidigung der Akropolis zuständig12.

In den folgenden sechs Zeilen wird von der Mobilmachung der Flotte gesprochen. Die Athener und Metöken sollen die bereitgestellten 200 Schiffe besteigen. Von den 200 Schiffen werden 100 zur Unterstützung zum Kap Artemision und die übrigen 100 zum Schutz nach Salamis geschickt13. Der Satz „ Sie sollen den Barbaren abwehren [ … ] zusammen mit Lakedaimoniern und Korinthern und Aigineten und den anderen, die bereit sind, sich gemeinsam der Gefahr zu stellen. “ 14 verweist auf die hellenische Eidgenossenschaft, die 481 v. Chr. angesichts der Bedrohung durch die Perser gegründet worden war15.

In Zeile 18-35 werden die genauen Maßnahmen zur Bemannung der Schiffe beschrieben. Dazu werden 200 Trierarchen16 ausgelost, für jedes Schiff einer. In Frage kommen nur diejenigen, die in Athen Land und Haus besitzen, eheliche Kinder haben und nicht älter als 50 Jahre sind. Die ersten beiden Bedingungen sollten garantieren, dass sich die Trierarchen um so bereitwilliger für die Rettung Athens einsetzten, während die Dritte die Funktion der Trierarchen als Schiffskommandanten17 erklären sollte.

Jedem Schiff werden zehn bewaffnete Kämpfer zwischen 20 und 30 Jahren, vier Bogenschützen, Maate18 und 100 Ruderer zugeteilt. Die Namen der Strategen sollen auf weiße Tafeln geschrieben werden. Der Rat und die Strategen sollen Versöhnungsopfer für Zeus Pankrates, Athene, Nike und Poseidon Asphaleios darbringen.

Bis Zeile 41 geht es um die Einsatzziele der Flotte19. Das Dekret ist aufgrund dieser Erkenntnisse in die Zeit vor der Schlacht bei Artemision20 einzuordnen. Die Inschrift spricht von 100 Trieren, bei Jameson21 dagegen ist von 147 Trieren die Rede, zu denen noch 53 dazustoßen. Damit wäre schon am zweiten Kampftag die komplette Flotte am Artemision versammelt.

Die Zeilen 41-45 handeln von den Bestimmungen über die Ostrakisierten22 und die Atimoi23, die kein Bürgerrecht besaßen. Die auf zehn Jahre Verbannten sollen sich nach Salamis begeben und dort den Volksbeschluss abwarten. Die Atimoi werden erwähnt, allerdings bricht hier der Text nach ihrer Erwähnung ab. Es ist unklar, was mit ihnen geschehen soll.

2.3 Analyse der Inschrift

Die Tatsache, dass die Inschrift erst Jahre nach 480 v. Chr. aufgezeichnet worden ist, wirft die Frage auf, ob es sich bei ihr um eine Fälschung aus späterer Zeit oder um eine Wiederaufzeichnung des echten Volksbeschlusses handelt. Die beiden bekanntesten Forscher, die sich dieser Fragestellung gewidmet und erste Argumente dargelegt haben, sind zum einen Christian Habicht mit seinem Aufsatz „Falsche Urkunden zur Geschichte Athens im Zeitalter der Perserkriege“24, und zum anderen Helmut Berve mit seinen Untersuchungen „Zur Themistokles-Inschrift von Troizen“.25 Anhand des Titels von Habicht lässt sich folgern, dass er die Inschrift als eine Fälschung betrachtet. Seine Forschungsergebnisse verdeutlichen, dass er das Themistokles-Dekret als einen Text ansieht, der aus der Überlieferung Herodots hervorgeht und mit sachlichen und stilistischen Anachronismen26 versehen ist. Berve hingegen spricht von der „relativen Echtheit“27 der Inschrift. Damit meint er, dass die Inschrift im Kern authentisch ist, jedoch stilistisch und inhaltlich modernisiert und überarbeitet wurde.

Eine Ungereimtheit findet sich bereits bei der Überlieferung Herodots28, in der kein Volksbeschluss erwähnt wird. Das Psephisma29 der Athener wurde erstmals in der Rede des Demosthenes30 aus dem Jahre 348 v. Chr. erwähnt, d.h. die Inschrift existiert seit spätestens 348 v. Chr. In Zeile drei beginnen die Anachronismen. Dort wird der Vatername und das Demotikon des Themistokles genannt. Daraus geht hervor, dass die Inschrift nicht aus dem 5. Jh. stammt, da diese Angaben in anderen Inschriften aus dem 5. Jh. fehlen. Habicht schließt aus der Erwähnung von Patronymikon und Demotikon also einen späteren Ursprung der Inschrift31.

Berve dagegen sieht diese beiden Modernisierungen als Hinzufügung aufgrund der Neuaufzeichnung an32.

Nach Habicht sind die beiden nachfolgenden Zeilen, in denen Athene als Beschützerin Athens dargestellt wird, ebenfalls Anachronismen, weil das Epitheton die Existenz des attischen Seebundes

[...]


1 Hesperia 29 (1960), 198-223.

2 Bündnis von 31 griechischen Städten

3 Der Flottenbau des Themistokles seit 483/82 war die Grundlage für den Sieg gegen die Perser.

4 Eder 2002, 870-871.

5 Meiggs/Lewis 1969, 48.

6 Eder 2002, 870-871; Jameson 1960, 206-209; Jameson 1962, 310.

7 Bildquelle im Anhang.

8 Habicht 1961, 1.

9 Jameson 1960, 198.

10 Bezeichnung für einen zugewanderten Fremden ohne Bürgerrechte

11 Jameson 1960, 214.

12 Plut. 10, 2.

13 s. Inschrift Zeile 40-45

14 Brodersen/Günther/Schmitt 2011, 20.

15 Hdt. 7, 145.

16 Trierarchen befehligen eine Triere (Kriegsschiff) für ein Jahr.

17 Hdt. 7, 87.

18 Offizier auf einem Schiff

19 s. Zeile 12-18

20 im Sommer 480 v. Chr.

21 Jameson 1960, 220; Pritchett 1962, 44.

22 Bürger, die für zehn Jahre aus der Stadt verbannt wurden

23 Bleckmann 2007, 51.

24 Hermes 89 (1961), 1-35.

25 Bayerische Akademie der Wissenschaften 5 (1961), 1-50.

26 Falsche zeitliche Einordnungen

27 Berve 1961, 5.

28 Hdt. 7, 144.

29 Volksbeschluss

30 Demosth. 19, 303.

31 Habicht 1961, 3-4.

32 Berve 1961, 5.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Das Themistokles-Dekret von Troizen. Ein echtes Dokument aus der Zeit der Perserkriege oder eine spätere Fälschung?
Hochschule
Universität Trier
Note
3,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
13
Katalognummer
V308384
ISBN (eBook)
9783668068322
ISBN (Buch)
9783668068339
Dateigröße
4829 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
themistokles-dekret, troizen, dokument, zeit, perserkriege, fälschung
Arbeit zitieren
Julia Wagner (Autor), 2012, Das Themistokles-Dekret von Troizen. Ein echtes Dokument aus der Zeit der Perserkriege oder eine spätere Fälschung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/308384

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