Soziale Grenzziehung - Narrationsanalyse eines Konstanzer Nachbarschaftsverhältnisses


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004
47 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Methodik

3. Rahmenbedingungen des Interviews

4. Inhaltsbeschreibung

5. Narrationsanalyse
5.1. Formale Textanalyse
5.2. Strukturelle inhaltliche Beschreibung
5.2.1. Segmentieren und Abschluss der Oberflächenanalyse
5.2.2. Strukturelle Tiefenbeschreibung der Erzählsegmente

6. Theoretisches Handlungsmodell und Typologie des Erzählers

7. Literaturverzeichnis

8. Anhang

A1 Transkript des Interviews

A2 Bearbeitetes Transkript

A3 Geographische Verortung des Beschriebenen.

Nachbarschaftsverhältnisses

A4 Sozialbeziehungen des Beschriebenen

Nachbarschaftsverhältnisses

A5 Tabelle 1: Sequenzstruktur

A6 Tabelle 2: Plotstruktur

Ein kleiner Ring

Begrenzt unser Leben,

und viele Geschlechter

reihen sich dauernd

an ihres Daseins

unendliche Kette

(Goethe: Grenzen der Menschheit)[1]

Einleitung:

Grenze kann politisch definiert werden als `Linie, die zwei Grundstücke oder Staaten voneinander trennt` oder auch geometrisch als `Gesamtheit der äußersten Punkte einer Fläche oder eines Körpers`. Der Begriff Grenze spielt in der vorliegenden Arbeit eine zentrale Rolle, allerdings ausgehend von einem Grenzverständnis, das stärker die hiermit verbundenen sozialen Aspekte erfasst.

Wenn man an Ausdrücke denkt wie: „Jemand hat seine Grenze überschritten“, „grenzt sich aus“, „wird in seine Grenzen verwiesen“ oder „in seinen Grenzen leben“ wird deutlich, dass Grenzen nicht nur Objekte und Flächen trennen, sondern auch soziale Beziehungen beschränken, „voneinander abgrenzen“. Von welchen Grenzen die befragte Person Dr. B. des zugrundeliegenden Interviews umgeben ist, wie sich seine unmittelbare Nähe zur Schweiz und insbesondere soziale Grenzen auf sein Denken und Handeln auswirken, ist Gegenstand der vorliegenden interpretativ-hermeneutischen Arbeit.

Der in Konstanz direkt an der Schweizer Grenze lebenden Person Dr. B wurde folgende erste Frage gestellt: „Was fällt ihnen denn spontan zum Thema Nachbarschaft ein? Zu dem Begriff Nachbarschaft?“. Nun, was antwortet jemand auf diese Frage und was sagt dies aus über seine Identität, die Art wie er die Welt wahrnimmt und darauf aufbauend denkt und handelt? Die Antwort ist etwas versteckt, man findet sie zwischen den Zeilen. Erst das auch Zwischen-den-Zeilen-Lesen einer hermeneutischen Herangehensweise überraschte den Autor mit der Antwort.

Nach welchen Mustern/Prozessen sich sozialer Sinn in der Handlungsfolge, beziehungsweise der Textsequenz aufbaut ist ein weiteres Untersuchungsziel der vorliegenden Analyse. Nach dieser Identifikation idealtypischer Handlungs- und Denkmuster der interviewten Person abstrahiere ich von einzelnen Mustern und gehe deutend der Frage nach, welche sozialen Faktoren, oder auch prägende Vergangenheitserfahrungen als sogenannte „root causes“ ursächlich wirken könnten. Diese Verbindung zwischen individuellen Handlungs- und Kognitionsmustern mit sozialen Faktoren wirft abschließend die Frage auf, inwiefern die beschriebenen Muster für Gesellschaftsmitglieder mit gleicher oder ähnlicher sozialer Konstellation generalisierbar sind. Grenzen trennen immer. Was aber trennt Menschen genau, was wird als trennend empfunden, welche sozialen Grenzen errichten wir und warum?

Angelehnt an Max Webers Auffassung von Soziologie soll als Ergebnis ein theoretisches Modell helfen soziales Handeln deutend zu verstehen und ursächlich zu erklären. Die generelle Herangehensweise ist interpretativ-hermeneutisch, die spezifische basiert auf der Narrationsanalyse nach Fritz Schütze[2].

2. Methodik

Frei nach Max Weber sollte die Soziologie als Wirklichkeitswissenschaft „soziales Handeln deutend verstehen und dadurch in seinem Ablauf und seinen Wirkungen ursächlich erklären“[3]. Soziales Handeln ist hierbei seinem sozialen Sinn nach auf andere bezogen.

Wie sich sozialer Sinn in der Handlungsfolge, beziehungsweise der Textsequenz aufbaut ist Untersuchungsziel der vorliegenden Arbeit. Ferner sollen Handlungs- und Denkmuster der interviewten Person analysiert werden, um so idealtypische Typologien identifizieren zu können. Nach dieser eher deskriptiven Funktion abstrahiere ich von einzelnen Mustern und beziehe mich auf die Gesamtgestalt der interviewten Person. Auf diese Weise werden die einzelnen Analyseelemente zu einem `Bild` zusammengefügt. Dieses `Bild` soll im Idealfall die Handlungen des Probanden aufzeigen (deskriptiv) und in Verbindung bringen zu seinen Denkmustern, seiner Identität (explikativ). Abschließend gehe ich deutend der Frage nach welche sozialen Faktoren, oder auch prägende Vergangenheitserfahrungen ursächlich wirken könnten. Diese Verbindung zwischen individuellen Handlungs- und Kognitionsmustern mit sozialen Faktoren wirft in der Folge die Frage auf, inwiefern die beschriebenen Muster für Gesellschaftsmitglieder mit gleicher oder ähnlicher sozialer Konstellation generalisierbar sind[4].

Angelehnt an Max Webers Auffassung von Soziologie soll als Ergebnis ein theoretisches Modell helfen soziales Handeln deutend zu verstehen und ursächlich zu erklären. Die generelle Forschungslogik ist in diesem Fall nicht deduktiv nomologisch, sondern versucht Erkenntnisse induktiv durch eine Tiefenanalyse des vorliegenden Materials zu generieren. Die generelle Herangehensweise ist interpretativ-hermeneutisch, die spezifische basiert auf der Narrationsanalyse nach Fritz Schütze[5].

Warum die Form des analysierten Materials den Erfordernissen dieser Methodik genügt, und wie die Analyseschritte im Einzelnen aussehen wird gesondert in Punkt 5. Narrationsanalyse besprochen.

3. Rahmenbedingungen des Interviews:

Das der Analyse zugrundeliegende Interview wurde im Juli 2004 im Rahmen des an der Universität Konstanz stattfindenden Soziologie-Kurses „Projektseminar: Grenzstädte in Geschichte und Gegenwart“ aufgenommen. Die vorliegende Aufzeichnungsform ist ein narratives Interview, das heißt alle Äußerungen des Interviewten wie zum Beispiel Pausen oder Stockungen des Redeflusses wurden für die weitere Analyse mit aufgezeichnet.

Ziel dieses Abschnittes ist es, neben der Art des vorliegenden Datenmaterials, die biografischen Angaben bezüglich interviewter (Ziel-) Person und die Rahmung des Interviews kurz darzustellen.

Auch wenn sich die vorliegende Analyse vorwiegend als Textanalyse versteht, die ihre Aussagen allein aus dem vorliegenden Material induziert, wird diese später durch Bezugnahme auf einige scheinbar unwichtige Rahmungsdetails (setting) ergänzt. Eines dieser Rahmungsdetails ist beispielsweise, dass das Interview draußen vor dem Haus der interviewten Person durchgeführt wurde.

Ein ältere Herr, der direkt an der Schweizer Grenze auf deutscher Seite im Südosten von Konstanz wurde zum Thema Nachbarschaft befragten. Die Person wohnt. Bei der Grenze handelt es sich um einen circa 1,3 m hohen Maschendrahtzaun, der durchgängig bis zum circa 200 Meter entfernten Zoll verläuft[6]. Der geografische Kontext, inklusive begrenzender Bahn- und Wasserlinien (Bodensee), sowie der näheren Zollübergänge ist in Anhang 3 näher dargestellt.

Die Interviewte Person, Dr. B., ist 79 Jahre alt und hat eine über 80-jährige, gehbehinderte Frau[7]. Gebürtig in Ostpreußen, wohnte das Ehepaar bis 1968 in Hamburg und lebt seitdem an der deutsch - Schweizer Grenze. Sein gesamtes Vermögen investierte Dr. B, der in vierter Generation Zahnarzt ist, in sein Konstanzer Grundstück (Rückgebäude und Haupthaus). Er hat zwei verheiratete Töchter, von denen eine in Hamburg und eine in Kreuzlingen lebt. Ferner erfährt der Leser, dass Dr. B. einen in Kreuzlingen lebenden 20-jährigen Enkel hat. In einer der letzten Sequenzen wird deutlich, dass Dr. B. während des Zweiten Weltkriegs Kriegserfahrungen in Ostpreußen machte.

Direkte Nachbarn des Herrn B. sind auf deutscher Seite ein Oberstudiendirektor, sowie ein deutsches Ehepaar (Mann Italiener), das - vorsichtig gedeutet - mit der verwitweten Mutter der Frau zusammenlebt. Herr B. erwähnt zwar „viele Parteien“ die in seinem Haus zur Miete wohnen, er beschreibt jedoch nur zwei näher. Dies ist zum einen eine seit 14 Jahren zur Miete wohnende Juristin und zum anderen eine anscheinend zahlungssäumige Mietpartei. Weiter erwähnt werden ein direkter Nachbar von Beruf Zöllner auf Schweizer Seite, sowie dessen zwei Kinder. Von einem weiter entfernteren Nachbarn ist kurz die Rede, der jedoch nicht näher beschrieben wird und bei dem nicht klar wird auf welcher Seite dieser lebt. Zudem grüßt während des Interviews eine Schweizer Nachbarin „Frau S.“ während eines Spaziergangs.

Von den Angaben zu Zaun und geografischem Standpunkt des Interviews abgesehen, handelt es sich bei den erwähnten Rahmenbedingungen um Angaben des Interviewers.

4. Inhaltsbeschreibung

Der Leser, welcher nicht interpretativ-hermeneutisch vorgeht, mag nach Lektüre des angehängten Interviews in mancherlei Hinsicht im Unklaren sein. Die Unklarheiten bezüglich der beteiligten Akteure hoffe ich im vorherigen Abschnitt verringert zu haben, doch auch der inhaltliche Verlauf der Handlung erschließt sich meines Erachtens nicht unbedingt auf den ersten Blick.

Den zweiten, tieferen eben interpretativ-hermeneutischen Blick möchte ich an dieser Stelle noch nicht vorwegnehmen, dennoch scheint es mir sinnvoll den Verlauf der Handlung kompakt darzustellen. Da ich mich in der Folge weiterer Analyseschritte auf einzelne Textsegmente beziehe, sie also aus dem inhaltlichen Kontext gewissermaßen herauszitiere, sollte der Handlungsverlauf in groben Zügen bekannt sein.

Worum geht es eigentlich im analysierten Text? Befragt zu seinem Nachbarschaftsverhältnis beschreibt Dr. B. dieses als negativ bis gleichgültig. Er fährt fort mit der Schilderung zweier Nachbarschaftskonflikte. Im ersten Konflikt untersagte die Interviewte Person den Bau eines Pavillons, welcher ihm die Sicht nähme woraus sich Dr. B. das belastete Verhältnis zur angrenzenden Familie erklärt. Der zweite Konflikt resultiert aus dem Bau eines Autozufahrt-Platzes, der einen Strauch des Nachbarn (Oberstudiendirektor) gefährdete. Dieser Nachbar habe ferner eine Baumreihe gepflanzt wogegen die interviewte Person bisher erfolglos bei der Stadt Beschwerde eingelegt habe. Nach diesen zwei Konfliktszenarien beschreibt Dr. B. sein positives Verhältnis zur Familie eines Zöllners auf Schweizer Seite und dessen zwei Kindern. Kurz Erwähnung finden anschließend ein weiter entfernt lebender Nachbar und eine auf Schweizer Seite spazieren gehende Nachbarin, woraufhin Dr. B. sein Verhältnis zu zweien seiner zahlreichen Mietparteien beschreibt.

Erwähnt wird, wie er und seine Frau ihre Mieterin, von Beruf Juristin, nach 10 Jahren Mieterschaft zum Essen einluden und dies in 5-6 Jahren wiederholen wollen. Die zweite Mietpartei wird als zahlungssäumig dargestellt und negativ beschrieben.

Anschließend erwähnt Dr. B. seine Beziehung zu seinen zwei Töchtern, die eine in Hamburg, die andere in Kreuzlingen verheiratet, und warum er mit diesen einen Erbvertrag geschlossen habe. Es folgen eine Bewertung der Grenze verbunden mit einem Bezug zu den Nachbarkindern auf Schweizer Seite, ein kurzer biografischer Rückblick auf Kriegserfahrungen in Ostpreußen und eine Begründung des Umzugs in das grenzseitige Rückhaus.

Zur Veranschaulichung habe ich die Sozialbeziehungen, Konfliktlagen des Erzählers graphisch zusammengefasst (siehe Anlage: A4).

5. Narrationsanalyse

Kennzeichen des narrativen Interviews ist die Verwendung sehr offener Fragekategorien und einer relativ passiven „Zuhörerhaltung“ des Interviewers. Dies soll den freien Redefluss des Interviewten unterstützen, damit dieser das tatsächlich Erlebte in eigenen Worten und in Zusammenhängen erzählt. Ferner muss das Prinzip der Vollständigkeit gewahrt sein, das heißt der Text darf nicht in zusammengefasster Form vorliegen, alle Äußerungen des Interviewten wie zum Beispiel Pausen oder Stockungen des Redeflusses sollten für die weitere Analyse mit aufgezeichnet sein. Als drittes zu beachten ist die „Voraussetzung jeder [interpretativ-hermeneutischen] wissenschaftlichen Interpretation, dass der Text diskursiv aufgezeichnet ist“[8]. Dieser Aussage liegt das Axiom zugrunde, das interviewte Person und Interviewer eine soziale Interaktionsgemeinschaft bilden und die Daten daher nur als Ergebnis dieses Interaktionsprozesses zu analysieren sind.

Diese notwendigen Randbedingungen erfüllt das zugrundeliegende Datenmaterial, weshalb es sich für die weitere Narrationsanalyse eignet. Im Folgenden sollen die gewählten Analyseschritte kurz dargestellt werden.

Wie bereits beschrieben, wurden in einem ersten deskriptiven Schritt die Rahmenbedingungen des Interviews, die beteiligten Akteure sowie der Inhalt herausgearbeitet. Hieran schließt sich eine interpretative Sequenzanalyse „direkt am Text“ an. Diese Analyse beginnt mit der formalen Textanalyse in der die Textsorten Erzählung, Beschreibung und Argumentation voneinander getrennt werden. Die Darstellungsform Erzählung ist die authentischste Datenform und zählt daher auch zu den Primärdaten[9], Beschreibung und Argumentation werden als Sekundärdaten bezeichnet (vgl. ebd.), da hier das Subjekt aus einer gewissen Distanz deutet. Diese Terminologie findet auch in der vorliegenden Analyse Verwendung.

Auf die formale Textanalyse folgt eine strukturelle inhaltliche Beschreibung. Wie der Begriff bereits nahe legt, wird in diesem Analyseschritt die Textstruktur identifiziert und genauer beschrieben. Ausgehend von der Abgrenzung unterschiedlicher Erzählketten und einer Klärung der Relevanzstufen der jeweiligen Passage für die Gesamterzählung sollen so Handlungs- bzw. Äußerungsmuster der interviewten Person beschrieben werden.

Die Unterscheidung von (inhaltlichen) Erzählsegmenten, sowie die Herausarbeitung von Mustern/Prozessen dient als Datenbasis für die anschließend folgende Typologisierung.

5.1 Formale Textanalyse

In einem ersten Schritt wurden die 268 Zeilen des Textes fortlaufend nummeriert. Anschließend wurden mehrere Zeilen nach inhaltlichen Kriterien zu Sequenzen zusammengefasst. Der Prozess und die Kriterien der Segmentierung werden ausführlich im Punkt 5.2. Strukturelle Beschreibung dargestellt. Die sich ergebenden inhaltlichen Sequenzen wurden dann den Kategorien: Erzählung, Beschreibung und Argumentation zugeordnet.[10]

Wie bereits im Punkt 5. Narrationsanalyse angesprochen bezeichnet Erzählung die authentischste Darstellungsform, also „nah dran“ oft unter deutlicher emotionaler Beteiligung des Interviewten. Diese emotionale Beteiligung äußert sich beispielsweise in einer im Gegensatz zum übrigen Text klar drastischeren Sprachweise z.B. „dann wurde Eiwei geschrieen“ (Zeile:42-43) oder der Häufung von Versprechern, unvollständigen Sätzen, längeren Pausen. Vorrangiges Kriterium für die Kennzeichnung als Erzählung ist aber die Darstellung eines Prozesses, der Erzähler ordnet die erwähnten Ereignisse chronologisch und bringt sie in einen kausalen Zusammenhang. Sogenannte Rahmenschaltelemente wie „dann“, „weil“ etc. sind hierfür Indikatoren. Ein Textbeispiel soll dies verdeutlichen, wobei die Rahmenschaltelemente und Stockungen des Redeflusses (Friktionen) jeweils hervorgehoben sind:

„Ja, und dann habe ich gesagt, also (...) ja, dann kam ein Rechtsanwalt sofort ins Gespräch, und das war auch nicht so gut, ja <räuspert sich > und dann hat der da drüben die äh, Haus äh äh – betreuung übernommen und seitdem [...]“ (Z.: 47-50).

Die Kategorisierung einer solchen Passage ist relational zum übrigen Text zu sehen, das heißt die zugeschriebene Relevanz hängt davon ab, in wiefern sich die Passage vom übrigen Text in ihren Ausdrucksmitteln unterscheidet, und es sich nicht um einen generellen Stil des Interviewten handelt.[11]

Nur kurz Erwähnung finden soll die Theorie narrativer Interviewformen wie Interviews im allgemeinen, welche dem Erzähler sogenannte Erzählzwänge unterstellt sobald sich dieser auf das Interview einlässt[12]. Diese Zwänge Gestalterschließungszwang, Relevanzfestlegungszwang und Detaillierungszwang ergeben sich aus dem spezifischem Befragungskontext des Interviewten einem (fremden) Interviewer gegenüber. Der Erzähler kann bestimmtes Kontextwissen hier nicht voraussetzen, er muss seine Erzählung stärker chronologisch wie nach anderen Kriterien ordnen als beispielsweise einem „eingeweihten“ Familienmitglied gegenüber. Diese „zwangsbasierten“, in gewisser Weise also künstlichen Ausdrucksformen sind Gegenstand der späteren Interpretation.

Im Gegensatz zur erwähnten Erzählung sind Beschreibung und Argumentation Ausdruckskategorien, bei denen die interviewte Person aus der (häufig emotionalen) Distanz einen Sachverhalt schildert. Da nicht auf jede einzelne Kategorisierung der 23 Textsegmente eingegangen werden kann, werden hier nur die deutlichsten Auffälligkeiten der formalen Analyse dargestellt. Rein quantitativ ergab sich folgendes Bild: 18 Textsegmente wurden als Erzählung kategorisiert (78,26%), 4 als Beschreibung (17,39%) und eine als Argumentation (4,35%). Dies legt nahe, dass der Erzählfluss als auch die emotionale Beteiligung des Interviewten sehr ausgeprägt waren.

Untersucht man die 4 als Beschreibung kategorisierten Textsegmente[13] qualitativ, so zeigen sich interessante Übereinstimmungen. Jeweils geht der Sequenz eine Frage des Interviewers voraus, die eine positive Antwort erwarten lässt. Positiv wird in diesem Zusammenhang verstanden als positive Bewertung des Nachbarschaftsverhältnis und Emotionsniveaus des Erzählers.

Die vorangehenden Fragen lauten im Einzelnen:

1. I: Wie würden Sie Nachbarschaft oder ein gutes Nachbarschaftsverhältnis definieren? (Zeile: 109-110)

2. I: Ja, und ähm, wie weit würden sie die Nachbarschaft fassen? Also sie haben hier diese drei Häuser angesprochen.

R: ja, ja.

I: Sind es die umliegenden Grundstücke? (Zeile 121-124)

3. I: Und, also, Sie kennen sich auch mit Namen? [Also sonst gibt`s da hinten nicht so viel Kontakte?] (Zeile 134-135)

4. I: Und, dass die Kinder mal außen rum kommen (Zeile:231)

Die jeweiligen Antworten sind keine Erzählungen positiver Ereignisse, sondern distanzierte Beschreibungen.

[...]


[1] Zitiert wurde die letzte Strophe von Goethes Gedicht Grenzen der Menschheit. In: Reiners, L. (1955): 519, Der ewige Brunnen: ein Volksbuch deutscher Dichtung, München.

[2] Schütze, F. ( 1983): Biographieforschung und narratives Interview.

[3] Vergleiche Max Weber (1972): Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden Soziologie, Tübingen: 1f.

[4] Auch eine Person mit identischer sozialer Konstellation (ceteris paribus Bedingung) wird nicht identische Kognitions- und Handlungsmuster aufweisen. Soziale Wirkungsmechanismen sind nicht deterministisch. Dennoch halte ich es für sinnvoll und möglich vom Einzelfall auf ähnlich gelagerte Fälle induktiv schließen zu können. Der einzelne ist Teil der Gesellschaft, er wird von dieser geprägt, sozialisiert, kurz seine (Lebens-)Wirklichkeit ist sozial konstruiert. Gleichzeitig ist die Gesellschaft das Aggregat vieler Individuen. Aus einer hermeneutischen Analyse des Einzelnen, lassen sich gesellschaftliche Einflussfaktoren und ihr prägender Einfluss auf Kognitions- und Handlungsmuster deuten. Das Individuum als Spiegel der Gesellschaft, hilft uns (indirekt) die Gesellschaft deutend zu verstehen.

[5] Schütze, F. (1983 ): Biographieforschung und narratives Interview.

[6] Höhe des Zaunes und Entfernung zum nächsten Zoll sind Schätzungen des Autors auf Basis einer Feldbegehung

[7] Vgl. Anhang A 2: Zeile 262-264. Zeilenangaben beziehen sich stets auf das bearbeitete Interview

[8] Soeffner, H.G. (2004): 80

10 Schütze, F. (1983): 285f.

[9] Schütze, F. (1983): 285f.

[10] Anhang A2.: Bearbeitetes Transkript beinhaltete eine vollständige Kategorisierung des Textes.

[11] Auch bei Vorhandensein eines nahezu durchgängigen Stils z.B. des ständigen Vorkommens von z.B. „Ähs“ und Pausen ist eine Interpretation möglich und notwendig, sie ist jedoch sehr viel schwieriger und man benötigt dann einen Text-exogenen Referenzwert, also ein als „normal“ eingestuftes Äußerungsverhalten (Idealtypus) der die Abweichung zum Realtypus (analysierter Text) relational deutlich macht.

[12] Vgl. Schüze (1983),Peez, G. (2004) Soeffner,H.G. (2004):102f. In einem sehr viel weiteren Sinn sind nicht nur die soziale Interaktionsgemeinschaft „Interviewsituation“ sondern auch Organisationen, wie Kulturen „zwanghaft“, legen also bestimmte Antwort-/Ausdrucksmuster nahe. Bei weitergehendem Interesse siehe hierzu: Hofstede, G. (1997): Lokales Denken, globales Handeln – Kulturen, Zusammenarbeit und Management und ebd. (1997): Culture and Organizations – Software of the Mind: 216-230

[13] Dies sind die Textsegmente: 13,14,15,21, vgl. Anlage A2. Auf die Textsegmente 12 und 19 wird hier nicht näher eingegangen, da sie als Erzählung kategorisiert wurden und nur teilweise Charakteristika einer Beschreibung aufweisen. Diese Mischformen sind in Anlage 8.2 durch Angabe des inferioren Typus in Klammern gekennzeichnet z.B. E[B] steht für die dominante Kategorie Erzählung E und die inferiore Beschreibung [B]

Ende der Leseprobe aus 47 Seiten

Details

Titel
Soziale Grenzziehung - Narrationsanalyse eines Konstanzer Nachbarschaftsverhältnisses
Hochschule
Universität Konstanz  (FB Soziologie)
Veranstaltung
Projektseminar: Grenzstädte in Geschichte und Gegenwart
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
47
Katalognummer
V30841
ISBN (eBook)
9783638320184
ISBN (Buch)
9783638713726
Dateigröße
1221 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die vorliegende Forschungsarbeit basiert auf von studentischen Kleingruppen erhobenen Daten (narratives Interview) im Grenzraum Konstanz. Die Thematik lautet: soziale Grenzziehung. Basierend auf der Narrationsanalyse (einem Instrument qualitativer, interpretativ-hermeneutischer Sozialforschung) entwickelt die Arbeit einen sehr eigenständigen Ansatz mit qualitativen Daten (Texten) analytisch-methodisch umzugehen. Fazit: Es war viel Arbeit, aber es hat Spaß gemacht!
Schlagworte
Soziale, Grenzziehung, Narrationsanalyse, Konstanzer, Nachbarschaftsverhältnisses, Projektseminar, Grenzstädte, Geschichte, Gegenwart
Arbeit zitieren
Malko Ebers (Autor), 2004, Soziale Grenzziehung - Narrationsanalyse eines Konstanzer Nachbarschaftsverhältnisses, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/30841

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