Die Rolle der katholischen Kirche in den Nachkriegsjahren und ihr moralisches Verhalten während der NS-Zeit


Hausarbeit, 2009

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Günter Grass ruft trotz fragwürdiger Vergangenheit zum

2. Moralische Integrität
2.1. Begriffserklärung: Moralische Integrität
2.2.1. Die äußere Situation
2.2.2. Haltung und Verhalten der Katholischen Kirche in Bezug auf den Nationalsozialismus
2.3. Die Evangelische Kirche unter dem Nationalsozialismus
2.4. Fazit des Vergleiches Katholische Kirche und Evangelische Kirche

3. Die Rolle der Katholischen Kirche in den Nachkriegsjahren
3.1. Die Aufgaben der Katholischen Kirche im Nachkriegsdeutschland
3.2. Mitsprache der Katholischen Kirche in politischen Fragen
3.2.1. Einsatz für die Rechte der Bevölkerung
3.2.2. Einfluss auf führende Politiker – erläutert am Beispiel Fritz Schäffer
3.2.3. Einfluss auf die Entnazifizierung

4. In wie weit entschuldigt die äußere Situation die Zurückhaltung?

5. Literaturverzeichnis

1. Günter Grass ruft trotz fragwürdiger Vergangenheit zum

Sich-Auseinandersetzen mit der Vergangenheit auf „Erinnern heißt auswählen.“[1]

Dieses bekannte Zitat von Günter Grass macht uns das Alltägliche wieder einmal bewusst: Wenn wir uns an Vergangenes erinnern, erinnern wir uns meist nicht an die gesamten Geschehnisse, sondern nur an ausgewählte Szenen. Wir sehen immer nur die selben Bilder vor uns, wenn wir uns an etwas zurück erinnern, der Rest wird häufig vergessen oder verdrängt, wenn es durch nichts und niemanden in unser Gedächtnis zurückgerufen wird. Dies beobachten wir nicht nur mit unseren persönlichen Erfahrungen, sondern auch in der Geschichte. So bedeutet die Erinnerung an den zweiten Weltkrieg und an die Nachkriegsjahre immer auch, dass Einzelheiten oder auch elementare Ereignisse im Dunkeln bleiben, außer Acht gelassen oder gar vergessen werden wollen. Günter Grass rief jedoch in seinen Werken immer wieder dazu auf, nicht zu vergessen, sondern sich mit der Vergangenheit auseinander zu setzen.

Doch als er 2006 veröffentlichte, dass auch er eine Vergangenheit als SS-Soldat hat, wurde man schnell kritisch seinem Werk und seinen Aussagen gegenüber. Wie kann jemand das grauenhafte Vergangene kritisieren, wenn er selbst ein Teil dessen war? Sind für uns, die wir nun mehr über ihn wissen, seine Worte immer noch glaubwürdig? Schnell wird deutlich, dass das Vertrauen in Menschen von den Taten ihrer Vergangenheit abhängig ist.

Man darf jedoch nicht vergessen, dass wir diese, seine stets mahnenden und aufrüttelnden Worte dringend nötig hatten, denn ohne Persönlichkeiten wie Günter Grass, Hans Baumann, Heinrich Böll, Günter Eich – um nur einige zu nennen – „wäre die Auseinandersetzung mit der kriminellen und terroristischen Vergangenheit nicht recht in Gang gekommen, und die Aufklärung der Deutschen über sich selbst wäre möglicherweise in bequemeren Formen der Schuldabwehr und des Nicht-(mehr)-wissen-Wollens stecken geblieben.“²

Dennoch wird sein Gesamtwerk fragwürdig, wenn man bedenkt, dass sich seine gegenwärtigen Moralvorstellungen nicht mit einem Teil seiner Vergangenheit in Einklang bringen lassen. Die Frage ist, ob man ihm Verstellen und Täuschen vorwerfen muss oder ob man nicht auch Reue und den Willen zur Wiedergutmachung in seinem Handeln erkennen kann, denn wer hätte einem ehemaligen SS-Soldaten so großes Gehör geschenkt, wie Günther Grass in den letzten Jahrzehnten geschenkt wurde.

Moralisch integres Handeln ist also die Voraussetzung, um das Vertrauen der anderen bzw. der Gesellschaft allgemein gewinnen zu können. Fehlverhalten kann dem hingegen auch zu schwer oder gar nie wieder gut zu machenden Vertrauensbruch führen. Dies gilt nicht nur für Einzelpersonen, sondern auch für Institutionen, wie die Katholische Kirche.[2]

2. Moralische Integrität

Um also die Stellung der Katholischen Kirche in der Gesellschaft in den Nachkriegsjahren analysieren zu können, ist es unablässig, zuerst einmal die Rolle der Katholischen Kirche während des Zweiten Weltkrieges und in der Vorkriegszeit genauer zu betrachten. Hierbei spielt der Begriff der „Moralischen Integrität“ eine besonders wichtige Rolle, denn weil eben die Katholische Kirche diese größtenteils wahren konnte, verdiente sie sich später das Vertrauen der Alliierten.

Doch was bedeutet „moralische Integrität“ eigentlich genau und wie konnte sich die Katholische Kirche zu Zeiten der Judenverfolgung und in den Kriegsjahren beweisen? Diese Fragen sollen im Folgenden geklärt werden, bevor dann schließlich darauf eingegangen werden kann, welche Aufgaben der Katholische Kirche in den Nachkriegsjahren zukamen und wie sie so schnell zu einem neuen Selbstbewusstsein finden konnte.

2.1. Begriffserklärung: Moralische Integrität

Um den Begriff der „Moralischen Integrität“ erklären zu können, sollten zunächst einmal seine beiden Bestandteile genau definiert werden.

Moral bezeichnet ursprünglich die Summe der in einer Gesellschaft anerkannten Verhaltensregeln und der sie tragenden Überzeugungen und stellt damit den Gegenstandsbereich der klassischen Ethik […] dar […]. In der neuzeitlichen Ethik meint Moral näherhin im Gegensatz zur bloßen Sitte als dem gewohnt richtigen und zum Recht als dem durch Gesetzgebung geregelten Verhalten das in Wahrheit gute Handeln, das Anspruch auf universale Geltung und auf Anerkennung durch jedermann erhebt.[3]

Und unter Integrität versteht man „Anständigkeit, Ehrlichkeit, Makellosigkeit, Rechtschaffenheit, Redlichkeit, Unbescholtenheit, Unbestechlichkeit, Vertrauenswürdigkeit [und] Zuverlässigkeit“[4]. Im Allgemeinen könnte man also formulieren, dass moralische Integrität die Übereinstimmung zwischen den persönlichen und den rechten Werten und dem Verhalten nach außen bedeutet. Leider kann sich der Mensch diesen Zustand nicht immer leisten, da Kapitalismus, Politik und soziale Strukturen diesen „Idealismus“ häufig nicht zulassen. Moralisch integres Handeln bedeutet oft Nachteile für den einzelnen, aber auch für die Gemeinschaft. Immer wieder treten Situationen auf, in denen sich der Mensch entscheiden muss, welchen Wert er für höher ansieht und welchen er im Einzelfall außer Acht lassen kann. Dass in solchen Fällen moralische Integrität ein äußerst subjektiver Begriff sein kann, zeigen uns zum Beispiel die allbekannten Dilemmageschichten. Im Heinz-Dilemma[5] beispielsweise muss der Betroffenen abwägen, ob es für ihn wichtiger ist, ein Leben zu retten oder das Gebot „du sollst nicht stehlen“ zu wahren.

Dieses Beispiel genauer auszuführen, würde vom Thema zu weit weg führen, es soll nur deutlich werden, dass es in dieser Thematik niemals nur schwarz und weiß geben kann.

Wenn also im Folgenden davon gesprochen wird, dass die katholische Kirche während der NS-Diktatur ihre moralische Integrität gewahrt hat, darf man darunter nicht automatisch verstehen, dass sie nicht auch Fehler gemacht hat oder Entscheidungen traf, die negative und moralisch bedenkliche Folgen mit sich brachten. Diese muss man ihr und ihren Führern auch durchaus zugestehen, wenn man die massiven Probleme dieser Zeit berücksichtigt und beachtet, wie sich andere Institutionen im Vergleich mit ihr in die NS-Machenschaften verstricken ließen.

2.2. Die Katholische Kirche unter dem Nationalsozialismus

2.2.1. Die äußere Situation

Die Katholische Kirche stand in der besagten Zeit unter enormem Druck:

Die katholischen Laienverbände wurden aufgelöst, die Bekenntnisschulen in Gemeinschaftsschulen umgewandelt, Klöster aufgehoben, jegliche kirchliche Präsenz in der Öffentlichkeit unterdrückt, das kirchliche Leben scharf überwacht, Klerus und Laien rücksichtslosem Terror ausgesetzt.[6]

Besonders in der Pfalz waren Geistliche das Opfer lokaler Gewaltsamkeiten; Ende Juni wurden in einer großen Aktion gegen die Bayerische Volkspartei auch 150 katholische Geistliche verhaftet.[7]

Zudem bestätigte zwar das Reichskonkordat das bayerische Konkordat von 1924[8], „die darüber hinausgehenden Bestimmungen schliffen allerdings die staatskirchenrechtliche Besonderheit Bayerns weiter ab.“[9]

Und nicht nur die von außen kommenden Probleme übten enormen Druck aus, auch die immer umfangreicher werdenden Aufgaben der Kirche stellten Schwierigkeiten dar, denn der Bedarf an Seelsoge sowohl für KZ-Inhaftierte, als auch für Zwangsarbeiter und Angehörige von Soldaten stieg in diesen Jahren besonders an. Der Wille den Bedürfnissen der Menschen nachzukommen einerseits und die Unterdrückungsversuche der Nazis andererseits stellten eine prekäre Situation für die Katholische Kirche dar, die immer wieder eine sensible Gradwanderung bedeutete. Man wollte den nationalsozialistischen Kurs keinesfalls unterstützen, sondern ihm entgegentreten, fürchtete aber auch, die noch bestehenden Rechte und Möglichkeiten zu verlieren, wenn man zu viel Aufsehen bei der Ablehnung des Nationalsozialismus erregte.

2.2.2. Haltung und Verhalten der Katholischen Kirche in Bezug auf den Nationalsozialismus

Kardinal Michael von Faulhaber ging jedoch einen klaren Weg des Widerstandes und beteuerte immer wieder öffentlich den absoluten Gegensatz zwischen dem katholischen Glauben und der nationalsozialistischen Ideologie, wie beispielsweise in seiner Predigtreihe über die Bedeutung des Alten Testaments 1933[10].

Doch nicht nur Faulhaber predigte gegen die Verbrechen der Nazis. Auf der Fuldaer Bischofskonferenz wurden die katholischen Priester dazu angewiesen, am Passionssonntag, am 22. März 1942, „ein Hirtenwort zur Ermutigung des Volkes“[11] zu lesen, wobei den Priestern wegen der sehr unterschiedlichen Situationen in den einzelnen Gemeinden selbstverständlich Spielraum gelassen wurden. Sie mussten selbst einschätzen können, welche Äußerungen ihnen das politische Umfeld erlaubte. Zur Veranschaulichung folgen Ausschnitte des Hirtenschreibens, welches den Predigten als Vorlage dienen sollte:

„Seit Jahren tobt nun in unserem Vaterland ein Kampf gegen Christentum und Kirche, wie er in dieser Schärfe noch nie geführt wurde. Wiederholt haben die deutschen Bischöfe die Reichsregierung gebeten, diesem unheilvollen Kampf ein Ende zu bereiten, aber leider waren unsere Bitten und Bemühungen ohne Erfolg. Sogar im Krieg, wo doch der Burgfrieden immer selbstverständlich war, geht der Kampf weiter, ja nimmt an Schärfe und Bitterkeit immer noch zu […]. Der katholischen Kirche gab die Reichsregierung im Konkordat vom 20. Juli 1933 die Zusicherung staatlichen Schutzes zur freien Entfaltung ihres Lebens […] ‚1. Jeder Mensch hat das natürliche Recht auf persönliche Freiheit’ Wir deutschen Bischöfe protestieren gegen jede Mißachtung der persönlichen Freiheit. Wir verlangen gerichtliche Nachprüfung aller Strafmaßnahmen und Freilassung aller Volksgenossen, die ohne Nachweis einer mit Freiheitsberaubung bedrohten Straftat ihrer Freiheit beraubt sind… […] 2. […] Wir deutschen Bischöfe werden nicht nachlassen, gegen Tötung Unschuldiger Verwahrung einzulegen. Niemand ist seines Lebens sicher, wenn nicht unangetastet dasteht: ‚Du sollst nicht töten’…“[12] […]

In seiner Silvesterpredigt 1949 schreibt Faulhaber in Bezug darauf :

„In den furchtbaren Zeiten der Judenverfolgung war es gerade die katholische Kirche, die ihre Stimme erhob auch auf der Domkanzel zu München und für die Menschenrechte der Juden sich einsetzte und staatlichen Schutz forderte.“[13]

Diese Worte rücken die Kirche jedoch in ein etwas zu positives Licht, denn explizit wurde niemals auf die Judenverfolgung eingegangen, auch wenn für die Meisten der Zusammenhang klar war.[14]

Dennoch muss man der Katholischen Kirche zu Gute halten, dass sie sich zumindest gegen die NS-Machenschaften ausgesprochen hat, auch wenn es nur wenige aktive Gegenmaßnahmen gab und auch nur dann, wenn die Nazis in den persönlichen Bereich oder in die Glaubensausübung eingriffen. So wehrten sich die Katholiken zum Beispiel dagegen, dass die Kreuze in den Klassenzimmern abgenommen werden sollten.[15] Die Kirche selbst als Institution leistete keinen aktiven Widerstand, zumindest keinen organisierten. Aber einzelne Geistliche waren an Widerstandsaktionen beteiligt oder wussten zumindest davon und deckten sie. An dieser Stelle könnte man auch anführen, dass Kardinal Michael von Faulhaber den Priester Rupert Mayer deckte, „als dieser das ihm im April 1937 von der Geheimen

[...]


[1] http://www.gutzitiert.de/zitat_autor_guenter_grass_thema_erinnerung_zitat_1335.html [letzter Zugriff am 20.06.2009].

[2] Vgl. ebd.

[3] Schröer, Christian, Moral, in: LthK³ 7(2006), 452.

[4] http://www.duden.de/definition/integrit%C3%A4t [letzter Zugriff am 20.06.2009].

[5] Eine Frau, die an einer besonderen Krebsart erkrankt war, lag im Sterben. Es gab eine Medizin, von der die Ärzte glaubten, sie könne die Frau retten. Es handelte sich um eine besondere Form von Radium, die ein Apotheker in der gleichen Stadt erst kürzlich entdeckt hatte. Die Herstellung war teuer, doch der Apotheker verlangte zehnmal mehr dafür, als ihn die Produktion gekostet hatte. Er hatte 2000 Dollar für das Radium bezahlt und verlangte 20000 Dollar für eine kleine Dosis des Medikaments. Heinz, der Ehemann der kranken Frau, suchte alle seine Bekannten auf, um sich das Geld auszuleihen, und er bemühte sich auch um eine Unterstützung durch die Behörden. Doch er bekam nur 10000 Dollar zusammen, also die Hälfte des verlangten Preises. Er erzählte dem Apotheker, daß seine Frau im Sterben lag, und bat, ihm die Medizin billiger zu verkaufen bzw. ihn den Rest später bezahlen zu lassen. Doch der Apotheker sagte: "Nein, ich habe das Mittel entdeckt, und ich will damit viel Geld verdienen." Heinz hat nun alle legalen Möglichkeiten erschöpft; er ist ganz verzweifelt und überlegt, ob er in die Apotheke einbrechen und das Medikament für seine Frau stehlen soll. Zitat in: http://www.studienseminar-koblenz.de/medien/wahlmodule_unterlagen/2004/173/4%20 Das%20Heinz%20Dilemma.doc [letzter Zugriff am 02. 07.2009].

[6] Hürten, Heinz, Die katholische Kirche seit 1800, in: Schmid, Alois (Hg.), Handbuch der Bayerischen Geschichte Bd. 4/2, München 22007, 321.

[7] Ebd. 320.

[8] Vgl. ebd. 320.

[9] Ebd. 320.

[10] Hürten, katholische Kirche, 320.

[11] Reichhold, Anselm, Die deutsche Kirche zur Zeit des Nationalsozialismus (1933-1945) unter besonderer Berücksichtigung der Hirtenbriefe, Denkschriften, Predigten und sonstigen Kundgebungen der deutschen katholischen Bischöfe, St. Ottilien 1992, 186.

[12] Ebd. 187 f.

[13] Kornacker, Susanne, Michael Kardinal von Faulhaber in der Nachkriegszeit (1945-1952). Grundzüge seines Wirkens – dargestellt anhand seiner Predigten, in: Kornacker Jörg und Stockmann Peter (Hg.), Katholische Kirche im Deutschland der Nachkriegszeit (THEOS Studienreihe Theologische Forschungsergebnisse 59), Hamburg 2004, 107.

[14] Vgl. ebd. 107.

[15] Vgl. Hürten, katholische Kirche, 322.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Rolle der katholischen Kirche in den Nachkriegsjahren und ihr moralisches Verhalten während der NS-Zeit
Hochschule
Universität Regensburg  (Katholische Theologie)
Veranstaltung
Die katholische Kirche in Bayern zwischen Zweitem Weltkrieg und Würzburger Synode
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
19
Katalognummer
V308437
ISBN (eBook)
9783668065116
ISBN (Buch)
9783668065123
Dateigröße
585 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Katholische Kirche, Kardinal Faulhaber, Nationalsozialismus
Arbeit zitieren
Sandra Herfellner (Autor), 2009, Die Rolle der katholischen Kirche in den Nachkriegsjahren und ihr moralisches Verhalten während der NS-Zeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/308437

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