Von Sinn und Unsinn der Charta von Venedig. Überlegungen zur Ausstellung „Das verschwundene Museum“


Essay, 2015

9 Seiten, Note: unbenotet


Leseprobe

Inhalt

Auf politischem Doppelboden

Literaturnachweis

Bildnachweis

Auf politischem Doppelboden

In der Ausstellung „Das verschwundene Museum“, die sich dem interessierten Besucher zwischen 19. März 2015 und 27. September 2015 im Berliner Bode-Museum auf der Museumsinsel eröffnet, werden nicht nur Kunstwerke aus Renaissance und Barock, die den Zweiten Weltkrieg und die in den 1950ern erfolgende Restitution durch die Siegermächte versehrt überstanden haben, gezeigt, sondern auch über die (Un-) Möglichkeiten einer Restaurierung und Veröffentlichung derselben kontrovers diskutiert.

Am Beispiel der von François Duquesnoy vor 1629 geschaffenen Skulptur des „Bogenschnitzenden Amor“ entzündet sich die Diskussion über den Sinn der Charta von Venedig. Auf der Ausstellungstafel „IV Restaurieren – Wozu?“ heißt es über die 1964 verabschiedete Charta: „Dieser Richtlinie der Denkmalpflege zufolge ist jeder veränderte Zustand eines Kunstwerkes zu respektieren, die Beseitigung historischer Spuren wird abgelehnt.“ Aufgrund dieser weithin akzeptierten „Richtlinie“, die eher eine Regel ist als ein Gesetz, soll das marmorne Original (Bild 1), das in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges neben weiteren Zerstörungen ein auf dem Flyer zur Ausstellung zu sehendes Einschussloch in den Kopf erlitt, nicht weiter restauriert werden. Im Audioguide heißt es dazu, die „Wunde“ sähe aus, als wäre ein Kind mittels Kopfschuss ermordet worden.

Wiederum gibt der Audioguide die Meinung wieder, dass diese Zerstörungsstelle, da sie nicht inmitten des Gesichtes läge und damit den Gesamteindruck desselben nicht störe, zu erhalten sei, da dies eine Mahnung zu den durch den Zweiten Weltkrieg erlittenen Zerstörungen im Kunst- und Kulturbereich enthielte. Eine weitere im Audioguide vertretene Meinung ist, es läge nicht in der Intention des Künstlers, sein Werk als „Opfer des Faschismus“, an den im 17. Jahrhundert nicht zu denken war, zu stilisieren; vielmehr sei eine Wiederherstellung des Originals wünschenswert, da hierdurch die Schönheit der Skulptur und damit das Empfinden für die Proportionen des Barockzeitalters rekonstruiert werden könne.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Bogenschnitzender Amor, François Duquesnoy, Fotografie der Autorin.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Bogenschnitzender Amor, Gipsabguss, Fotografie der Autorin.

Da ein Gipsabguss des unversehrten Kunstwerkes (Bild 2) existiert, könnte das zerstörte Marmororiginal originalgetreu wiederhergestellt und damit für längere Zeit der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Andererseits könnte durch die Rekonstruktion der Eindruck eines zusammengestückelten Kunstwerkes entstehen, an dem der Großteil nicht mehr original aus Marmor besteht, sondern aus Gips, das marmoriert worden ist. Meine Idee wäre, lediglich das Einschussloch im Original restauratorisch zu behandeln, da die übrigen Zerstörungen aus dem gleichen Ereignis ebenfalls die Sprache eines kulturellen „Opfers des Faschismus“ sprächen.

Während die Restauratoren in Berlin um die Würde der im Krieg zerstörten Kunstwerke diskutieren und die Charta von Venedig als Hindernis in ihrer Arbeit begreifen, ergibt sich für die hessische Denkmalschutzbehörde bei der Einhaltung der Richtlinien offenbar keine Problematik: Laut Andrea Hampels Festschrift „50 Jahre Charta von Venedig –aktuell oder veraltet?“ können in der größten Stadt Hessens, Frankfurt am Main, sämtliche Artikel zum Denkmalschutz aufgrund des Einganges in die hessische Gesetzgebung verwirklicht werden.

Darin liegt die politische Doppelbödigkeit der Charta von Venedig von 1964; während sie in den alten Bundesländern Eingang gefunden hat, ist ihre Bedeutung in den neuen Bundesländern, zu denen ich auch Berlin zähle, geringer – hier besteht meine mittelbare Erfahrung darin, dass mit dem Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche, der Potsdamer Garnisonkirche, des Potsdamer und des Berliner Schlosses ein Teil der deutschen Geschichte städtebaulich dekonstruiert wird. Was noch schlimmer wiegt: Die Existenz der DDR wird negiert, so dass in den Generationen, die keine Erfahrung mit der deutschen Teilung gemacht haben, diese entweder nicht mehr realisiert wird oder eine 40jährige Lücke in der Städtebaugeschichte Berlins und der neuen Bundesländer entsteht. Das mag zur Wendezeit von der Bundesregierung, den Politikern, die aus den alten Bundesländern kommend, ihre Karriere in Sachsen und Thüringen vollendeten, und den Bürgern der ehemaligen DDR politisch gewollt gewesen sein, jedoch denke ich, dass durch die Dekonstruktion der Errungenschaften der DDR nicht nur die Erinnerung an die kommunistische Diktatur dem Vergessen anheimgegeben wird; vielmehr wird den Ostdeutschen ein Teil ihrer Geschichte – und damit das Verständnis ihrer Mentalität und Identität – genommen.

Mag der von den Bürgern unterstützte Aufbau der Dresdner Frauenkirche aus ihren Trümmern, die zu DDR-Zeiten als Mahnmal an den Dresdner Feuersturm an deren Stelle in der Altstadt lagen, meinem Vorschlag einer halben Rekonstruktion der Amor-Statue ähneln, so gleicht der von der Brandenburger Regierung beschlossene Wiederaufbau des Potsdamer Stadtschlosses und der Garnisonkirche an leeren Stellen des Stadtgebietes dem Vorschlag, die fehlenden Teile der Amor-Statue mittels Gips nachzuformen und an das Original anzubringen, denn bei der Nachbildung dieser Gebäude handelt es sich um Neubauten, die teilweise gegenüber dem Zweck der Vorgängerbauten entfremdet werden. Der von der Bundesregierung unter Helmut Kohl beschlossene Neubau des Berliner Schlosses an alter Stelle, an der zu Zeiten der DDR der Palast der Republik stand, hingegen ist gemäß der Charta von Venedig unstatthaft, denn hier wird eine Kopie zu Gänze als Original verkauft.

Die modernen „Kunstwerke“ im ehemaligen West-Berlin jedoch bleiben bestehen, obgleich ihre umweltpolitischen Probleme durch die Verwendung von Asbest die gleichen sind wie die der Errungenschaft des „Arbeiter-und-Bauern-Staates“; im Gegenteil: Das in den 1970er Jahren errichtete ICC soll entkernt, der Denkmalschutz-Richtlinie von Venedig gemäß rekonstruiert und als Kongresszentrum wiedereröffnet werden.

[...]

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Von Sinn und Unsinn der Charta von Venedig. Überlegungen zur Ausstellung „Das verschwundene Museum“
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Nordeuropa-Institut)
Veranstaltung
VK: Skandinavische Kultur und Geschichte im Museum
Note
unbenotet
Autor
Jahr
2015
Seiten
9
Katalognummer
V308442
ISBN (eBook)
9783668065413
Dateigröße
878 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Der Essay ist „insgesamt gut gelungen und wirft einige interessante Diskussionspunkte auf“.
Schlagworte
1964, Charta von Venedig, Ausstellungen, Bode-Museum, Museums-Insel Berlin, Restaurieren, Restaurierung, Zweiter Weltkrieg, Kunstwerke der Renaissance, Kunstwerke des Barock, Denkmalschutz, Frauenkirche, Garnisonskirche, Berliner Stadtschloss, Palast der Republik, ICC, Städtebaugeschichte, Wende-Zeit, Dekonstruktion, Zweckentfremdung von Nachbildungen, Zahi Hawass, Ägypten, Nofretete, Hattuscha, Türkei, Tourismus, Unterhaltung
Arbeit zitieren
Petra Rodloff (Autor), 2015, Von Sinn und Unsinn der Charta von Venedig. Überlegungen zur Ausstellung „Das verschwundene Museum“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/308442

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