Ausgehend von im Zweiten Weltkrieg zerstörten und später restaurierten Objekten, die zwischen dem 19.03. und 27.09.2015 im Bode-Museum ausgestellt wurden, beleuchtet dieser Essay sowohl die Möglichkeiten der Restaurierung von Kunstwerken als auch das Fehlen einer Bestimmung zum politisch gewollten Wiederaufbau städtebaulicher Kennzeichen in Dresden, Berlin sowie Potsdam in der 1964 aufgestellten Charta von Venedig. Laut dieser Richtlinie ist – streng genommen – der Wiederaufbau von Dresdner Frauenkirche, Berliner Stadtschloss und der Garnisonskirche in Potsdam nicht gestattet, da Kunstwerke auch in ihrer zerstörten Form erhalten bleiben sollen. Gerade diese Bestimmung der Charta von Venedig wird in der Ausstellung „Das verschwundene Museum“ im Berliner Bode-Museum kritisch problematisiert.
Inhaltsverzeichnis
Auf politischem Doppelboden
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Spannungsfelder und die politische Ambivalenz der Charta von Venedig (1964) im Kontext moderner Restaurierungspraktiken und städtebaulicher Rekonstruktionen in Deutschland.
- Kritische Auseinandersetzung mit der Charta von Venedig
- Restaurierung von kriegsgeschädigten Kunstwerken
- Politischer Umgang mit historischen Denkmälern
- Verhältnis von Originalität und Rekonstruktion
- Implikationen für das kulturelle Gedächtnis
Auszug aus dem Buch
Auf politischem Doppelboden
In der Ausstellung „Das verschwundene Museum“, die sich dem interessierten Besucher zwischen 19. März 2015 und 27. September 2015 im Berliner Bode-Museum auf der Museumsinsel eröffnet, werden nicht nur Kunstwerke aus Renaissance und Barock, die den Zweiten Weltkrieg und die in den 1950ern erfolgende Restitution durch die Siegermächte versehrt überstanden haben, gezeigt, sondern auch über die (Un-) Möglichkeiten einer Restaurierung und Veröffentlichung derselben kontrovers diskutiert.
Am Beispiel der von François Duquesnoy vor 1629 geschaffenen Skulptur des „Bogenschnitzenden Amor“ entzündet sich die Diskussion über den Sinn der Charta von Venedig. Auf der Ausstellungstafel „IV Restaurieren – Wozu?“ heißt es über die 1964 verabschiedete Charta: „Dieser Richtlinie der Denkmalpflege zufolge ist jeder veränderte Zustand eines Kunstwerkes zu respektieren, die Beseitigung historischer Spuren wird abgelehnt.“ Aufgrund dieser weithin akzeptierten „Richtlinie“, die eher eine Regel ist als ein Gesetz, soll das marmorne Original (Bild 1), das in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges neben weiteren Zerstörungen ein auf dem Flyer zur Ausstellung zu sehendes Einschussloch in den Kopf erlitt, nicht weiter restauriert werden. Im Audioguide heißt es dazu, die „Wunde“ sähe aus, als wäre ein Kind mittels Kopfschuss ermordet worden.
Wiederum gibt der Audioguide die Meinung wieder, dass diese Zerstörungsstelle, da sie nicht inmitten des Gesichtes läge und damit den Gesamteindruck desselben nicht störe, zu erhalten sei, da dies eine Mahnung zu den durch den Zweiten Weltkrieg erlittenen Zerstörungen im Kunst- und Kulturbereich enthielte. Eine weitere im Audioguide vertretene Meinung ist, es läge nicht in der Intention des Künstlers, sein Werk als „Opfer des Faschismus“, an den im 17. Jahrhundert nicht zu denken war, zu stilisieren; vielmehr sei eine Wiederherstellung des Originals wünschenswert, da hierdurch die Schönheit der Skulptur und damit das Empfinden für die Proportionen des Barockzeitalters rekonstruiert werden könne.
Zusammenfassung der Kapitel
Auf politischem Doppelboden: Das Kapitel analysiert anhand von Fallbeispielen und der Ausstellung „Das verschwundene Museum“ die kontroverse Anwendung der Charta von Venedig auf kriegsbeschädigte Kunstwerke und politische Denkmäler.
Schlüsselwörter
Charta von Venedig, Denkmalschutz, Restaurierung, Bode-Museum, Bogenschnitzender Amor, François Duquesnoy, Rekonstruktion, Kulturgut, Zweiter Weltkrieg, politische Doppelbödigkeit, Kunstgeschichte, Städtische Identität, Historische Spuren, Museologie, Denkmalpflege
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Wirksamkeit und den ethischen Dilemmata der Charta von Venedig im Kontext des Umgangs mit kriegsbeschädigten Kunstwerken und historischen Bauten in Deutschland.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Schwerpunkte liegen auf der Restaurierungsethik, dem Spannungsfeld zwischen Erhalt und Zerstörung von Kulturgütern sowie der politischen Instrumentalisierung von Architektur und Denkmälern.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die „politische Doppelbödigkeit“ der Charta von Venedig aufzudecken und zu hinterfragen, ob die strikte Befolgung dieser Richtlinien in der modernen Praxis noch zeitgemäß ist.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Die Autorin nutzt eine analytische Herangehensweise, bei der konkrete Fallbeispiele (z. B. eine Skulptur, historische Gebäude) analysiert und mit den theoretischen Vorgaben der Charta sowie aktuellen politischen Debatten in Beziehung gesetzt werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil thematisiert die Restaurierungsdebatte am „Bogenschnitzenden Amor“, die städtebauliche Rekonstruktionspolitik in Berlin und den neuen Bundesländern sowie die Kritik an der Zweckentfremdung von Nachbildungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Kernbegriffe sind insbesondere Charta von Venedig, Denkmalpflege, politische Doppelbödigkeit, Restitution, Rekonstruktion und das kulturelle Erbe der DDR.
Wie bewertet die Autorin den Umgang mit der Amor-Statue?
Die Autorin plädiert dafür, das Einschussloch restauratorisch zu behandeln, anstatt es als Mahnmal zu erhalten, da dies die Ästhetik des Werks stört und die Intention des Künstlers überlagert.
Inwieweit sieht die Autorin die DDR-Geschichte gefährdet?
Sie argumentiert, dass durch die konsequente Dekonstruktion ostdeutscher Errungenschaften und Gebäude ein Teil der ostdeutschen Identität und Geschichtserfahrung verloren geht.
Was kritisiert die Autorin an modernen Gebäuden?
Sie kritisiert die ungleiche Behandlung von Denkmälern, bei der etwa das ICC in West-Berlin gemäß der Charta rekonstruiert werden soll, während andere historische Zeugnisse vollständig ersetzt werden.
- Citar trabajo
- Petra Rodloff (Autor), 2015, Von Sinn und Unsinn der Charta von Venedig. Überlegungen zur Ausstellung „Das verschwundene Museum“, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/308442