Die Hiob-Thematik in der Literatur des Mittelalters. Hartmanns von Aue „Der arme Heinrich“ und das biblische Buch „Ijob“ im Vergleich


Hausarbeit, 2008
17 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Die Gestalten Heinrich und Hiob im direkten Vergleich
1.1 Der Arme Heinrich
1.2 Hiob

2. Leiden als Strafe, Prüfung oder Aufruf zur Umkehr
2.1 Hiobs Leid als Prüfung und als Mittel für die Zíele Gottes?
2.2 Heinrichs Leid und mögliche Ursachen

3. Das Malum an sich
3.1 Hiobs Schicksalsschläge
3.2 Heinrichs Krankheit und ihre Folgen
3.3 Vergleichbare Textstellen

4. Die Annahme des Leids und die darauf folgende Erlösung
4.1 Hiobs Annahme und Erlösung
4.2 Heinrichs Annahme und Erlösung

5. Das Eingreifen Gottes - Erwiesene Tatsache oder Interpretation?

6. Heinrich: Gegenfigur oder Vergleichsfigur zu Hiob?

7. Literaturverzeichnis

Texte

Forschungsliteratur

Einleitung

Die Hiob-Thematik wurde in der Literatur im Laufe der Zeit immer wieder aufgegriffen und neu interpretiert. Zum Beispiel Johann Wolfgang von Goethe verwendete den Hiob- Stoff in seinem Faust. Im “Prolog im Himmel” wetten, ähnlich wie auch in der “Himmelsszene” im Hiob, Gott und Mephisto um die Seele eines einzelnen Menschen. In beiden Werken triumphiert zuerst der Teufel über Gott; im Hiob durch das Unglück, im Faust durch das Glück. Doch sowohl im Buch Hiob, als auch im “Armen Heinrich” siegt letztendlich Gott. Auch Josef Roth behandelt die Thematik in seinem 1930 erschienenen Werk: “Hiob. Roman eines einfachen Menschen”. In ihm wird dargestellt, wie sich ein Mensch, weil seine Kinder erkranken, von Gott abwendet und durch die wundersame Heilung der Kinder wieder zu seinem Glauben an Gott zurückfindet. Bertolt Brecht beschäftigte sich ebenfalls mit der Hiob-Thematik, allerdings wird sein Werk “Der Blinde” oft als ‘Anti-Hiob’ interpretiert.

Doch auch schon im Mittelalter beschäftigten sich Autoren häufig mit dieser umstrittenen Thematik. So auch Hartmann von Aue. Er vergleicht in seinem Werk “Der Arme Heinrich” seinen Protagonisten Heinrich an den Wendepunkten seines Werks mit Hiob. Augenscheinlich ist, dass “beide Werke […] das Schicksal des Helden auf drei Stufen [zeigen]: reich [und glücklich] am Anfang […] - [krank, vom Schicksal gebeutelt,] verlassen, unverstanden, angeklagt - gerettet und gesegnet nach der Demütigung unter Gottes Willen.”[1] In der folgenden Arbeit wird die Figur des Armen Heinrichs mit der biblischen Figur Hiob verglichen. Es werden Unterschiede und Analogien zwischen den beiden Erzählungen und den beiden Hauptfiguren aufgezeigt. Dies geschieht sowohl auf inhaltlicher Basis, als auch auf sprachlicher: Inhaltlich wird verglichen, wie die Figuren charakterisiert werden, wie und vor allem aus welchen Gründen sie vom Schicksal ereilt werden, wie sie darauf reagieren und wie sie am Ende für ihr Leid entschädigt werden. Auf der sprachlichen Ebene wird aufgezeigt, dass die Verfasser beider Werke ähnliche oder sogar dieselben Bilder verwenden. Des weiteren wird beleuchtet, an welchen Stellen Gott direkt eingreift, wo das Eingreifen Gottes lediglich vom Erzähler als Tatsache dargestellt wird, und wo die Hauptfigur ein Eingreifen Gottes nur annimmt.

1. Die Gestalten Heinrich und Hiob im direkten Vergleich

1.1 Der Arme Heinrich

Der Großherr Heinrich wird dem Leser gleich zu Beginn des Textes, nachdem sich der Erzähler vorgestellt hat, mit einer Aufzählung all seiner vorzüglichen Eigenschaften beschrieben: Von Vers 29 bis 46 wird uns ein noch namenloser Grundherr, “ze Swâben gesezzen” (V. 31) vorgestellt, “an dem enwas vergezzen/ deheiner der tugent“ (V. 33). Hartmann erwähnt, dass es sich um einen “ritter in seiner jugent” (V. 34) handelt, welcher “volle[s] lobe” (V. 35) genießt, und von welchem “in allen den landen” (V. 37) “alsô wol” (V. 36) gesprochen wird, wie von keinem anderen. Des weiteren zeigt Hartmann auf, dass sowohl “sîn habe” (V. 41), als auch “sîn geburt” (V. 42) den “vürsten gelîch” (V. 43) sei. In Vers 47 wird von der Anonymität abgelassen und dem Leser nun endlich der Name und die Herkunft dieses tugendhaften Mannes genannt: “er hiez der herre Heinrich/ und was von Ouwe geborn”.

Im weiteren bestätigt Hartmann das, was “in allen den landen” über Herrn Heinrich gesagt wird[2]: “sîn herze hâte versworn/ valsch und alle dörperheit” (V. 50 f).

Ohne genauer auf sein Leben einzugehen beschreibt Hartmann dem Leser die Vollkommenheit von Heinrichs Leben, denn “âne alle misewende/ stuont sîn êre und sîn leben” (V. 54 f), er genießt in vollem Maße die “werltliche[] êre[ ]” (V. 57) und kann diese “mit aller hande reiner tugent” (V. 59) noch steigern.

In einer sehr bildlichen, metaphorischen Sprache berichtet Hartmann von der “jugent” (V. 60), der “werltvreude” (V. 61), seiner “triuwe” (V. 62) und “zuht” (V. 63).

Im Folgenden wird sein soziales Engagement und sein Gerechtigkeitssinn erwähnt, indem er als “der nôthaften vluht” (V. 64), “ein schîlt sîner mage” (V. 65), “der milte ein glîchiu wâge” (V. 66) und als “des râtes brücke” (V. 70) beschrieben wird. Alles in allem kann man sagen, ist Heinrich “hövesch unde wîs” (V. 74).

Mit Vers 75 beginnt nun schließlich die Beschreibung seines Falls von dem “vroeliche[n] muot[ ]“ (V. 78) und der größten “werltliche[n] wünne” (V. 79) in die Krankheit und deren Folgen. Die Wendung wird auch in der Wortwahl Hartmanns deutlich, denn während die Hauptfigur noch in Vers 75 als “herre Heinrich” bezeichnet wird, wird sie am Ende der Passage, welche die grauenhaften Auswirkungen der Krankheit beschreibt, in Vers 133 als “der arme Heinrich” tituliert.[3]

1.2 Hiob

Im Buch Hiob wird “offenbar bewusst von einer geschichtlichen Einordnung ab[gesehen], um von vorn herein zu zeigen, “dass es nicht um eine bestimmte geschichtliche Gestalt geht, sondern um die Existenz des Menschen überhaupt.”[4]

Davon abgesehen wird die Figur des Hiob, wie die Figur des Heinrich, ähnlich idealisierend dargestellt. Er wird als “vir ille simplex et rectus ac timens Deum et recedens a malo”

(Hi 1,1) beschrieben.[5] Das Glück und die Erfüllung in Hiobs Leben werden durch den Kinderreichtum ausgedrückt, welcher im Alten Testament ein eindeutiges Zeichen für die Gnade Gottes ist: “Natique sunt ei septem filii et treu filiae.” (Hi 1,2) Aufgrund seiner Frömmigkeit konnte er schon großen Reichtum ansammeln[6], welcher vor allem in Hi 1,3 durch die Aufzählung seines Viehbestandes und der Erwähnung seiner großen Dienerschaft beschrieben wird. Des weiteren wird die Lebensweise seiner Familie beschrieben: Sie führen ein glückliches und sorgenfreies Zusammenleben. Seine Söhne laden einer nach dem anderen die gesamte Familie zu Festmahlen ein. Doch in dem ganzen Überfluss und Glück vergisst Hiob nie, Gott dafür zu danken und zu dienen: “mittebat ad eos Iob et sanctificabat illos [et] offerebat holocausta pro singulis. Dicebat enim: ‘Ne forte peccaverin filii mei et benedixerint Deo in cordibus suis’ ” (Hi 1,5).

So wie Heinrich, wie oben schon erwähnt “der notaften vluht” (V. 64) war, so wird über Hiob gesagt: “eo quod liberassem pauperem vociferantem et pupillum, cui mon esset adiutor.” (Hi 29,12) und “Pater eram pauperum et causam viri ingnoti diligentisissime invetigabam” (Hi 29,16). Während Heinrich als “der milte ein glîchiu wâge” (V. 66) bezeichnet wird, wird über Hiob geschrieben: “appendat me in statera iusta et sciat Deus interitatem meam.” (Hi 31,6). Eine weitere Parallele findet sich zwischen dem Vers 70 im “Armen Heinrich”: “er was des râtes brücke” und dem Kapitel 29 Vers 21/22 im Buch Hiob: “Qui me audiebant, blandiebantur et intenti tacebant ad consilium meum. Verbis meis addere nihil audebant, et super illos stillagt eoquium meum.” Auch Ansehen und Stellung in der Gesellschaft betreffend, sind vergleichbare Aussagen über die beiden Figuren fest zu machen, denn so wie Heinrich “vor al sîn künne geprîset unde gêret”(V. 80 f) wird, so wird auch die Position Hiobs ähnlich beschrieben: “ Si voluissem ire ad eos, sedebam primus; cumque sederem, quasi rex, circumstante exercitu, eram tamen maerentium consolator.”

( Hi 29,25)[7]

2. Leiden als Strafe, Prüfung oder Aufruf zur Umkehr

2.1 Hiobs Leid als Prüfung und als Mittel für die Ziele Gottes?

Bei der Diskussion dieser problematischen Frage wird im Folgenden zuerst die Geschichte Hiobs beleuchtet, denn ihre Darstellung ist eindeutiger, vor allem was das Eingreifen Gottes bzw. des Teufels betrifft und die Gründe dafür.

Hier wird ganz deutlich erzählt, warum Hiob das Leid ertragen muss: In der Himmelsszene versammeln sich alle Gottessöhne vor Gott, unter ihnen auch der Satan. Satan ist in diesem Zusammenhang nicht der “‘teuflische Gegenspieler’ Gottes”[8], sondern mehr Beobachter, Kritiker und in gewisser Weise auch Verachter der Menschen. Gott erwähnt bei diesem Zusammentreffen ganz gezielt Hiob, um den Satan zu provozieren, und um ihm nahe zu legen, seine Meinung, die Menschen betreffend, zu ändern. Der Satan lässt sich davon allerdings nicht beeindrucken, da seiner Meinung nach nicht viel dazu gehöre, fromm zu sein, wenn es einem so gut geht, wie Hiob und dass dieser, wenn Gott ihm sein Wohlwollen entzieht nicht mehr so rechtschaffend leben werde. Mit dieser Aussage provoziert der Satan nun Gott. Dieser lässt sich herausfordern und will durch eine Wette beweisen, dass Hiob ihn um seiner selbst willen ergeben ist und nicht um seiner Güte willen. Und somit legt Gott das Schicksal Hiobs in die Hand Satans, welcher Hiob daraufhin mit einem Schicksalsschlag nach dem anderen heimsucht.

Es ist also ganz eindeutig, dass Hiob ein unsündiger und frommer Mensch ist, denn sonst hätte ihn Gott nicht für seine Wette ausgewählt, dass also das Leiden Hiobs nicht als Strafe, sondern als Prüfung gedacht ist.

Auch wenn es auf den ersten Blick so erscheinen mag, ist hier das Leiden Hiobs nicht Willkür Gottes oder gar zwecklos, denn es dient dazu, dass einer der “Gottessöhne” seine schlechte und falsche Meinung den Menschen gegenüber revidiert.[9] Gott setzt sein absolutes Vertrauen in Hiob.

2.2 Heinrichs Leid und mögliche Ursachen

Im “Armen Heinrich” gestaltet sich die Suche nach der Ursache für seinen Aussatz bei weitem schwieriger, denn auch wenn der Text eine mögliche Antwort auf die Frage der Ursache gibt, wäre es falsch, diese als die einzig wahre anzunehmen.

Ein direktes Eingreifen Gottes wird von Hartmann von Aue hier nicht beschrieben.

Nach mittelalterlicher Ansicht liegt jedoch immer ein Vergehen des Menschen zu Grunde, wenn dieser von Krankheiten, wie von der “miselsuht” befallen wird.

Hartmann bietet zwei Vergleichsfiguren an: Absalom und Hiob; ein Vergleich, der unter Umständen Verwirrung stiften kann, aber kontextbezogen nicht unbedingt einen Widerspruch darstellen muss, denn in Bezug auf Absalom, wird hier nur auf dessen Schönheit und Ansehen in der Gesellschaft angespielt, um die Fallhöhe zu veranschaulichen und nicht auf das Selbstverschulden seines Schicksals: “an im war erzeiget,/ als ouch an Absalône,/ daz diu üppige krône/ werltlicher süeze/ vellet under vüeze/ ab ir besten werdekeit,/ als uns diu schrift hat geseit.” (V. 84 ff)

Der Vergleich mit Hiob hat allerdings mehr Tiefe, denn an allen Eck- bzw. Wendepunkten werden die Schicksale der beiden Figuren Heinrich und Hiob und ihre Reaktionen darauf gegenübergestellt.

In Vers 126 ff wird zum ersten Mal eine Verbindung zwischen den beiden Figuren hergestellt und auf ihr gemeinsames Schicksal verwiesen: “und wart nû als unmeaere/ das in niemen gerne ane sach:/ als ouch Jôbe geschach/ dem edeln und dem rîchen,/ der vil jaemerlîchen/ dem miste wart ze teile/ iemitten in sînem heile.”

Gleich im Anschluss wird allerdings auf den grundsätzlichen Unterschied zwischen den beiden Figuren bei der Annahme ihres Schicksals hingewiesen:

“Dô der arme Heinrich/ von êrste verstuont sich/ daz er der werlte widerstuont/ als alle sîne gelîchen tuont./ dô schiet in sîn bitter leit/ von Jôbes geduldikeit./ wan ez leit Jôb der guote/ mit geduldigem muote,/ dôz im ze lîdenne geschach/ durch der sêle gemach/ den siechtuom und die swacheit/ die er von der werlte leit:/ des lobete er got und vreute sich./ dô tete der arme Heinrich/ leider niender alsô:/ er was trûric und unvrô.”

(V 133 ff)

Die nächste und letzte Gegenüberstellung der beiden Figuren erfolgt bei der Heilung. An dieser Stelle wird “der Vergleich mit Hiob auf Heinrich und das ’Mädchen’ ausgedehnt.”[10]:

“do erkande ir triuwe und ir nôt/ cordis speculator./ vor dem deheines herzen tor/ vürnames niht beslozzen ist./ sît er durch sînen süezen list/ an in beiden des geruochte/ daz er sî versuochte/ rehte alsô volleclîchen/ sam Jôben den rîchen,/ dô erzeigte der heilic Krist/ wie liep im triuwe und bärmde ist/ und schiet sî dô beide/ von allem ir leide/ und machete in dâ zestunt/ reine unde wol gesunt. (V. 1356 ff)

Doch trotz der Vergleiche an den Wendepunkten darf nicht davon ausgegangen werden, dass die Geschichten auch in anderen Punkten übereinstimmen.

Wenn es um die Kausalitäts-Frage geht, also warum Heinrich vom Aussatz befallen wurde, lässt sich nicht so einfach wie bei Hiob sagen, dass es sich um eine Prüfung Gottes handelt. Denn auch wenn einzelne Aussagen immer wieder auf den Prüfungscharakter hinweisen, wie zum Beispiel der eben erwähnte Ausdruck ‘cordis speculator’, welcher mit “ ‘Erforscher’, ‘Späher’, ‘Kundschafter’, ’Prüfer des Herzens’”[11] übersetzt werden kann, erwähnt der Erzähler wohl ganz bewusst diesen Grund nicht konkret.

Vielleicht wollte Hartmann durch die eben genannten Vergleiche mit Hiob erreichen, dass der Leser auch eine identische Handlungsauslösung oder zumindest die identische Schuldlosigkeit annimmt.

Denn von einer solchen geht der Leser zumindest beim ersten Lesen des Textes aus, bis Heinrich zu überlegen anfängt, warum er vom Aussatz befallen ist und selbst eine Lösung anbietet:

“ich hân den schemelîchen spot/ vil wol gedienet umbe got./ wan dû saehe wol hie vor,/ das hôch offen stuont mîn tor/ nâch werltlîcher wünne/ und daz niemen in sînem künne/ sînen willen baz hete dan ich:/ und was daz doch unmügelich,/ wan ich in het mit vrevil gar./ dô nam ich sîn vil kleine war,/ der mir daz selbe wunschleben/ von sînen gnâden hete gegeben/ daz herze mir dô alsô stuont,/ als alle werttôren tuont,/ den daz raetet ir muot,/ daz si êre unde guot/ âne got mügen hân. (V. 383 ff)

Dieses Schuldeingeständnis Heinrichs darf jedoch nicht als die endgültige Antwort gesehen werden, denn es ist lediglich eine Vermutung seinerseits und wird vom Erzähler nicht eindeutig als Tatsache dargestellt.

Zudem muss man festhalten, dass Heinrich diese Aussage macht, als es ihm schon sehr schlecht geht und er verzweifelt nach einem Grund für sein Leid sucht. Diese Aussage ist also keineswegs objektiv, sondern möglicherweise seiner depressiven Stimmung entsprungen.

Dass Heinrich den Grund für seine Krankheit bei sich selbst sucht, ist auf die Theologie des Mittelalters zurückzuführen, denn diese vertritt die Meinung, dass das Leid eine Folge der Sünde ist.[12] Mitunter bestimmt auch deswegen, weil sich Schicksalsschläge, wie Krankheiten oder Naturkatastrophen, damals nicht wissenschaftlich erklären ließen. Ob Hartmann von Aue nun auch diese Einstellung teilte, wissen wir nicht mit Sicherheit, wir können allerdings davon ausgehen, da auch er ein ‘Kind seiner Zeit’ war. Da man also keine konkrete, schwere Sünde in Heinrichs Leben festmachen kann, muss man an der Stelle festhalten, dass im Mittelalter auch “die reine Willensschuld, auch wenn sie gar nicht zur Tat führt,”[13] eine Sünde ist.

Auch darf der Glaube an die Erbsünde nicht außer Acht gelassen werden, “denn der Mensch ist nach christlicher Theologie […], seit dem Tag seiner Geburt, [ein Sünder]. Denn die Erbsünde ist [nach christlicher Lehre] nicht nur das Verhängnis, in das der einzelne hineingeboren wird, sondern die vorausliegende Schuld, die jeder alsbald durch seine eigenen Taten “ratifiziert”. Nicht weil Heinrich also ein besonderer Sünder wäre, ereilt ihn die Krankheit, sondern weil er ein Sünder ist wie jeder andere: Heinrich trifft das Leid, weil es jeden treffen könnte.”[14]

Diese Ansicht steht allerdings in Konkurrenz mit den zahlreichen Hiobvergleichen, welche ganz eindeutig auf eine gewisse Auserwähltheit hindeuten.

Wenn man nun davon ausgeht, dass Heinrich vor dem Ausbruch seiner Krankheit nicht gesündigt hat, muss man feststellen, dass ihn seine Krankheit zur Sünde getrieben hat. Er wollte das Leben des Mädchens für das seine opfern. - Man denke hierbei an die eben erwähnte Willensschuld. Man könnte also auch sagen, dass Heinrich “mit der Krankheit vorausbestraft [wurde] für eine Sünde, die er erst in ihrem Verlauf begehen sollte”[15].

Ein weiterer Interpretationsansatz ist, “dass Heinrich sich durch sein schweres Leiden ein schwereres erspart hat: Leiden mithin als ‘heilsame Strafe’”[16], wenn man die Tatsache mit einbezieht, dass die Menschen zu dieser Zeit noch annahmen, dass “der Aussatz noch ein geringes Übel wäre, gemessen an dem, was den Menschen wegen seiner zahllosen Sünden im Fegfeuer erwartet.”[17]

Ein weiterer wichtiger Ansatzpunkt ist auch, dass im Christentum nicht grundsätzlich die Maxime gilt, dass es dem Guten, gut ergeht und dem Schlechten schlecht. Denn das würde zu der Folgerung führen, dass alle Menschen, denen es gut geht, auch wirklich gute Menschen sind und diese Aussage widerlegen sowohl der reine Menschenverstand, die menschliche Erfahrung, als auch die Bibel : “Facilius est camelum terforamen acus transire quam divitem intrare in regnum Dei.“(Mc 10,25)

Hierbei darf man nicht vergessen, dass Gott nicht (nur) im Diesseits richtet, sondern dass den Sündigen das Fegefeuer oder die Hölle im Jenseits bevorsteht.

Ein wieder anderer Lösungsvorschlag wäre, dass Gott durch solche Schicksalsschläge Menschen nur auf den richtigen Weg bringen möchte, denn es liegt in ihrer Hand das Schlechte ins Gute zu wandeln, wie auch schon Elihu im Buch Hiob anklingen ließ, dass das “Leiden ein Erziehungsmittel zur Warnung und Besserung”[18] sei.

Auch in der Psychosomatik wird davon ausgegangen, dass Menschen dann von Krankheiten befallen werden, wenn sie vom ‘richtigen Weg’ abgekommen sind. Durch Krankheiten sollen sie entweder zur Ruhe kommen um ihre Lebenssituation zu überdenken oder sie werden gar gezwungen, ihre Vorhaben aufzugeben oder zu ändern.

Häufig setzen Menschen, die schwer erkranken, in ihrem Leben andere Prioritäten oder sie fühlen sich aufgerufen mehr für ihre persönliche, beziehungsweise geistige Entwicklung zu tun, anstatt sich immer nur um ihre materiellen Güter, ihre Machtbestrebungen oder oberflächlichen Vergnügungen zu kümmern. Außerdem werden sie von schweren Krankheiten dazu aufgerufen, sich mit existentiellen Fragen wie Einsamkeit, Tod, Gott oder dem Sinn des Lebens zu befassen und sie werden für das Leid anderer sensibilisiert. All dies sind Dinge, die auch das Christentum von uns verlangt. Somit würde dann wiederum ‘Schlechtes’ in ‘Gutes’ gewandelt und ein Reifungsprozess eingeleitet werden, der zur Vervollkommnung und Erfüllung als Mensch führt.

Am Beispiel des Armen Heinrich lässt sich ebenfalls erkennen, dass im Leben Heinrichs, auch wenn es vor der Krankheit scheinbar perfekt war, am Ende noch einmal eine Steigerung möglich war und letztendlich die wahre Erfüllung noch ausstand, welche sich durch die Heirat mit dem Mädchen und auch durch seine neu gewonnene Beziehung zu Gott ausdrückt.

“Die Frage nach dem ‘Warum’ (des ‘valles’) konnte der mittelalterliche Mensch leichter beantworten als der des 20.”[19], beziehungsweise des 21. Jahrhunderts. Ihm schien die Möglichkeit, dass die Selbstgerechtigkeit, eine “mildere Spielart der superbia”[20], die Sünde Heinrichs war, welche zur Krankheit führt am naheliegendsten.[21]

Eine eindeutige Antwort auf die Frage ‘Warum?’ werden wir wohl nie bekommen, genauso wenig wie auf die Theodizee-Frage generell, denn es gibt nur unzählige Vermutungen darüber.

Vielleicht war es auch im Sinne Hartmanns von Aue, dass wir beim Lesen des “Armen Heinrich” auf die Theodizee-Problematik stoßen. Vielleicht verschweigt er uns aber den wahren Grund für die Krankheit auch einfach deswegen, weil auch er ihn selbst nicht kennt.

[...]


[1] Glutsch, Karl Heinz. Die Gestalt Hiobs in der deutschen Literatur des Mittelalters. Diss. masch. Karlsruhe. 1972. S. 143.

[2] Vgl. Verweyen, Theodor. Der „Arme Heinrich“ Hartmanns von Aue. Studien und Interpretation. München.Wilhelm Fink Verlag 1970. S. 12.

[3] Vgl. Verweyen, Theodor. 1970. S. 14.

[4] Ebd. S. 9.

[5] An dieser Stelle ist ein „Unterschied zur christlichen Ära [zu erkennen, denn] der alttestamentliche Weise steht nicht im Kampf mit dem Bösen, er ist dem Bösen nicht feind ( wie der Christ es sein sollte, der eingespannt ist in das weltgeschichtliche Ringen zwischen Gott und Satan), sondern er hält sich einfach von ihm fern.“ in: Datz, Günther. Die Gestalt Hiobs in der Kirchlichen Exegese und der „Arme Heinrich“ Hartmanns von Aue. Hrsg. Von Ulrich Müller, Franz Hundsnurscher, Cornelis Sommer. Göppingen. Verlag Alfred Kümmerle 1973 (Göppinger Arbeiten zur Germanistik Nr. 108). S. 10.

[6] Vgl. Datz Günther. 1973. S. 10.

[7] Vgl. Glutsch, Karl Heinz. 1972. S. 107 f.

[8] Datz, Günther. 1973. S. 11.

[9] Vgl. Datz, Günther. 1973. S. 11.

[10] hiob in litt MA S. 105.

[11] Ebd. S. 115.

[12] Vgl. Datz, Günther. 1973. S. 219.

[13] Datz, Günther. 1973. S. 221.

[14] Ebd. S. 219.

[15] Ebd. S. 224.

[16] Ebd. S. 223.

[17] Ebd. S. 223.

[18] Datz, Günther. 1973. S. 17.

[19] Verweyen, Theodor. 1970. S. 20.

[20] Ebd. S. 20.

[21] vgl. ebd. S. 20.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die Hiob-Thematik in der Literatur des Mittelalters. Hartmanns von Aue „Der arme Heinrich“ und das biblische Buch „Ijob“ im Vergleich
Hochschule
Universität Regensburg  (Germanistik)
Veranstaltung
"Des Helden bester Freund". Gott als (Spiel)Figur in mittelhochdeutschen Erzähltexten
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
17
Katalognummer
V308449
ISBN (eBook)
9783668067424
ISBN (Buch)
9783668067431
Dateigröße
436 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Der arme Heinrich, Hiob, Gott, Leid
Arbeit zitieren
Dr. phil Sandra Herfellner (Autor), 2008, Die Hiob-Thematik in der Literatur des Mittelalters. Hartmanns von Aue „Der arme Heinrich“ und das biblische Buch „Ijob“ im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/308449

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