Da Kommunikation für die Möglichkeit sozialer Ordnung bei Luhmann wie auch bei Habermas eine zentrale Rolle in ihren Theorien einnimmt, liegt der Fokus in vorliegender Hausarbeit auf dem Kommunikationsbegriff.
Aber sind die Definitionen, die Funktionen und die Auffassungen der beiden komplett unterschiedlich oder lassen sich doch einige Gemeinsamkeiten erkennen?
Um diesen Unterschieden beziehungsweise Ähnlichkeiten in den theoretischen Konstrukten von Luhmann und Habermas auf den Grund zu gehen, werden beide einem Vergleich unterzogen. Zu Beginn werden die Gesellschaftstheoretiker kurz vorgestellt. Anschließend werden die Grundzüge ihrer Theorie grob veranschaulicht, um dann explizit auf den Kommunikationsbegriff einzugehen.
Nachdem alle theoretischen Gesichtspunkte berücksichtigt wurden, werden die zwei Auffassungen einander gegenüber gestellt, um die Überschneidungen und Differenzen klar darstellen zu können. Abschließend werden die wichtigsten Aspekte in der Reflexion auf den Punkt gebracht, um der Frage auf den Grund zu gehen, inwiefern und in welchen Gesichtspunkten sich die Auffassungen von Luhmann und Habermas unterscheiden beziehungsweise in welcher Hinsicht diese in eine ähnliche Richtung gehen .
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Zur Person Jürgen Habermas und der Theorie des kommunikativen Handelns
2.1 Grundstrukturen der Kommunikation
2.2 Kommunikatives Handeln
2.3 Lebenswelt und System: Zweistufiges Modell der Gesellschaft
3. Zur Person Niklas Luhmann
3.1 Luhmanns Theorie der sozialen Systeme
3.2 Kommunikation nach Luhmann
4. Vergleich der beiden Konzeptionen
5. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit zielt darauf ab, die soziologischen Theorien von Niklas Luhmann und Jürgen Habermas im Hinblick auf ihre unterschiedlichen Verständnisse von Kommunikation systematisch miteinander zu vergleichen, um Gemeinsamkeiten und fundamentale Differenzen aufzuzeigen.
- Grundlagen der Kommunikation nach Habermas (Geltungsansprüche und Sprechakte)
- Differenzierung zwischen System und Lebenswelt bei Habermas
- Systemtheoretische Grundlagen und Konstruktivismus bei Luhmann
- Kommunikation als Operation sozialer Systeme nach Luhmann
- Kritische Gegenüberstellung der theoretischen Ansätze
Auszug aus dem Buch
3.1 Luhmanns Theorie der sozialen Systeme
Luhmanns Intention war es, nicht nur Teilbereiche der Gesellschaft zu betrachten, sondern alle Bereiche der Gesellschaft zu untersuchen. Die Theorie ist aufgrund dieser Absicht ein enormes und äußerst abstraktes Konstrukt, weswegen nicht alle Aspekte dieser berücksichtigt werden können. In diesem Abschnitt werden alle Gesichtspunkte mit aufgenommen, die für das Verständnis von Kommunikation bei Luhmann von Bedeutung sind und es wird ein grober Überblick über seine Systemtheorie verschafft.
Luhmanns Systemtheorie erhebt laut eigenen Aussagen Universalitätsanspruch (vgl. Luhmann 1984: 33). Dies bedeutet, dass die Gesellschaft und ihre gesamten Teilbereiche und Tatbestände miteinbezogen werden (vgl. Berghaus 2004: 25). Einbezogen ist ebenfalls die gesamte Welt, da diese die Umwelt für die sozialen Systeme darstellt. Auch die Theorie selbst ist einbezogen, da diese auf sich selbst anwendbar und bezogen sein soll. Das „[…] impliziert Selbstreferenz in dem Sinne, daß die Systemtheorie immer auch den Verweis auf sich selbst als einen ihrer Gegenstände im Auge behalten muss […]“ (Luhmann 1984: 31). Luhmann betont jedoch, dass mit Universalität nur behauptet ist,
„[…] daß sich alle Tatbestände, im Falle der Soziologie alle sozialen Tatbestände, systemtheoretisch interpretieren lassen. Damit ist nicht gesagt, daß Systemtheorie die einzig mögliche oder die einzig richtige soziologische Theorie sei und daß andere Soziologen im Irrtum seien, wenn sie sich ihr nicht anschließen“ (Luhmann 1971: 378).
Um Luhmanns Systemtheorie zu verstehen, ist das Wissen notwendig, dass er nicht nur Systemtheoretiker, sondern auch Konstruktivist war. Systemtheoretiker deswegen, weil er die realen Systeme in der wirklichen Welt erkennen und beschreiben will. Konstruktivist, weil er annimmt, dass die Realität sich nur durch Unterscheidungen erkennen und beschreiben lassen kann, diese aber wiederum nicht Teil der Realität sind, sondern von einem Beobachter stammen, weswegen alle Realitätsbeschreibungen Konstruktionen sind (vgl. Berghaus 2004: 30).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Bedeutung der beiden Soziologen ein, stellt die Luhmann-Habermas-Kontroverse vor und definiert den Fokus der Arbeit auf den Kommunikationsbegriff.
2. Zur Person Jürgen Habermas und der Theorie des kommunikativen Handelns: Dieses Kapitel liefert eine biografische Einordnung von Habermas und erläutert seine Theorie, wobei die Grundstrukturen der Kommunikation und das Lebenswelt-System-Modell im Zentrum stehen.
2.1 Grundstrukturen der Kommunikation: Es werden Habermas' Geltungsansprüche (Wahrheit, Verständlichkeit, Wahrhaftigkeit, Richtigkeit) sowie die unterschiedlichen Arten von Sprechakten und Diskursen dargelegt.
2.2 Kommunikatives Handeln: Dieses Kapitel grenzt das kommunikative Handeln vom instrumentellen und strategischen Handeln ab und betont das Ziel der verständigungsorientierten Interaktion.
2.3 Lebenswelt und System: Zweistufiges Modell der Gesellschaft: Es wird der Zusammenhang zwischen Lebenswelt und kommunikativem Handeln erläutert sowie die Gefahr der System-Kolonialisierung der Lebenswelt thematisiert.
3. Zur Person Niklas Luhmann: Nach einer biografischen Skizze wird Luhmanns akademischer Werdegang beleuchtet, der maßgeblich durch die Systemtheorie geprägt ist.
3.1 Luhmanns Theorie der sozialen Systeme: Hier wird der systemtheoretische und konstruktivistische Ansatz erläutert, wobei die System-Umwelt-Differenz und die Autopoiesis als zentrale Konzepte dienen.
3.2 Kommunikation nach Luhmann: Kommunikation wird als Selektionsprozess von Information, Mitteilung und Verstehen definiert, wobei die Anschlussfähigkeit für die Selbstreproduktion sozialer Systeme entscheidend ist.
4. Vergleich der beiden Konzeptionen: Die Arbeit arbeitet die Inkompatibilität der Theorien heraus, insbesondere hinsichtlich des Systembegriffs, der Rolle der Subjekte und des Verständnisses von erfolgreicher Kommunikation.
5. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass trotz einiger berührender Themenfelder (wie der Produktion/Reproduktion durch Kommunikation) tiefgreifende wissenschaftstheoretische Differenzen zwischen den Ansätzen bestehen.
Schlüsselwörter
Soziologie, Niklas Luhmann, Jürgen Habermas, Kommunikation, Systemtheorie, Kritische Theorie, kommunikatives Handeln, soziale Systeme, Lebenswelt, Konsens, Autopoiesis, Konstruktivismus, Geltungsansprüche, Anschlussfähigkeit, Theorievergleich
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt einen systematischen Theorievergleich zwischen Niklas Luhmann und Jürgen Habermas, mit dem besonderen Fokus darauf, wie beide Soziologen den Begriff der Kommunikation definieren und verwenden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Systemtheorie von Luhmann sowie die Theorie des kommunikativen Handelns von Habermas, die beide jeweils einen unterschiedlichen Blick auf die gesellschaftliche Ordnung und menschliche Interaktion werfen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es zu untersuchen, wo Berührungspunkte und Diskrepanzen in den theoretischen Ansätzen der beiden Soziologen liegen, insbesondere in Bezug auf ihre Kommunikationsauffassungen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine komparative Methode, indem sie die theoretischen Konstrukte beider Denker anhand der einschlägigen Fachliteratur und deren Hauptwerke gegenüberstellt und kritisch analysiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Vorstellung der Personen und ihrer jeweiligen Theorien (Habermas' Lebenswelt und kommunikatives Handeln; Luhmanns Systemtheorie und autopoietische Kommunikation) sowie einen detaillierten Vergleich dieser Ansätze.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich am besten durch Begriffe wie Kommunikation, Systemtheorie, Kritische Theorie, Lebenswelt, Konsens und Anschlussfähigkeit beschreiben.
Wie unterscheidet sich das Verständnis von "Verstehen" bei den beiden Denkern?
Bei Habermas bedeutet Verstehen das Erreichen eines rationalen Einverständnisses oder Konsenses. Bei Luhmann hingegen ist Verstehen lediglich eine Selektion, die den Prozess der Kommunikation fortsetzt – eine inhaltliche Übereinstimmung ist dabei nicht erforderlich.
Warum betrachtet Luhmann Individuen nicht als Teil des sozialen Systems?
Luhmann argumentiert, dass soziale Systeme ausschließlich aus Kommunikation bestehen. Menschen bzw. psychische Systeme werden dabei als Teil der Umwelt des sozialen Systems betrachtet, da soziale Systeme nur durch kommunikative Operationen und nicht durch Handlungen von Personen existieren.
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- Anonym (Autor:in), 2015, Der Kommunikationsbegriff bei Niklas Luhmann und Jürgen Habermas. Ein Theorienvergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/308619