Dieser für ein Symposium verfasste Vortrag beschäftigt sich mit Wilhelm Lehmbrucks Porträtplastiken.
In der vorliegenden Analyse werden Lehmbrucks Plastiken nicht gemäß ihrer Entstehungschronologie untersucht, sondern erstmals nach ihrer Rolle und Funktion innerhalb des Werkes gruppiert. Dazu gliedert sich die Analyse in vier Teile: Selbstporträts und Porträts der Familie, Freundschaftsbildnisse, Auftragsbildnisse und Arbeiten nach dem Modell ohne Porträtcharakter.
Dabei ist vier wesentlichen Fragen nachzugehen: Welche gesicherten Selbstporträts gibt es von Lehmbruck? Welche plastischen Köpfe und Büsten stellen dezidiert Porträts dar? Wie sind die übrigen Köpfe und Büsten einzuordnen? Und welche Rolle und Funktion nehmen diese Arbeiten in Lehmbrucks plastischem Gesamtwerk ein?
Inhaltsverzeichnis
I. Einführung
II. Selbstporträts und Porträts der Familie
III. Freundschaftsbildnisse
IV. Auftragsbildnisse
V. Arbeiten nach Modell ohne Porträtcharakter
VI. Schluss
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle und Funktion der Porträtplastik innerhalb des Gesamtwerks von Wilhelm Lehmbruck, um die bisher vernachlässigte Systematik dieser Werkgruppe aufzuarbeiten und die Bedeutung der Köpfe und Büsten jenseits rein dokumentarischer Ansätze zu klären.
- Analyse der gesicherten Selbstporträts und ihrer künstlerischen Absichten.
- Untersuchung von Familien- und Freundschaftsbildnissen als Experimentierfelder für Techniken und Stile.
- Bewertung der Auftragsbildnisse im Kontext von Mäzenatentum und wirtschaftlichen Notwendigkeiten.
- Einordnung von Köpfen und Büsten, die als "pars pro toto" aus Großplastiken hervorgegangen sind.
- Dekonstruktion von Fehlinterpretationen, insbesondere der Identifizierung männlicher Idealfiguren als Selbstporträts.
Auszug aus dem Buch
III. Freundschaftsbildnisse
Die zweite zu behandelnde Werkgruppe sind die Freundschaftsbildnisse, von denen zwei exemplarisch besprochen seien. Das älteste heute bekannte Freundschaftsbildnis ist Lehmbrucks Porträt des Malers Heinrich Wettig von 1906, das wohl als Gegenstück zu dem drei Jahre zuvor von Wettig gemalten, repräsentativen Porträt von Lehmbruck entstanden ist [Abb. 10-11]. Wettig war Lehmbrucks Studienkollege an der Düsseldorfer Kunstakademie. Das gegenseitige Porträtieren dürfte den beiden jungen Künstlern nicht nur das Geld für Modelle erspart, sondern ihnen auch erlaubt haben, den Stand ihres Könnens zu dokumentieren sowie neue Ideen zu erproben.
In Wettigs Lehmbruck-Porträt ist der Bildhauer ohne seine traditionellen berufstypischen Attribute dargestellt. Stattdessen blickt er von einem Buch auf, in dem er die gerade gelesene Textstelle mit einem Finger markiert. Der Blick ist ebenso konzentriert und nachdenklich wiedergegeben wie in Lehmbrucks Selbstporträt von 1902. Demnach ging es Wettig hier nicht um die Darstellung von Lehmbrucks Tätigkeit – nämlich als Bildhauer –, sondern von dessen Wesen – nämlich als intellektueller und inspirierter Persönlichkeit. Damit trifft das Porträt ganz den Sinn von Lehmbrucks eigener Kunst, mit der er, wie er später sagte, „[…] präzis aus […] [dem] Material den geistigen Gehalt herauszuziehen“ versuchte. Bis heute ist dieses Gemälde das wichtigste überlieferte Porträt vom erwachsenen Lehmbruck.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einführung: Die Einleitung beleuchtet den Forschungsstand zu Lehmbrucks Porträtplastik und stellt die Dringlichkeit einer systematischen Untersuchung nach Rolle und Funktion heraus.
II. Selbstporträts und Porträts der Familie: Dieses Kapitel zeigt, wie Lehmbruck mittels privater Bildnisse verschiedene bildhauerische Techniken erprobte und familiäre „Denkmale des Glücks“ schuf.
III. Freundschaftsbildnisse: Es wird analysiert, wie der Künstler den Charakter befreundeter Zeitgenossen durch neue Stilmittel festhielt und dabei zugleich den Status seiner eigenen künstlerischen Entwicklung dokumentierte.
IV. Auftragsbildnisse: Hier werden die ökonomischen Zwänge und der Einfluss von Mäzenen wie Salomon Falk auf Lehmbrucks Schaffen thematisiert.
V. Arbeiten nach Modell ohne Porträtcharakter: Das Kapitel erläutert, wie sich bei bestimmten Köpfen und Büsten die individuelle Porträtfunktion zugunsten einer allgemeinen Darstellung der conditio humana auflöst.
VI. Schluss: Der abschließende Teil widerlegt aktuelle Thesen zur Identifizierung männlicher Hauptfiguren als Selbstporträts und fasst die neuen Werkgruppen zusammen.
Schlüsselwörter
Wilhelm Lehmbruck, Porträtplastik, Bildhauerei, Conditio humana, Selbstporträt, Familienbildnis, Freundschaftsbildnis, Auftragsbildnis, Expressionismus, Marmor, Gips, Idealfiguren, Denkmal des Glücks, Denker, Sinnende.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der systematischen Erschließung und Einordnung der Porträtplastiken von Wilhelm Lehmbruck hinsichtlich ihrer inhaltlichen Funktion und künstlerischen Rolle.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themenfelder umfassen die technische und stilistische Entwicklung im Bereich der Porträts, die soziale Einbettung durch Familien- und Freundschaftskreise sowie die wirtschaftliche Bedeutung von Auftragsarbeiten.
Was ist die zentrale Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage konzentriert sich darauf, welche Rolle und Funktion die Porträts, Köpfe und Büsten innerhalb von Lehmbrucks plastischem Gesamtwerk einnehmen und wie diese neu gruppiert werden können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin wählt eine thematische Gruppierung anstelle einer chronologischen Analyse, um die verschiedenen Motivationshintergründe (Experiment, Auftrag, Idealtypus) herauszuarbeiten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in vier spezifische Werkgruppen: Familien- und Selbstporträts, Freundschaftsbildnisse, Auftragsarbeiten sowie idealisierte Figuren ohne Porträtcharakter.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Neben dem Namen des Künstlers sind Begriffe wie conditio humana, Porträtplastik, Ausdruck, Materialität und die Unterscheidung von Typus und Porträt essentiell.
Warum lehnt die Autorin die Interpretation von Hauptfiguren als Selbstporträts ab?
Sie argumentiert, dass eine solche Identifizierung die künstlerische Absicht der conditio humana untergräbt und wichtige Merkmale (wie die bewusste Anonymisierung durch Drehung des Kopfes) ignoriert.
Welche Bedeutung kommt dem Material in Lehmbrucks Werken zu?
Die Wahl des Materials – wie Gips für Experimente oder weißer Marmor für Ewigkeit und Würde – unterstreicht die intendierte Aussage des Werkes und dient der ästhetischen Ausdruckssteigerung.
Wie unterscheidet sich der "Denker" von der "Sinnenden"?
Der "Denker" stellt das männliche Ideal der intellektuellen Anstrengung dar, während die "Sinnende" das weibliche Pendant als anmutigen, in sich gekehrten Idealtypus verkörpert.
- Arbeit zitieren
- Dr. Marion Bornscheuer (Autor:in), 2015, Zur Rolle und Funktion des Porträts in Wilhelm Lehmbrucks Plastik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/308646