Groteske Formen und Themen in Gogols "Die Nase"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014

11 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltverzeichnis:

1. Einleitung

2. Definition und Elemente des Grotesken in der Literatur

3. Groteske Formen und Themen
3.1. Narrative Struktur
3.2. Phantastische Elemente
3.3. Groteske Themen

4. Abschließende Bemerkungen

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Groteske ist eine Gestaltungstechnik in Literatur und Bildkunst zur Darstellung von unwahrscheinlichen, widersinnigen, übertriebenen und phantastischen Themen. Laut Sorg sind im Grotesken außergewöhnliche Kombinationen von Gegensätzen wie „Menschliches – Tierisches“, „Organisches – Mechanisches“ oder „Wachen - Traum“ enthalten. Auf der Rezeptionsebene erweckt die groteske Darstellung solche schwankenden Gefühle wie Irritation, Verfremdung, Desorientierung, Lachen oder sogar Ekel.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Thema groteske Formen und Themen in der Literatur und zielt darauf ab, das Groteske als literarische Gattung und spezifisches Schreibverfahren präziser darzustellen. Darüber hinaus werden bedeutende Elemente der Groteske aus einem Beispiel, nämlich Gogols Novelle „Die Nase“, extrahiert und analysiert.

„Die Nase“ ist eine komisch-groteske Erzählung über die Nase, die eines Tages von dem Gesicht des Majors Kowaljow verschwindet und sich in eine Person verwandelt. Major Kowaljow versucht auf verschiedene Art und Weise seine Nase zurückzubekommen, jedoch ohne Erfolg. Nach zwei Wochen ist die Nase allerdings wieder in seinem Gesicht.

Die Arbeit hat fünf Kapitel: neben der Einleitung, den abschließenden Bemerkungen und dem Literaturverzeichnis beinhaltet die Arbeit zwei wichtige Kernteile: „Definition und Elemente des Grotesken in der Literatur“ und „Groteske Formen und Themen“.

In dem ersten Kernteil werden die theoretischen Grundlagen des Grotesken dargestellt. Als Basis dafür wurden die Forschungsbeiträge von Bachtin, Haaser, Oesterle und Sorg berücksichtigt.

In dem zweiten Kernteil wird die Erzählung von Gogol „Die Nase“ nach drei relevanten Aspekten analysiert. Zuerst wird die narrative Struktur auf der Basis der Erzähltheorie von Matias Martinez/ Michael Scheffel untersucht. Zudem wird besondere Aufmerksamkeit auf die Stellung des Erzählers gerichtet. Wie erfährt der Leser vom Verschwinden der Nase? Welche Stellung nimmt der Erzähler gegenüber den Geschehnissen und den Figuren im Laufe der Geschichte ein? Wie kommentiert der Erzähler die Geschichte? – Diese Fragen bilden die Ausgangspunkte zur Strukturanalyse. Danach werden die phantastischen Elemente der Erzählung analysiert, da die Geschichte über den Nasenverlust und die -verwandlung eine Phantasie darstellt. Unter einem dritten Aspekt wird eine besondere Vorstellung vom Körperganzen als einem typischen Charakteristikum des Grotesken analysiert.

2. Definition und Elemente des Grotesken in der Literatur

Das Groteske ist eine spezifische bildkünstlerische und literarische Gestaltungstechnik, die phantastische und unwahrscheinliche Kombinationen von Gegensätzen darstellt. Zu den grotesken Formen gehören häufig solche Konstellationen wie „Menschliches –Tierisches, Menschliches - Pflanzliches, Teil - Ganzes, Großes - Kleines, Organisches - Mechanisches, (…), Leben - Tod“ (Sorg, S.748).

In der Regel werden tragische und komische, grauenerregende und absurde Elemente im literarisch Grotesken miteinander verbunden. Typische charakteristische Merkmale des Grotesken sind Hyperbolie, Verfremdung, Unwahrscheinlichkeit, Phantasie, Irritation, Mysterien und Absurdität. In dem Beitrag „Grotesk“ von Haaser/ Oesterle wird das Groteske als ein „Prinzip ästhetischer Gestaltung“ bezeichnet. „Als allgemeine künstlerische Verfahrensweise strebt das Groteske nach möglichst phantasievoller Kombination von Heterogenitäten: zwischen dem Ornamentalen und dem Monströsen zwischen Grauen und Verspieltheit, zwischen Derbkomischem und Dämonischem“ (Haaser, Oesterle, S.745).

Die grotesken Formen und Themen können mehrdeutig, doppelsinnig und irritierend für die Wahrnehmung sein. Bei der Wahrnehmung der grotesken Darstellungen bekommt man solche Gefühle wie Staunen und Verwunderung, Lachen und Ekel, Irritation und Täuschung. Es ist „ein Spektrum von Reaktionsweisen, das von der Ohnmachtsempfindung über das Schwanken zwischen Grauen und Lachen bis zur anarchischen Befreiung von den Normen herrschender Vorstellungen reicht („die Welt steht kopf“) (Sorg, S.749).

Zu den weiteren Charakteristiken der Groteske gehört eine „besondere Vorstellung vom Körperganzen“. Der Körper oder die Körperteile stehen häufig im Vordergrund in grotesken literarischen Werken oder bildender Kunst. „Die Grenzen zwischen Körper und Welt und zwischen verschiedenen Körpern verlaufen in der Groteske völlig anders als in klassischen oder naturalistischen Motiven“ (Bachtin, S.317).

Die tatsächliche Größe oder sogar die gewöhnliche Funktionen des Körpers bzw. seiner Körperteile werden nicht beachtet. Stattdessen haben die Körperteile andere Größen und Funktionen. In der grotesken Darstellung sind Experimente mit dem Körper oder mit den Körperteilen permanent möglich. Der groteske Körper ist „nie fertig und abgeschlossen, er ist immer im Entstehen begriffen und erzeugt selbst stets einen weiteren Körper“ (ebd., S.358). „(…) die Aufmerksamkeit richtet sich immer auf den Austausch zwischen Körper und Welt“ (ebd. S.398). Die einzelne Körperteile können sich „sogar vom Körper trennen, ein selbstständiges Leben führen(…), besonders leicht löst sich die Nase vom Körper“ (ebd. S.358).

In der grotesken Körperkonzeption spielt die Nase eine besondere Rolle. Häufig ersetzt die Nase eine Person und wird selbst zur Persönlichkeit entwickelt. Zahlreiche Sprüche und Redewendungen, die mit der Nase verbunden sind, bestätigen die wesentliche Rolle dieses Riechorgans. Auch in der Literatur wird die Bedeutung der Nase offenbar. Als Beispiele sind die Werke „Die Nase“ von Nikolaj Gogol oder "Cyrano de Bergerac" von Edmond Rostand sowie „Der Salonlöwe“ von Edgar Allen Poe zu nennen.

3. Groteske Formen und Themen

3.1. Narrative Struktur

„Die Nase“ ist eine kurze Erzählung, die in der Prosaform geschrieben ist und sich unter der Gattung Novelle einordnen lässt. Eine Novelle stellt in der Regel eine kürzere oder längere Erzählung dar, die grundsätzlich ein einziges Ereignis präsentiert.

Die Novelle „Die Nase“ verläuft chronologisch. Die einzelnen Ereignisse sind so miteinander verknüpft, dass eine zusammenhängende Handlung entsteht. Es gibt einige externe Analepsen, die aber keine Verbindung zur Handlung der Geschichte haben (z.B. der Briefwechsel zwischen Kowaljow und Podtotschina). Es liegen auch keine Binnenerzählungen in der Geschichte vor.

Die Geschichte findet in Russland in der Stadt Petersburg zu Beginn des 19. Jhts. statt. Der Autor hat absichtlich diese zentrale Stadt im Norden Russlands für die Erzählung ausgewählt. Petersburg war damals sehr bedeutend für Personen, die danach strebten, ihre Karriere aufzubauen oder ihren Status zu erhöhen. Zudem passierten damals gerade in Petersburg unwahrscheinliche und mysteriöse Geschichten. Viele russische Schriftsteller suchten gerade Petersburg für ihre mysteriösen Geschichten aus, z.B. „Meister und Margarita“ von Bulgakov oder "Das einsame Häuschen auf der Basilius-Insel" von Puschkin.

Alles geschieht innerhalb von zwei Wochen. Das Verschwinden der Nase wird vom Autor für den 25. März angekündigt und am 7. April endet die Geschichte mit Kowaljows „Genesung“. Für das Lesen der Erzählung benötigt man schätzungsweise 20 bis 25 Minuten. Die Erzählzeit ist kürzer als das Geschehen. Man kann von einem großteils zeitraffendem Erzählen ausgehen. Es ist ein repetitives Erzählen, da mehrmals über den Nasenverlust in verschiedenen Konstellationen berichtet wird.

Die Geschichte ist in narrativer Form aus der Perspektive des Erzählers dargestellt. Es ist ein extradiegetisches Erzählen, da der Erzähler immer derselbe ist. Von Anfang an ist es ersichtlich, dass der Erzähler nicht an dem Geschehen beteiligt ist, daher ist er ein heterodiegetischer Erzähler. Der Erzähler gehört nicht zu den Figuren, aber im Laufe der Geschichte präsentiert er deutlich seine Anwesenheit neben dem Geschehen. Der Erzähler schildert die Geschichte so, als ob er ein unmittelbarer Zeuge des Geschehens wäre, der innerhalb und auch zum Schluss der Erzählung seine Kommentare hinterlässt. Der Erzähler weiß aber nur genau so viel über den „außerordentlich sonderbaren Vorfall“, wie die einzelnen Figuren. Diese unmittelbare Präsenz des Autors deutet auf eine interne Fokalisierung.

Der Erzähler beschreibt mit viel Humor verschiedene Personen und ihr Verhalten angesichts des Verschwindens der Nase, jedoch auch vollkommen ernst und realistisch, als würde er einen Bericht über ein tatsächlich geschehenes Ereignis verfassen. Er versucht sich als ein allwissender Erzähler vorzustellen, der über detaillierte Informationen der einzelnen Figuren Bescheid weiß. Ein Beispiel dafür ist seine Äußerung über das Aussehen Iwan Jakowlewitschs: „Iwan Jakowlewitschs Frack (Iwan Jakowlewitsch trug nie einen Gehrock) war schrecklich…“ (Gogol, S.11).

Er gibt allerdings viele Details mit absolut unwesentlichen Sachen, die auch keine Verbindung mit dem Geschehen haben. Zum Beispiel bei der Vorstellung des Barbiers Iwan Jakowlewitsch gibt er Informationen, die für den Leser bei der Verfolgung des Geschehens absolut unwichtig sind: „… wohnhaft am Wosnessenskij-Prospekt (sein Familienname ist verlorengegangen, (…), ist nicht weiter angegeben)…“ (ebd., S.5). Diese Details haben keine wirksame Verbindung mit dem Geschehen.

Der Erzähler versucht dem Leser das Gefühl zu vermitteln, als ob es sich um ein reales Ereignis handele. Durch diesen scheinbaren Realismus wirkt die Geschichte noch abwegiger. Im Laufe der Geschichte ändert der Erzähler sein Verhalten zu den Geschehnissen und irritiert dadurch den Leser. Die Absurdität erreicht ihren Höhepunkt am Schluss der Erzählung, als der Erzähler dem Leser den Eindruck verleiht, als „sei die von ihm geschaffene, fiktive Wirklichkeit ihm selber über den Kopf gewachsen, als habe er sich im Labyrinth des eigenen Werks verirrt“ (Günter, S.141). Am Schluss gibt der Erzähler sogar vor, die Geschichte sei ohne sein Zutun so unsinnig passiert und das Unwahrscheinliche sei ihm erst nachträglich zu Bewusstsein gekommen: „Solch eine Geschichte also hat sich in der nördlichen Hauptstadt unseres weiten Reiches zugetragen!“ (Gogol, S.74). „Ohne auf die Vorwürfe der Unwahrscheinlichkeit und des Fehlens der Moral einzugehen, lässt der Erzähler alles offen, so dass Realität und Phantasie in der Schwebe bleiben“ (Günter, S. 141).

Die Erzählung teilt sich in drei Teile, die durch Absatz und Nummerierung gekennzeichnet sind.

Der erste Teil beginnt mit dem Barbier Iwan Jakowlewitsch, der beim Frühstück eine Nase in seinem Brot entdeckt. Er stellt fest, dass die Nase seinem Kunden Kollegienassessor Kowaljow gehört. Voller Angst beschließt er die Nase in die Newa loszuwerden.

Im zweiten Teil geht es um den Nasenbesitzer Kowaljow, der eines Tages ohne Nase aufwacht und zur Polizei geht, um den Nasenverlust zu melden. Unterwegs trifft er seine eigene Nase in der Uniform eines Staatsrates. Es ist auch der Höhepunkt der Erzählung. Kowaljow bittet die Nase, an ihren Platz in seinem Gesicht zurückzukehren. Die Nase hält sich aber distanziert von ihm. Nach zwei Wochen bringt ihm ein Polizist seine Nase zurück, die er auf ihrem Weg nach Riga aufgrund ihres gefälschten Passes verhaftet hat. Kowaljow kann sich jedoch nicht richtig freuen, da die Nase einfach nicht in seinem Gesicht hält und immer wieder abfällt.

Der dritte Teil erzählt schließlich von Kowaljows „Genesung“. Major Kowaljow wacht mit der Nase an seiner gewohnten Stelle auf, als ob es nichts gewesen wäre. Am Ende kommt ein abschließender Kommentar des Erzählers.

[...]

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Groteske Formen und Themen in Gogols "Die Nase"
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
2
Autor
Jahr
2014
Seiten
11
Katalognummer
V308672
ISBN (eBook)
9783668069206
ISBN (Buch)
9783668069213
Dateigröße
583 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Grotesk, Gogol, Nase, Phantastische Elemente
Arbeit zitieren
Lena Schmidtmann (Autor), 2014, Groteske Formen und Themen in Gogols "Die Nase", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/308672

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