Senioren und ihre sozialen Netzwerke in Service-Wohnanlagen

Eine empirische Forschungsarbeit


Wissenschaftliche Studie, 2015

26 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Kontinuitätstheorie vs. Aktivitätstheorie

3 Das soziale Netzwerk
3.1 Wer kann zu einem sozialen Netzwerk gehören?
3.2 Worauf beruht der Austausch von Hilfen in sozialen Netzwerken?
3.3 Wie und warum verändern sich soziale Netzwerke im Alter?
3.4 Wichtigkeit von sozialen Netzwerken für ältere Menschen

4 Betreutes Wohnen
4.1 Institutionalisiertes Wohnen - für ein selbstbestimmtes Leben im Alter
4.2 Betreutes Wohnen als Netzwerkgestalter für SeniorInnen
4.3 Charakteristika der Senioren im Betreuten Wohnen

5 Die Befragung
5.1 Auswahl der Befragungsart
5.2 Auswahl der Gesprächspartner
5.3 Durchführung der Interviews

6 Ergebnisse der Befragung
6.1 Wohnentfernung und Kontakthäufigkeit zur Familie
6.2 Wohnentfernung und Kontakthäufigkeit zu Freunden und Bekannten

7 Fallbeispiele
7.1 Personen mit keinem Bezug zur Familie
7.1.1 Fallbeispiel: Frau F.

8 Fazit

9 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die Menschen werden immer älter. Es wird oft von der 'grauen' bzw. von der „alternden Gesellschaft“[1] in Deutschland gesprochen, wobei dies durch die Zunahme der Zahl älterer Menschen aber eben auch durch die Abnahme der Zahl der Kinder, Jugendlichen und Heranwachsenden beeinflusst wird. Nicht nur Bochum und Deutschland, sondern die meisten Industrieländer sehen sich dieser Schwierigkeit gegenübergestellt. Dem Sozialbericht Bochum aus dem Jahre 2008 ist zu entnehmen, dass fast jeder Vierte 60 Jahre und älter ist, was wiederum bedeutet, dass schon heute weitaus mehr ältere Menschen als Kinder und Jugendliche in Bochum leben. Davon zeugt auch der sehr hohe Alt-Jung Quotient von 173, welcher als ein Durchschnittswert für ganz Bochum zu sehen ist. Prognosen bestätigen, dass in Zukunft dieser Wert noch weiter steigen wird.[2] Ursachen dafür sind zum einen die immer länger werdende Lebenserwartung und zum anderen die weiter anhaltende niedrige Geburtenrate. Aufgrund dieser Daten und Zukunftsszenarien ist es äußerst wichtig, diese Altersgruppe der 60-Jährigen und älteren als einen wesentlichen Bestandteil unsere Gesellschaft aufzufassen und zu begreifen und die damit verbundenen sozialpolitischen Handlungszwängen ins Blickfeld rücken zu lassen.

In dieser Arbeit wird der Frage nachgegangen, wie ältere Menschen[3], die in sogenannten Service-Wohnanlagen leben, in Familienstrukturen und außerfamiliale Netze eingebunden sind. Zudem ist von Interesse, wie sich die Struktur und Häufigkeit der sozialen Netzwerke von Senioren beim Umzug in eine Service-Wohnung ändert und ob sich die sozialen Beziehungen vermehren oder eher verringern, oder vielleicht neue Beziehungen zu Tage treten. Es ist also die Frage zu beantworten: Wie sehen die sozialen Aktivitäten älterer Menschen in inner- und außerfamilialen Netzwerken aus?

Ebenso wird dem Aspekt nachgegangen, inwiefern Menschen gehobenen Alters auch über den familialen Austausch, emotionalen Beistand, instrumentelle und materielle Hilfe und vor allem Zuneigung erwarten können. Bestehen bei älteren Menschen die in betreuten Wohnanlagen leben solch enge Kontakte nach außen, wenn bei eigenem Unterstützungsbedarf oder in Notlagen Hilfe von außen notwendig wird? Solche Erwartungen sind meist familienzentriert. Sofern sie dann auch von Familienmitgliedern oder von anderen sozialen Beziehungen schließlich geleistet werden, soll anhand der durchgeführten Befragungen thematisiert werden.[4]

Die acht durchgeführten Interviews fanden in einer Bochumer Service-Wohnanlage statt.

2 Kontinuitätstheorie vs. Aktivitätstheorie

Bei Menschen im höheren Alter gibt es eine klare Korrelation zwischen sozialen Kontakten und Aktivitätsniveau, Einkommen, Wohnsituation, Lebenseinstellung und dem Allgemeinbefinden. Außerdem korreliert die Wohnsituation mit den Lebensstilen, welcher als ein Nebeneffekt des sozialen Status aufgefasst werden kann.[5]

Ein weit verbreitetes Vorurteil kann anhand der Kontinuitätstheorie von Atchley[6] (1989) erklärt werden. Wobei diese besagt, dass „die Erhaltung innerer und äußerer Strukturen den sichersten Weg dar[stellt], den Übergang vom mittleren ins späte Erwachsenenalter zu meistern“. Nach dieser Theorie soll die Kontinuität gewahrt werden, indem „vertraute Strategien an vertrauten Schauplätzen des Lebens“ angewandt werden. Dabei wird die Kontinuität in zwei Teile aufgespalten. Zum Einen in die innere Kontinuität und zum Anderen in die äußere Kontinuität. Elementar ist hierbei die äußere Kontinuität, die im Verlauf dieser Arbeit untersucht werden soll. Dabei geht es um eine physische und soziale Umwelt von Beziehungen zu anderen Mitmenschen. In eben dieser eingelebten Struktur, in der aus dem Leben und Interagieren mit den vertrauten Personen eine Kontinuität entsteht, die für die Anpassung an die mit dem Altern einstellenden inneren und äußeren Veränderungen als unerlässlich angesehen wird.

Das alles soll also bedeuten, dass Senioren eine Veränderung ihrer Wohnsituation erspart bleiben sollte, weil sie sich in ihrer gewohnten Umgebung sicher und aufgehoben fühlen. Zudem wird davon ausgegangen, dass ältere Menschen schon ein breites Netz an sozialen Kontakten im gewohnten Wohnumfeld aufgebaut haben, da sie dort schon eine lange Zeit leben.[7]

Die Hypothese hingegen lautet folgendermaßen: Ein Umzug älterer Menschen in eine Service-Wohnanlage führt zu einem Ansteigen des Kontaktniveaus, welches jedoch nicht immerzu von emotionaler Intensität geprägt ist.

Im Prinzip bedeutet dies, dass die oben genannte Kontinuitätstheorie, durch die Aktivitätstheorie ersetzt bzw. widerlegt werden kann. Denn die Aktivitätstheorie geht von der Annahme aus, dass „nur derjenige Mensch glücklich und zufrieden sei, der aktiv ist, der etwas leisten kann“. Das heißt also, dass versucht wird auf ein weites Spektrum an Aktivitäten einzugehen, welche als Ersatz für die aufgegebene Berufstätigkeit, Freizeitaktivitäten, die nicht mehr ausgeübt werden können, oder aber auch als Ersatz für bereits verstorbene Freunde dienen soll.

Der Umzug kann einen neuen intensiven Aktivitätsimpuls auslösen, der sich anschließend in Neugier an den gegebenen Neuheiten, vor allem in den neuen Bekanntschaften in den Service-Wohnanlagen widerspiegelt. Es könnten sich also mit hoher Wahrscheinlichkeit neue Freundschaften durch das erhöhte Kontaktniveau bilden.[8]

Grund zur Annahme dieser Hypothese ist, dass Menschen gehobenen Alters längst nicht mehr in funktionierenden Nachbarschaften wohnen. Außerdem ist ein großer Teil der gleichaltrigen bereits verstorben oder mit der Betroffenen Person zerstritten.[9] Die Realität sieht also oft ein Schwinden von den zuvor aufgebauten sozialen Netzwerken und Aktivitäten vor. Da der gewöhnliche Alltag meist weniger Möglichkeiten für neue Kontakte bietet, als dies für die Person in jüngeren Jahren der Fall war, u. a. weil die Mobilität nachlässt[10] und da die gegenwärtige Gesellschaft von Individualisierung und Entsolidarisierung geprägt ist.[11] Doch eben die sozialen Kontakte und Aktivitäten schützen Senioren vor Vereinsamung und körperlicher Alterung. Ein Umzug in eine Gemeinschaft von Gleichaltrigen wirkt dem Resignationsprozess von alten Menschen entgegen, da Betreutes Wohnen integrierte Freizeit und Kulturprogramme bietet.[12]

Desweiteren wird in Kapitel 3 anhand von einschlägiger Literatur aufgezeigt, was ein Soziales Netzwerk ist und wie wichtig soziale Netzwerke für alte Menschen sind.

3 Das soziale Netzwerk

Was ist eigentlich ein Netzwerk und was versteht man unter dem Begriff des sozialen Netzwerkes?

„Ein Netzwerk ist definiert als eine abgegrenzte Menge von Knoten und Kanten oder Elementen und der Menge der zwischen ihnen verlaufenden sogenannten Kanten […] dabei bilden die Akteure die Knoten, z.B. Personen oder Unternehmen, aber auch Ereignisse oder Objekte können solche Knoten oder Elemente sein.“[13]

Ein soziales Netzwerk ist hingegen ist ein Geflecht von sozialen Beziehungen, in das der Einzelne oder eine Gruppe, als kollektiver oder korporativer Akteur eingebettet ist. Diese Beziehungswerke können u.a. nach Bernhard Schäfers symmetrisch (Verwandtschaft) oder asymmetrisch (Rat gebend) sein.[14] Es kann davon ausgegangen werden, dass die sozialen Netzwerke eine zentrale Grundlage für gesellschaftliches Leben bilden.

Nach Hollstein hat das Konzept des sozialen Netzwerks in den letzten Jahrzehnten die unterschiedlichsten Forschungsfelder erobert und Eingang in verschiedenste soziologische Teildisziplinen gefunden. „Die sozialen Netzwerke sind Thema in der Stadt- und Gemeindesoziologie, der Migrations- und der Familienforschung, der Organisationssoziologie und der Wissenschafts- und Technikforschung, der politischen Soziologie, der Freizeit- und Lebensstilforschung oder der neueren Diskussion um das Sozialkapital“.[15]

Einfacher definiert: Als soziales Netzwerk eines Menschen wird gemeinhin sein bzw. ihr Familien- und Bekanntenkreis bezeichnet.

3.1 Wer kann zu einem sozialen Netzwerk gehören?

Wer gehört zu einem sozialen Netzwerk? Wenn mir jemand einen Gefallen tut oder mich jeden Tag auf der Straße begrüßt, gehört er oder sie zu meinem sozialen Netzwerk?

Welche Menschen jeweils zum sozialen Netzwerk gezählt werden, hängt einerseits von der o.g. Definition ab und kann andererseits je nach Zusammenhang definiert werden. Sollen z.B. diejenigen erfasst werden, die im Rahmen der beruflichen Tätigkeit eines Menschen bedeutsam sind, wird die Definition anders aussehen, als wenn das nachbarschaftliche Netzwerk beschrieben werden soll.[16] Im Hinblick auf die Unterstützungsnetzwerke älterer Menschen könnte gesagt werden, dass alle Angehörigen, Bekannten, Freunde und sogar manchmal Nachbarn, unabhängig von der Häufigkeit und Intensität der Kontakte, dazugerechnet werden. Auch eine Eingrenzung z. B. auf die Menschen, die wir im Laufe eines Tages, einer Woche, eines Monats oder eines Jahres sehen oder sprechen, ist je nach Fragestellung sinnvoll und möglich. Im qualitativen Sinne kann ausgesagt werden, dass weiterhin Fragen nach den wichtigsten, den am meisten geliebten oder in der einen oder anderen Hinsicht besonders hilfreichen Menschen denkbar sind. Damit rückt der Inhalt der sozialen Beziehungen in den Vordergrund.[17]

3.2 Worauf beruht der Austausch von Hilfen in sozialen Netzwerken?

Hilfeleistungen beruhen üblicherweise auf Gegenleistungen: wenn meine Eltern mich großziehen, können sie von mir ebenfalls einen Gefallen erwarten bzw. abverlangen? Diese Gegenseitigkeit wird nach der Berliner-Gesundheitsdokumentation als Reziprozität bezeichnet.

Die Spielregeln für die Reziprozität, also die Vorstellungen von der Angemessenheit von Leistung und Gegenleistungen ist gegenüber formellen Dienstleistern mit vertraglich festgelegten Preisen definiert. In den informellen Netzwerken sind sie nicht schriftlich, oft nicht einmal mündlich festgelegt.[18]

Meist unbewusste und vielfältige Erwartungen und Einstellungen kommen hier ins Spiel. Die Hilfen werden zwischen Familienmitgliedern meist nicht unmittelbar aufgerechnet, was auch als generalisierte Reziprozität bezeichnet wird. Ein typisches Beispiel dafür ist die häufig geäußerte Begründung von erwachsenen Kindern, die ihre Eltern pflegen: Ich pflege bzw. unterstütze meine Eltern, weil sie, als ich klein war, soviel für mich getan und mich großgezogen haben . Es kann davon ausgegangen werden, dass Familienangehörige für ältere Menschen immer noch die wichtigste Hilfequelle darstellt.

Darüber hinaus werden meist nicht nur mit Familienmitgliedern, sondern auch mit Freunden und Bekannten im Alter bestimmte Hilfen ausgetauscht, je nach dem, wie die Beziehung zwischen den beteiligten Menschen ist. Beispielshalber wird mit Sportskameraden Tennis gespielt oder über Fußball diskutiert oder mit der Freundin werden alltägliche Sorgen und Gedanken ausgetauscht.

Also ich spiele Tennis, ich gehe Leistungsschwimmen für mein Alter, ich fahre Fahrrad manchmal, ich gehe laufen, ich gehe ins Theater, ich besuche Konzerte, ich gehe zur Veranstaltung mit Kabarettisten und so Gruppen aus meiner Zeit aber nicht in ihrer Zeit so. (lachen)[19]

[...]


[1] u.a.: M. Kohli/ H. Künemund (2000); F.Thieme (2008)

[2] Sozialbericht Bochum 2008

[3] Ich habe mich bemüht, nach Möglichkeit bei Geschlechtern in der Formulierung zu berücksichtigen, oder eine geschlechtsneutrale Formulierung zu verwenden. Sollte das nicht in allen Fällen zufrieden stellend gelungen sein, bitte ich um Nachsicht.

[4] Ich möchte mich an dieser Stelle besonders bei (BA) Nataschka Anne-Isabelle Marie Faure für ihre Unterstützung und ihr kritisches Denken bedanken, die mir mit ihren umfassenden Fachkenntnissen unzählige Hinweise gegeben und geduldig meine Fragen beantwortet hat.

[5] V. Eichener, 2004, S.4

[6] U. Lehr, 2000, S. 63f.

[7] V. Eichener; 2004, S. 4

[8] V. Eichener, 2004, S.4f.

[9] Ebd., S.5

[10] J. Heusinger und S. Kümpers, 2006, S. 3f

[11] D. Heuwinkel, A. Borchers, S.133ff.

[12] U.a.: V. Eichener, 2004, S. und U. Lehr, 2000, S.56f.

[13] M. Hennig, 2006, Beziehungen S.108

[14] Vgl. B. Schäfers/J. Kopp, 2006, S.207

[15] Vgl. B. Hollstein/F. Straus, 2006, S.11

[16] Vgl. Gesundheit Berlin 2007, S.1

[17] Ebd., S.2

[18] Ebd.

[19] 2. Interview Frau K

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Senioren und ihre sozialen Netzwerke in Service-Wohnanlagen
Untertitel
Eine empirische Forschungsarbeit
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Veranstaltung
Stadt-und Regionalforschung
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
26
Katalognummer
V308679
ISBN (eBook)
9783668073593
ISBN (Buch)
9783668073609
Dateigröße
646 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
soziale Netzwerke, Mobilität, qualitative Sozialforschung;
Arbeit zitieren
Cemal Sari (Autor), 2015, Senioren und ihre sozialen Netzwerke in Service-Wohnanlagen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/308679

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