"There`s no place like home". Die Entwicklung, Ursachen und Dimensionen von Obdachlosigkeit in den Vereinigten Staaten von Amerika


Diplomarbeit, 2006

116 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Definition von Obdachlosigkeit

3. Obdachlosigkeit in der Geschichte der USA
3.1. Von England nach Amerika - die Einwanderungswelle in die Kolonien
3.2. Skid-rows und Hobos während der Industrialisierung
3.3. Great Depression und die Zeit nach den Weltkriegen
3.4. Die Zeit bis zur Gegenwart - ein demographischer Vergleich

4. Statistiken und Fakten
4.1. Die Vereinigten Staaten von Amerika
4.2. Die Obdachlosenzahlen

5. Die Hautursachen von Obdachlosigkeit in den USA
5.1. Armut und Verschuldung
5.2. Einkommensverhältnisse
5.2.1. Niedriglöhne
5.2.2. Arbeitslosigkeit
5.3. Wohnungsnotstand und hohe Mieten

6. Die geographischen Dimensionen von Obdachlosigkeit in Amerika
6.1. Ländliche Obdachlosigkeit
6.2. Städtische Obdachlosigkeit

7. Die Hauptbetroffenen von Obdachlosigkeit
7.1. Familien mit Kindern
7.2. Alleinstehende Obdachlose - Männer und Frauen
7.3. Kinder und Jugendliche
7.4. Kriegsveteranen

8. Ursache oder Folge - die aus der Obdachlosigkeit resultierenden Notlagen
8.1. Mißbrauch von Suchtmitteln
8.2. Geistige und / oder körperliche Beeinträchtigungen
8.3. Medizinische (Unter-)Versorgung
8.4. Sozialisationsdefizite aufgrund fehlender Erziehung

9. Die Organisationen derWohlfahrtspflege
9.1. Programme speziell für das Wohnungslosenproblem
9.2. Ein Überblick überdie Kürzungen derObdachlosenprogramme
9.3. Konzepte der Obdachlosenarbeit
9.3.1. Rescue-Mission-Movement
9.3.2. Volunteers ofAmerica

10. Die Sozialhilfe in den USA als Mittel zur Linderung der Obdachlosigkeit
10.1. Der Inhalt
10.2. Angebote für Betroffene

11. Verschiedene Einrichtungen der Obdachlosenhilfe
11.1. (Not-)Unterkünfte
11.2. Essensausgaben

12. Ausblick und Vergleiche zur Situation in Deutschland

13. Literaturverzeichnis

Abstract

Die vorliegende Diplomarbeit beschäftigt sich mit dem Problem der Obdachlosigkeit in den Vereini­gten Staaten von Amerika. In der amerikanischen Geschichte lassen sich verschiedene Formen von Obdachlosigkeit finden. Wohnungslose werden entweder zu einem bestimmten Zeitpunkt oder über einen längeren Zeitraum hinweg gefasst.

Sinkende Löhne zusammen mit hohen Arbeitslosenraten lassen die Armut ansteigen und vergrö­ßern das Risiko, obdachlos zu werden. Erschwingliche Wohnungen sind in den USA dazu selten. Obwohl es nur wenige Studien zum Auftreten von Obdachlosigkeit auf dem Land gibt, ist dieses Problem dort durchaus vorhanden. Die Gebiete, in denen Obdachlose leben, sind meist sehr groß­flächig und schwer zugänglich, was die Erreichbarkeit von sozialer Hilfe schwierig macht. Der Großteil aller Untersuchungen zur Obdachlosigkeit findet in den Ballungsräumen von Großstädten statt. Hier werden die Zielpersonen in den Notunterkünften und Essensausgaben leichter erreicht. Eine stark anwachsende Gruppe Betroffener sind Familien mit Kindern. Alleinstehende Personen sind durch soziale Faktoren wie Suchtmittelabhängigkeit oder häusliche Gewalt durch Obdachlo­sigkeitgefährdet. Viele amerikanische Kinder werden aufgrund der schwierigen Verhältnisse in No­tunterkünften von ihren Eltern getrennt und kommen zeitweise bei Verwandten oder Freunden un­ter. Jugendliche Ausreißer ziehen das Leben auf der Strasse der häuslichen Gewalt und der Ver­nachlässigung durch die Eltern vor. Eine spezielle Gruppe sind die wohnungslosen Kriegsvete­ranen in den USA. Ob Ursache oder Folge: Begleitumstände von Obdachlosigkeit sind Erkran­kungen wie Alkoholismus oder Drogensucht, geistige Behinderungen, medizinische Unterversor­gung und Sozialisationsdefizite.

Auf Landes- und Bundesebene gibt es ein breites Leistungsspektrum. Dazu kommt eine hohe Prä­senz von gemeinnützigen Wohlfahrtsorganisationen. Das Konzept der Rescue-Mission beispiels­weise stützt sich auf die Kombination von materieller Grundversorgung und religiöser Erziehung. Zwei verschiedene Arten der Obdachlosenhilfe ermöglichen es den Betroffenen, die Nächte in ge­schützter Umgebung zu verbringen und eine ausreichende Versorgung mit Nahrungsmitteln zu er­halten: Shelters , zielgruppenbezogene Notschlafstellen und soup kitchens bzw. souppantries, Suppenküchen bzw. Essensausgaben. Die Unterschiede zu Deutschland liegen grundlegend im System dersozialen Sicherung. Diefehlendegesetzliche Kranken- und Sozialversicherung in den USA vergrößert das Risiko, obdachlos zu werden bzw. zu bleiben. Jede Einrichtung hat ihr eige­nes Konzept und eher selten wird professionelles Hilfspersonal eingesetzt. Nicht nur soziales Un­vermögen, sondern vor allem die wirtschaftliche Gesamtsituation beeinflusst den Prozess der Re­sozialisierung. II

1. Vorwort

Die Grundlage für diese Arbeit war ein dreimonatiges Praktikum, das ich in Denver, Colorado im Sommer2004 absolvierte. Ich arbeitete dort mit Case Managern 1und ihrem obdachlosen Klientel zusammen und verschaffte mir damit einen Einblick in amerikanische Lebenssituationen. Während ich die unterschiedlichen Dimensionen dieses sozialen Problems kennenlernte, reifte in mir die Idee, mich in einer Diplomarbeit vertieft mit dem Phänomen der Obdachlosigkeit in Amerika ausei­nander zu setzen.

Schon nach wenigen Wochen der Recherche bemerkte ich die Vielzahl an unterschiedlichen Studi­en und Veröffentlichungen bezüglich des Problems der Obdachlosigkeit. Da es in den USA keine einheitlichen Untersuchungen zu diesem Problem gibt, verwende ich in dieserArbeit viele ver­schiedene Studien. Dadurch sollen unterschiedliche Blickwinkel und Unterschiede in den Metho­den, Ergebnissen und Auswertungen verdeutlicht werden.

Der Zugang zu amerikanischer Literatur gestaltete sich als schwierig, da die meisten in Deutsch­land erhältlichen Werke stark veraltet sind. Es existiert jedoch eine starke Internetpräsenz von Ob­dachlosenorganisationen, Einrichtungen und Behörden. Viele aktuelle Daten und Fakten aus dem Internet vervollständigen daher meine Quellen. Um in meinerArbeit häufige Wiederholungen zu vermeiden, verwende ich Begriffe wie USA, Vereinigte Staaten und Amerika synonym.

Der Aufbau dieser Arbeit gestaltet sich wie folgt:

Der Begriffsdefinition folgt ein kurzer Überblick über die wichtigsten historischen Grundlagen von Wohnungslosigkeit in den USA. Hinweise zu Erhebungsmethoden von Obdachlosenzahlen und grundsätzliche Fakten überAmerika vervollständigen den allgemeinen Teil. Derzweite Teil be­schäftigt sich mit der Ursachenforschung, gefolgt von den geographischen Erscheinungsformen der Obdachlosigkeit. Im dritten Teil werden die Hauptbetroffenen von Wohnungslosigkeit und de­ren Begleiterscheinungen geschildert, wie zum Beispiel Suchtmittelabhängigkeit, geistige Erkran­kungen oderSozialisationsdefizite. Reaktionen von Seiten des Staates und derWohlfahrtsorgani- sationen aufdas Obdachlosenproblem sind Gegenstand derfolgenden Kapitel, genauer gehe ich dabei auch auf Budgetkürzungen und Sozialhilfe in den USA ein.

Die konkrete Umsetzung der Obdachlosenhilfe wird anhand zweier Konzepte geschildert, vervoll­ständigt durch die Beschreibung unterschiedlicher Einrichtungen für Betroffene.

Eine kurze Zusammenfassung der Ergebnisse mit einem knappen Vergleich deutscher und ameri­kanischer Verhältnisse schließt die Arbeit ab.

Zu deutsch „Fallarbeiter", Sozialpädagogen, die auf Grundlage des Case Managements mit ihrem Klientel arbeiten.

2. Definition von Obdachlosigkeit

„A person is considered homeless who "lacks a fixed, regular, and adequate night-time residence; and has a primary night time residency that is:

A) A supervised publicly or privately operated shelter designed to provide temporary living ac­commodations
B) An institution that provides a temporary residence forindividuals intended to be institu­tionalized, or
C) A public or private place not designed for, or ordinarily used as, a regular sleeping ac­commodation forhuman beings."42 U.S.C. § 11302(a).

The term “homeless individual” does not include any individual imprisoned orotherwise detained pursuantto an ActofCongress or a state law." 42 U.S.C. § 11302(c)

(Aus dem Programm des McKinney-Vento Homeless Assistent Act, vgl. National Coalition for the Homeless, Fact Sheet#3, 2005)

Die Bezeichnung „obdachlos“ wird bereits seit über 150 Jahren benutzt, wenn auch in einem eher prosaischen Hintergrund (vgl. Hopper, Baumohl 1996: 3). Ohne Obdach zu sein, d.h. ohne Dach überdem Kopfzu leben, stellt eine dergroßen Ängste der westlichen Gesellschaften dar. Impliziert wird damit 'ungeschützt sein', keinen Zufluchtsort haben, keinen 'Heimathafen' anlaufen können. Vor unserem inneren Auge sehen wir alte Männer in abgetragenen Mänteln und mottenzerfres­senden Hosen in zerschlissene Schlafsäcke gewickelt unter Brücken oder auf Parkbänken liegen: „Personified by demeaning images, the homeless become homogenized, categorized, and often feared. They become the depersonalized 'other' that more privileged people learn to dislike, dis­miss, avoid, reject, and even blame for their own suffering“ (Sev'er in Journal of Social Distress of the Homeless, Vol. 11, No. 4: 308).

Die National Coalition forthe Homeless führte im vergangenen Jahr eine Studie an Plätzen durch, an denen Obdachlose anzutreffen waren. Dabei wurden staatliche und private Einrichtungen ver­nachlässigt. Demnach hausten 2005 59,2% der Betroffenen in Autos oder abgestellten Bahnwag­gons. 24,6% lebten in Notbehelfen, wie zum Beispiel in Zelten, Wellblechhütten oder auf Müllhal­den/Autofriedhöfen (vgl. National Coalition forthe Homeless, Fact Sheet #2, 2005).

Kein eigenes Zuhause haben setzen wir oft gleich mit keinen festen Bezugsort haben und keine verbindlichen Beziehungen führen. Die umherziehenden „Sandler“ sind ständig unterwegs ohne festes Ziel, jede Hausecke ist nur Zwischenstation, jede Nacht unter zugigen Brücken nur die Ver­schnaufpause vor der nächsten Wanderung. Obdachlos zu sein bedeutet nicht nur, keinen festen Wohnsitz zu haben. Vielmehr haben diese Menschen auch keinen Platz, an dem sie ihren Besitz aufbewahren können. Alle Dinge, die von persönlicher Bedeutung sind, müssen sie täglich mit sich herumtragen. Meist sind das auch nicht viele Sachen - ein paar warme Kleidungsstücke in Pla­stiktüten und vielleicht ein oder zwei Fotos aus ihrer Zeit, bevor sie obdachlos wurden.

Neben offiziellen Definitionen (siehe Kapitel-Anfang) findet man in der Literatur verschiedenen De­finitionsansätze für den Begriff der Obdachlosigkeit:

Die National Student Campaign Against Hungerand Homelessness bezeichnet in ihrer Studie eine Person als obdachlos, der eine feste, reguläre und adäquate Unterkunft für die Nacht fehlt. Sie be­zieht auch diejenigen Personen mit ein, die ihre Nächte hauptsächlich in Einrichtungen des be­treuten Wohnens, Notschlafstellen oder an Orten verbringen, die nicht für reguläre Übernach­tungen gedacht sind (vgl. URL: www.studentsagainsthunger.org/communities_in_crises .pdf, 10.10.2005).

Einen bestimmten Zeitrahmen geben Hope und Young in ihrer Definition vor. Für sie leben mit ob­dachlos zu bezeichnende Menschen in „cheap hotels or motels when the actual length of stay, or intent of stay is forty-five days or less“ (Hope und Young 1986: 19). Sie schließen damit Woh­nungssuchende aus, die länger als sechs Wochen in einer Unterkunft bleiben, auch wenn dieser Aufenthaltjederzeit enden könnte.

Die National Coalition forthe Homeless geht sogar noch weiter. Einen Obdachlosen auf seinen je­weiligen Schlafplatz zu reduzieren ist für die amerikanische Obdachlosenorganisation unzurei­chend. Sie zeigt mehrere Beispiele auf, bei denen nicht sicher geklärt werden kann, ob die betref­fenden Personen nun als obdachlos bezeichnetwerden können oder nicht (vgl. Burt 1996: 16). So wird von einer jungen alleinerziehenden Mutter gesprochen, die mit ihren Kindern immerwiederfür ein paar Monate bei verschiedenen Verwandten und Bekannten unterkommt. Diese Frau weiß nicht, wo sie sich in ein paarWochen befinden wird. Wenn man die genaue Definition von obdach­los im Sinne von wohnungslos gebraucht, würde diese Frau nicht unter diese Kategorie fallen. Hier könnte man von dem Fehlen eines sicheren Rückzugsraums sprechen, ein Ort, an dem die Familie zu Hause ist und nicht mit dem Gedanken spielen muss, am nächsten Abend schon wiederwoan- ders zu sein. Ähnliches trifft auf eine Person zu, die gerade in eine neue Stadt gezogen ist und übergangsweise bei Bekannten unterkommt. Diese Person sucht einen Job und weiß weder, wie lange sie noch bei ihren Bekannten bleiben kann, noch ob sie bis dahin Arbeit findet. Auch hier zeigt sich die Ungewissheit über die nahe Zukunft, das Fehlen einer festen Basis, um in einer neu­en Stadt Fuß zu fassen.

Das Vorhandensein einerWohnung ist nicht gleichbedeutend mit einem festen Wohnsitz. Viele In­dividuen oder Familien leben in heruntergekommenen, stark renovierungsbedüftigen Unterkünften ohne Heizung und warmes Wasser. Diese inadäquaten Zustände sichern keinesfalls sorgenfreies Wohnen. Vielmehr drängen sie auf eine Verbesserung der Umstände, da die Lebensqualität der Bewohner sinkt. Wie kann man jedoch ohne finanzielle Mittel Renovierungen durchführen oder gar das Domizil wechseln? Gerade die große Angst vor dem letzten Schritt, die schützenden vier Wän­de aufzugeben, zwingen die Betroffenen meist, an ihren unwürdigen Wohnbedingungen festzuhal­ten. Kann man hier von potentiellen Obdachlosen sprechen?

Was also ist die richtige und passende Definition von Wohnungslosigkeit?

Ich setze hier aus derVielzahl an Ansätzen die wichtigsten Elemente zusammen:

So sind Einzelpersonen oder Familien „obdachlos“, wenn ihnen ein für ihre Grundbedürfnisse wie Schlafen, Essen und Privatsphäre geeigneter Raum fehlt oder nur unzureichend vorhanden ist, da ernicht dauerhaft zur Verfügung steht.

Zum einen hebe ich die materielle Sicherheit hervor, d.h. Schutz vor der Witterung oder gewalttä­tigen Übergriffen und ein vorhandenerAufbewahrungsortfür persönliche Besitztümer. Zum ande­ren beziehe ich auch das immaterielle, subjektive Sicherheitsgefühl mit ein: Ein persönlicher Rück­zugsraum, die individuelle Privatsphäre der eigenen vier Wände. Hier ist man unbeobachtet vor derWelt, kann den Mantel dergesellschaftlichen Erwartungen ablegen und nur noch sich selbst sein.

Nicht unterschätztwerden sollte auch der Faktorder Beständigkeit. Wenn man keinen sicheren Schlaf- und Wohnplatz vorweisen kann, ist eine feste Anstellung nur schwer möglich. Täglich sau­ber und ausgeschlafen zurArbeit zu kommen, ist eine wichtige Vorraussetzung für einen Arbeits­platz. Doch dies ermöglicht nur ein festes Domizil. Im Umkehrschluss ist es einem arbeitslosen Amerikaner ohne finanzielle Sicherheit kaum möglich, einen Mietvertrag unterschreiben zu kön­nen. Dieses Problem wird als eines der Hauptursachen von Obdachlosigkeit in Amerika im Punkt 5 dieser Arbeit genauer erläutert.

Da nun der Begriff der Obdachlosigkeit differenziert und definiert worden ist, wende ich mich den Ursprüngen derWohnungslosigkeit in den Vereinigten Staaten zu.

3. Obdachlosigkeit in der Geschichte der USA

Um das Ausmaß der amerikanischen Obdachlosigkeit zusammen mit den Hintergründen verste­hen zu können, ist die fundierte Kenntnis der historischen Grundlagen unumgänglich.

Für den Start meiner Diplomarbeit habe ich mehrere Bücher zu diesem Thema gelesen und mir dadurch einen Überblick über die geschichtlichen Hintergründe gemacht.

Für diese Arbeit, die sich doch schwerpunktmäßig auf das aktuelle Auftreten von Obdachlosen in Amerika beziehen soll, muss ich den geschichtlichen Teil einschränken. Ich werde in derZeit kurz vorder Kolonialisierung des amerikanischen Kontinents in England beginnen und mich aufwesent­liche Bestandteile das Wohnungslosenproblem betreffend beschränken. Dennoch sollte hier ange­merkt werden, dass die Obdachlosigkeit keineswegs ein Phänomen der heutigen Zeit ist und schon in derAntike Menschen regelmäßig ihr Heim verloren.Etwas genauer möchte ich aufdie Auftreten von Betroffenen zu Beginn des 20. Jahrhunderts eingehen und ende mit den demogra­phischen Veränderungen der obdachlosen Personen in der heutigen Zeit.

3.1. Von England nach Amerika - die Einwanderungswelle in die Kolo­nien

England von 1400 bis 1600 war geprägt von einer Vielzahl an Kriegen und Auseinandersetzungen, die eine immerwiederkehrende Flut von Flüchtenden mit sich brachten. Das zog eine strenge und repressive Gesetzeslage für den Umgang mit Wohnungslosen nach sich. Eine Reihe restriktiver Gesetze sollte die Zahl der Umherziehenden reduzieren.

Nach dem Armengesetz von Queen Elizabeth 1601 „hatten die untersten lokalen Einheiten die Verantwortung, für die in ihrem Gebiet lebenden Armen zu sorgen und für diese Aufgabe auch die gesamten finanziellen Mittel bereitzustellen“ (Wilke 2002: 21). Dadurch hofften die Londoner, die immergrößerwerdendeArmenbevölkerung derumliegenden Regionen loszuwerden (vgl. DeOllos 1997: 14). Parallel dazu wurde die Verschickung von Verurteilten in die amerikanischen Kolonien eingeführt. Zwei Grundgedanken prägten diese Vorgehensweise:

Zum einen wurden die Häftlinge für sieben Jahre an Siedler „verkauft“, die auf billige Arbeitskräfte bei dem Aufbau ihrer Plantagen angewiesen waren. Zum anderen sah man darin eine willkom­mene Verbannung „krimineller Energie“ aus England. Man muss sich vor Augen halten, dass da­mals der Diebstahl von mehr als drei Shilling schon ausreichte, um zum Tode durch den Strick ver­urteilt zu werden. Denn selbst diese hohen Strafen hielten die verarmte Bevölkerung nicht vom Diebstahl ab. Wöchentliche Hinrichtungen waren damit an derTagesordnung. Die Kosten von Ge­fängnis, Henker und Armenbegräbnis musste dabei das Gericht tragen. Wurden die Angeklagten jedoch begnadigt und in die Kolonien verkauft, „verdiente“ die Regierung daran. Diese Praxis äh­nelte also einer effizienten und kostengünstigen Strafvollzugspolitik (vgl. ebd.: 14).

Der Act of Settlement sorgte 1662 schließlich dafür, dass herumziehende und nach Arbeit suchen­de Soldaten in ihre Herkunftsorte zurückgeschickt werden konnten. Diese möglicherweise Bedürf­tigen wurden von einer Stadt zur nächsten geschickt, bis sie schließlich wieder in ihrem Geburtsort angekommen waren. Hier wurde nun ebenso wie für die Bettler die Verantwortung für die Unter­stützung derSoldaten an den Geburtsort übergeben (vgl. ebd.: 14).

Die Bevölkerungszahl stieg in den amerikanischen Kolonien ab 1700 stark an, teils ausgelöst durch Armut und Arbeitslosigkeit z.B. in Irland, teils durch die britische Strafvollzugspraxis. Doch auch Abenteuerlust und die Aussicht auf das riesige, noch unbesiedelte Land ließ viele Europäer in die neuen Kolonien auswandern. Immer mehr Einwanderer gelangten so nach Amerika und er­warben entsprechend ihrerfinanziellen Mittel große Flächen billigen Bodens oder verdingten sich als Arbeiter auf Plantagen. Da die Immigranten bald ihre Familien nachholten, glichen viele neue Siedlungen den alten Dörfern ihrer Heimatländer. Fand ein Immigrant nicht sofort Arbeit, zog er oft von Familie zu Familie und wurde dort meistfinanziell mitgetragen (vgl. ebd.: 15). Je mehr Einwan­derersich aufdem Land verteilten, desto niedriger wurde derwirtschaftliche Gewinn. Viele Siedler verschuldeten sich aufgrund mangelnder landwirtschaftlicher Kenntnisse.

Da fast alle wichtigen Güterwie Eisen, Stoffe, Saatgut und Nahrungsmittel noch aus England im­portiert wurden, stiegen die Ausgaben der Plantagenbesitzer. Viele verloren innerhalb eines Jah­res ihr gesamtes Hab und Gut und zogen, unfähig das Geld oder den Mut für eine Rückkehr nach England aufzubringen, durch die Kolonien.

Die steigende Zahl der umherziehenden, arbeitssuchenden Menschen war auch für den Rest der Bevölkerung sichtbar: „The poor, the sick, and those unable to care for themselves because of age or debility were considered part of the community, and it was the responsibility of godly Christians to are for them“ (Kusmer2002: 19). Bettler jedoch, die allem Anschein nach arbeitsfähig waren, aber keine Arbeitsstelle annehmen wollten, wurden der Faulheit beschuldigt und sollten „be taken as enemies of this ordinance of God“ (ebd.: 19).

Die Kolonisten übernahmen englische Gesetze wie den Statut of Laborers und den Act of Settle­ment. Damit versuchten sie den Vormarsch von sogenannten idle poor zu stoppen und die Städte und Kommunen zu befähigen, ihre Bedürftigen zu versorgen (vgl. DeOllos 1997: 15).

Die christliche Nächstenliebe beschränkte sich jedoch nur auf die Einwohner der eigenen Stadt.

Um die kommunale Armenfürsorge nicht durch fremde Bettler zu überstrapazieren, schloss man schon bald Neuankömmlinge von derVersorgung aus.

Eine andere Vorgehensweise sah eine Art von Verwarnung vor, die Fremden vor Betreten der Stadt nahe legte, der Gemeinschaft nicht zur Last zu fallen. In der Praxis wurde es durch das Fern­halten von Umherziehenden von den Stadtgrenzen umgesetzt (vgl. DeOllos 1997: 15). Erstmals wird 1658 von dieser warning out-Praxis in New England berichtet (vgl. Kusmer 2002: 20).

Eine neue Bevölkerungsgruppe machte Mitte des 18. Jahrhunderts auf sich aufmerksam: Sklaven, (zwangs-)importiert aus den afrikanischen Ländern, wurden ebenso wie die „Vertrags-Arbeiter“ aus England aufden Plantagen eingesetzt. Arbeitstage über 15 Stunden auch für Kinder, unzurei­chende Nahrungmittelversorgung und brutale Behandlungsmethoden ließen die Sklaven an Flucht denken. Da die Plantagen oft einige Tagesreisen auseinander lagen, gelang vielen die Flucht.

Doch die Siedler reagierten auf den Verlust ihrer Sklaven und bildeten Gruppen von Polizisten und Freiwilligen. Ausgerüstet mit den Beschreibungen ihrerArbeitskräfte durchsuchten sie das Land und fanden nicht selten die durch Hunger und Schlafmangel erschöpften Flüchtlinge.

In Massachusetts galt ein Gesetz von 1692, durch das jede Person, die nicht innerhalb von drei Monaten aus der Stadt ausgewiesen wurde, automatisch zu ihrem Einwohner wurde. In den 60er Jahren des 18. Jahrhunderts erlebten die dortigen Städte einen starken Anstieg an Zuwanderern. Diese Zugereisten benötigten wirtschaftliche Unterstützung. Um der Situation Herrzu werden, wur­den verstärkt junge alleinstehende Betroffene aus der Stadt gewiesen, bevor sie eine Unterkunft finden konnten. Zu dieser Gruppe gehörten auch Mütter mit unehelichen Kindern und ganze Fami­lien (vgl. DeOllos 1997: 15). Institutionen wie Kirchen oderSchulen mussten eintreffende Familien derStadtverwaltung melden und die Neuankömmlinge überprüfen.

2 Zu deutsch untätige Arme, bedürftige ohne Arbeit.

Fanden die Fremden sofortArbeit, durften sie bleiben. Waren sie jedoch arbeits- und mittellos, ging von ihnen die Gefahr aus, staatliche Unterstützung zu benötigen. Folglich wurden sie abge­lehnt und mussten weiterziehen (vgl. ebd.: 15).

Der Unabhängigkeitskrieg von 1777 bis 1783 brachte eine Welle obdachloser ehemaliger Soldaten mit sich, die aus dem Dienst entlassen worden waren. Viele fanden ihre Häuser zerstört vor und suchten sich eine neue Bleibe. Einige fanden in den Städten Arbeit durch den einsetzenden wirt­schaftlichen Aufschwung: „These men became the minors, railroad workers, and cowboys of the west“ (ebd.: 15). DerZuzug von armer Bevölkerung und die Überfüllung der Armenhäuser nahm jedoch unaufhörlich zu. Gegenüber den Behörden wuchs derVorwurf, den Bedürftigen würde der Anreiz zum Arbeiten fehlen, da ihnen die Kommunen genügend Geld- und Sachleistungen ge­währten. Also „setzten [sie] eine weitgehende Trennung der Gruppen derArbeitsfähigen und Nicht­Arbeitsfähigen durch“ (Wilke 2002: 21). Die Arbeitsfähigen wurden in Arbeitshäusern unterge­bracht und mussten sich unter schlechten Bedingungen ihre Fürsorge hart erarbeiten. Diese sollte als geistige und körperliche Rehabilitation dienen und die Armen wieder in den Alltag der arbeiten­den Bevölkerung eingliedern (vgl. ebd.: 21). Nicht-Arbeitsfähigewurden in die Armenhäuserge­bracht.

Die Zahl der obdachlosen Bevölkerung wuchs besonders nach 1820 kontinuierlich weiter, „when urbanization and industrial development began to take hold in the young nation“ (Kusmer2002: 3). Diese Entwicklung zwang die Saisonarbeiter in den großen Industriegebieten um Philadelphia oder Baltimore, die Wintermonate in den Notunterkünften derArmenhäuser zu verbringen (vgl. ebd.: 23). Die Afroamerikaner stellten in dieser Zeit knapp die Hälfte aller Obdachlosen. So waren 40% bis 50% allerwegen Landstreicherei eingesperrten Häftlinge Philadelphias Schwarzamerikaner (vgl. ebd.: 24). Bei einem Anteil von 10% an der Gesamtbevölkerung ist diese Zahl erheblich. Gr­und dafür waren die Gesetze des Staates Pennsylvania, die Hunderte „unskilled, illiterate, or elder­ly slaves [forced] to suddenly fend for themselves in a racially hostile environment“ (ebd.: 24).

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts etablierten sich die ersten Wohlfahrtsorganisationen in den USA. Sie handelten nach dem Prinzip der scientific charity und sahen in erster Linie die Wieder­herstellung derSelbsterhaltungskräfte als Ziel, um der verarmten Bevölkerung helfen zu können. Vor allem gutsituierte Frauen bildeten die Anfänge der Sozialarbeit, indem sie sich zusammen­schlossen, um den angeblichen Defiziten und derfehlenden Disziplin derArmen entgegen zu ar­beiten (vgl. Wilke 2002: 22). Eine der ersten Vor-Ort-Einsätze in die skid-rows und Slums amerika­nischerStädte unternahm die Water Street Mission, eine 1872 in New York von dem ehemaligen alkoholabhängigen Kriminellen Jerry McAuleygegründete Organisation (vgl. Kusmer2002: 88). Im Gründungsjahr verteilten McAuley's Mitarbeiter26.000 Mahlzeiten und 5.000 Übernachtungsmög­lichkeiten (vgl. ebd.: 88). Die SalvationArmy (Heilsarmee) trat erstmals 1891 in New York auf und unterhielt bis ins Jahr 1900 im gesamten Land 69 Notschlafstellen und 23 Restaurants und Nah­rungsmittel-Depots für Bedürftige und Obdachlose (vgl. Kusmer2002: 88). Die Heilsarmee setzte als erste Wohlfahrtsorganisation Standards für Notunterkünfte fest.

Außerdem bot sie als einzige Organisation im Jahr 1892 eigene Unterkünfte für Frauen und Mäd­chen in New York, Boston und Cleveland an (vgl. ebd.: 89).

Bereits 60 Jahre zuvor wurden Nachtquartiere für Umherziehende in öffentlichen Einrichtungen be­reitgestellt. Kusmer berichtet von Polizeistationen in New York im Jahre 1930, deren Gefängniszel­len für Obdachlose zur Übernachtung frei gegeben wurden (vgl. ebd.: 3). Die Nachfrage für solche Quartiere stieg enorm an, innerhalb eines halben Jahres schliefen fast 25.000 Obdachlose in Poli­zeistationen.

3.2. Skid-rows und Hobos während der Industrialisierung

Die skid-rows („hemmende Grenzen“) entstanden in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts. Synonym dafür wurden auch die Begriffe run-down neighbourhoods oder mainstems verwendet, Gebiete mit hoher Kriminalität und niedrigem Moralstandard (vgl. Stark 1992: 27). Diese Orte „be­gan to evolve as poor inner-city enclaves with lodging houses, hotels, restaurants, saloons, and other services dedicated to fulfilling the needs of single, mostly male, transient workers“ (ebd.: 27). Die unaufhörlich ins Land strömenden europäischen Immigranten siedelten sich zusammen mit den Obdachlosen aus dem Bürgerkrieg am Rand derStädte an und bildeten Ghettos. In diesen skid-rows fanden sich vor allem Tagelöhner, die von verschiedenen Gelegenheitsjobs lebten. Das Einkommen reichtejedoch nicht aus, um in das Stadtinnere zu ziehen (vgl. DeOllos 1997: 16).

„To the average person, the term Skid Row immediately brings to mind [...] society's cast-off's, pov­erty-stricken men who have failed to make it in the competitive world and are now eking out an ex­istence in an alcoholic haze amid environmental squalor and human misery“ (Stark 1992: 34).

Jim Baumohl und Kim Hopper beschreiben einen Bewohner der skid-rows als eine Person, welche hohes Alter, Armut und verschiedene Abhängigkeiten in sich vereint (vgl. Baumohl, Hopper 1996: 10).

In einer der ersten Obdachlosenstudien in den skid-rows von New York wurden die Vorurteile der Bevölkerung gegenüber den skid-row-Bewohnerwiderlegt (vgl. Stark 1992: 28). Die meisten Be­fragten waren weder Kriminelle noch arbeitsfaule Herumtreiber, sondern erst vor kurzem aus ihrer Arbeit Entlassene mit sehr guten Referenzen ihrer früheren Arbeitgeber. Der Initiator dieser Studie, H.S. Cook, fasste die Ergebnisse mit einem Satz zusammen: „We are the guilty ones, we are the criminals fortreating homeless people to badly“ (Stark 1992: 28).

Zu dieser Gruppe kamen 1900 die Hobos, Landstreicher, die meist mit Hilfe von Eisenbahnwagen von Stadt zu Stadt zogen und Arbeit suchten. Das ganze Jahr hindurch verrichteten sie saisonale Arbeiten und schliefen in Camps der skid-rows: „As a result, traditional institutions arose within skid rows to meet the needs of hobos“ (De Ollos 1997: 17). In diesen Randgebieten siedelten sich Ar­beitsagenturen fürTagelöhneran. Dazu kamen billige Restaurants und Mehrbettzimmer-Hotels. Allein in New York gab es 1870 über 34 Suppenküchen, lunch units, Obdachlosenunterkünfte und sonstige meist religiös motivierte Einrichtungen, die sich um die Obdachlosen kümmerten (vgl. Kusmer2002: 51).

Die untenstehende Zeichnung von 1923 stellt einen Lageplan für Bedürftige im „Obdachlosenvier­tel“ von Chicago dar. Er verzeichnet alle für die Betroffenen wichtigen Institutionen und Einrich­tungen (vgl. Kusmer2002: 156):

Graphik 1: Lageplan Chicago von 1923

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Auch heute noch finden sich in größeren Städten „Handzettel“ für Obdachlose, mit deren Hilfe sie sich bei Behörden, Ämtern, Unterkünften und Wärmestuben zurechtfinden können.

Landstreicher befanden sich oft in prekären Situationen. Weder die Polizei sah sie gerne in den Städten herumlungern, noch wollten die Eisenbahnbeamten Hobos in ihren Zügen befördern. Die Reaktion der Bürger reichte von widerwilligerToleranz bis hin zu aggressiven Übergriffen (vgl. De- Ollos 1997: 17). Die tramps (Wanderer) wurden in den Armenhäusern von den übrigen Bedürftigen getrennt und erhielten wenigerArbeitsangebote (vgl. Kusmer2002: 69). Auch insgesamt gesehen bekamen sie weniger Leistungen in Form von Essen und finanziellen Zuwendungen für Gelegen­heitsarbeiten als zu Beginn des Jahrhunderts, obwohl die Zahl der Landstreicher enorm gestiegen war. Gerade dieserAnstieg an obdachlosen Landstreichern wardie Ursache der zunehmenden Kriminalisierung dieserGruppe (vgl. ebd.: 69). Niemand wollte und konnte mehrfürsie aufkom­men, in einigen Städten wurde derSheriff sogarfürjeden gefangen genommenen Landstreicher belohnt. DeOllos identifiziert als Gründe für die Zunahme dieser Lebensweisen die rasant stei­gende Industrialisierung, die Vernetzung von Großstädten durch den Ausbau des Eisen­bahnnetzes und die Gründung wichtiger Institutionen für diese Personengruppen (vgl. DeOllos 1997: 18).

3.3. Great Depression und die Zeit nach den Weltkriegen

„Photographs of soup lines and destitute farm families making their way to California during the Great Depression have been indelibly etched on theAmerican imagination“ (Kusmer2002: 3).

Die große Depression oder der „schwarze Donnerstag" (in Europa aufgrund der Zeitverschiebung unter der Bezeichnung „schwarzer Freitag" bekannt) bezeichnet die Weltwirtschaftskrise in den Jahren 1929 bis 1939. Sie fand in allen wichtigen Industrienationen statt und gilt als die längste und schlimmste ökonomische Krise, die die westliche Welt jemals erlebt hat (vgl. URL: www.english.uiuc.edu/maps/depression/about.htm vom 24.10.2005).

Eine Folge der Krise war gravierende Arbeitslosigkeit. So gingen 20% bis 30% aller Arbeitsplätze verloren. Der rapide Wegfall von Arbeitsplätzen für ungelernte Arbeiter markierte damit das Ende der Hobos (vgl. DeOllos 1997: 18). Die hohe Erwerbslosigkeit bedeutete daneben auch einen starken Anstieg der Obdachlosigkeit. Die hohen Verluste an der Börse zwangen nicht nur große Firmen zurAufgabe, auch viele Farmen und Plantagen mussten verkauft werden. Daneben besaß die Erfahrung der plötzlichen Zerstörung derwirtschaftlichen Grundlage der eigenen Existenz ver­heerende Wirkung auf die psychische Konstitution der Menschen: Der amerikanische Unterneh­mergeist, die Überzeugung, es mit genügend großem Fleiß „nach oben“ bringen zu können, zer­platzte wie eine Seifenblase. Es zerbrachen nicht nur Ehen und ganze Familien aufgrund des plötzlichen Wegbruchs ihrer Existenzgrundlage, auch die Selbstmordraten waren so hoch wie nie zuvor. Infolge der Heerscharen von über Nacht Verarmten, Arbeitslosen und Obdachlosen nahm die Zahl an Notunterkünften und Suppenküchen in den skid-rows enorm zu. So entstand in Phila­delphia mit über4.000 Plätzen eine der größten Notunterkünfte der USA (vgl. Baumohl, Hopper 1996: 9).

Im Januar 1933, kurz vor der Machtübernahme Hitlers in Deutschland, brachte das National Com­mittee on the Care ofthe Transient and Homeless eine Studie heraus, die besagte, dass über 1,5 Millionen amerikanischer Bürger an Hunger und Obdachlosigkeit litten. Da der Staat keine finanzi­elle Hilfen für die große Zahl an Bedürftigen bereitstellen konnte, traten immer mehr sozial enga­gierte Bürgerfürderen Rechte ein. Selbst die konzentrierten Anstrengungen derWohlfahrtsorgani- sationen reichten nicht für alle Bedürftigen aus. Als Reaktion darauf trennte man die vagrants (Zu­gereisten) von den local residents (Einheimischen). Nur letztere hatten Anspruch auf Unterstüt­zung (vgl. DeOllos 1997: 19). Zu dieserZeit entstanden neben den ursprünglichen jungles der Landstreicher die sogenannten Hoovervilles. Das waren bestimmte Orte in Stadtparks oder unter Brücken, die den Obdachlosen als Bleibe dienten. Der Unterschied zu den jungles war ihre relative zeitliche und geografische Beständigkeit. Hier wurde nicht die Zeit zwischen zwei Jobs verbracht, sondern die Bewohner sahen diese Orte als ihre ultimate destination (vgl. ebd.: 19).

Die erste staatliche Unterstützung kam 1932 mit dem Federal Emergency ReliefAct. Er rief das Federal Transients Bureau ins Leben. Es stellte eine Erste-Hilfe-Instanz für obdachlose Bürger dar.

Bemerkenswert ist, dass die Bedürftigen hier erstmals als Opfer, nicht mehr nur als Last der Ge­sellschaft definiert werden. Die Behörde richtete für die Obdachlosen ein Auffanglager ein, das späterzu einer festen Einrichtung, der Civilian Conservation Corps wurde (vgl. ebd.: 20). Im We­sten der USA, vor allem in Kalifornien, entstanden sogenannte Federal Work Camps for Single Men. Dieser Einrichtung stellte die 1936 gegründete Federal Farm Security Administration Unter­künfte für eingewanderte und obdachlose Familien zur Seite (vgl. Baumohl, Hopper 1996: 9).

Doch es gab auch erste Gegenstimmen aus dem bürgerlichen Lager der Städte, die die Bedürf­tigen als Gefahr betrachteten. IhrerAnsicht nach motivierten die staatlichen Hilfen immer mehr müssige Arbeitslose zum Nichtstun. Daraufhin wurde 1935 die Behörde für die Opfer der Wirt­schaftskrise durch den entstandenen Social Security Act umstrukturiert (vgl. DeOllos 1997: 20).

Am Anfang stand die Politik der Weltwirtschaftskrise hilflos gegenüber. Unter Präsident Herbert Hoover wurde zwar eine Reihe von Gesetzen verabschiedet, die jedoch kein durchgehendes Kon­zept bildeten und daher ihre Wirkung verfehlten. Unter dem Eindruck der Handlungsunfähigkeit der Regierung wurde Franklin D. Roosevelt zum neuen Präsidenten gewählt. Er verabschiedete sofort nach seinem Amtsantritt ein gigantisches Wirtschafts-, Sozial- und Regionalförderungsprogramm, das in seiner Form und Umfang bis heute einmalig in der Geschichte derVereinigten Staaten ist. Der New Deal, zu übersetzen als die Neuverteilung der Karten (vgl. US Embassy 2006 URL: www.usa.usembassy.de/geschichte-depression.htm vom 11.02.2006) umfasstefolgende Politikbe­reiche und Aktionsprogramme:

- In der Sozialpolitik wurde das Sozialversicherungsgesetz Social Security Act 1935 einge­führt, eine beitragsfinanzierte Arbeitslosenversicherung (Unemployment Insurance) und Al­tersrente (OldAge Insurance), daneben weitere steuerfinanzierte Sozialhilfemaßnahmen wie Einkommensbeihilfen für Blinde (Aid to the Blind) und bedürftige Familien mit minder­jährigen Kindern (Aid to Families with Dependent Children, AFDC).
- Der New Deal markierte damit den Eintritt der USA in das sozialpolitische Zeitalter. Er stell­te nicht nur die Abkehr vom liberalen „Nachtwächterstaat“ dar, sondern auch den Bruch mit dem tiefverwurzelten, auf Individualismus, Eigenverantwortung und Eigeninitiative set­zenden Pioniergeist.
- Zum ersten Mal übernahm hier die amerikanische Bundesregierung die sozialpolitische Verantwortung für ein nationales, einheitliches System von Sozialversicherung. Bislang war dies ausschließlich von privaten Wohlfahrtsorganisationen und derArmenfürsorge auf lo­kaler und einzelstaatlicher Ebene ausgegangen - ein zersplittertes, nur bedingt effizientes System mit großen regionalen Unterschieden in der Art derZuwendung.
- Die Krise hatte die Unzulänglichkeit dieser uneinheitlichen Sozialprogramme aufgezeigt und den Weg zu einem allgemeinen sozialen Sicherungssystem geebnet (vgl. US Embassy 2006 URL: www.usa.usembassy.de/geschichte-depression.htm_vom 11.02.2006)
- Wichtig ist hier der Unterschied von Sozialversicherung und Sozialhilfe : Erstere ist bei­tragsfinanziert und muss daher nicht von der Allgemeinheit bezahlt werden. Die Sozialver­sicherung wird also als Eigentum der Beitragszahler betrachtet.

Die Sozialhilfe steht dagegen bis heute unter stetigem Beschuss, weil sie nicht beitragsfi­nanziert ist, sondern komplett vom Staat getragen wird.

Den Sozialhilfeprogrammen wird bis heute vorgeworfen, dass sie die Abhängigkeit der Bedürftigen noch steigern, weil sie gar keinen Anreiz bieten, wieder ins Erwerbsleben zurückzukehren. Das ist ein klassischerVorwurf, den es auch bei der deutschen Sozialhilfe gibt. Dieser Unterschied zieht sich durch die gesamte Sozialpolitik der USA bis heute. Neben diesen Haupt-Errungenschaften des New Deal gab es noch weitere Programme (vgl. US Embassy 2006):

- Im Arbeitsmarktbereich startete der Unemployment ReliefAct von 1933 mit dem Civilian Conservation Corps (CCC) ein umfangreiches, aber befristetes Arbeitsbeschaffungspro­gramm für etwa 3 Mio. Männer. Durch die Beschäftigung der Erwerbslosen in staatlichen Projekten wie dem Bau von Autobahnen, Schulen, Flugplätzen etc. bewahrte das Gesetz diese vorVerelendung und Verzweiflung und stellt damit zweifellos eines derwichtigsten Aktionsprogramme des New Deal dar.
- Die Industrie wurde zum ersten Mal unter staatliche Kontrolle gestellt. Der National Indus­trial Recovery Act von 1933 etablierte daneben ein korporatives Selbstregulierungssystem zwischen Unternehmern und Gewerkschaften unter lockererAufsicht der Regierung, das den bislang ruinösen Wettbewerb und dessen negative Folgen fürArbeitsplätze und Löhne beenden sollte. Parallel dazu wurde das Streik- und Organisationsrecht für Gewerkschaften und die 35-Stundenwoche fürArbeiter eingeführt. Weitere Änderungen wurden im Bankwe­sen und in der Landwirtschaft vorgenommen, deren genaue Beschreibung aber den Rah­men dieserArbeit sprengen würde.

Der Eintritt der USA in den zweiten Weltkrieg 1941 beendete endgültig die Great Depression durch die Rüstungsaufträge der Alliierten. Viele der Obdachlosen konnten so in der Rüstungsindustrie untergebracht werden.

Die Notunterkünfte leerten sich zusehends, zurück blieben nur alte und schwer behinderte Men­schen. 1942 wurde der Mangel an Arbeitskräften so groß, dass eine Schiffswerft in Kalifornien eine Busladung mit 74 teils bereits verurteilten Bewohnern der skid-rows aus dem Gefängnis in Los An­geles orderte, die ihre Strafe in der Werft abarbeiteten (vgl. Baumohl, Hopper 1996: 10). Nach Ende des Krieges kehrten die Überlebenden wieder in ihre Heimat zurück.

Um eine erneute Verarmung der Zurückkehrenden wie nach Ende des Unabhängigkeitskrieges zu verhindern, verabschiedete die Regierung mehrere Gesetze zur Integration derVeteranen (DeOl- los 1997:21):

- Schaffung der Veteran's Administration
- Unterstützungsleistungen für Kriegsversehrte
- G.l. Bill of Rights1
- Erneuerung der Sozialgesetzgebung
- PensionenfürVeteranen
- Finanzielle Unterstützung von Wohlfahrtsverbänden.

Doch auch die starke Verminderung von Bewohnern der skid-rows durch diese Programme löste das Problem der Obdachlosigkeit nicht gänzlich. Ihre Zusammensetzung hatte sich jedoch nach Kriegsende geändert. Vorherrschend waren fast nur noch ledige Männer, die keinerlei Kontakte zu Familie und Bekannten besaßen. Diese Männer waren nur wenig politisch oder sozial engagiert und überließen sich der Hoffnunglosigkeit ihrerLage (vgl. DeOllos 1997: 21). Fürdie Bevölkerung waren sie „affronts to the work ethic and notions of a settled, orderly community“ (Baumohl, Hop­per 1996: 10).

3.4. Vom Kriegsende bis zum Anbruch des 20. Jahrhunderts - ein de­mographischer Vergleich

Die skid-rows in den 50er und 60er Jahren waren eine Folge des Überflusses. Ein Ausdruck prägte das Urteil der Bevölkerung über diese Gebiete als junkheap forhuman beings als „dreckiger Hau­fen menschlicher Existenzen“ ein Abfallprodukt der Gesellschaft (vgl. Baumohl, Hopper 1996: 10). Der Altersdurchschnitt ihrer Einwohner stieg fortlaufend. In den 1950er Jahren waren die Bewoh­ner bereits in den mittleren Jahren, 1958 waren die Hälfte älter als 60 Jahre, 22% waren sogar über 70 Jahre (vgl. Kusmer 2002: 225). Die Bewohner waren oftmals Alkoholiker, bei denen regel­mäßige Verhaftungen, soziale Isolation und extreme Armut vorherrschten (vgl. Baumohl, Hopper 1996: 10).

DeOllos beschreibt in „On becoming homeless“ sechs verschiedene Typen, die 1972 in diesen Gebieten zu finden waren (vgl. DeOllos 1997: 21,22):

- Pensionäre
- Arbeiter, die Gelegenheitsjobs als Küchenhilfen, Lastwagenbeifahrer, Kneipenaushilfen und Köche innehatten
- Alkoholiker
- „Wanderarbeiter“, deren Zahl jedoch immer mehr abnahm
- Junge farbige Männer
- Drogenabhängige

Der Charakter der skid-rows wurde immer mehr der eines Ghettos, das außerhalb des normalen Stadtlebens existierte: „For the price of a subway token, [the researcher] can enter a country where the accepted principles of social interaction do not apply“ (Hopper, Baumohl 1996: 10), so die Aus­sage eines Soziologen über dieses Gebiet. Während dieser Zeit sank die Zahl der skid-row-Be- wohner unaufhörlich. Zum einen verlangte die technologisierte Industrie immer mehr Facharbeiter, was die Zahl der „Wanderarbeiter“ stark dezimierte. Dazu kamen die Wohlfahrtsorganisationen und staatlichen Zuschüsse, die es den meisten Bedürftigen erlaubten, außerhalb der Stadtränder zu leben. Außerdem begannen immer mehr städtische Erneuerungsprojekte, die Gebiete der skid- rows zu eliminieren (vgl. DeOllos 1997: 22). Auch wenn staatliche Initiativen alles daran setzten, dass obdachlose, verarmte und arbeitslose Menschen wiedereingegliedertwerden konnten, ver- zeichneten die 80er Jahren wieder einen Anstieg der Obdachlosigkeit.

Die Eigenschaften des typischen Obdachlosen änderten sich ebenfalls. Mitte des 20. Jahrhunderts waren vor allem weiße, männliche und meist alkoholabhängige Singles betroffen. In den 80er Jah­ren dominierten zwar immer noch Männer bei der Gruppe der Obdachlosen. So lag das Verhältnis der beiden Geschlechterzueinander bei 90% Männern zu 10% Frauen. Doch in New York und Washington DC war das Verhältnis fast ausgewogen (vgl. DeOllos 1997: 23-29). Sieht man von den beiden Städten ab, tauchten Frauen in den Statistiken der 80er Jahre kaum auf und wurden somit auch nicht in den weiteren Spezifikationen von Obdachlosen berücksichtigt. Außerdem muss man bedenken, dass in diesen zwei Städten auch die normale Geschlechterverteilung der Ge­samtbevölkerung gleich war. Die übrigen Städte verzeichneten mehr Männer als Frauen. So stimmt die prozentuale Verteilung von Männern und Frauen in allen amerikanischen Städten mit denen derObdachlosen überein.

Immer noch dominierten weiße Obdachlose vorden übrigen ethnische Gruppen mit den einzigen Ausnahmen Chicago und Manhattan, in denen die AfricanAmericans die größte Gruppe bildeten (vgl. DeOllos 1997: 36). Bezüglich des Alters lag der Durchschnitt in allen Gebieten bei 40 Jahren (vgl. ebd.: 38). Ab den 70er Jahren veränderte sich auch der Familienstand der Wohnungslosen. Waren früher nahezu alle obdachlosen Männer noch nie verheiratet gewesen, lag ihr Anteil kurz vor der Jahrtausendwende nur noch zwischen 40% bis 60%.

Die zweitgrößte Gruppe bestand aus bereits geschiedenen oder getrennt lebenden Obdachlosen (vgl. ebd.: 39). Nichtsesshafte Obdachlose gab es auch noch gegen Ende des 20. Jahrhunderts. Meistens zogen obdachlos gewordene Menschen von den umliegenden ländlichen Gebieten in die Städte, um dort Arbeit und ein Dach über dem Kopf zu finden. Die Vorgehensweise der hobos der 20er Jahre, von Stadt zu Stadt zu ziehen, existierte praktisch nicht mehr (vgl. ebd.: 40, 41).

1999 erneuerte der damalige New Yorker Bürgermeister Rudolph Giuliani die Vorurteile gegenüber obdachlosen Mitmenschen: „[Giuliani] would require the homeless to work before they could re­ceive a bed in a shelter, he probably was unaware that his proposed policy revived a very old his­torical tradition“ (Kusmer2002: Vorwort).

Deutlich wurden bei der Betrachtung der Geschichte der amerikanischen Obdachlosigkeit die Zu­sammenhänge von Wohnungslosigkeit und dem Auftreten gesellschaftlicher/sozialer und außen­politischen Fluktuationen. So beeinflussten Epidemien, Kriege und wirtschaftliche Krisenereignisse die Zahl von obdachlosen Menschen. Auch kann man die gesellschaftlichen Reaktionen in Form von privaten Initiativen und Organisationen im Wandel derZeit beobachten. DerStaat sah erstma­lig Anfang des letzten Jahrhunderts Obdachlosigkeit als großes gesamtstaatliches Problem, das nicht zwingend selbstverschuldet war. Waren in früheren Zeiten Einwanderer und Saisonarbeiter die dominierende Gruppe in den skid-rows, so lösten die sozial „Gestrandeten“ diese im letzten Jahrhundert ab. Die Veränderung des persönlichen Hintergrunds der Betroffenen ist ebenso deut­lich auszumachen. Nur jobspezifische und / oder durch fehlende finanzielle Ressourcen ausgelö­ste Obdachlosigkeit gibt es heute kaum mehr. Vielmehr spielen immer mehr persönliche Gründe, wie zum Beispiel Abhängigkeit, familiäre Probleme und physische und / oder psychische Ursachen eine große Rolle. Die genauen Gründe der Obdachlosigkeit in Amerika heute betrachte ich im übernächsten Kapitel. Um aussagekräftige Daten vorlegen zu können, möchte ich zuvor jedoch ei­nige Statistiken überWohnungslosigkeit präsentieren.

4. Statistiken und Fakten

Für eine genaue und datengestützte Analyse von Obdachlosigkeit in den USA sind einige aussa­gekräftigen Angaben unerlässlich. Sie stellen die Voraussetzung für das weitere Verständnis der Ursachen und Arten der Obdachlosenhilfe dar. Erst bei genauer Kenntnis Erhebungsmethode von Wohnungslosenzahlen können alle Dimensionen des Phänomens differenziert betrachtet werden. Dazu gehören ebenfalls einige Zahlen und Fakten über die USA selbst.

4.1. Die Vereinigten Staaten von Amerika

Eine genaue Betrachtung des Aufbaus des Staates und aller seiner Organe wäre in dieser Arbeit zu ausführlich. Doch sollten einige wichtige Merkmale genannt werden, die für das Verständnis des weiteren Teils nötig sind.

Die USA sind ein Bundesstaat mit über 297,6 Millionen Einwohnern in Nordamerika und ist flä­chenmäßig derviertgrößte Staat der Erde (vgl. U.S. Census Bureau 2005; dtv-Lexikon 1997: 122). Das gesamte Gebiet gliedert sich in 50 gleichberechtigte Einzelstaaten, Washington DC. als DistrictofColumbia und die Territorien (z.B. Virgin Islands) (vgl. dtv-Lexikon 1997: 122).

Die einzelnen Staaten stehen dem Bund gleichrangig gegenüber und verfügen über eigene Kom­petenzen, nach Sachgebieten abgegrenzt. Dies geschieht nach dem Grundsatz des kooperativen Föderalismus, d.h. das Kompetenzverhältnis ist als Ergänzung, nicht als Gegeneinander gedacht. Die USA sind injeder Hinsicht multikulturell. Zu den ersten Einwohnern Amerikas, den Indianern, kamen erste koloniale Einwanderer, meist Engländer, Spanierund Franzosen. Mitte des 18. Jahr­hunderts stießen auch Deutsche und Iren dazu. Im nächsten Jahrhundert schließlich folgten Mas­sen an Immigranten aus Osteuropa, Italien und Skandinavien. Osteuropäisch-stämmige Amerika­ner bilden heute über 74% der Bevölkerung, insgesamt sind 77,1% der Amerikaner weißer Haut­farbe (vgl. US Embassy 2006 URL: www.usa.usembassy.de/gesellschaft-demographics.htm vom 11.02.2006). Die UreinwohnerAmerikas bildeten bis vor kurzem eine sehr geringe Bevölkerungs­gruppe. Erst in letzter Zeit stieg die Anzahl der Native Americans immer mehr an, in Alaska errei­chen sie sogar eine zweistellige Prozentzahl. Die Nachfahren der aus Afrika verschleppten Skla­ven, die Afro-Amerikaner, finden sich heute vor allem im Süden des Landes und in den großen In­dustriestädten des Nordens wieder. Sie machen heute einen Bevölkerungsteil von 12,9% aus.

Eine eher kleinere Gruppe bilden die aus Japan, Korea, China und Indien stammenden Asiaten mit nur 4,5%. Das könnte man an der besonders verschärften Einwanderungspolitik zu Anfang des 20.Jahrhunderts zurückführen (vgl. US Embassy2006). Die Zahl dervon Südamerika (teils illegal) eingewanderten spanisch Stämmigen nahm in den letzten Jahren immer mehr zu, 2004 kamen sie auf knapp 13% (vgl. US Embassy2006).

4.2. Die Obdachlosenzahlen

Es ist schwierig, verlässliche Zahlen über Obdachlose in Amerika zu finden. So gibt 1984 eine Ex­pertengruppe des US Department of Housing and Urban Development eine Zahl zwischen 250.000 und 300.000 Obdachlose in 60 eingeteilten geographischen Gebieten Amerikas an (vgl. Burt 1996: 21; Sommer 2001: 9). Hier wirdjedoch nicht ersichtlich, inwelchen Ballungsräumen und überwelchen Zeitraum hinweg die Obdachlosen gezählt wurden. Das Urban Institute zählte drei Jahre später in Großstädten mit über 100.000 Einwohnern über 500.000 Obdachlose (vgl. ebd.: 9).Hierwirdjedoch nicht ersichtlich, in welchen Ballungsräumen und überwelchen Zeitraum hinweg die Obdachlosen gezählt wurden. Das Urban Institute zählte drei Jahre später in Großstäd­ten mit über 100.000 Einwohnern über 500.000 Obdachlose (vgl. ebd.: 9). Die National Coalition for the Homeless gibt zu dieser Zeit 2-3 Millionen Obdachlose für das gesamte Bundesgebiet an (vgl. Mihaly 1989: 13).

Eine sehr präzise Zählung nahm im Jahr 2000 das Urban Institute vor: „The survey sampled 76 ge­ographical areas, including rural counties. This data was used to project an estimate of the home­less population on the national level” (Sommer 2001: 9).

Nach dieser Berechnung waren von 1996 bis 2000 jährlich 2,3 bis 2,5 Millionen Menschen obdach­los. Im März 2004 nennt die National Coalition forthe Homeless in ihrem Statement für das Repräsentantenhaus bereits über 3,5 Millionen Betroffene. Davon sind 42% Angestellte, 39% Kinder, 55% besitzen weder eine private noch eine gesetzliche Krankenversicherung und 10% sind Veteranen. Allein 1,35 Millionen Kinder sollen nach diesen Angaben im Laufe des Jahres 2006 obdachlos werden (vgl. National Coalition forthe Homeless, Fact Sheet#2, 2005).

Welche Zahlen sind nun repräsentativ? Es wundert nicht, dass politische Entscheidungsträger mit Mißtrauen die verschiedenen Ergebnisse beurteilen. Dabei ist es für die National Coalition forthe Homeless gar nicht so wichtig, eine genaue Zahl zu bestimmten. Vielmehr ist „homelessness [...] a temporary circumstance - not a permanent condition“ (National Coalition for the Homeless,Fact Sheet #2, 2005). Allein die Methode der Erhebung der Zahlen weicht bei den verschiedenen Studi­en voneinander ab. Die Durchführung solcher Befragungen ist grundsätzlich schwierig, da übliche Methoden nicht zurVerfügung stehen: „Normal methods of enumeration, such as knocking on doo­rs, cannot be used to count a very fluid, sometimes hidden, and often mistrustful and frightened population“ (Mihaly 1989: 12,13). Die meisten Untersuchungen finden in den sogenannten shel­ters, den Notunterkünften, und in anderen von Obdachlosen frequentierten Institutionen statt. Die­se Zahlen erfassen jedoch keinesfalls die gesamte obdachlose Bevölkerung, da viele Betroffene erst gar nicht solche Einrichtungen aufsuchen, sei es aus Scham über ihre Lebensweise oder aus Furcht vor staatlicher Verfolgung. Auch helfen sich viele Langzeitobdachlose mit selbst gebauten Unterkünften wie Wellblechhütten, Zelten oder Nischen in Abrisshäusern (vgl. National Coalition forthe Homeless,Fact Sheet#2, 2005). Diese Personen trifft man so gutwie nie in Einrichtungen an, sie tauchen somit auch in keiner Statistik auf.

Viele Notschlafstellen verfügen dazu über begrenzte Kapazitäten, d.h. Obdachlose müssen sich nachts aufdie neue Suche nach einem warmen Schlafplatz begeben. Es kann durchaus sein, dass eine bestimmte Person in einer einzigen Woche sieben Mal die Unterkunft wechseln muss, denn ein fester Schlafplatz in einer Einrichtung ist keinesfalls garantiert. Nach einer aktuellen Stu­die der U.S. Conference ofMayors, durchgeführt im Jahr2004, mussten 23% derAnfragen auf ein Nachtquartieraus Mangel an Kapazität weitergeleitet werden (vgl. National Coalition for the Home- less,Fact Sheet#2, 2005). Auch können die Essensausgaben und Suppenküchen verschiedene Öffnungszeiten haben . Hier kann die mehrfache Erfassung einer einzigen Person nicht ausge­schlossen werden.

Der Mangel an ausreichenden Schlafplätzen oder unzumutbaren Mehrbettzimmern veranlasst viele Obdachlose, bei Freunden oderVerwandten unterzukommen. Diese Verhältnisse sind meist eng und nicht für einen längeren Zeitraum gedacht. Diese Art der Unterbringung erfahren vor allem Jugendliche und Kinder. Eine Studie des Department of Education erfasste im Jahr 2000 nur 35% aller obdachlosen Kinder in Notschlafstellen. 34% lebten in überfüllten Wohnungen mit Verwand­ten zusammen und 23% kamen in Motels und Pensionen unter (vgl. National Coalition forthe Homeless,Fact Sheet #2, 2005).

Wird eine Zählung nur in Institutionen durchgeführt, werden viele nichtgemeldete Obdachlose nicht berücksichtigt. Führt man eine Untersuchung außerhalb fester Einrichtungen durch, also auf be­stimmten Plätzen, unter Brücken usw. werden jene Obdachlose nicht erfasst, die sich zu dieser Zeit in einer Institution aufhalten oder sich sogar über mehrere Tage z.B. auf Entgiftung in einem Krankenhaus befinden.

Studien können in nur einer einzigen Nacht durchgeführt werden oder auch während mehrerer Mo­nate. Die Anzahl der angetroffenen Obdachlosen an einem bestimmten Tag oder in einer Woche wird point-in-time count genannt. Gezählte Wohnungslose über einen längeren Zeitraum, über mehrere Monate hinweg werden mit period prevalence counts bezeichnet (vgl. National Coalition for the Homeless,Fact Sheet #2, 2005). Wird bei beiden Methoden der Wiederholungsfehler aus­genommen, sagt die Eintagesmethode eher etwas über beispielhafte Obdachlosenzahlen zu einem bestimmten Zeitpunkt aus. Es kann nicht angenommen werden, dass alle Obdachlosen ei­ner Stadt genau in dieser Zeit bei der Erhebung anwesend sind. Sucht ein Betroffener nur einmal pro Woche eine Einrichtung auf, ist die Wahrscheinlichkeit eins zu sieben, dass er mit der Ein­tagesmethode erfasst wird. Die Untersuchung über mehrere Monate gibt eher die tatsächliche Zahl der Obdachlosen wider, da die Wahrscheinlichkeit über einen langen Zeitraum gesehen höher ist, allen Betroffenen zu begegnen.

Auch Martha Burt unterscheidet in „Homelessness: Definitions and Counts“ die pointprevalence, d.h. die Anzahl aller Obdachlosen zu einem einzigen Zeitpunkt, einem Tag oder eine Nacht, und die period prevalence. Letztere berücksichtigt Menschen, die über einen längeren Zeitraum hinweg obdachlos sind (vgl. Burt 1996: 22).

Welche Methode ergriffen wird, hängt vom Zweck der Untersuchung, dem Untersuchungsort und letztendlich dem Durchführenden selbst ab. Wie auch immer man sich entscheidet, genaue und allgemeingültige Zahlen gibt es nicht. Es ist unmöglich, alle von Obdachlosigkeit betroffenen Bür­gerAmerikas zu erfassen. Die an einem einzigen Tag gezählten Obdachlosen geben eine Art snapshot über die wahrscheinliche Zahl ab. Viele dieser erfassten Personen werden über einen längeren Zeitraum vielleicht Arbeit finden und sich wieder eine Wohnung leisten können. Diese „re­habilitierten“ Wohnungslosen werden jedoch von neuen Betroffenen ersetzt, die gerade ihre Woh­nung verloren haben (vgl. National Coalition for the Homeless,Fact Sheet #2, 2005).

Ein Beispiel für die problematische Erhebung an einem Tag geben zwei Umfragen von verschie­denen Instituten aus dem Jahre 1996. Quer durch das ganze Land wurden Einrichtungen gleich­zeitig an einem Tag im Oktober und im Februar nach ihrem Klientel gefragt. Im Oktober waren an diesem Tag 444.000 Personen als obdachlos gemeldet, das sind 6,3% aller in Armut lebenden Amerikaner. An einem Tag im Februar wurden überraschend mehr Menschen obdachlos gemel­det, 842.000 Personen oder 10% derarmen Bevölkerung. Diesergroße Unterschied innerhalb von fünf Monaten zeigt die Unregelmäßigkeiten, die mit der pointprevalence-Methode einhergehen. So bekommt man für das Jahr 1996 aufgerechnet zwei verschiedene absolute Obdachlosenzahlen: Bezugnehmend aufdie Oktoberzahlen wären das 2,3 Millionen Wohnungslose.

Werden die Februar-Ergebnisse zur Berechnung herangezogen, liegt die absolute Zahl weitaus höher bei 3,5 Millionen Betroffenen (vgl. ebd.).

Wie viele Personen waren demnach tatsächlich obdachlos? Man kann von einer realistischen Zahl sprechen, bezieht man sich auf die Angaben der National Coalition forthe Homeless. Sie beinhal­ten sowohl die von Einrichtungen gemeldeten Personen, als auch die außerhalb solcher Einrich­tungen gezählten Obdachlosen. Selbst wenn einem die Zahl von 3,5 Millionen Wohnungslose bei einer Gesamtbevölkerung von 297,6 Millionen Amerikanern nicht allzu groß erscheint, sollte doch die Summe der Einzelschicksale hinter dieser Zahl alarmieren.

Das folgende Kapitel beschäftigt sich mit den allgemeinen und speziellen Gründen von Obdachlo­sigkeit in Amerika.

5. Die Hauptursachen von Obdachlosigkeit in den USA

Warum wird ein Mensch obdachlos? Sind äußere Umstände für den Verlust von Wohnung und Status verantwortlich oder sind die Betroffenen selbst schuld? Welche Rolle spielen verborgene Auslöser, die einen bereits Gefährdeten obdachlos machen?

Als sich 1980 Obdachlosigkeit erneut in den USA stark auszubreiten begann, herrschten zwei Er­klärungsansätze vor: Einige Beobachter schrieben Obdachlosigkeit den persönlichen und individu­ellen Problemen der Betroffenen zu: „People were homeless because something was wrong with them“ (Koegel, Burnam, Baumohl 1996: 25). Solche Menschen waren physisch Kranke, besondere Härtefälle oder Drogenabhängige. Sie galten als unfähig, sich um ihre eigenen Belange zu küm­mern oder eine Wohnung zu finden, und ihnen schienen die „Puffer“ von Familie und Freunden zu fehlen, die sie vor Obdachlosigkeit schützen sollten (vgl. ebd.: 25). Ein Teil der Beobachter ging sogar soweit zu behaupten, dass viele Wohnungslose ihren Zustand billigend in Kauf nahmen, sich sozusagen für dieses Leben entschieden hätten.

Liberale Anhänger dieses Erklärungsansatzes sahen die Betroffenen oft als „Opfer der Umstände oder ihrer Selbst“ an und pochten auf mehr Rehabilitationsprogramme und die Stärkung gesell­schaftlicher Netzwerke. Die konservative Seite behauptete hingegen, die Betroffenen müssten nur den starken Willen zurVeränderung ihrer Umstände haben, damit ihnen geholfen werden könne. Sie verlangten ein härteres Durchgreifen von Seiten der Behörden, um Obdachlosigkeit weniger attraktiv scheinen zu lassen. Physisch Kranke sollten verstärkt in Institutionen eingewiesen wer­den, um die Hilfe fachkräftig zu bündeln (vgl. ebd.: 25).

Derzweite Erklärungsansatz sah die Ursachen in strukturellen Problemen, die aus den gesell­schaftlichen Verteilungssystemen von Ressourcen herrühren. Sie kritisierten die Institutionen für Obdachlose und bezeichneten die Verfügbarkeit von Unterkünften als unzureichend für die stei­gende Zahl der Bedürftigen. Ihre einfache Lösung sah eine Ausweitung von bezahlbaren und teilfi­nanzierten Unterkünften fürWohnungslose vor (vgl. ebd.: 25).

Thomas Main reagiert in „How to Think About Homelessness: Balancing Structural and Individual Causes“ auf diese Beschränkung der Beobachter kritisch (vgl. Main 1998: 1).

Den Focus nur auf strukturelle Ursachen zu lenken hieße, das gesamte Problem als wirtschaft­liches Problem zu sehen. Ebenso sei eine Versteifung auf rein individuelle Probleme unzurei­chend, da die Eingebundenheit einer Person in behördliche und gesellschaftliche Netzwerke nicht zu leugnen sei. Außerdem zeigten jüngste Untersuchungen einen schwächeren Einfluss strukturel­ler Ursachen auf die Wohnungslosigkeit als allgemein angenommen (vgl. ebd.: 1).

Marybeth Shinn erörtert in „Family Homelessness: State or Trait?“, ob Obdachlosigkeit als Zu­stand oderCharakterzug gesehen werden könnte (vgl. Shinn in American Journal ofCommunity Psychology, Vol. 25, Nummer 6 1997: 756):

- Wohnungslosigkeit als Zustand ist durch die Umwelt verursacht, vielleicht im Zusammenspiel mit individuellen Charakteristika. Wenn sich die Umweltzustände verbessern würden, müsste der Zustand der Obdachlosigkeit enden.
- Ist Obdachlosigkeit ein Charakterzug, wäre zu erwarten, dass sie von Dauer ist und individuelle Unterschiede in der Neigung, obdachlos zu werden, schnell gefunden werden können. Betroffene mit dem Charakterzug „Obdachlosigkeit“ würden außerdem eine hohe Rückfallquote aufweisen.

Für den ersten Fall könnten Verantwortliche aus der Politik Maßnahmen ergreifen, um das Auftre­ten dieser Notlage zu verhindern. Wenn Obdachlosigkeit einen Wesenszug darstellt, kann jedoch kaum etwas unternommen werden (vgl. ebd.: 756).

Letztendlich führt eine solche Diskussion zu der Erkenntnis, dass „homeless people werejust like you and me, except that they were suffering the consequences of a breakdown in the needs-meet­ing structures of society“ (Koegel, Burnam, Baumohl : 25). Auch wenn eine Vielzahl an Ursachen zu Wohnungsverlust und einem Leben zwischen Straße und Behörden führt, so kristallisieren sich doch in Bezug auf die USA drei Hauptfaktoren für Obdachlosigkeit heraus.

In dieser Arbeit werden die strukturellen Faktoren nicht ohne den wechselseitigen Einfluss von in­dividuellen Faktoren verwendet. Die Arbeit geht von einem Zusammenspiel struktureller Faktoren, wie der schlechten Wohnungsmarktlage oderderfehlenden finanziellen Unterstützung, und indivi­duellen Problemen wie unzureichende Ausbildung und der Tendenz zur Verschuldung aus. Gei­stige Erkrankung oder Suchtmittelabhängigkeit werden als aus der Obdachlosigkeit resultierende Notlagen betrachtet, die isoliert gesehen keine Auslöser für Obdachlosigkeit sind. Dieser Punkt wird in Kapitel acht näher untersucht.

Wie ich im Folgenden belegen werde, sind zum Einen die hohe Verschuldungsrate und wachsen­de Verarmung der Bevölkerung ein gewichtiger Grund für den Verlust der Wohnung. Zum anderen tragen die steigenden Arbeitslosenquoten verbunden mit der Vielzahl an Niedriglöhnen ihr übriges dazu bei. Außerdem steht der sich immer stärker abzeichnende Wohnungsnotstand bei erschwing­lichen Immobilien den steigenden Mieten gegenüber. Mit diesen drei Unterpunkten beschreibe ich die gravierendsten Auslöser, die in Amerika zur Obdachlosigkeit führen.

5.1. Armut und Verschuldung

"Being pooris knowing how hard it is to stop being poor.

Being poor is seeing how few options you have.

Being poor is knowing exactly how much everything costs.

Being poor is running in place.“

Gedicht des Obdachlosen John (vgl. URL:www.scalzi.com/whatever/003704.html vom 02.11.2005)

Der Begriff der Armut ist vielschichtig und wird im jeweiligen Kontext verschieden definiert:

„Die Vielfalt von Konzepten zur Beschreibung von Armut ist vor allem Ausdruck zeitlich und räum­lich divergierenderStandardisierungen von Grundbedürfnissen, Lebensbedingungen und -quali­täten, von denen Unterversorgung und Substandards als Armut abgeleitet werden“ (Deutsche Ge­sellschaft für Technische Zusammenarbeit GmbH, 2005). Armut wird in der Soziologie in drei ver­schiedene Arten unterschieden (vgl. GTZ GmbH, 2005):

- Primäre Armut bezeichnet die absolute Armut, das existentielle Einkommensminimum. Es fehltvorallem an materiellen Dingen wie Kleidung, Wohnungsausstattung und Nahrung. Die Weltbank definiert Armut als “the inability to attain a minimum standard of living“ (GTZ, 2005). Sie legt einen US Dollar pro Kalendertag für die Befriedigung der Lebensbedürfnisse als groben Indikator fest. Daraus entwickelte sie Schwellenwerte für verschiedene Regionen. So liegt z.B. der Wert in Lateinamerika bei 2 Dollar pro Tag, in den Industrienationen bei 14,40 Dollar (vgl. ebd.). Das Phänomen der primären Armut wird unten ausführlicher behandelt.
- Sekundäre Armut hat dagegen sozialpsychologischen Charakter und bezeichnet die Gesellschaftsverhältnisse eines Individuums in der modernen Wohlstandsgesellschaft. Die heutigen Lebensstandards sind hoch: Als selbstverständlich wird ein sichererArbeitsplatz, ein eigenes Haus, mindestens ein Auto und jährlicher Urlaub erwartet. Dieser Standard ist aberfür immer weniger Menschen finanzierbar. Manche Bevölkerungsgruppen können sich nicht leisten, was für andere selbstverständlich ist. Sie leben also im Vergleich zum Rest der Gesellschaft in „Armut“. Als Konsequenz nehmen sie Kredite auf oder leihen sich das Geld von Bekannten. Diesen Zustand nennen die Soziologen „prekären Wohlstand“. Solange derArbeitsplatz sicher ist, können die Zinsen gezahlt werden. Doch eine schwere Erkrankung oder derArbeitsplatzverlust können schnell dazu führen, dass Haus und Auto verpfändet werden und die Familie vor plötzlicher Armut steht.

Diese sekundäre Armut spielt heute und besonders in Amerika eine immer wichtigere Rolle und wird ebenfalls unten näher betrachtet.

- Tertiäre Armut schließlich ist die relative Armut bestimmter gesellschaftlicher Gruppen. Sie hängt vom sozialen Mittel einer Gesellschaft ab. So ist der Zugang zu vielen Einrichtungen wie zum Beispiel dem öffentlichen Nahverkehr für behinderte Menschen oft erschwert. Ältere Menschen, die kein Auto mehr fahren können, sind in ihrer Mobilität eingeschränkt. Hier ist auch der eingeschränkte Zugang zu Bildung gemeint.

Ein ungelernter Arbeiter besitzt wenig Zeit und Geld, um regelmäßig ins Theater zu gehen oderAbendkurse in derVolkshochschule zu besuchen. Ihm wird also die Erweiterung seines Erfahrungshorizontes verwehrt, was zu tertiärerArmut führt.

Armut als universeller Grund erscheint zunächst paradox - sie soll in den USA als einem der reichsten Länder der Welt einer der häufigsten Auslöser von Obdachlosigkeit sein?

Bevor ich jedoch die Armut in Amerika genauer untersuche, möchte ich darauf hinweisen, dass man in den USA „auf ein absolutes Maß an Einkommensarmut zurückgreift, mit der nicht-ökono­mische Güter und Ressourcen sowie soziale und kulturelle Marginalisierung ausgeblendet werden. [...] Außerdem gehen Obdachlose nicht in die Armutsstatistiken ein“ (Von Lignau 2003: 5).

Hunger ist für die Amerikaner ein Indikator für extreme Armut. Er wird zur Bestimmung der offizi­ellen Armutsgrenze herangezogen: „Im großen und ganzen sind Hunger und Armut in den Vereini­gten Staaten deckungsgleich“ (ebd.: 4). Das bedeutet, dass in den USA als arm gilt, wer Hunger leiden muss. Ähnlich sieht das die National Coalition of the Homeless: In Amerika seien „home­lessness and poverty [...] inextricably linked“ (Coalition for the Homeless, Fact Sheet #1,2002). Definiert wird Armut anhand der offiziellen Armutsgrenze. Festgelegt wurde diese Grenze erstmals 1965 von der Social Security Administration im Auftrag von Präsident Johnson, um regelmäßig Ar­mutsberichterstattungen veröffentlichen zu können (vgl. Von Lignau 2003: 4). Damit wurde die ab­solute Armut ermittelt. Zu diesem Zeitpunkt benötigte eine amerikanische Durchschnittsfamilie ein Drittel ihres Einkommens für Nahrungsmittel. Das Landwirtschaftsministerium erstellte den Thrift Food-Plan, der die benötigten Nährstoffe einer Familie beziffert und festlegt, was diese Familie höchstens dafür ausgeben darf. Diese Kosten wurden mit drei multipliziert, so dass eine Familie als arm galt, wenn ihr Nettoeinkommen unterdiesem Betrag lag (vgl. ebd.: 4).

Viele Experten kritisieren dieses Berechnungssystem, da nur der Nahrungsbedarf bei derArmuts- berechnung berücksichtigt wird. Während die Ausgaben für Nahrungsmittel während der letzten 40 Jahre aber gesunken sind, sind die Ausgaben für Miete, Ausbildung und Transport gestiegen. Folglich fallen weite Teile der Bevölkerung nicht unter die Armutsstatistik. So vermutete Spiegel- Online mit Bezug auf die Nationale Akademie der Wissenschaft, dass bei einer genauen Untersu­chung die Armutsgrenze über 45% höher angesetzt werden müsste (vgl. Spiegel-Online vom 26.9.2003 URL: www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,267469,00.html vom 02.11.2005 ).

Die Europäische Union berechnet die Armutsgrenze anders: Werweniger als 60% des durch­schnittlichen Jahreseinkommens einer Gesellschaft aufweist, gilt als arm. Betroffene können sich den wirtschaftlichen Wohlstand nicht leisten, der in ihrer Gesellschaft als akzeptables Minimum gilt.

Die EU vergleicht die „Wohlstands-Standards“ verschiedener Bevölkerungsgruppen, beschäftigt sich also mit Ungleichheit und Ausgrenzung von Betroffenen innerhalb einer Gesellschaft (vgl. GTZ GmbH, 2005).

Die Kosten für Unterkunft, Lebensmittel, Ausbildung und Gesundheit ist für immer mehr Amerika­ner unbezahlbar. Diese Kosten sind aber, im Gegensatz zum sinkenden Einkommensniveau, in den letzten Jahren gestiegen (vgl. Spiegel-Online vom 26.9.2003 URL: www.spiegel.de/wirtschaft/ 0,1518,267469,00 .html vom 02.11.2005 ). Wenn aber diefinanziellen Ressourcen fehlen, werden Abstriche gemacht. Nicht selten müssen daherAmerikaner auf gesundes und ausgewogenes Es­sen verzichten oder ziehen in günstigere Wohnungen um.

So wuchs zwischen 1970 und 1988 der Bevölkerungsanteil armer Menschen um fast 26% von 25,4 Millionen auf 31,9 Millionen an (vgl. Koegel, Burnam, Baumohl 1996: 27). Als Grund für die­sen Anstieg nennen die Autoren das gleichzeitige Erreichen des hohen Alters vieler im Babyboom der Nachkriegszeit geborener US-Bürger. Dazu kam der Industrialisierungsschub Mitte des letzten Jahrhunderts. Der vermehrte Einsatz komplizierter Maschinen erforderte speziell ausgebildetejun- ge Fachkräfte, große Teile älterer und unqualifizierter Arbeiter wurden arbeitslos und gerieten oft­mals in Armut (vgl. ebd.: 28).

Burt nimmt die Angaben des Haushaltsausschusses des Repräsentantenhauses von 1989 und li­stet seine Armutszahlen in einerTabelle auf. Sie unterscheidet alle Betroffenen in Senioren und Familien, denen nur die Mutter vorsteht. Die angegebenen Zahlen gelten für Personen, die mit ih­rem gesamten Einkommen aus Arbeit und staatlicher Unterstützung immer noch unter dem Ar- mutslevel liegen. Daneben stellt sie die jeweiligen Prozentzahlen der absoluten Armut innerhalb derarmen Bevölkerung (vgl. Burt 1992: 239):

Tabelle 2: Armutszahlen von 1989

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Diese Tabelle stützt zunächst die Angaben von Koegel, Burnam und Baumohl. Auch kann man den Anstieg dervon absoluter Armut betroffenen Menschen um 3,9 Millionen von 1970 bis 1980 erkennen. Das ist ein Anstieg von fast 15%.

Dergrößte Sprung derArmutszahlen fand zwischen 1980 und 1983 statt, hier stieg die Zahl um 20%. In den Jahren bis 1987 sank der Anteil verarmter Amerikaner leicht um 2,7 Millionen auf33 Millionen. In dergesamten Periodezwischen 1970 und 1987 ging die Zahl derälteren Betroffenen von 24,6% auf 12,2% zurück. Die Ursache dieser Verringerung sieht Burt in dertiefgreifenden Um­strukturierung der Social Security in den 70er Jahren (vgl. ebd.: 240). Zwar sind die Prozentpunkte von Einzelpersonen in frauengeführten Familien von 38,2% auf 33,6% gesunken, doch die Anzahl dieser Familien stieg von 11 Millionen auf 17 Millionen (vgl. ebd.: 240).

Im Jahr 2000 lebten immer noch 11,3% der US-Bevölkerung in Armut, das sind über 31 Millionen Menschen (vgl. Coalition for the Homeless, Fact Sheet #1,2002). Zwar sank die Zahl der ärmeren Menschen leicht, der Anteil in extremerArmut lebender Personen stieg jedoch an. Die Armuts­grenze von 12.750 Dollar unterschritten im Jahr 2000 39% der Bevölkerung um mehr als die Hälf­te. Dieser Betrag wird jährlich neu festgelegt, im Jahr 2003 lag die Grenze bei 15.700 Euro, errech­net mit der Inflationsrate (vgl. Spiegel-online vom 26.9.2003 URL: www.spiegel.de/wirtschaft /0,1518,267469,00.html vom 02.11.2005). 2002 stieg die Zahl der verarmten Bevölkerung um wei­tere 0,4 Prozentpunkte an, in realen Zahlen sind das über 1,7 Millionen Menschen (vgl. ebd.).

40% der von Armut betroffenen Menschen waren Kinder. Diese Altersgruppe bildete mit 16,2% die größte Gruppe derGesamtbevölkerung (vgl. Coalition for the Homeless, Fact Sheet#1,2002). Da­bei besitzen Kinder in Amerika einen Bevölkerungsanteil von nur 26,2%. Ein Jahr später war diese Gruppe um weitere 0,4 % angestiegen (Spiegel-online vom 26.9.2003 URL: www.spiegel.de/wirt- schaft/0,1518,267469,00.html vom 02.11.2005). Keine Industrienation hat eine höhere Kinderar­mutsrate als die USA (vgl. Von Lignau 2003:7). Den aktuellsten Stand der Kinderarmut gibt das United States Census Bureau, danach galten 2004 17,8% der Kinder als arm. Diese Werte zeigen einen kontinuierlichen Anstieg, doch insgesamt befinden sie sich weit unter der bisherigen „Best­marke“ von 27% im Jahr 1993 (vgl. United States Census Bureau 2005).

Die nächste Altersgruppe betrifft die 18 bis 64 Jährigen, 2004 stieg deren Zahl von 10,8 auf 11,3 Prozentpunkte an. Einen Rückgang derArmutszahlen verzeichneten die U.S. Amerikaner, die 65 Jahre und älter sind. Sie ging um 0,4 Prozentpunkte auf 9,8% im Jahr 2004 zurück (vgl. ebd.).

Zwischen 2002 und 2003 stieg die Zahl dervon Hunger und Obdachlosigkeit betroffenen Men­schen von 32 Millionen auf 35,9 Millionen an (vgl. National Student Campaign Against Hunger and Homelessness 2004). Im Abschlussbericht 2005 der U.S. Conference ofMayors wird ein weiterer Anstieg in diesem Jahr um 12% berichtet (vgl. U.S. Conference of Mayors 2005: 3).

DerTrend setzte sich 2005 fort: „In 43 percent of the cities, emergency food assistance facilities may have to turn away people in need due to lack of resources” (U.S. Conference of Mayors 2005: 3). Demnach lag die Armutsgrenze im letzten Jahr bei einer vierköpfigen Familie bei 19.310 Dollar, für Alleinstehende bei 9.650 Dollar (vgl. ebd.: 3).

[...]


1 Übliche Bezeichnung für den Servicemen's Readjustment Act of 1944, ein Bildungs- und Unterstützungsprogram für bedürftige Kriegsveteranen aus dem 2.Weltkrieg (vgl. The GI Bill Website/Veterans Benefits & Services unter URL: www.gibill.va.gov/ vom 28.11.2005)

Ende der Leseprobe aus 116 Seiten

Details

Titel
"There`s no place like home". Die Entwicklung, Ursachen und Dimensionen von Obdachlosigkeit in den Vereinigten Staaten von Amerika
Hochschule
Georg-Simon-Ohm-Hochschule Nürnberg  (Soziale Arbeit)
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
116
Katalognummer
V308692
ISBN (eBook)
9783668071308
ISBN (Buch)
9783668071315
Dateigröße
1345 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Obdachlosigkeit, Wohnungslosenproblem, USA, Soziale Arbeit mit Obdachlosen
Arbeit zitieren
Eva Heidingsfelder (Autor), 2006, "There`s no place like home". Die Entwicklung, Ursachen und Dimensionen von Obdachlosigkeit in den Vereinigten Staaten von Amerika, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/308692

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