Integration durch Sport. Anspruch und Wirklichkeit

Analyse und Bewertung des integrativen Potentials von Ballsportarten anhand ausgewählter Projekte & Studien


Examensarbeit, 2015

80 Seiten, Note: 3,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Rahmenbedingungen
1.1 Zielgruppen-und Problembestimmung
1.2 Integration im und durch Sport
1.3 Die RolledesFußballspiels

2 Barrieren und Problemfelder
2.1 Zu Religion und Sport
2.2 Integrationsleistungen von Sportvereinen
2.3 EigenethnischeVereine

3 Analyse ausgewählter Projekte
3.1 Das Programm „Spin: Sport - interkulturell“
3.1.1 Partnervereine
3.1.2 Angebotsstruktur
3.1.3 Qualifizierungsangebote
3.1.4 Die niederschwelligen Angebote
3.1.5 Die regulären Angebote
3.2 Das Programm „Integration durch Sport“
3.2.1 Partnervereine
3.2.2 Angebotsstruktur
3.2.3 Integrationsmodule
3.3 „Fußballohne Abseits“

4 Bewertung der Projekte & Fazit
4.1 „Spin: Sport - interkulturell“
4.2 „Integration durch Sport“
4.3 Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Migration ist unbestreitbar ein Bestandteil unserer heutigen Lebens­welten (vgl. Walescek et al., 2009; Nobis & Fussan in: Nobis & Baur, 2007, S. 262). Sie ist jedoch kein neuartiges Phänomen, sondern schon seit Jahrhunderten ein wichtiger Faktor bei der Bildung und Entwicklung von Gesellschaften und Sozialstrukturen. Das andauern­de Aufeinandertreffen unterschiedlicher Kulturen in unserer Welt sorgtfür Impulse hinsichtlich des menschlichen Miteinanders und för­dert die Entstehung neuer Gedankenhorizonte (vgl. Tetzlaff, 2005). Gleichzeitig ist Migration mit dem Ziel, ein friedliches Miteinander zu schaffen jedoch auch problembehaftet, denn Veränderungen inner­halb einer Gesellschaft sind meist ein langwieriger Prozess und for­dern von den sich begegnenden Kulturen viel Toleranz und Verständ­nis (vgl. Angenent, 2009). Dieses anzustrebende „Miteinander“ wird in der Realität leider häufig eher als ein „Nebeneinander“ empfunden und beklagt, was in Politik und Medien gerne mithilfe des mittlerweile populären Begriffs der „Parallelgesellschaft“ beschrieben wird (vgl.- SPIEGEL online, 2010). Um die Bildung einer solchen Parallelgesell­schaft zu unterbinden, bedarf es, das Wohlwollen beider „Parteien“ vorausgesetzt, vielschichtiger Integrationsmaßnahmen auf unter­schiedlichen Ebenen. Dazu sollte neben dem Bildungs - und Ausbil­dungssystem sowie dem Arbeitsmarkt auch die ausgeprägte Ver­einsstruktur Deutschlands gehören, denn in dieser findet ein großer Teil des sozialen Miteinanders unserer Gesellschaft statt, wodurch sie einen potentiellen Ort von Integration darstellt (vgl. Kleindienst- Cachay, 2007, S. 54). Insofern gilt es, die Mechanismen, welche er­folgreiche Integration bewirken, zu erforschen und zu fördern. Auch wenn es schon seit mehreren Jahrzehnten Untersuchungen zu die­ser Thematik in Deutschland gibt, erscheint die Umsetzung der dar­aus zu folgernden notwendigen Maßnahmen defizitär (vgl. Universi­tät Bielefeld, 2008). Andernfalls müsste man nicht immer wieder bit­ter feststellen, dass Deutschland bei dem Thema erfolgreiche Integration offensichtlich Nachholbedarf hat (vgl. Die ZEIT online, 2006). Wie dringend integrative Bemühungen tatsächlich sind, lässt sich an­hand einiger statistischer Daten anschaulich darstellen.

So zogen beispielsweise im Zeitraum zwischen 1991 und 2008 ca. 16,5 Millionen Menschen aus dem Ausland nach Deutschland. Im gleichen Zeitraum verließen ca. 12,3 Mio. Menschen die Bundesre­publik. Das bedeutet, dass von den Zuzügen insgesamt etwa 4,2 Mio. in Deutschland geblieben sind (vgl. Bundesmigrationsbericht, 2008,S. 177). Im Jahr 2007 lebten in Deutschland bereits 15,411 Mio. Menschen mit Migrationshintergrund (vgl. Bundesmigrationsbe­richt, 2008, S. 179). Das entspricht 18,7 % der Gesamtbevölkerung. Im Jahr 2012 stieg dieser Anteil sogar noch auf 20% (vgl. Bundesmi­grationsbericht, 2012, S. 186). Anhand nachstehender Grafik wird deutlich, dass die mit Abstand größte Personengruppe mit Migrati­onshintergrund sich aus türkischstämmigen Mitbürgern zusammen­setzt. Auf sie wird im Laufe der Arbeit darum auch immer wieder ge­sondert Bezug genommen werden.

Abb. 1: In Deutschland lebende Personen mit Migrationshintergrund im Jahr 2012 (eigene Grafik; vgl.Bundesmigrationsbericht, 2012, S. 190)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Vor dem Hintergrund des demographischen Wandels wird umso mehr deutlich, wie wichtig die Integration ausländischer Mitbürger für die Erhaltung unserer heutigen Sozialgesellschaft ist und sein wird (vgl. Kleindienst-Cachay, 2007, S. 62). Da unsere Gesellschaft zu­nehmend vergreist, wird künftigen Generationen eine wachsende Last auferlegt, diese Gesellschaft in der Zukunft zu tragen. Das kann jedoch nur gelingen, wenn jene wirtschaftlich und sozial erfolgreich sind. Dazu gehört nicht zuletzt eine erfolgreiche Integration und ge­nau dort liegt auch eine große Chance. Denn wie der folgenden Grafik zu entnehmen ist, veraltet vor allem die einheimische Bevölke­rung zusehends, wohingegen das Verhältnis von jung zu alt in der Personengruppe mit Migrationshintergrund zugunsten der Jüngeren ausfällt. Wie wichtig es für die gesamte Gesellschaft sein wird, dass vor allem die bildungsfernen Schichten mit Migrationshintergrund so gut integriert werden, dass sie vor allem auch von guter Bildung pro­fitieren können, lässt sich einem aktuellen Artikel von SPIEGEL Onli­ne (2014) entnehmen. Dort wird vor einer zunehmend massiven Wählermacht der über 60 jährigen in Deutschland zum Nachteil der jungen Generation gewarnt. Vermutlich werden viele politischen Ent­scheidungen wie etwa die derzeit anstehende Rentenreform zuguns­ten dieser Wählergruppe fallen. So lag der Anteil der Wahlberechtig­ten der über 60 jährigen im Jahr 1980 noch bei 26 %, für 2030 wer­den es laut Prognosen bereits 43 % sein. Wenn nun bis dahin die nachwachsende Bevölkerung aufgrund mangelnder Bildung auch noch überwiegend politisch desinteressiert sein sollte, wird die Belas­tung jener Generation vermutlich so groß, dass sie im Alter mit Armut zu kämpfen haben wird (vgl. SPIEGEL Online, 2014). Umso wichtiger wird es also sein, diese Last auf Schultern zu verteilen, welche sie auch stemmen können, also dafür zu sorgen, dass das immense Po­tenzial, das in jungen Menschen mit Migrationshintergrund schlum­mert, genutzt wird.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Altersstruktur in Deutschland 2012 (Bundesmigrationsbericht, 2012, S. 192).

Der Sport bietet in diesem Zusammenhang laut aktueller Forschung vielfältige Möglichkeiten (vgl. Kleindienst-Cachay, 2007, S. 65). Er kann Menschen unterschiedlicher Herkunft und Sprache bis zu ei­nem gewissen Grad zusammenführen und so für Kontaktpunkte sor­gen, die im Idealfall weit über das sportliche Miteinander hinaus Wirkung zeigen (vgl. Weber, 2008, S. 153). So werden idealerweise nicht nur Sozialkontakte innerhalb der sportiven Gruppe geknüpft, sondern auch Kompetenzen erworben, die außerhalb der Sportgrup­pe dem Individuum bei dessen Integrationsbestreben hilfreich sein können (vgl. Kleindienst-Cachay, 2007, S. 74). Allerdings muss dar­auf hingewiesen werden, dass der mittlerweile verbreiteten Annah­me, Sport entfalte per se integrative Wirkung, eine deutliche Absage erteilt werden muss. Sport kann im negativen Fall sogar die eigene Fremdheit erst bewusst machen, indem er auf eine ganz eigene und deutliche Weise kulturelle und körperliche Differenzen aufzeigt. (vgl. Gieß-Stüber, 2008, s. 120; Kleindienst-Cachay, 2007, S. 78)

Da das Sportvereinswesen jedoch mit seinen rund 23 Mio. Mitglie­dern, was ca. 29 % der Gesamtbevölkerung entspricht, die größte Personenvereinigung in Deutschland darstellt (vgl. DOSB, 2011), bie­tet sich allein aus quantitativen Gründen der Versuch an, in diesem Bereich integrative Fördermaßnahmen einzuleiten und bereits beste­hende Strukturen zu unterstützen. Allerdings gilt es zu bemerken, dass Personen mit Migrationshintergrund in Vereinen immer noch unterrepräsentiert sind und deshalb weiter an der Beseitigung von Zugangsbarrieren gearbeitet werden muss. (vgl. Kleindienst-Cachay, 2007, S. 86)

Berücksichtigt man weiterhin noch, dass Sozialkontakte auch am Ar­beitsplatz entstehen, lässt sich anhand von Daten der Bundesagen­tur für Arbeit ablesen, wie stark benachteiligt ausländische Mitbürger gegenüber Personen mit deutscher Staatsbürgerschaft bezüglich der Möglichkeit konstruktiver Kontakte zu Mitmenschen sind. So waren im Jahr 2011 mehr als doppelt so viele Ausländer arbeitslos gemel­det wie Deutsche Arbeitnehmer und damit von dieser Möglichkeit, Sozialkontakte zu knüpfen, ausgeschlossen (Bundesagentur für Ar­beit, 2011).

Um jener Problematik zumindest teilweise entschärfend zu begeg­nen, wäre es vermutlich hilfreich, wenn arbeitslose Ausländer/innen alternativ in Sportvereinen soziale Bindungen eingehen könnten. Be­dauerlicherweise besteht hier zusätzlich auch noch eine Kluft zwi­schen den Geschlechtern. Männlichen Personen mit Migrationshin­tergrund sind hinsichtlich ihrer Sportvereinsaktivitäten besser inte­griert als weibliche, obwohl Letztere Umfragen zufolge großes Inter­esse an vereinsorganisiertem Sport bekunden (vgl. Kleindienst- Cachay, 2007, S. 91). Es gilt also herauszufinden, worin diese Unter­schiede begründet sind und, insbesondere für die verantwortlichen Institutionen, die Barrieren für Mädchen und Frauen abzubauen. Der Vizepräsident des Deutschen Tennis Bundes, Carl-Uwe Steeb, plä­diert ebenso für die Beseitigung bestehender Zugangsbarrieren, wel­che Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund den Eintritt in ein vereinsorganisiertes Sportumfeld erschwerten (vgl. Der SPIE­GEL, 2012).

Da der Ballsport hier besondere Anreize zu bieten scheint wird der Schwerpunkt der folgenden Arbeit auf diesem Bereich des Sportan­gebots liegen (vgl. Kleindienst-Cachay, 2007, S. 94).

Die drei zentralen Fragestellungen der Arbeit sollen dementspre­chend lauten:

1. Welche beispielhaften Projekte gibt es und wie müssen diese sowie deren Rahmenbedingungen geschaffen sein um Mi­grant/Innen besser in die Gesellschaft zu integrieren als sie es derzeitig sind?
2. Worin bestehen die primären Probleme und Hürden und wie kann man diesen am besten begegnen bzw. sie abbauen?
3. Wo liegen die Grenzen der integrativen Wirkung von Sport und welche Rolle spielt das Geschlecht hinsichtlich einer er­folgreichen Integration durch Sport?

Diese Fragen sollen zum einen anhand statistischer Daten herausge­arbeitet und begründet werden und zum anderen durch die Vorstel­lung und Analyse sowie den Vergleich bestehender Projekte beant­wortet und wenn nötig und möglich ergänzt werden.

Trotz einer langen Migrationsgeschichte der BRD mangelt es offen­bar immer noch an systematischen Untersuchungen der Zusammen­hänge zwischen Sportaktivität und erfolgreicher Integration auslän­discher Mitbürger (vgl. Seiberth, 2012, S. 156).

1 Rahmenbedingungen

ln wissenschaftlichen Debatten herrscht mittlerweile Einigkeit dar­über, dass Deutschland ein Einwanderungsland und somit Migrati­onsprozesse ein Bestandteil unserer Gesellschaft geworden sind. Als Anfang der 1960er Jahre viele der zugezogenen Gastarbeiter nicht wie erwartet nach einigen Jahren des Aufenthalts in ihre Heimatlän­der zurückkehrten, wuchs durch sie und ihre Familienangehörigen die Zahl der in Deutschland lebenden Personen um etwa 4 Millionen (vgl. Nobis & Fussan in: Nobis & Baur, 2007, S. 262). Heute leben über 15 Millionen Personen mit Migrationshintergrund in Deutschland und müssen auf die ein oder andere Weise integriert und nicht nur in­kludiert werden (vgl.Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, 2008, S. 213) .

Die Integrationsleistung von Sportvereinen wird von deren Trägern bedauerlicherweise gerne als gegebene Tatsache dargestellt, obwohl diesbezüglich keine ausreichenden Forschungsergebnisse vorliegen. Das gilt hinsichtlich des postulierten Zusammenhangs vor allem für Jugendliche mit Migrationsgeschichte. Hier sind bisher keine detail­lierten Untersuchungen vorgenommen worden (vgl., Nobis & Fussan in: Nobis & Baur, 2007, S. 256). Die leichtfertige Annahme, Sporttrei­ben in einem Verein allein reiche aus, um ernsthafte integrative Ent­wicklungen bei entsprechenden Personengruppen voranzutreiben, scheint schlichtweg falsch zu sein. Wie im Laufe der Arbeit deutlich werden sollte, bedarf es sehr gezielter und umfangreicher Bemühun­gen, um aufdiesem Gebiet nachhaltige Erfolge zu erzielen.

1.1 Zielgruppen - und Problembestimmung

In der Politik und Wissenschaft besteht erstaunlicherweise wenig Konsens darüber, was unter dem Begriff „Migrationshintergrund“ zu verstehen ist. Es konkurrieren assimilative neben dynamischen und multikulturellen Vorstellungen und machen somit die Bewertung von Integrationsprozessen auch zu einer Definitionsfrage (vgl. Gebken et al., 2014, S. 37).

Wenn man von Migrant/innen spricht, so meint man damit meist auch eine Personengruppe, die jedoch auch als Einwanderer bezeichnet werden könnten, also Menschen ausländischer Herkunft mit deut­schem Pass. Diese Definition lässt allerdings all Jene außen vor, welche als Personen mit Migrationshintergrund zu bezeichnen sind, nämlich die Kinder von Einwanderern. Sie haben quasi eine indirekte Zuwanderungsgeschichte und sind somit nicht allein über die Staats­angehörigkeit greifbar, was sie juristisch von „Ausländern“ unter­scheidet, denn diese verfügen nicht über die deutsche Staatsange­hörigkeit, obwohl sie einen Wohnsitz in Deutschland haben können (vgl., Strahle in: Baur, 2009, Bd. 1, S. 270; Nobis & Fussan in: Nobis & Baur, 2007, S. 262).

Die Begriffe „Migrationshintergrund“ und „Zuwanderungsgeschichte“ werden in dieser Arbeit synonym verwendet. Der Ausdruck „Migrati­onshintergrund“ schließt auch die gesprochene Sprache mit ein. Ist diese nicht Deutsch, so hat das weitreichende Konsequenzen in Be­zug auf die Integrationschancen einer Person in Deutschland (vgl. Kleindienst-Cachay, 2007, S. 11).

Insofern kann man festhalten, dass eine Person mit Migrationshinter­grund im Rahmen integrativer Bemühungen seitens des Staates ebenso miteinbezogen werden sollte wie jemand, der als „Ausländer“ betitelt wird. Damit wächst die Gruppe der Adressaten auf insgesamt ca. 15,4 Mio. Personen an (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, 2008, S. 213) wovon je nach Region in Deutschland bis zu 40 % Kin­der und Jugendliche sind (vgl. Kleindienst-Cachay, 2007, S. 11). Es ist weiterhin davon auszugehen, dass diese Zahlen wachsen werden und zusätzlich darauf hinzuweisen, dass man bei Einschulungstests erhöht motorische Defizite in dieser Personengruppe im Vergleich mit Kindern ohne Migrationshintergrund nachweisen konnte, was ver­mutlich dem Erziehungsstil der Eltern zuzuschreiben ist (vgl. Klein­dienst-Cachay, 2007, S. 12).

Personen mit Migrationshintergrund lassen sich nach Kleindienst- Cachay (2007, S. 12) noch in vier Subgruppen unterteilen. Erstens weibliche Arbeitsmigranten, welche in den sechziger bzw. siebziger Jahren nach Deutschland eingewandert sind; zweitens Aussiedler und deren Kinder; drittens Asylbewerber aus Krisengebieten und viertens Arbeitsmigranten, die sich nur befristet in Deutschland auf­halten. Von all diesen Personen stellen Türken die Größte Gruppe mit 25,6 % was etwa dreimal soviel ist, wie die Gruppe der Italiener, welche ihnen auf dem zweiten Rang folgt (vgl. Kleindienst-Cachay, 2007, s. 12).

Somit gilt es, der türkischstämmigen Bevölkerung im Kontext integra- tiver Bemühungen allein schon durch die gegebenen quantitativen Fakten Aufmerksamkeit zu schenken. Dabei muss jedoch nicht nur berücksichtigt werden, dass zwischen den Geschlechtern teils dra­matische Unterschiede im Hinblick auf das Sportengagement beste­hen, sondern auch innerhalb der diversen Ethnien weitere Differen­zierungen vorgenommen werden müssen, die Auswirkungen aufinte- grative Bemühungen haben, wie etwa die unterschiedlichen Glau­bensrichtungen (vgl. Kleindienst-Cachay, 2007, S. 13).

1.2 Integration im und durch Sport

Nach Kleindienst-Cachay (2007, S. 14) muss hier zwischen unter­schiedlichen Ebenen differenziert werden. Einerseits ist in der ver­wendeten Literatur mit dem Ausdruck „Integration im Sport“ meist schlicht die Teilnahme an organisiertem Sport, etwa in Vereinen, ge­meint, was sicherlich auch meist der erste Schritt integrativer Arbeit im Sport sein wird. Zum Teil wird in diesem Kontext auch von Inklusi­on (vgl. Cachay et al., 2012), also einer bloßen Teilhabe gesprochen, was das Phänomen wohl treffender beschreibt. Andererseits besteht das eigentliche Ziel bekanntermaßen auch und vor allem in der Ver­mittlung von Kompetenzen, welche es der Einzelperson ermöglichen sollen, ihre Rolle innerhalb der Gesellschaft besser einzunehmen und sich dabei wohlzufühlen. Diesen Prozess bezeichnen sowohl Kleindienst-Cachay (2007) als auch Strahle (2009) als „Integration durch Sport“ (vgl. ebd., 2007, S. 14; Strahle in: Baur, 2009, Bd. 1, S. 201). Dabei vollziehen sich im Idealfall Entwicklungsprozesse wie beispielsweise der Erwerb der Landessprache, das Knüpfen von So­zialkontakten über den Sport hinaus und auch das korrelative Ver­ständnis von diversen Kulturen und damit einhergehenden Normen (vgl., Strahel in: Baur, 2009, Bd. 1, S. 204). Es muss jedoch an die­ser Stelle erneut deutlich hervorgehoben werden, dass Integrations­prozesse im Sport nicht quasi automatisch und weitgehend unabhän­gig von sozialen Variablen ablaufen, wie dies mancherorts durch Bro­schüren des DSB bzw. DOSB suggeriert wird (vgl., Nobis u.a. in: No­bis & Baur, 2007, S. 264).

Besonders akzentuiert wird von Kleindienst-Cachay jedoch die Chan­ce, durch Sport soziale Anerkennung zu erfahren, denn die eben ge­nannten hohen Ziele erfolgreicher Integrationsarbeit können nicht al­lein und direkt durch Sport erreicht werden (vgl. Kleindienst-Cachay, 2007, S. 15). Sport kann lediglich als Sprungbrett in die Gesellschaft dienen, er „...vergibt keine Bildungsabschlüsse und auch keine Ar­beitsplätze an Migrantinnen und Migranten.“ (Kleindienst-Cachay, 2007, S.15), löst jedoch Menschen zumindest kurzfristig aus ihrer so­zialen Isolation, was in manchen Fällen schon sehr viel bedeutet, da die Zielgruppe der Migrantinnen und Migranten häufig unter ihrer Verinselung innerhalb der Gesellschaft leidet (vgl. ebd., 2007, S. 15).

Studien zufolge ist es insbesondere jungen Menschen mit Migrati­onshintergrund wichtig, eine ausbalancierte Beziehung zwischen der Kultur und Gemeinschaft ihres Herkunftslandes und des Aufnahme­landes leben zu können (vgl. Brewer, 1991; Schönpflug 1997 in: Kleindienst-Cachay, 2007, S. 15). In diesem Problemfeld hat sich ge­zeigt, dass der Sport durchaus positive Wirkungen entfalten kann (vgl., Kleindienst-Cachay, 2007, S. 15).

Kleindienst-Cachay verweist allerdings auch auf einen möglichen Ne­gativeffekt von interethnischen Kontakten, nämlich das hierdurch er­fahrene „Anderssein“, was sie mit dem Begriff „körperlicher Fremd­heit“ beschreibt (vgl. ebd., 2007, S. 16, S. 59). Neckel (2008, S. 33) bezeichnet diesen Vorgang auch als negative Klassifikation des je­weilig Anderen auf Basis ethnischer Zugehörigkeit.

Dennoch überwiegen laut Kleindienst-Cachay (2007, S. 16) insge­samt die positiven Aspekte, welche sich ihrer Meinung nach auf fünf Wirkungsbereiche beziehen lassen:

Erstens werden durch den Kontakt mit Deutschen Mitbürgern die Sprachkompetenzen der Migrantinnen und Migranten geschult. Zwei­tens gaben 40% aller befragten Deutschen an, dass sie einen oder mehrere Migrant/innen über ihren Sportverein kennen, was den so­zialen Aspekt des Sporttreibens unterstreicht. Drittens können die er­wähnten Kontakte mit Deutschen auch indirekt zu höheren Bildungs­abschlüssen führen, weil durch die Sprachförderung notwendige Kompetenzen erworben werden und durch eventuelle Bildungsüber­zeugungen des deutschen Freundeskreises bei den Migrantinnen und Migranten die Motivation entstehen kann, selbst einen guten Schulabschluss zu erreichen. Viertens steigt mit der sozialen Aner­kennung und Erfolgen im Sport die allgemeine Zufriedenheit mit dem Leben in Deutschland. Als fünften Punkt nennt Kleindienst-Cachay (2007, S. 16) die Möglichkeit, dass die Identifikation mit Deutschland signifikant steigt, wenn sich die Chancen auf ein gutes Leben und die soziale Anerkennung positiv entwickelt haben. Allerdings muss in Be­zug auf politisch/organisatorisches Mitwirken im Rahmen von Sport­vereinen festgestellt werden, dass Migrantinnen und Migranten dort noch stark unterrepräsentiert sind (vgl. ebd. , 2007, S. 16).

Praktische Beispiele für die Integrationsarbeit in Vereinen können sehr vielfältig sein. Nobis (2009) zeichnet hier folgende Szenarien auf: ,,Heranführung von Nicht-Sportlern an den Sport“, „Einbeziehung von Nicht-Sportlern in die Sportvereine“, „Gewinnung und Gleichstel­lung von weiblichen Mitgliedern“, „Einbindung von Behinderten, sozi­al Benachteiligten, Aussiedlern, Migranten (...)“. (Nobis in: Baur, 2009, Bd. 1, S. 110).

Der Begriffder erfolgreichen Integration sollte also keinesfalls auf As­similation reduziert, sondern im Gegenteil, die ethnische Diversität als Teil und Bereicherung der Gesellschaft verstanden werden.

1.3 Die Rolle des Fußballspiels

"Dem Fußball gelingt es,junge Menschen aus unterschiedlichen Schichten und Milieus zum Mitmachen zu animieren." (Bergener et al. in: Gebken, 2014, S. 262).

Fußball ist in Deutschland die beliebteste Sportart mit mehr als 6 Mio. Mitgliedern in ca. 26000 Vereinen, wobei noch eine vermutlich große Zahl nichtorganisierter Freizeitspieler hinzuzurechnen wäre. Auch für die Gruppe der in Deutschland lebenden Migranten ist Fuß­ball die wichtigste Sportart. Soeffner und Zifonum (2008) betonen je­doch, dass zwar einerseits die Kontakte in Fußballspielen zwischen autochthoner Bevölkerung und Personen mit Migrationshintergrund als ein erster Schritt von Integration verstanden werden kann, ande­rerseits jedoch bei solchen Begegnungen auch die Fremdheit in den Unterschieden erst richtig wahrgenommen wird (vgl. ebd., S. 136). Beispielsweise besteht auch Grund zu der Annahme, dass die Ent­stehung eigen-ethnischer Sportvereine eher als ein Zeichen von Desintegration gewertet werden kann. Darum sehen Soeffner und Zi­fonum (2008) Integrationspotentiale neben dem organisierten Ver­einssport vor allem auch im Schulsport und beziehen sich bei dieser Einschätzung auf eine „konfliktvermittelte Integration“, womit gemeint ist, dass in multiethnischen Konfliktsituationen ein integratives Poten­tial steckt. Dieses wird z.B. von versierten Lehrkräften bereits positiv genutzt und sollte gefördert werden (vgl., Soeffner & Zifonum, 2008, S. 158). In diesen Fällen geht es außerdem um mehr als einen ledig­lich kurzen verbalen Austausch. Sofern es einer Lehrkraft im Sport­unterricht gelingt, anhand eines ethnischen Konflikts Kompetenzen zur Problembewältigung zu vermitteln, kann man hoffen, dass diese sich auch auf andere Lebensbereiche der Schüler auswirken.

Etwas komplizierter erscheint die Situation im organisierten Sportver­einswesen. Denn hier muss unterschieden werden zwischen den ei­nerseits von Deutschen geprägten Vereinskulturen und andererseits den von Migranten bestimmten Vereinsstrukturen.

Die deutschen Fußballvereine unterstehen den Dachverbänden „Deutscher Sport-Bund (DSB) und Deutscher Fußball-Bund (DFB). Diese sind bemüht, sich nicht von der Politik bestimmen zu lassen und dennoch in den Genuss von Förderungen aus eben dieser zu kommen. Dieses Dilemma versucht man zu umgehen, indem die offi­zielle Darstellung des DSB auf die gesellschaftliche Relevanz des Verbandes verweist (vgl., Soeffner & Zifonum, 2008, S. 147). Dabei bedient man sich Idealen und Personifizierungen dieser, etwa der Bedeutung der Integration von Migranten in unsere Gesellschaft und gibt diesen Vorstellungen Gesichter prominenter Sportler. Daher ver­wundert es nicht, dass Broschüren der Dachverbände zum Thema „Integration durch Sport“ teils wie Werbeflyer gestaltet sind, welche wenig bis gar keine Informationen über die tatsächlichen Wirkungen der darin beschriebenen Maßnahmen enthalten. Diese abstrakt ge­haltenen Vorstellungen werden auf Landesebene jedoch nicht fortge­setzt, sondern weichen einer pragmatischeren Politik. Hier ist man um Erfolg in Form von steigenden Mitgliederzahlen bemüht; ob sich diese aus Migrantenmilieus speisen oder nicht, istjedoch leider meist zweitrangig (vgl. ebd., 2008, S. 149).

Es gibt also auch durchaus kritische Stimmen in Bezug auf das inte­grative Potential von Fußballvereinen. Beispielsweise besteht das Problem, dass es den Vereinen vor allem um Selbsterhalt geht, auch wenn tatsächlich Menschen mit Migrationshintergrund Mitglieder in diesen Fußballvereinen werden und man dann oberflächlich gesehen von einem Erfolg spricht. Soeffner und Zifonum (2008) bezeichnen diesen Prozess wie bereits oben beschrieben als „Integration in den Sport“ vs. „Integration durch Sport in die Gesellschaft“ und attestie­ren Projekten wie etwa dem „Modellprojekt Mannheim“ geringe Erfol­ge im Hinblick auf die erbrachten Integrationsleistungen. Zurückge­führt wird dieses Versagen vor allem auf „...die Eigenständigkeit des Milieus Fußball...“ (Soeffner & Zifonum, 2008, S. 149), welches sich gegen äußere Beeinflussung wehren würde. Dass dennoch wenig gegen diese Widerstände unternommen wird, ließe sich durch eine an bequemen Scheinlösungen interessierte Öffentlichkeit erklären, die wenig Interesse an den komplexen Zusammenhängen und unan­genehmen Wahrheiten der Integrationsproblematik im Fußball zeige (vgl. ebd., 2008, S. 149).

Im Unterschied zu deutschen Vereinen sehen Soeffner und Zifonum (2008) integratives Potential bei den eigen-ethnischen Vereinen vor allem in Bezug auf gewalttätige Jugendliche. Denn diese würde man dort wesentlich länger halten als dies die deutschen Pendants täten. Dadurch würde die Gefahr des Abgleitens jener Personengruppe in weitere Gewalt gemindert. Der Grund für diese Vereinspolitik bestün­de primär in deren Selbstbild, welches ihre soziale Funktion über sportlichen Erfolg stellt. Der Nachteil besteht unter Umständen darin, dass hierdurch ein Sammelbecken für sozial auffällige Personen ge­schaffen wird (vgl. ebd., 2008, S. 158).

Weiteres, bisher noch zu wenig genutztes Potential für integrative Maßnahmen, bietet das Schiedsrichterwesen. Soeffner und Zifonum (2008) gehen davon aus, dass Schiedsrichter nicht nur auf dem Platz, sondern auch in ihren Vereinen großen Einfluss ausüben könnten und darum entsprechende Qualifikationen erwerben sollten. Dagegen sprechen sie den verbandlich und politisch organisierten In­itiativen jegliche Nachhaltigkeit ab und bescheinigen Modellprojekten per se geringes Potential. Dies läge einerseits an der meist punktuel­len Durchführung und andererseits an den Eigeninteressen der invol­vierten Träger (vgl. ebd., 2008, S. 159). Damit stehen Soeffner und Zifonums Darstellungen in krassem Widerspruch zu den Erkenntnis­sen aus dem Modellprojekt „spin - Sport interkulturell“, welches in dieser Arbeit eine zentrale Rolle einnimmt.

Jedoch ist zu betonen, dass die negative Einschätzung Soeffners und Zifonums (2008) auch durch Göttlich (2008) relativiert wird. Auf Landesverbandsebene sieht jener durch den dort vorherrschenden Pragmatismus und die Nähe zu den betroffenen Akteuren im Gegen­satz zu DSB und DFB durchaus Erfolgschancen integrativer Bemü­hungen (vgl. Göttlich in: Neckel & Soeffner, 2008, S. 220). Anderer­seits ist nicht abzustreiten, dass mit absteigender Spielklasse auch Rassismus und die Bildung von eigen-ethnischen Gruppierungen zu­nehmen.

Fußball spielt im Hinblick auf Integration durch Sport also eine be­sonders ambivalente Rolle. Einerseits gibt es vermutlich in Deutsch­land keine andere Sportart, die in der öffentlichen Wahrnehmung stärker mit Integrationsleistungen assoziiert wird. Dadurch eröffnet sich die Möglichkeit, finanzielle Mittel in großem Umfang durch öf­fentliche Gelder zu realisieren. Diese sind im Fußball theoretisch zu­nächst gut angelegt, denn mit keiner anderen Sportart erreicht man so viele Menschen mit Migrationshintergrund. Andererseits steht die­sem Argument der großen Zahl gegenüber auch die öffentliche Mei­nung, dass speziell im Amateurfußball Segregation und Gruppenbil­dung, sowie gewalttätige Begegnungen gehäuft vorkomme (vgl. So- effner & Zifonum in: Heinrich-Böll-Stiftung, 2006, S. 5).

Fußball ist im Hinblick auf Integrationsvorstellungen der öffentlichen Wahrnehmung also definitiv auch kritisch zu bewerten. Beispielhaft hierfür ist die Tatsache, dass im Fußball zwar Talente mit Zuwande­rungsgeschichte bis in die Nationalteams vorgestoßen sind, diese je­doch im Verhältnis zu dem hohen Prozentsatz von Migranten in den Jugendvereinsmannschaften absolut unterrepräsentiert sind. Das enorme Potential wird also nicht einmal zahlenmäßig genutzt (vgl. Merx, in: Heinrich-Böll-Stiftung, 2006, S.10). Erfreulich ist hingegen die Entwicklung, dass sich Mädchenfußball unter Migrantinnen zu­nehmender Beliebtheit erfreut. Diese Begeisterung können Sportar­ten wie Volleyball, Schwimmen oder Turnen unter heranwachsenden Mädchen mit Migrationshintergrund offenbar nicht entfachen. Hier bietet Fußball eindeutig das größte Potential (vgl. Gebken in: Hein­rich-Böll-Stiftung, 2006, S. 18). Ebenso geht aus dem Evaluationsbe­richt des Programms „Integration durch Sport (IdS)“ hervor, dass Fußball dort eine tragende Rolle einnimmt (vgl., Baur & Burrmann in: Baur, 2009, Bd. 1, S. 43).

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Details

Titel
Integration durch Sport. Anspruch und Wirklichkeit
Untertitel
Analyse und Bewertung des integrativen Potentials von Ballsportarten anhand ausgewählter Projekte & Studien
Hochschule
Universität Konstanz
Note
3,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
80
Katalognummer
V308768
ISBN (eBook)
9783668073081
ISBN (Buch)
9783668073098
Dateigröße
960 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Integration, Sport, Kultur, Migration, Ballsport
Arbeit zitieren
Manuel Ritsche (Autor), 2015, Integration durch Sport. Anspruch und Wirklichkeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/308768

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