Die Ambiguität der Lesbarkeit in Heinrich Heines Novelle "Florentinische Nächte". Gefordertes Schweigen in der Literatur


Hausarbeit, 2014
19 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Hinführung.

2. Zwischen literarischer Freiheit und Zensur

3. Die Ambiguität der Lesbarkeit durch symbolisch-motivische Verschlüsselung
3.1. Rahmenhandlung - Marias Krankheit
3.2. Bellini und Paganini
3.3. Laurence und die Kunst des Tanzes
3.4. Die Tyrannei der Stiefväter

4. Schlussbetrachtung

5. Literaturverzeichnis
5.1. Primärwerke
5.2. Sekundärwerke

1. HINFÜHRUNG

Heinrich Heines Novelle Florentinische N ä chte1 wurde im Jahre 1837 in den dritten Band des Salons aufgenommen. Der Band sollte zuerst als „das stille Buch“ betitelt werden, da die Bundestagsbeschlüsse vom 10. Dezember 1835 die Zensurmaßnahmen verschärft hatten und die anderen beiden Bände des Salons verboten wurden.2 Die Zensur hatte Einfluss auf die Autoren der Zeit und deren literarisches Wirken. Politische, sowie gesellschaftliche Kritik wurde untersagt, leichte Unterhaltung befürwortet. Walter Wadepuhl schreibt genau diese Charakteristika Heines Werk zu:

Die „Florentinischen Nächte“ passen in der Tat gut in ein „stilles Buch“. Aufregende Gedanken, wie in mehreren Abschnitten der „Reisebilder“, treten nicht hervor, weder religiöse noch politische Fragen werden erörtert. Vielmehr liegt das Schwergewicht auf der Schilderung von Zuständen, Sitten und Lebenserscheinungen, deren Reiz durch kunstvolle Gegenüberstellungen noch wesentlich erhöht wird.3

Seiner Ansicht nach finden sich in Heines Novelle keinerlei politische oder religiöse Äußerungen und auch Heine selbst klagte seinem Verleger Campe im Brief vom vierten Februar 1836, dass ihm nichts anderes übrig bliebe, als „ein Buch herauszugeben, welches höchst interessant und liebenswürdig sey, ohne weder die Politik noch die Religion zu berühren.“4 Doch es stellt sich die Frage, ob Heinrich Heines Werk wirklich frei von politischen und gesellschaftskritischen Inhalten ist.

Die folgende Arbeit thematisiert die Ambiguität der Lesbarkeit in Heinrich Heines No- velle Florentinische N ä chte, vorwiegend unter Betrachtung der historischen und politi- schen Umstände des 19. Jahrhunderts und den verschärften Zensurmaßnahmen ab 1835. Ziel dieser Untersuchung ist die Beantwortung der Frage, ob die Zensur Auswirkungen auf die Florentinischen N ä chte hatte und ob sich eine Ambiguität des behandelten Stoffs in der Novelle erkennen lässt. Hierbei beschränkt sich die Betrachtung der Zensur vorwiegend auf Heinrich Heine und sein Werk, da eine ausführliche Betrachtung der Zensur im 19. Jahrhundert zur Beantwortung der Leitfrage nicht zwingend notwendig ist und den Rahmen dieser wissenschaftlichen Arbeit überschreiten würde.

An erster Stelle wird Heines Zwiespalt zwischen literarischer Freiheit und der Zensur verdeutlicht, indem die Einschränkung Heines aufgrund der Zensur und der Einfluss dieser auf die Novelle dargelegt wird, wobei sein Standpunkt gegenüber dieser nicht ungeachtet bleibt.

In einem zweiten Schritt folgt die Analyse der Florentinischen N ä chte, anknüpfend an den zweiten Teil der Leitfrage, mit besonderem Blick auf die Doppeldeutigkeit ver- schiedener Elemente des Werkes. Die Analyse der ersten Nacht beschränkt sich auf die sinnbildliche Deutung von Bellini und Paganini und deren künstlerisches Schaffen. Anschließend folgt die Kontemplation der Figuren der zweiten Nacht, wobei der Fokus auf Laurence und ihren Stiefvätern liegt. Die Allegorie von Laurence erstem Stiefvater dem Bauchredner wird aufgezeigt, jedoch nicht detailliert untersucht, da sich eine ge- nauere Betrachtung des zweiten Stiefvaters Türlütü geeigneter im Bezug auf die Intenti- on der Arbeit erweist. Die schriftliche Darlegung folgt unter Beachtung historischer, gesellschaftskritischer und politischer Faktoren.

Die Schlussbetrachtung der Arbeit umfasst ein kurzes Resümee und vordergründig die Rekapitulation der gewonnenen Erkenntnisse bezüglich der Leitfrage und deren Wer- tung.

2. ZWISCHEN LITERARISCHER FREIHEIT UND ZENSUR

„Zu den damaligen Zensurnormen gehört der Schutz des Staates, seines Personals und der Aristokratie, der christlichen Glaubenslehre, die Integrität einzelner Personen, und schließlich die Verteidigung der ‚guten Sitten’.“5 Aus diesem Grund wurden gesell- schaftskritische, religionskritische, politisch-kritische und fortschrittliche, revolutionäre Gedanken in der Literatur untersagt. Vor allem die Literatur der Anhänger des Jungen Deutschlands und auch die, des als politischen Schriftstellers bekannten, Heinrich Hei- nes sollte nach den Bundestagsbeschlüssen von 1835 verstärkt der Prüfung unterzogen werden. „Die Zensurmaßnahmen der Restaurationspolitik zeigen die Angst der an die Macht zurückgekehrten Dynastien vor dem Einfluss politischer Literatur.“6 Die Maß- nahmen schränkten nicht nur die Autoren der Zeit ein, sondern auch deren Verleger. Die Annahme, dass der Beschluss des Bundestages 1835 gegen die Anhänger des jungen Deutschlands und somit gegen Heinrich Heine Auswirkungen auf sein Werk Florentini- sche N ä chte hatte, liegt Nahe. Die sich durch die Novelle durchziehende Verrätselung deutet darauf hin, dass dies Heines Reaktion auf die Beschlüsse des Bundestages war, um seine Freiheit als Autor zu gewährleisten.7 Die Angst vor der Zensur war groß. “Im vormärzlichen Literaturbetrieb schreiben und veröffentlichen hieß nicht, gegen die Zen- sur publizieren - sondern mit ihr.“8 Die Schriftsteller mussten sich den Beschlüssen des Bundestages unterordnen, selbst ihre Texte zensieren, wenn sie weiterhin ihre Literatur publizieren wollten. Selbstzensur bedeutet für die Autoren in den eigenen Text korrigie- rend eingreifen, alles von Regierungsseite vermeintlich Bedenkliche reformieren, damit es die Kontrolle passieren kann - genau gesagt, den eigenen Ideengehalt durchdacht gestalten - oder aber sein Denken so umformen, zu dem Zweck kein Verlangen mehr zu verspüren sein ursprüngliches Gedankengut zu proklamieren. Heinrich Heine ist der ersten Gruppe zuzuordnen. Er blieb sich treu, jedoch erschwerte die Zensur ihm seine literarische Arbeit und bedroht von jener schrieb er während der Produktionsphase der Florentinischen N ä chte seinem Verleger Campe am 07. Oktober 1836, dass die „wüthende(n) Censur, [...] [ihm] auch den harmlosesten Gedanken streicht“9, weshalb er nur Phantasiearbeiten schreiben kann. Des Weiteren wird im Brief vom 20. Dezember 1836 deutlich, dass Heine keine andere Wahl hatte, als sein Gedankengut zu zensieren:

Sie kennen, liebster Campe, die bittere Stimmung nicht, worin mich die Nothwendigkeit versetzt, jeden Gedanken, den ich denke, im Kopfe gleich zu zensieren; zu schreiben, wäh- rend das Censurschwert an einem Haare über meinem Kopfe hängt - das ist um wahnsinnig zu werden!10

Zensur als ein bedrohliches Schwert, Selbstzensur als eine Notwendigkeit - sie geschieht unter Zwang, stellt jedoch Schutz vor der Verunstaltung der Texte dar.11 Heinrich Heines Werk Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland wurde aufgrund der Zensur verstümmelt. Ganze Textpassagen und bedeutende Sätze, die den Sinn und Zusammenhang des Werkes bilden, wurden gestrichen. Durch solche Erfahrungen wuchs auch bei Heine die Angst vor Zensur:

Ich bin mit der Füllung des Buches in den allerschrecklichsten Nöthen, nicht als ob’s mir an Manuskript fehle, vielmehr häuft sich dessen bey mir bis zur erfreulichsten Wohlhaben- heit - aber die Angst vor Censur - auch das Unschuldigste ist jetzt bedenklich - ich bin jetzt einer der unglücklichsten Schriftsteller. Dreymal habe ich die Vorrede zu dem Salon bis zur Mitte geschrieben und dreymal vernichtet - Was hilft mir schreiben, wenn mir’s nicht gedruckt [wird].12

„Die politischen Umstände haben also nicht nur die Arbeit an den Texten schwer beeinträchtigt, sondern auch den Fragmentcharakter der N ä chte zu verantworten.“13

Dass die Zensur Einfluss auf die Novelle hatte, geht aus den Briefen deutlich hervor. Heine wollte die Florentinischen N ä chte vorzugsweise nicht in Druck geben, ehe sie der preußischen Zensur zu unterwerfen.14 Aus diesem Grund galt es die 20 Bögen zu füllen und so durch „taktische Manöver“15, wie zum Beispiel durch die Verwundung des rhetorischen Stilmittels der Aposiopese, vorerst der Zensur zu entgehen. Durch sie kann das, was nicht formuliert werden darf, indirekt ausgesprochen werden, da der Leser einen Verweis erhält, dass an dieser Stelle eine Mehrdeutigkeit vorliegt, sodass er aufgefordert wird die Leerstelle gedanklich zu ersetzen.16

Um etwas nicht direkt aussprechen bzw. schreiben zu müssen, wird der Kontext des Ge- meinten dargestellt, so dass eine Evokation stattfindet - die Leerstelle wird gedanklich er- setzt, das verschwiegene Signifikat durch die umgebenden Worte >herbeizitiert<.17

Alleine die Tatsache, dass Heinrich Heine die Aposiopese zweiundsechzigmal in den Florentinischen N ä chten verwendet, bestärkt die Annahme, dass die Entstehung seiner Novelle durch die Zensurmaßnahmen beeinflusst wurde.18

3. DIE AMBIGUITÄT DER LESBARKEIT DURCH SYMBOLISCH-MOTIVISCHE VER- SCHLÜSSELUNG

3.1. RAHMENHANDLUNG - MARIAS KRANKHEIT

Maria, die zentrale Figur neben dem Protagonisten Maximilian, bildet zusammen mit diesem die Rahmenhandlung der Novelle. Im Sterben liegend hat ihr der Arzt äußerste Bettruhe verordnet. Maximilian soll ihr Geschichten erzählen und dadurch sicherstellen, dass sie ruhig liegen bleibt, denn nur geistige Bewegung ist heilsam für sie. Auf Grund des ihr, bedingt durch ihre Krankheit, verordneten Schweigens, welches symbolisch unter anderem für Ohnmacht steht19, ist Maria gerade zu machtlos.

[...]


1 Heine, Heinrich: Florentinische Nächte. Hg. v. Bernd Kortländer. Stuttgart: Reclam 2012.

2 Vgl. Wadepuhl, Walter: Heinrich Heine sein Leben und seine Werke. Köln: Böhlau-Verlag 1974. S. 204.

3 Ebd. S. 205.

4 Heine, Heinrich: Briefe, erste Gesamtausgabe nach den Handschriften. Hg. v. Friedrich Hirth. 1. Band. Mainz: Florian Kupferberg 1949/ 1950. S. 115.

5 Wolf, Hubert: Die Macht der Zensur: Heinrich Heine auf dem Index. Düsseldorf: Patmos 1998. S. 250.

6 Ebd. S. 13.

7 Vgl. Höhn, Gerhard: Heine Handbuch. Zeit - Person - Werk. 3. Auflage. Stuttgart, J.B. Metzler 2004.

S. 369.

8 Wolf, H.: Die Macht der Zensur: Heinrich Heine auf dem Index. S. 250.

9 Heine, H.: Briefe, erste Gesamtausgabe nach den Handschriften. S. 140.

10 Ebd. S. 151.

11 Vgl. Wolf, H.: Die Macht der Zensur: Heinrich Heine auf dem Index. S. 251.

12 Heine, H.: Briefe, erste Gesamtausgabe nach den Handschriften. S. 141.

13 Höhn, Gerhard: Heine Handbuch. S. 389.

14 Vgl. Heine, H.: Briefe, erste Gesamtausgabe nach den Handschriften. S. 120.

15 Wolf, H.: Die Macht der Zensur: Heinrich Heine auf dem Index. S. 253.

16 Vgl. Mielke, Christine: Der Tod und das novellistische Erzählen. Heinrich Heines >>Florentinische Nächte<<. In: Heine Jahrbuch 2002. Hg. v. Joseph A. Kruse. Stuttgart, Weimar: J.B. Metzler 2002. S. 75.

17 Ebd.

18 Vgl. ebd.

19 Renger, Almut-Barbara: Schweigen / Stille. In: Metzler Lexikon literarischer Symbole. Hg. v. Günter Butzer und Joachim Jacob. Stuttgart, Weimar: J.B. Metzler 2008. S. 340.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Ambiguität der Lesbarkeit in Heinrich Heines Novelle "Florentinische Nächte". Gefordertes Schweigen in der Literatur
Hochschule
Universität Mannheim
Veranstaltung
Heinrich Heine
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
19
Katalognummer
V308780
ISBN (eBook)
9783668073838
ISBN (Buch)
9783668073845
Dateigröße
1026 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Heinrich Heine, Ambiguität, Zensur, Literatur, neuere deutsche Literatur, Novelle, Florentinische Nächte, Marmorstatue, Marias Krankheit, Paganini, Bellini, Laurence, Heine
Arbeit zitieren
Lisa Hoffmann (Autor), 2014, Die Ambiguität der Lesbarkeit in Heinrich Heines Novelle "Florentinische Nächte". Gefordertes Schweigen in der Literatur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/308780

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Ambiguität der Lesbarkeit in Heinrich Heines Novelle "Florentinische Nächte". Gefordertes Schweigen in der Literatur


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden