Fingierte Oralität in der französischen Gegenwartsliteratur

Eine Analyse des gesprochenen Französisch am Beispiel von Tonino Benacquistas Roman "Le serrurier volant"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013

17 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1.Einleitung

2.Eine Annäherung an den Begriff der fingierten Oralität
2.1 Die Nähe- und Distanzsprache nach Koch und Oesterreicher
2.2 Die universalen und einzelsprachlichen Merkmale gesprochener Sprache

3.Fingierte Oralität und das Nähe-Distanz-Modell
3.1 Kennzeichen fingierter Oralität
3.2 Direkte Rede als Erscheinungsform fingierter Oralität

4.Nähesprachliche Merkmale in „Le serrurier volant“
4.1 Der textuell-pragmatische Bereich in „Le serrurier volant“
4.2 Der syntaktische Bereich in „Le serrurier volant“
4.3 Der lexikalisch-semantische Bereich in „Le serrurier volant“
4.4 Der lautliche Bereich in „Le serrurier volant“

5.Résumé

6.Bibliographie

1. Einleitung

Heutzutage scheint es nicht mehr möglich die gesprochene als eine von der geschriebenen Sprache separierte homogene Praxis zu betrachten, da sich die gesprochene Sprache nicht auf eine spontane, umgangssprachliche Praxis reduzieren lässt. Mit seiner Aussage „C’est la parole qui fait évoluer la langue“ weist Saussure der Parole, der individuellen Komponente, eine besondere Rolle im Sprachsystem der Langue zu, die in Saussures Strukturalismus für das Soziale und Gesellschaftliche steht. In der Gegenwartsliteratur ist fingierte Oralität zu einem gängigen Phänomen geworden, welches sich seinen Platz vor allem in Romanen gesichert hat. Nach einer Annäherung an den Begriff der fingierten Oralität soll auf die Nähe- und Distanzsprache nach dem Modell der Linguisten Koch und Oesterreicher eingegangen werden. Anschließend werden die universalen und einzelsprachlichen Merkmale gesprochener Sprache erläutert und die Kennzeichen fingierter Oralität herausgestellt und erklärt, zu denen auch die Erscheinungsform der direkten Rede zählt. Diese Aspekte der fingierten Oralität sollen am Beispiel von Tonio Benacquistas Roman „Le serrurier volant“ analysiert werden, der, wie viele von Benacquistas Kriminalromanen, das Phänomen der fingierten Oralität illustriert und dessen Inhalt nachfolgend kurz zusammengefasst wird. Marc, der fünfunddreißigjährige Protagonist des Romans, ist ein introvertierter Mensch, der sein ordinäres, ruhiges Leben schätzt. Wohnhaft in einem Pariser Vorort widmet er sich so der Pflege seines kleinen Hauses und verdient seinen Lebensunterhalt als Transporteur, während sein soziales Umfeld ein einziger Freund und eine Liebesbeziehung mit der geschiedenen Magali, seine Freundin aus Kindertagen, bilden. Eines Tages jedoch, während der Ausführung eines Auftrags fallen Marc und seine beiden Kollegen einem Verbrechen zum Opfer, bei dem Marcs Kollegen getötet werden, wohingegen er selbst schwerverletzt überlebt. In den folgenden Monaten der Operationen, Genesung, Rehabilitation und zahlreichen Suizidversuchen, verliert Marc zunächst seinen Beruf und sein Haus sowie seine Kontaktpersonen und gerät schließlich in einen Teufelskreis der Depression und des Alkoholkonsums. Als er sich eines Morgens versehentlich aus seinem Apartment aussperrt, verständigt ein hilfsbereiter Nachbar die SOS-Pannenhilfe, die für ihn wie eine Offenbarung ist und zu seinem neuen Lebensinhalt wird. Das Öffnen verschlossener Türen ermöglicht Marc eine neue Sichtweise auf die Lebensgewohnheiten und Geheimnisse seiner Mitmenschen und führt ihn zufällig auf die Spur des Attentats, das sein Leben veränderte und ihn erneut zwingt sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzten.

2. Eine Annäherung an den Begriff der fingierten Oralität

Fingierte Oralität bezeichnet allgemein die Evokation gesprochener Sprache im geschriebenen Medium. Durch die Verwendung des Attributs fingiert gibt bereits die Bezeichnung Hinweis darauf, dass es sich bei diesem Phänomen um eine erfundene, vorgetäuschte (vgl. Müller 1997: 798) oder erdichtete (vgl. Kroeber et al. 2001: 262) Form der Mündlichkeit handelt. An ihrer Erschaffung ist folglich stets ein „Agens“ beteiligt (Brumme 2008b: 7). Im deutschsprachigen Raum befasste sich Goetsch (1985) als einer der ersten Forscher literaturwissenschaftlich mit diesem –von ihm als fingierte Mündlichkeit bezeichneten– Phänomen. Er stellte fest, dass Mündlichkeit in geschriebenen Texten „stets fingiert“ sei, und dass „ihr Bezug zur Schriftlichkeit gesehen und ihr Stellenwert als Bestandteil des geschriebenen Textes gewürdigt werden“ müsse, da sie zum Schreibstil des Autors zähle (Goetsch 1985: 202). Seiner Ansicht nach sei fingierte Oralität genauso vielfältig wie tatsächliche und dürfe demnach nicht auf einige wenige Kennzeichen wie beispielsweise „formelhafte Sprache“ reduziert werden (Goetsch 1985: 206). Diese Einschätzung teilt auch Brumme (2008b: 11), wobei sie sich auf eine spätere Veröffentlichung dieser Autoren (vgl. Koch et al. (1990) bezieht. Neben der Verwendung in der Literatur trifft dieses Phänomen auch auf andere Kunstformen wie Film (Synchronisation und Untertitelung), Theater und Werbung zu (vgl. Brumme 2008b: 8-9). Die Gemeinsamkeit liege hier in dem Ziel, Mündlichkeit in einem geschriebenen Text, der möglicherweise im Nachhinein gesprochen wird, mithilfe bestimmter oraler Mittel darzustellen, weswegen auch Moderation und Nachrichtensprechen in Radio und Fernsehen als eine Form der fingierten Oralität betrachtet werden könnten (Brumme 2008b: 9). Zur Beschreibung von fingierter Oralität halten beide Sprachwissenschaftler das von Koch und Oesterreicher (1985) erstellte Modell der Nähe- und Distanzsprache sowie die damit verbundenen universalen und einzelsprachlichen Merkmale gesprochener Sprache für geeignet (Goetsch 1985: 210), welche im nächsten Kapitel erläutert werden sollen.

2.1 Die Nähe- und Distanzsprache nach Koch und Oesterreicher

Mit Hilfe ihres im Artikel „Sprache der Nähe – Sprache der Distanz“ erschienenen Nähe-Distanz-Modells erklären Koch und Oesterreicher die Unklarheiten im Verhältnis von gesprochener und geschriebener Sprache, beispielsweise in Bezug auf die Relation zu einzelsprachlichen Varietäten oder auf das Vorkommen von Merkmalen der Mündlichkeit in schriftlichen Texten und umgekehrt (vgl. Koch et al. 1985: 15). Sie vertreten die Auffassung, dass das von Coseriu vorgeschlagene Diasystem einer Einzelsprache um den Aspekt gesprochen/geschrieben erweitert werden müsse (Koch et al. 1985: 16). Die Vorüberlegungen dazu stammen von Söll (1985), der zwischen der Konzeption sprachlicher Äußerungen, also der „Kommunikationsstrategie“, und dem Medium, also dem „Kommunikationsweg“ (Söll 1985: 17), unterscheide (Koch et al. 1985: 17). Zur Konzeption zählt Söll die Modi ‚gesprochen‘ und ‚geschrieben‘, zum Medium den phonischen und den graphischen Code (vgl. Koch et al. 1985: 17). Die jeweiligen Ausprägungen von Medium und Konzeption lassen sich beliebig kombinieren, wobei die Zuordnung von „‚gesprochen + phonisch‘ (Beispiel: vertrautes Gespräch) und ‚geschrieben + graphisch‘ (Beispiel: Verwaltungsvorschrift)“ als besonders typisch gelte (Koch et al. 1985: 17). Essentiell ist dabei, dass das Medium entweder graphisch oder phonisch, also im Sinne einer Dichotomie, realisierbar, zwischen den extremen Ausprägungen der Konzeption ‚gesprochen‘ und ‚geschrieben‘ jedoch keine feste Grenze, sondern ein Kontinuum anzusetzen sei (Koch et al. 1990: 6). Koch und Oesterreicher konzentrieren sich in Bezug auf das Konzept von Mündlichkeit und Schriftlichkeit– konzeptionell und medial (Koch et al. 1990: 5)– nun auf dieses Kontinuum zwischen den Polen ‚gesprochen‘ und ‚geschrieben‘, ohne das Medium weiter zu berücksichtigen. Ihrer Ansicht nach lassen sich aus der Zuordnung zum graphischen bzw. phonischen Code keine Erkenntnisse gewinnen, da beispielsweise auch Verwaltungsvorschriften verlesen und Gespräche transkribiert werden können (vgl. Koch et al. 1990: 6). In einer Erweiterung des Nähe-Distanz-Modells wird davon ausgegangen, dass die Form einer sprachlichen Äußerung von fünf zum Teil von Koch & Oesterreicher schon vorgegebenen Kriterien bestimmt wird: von der Wahrnehmbarkeit der Kommunikationspartner (physische Nähe), der Vertrautheit der Kommunikationspartner (persönliche Nähe), der Reziprozität (interaktive Nähe), der Rezeptionsdistanz (zeitliche Nähe) und der Involviertheit des Sprechers (thematische Nähe). Liegt jeweils der höchste Nähegrad vor, entspricht die Kommunikationssituation einer prototypischen Mündlichkeitssituation, also der „mundanen Mündlichkeit“ (Freunek 2007: 26), vorausgesetzt, die Partner sind einer gemeinsamen Sprache und des Sprechens mächtig. Die für ein Gelingen der Kommunikation in dieser Situation geeigneten sprachlichen Mittel sind ausschließlich nähesprachliche. Authentische Mündlichkeit kann nun beschrieben werden als die Auswahl sprachlicher Mittel, die in Situationen höchster Nähe angebracht sind. Fingierte Mündlichkeit wiederum kann beschrieben werden als die dosierte Aufnahme nähesprachlicher Merkmale in literarischen Texten. Da solche Texte an eine geradezu typische Distanz-Situation gebunden sind, müssten die aufgenommenen nähesprachlichen Mittel prinzipiell disfunktional sein. Erst eine geschickte Auswahl und Distribution dieser Mittel garantiert – nach einer möglichen ersten Irritation bei der Lektüre – die Entfaltung der angestrebten ästhetischen Wirkung.

Soll eine Kommunikationshandlung, deren Ergebnis nach Koch et al. (1990: 8) „Diskurs“ (bei phonischer Realisierung) oder „Text“ (bei graphischer Realisierung) genannt werden könne, innerhalb des Kontinuums eingeordnet werden, bedarf es der Kommunikationsbedingungen zur Orientierung (Koch et al. 1990: 8-9, 12):

a) der Grad der Öffentlichkeit (Privatheit vs. Öffentlichkeit)
b) der Grad der Vertrautheit der Partner (Vertrautheit vs. Fremdheit)
c) der Grad der emotionalen Beteiligung (Emotionalität vs. keine Emotionalität)
d) der Grad der Situations- und Handlungseinbindung (Situations- und Handlungs ein bindung vs. Situations- und Handlungs ent bindung)
e) der Referenzbezug (Nähe vs. Entfernung des Bezeichneten zur Sprecherorigo)
f) die physische Nähe der Kommunikationspartner (physische Nähe vs. physische Distanz)
g) der Grad der Kooperation (Mitwirkung vs. keine Mitwirkung)
h) der Grad der Dialogizität (Dialogizität vs. Monologizität)
i) der Grad der Spontaneität (Spontaneität vs. Reflektion)
j) der Grad der Themenfixierung (freie vs. festgelegte Themenentwicklung)
(Henjum 2003: 13)

Mithilfe dieser Kommunikationsbedingungen lassen sich zahlreiche Kommunikationsformen

beschreiben und in das Kontinuum zwischen den Polen ‚gesprochen‘ und ‚geschrieben‘ einordnen (vgl. Koch et al. 1990: 9). Dabei steht das erste Argument in der Klammer jedes Punktes jeweils für das Extrem ‚gesprochen‘ und das zweite für ‚geschrieben‘. Koch und Oesterreicher übertragen nun das Konzept der physischen Nähe und Distanz auf die Kommunikation und sprechen für alle aufgeführten Punkte a) bis j) jeweils von kommunikativer Nähe bzw. kommunikativer Distanz (Koch et al. 1990: 10). Die entsprechenden Kommunikationsformen bezeichnen sie als Sprache der Nähe und Sprache der Distanz (vgl. Koch et al. 1985: 21), und die dazugehörigen Versprachlichungsstrategien als „Nähesprechen“ und „Distanzsprechen“ (Koch et al. 1990: 10). Offenkundige Unterschiede in der Sprache der Nähe bzw. der Distanz zeigen sich in der Aktivierung möglicher Kontexttypen:

1. situativer Kontext: in der Kommunikationssituation wahrnehmbare Personen, Gegenstände und Sachverhalte.

2. Wissenskontext:

(a) einerseits ein individueller Wissenskontext (gemeinsame Erlebnisse der Partner,

Wissen übereinander usw.);

(b) andererseits ein allgemeiner Wissenskontext, der soziokulturelle und universal

menschliche Wissensbestände umfaßt (kulturelle Tatsachen, Werte usw.; logische

Relationen, physikalische und biologische Gesetzmäßigkeiten usw.)

3. sprachlich-kommunikativer Kontext: vorige und folgende Äußerungen und Äußerungsteile

(auch ‘Ko-Text‘ genannt).

4. andere kommunikative Kontexte:

(a) parasprachlich-kommunikativer Kontext: intonatorische Phänomene;

(b) nichtsprachlich-kommunikativer Kontext: begleitende Gestik, Mimik usw.

(Koch et al. 1990: 10-11)

[...]

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Fingierte Oralität in der französischen Gegenwartsliteratur
Untertitel
Eine Analyse des gesprochenen Französisch am Beispiel von Tonino Benacquistas Roman "Le serrurier volant"
Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Note
1,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
17
Katalognummer
V308885
ISBN (eBook)
9783668071865
ISBN (Buch)
9783668071872
Dateigröße
502 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
fingierte, oralität, gegenwartsliteratur, eine, analyse, französisch, beispiel, tonino, benacquistas, roman
Arbeit zitieren
Sarah Leenen (Autor), 2013, Fingierte Oralität in der französischen Gegenwartsliteratur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/308885

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