„739.124“ Berliner haben vor etwa einem Jahr über den Erhalt einer leeren Fläche abgestimmt.
Schon zu Beginn des letzten Jahrhunderts war über diesen Boden so heftig spekuliert worden, dass Teile davon für 72 Millionen Goldmark verkauft wurden, das damals größte Grundstücksgeschäft der Welt.
Worum geht es also bei diesem Gebiet, liegen darunter Ressourcen- Gold, Erdöl ? Nein, hier geht es um einen Bodenschatz im übertragenen Sinne.
Dabei ist es zunächst leichter über diese 385 ha zu sagen was sie waren, nämlich ein Verkehrsflughafen mit Rollfeld, als was sie heute sind.
Es ist ein Nichts, eine Leere inmitten Berlins.
Die Motivation dieser Arbeit besteht darin, aufzuzeigen, was dieser Nicht-Raum sein kann und auch sein muss.
Weltweit bekannt geworden ist er seit Schließung des oben gennannten Flughafens als Tempelhofer Feld.
Welchen Symbolcharakter kann dieses Tempelhofer Feld haben, das als Wahrzeichen auf keiner Postkarte zu finden ist und in Berliner Reiseführern, wenn überhaupt, erst weit hinter den Sehenswürdigkeiten Berliner Mauer, Brandenburger Tor, Weltzeituhr und Potsdamer Platz erwähnt wird?
Welche Anziehungskraft kann ein ehemaliges Flughafengelände ausüben, wenn von dort kein Flieger mehr zu Urlaubszielen abhebt?
Welchen Mehrwert soll ein riesiges innerstädtisches Feld generieren, wenn es nicht einmal landwirtschaftlich zur regionalen Versorgung genutzt wird?
Was also macht den Reiz einer anscheinend öd wirkenden Freifläche aus, dessen Zugang und Nutzung zudem stark reglementiert ist?
Das unbebaute und damit unbestimmte Tempelhofer Feld wurde von Kritikern als unlogisch, als Fehler im städtischen Entwicklungsplan, als Leerstelle bezeichnet.
„[…] Dort [könnten] jetzt widerstandslos errichtete Hochhäuser stehen.“ , heißt es beispielsweise seitens Malte Lehming.
Der Fehler bestünde darin, zu lange gewartet, die innige Vertrautmachung mit der neuen Fläche zugelassen zu haben.
Damit ist die Öffnung dieser ehemaligen Verkehrsfläche gemeint, die 2010 als öffentlicher Ort für die Berliner (beschränkt) zugänglich gemacht wurde.
Warum ich diese regelmäßige Nutzung des Tempelhofer Feldes, seine Aneignung und Eingemeindung in den Alltag nicht als Fehler interpretiere, sondern darin die Chance einer Veränderung zu einer dynamischen, sozialen Raum- und Stadtentwicklung erkenne, soll nach dem eindeutigen Volksentscheid des vergangenen Jahres auch durch diese Masterarbeit verteidigt werden.
[...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Raum
2.1 Raumbegriff und Raumverständnis
2.2 Raumtheorie nach Henri Lefebvre
3. Stadt
3.1 Stadtbegriff und Stadtverständnis
3.2 Akteure
3.3 öffentlicher Stadtraum
3.4 Städtische Dichte und Weite
4. Transformation
4.1 Transformationsbegriff und Transformationsprozess
4.2 Akteure
4.3 Bedeutung und Wirkung
5. Das Feld
5.1 Tempelhofer Feld als „Forschungsgegenstand“
5.2 Entwicklung und Transformation
5.3 Bedeutung und Wirkung
5.4 Ausblick auf Praxisteil
6. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Masterarbeit untersucht die Transformation des Tempelhofer Feldes in Berlin als einen sozialen und städtebaulichen Prozess. Ziel ist es, durch die Analyse der Kategorien Raum, Stadt und Transformation aufzuzeigen, wie das Feld als "Nicht-Raum" oder "Möglichkeitsraum" eine neue Form von öffentlicher Aneignung darstellt und warum sein Erhalt für eine zukunftsorientierte Stadtentwicklung von Bedeutung ist.
- Raumtheoretische Grundlagen nach Henri Lefebvre
- Städtische Dichte im Kontext der Transformation
- Bürgerschaftliches Engagement und "Stadt-selber-machen"
- Phänomenologie der Leere und städtische Freiraumplanung
- Soziale und kulturelle Bedeutung des Tempelhofer Feldes
Auszug aus dem Buch
3.1 Stadtbegriff und Stadtverständnis
Innerhalb der Raumsoziologie gilt es als erklärtes Ziel, Raumtheorien auch für die Analyse spezifischer städtischer Räume anzuwenden. Stadt und Raum sind ineinander verzahnt und können folglich auf den drei soziologisch relevanten Ebenen Identifikation, räumliche Anordnung und raumbezogene Unterscheidungen betrachtet werden.
Die Identifikation mit der Stadt erfolgt durch ihre Bewohner. Die Stadt nutzt ihren Attraktionswert für Unternehmen, Tourismus und um sich allgemein von anderen Städten abzugrenzen.
Wie bereits im vorangegangen Kapitel kurz dargestellt, ist eine Grundlage von Gesellschaft die Herrschaft bzw. die Kontrolle über Raum, d.h. die gesellschaftlichen Strukturen bilden sich in räumlichen Anordnungen heraus. Auf der dritten Ebene strukturieren die raumbezogenen Unterscheidungen die Wahrnehmungen, Handlungen u.a. der Bürger durch Orientierungsmuster wie z.B. „hier und dort“, „nah und fern“, „global oder lokal“ u.a.
Stadt zu definieren ist ebenso schwierig wie widersprüchlich. Zu dieser These kommt auch Frank Eckhardt in Soziologie der Stadt. Eine Möglichkeit kann, meines Erachtens, darin bestehen, Fragen zu stellen, die schließlich zu einer Annäherung an den Stadtbegriff, den Stadtraum oder an ein Stadtbild führen können.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik der Flächennutzung in Berlin am Beispiel des Tempelhofer Feldes ein und formuliert das Ziel der Arbeit.
2. Raum: Dieses Kapitel erläutert theoretische Raumbegriffe und fokussiert dabei besonders auf Henri Lefebvres Theorie der Raumproduktion.
3. Stadt: Hier werden soziologische Stadtbegriffe, die Rolle von Akteuren und das Konzept des öffentlichen Stadtraums im Spannungsfeld von Dichte und Weite untersucht.
4. Transformation: Dieses Kapitel widmet sich den Prozessen des städtischen Wandels, der Umnutzung von Brachflächen und der Rolle bürgerschaftlicher Akteure.
5. Das Feld: Das Kapitel wendet die zuvor entwickelten theoretischen Kategorien konkret auf das Tempelhofer Feld an, um dessen Entwicklung und Bedeutung zu analysieren.
6. Schlussbetrachtung: Dieses Fazit fasst die Erkenntnisse zusammen und unterstreicht die Rolle des Tempelhofer Feldes als Impulsgeber für eine partizipative Stadtentwicklung.
Schlüsselwörter
Tempelhofer Feld, Stadtentwicklung, Raumproduktion, Henri Lefebvre, Transformation, Öffentlicher Raum, Zwischennutzung, Berlin, Stadtsoziologie, Bürgerbeteiligung, Volksentscheid, Urbanisierung, Dichte, Weite, Möglichkeitsraum.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Entstehung, Nutzung und räumlichen Transformation des Tempelhofer Feldes im Kontext des Berliner Stadtwandels.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Schwerpunkte liegen auf Raumtheorien, städtischer Transformation, der Rolle von zivilgesellschaftlichen Akteuren und der Bedeutung von öffentlichen Freiräumen.
Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsfrage?
Die Arbeit möchte aufzeigen, warum das Tempelhofer Feld trotz seiner scheinbaren "Leere" als bedeutender sozialer und öffentlicher Raum für die Stadtentwicklung fungiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit kombiniert eine theoretische Auseinandersetzung mit Raum- und Stadttheorien mit einer empirischen Feldforschung, die teilnehmende Beobachtung und gestalterische Ansätze verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die Kategorien Raum, Stadt und Transformation systematisch erläutert und anschließend auf das Tempelhofer Feld angewendet, inklusive der historischen Einordnung und der Rolle des Volksentscheids.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Tempelhofer Feld, Transformation, soziale Raumproduktion, Partizipation und städtische Freiraumplanung.
Warum wird das Tempelhofer Feld als "Nicht-Raum" bezeichnet?
Der Begriff bezieht sich auf die Unbestimmtheit der Fläche nach der Flughafenschließung, die jedoch gerade durch diese Offenheit neue soziale Aneignungsprozesse ermöglicht.
Welche Rolle spielt der Volksentscheid von 2014 für die Arbeit?
Der Volksentscheid dient als Beleg für den Wunsch der Bevölkerung nach Erhalt der unversiegelten Fläche und als Zeichen für eine neue, partizipative Form der Stadtgestaltung.
- Quote paper
- Master of Arts Sarah Kästner (Author), 2015, Feldforschung. Über die Entstehung, die Nutzung und die räumliche Transformation des Tempelhofer Feldes im städtischen Wandel Berlins, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/309155