Lucrezia Borgia – eine bis heute aufsehenerregende Frauengestalt der Renaissance: Engel oder Hure? Naive unschuldige Schönheit oder skrupellose Giftmischerin? Kaum eine überspitzte Zuschreibung wird ausgelassen, wenn es um die berühmte Papsttochter geht. In der Rezeptionsgeschichte ihrer Person findet man je nach den aktuellen Moralvorstellungen der Zeit sowie den Interessen und Absichten der jeweiligen Autorinnen und Autoren zahlreiche sich widersprechende Charakterisierungen und Bewertungen.
Ihre bloße Existenz zeugte in den Augen der katholischen Welt bereits von verwerflicher Unsittlichkeit, ist sie doch die Tochter des späteren Papstes Alexander VI. und einer Kurtisane. Ihr Vater, das Haupt der berühmt-berüchtigten Borgia-Familie, übte nicht nur zentralen Einfluss auf ihr Leben aus, er spielte auch eine wesentliche Rolle bei der Beurteilung ihrer Person. Für viele warf sich die Frage auf, ob Lucrezia, ein Produkt der Unkeuschheit und Unterdrückung ihres Vaters, überhaupt eine moralisch einwandfreie Persönlichkeit entwickeln konnte. War sie der Herrschsucht und Macht des Vaters willenlos ausgeliefert oder war sie gar eine grausame Komplizin bei den skandalösen Machenschaften der Borgias?
Welches der differierenden Frauenbilder ihr auch zugeschrieben wurde, eines wird bei der Beschäftigung mit der Geschichte der Lucrezia Borgia klar: Definiert wurde sie in den überwiegenden Fällen durch ihre Familie und ihr Äußeres, was im Anbetracht der Umstände wenig verwundert, war die absolute Deutungs- und Wertungsmacht dieser Zeit doch einer geistigen und weltlichen Männerelite vorbehalten. So lassen sich hinter den verschiedenen Werturteilen über Lucrezia meist auch individuelle Wünsche und Idealvorstellungen oder Konflikte der Männer mit der Frauenwelt insgesamt kontrastieren, damals sowie auch heute.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Die Borgias im Kontext ihrer Zeit
1.1 Historische und politische Hintergründe
1.2 Das Kurtisanenwesen in Rom in der Frühen Neuzeit
2. Lucrezia und die Familie Borgia
3. Historische Figur und Legendenbildung
3.1 Legendenbildung
3.2 Legenden um Lucrezia
3.3 Historische und künstlerische Bearbeitungen des Borgia-Stoffes
Conclusio: Mythos oder Wahrheit?
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die historische Figur der Lucrezia Borgia vor dem Hintergrund ihrer ambivalenten Rezeptionsgeschichte. Ziel ist es, das Spannungsfeld zwischen historischer Realität und der über Jahrhunderte gewachsenen Legendenbildung zu analysieren, wobei insbesondere die moralischen Werturteile und die literarische sowie künstlerische Verarbeitung des Borgia-Stoffes im Fokus stehen.
- Historische Rahmenbedingungen Italiens während der Renaissance
- Die Rolle des Kurtisanenwesens im römischen Gesellschaftsgefüge
- Biographische Einordnung Lucrezias und ihrer Familienbeziehungen
- Analyse der zentralen Legenden (Kastanienball, Inzest, Giftmord)
- Die Transformation der Borgia-Geschichte in Literatur, Theater und Film
Auszug aus dem Buch
Die Legenden um Lucrezia
Die Legenden um Lucrezia stehen in untrennbarem Zusammenhang mit ihrem Vater und ihrem Bruder Cesare. Im Jahr 1501, nach diversen moralischen Verstößen und Skandalen um den Papst, fand sich bereits eine Situation vor, in der alle noch so absurden Gerüchte auf fruchtbaren Boden stießen, da man mittlerweile dem Papst und seiner Familie jegliche Schandtat zutraute. Die Öffentlichkeit war besonders empfänglich für „Geschichten“ aus dem Vatikan. Das nutzten die Kontrahenten der Papstfamilie aus, sie versorgten die Zeitgenossen mit angeblichen Enthüllungen und verstärkten so das negative Bild.
Wie bereits erwähnt, spielte dabei der Zeremonienmeister Burchard eine wesentliche Rolle. Ausführlich berichtete er von einem skandalösen Ereignis am 31. Oktober 1501, dem Vorabend des Allerheiligenfestes, das als „Kastanienball“ in die Geschichte einging: Am Abend speisten zusammen mit dem Herzog von Valence, und zwar in dessen Räumen im Vatikanischen Palast, fünfzig ehrenhafte Prostituierte, Kurtisanen genannt. Diese tanzten nach dem Bankett mit den Dienern und mit anderen, die zugegen waren, zuerst in ihren Kleidern, dann nackt. Und nach dem Essen wurden die gewöhnlichen Tischleuchter mit brennenden Kerzen auf den Boden gestellt; vor die Leuchter wurden dann Kastanien geworfen, welche die Kurtisanen auf allen Vieren nackt zwischen den Leuchtern umher kriechend auflasen. Dabei sahen ihnen der Papst, der Herzog und seine Schwester Lucrezia zu.
Danach sollen auch noch Preise an diejenigen vergeben worden sein, die „am häufigsten mit den Kurtisanen fleischlich zu verkehren vermochten“. Kurze Zeit später berichtet Burchard, Alexander und Lucrezia sollen sich dabei amüsiert haben, kopulierenden Pferden vom Fenster aus zuzusehen.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die Thematik der ambivalenten Frauenfigur Lucrezia Borgia und die Zielsetzung der Arbeit, das Spannungsfeld zwischen Fiktion und historischer Forschung zu beleuchten.
1. Die Borgias im Kontext ihrer Zeit: Darstellung der politisch instabilen Verhältnisse in Italien sowie eine soziologische Betrachtung des einflussreichen römischen Kurtisanenwesens.
2. Lucrezia und die Familie Borgia: Biographische Skizze Lucrezias und ihrer Familie, wobei der Fokus auf den für die spätere Legendenbildung entscheidenden römischen Jahren liegt.
3. Historische Figur und Legendenbildung: Untersuchung der Entstehung und Verbreitung der Mythen um Lucrezia sowie deren Weiterverarbeitung durch spätere Autoren und Künstler.
Conclusio: Mythos oder Wahrheit?: Reflektion über die Grenzen der Geschichtsschreibung und das emotionale Interesse der Nachwelt an der Person Lucrezia Borgia.
Schlüsselwörter
Lucrezia Borgia, Renaissance, Borgia-Familie, Papst Alexander VI., Cesare Borgia, Legendenbildung, Kurtisanenwesen, Historische Figur, Giftmischerin, Inzest, Kastanienball, Rezeptionsgeschichte, Wahrheit und Fiktion, Frauenbilder, Geschichtsschreibung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der Renaissance-Figur Lucrezia Borgia und untersucht, wie aus einer historischen Person durch Mythen und Fiktion ein kontroverses Frauenbild geformt wurde.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die politischen Rahmenbedingungen der Borgia-Zeit, das soziale Phänomen des Kurtisanenwesens, biographische Eckdaten sowie die Analyse der Legenden um Inzest und Giftmorde.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, die Diskrepanz zwischen der historischen Realität und den über Jahrhunderte verbreiteten Legenden kritisch zu hinterfragen und die Mechanismen der Mythenbildung aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär angewandt?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse historischer Quellen und Sekundärliteratur, um die Rezeptionsgeschichte der Borgias wissenschaftlich einzuordnen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich detailliert der Entstehung der Legenden rund um Lucrezia, wie dem Kastanienball oder den Inzestvorwürfen, sowie der künstlerischen Verwertung dieses Stoffes in Literatur und Film.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die zentralen Charakteristika sind die Ambivalenz von Gut und Böse, die Binarität von Wahrheit und Fiktion sowie die kritische Reflexion des historischen Subjekts im Wandel der Zeit.
Inwiefern beeinflussten Zeitgenossen wie Burchard das heutige Bild von Lucrezia?
Die Schriften Burchards, die oft von Aberglauben und Abneigung geprägt waren, lieferten die „Beweise“ für zahlreiche Skandalgeschichten, die als Basis für spätere, oft unkritische, historische und literarische Darstellungen dienten.
Warum wird der „Kastanienball“ als Topos der Legendenbildung bezeichnet?
Er wird als Topos bezeichnet, da er wie ein Hexensabbat wirkt und als Ausgangspunkt für vielfältige sexuelle Phantasien diente, um die Borgia-Familie moralisch zu diskreditieren.
- Quote paper
- Erika Plank (Author), 2012, Lucrezia Borgia. Die historische Figur und ihre Legendenbildung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/309343