Beinahe täglich wird in den Medien von Krisenherden im Nahen Osten, dem Vormarsch des islamischen Staats über die Grenzen des Nordiraks und Syrien hinaus und Anschlägen in aller Welt berichtet. Es wirkt sehr paradox, dass man Rüstungsexporte als alltäglich ansieht - vor allem, wenn man in einem Land lebt, dass seit vielen Jahren eine restriktive Rüstungspolitik ausübt.
Es stellt sich die Frage, ob die Waffenlieferungen ins Ausland durch deutsche Rüstungsunternehmen einen höheren Sinn erfüllen und demnach unter entsprechenden Gesichtspunkten zu rechtfertigen sind. Dabei sind auch philosophische Betrachtungsweisen zu berücksichtigen. Zudem stellt sich weiterhin die Frage, ob sich die Lieferung von Waffen und Technologie in andere Länder auch aus moralischen und ethischen Gesichtspunkten positiv auf den Weltfrieden auswirken kann? Kann es vertretbar erscheinen, vor dem „großen Bösen“ in das „kleine Gute“ zu fliehen, indem man „das geringere zweier Übel mit Waffen beliefert?
Das Bundesministerium der Verteidigung definierte die internationale Abrüstung und Nichtverbreitung von Waffen in einem Artikel als ihr oberstes Ziel: „Die Abrüstungspolitik der Bundesregierung besteht darin, die Nichtverbreitung von Waffen und Massenvernichtungsmitteln zu sichern, das internationale System der Rüstungskontrolle auszubauen, sowie die Vertrauensbildung zwischen den Regierungen zu stabilisieren.“ Die Aktualität des Themas Krieg verbleibt in Anbetracht der weltpolitischen Lage derzeit jedoch unumstritten hoch.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Zahlen und Fakten zur deutschen Rüstungspolitik
1.2 Struktur der Arbeit
2 Ethische Betrachtung
2.1 Die „neuen“ Kriege
2.2 Das Geschäft mit Waffen als Sinnfrage
2.3 Ethische Rechtfertigung
2.3.1 Der Realismus
2.3.2 Der Pazifismus
2.3.3 Die Lehre vom gerechten Krieg
3 Kritische Betrachtung und Fazit
Zielsetzung und Themen
Die Hausarbeit untersucht die ethische Vertretbarkeit deutscher Waffenexporte vor dem Hintergrund einer sich verändernden weltpolitischen Lage. Ziel ist es, die Diskrepanz zwischen einer restriktiven deutschen Rüstungspolitik und der Notwendigkeit außenpolitischer Interventionen durch die theoretischen Linsen des Realismus, Pazifismus und der Lehre vom gerechten Krieg kritisch zu beleuchten.
- Aktuelle Rüstungspolitik Deutschlands und deren wirtschaftliche Bedeutung
- Die Transformation klassischer Kriege hin zu sogenannten „neuen“ oder asymmetrischen Kriegen
- Ethische Begründungsmodelle für militärische Interventionen
- Die Sinnfrage des Waffenhandels im Spannungsfeld zwischen ökonomischem Kalkül und humanitärer Verantwortung
Auszug aus dem Buch
2.3.1 Der Realismus
Der Realismus bzw. der Neorealismus in der internationalen Politik geht davon aus, dass der Faktor der Macht den Bereich des Politischen konstituiert. Macht wird dabei im Weberianischen Sinne als Durchsetzungsvermögen interpretiert. Diese Denkschule wird immer wieder kritisiert, da ihr deskriptiver und explikativer Charakter oft normativ (miss-)verstanden wird.
Genauer gesagt, werfen Kritiker den Verfechtern vor, Apologeten (Verteidiger) der Macht zu sein. Der klassische Realismus spiegelt eine Art Rationalismus wieder, da er davon ausgeht, dass Staaten opportunistisch handeln. Sie scheinen nach Kosten-Nutzen-Kalkülen zu agieren, welche die Interessen des Staates strategisch widerspiegeln. Ein Staat vertrete konstante und nicht veränderbare Grundinteressen, welche oft im Widerspruch zueinander stehen und nicht gleichzeitig oder gleichwertig umgesetzt werden können. So ist im klassischen Realismus das Vertrauen in andere kein Baustein, auf dem es zu bauen gilt. Churchill erkannte beispielsweise die Trügerische Friedenspolitik Hitlers in den 30er Jahren und vertraute nicht auf das Gute im Menschen, obwohl Vertrauen grundsätzlich sicherlich dem Grundinteresse nach Frieden entspricht. Deshalb lautet das realistische Diktum: Den kommunizierten Intentionen der Akteure ist nicht zu trauen. Man muss sich stattdessen an den materiellen und aggressiven Potentialen von genau diesen orientieren. Demnach sei es zur Kriegsverhinderung geboten Machtgleichgewichte zu erhalten und einem Aggressor beispielsweise offenzulegen, dass eine Aggression für ihn sehr kostenintensiv sein wird und dieser somit von einer Aufrüstung automatisch absehe.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Thematik der deutschen Rüstungspolitik ein, beleuchtet aktuelle Krisenherde und stellt die zentrale Forschungsfrage nach der ethischen Rechtfertigbarkeit von Waffenlieferungen.
2 Ethische Betrachtung: Hier werden die theoretischen Grundlagen diskutiert, indem die Transformation moderner Kriege analysiert und die ethischen Denkschulen des Realismus, Pazifismus und der Lehre vom gerechten Krieg auf das Waffenexportgeschäft angewandt werden.
3 Kritische Betrachtung und Fazit: Das abschließende Kapitel reflektiert die deutsche Entscheidung zur Waffenlieferung an die Peschmerga-Milizen kritisch und resümiert, dass eine pauschale ethische Bewertung unmöglich ist, sondern eine individuelle Beurteilung der Verhältnismäßigkeit im Einzelfall erfordert.
Schlüsselwörter
Waffenexporte, Rüstungspolitik, Ethik, Realismus, Pazifismus, Gerechter Krieg, Außenhandel, Sicherheitspolitik, Interventionsethik, asymmetrische Kriege, Bundesregierung, Verantwortungssethik, Machtgleichgewicht, Militärstrategie, Weltfrieden.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die ethische Vertretbarkeit von Waffenexporten aus Deutschland im Kontext der aktuellen weltpolitischen Bedrohungslage und ethischer Theorien.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der deutschen Rüstungspolitik, den Veränderungen moderner Kriegführung („neue Kriege“) und den ethischen Grundhaltungen zum Thema Krieg und Frieden.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt, ob und inwiefern Waffenlieferungen deutscher Rüstungsunternehmen durch philosophische und ethische Gesichtspunkte gerechtfertigt werden können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine theoretische Analyse auf Basis bestehender politikwissenschaftlicher und ethischer Denkschulen (Realismus, Pazifismus, bellum iustum) durchgeführt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Definition „neuer Kriege“, der ökonomischen Sinnfrage von Rüstungsexporten und einer detaillierten ethischen Rechtfertigungsanalyse.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Waffenexporte, ethische Rechtfertigung, Realismus, Pazifismus und der gerechte Krieg.
Warum wird die Entscheidung zur Bewaffnung der Peschmerga als Tabubruch gewertet?
Es ist das erste Mal in der Geschichte der Bundesrepublik, dass aktiv Waffen in ein direktes Krisengebiet geliefert wurden, was im Widerspruch zur bisherigen restriktiven Haltung steht.
Wie unterscheidet sich der Realismus vom Pazifismus in Bezug auf den Waffenexport?
Während der Realismus Waffen als notwendiges Instrument zur Wahrung von Machtgleichgewichten sieht, lehnt der Pazifismus den Einsatz von Waffen und militärische Interventionen prinzipiell ab.
- Quote paper
- Elmar Scholz (Author), 2015, Ethik im Außenhandel. Deutsche Waffenexporte kritisch hinterfragt, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/309353