Das Natürliche Turnen im Kontext der Reformpädagogik


Hausarbeit, 2011

14 Seiten, Note: 2,3

Hannes Baumgart (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Reformpädagogik
2.1 Grundideen der Reformpädagogik
2.2 Entwicklung und Aktueller Praxisbezug

3 Reformpädagogik im Sport
3.1 Vordenker
3.2 Historische Entwicklung der pädagogischen Leibeserziehung
3.3 Die Einflüsse der Leibeserziehung in der Epoche der
3.3.1 Englische Spiel – und Sportbewegung im Konflikt mit den Vorstellungen des traditionellen Deutschen Turnens
3.3.2 Deutsche Gymnastik und Mädchenturnen

4 Das natürliche Turnen
4.1 Die neue körperliche Erziehung
4.2 Das Natürliche Turnen als Vorläufer des heutigen Schulsports

5 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

In den letzten Zügen des 19. Jahrhunderts entwickelten sich Denk – und Handlungsweisen, die auf neuen Erziehungsformen beruhend, das Sozialverhalten des Individuums in den nachfolgenden Generationen fortwährend beeinflussten. Diesbezügliche Ideen und Konzeptentwürfe, oft verschiedener Art, werden zusammenfassend unter dem Namen Reformpädagogik vereinigt.

Die vorliegende Hausarbeit widmet sich dieser Thematik. Sie veranschaulicht den umfassenden Begriff, verdeutlicht dessen gesellschaftsbedeutende Erziehungsfunktion als Entwicklung und behandelt dabei insbesondere die häufig als Reformpädagogik beschriebene Epoche von 1890 – 1933, sowie ihren Einfluss auf die Leibeserziehung, speziell das Natürliche Turnen, und verdeutlicht ihre Anwendung samt Gegenwartsbezug in der heutigen Gesellschaft.

2 Reformpädagogik

„Dabei ist die reformpädagogische Bewegung ein höchst vielschichtiges und komplexes Gebilde, das sich aus vielerlei geistigen Quellen speist, unterschiedliche weltanschauliche und politische Richtungen umfasst und unzählige pädagogisch- innovatorische Einzelinitiativen hervorbringt“(Bittner & Göppel, 2001, S. 18).

Als erneuerbarer, sich ständig weiterentwickelnder Prozess ist die Reformpädagogische Bewegung auch im 21. Jhd. durch Bildungsdebatten, wie nach dem ‘PISA- Schock‘, aktuell und interessant und lässt sich nicht als ein, einmal auf unveränderbare Ziele festgelegtes, Phänomen beschreiben. Sie stellt vielmehr den ständigen Prozess neuer Ideen zur Erziehung und der damit verbundenen Gestaltung des Unterrichtes in Schulen dar; orientiert sich hierbei aber größtenteils an bestehenden Grundprinzipien.

Reformpädagogisches Denken und seine Ansätze lassen sich bereits in den Epochen der Antike beobachten und führten durch die geschichtlich neueren Anstöße einzelner Pädagogen im 19. Jahrhundert zu einer Fülle verschiedener Ansätze und Modelle, die bestrebt waren, die Schule, den Unterricht und die Erziehung zu reformieren. Die bemerkenswerte Dichte der Schaffenskraft der Jahre 1890- 1933 führte zu der Einordnung als Reformpädagogische Epoche(Vgl. Scheibe, 1981, S. 17). Ist nun im Folgenden von Reformpädagogik die Rede, beziehen sich die Ausführungen direkt oder indirekt auf die benannte Zeitspanne und deren Auswirkungen.

Als Folge der Kritik an der vorherrschenden Kultur des frühen 20. Jahrhunderts mit ihren ‘Verkrustungen‘ und sozialem, politischem und ökonomischem Ungleichgewicht, und bedingt durch eine allgemeine, selbstbewusste Aufbruchsstimmung ermöglichte sich die „zunehmende Popularität des länder- und nationsübergreifenden Phänomens mit progressivem, fortschrittsoptimistischem Anspruch“(vgl. Bittner & Göppel, 2001, S. 17). „Reformpädagogik ist also nicht allein auf die Erneuerung der Schule oder gar der Leibeserziehung gerichtet, sondern umfasst beinahe alle Bereiche des kulturellen und gesellschaftlichen Lebens im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts“(Prohl, 2010, S. 25). „Um dem Drang nach Menschheits- und Weltverbesserung in die Praxis umzusetzen, entfachte sich eine leidenschaftlichen Bildungsdebatte, über die neue, richtige, kindsgemäße Form von Schule und Unterricht(vgl. Bittner & Göppel, 2001, S. 1819).

„Reformbestrebungen in Schule Erziehung und Pädagogik […] drängten, in Erwartung der Überwindung restriktiver, obrigkeitsstaatlicher Strukturen, nach Realisierung und frei er Entfaltung […]Besonders erlebte die Weimarer Republik gerade auf dem Gebiet der Bildung und Erziehung einen Ideen- und Aktivitätenreichtum, der […] dem traditionellen pädagogischem Denken und Tun nachhaltige Alternativen gegenüberstellte“(Uhlig, 2008, S. 13).

Die Vielzahl der geistigen Bewegungen und wissenschaftlichen Betrachtungen mit unterschiedlichen Auffassungen, Idealen und Zielen der neuen Bildung führten zu zahlreichen praktischen Erprobungen auf der Suche nach der Verwirklichung, innovativer Formen der Erziehung.

Pädagogische Strömungen wie: die Pädagogik vom Kinde aus oder die Jugend, Kunsterziehungs-, Landeserziehungsheim, Arbeitsschul sowie heilpädagogische Bewegung trugen mit ihren Ansätzen einen Teil der Zuschreibungen bei, die man heute gemein dem Begriff Reformpädagogik zuweist und popularisierten das Thema für breite Bevölkerungsschichten. Ihre gemeinsamen Merkmale werden erst in der rückblickenden Perspektive deutlich(vgl. Bittner & Göppel, 2001, S. 1823).

2.1 Grundideen der Reformpädagogik

Um die Leitsätze der Reformpädagogik zu formulieren, ist es hilfreich, zuerst ihre Kritikpunkte zu verdeutlichen. Forderungen nach einer Abkehr von geistiger Stumpfheit, emotionaler Verkrümmung und sozialer Oberflächlichkeit zugunsten neuer Lebensformen sowie der Entdeckung und Entfaltung der eigenen Persönlichkeit im Rahmen des Erlebnisses echter urtümlicher Gemeinschaft führten zu einer Abkehr von der traditionellen Erziehung und zu der Entwicklung einer, an die Gedanken der Aufklärung und besonders Rousseau angelehnten, Pädagogik vom Kinde aus, die zu Selbstständigkeit, welt- und geistes- offenem Charakter des Individuums erziehen will und dabei dessen Fähigkeiten und Bedürfnisse berücksichtigt(Vgl. Bittner & Göppel, 2001, S. 18).

Gleichförmige Lerngehorsamkeit und die bloße Aufnahme und Reproduktion vorgegebener Inhalte, vermittelt durch Drill und Disziplin wurden durch die Individualisierung des Unterrichtes, die Orientierung am einzelnen Kind, dem menschlichen Um- gang zwischen Lehrer und Schüler, die Freisetzung schöpferischer Kräfte und Eigenaktivität des Kindes, erlebnisorientierten Unterricht unter Berücksichtigung der emotionalen Aspekte, sowie das ‘entdeckende Lernen‘ ersetzt und ließen Pädagogen in verschiedenen Feldern den neuen Geist in erzieherische Praxis umzuwandeln, was zu einer Vielzahl von Konzepten praktischer Erprobung führte(Vgl. Bittner & Göppel, 2001, S. 23-25).

2.2 Entwicklung und Aktueller Praxisbezug

„Am Ende der Weimarer Republik gab es mindestens 200 reformpädagogisch geprägte Schulversuche, die absoluten Zahlen liegen aber vermutlich noch um einiges höher […] Diese Tendenz war bis 1933 weder stagnierend noch rückläufig, sondern hat sich kontinuierlich verbreitert“(Schmitt, 1993, S. 21).

Sie waren privater oder öffentlicher Natur und entstanden sowohl in ländlichen Gebieten als auch inmitten der Großstädte, in so gut wie allen Teilen der Weimarer Republik.

„Gemeinsam war ihnen eine pädagogische Bewegungsfreiheit zur Verwirklichung reformpädagogischer Grundüberzeugungen wie Arbeitsunterricht, Gesamtunterricht, Gruppenunterricht, Epochenunterricht, Neigungskurse, Erziehung zur Selbstständigkeit, Gemeinschaftserziehung, Reise und Wanderpädagogik usw.“(Schmitt, 1993, S. 16).

„Die Machtergreifung des Nationalsozialismus in Deutschland und dann in Österreich brachte den Abbruch der Reformbewegung [...] Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges und der Erneuerung der Republik war hier wie dort das Feld wieder offen für die Auseinandersetzung mit der Reformpädagogik“(Scheibe, 1981, S. 18).

Dennoch ermöglichte die reformpädagogische Bewegung ein ungebrochenes wissenschaftliches Interesse am Fachgebiet Pädagogik und wirkte sich auf die Erwach- Erwachsenen-, vorrangig jedoch, auf die Schülerausbildung aus.

„Die Reformpädagogik des ersten Drittels des vergangenen Jahrhunderts, insbesondere der Weimarer Republik, hat sich in der alten und neuen Bundesrepublik vielfältiger Renaissancen erfreut und ist bis heute lebendig geblieben“(Keim, 2008, S. 7). Als aktuelle Alternativen zur Regelschule haben sich sowohl die Montessori- und Waldorfschule, als auch die Jena-Planschule als erfolgreiche Konzepte in der Bundesrepublik etabliert. „Die gegenwärtige Phase eines wiedererwachten schulpädagogischen Interesses an der Reformpädagogik hat ihre Ursachen u.a. in der Reformbedürftigkeit der staatlichen Regelschule“(Schmitt, 1993, S. 7). Somit werden der großen Masse der Schüler die Grundideen der Reformpädagogik auch in der Regel- schule zugänglich. Hierbei werden sie im Idealfall, auch als Ergebnis des offenen Unterrichtes, zu Selbst- und Mitbestimmung, sowie einer Stärkung der Solidarität er- zogen. „Vor allem das damalige Interesse an der emotionalen und sozialen Dimension von Erziehung und Unterricht, einer tiefgreifenden Demokratisierung aller pädagogischen Bereiche und der Orientierung an den Bedürfnissen der Heranwachsen- den gewinnt angesichts der heutigen Problemlage wieder an Bedeutung“(Adam, 1981, S. 9). Weiterhin finden neue Lern- und Lehrmethoden bis heute Anwendung und geben als Motor für Schulentwicklung in einem ständigen Prozess Anstöße zur Gestaltungen des Unterrichtes. „In aktuellen Diskussionsbeiträgen zur Bildungs- und Schulreform wird […] in gewisser Regelmäßigkeit auf historische Bezüge zur Reformpädagogik am Ende des 19. Jahrhunderts und im ersten Drittel unseres Jahrhunderts hingewiesen“(Schmitt, 1993, S. 9).

Im Folgenden werden nun die Auswirkungen der Reformpädagogik, speziell der Vertreter der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts, auf die Leibeserziehung und den Sportunterricht erläutert.

3 Reformpädagogik im Sport

Als Bereich des menschlichen Lebens unterzieht sich auch der Sport einem Prozess ständiger Veränderung, bedingt durch neue Theorien oder Praktiken. Hierbei ist es die Intention wissenschaftlicher Ansätze sowohl das Wie des Sporttreibens, als auch das wozu, somit das Erziehen zum Etwas zu untersuchen. Die der Auseinandersetzung mit der Welt durch den eigenen Körper kann bildender und/oder erzieherischer Natur sein. Dies ist der Ausgangspunkt reformpädagogischer Bestrebungen die bereits vor dem 18. Jahrhundert ihren Ursprung haben und damit als Vorläufer der heutigen Sportpädagogik gelten dürfen. „Von ‘Sport‘ war in diesem Zusammenhang zu- nächst nicht die Rede. Pädagogisch verstandene Leibesübungen in Deutschland wurden als Gymnastik und Turnen bezeichnet; danach hieß es dann Leibesübungen, später Leibeserziehungen“(Grupe & Krüger, 1997, S. 87).

3.1 Vordenker

„In seinem Hauptwerk pädagogischen Hauptwerk, dem Erziehungsroman Emile oder über die Erziehung aus 1762 entwirft Rousseau schließlich eine Theorie zur Heilung der korrupten Gesellschaft durch die natürliche Erziehung“(Prohl, 2010, S. 26).

Jean-Jaques Rousseau gilt als Vordenker und Ausgangs- punkt moderner Theorien zu Pädagogik in Bezug auf Kör- per und Sport. Er fordert die Rechte des Kindes ein, und entwickelt eine Pädagogik vom Kinde aus, die dessen Bedürfnisse und Anlagen berücksichtigt sowie sich seiner Natürlichkeit zuwendet. Er betrachtet Leibesübungen als Erziehungsmittel und verbindet damit die Schulung der Sinne durch körperliche Auf- gaben „Übt ständig seinen Körper, macht ihn stark und gesund, um ihn weise und vernünftig zu machen. Lasst ihn arbeiten, sich betätigen, laufen, schreien, immer bewegen“(Prohl, 2010, S. 26).

Um den Sinn und die Kritik der Reformpädagogen zu verdeutlichen, sei ein Rückblick in die historische Entwicklung der Leibeserziehung gestattet, der die bis dahin geltenden Verständnisse von Leibeserziehung deutlich macht.

3.2 Historische Entwicklung der pädagogischen Leibeserziehung

Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts führten Pädagogen unter dem Sammelnamen ‘Philanthropen‘ Ideen zur körperlichen Erziehung in Deutschland fort. Ihr Ziel der Erziehung lautete, ganz im Sinne Rousseaus: ‘der starke Mensch‘. Der Weg, dieses Ideal zu verwirklichen, brachte klare Widersprüche zutage. „Denen ging es jedoch nicht wie bei Rousseau der Fall um eine natürliche Individualerziehung […] als viel- mehr um eine vernünftig- natürliche Volkserziehung“(Prohl, 2010, S. 30). Statt das Bildungsideal zu verfolgen, forcierten die Philanthropen unter Johann Gutsmuths ei- ne Verlagerung hin zum Brauchbaren, in der Praxis zum Entgegenwirken der verweichlichten Jugend und bedingten damit eine Institutionalisierung, eine ‘Verschulung‘, des ursprünglich freien Sportes und ließen körperliche Übungen zu künstlichen Bewegungen werden .

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Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Das Natürliche Turnen im Kontext der Reformpädagogik
Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Note
2,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
14
Katalognummer
V309417
ISBN (eBook)
9783668081222
ISBN (Buch)
9783668081239
Dateigröße
459 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Natürliches Turnen, Gymnastik, Wandervogel, Reformpädagogik, Sportunterricht, Jahn
Arbeit zitieren
Hannes Baumgart (Autor), 2011, Das Natürliche Turnen im Kontext der Reformpädagogik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/309417

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