Zivilisiertes Verhalten als Deckmantel der Wildheit in Yasmina Rezas „Der Gott des Gemetzels“


Essay, 2015
9 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Ein Theaterstück erobert die Bühnen der Welt

Presse, Kritiken, Meinungen: Lobgesänge

Yasmina Reza über Der Gott des Gemetzels und ihr Schreiben allgemein

Die innere Struktur des Stücks

Empfehlung für das Theater?

Ein Theaterstück erobert die Bühnen der Welt

Der Gott des Gemetzels von Yasmina Reza ist ein Welterfolg. Schnell eroberte es die großen Bühnen, wurde mit den renommiertesten Theaterpreisen ausgezeichnet und ist immer noch ein aktueller Kassenschlager, der an großen und kleinen Theatern gespielt wird, weltweit In der Werkstatistik 2008/2009 des Deutschen Bühnenvereins wird Der Gott des Gemetzels als meistaufgeführtes Theaterstück in Deutschland aufgelistet. Es wurde in 42 Inszenierungen 555mal aufgeführt.[i]

Der Siegeszug von Der Gott des Gemetzels begann am 02.12.2006 mit der Uraufführung am Schauspielhaus Zürich. Jürgen Gosch inszenierte, und es spielten Michael Maertens, Dörte Lyssewski, Corinna Kirchhoff und Tilo Nest. Nach der französischen Erstaufführung im Januar 2008 im Pariser Théâtre Antoine mit u. a. Isabelle Huppert (Regie: Yasmina Reza) gelangte das Stück im März 2008 auch in den englischsprachigen Raum, nach London ans Gielgud Theatre. Hier führte Matthew Warchus die Regie, und es spielten u. a. Tamsin Greig und Ralph Fiennes. Warchus brachte diese Inszenierung schließlich an den Broadway, wo es vom 22.03.2009 bis zum 06.06.2010 452 Vorstellungen erreichte. Es wurde zu einem riesigen Publikumserfolg, zur dritt-öftest-gespielten Broadway-Inszenierung der 2000er-Jahre. Gekrönt wurde der Siegeszug im Jahre 2009 mit zwei der wichtigsten Theaterauszeichnungen der Welt: dem Laurence Olivier Award für die beste neue Komödie und dem dreifachen Tony Award für das beste Theaterstück, die beste Hauptdarstellerin (Marcia Gay Harden) und die beste Theaterregie (Matthew Warchus).

Im Jahre 2011 wurde das Stück schließlich von Roman Polanski mit Starbesetzung verfilmt.

Auch in diesem Jahr (2015) wurde und wird das Theaterstück in Deutschland und weltweit aufgeführt, beispielsweise am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, am Berliner Ensemble, am Theaterhaus Stuttgart, am Le Trident in Québec, am Mill Theatre Dundrum in Dublin, am Hangar Theatre in New York und am Stray Dog Theatre in Saint Louis.

Reza wird als meistgespielte lebende Theaterautorin bezeichnet. Worin begründet sich der Erfolg ihrer Stücke, hier im Besonderen der von Der Gott des Gemetzels ?

Presse, Kritiken, Meinungen: Lobgesänge

In der Presse ist keine negative Kritik über den Gott des Gemetzels zu finden, was sehr außergewöhnlich ist. Selten sind die Kritiker sich so einig und von der guten Qualität eines Theaterstücks überzeugt.

Wolfgang Höbel schreibt auf Spiegel Online: „Die Zuschauer im Residenz-Theater schreien vor Lachen, […] [d]enn das Stück gilt ganz zu Recht als Komödienbrüller der Saison.“[ii]

Frank Quilitzsch von der Thüringischen Landeszeitung beschreibt das Stück als „Krieg mit wechselnden Fronten: witzige Wortgefechte, überraschende Wendungen, selbst die retardierenden Momente sitzen. Ein Selbstläufer ist dieses Stück dennoch nicht; es bedarf erfahrener Schauspieler, die den Typen Charakter einhauchen.“ Hier ist großer Respekt vor einem Stück herauszuhören, das dem Unterhaltungstheater zugerechnet wird. Das kommt nicht oft vor.[iii]

Laura Meschede von der Münchner Abendzeitung bezeichnet den Gott des Gemetzels als eine „ironische Hommage an den vielzitierten ‚diskreten Charme der Bourgeoisie‘.“ Und diese Hommage zeugt wohl von einer sehr genauen Beobachtungsgabe der Autorin, denn „als die Gäste nach knapp zwei Stunden das Residenztheater verließen und lachend ihr Gefallen an der bitterbösen Tragödie kundtaten, mag dem einen oder anderen aufmerksamen Beobachter ihre Ähnlichkeit mit den belächelten Rollenbildern aufgefallen sein.“[iv]

Deutschlandradio Kultur resümiert: „Yasmina Reza gelingt [es] Alltagssituationen auf philosophische Momente hin zu sezieren. Dem scheinbar Banalen psychologisch genau beobachtete Gesetzmäßigkeiten pointenreich abzulauschen, die Abgründe hinter scheinbar kultiviertem Verhalten zu zeigen. Das spiegelt das eigene Tun und Sein in manchmal schmerzhafter, aber auch meist unterhaltsamer Nahaufnahme.“[v] Hier spricht Susanne Burkhardt direkt an, wie genau Reza Menschen beobachtet und in Rollenbildern einfängt, darüber hinaus könnten sich Zuschauer wie Theatermachende mit diesen Figuren identifizieren, weil diese uns sehr genau spiegeln. In den „witzigen Wortgefechten, überraschenden Wendungen“, der genauen Figurendarstellung und der Spiegelung von uns Zuschauern sehe ich die ersten Erfolgsgeheimnisse dieses Werks.

Sunnyi Melles, welche in der Inszenierung am Residenztheater mitspielte, erklärt, für sie sei das Theaterstück „eine existenzielle Arbeit gewesen.“ Es lasse über den Umgang mit Kindern und mit Gewalt und über die Kommunikation in der Familie nachdenken. Diese gewichtigen Themen kommen mit einer ordentlichen Portion Humor einher, einem Humor, der versöhne, wie Melles es ausdrückt. Sie bezeichnet Yasmina Reza als „eine große Autorin am Puls der Zeit.“[vi] Also, aktuelle, wichtige Themen humorvoll dargereicht: Eine weitere Zutat für Rezas Erfolgsrezept.

Sibylle Canonica betont, es sei wichtig, „nicht im boulevardesken Konversationsstück stecken zu bleiben. Das Stück zeigt deutlich, wie unbeweglich man ist und Gelegenheiten verschleudert. Das erzeugt zum Teil tragisch-komische Situationen.‘“[vii]

Stefan Hunstein schreibt in der Münchner Abendzeitung: „Das Stück von Yasmina Reza trifft den Zeitgeist. Man erkennt seine Lebenswelt darin wieder: das Milieu, die Frustrationen, Beziehungsprobleme – das alles betrifft unsere gesamte westliche Welt.“[viii] Wahrscheinlich zieht dieses Stück auch so viele Zuschauer an, weil es darin nicht um die großen politischen Themen der großen Welt geht, sondern um die ganz alltäglichen, familiären, häuslichen, die uns jeden Tag begegnen und uns direkt angehen. Die Analyse der familiären und zwischenfamiliären Beziehungen kommt zu folgendem Schluss: „Hinter unserer kulturellen Oberfläche lauert der Krieg, ein Schlachtfeld, das in unseren Wohnzimmern beginnt.“[ix]

Yasmina Reza über Der Gott des Gemetzels und ihr Schreiben allgemein

„Wie schon bei „Kunst“ [entstand Der Gott des Gemetzels ] aus einer wahren Begebenheit, die mir mein 13jähriger Sohn erzählt hat.“[x] Reza bedient sich aus dem reichhaltigen Erlebnisschatz des Lebens und berührt damit die Menschen, weil diese die Wahrhaftigkeit hinter all den absurden Situationen und Verhaltensweisen spüren und erkennen.

„Vor dem Schriftsteller, der Antworten geben will, muss man sich hüten wie vor der Pest. Wir öffnen das Tor zu den Fragen, das ist unser Beruf.“[xi] Das Schöne an Rezas Stücken ist, dass sie keine Weisheiten oder Lehren auftischt, sondern einfach nur ein paar Augenblicke, ein paar Szenen, Begebenheiten aus dem Leben in einem Vergrößerungsglas zeigt. Der Rezipient darf sich selbst Gedanken machen, muss aber nicht. Auch ohne großes Nachdenken macht der Theaterabend Spaß. Weder überfordert noch unterfordert er. Reza äußert sich 2008 im Spiegel darüber, was man als Autor ihrer Meinung nach leisten sollte: „Man muss immer nur Widersprüche aufdecken, die Welt durch verschiedene Prismen betrachten, mit verschiedenen Augen, vom Standpunkt des Henkers und vom Standpunkt des Opfers.“[xii] Verschiedene Standpunkte einnehmen, um die Realität von allen Seiten zu beleuchten und dadurch ein reichhaltigeres Bild zu erhalten: Möglicherweise ebenfalls ein Element, das den Zuschauer positiv anspricht.

[...]


[i] http://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=4625:werkstatistik-20082009-des-deutschen-buehnenvereins-erschienen&catid=126&Itemid=100089 [20.07.2015].

[ii] http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/der-gott-des-gemetzels-in-muenchen-kotzt-nicht-so-romantisch-a-531317.html [20.07.2015].

[iii] http://www.tlz.de/web/zgt/kultur/detail/-/specific/Kotzt-nicht-so-romantisch-992337841 [20.07.2015].

[iv] http://www.abendzeitung-muenchen.de/inhalt.theaterkritik-yasmina-resas-gott-des-gemetzels.575e9a12-d05b-4f8a-b764-60046ba361a4.html [20.07.2015].

[v] http://www.deutschlandradiokultur.de/dramatikerin-der-alltagsabgruende.1013.de.html?dram:article_id=223055 [20.07.2015].

[vi] http://www.abendzeitung-muenchen.de/inhalt.theater-zivilisierte-zeigen-zaehne.c123fe26-5200-46ee-8b0b-4924dcae9797.html [20.07.2015].

[vii] http://www.abendzeitung-muenchen.de/inhalt.theater-zivilisierte-zeigen-zaehne.c123fe26-5200-46ee-8b0b-4924dcae9797.html [20.07.2015].

[viii] http://www.abendzeitung-muenchen.de/inhalt.kino-getrunken-gehasst-verletzt-zerstoert.287e8a76-5c55-4ac1-95aa-69e0686e9438.html [20.07.2015].

[ix] http://www.abendzeitung-muenchen.de/inhalt.kino-getrunken-gehasst-verletzt-zerstoert.287e8a76-5c55-4ac1-95aa-69e0686e9438.html [20.07.2015].

[x] Neitzke, Nele: Materialmappe zur Inszenierung ‚Der Gott des Gemetzels‘ (o. A.), online unter URL: http://theater.ulm.de/archiv/spielzeit-07-08/documents/einblicke-texte/Gemetzel/DER_GOTT_DES_GEMETZELS.pdf [Stand: 20.07.2015].

[xi] http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-56388140.html [20.07.2015].

[xii] http://www.spiegel.de/spiegel/a-544188.html [20.07.2015].

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Zivilisiertes Verhalten als Deckmantel der Wildheit in Yasmina Rezas „Der Gott des Gemetzels“
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Theaterwissenschaft München)
Veranstaltung
Projekt-Übung: Rückzug ins Private, bis zum bitteren Ende? – Boulevardtheater zwischen Kunst und Kommerz
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
9
Katalognummer
V309425
ISBN (eBook)
9783668078260
Dateigröße
412 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Theater, Theaterwissenschaft, Boulevardtheater, Yasmina Reza, Der Gott des Gemetzels, Theatererfolge
Arbeit zitieren
Manuel Kröger (Autor), 2015, Zivilisiertes Verhalten als Deckmantel der Wildheit in Yasmina Rezas „Der Gott des Gemetzels“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/309425

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