Die Kirche St. Vincent de Paul in Paris


Zwischenprüfungsarbeit, 2003

72 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.0 Einleitung

2.0 Die Kirche St. Vincent de Paul in Paris
2.1 Baugeschichte
2.2 Beschreibung des Außenbaus
2.3 Beschreibung des Innenraums

3.0 Jacob Ignatz Hittorffs Italienreise und der Polychromiestreit
3.1 Hittorffs Reise nach Sizilien
3.2 Die Polychromie antiker griechischer Tempel
3.3 Der Polychromiestreit

4.0 Anwendung der Erkenntnisse Hittorffs auf die Kirche St. Vincent de Paul
4.1 Die Polychromie der Kirche St. Vincent de Paul
4.2 Anwendung der Lavamalerei

5.0 Resümee

Quellen- und Literaturverzeichnis

Internetseiten

Abbildungsverzeichnis

1.0 Einleitung

In dieser Hausarbeit soll die Kirche St. Vincent de Paul in Paris, erbaut von dem Architekten Jakob Ignaz Hittorff, vorgestellt werden. Sie wurde im 19. Jahrhundert zur Zeit des Klassizismus erbaut und veranschaulicht die Forschungsergebnisse zu dem Thema der Polychromie - der Farbigkeit der Gebäude bei den Griechen -, die ihr Erbauer auf seiner Reise nach Sizilien gewonnen hatte. Leider wurde die Anbringung entscheidender Bauteile, gemeint sind die Lavamalereien an der Fassade der Kirche, von der Öffentlichkeit nicht gebilligt und frühzeitig wieder abgenommen.

Dementsprechend ist die vorliegende Arbeit gegliedert. Im ersten Teil wird der bauhistorische Kontext der Kirche und ihr heutiger Zustand auf dem Place Franz Liszt in Paris beschrieben. Daraufhin widmet sich der nächste Part der Italienreise Hittorffs, insbesondere seinen Forschungen auf Sizilien und dem daraufhin entfachten Polychromiestreit in seiner Heimatstadt Paris. Aufbauend darauf wird im letzten Kapitel die vorgesehene, jedoch nicht ausgeführte Dekoration der Lavamalerei an der Kirche St. Vincent de Paul beschrieben und in den Kontext der Arbeit mit einbezogen.

Jakob Ignaz Hittorff war einer der bekanntesten Architekten seiner Zeit, sowohl in Paris, als auch über die Grenzen der Stadt hinaus. Leider ist er mit den Jahren immer mehr in Vergessenheit geraten. Seine, zur damaligen Zeit aufsehenerregenden Forschungen, von ihm veröffentlicht in den Werken „Architecture moderne“[1] und „Architecture antique de la Sicile“[2], sowie in der „Architecture polychrome chez les Grecs“[3], sind heutzutage nur noch bei denen bekannt, die sich mit dem 19. Jahrhundert und dem Klassizismus in Frankreich, England oder Deutschland intensiver befassen.

Erst am Ende der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts wurde in Deutschland durch Erich Schild das Interesse an Hittorffs Leben und seinen Werken wieder geweckt. Schild befasste sich in seiner Dissertation mit dem Nachlass Hittorffs[4], der von seinem Sohn Charles-Joseph verwaltet und vergrößert und auf Hittorffs Wunsch nach Köln gebracht worden war. Das Wallraf-Richartz-Museum erhielt die Gemälde, Zeichnungen und Grabungsfunde (heute im Römisch Germanischen Museum), die Bücher gelangten in die Stadtbibliothek (die heutige Universitäts- und Stadtbibliothek).[5] Erich Schild widmete sich der Aufgabe, die während des Krieges in Luftschutzkellern des Wallraf-Richartz-Museums gelagerten Zeichnungen, Briefe und Notizen Hittorffs (ca. 8000 Blatt) zu bearbeiten, zu ordnen und zu archivieren.

Am Ende der 60er Jahre erschien das lebensumfassende ausführliche Werk zu Hittorff von Karl Hammer.[6] Der Verfasser machte es sich dabei zur Aufgabe „ [...] zum ersten Mal auf Grund systematischer Verarbeitung eines weit verstreuten Quellenmaterials die Entwicklung der Persönlichkeit Hittorffs dar[zu]stellen und sein Schaffen [zu] verdeutlichen.“[7] Bis heute ist kein vergleichsweise gutes Gesamtwerk zu diesem Architekten erschienen, denn auch in Frankreich ist Hittorff weitgehend in Vergessenheit geraten. Aus den Quellen der Zeitgenossen Hittorffs wird geschöpft und Artikel zu dem Thema werden in Zeitschriften veröffentlicht, aber eine französische Gesamtübersicht, so wie die von Hammer, gibt es nicht. Englischsprachig findet man eine ähnliche Darstellung von Hitorffs Gesamtwerk in Donald David Schneiders Dissertation „The works and doctrine of Jaques Ignace Hittorff (1792-1867): Structural innovation and formal Expression in French architecture, 1810-1867)“.[8]

Vom 21. Januar bis zum 22. März 1987 fand eine Ausstellung zum Thema „Jakob Ignaz Hittorff, Ein Architekt aus Köln im Paris des 19. Jahrhunderts“ statt, die das Jahr zuvor im Musée Carnavalet gezeigt wurde und in deutsch-französischer Zusammenarbeit zustande gekommen war. Der dazu erschienene Katalog umfasst mehrere voneinander unabhängige Aufsätze zu Spezialthemen, wie den verschiedenen Bauwerken oder seinen Reisen, die Hittorffs Leben ausmachten.[9]

Die neuesten Veröffentlichungen sind „Der Katalog der Bibliothek Jakob Ignaz Hittorff“[10] von Gunter Quarg, in dem die Bücher des Nachlasses verzeichnet sind. Susanne Klinkhamels Untersuchungen zur „nachantiken Architektur“[11] und Michael Kienes „Alben von Jakob Ignaz Hittorff“[12], beinhalten die Zeichnungen der Bauprojekte, die in der Universitäts- und Stadtbibliothek aufbewahrt werden.

2.0 Die Kirche St. Vincent de Paul in Paris

2.1 Baugeschichte

Der Architekt der Kirche St. Vincent de Paul, Jakob Ignaz Hittorff, wurde am 20. August 1792 im Zentrum von Köln, in einem Haus am Heumarkt geboren (Abb01. Bild Hittorff). Sein Vater Franz Kaspar Josef Alexander Hittorff und seine Mutter Maria Agnes Hittorff, geborene Hansmann, stammten beide aus traditionellen Handwerkerfamilien. Der Vater war Blechschläger und die Familie verfügte über einen bescheidenen Wohlstand, der sich im Laufe der Französischen Revolution vermehrte und der Familie einen angenehmen Lebensstandard sicherte.[13]

Der Vater ließ seinen einzigen Sohn zum Baumeister ausbilden. Er erkannte früh das Talent seines Sohnes und legte besonderen Wert darauf, dass mathematische Aufgaben an Beispielen aus der Architektur erlernt wurden, er sich schon früh die Grundbegriffe der Baukunst aneignete und den Unterricht im baugeschichtlichem Zeichnen besuchte. Der Architekt Michael Leidel nahm Kontakt zu Hittorff auf und stellte ihn dem Professor der Kölner Universität Ferdinand Franz Wallraf vor, dessen Sammlung im Wallraf-Richartz-Museum seit 1824 ausgestellt wird, der ihn weiterhin förderte. Schon im Alter von fünfzehn Jahren entwarf der junge Hittorff Gebäude, von denen das erste im Jahr 1808 in der Schildergasse 84 fertiggestellt wurde.

1810 ging Hittorff mit seinem Freund Franz Christian Gau (1790-1853) nach Paris, der damaligen Hauptbildungsstätte. An keinem anderen Orte Europas gab es zu dieser Zeit eine ähnlich vielseitige Anhäufung von Bildungs- und Kulturgütern.“[14] Beide wurden 1811 in die École des Beaux-Arts aufgenommen. Hittorff wurde ein Schüler und guter Freund Charles Perciers, bei dem er das Architekturzeichnen verbesserte und die Antike kennen und begreifen lernte. Über diesen wurde er auch mit Francois-Joseph Bélanger bekannt gemacht, der Helfer für den Bau der Eisenkuppel der Kornhalle (Halle aux Blés) von Paris benötigte und Hittorff engagierte. Über ihn erreichte Hittorff seine spätere hohe Architektenstelle in Paris. Bélanger ließ ihn 1814 zum „Sous-Inspecteur des Fêtes et Cérémonies royales“ ernennen. Hittorff und sein Freund Joseph Lecointe, auch ein Schüler Bélangers, übernahmen das Amt ihres Lehrers nach seinem Tod 1818 als „Architectes des Fêtes et Cérémonies“. Von nun an waren sie verantwortlich für die Staatsfeste und Feierlichkeiten, darunter die Beisetzungsfeier des Duc de Berry in Saint-Denis im Jahre 1820, die Taufe des Duc de Bordeaux 1821, die Trauerfeier Ludwigs XVIII. und die Krönung Karls X. 1824 in Reims.[15]

Hittorff bereiste England und Deutschland, traf Karl-Friedrich Schinkel in Berlin und trat am 28. September 1822 seine wichtigste Reise in Begleitung von Ludwig von Zanth nach Italien an. Er hatte sich 1817 für den „grand prix de Rome“ beworben, der ihm ermöglichen sollte die Stadt auf Kosten des Staates zu besuchen. Er wurde jedoch ausgeschlossen, da er nach dem Wiener Kongress, und der damit verbundenen Angliederung der rheinischen Provinzen an Preußen, nicht mehr die französische Staatsangehörigkeit besaß.[16] Von dieser, für Hittorff wichtigsten Reise seines Lebens, wird später ausführlicher die Rede sein. Er besuchte einige französische Städte auf diesem Weg. Darunter waren Fontainebleau, in dessen Schloss er seinen späteren Schwiegervater, den Schlossarchitekten Jean-Baptiste Lepère kennen lernte, Auxerre, Autun und Lyon, bis Hittorff und Zanth Susa erreichten. Von dort aus führte sie der Weg nach Turin, weiter zum Lago Maggiore, über Mailand nach Pavia, Genua, Carrara, Lucca, Pisa, Florenz, Siena und Spoleto, um schließlich nach Rom zu gelangen. Nach einem längeren Aufenthalt in dieser Stadt wurde die Reise über Neapel nach Palermo fortgesetzt. Auf Sizilien erarbeitete sich Hittorff wichtige Erkenntnisse, die seinen Architekturstil wesentlich beeinflussten.[17] In Kapitel 3.0 und 4.0 wird darauf näher eingegangen.

Hittorff kehrte im Juni 1924 nach Paris zurück. Er lernte noch im gleichen Jahr Elisabeth Lepère kennen, mit deren Vater er in Fontainebleau Bekanntschaft gemacht hatte. Er ehelichte sie am 2. Dezember des Jahres. Über seinen Schwiegervater, der den Auftrag erhalten hatte eine Kirche im Stadtviertel Poissonnière zu errichten, wurde Hittorff an dem Bau von St. Vincent de Paul beteiligt, da Lepère „einen jungen Mitarbeiter benötigte, der ihm durch seine außerordentliche Begabung und sein kraftvolles Engagement dabei helfen würde, dieses neue Werk, das er noch im hohen Alter begonnen hatte, schön, imposant und in seiner erhabenen Bestimmung würdig zu gestalten“.[18] Lepère verstarb leider 1844 kurz vor Vollendung der Kirche, womit Hittorff die Bauaufgabe allein übernahm.

In dem Bezirk, in dem heute St. Vincent de Paul steht, wurde im 12. Jahrhundert ein Hospital für Lepra-Kranke errichtet, das jedoch 1620 an Vinzenz von Paul übergeben wurde, der dort ein Seminar für junge Priester errichtete. Er betreute nach dem 30jährigen Krieg Kranke, Arme und Zwangsarbeiter und gründete die Hilfsorganisationen „Filles de la Charité“, „Dames de la Charité“ und die „Lazaristen“. Demzufolge gilt er heute als Begründer und Organisator der kirchlichen Caritas der Neuzeit. Er starb 1660 und wurde 1737 heilig gesprochen.[19] Aufgrund dieser Begebenheit wurde die ihm Kirche geweiht.

Die Stadt Paris breitete sich während der Restauration nach Norden aus, so dass moderne, vornehme Wohnviertel entstanden, die ihren Bedarf an Gotteshäusern kund taten. Daraufhin erhielt Lepère 1823 den Auftrag zum Bau einer Kirche in dem gerade entstehenden Stadtteil Foubourg Poissonnière, auf dem heutigen Place La Fayette.[20] Am 25. August 1824 wurde der Grundstein der Kirche gelegt.[21]

Im gleichen Jahr präsentierte Lepère den ersten Entwurf für St. Vincent de Paul, der jedoch schon von Hittorff beeinflusst worden war (Abb.2 und 3 Lepere Entwurf, S.126). Claudine de Vaulchier weist darauf hin, dass der „auf dem Querschnitt abgebildete Hochaltar eine exakte Nachbildung des Werkes, das Hittorff und Lecointe im selben Jahr für die Krönung Karls X. in Reims entworfen haben“[22], ist.

Angelehnt an Saint-Philippe-du-Roule, die erste Kirche in Paris, die im 19. Jahrhundert diese Kirchenform wieder aufnahm, um den Ursprung der Christenheit zu repräsentieren, erhielt St. Vincent de Paul einen basilikalen Grundriss. In ihrem Aufbau ist sie von der Kirche Nôtre-Dame de Lorette (1822) von Hippolyte Lebas beeinflusst (Abb. 4 Notre Dame de Lorette, Aussen)[23]. Lebas setzte vor die Fassade seiner Kirche einen schmalen Portikus mit vier korinthischen Säulen. Über dem Chorquadrat der fünfschiffigen Basikila erhebt sich ein als Ädikula gestalteter Glockenturm.[24] Lepère übernimmt diesen Aufbau. Auch er stellte vor die Fassade einen von zehn ionischen Säulen gestützten antiken Portikus mit sechs Achsen. Im Gegensatz zu Nôtre-Dame de Lorette führt Lepère die Schauseite der Kirche über dem Portikus fort, die wiederum mit einem Giebel bekrönt ist und so mit dem vorgesetzten Baukomplex harmoniert. Das ansonsten schlicht gehaltene Gebäude wird von fünf Nischenstatuen geschmückt, wobei drei in der Fassade über dem Portikus angebracht sind und je eine in den Fronten der äußeren Seitenschiffe zur Rechten und Linken des Vorbaus. Weiteren dezenten Schmuck bilden die Gesimse sowie die dorischen und korinthischen Pilaster an den Ecken des Gebäudes. Bekrönt wird die Kirche von einem über der Apsis aufragenden Glockenturm, auf den Lepère einen antiken Tempelbau platzieren wollte, der, wie Vauchier meint, „wohl schon von weitem die Athener Ursprünge dieser Architektur verkünden soll[te]“.[25] Im Inneren führte das Hauptschiff durch einen Triumphbogen auf die Apsis zu. Die inneren Seitenschiffe umschlossen den Chor und die halbhohen, äußeren Seitenschiffe waren in Kapellen unterteilt, wie auf dem abgebildeten Grundriss der Gedenktafel zur Grundsteinlegung von Saint Vincent de Paul zu sehen ist (Abb.5 Gedenktafel). Im Querschnitt (siehe Abb.3) erkennt man die mit Glasmalerei gefassten Fenster, die untypisch zu dieser Zeit waren, da die Technik dieser Kunst verlorengegangen und noch nicht vollständig wiederentdeckt worden war. Im Gegensatz dazu steht Nôtre-Dame de Lorette, deren durchsichtige Glasfenster, die die Kirche mit Licht durchfluten, dem Zeitgeschmack entsprachen.[26]

Nach der Grundsteinlegung 1824 verzögerte sich der Bau der Kirche wegen unzureichender Gelder. Zwei Jahre später wurde mit den Arbeiten begonnen, doch gingen sie so schleppend voran, dass erst 1831 die Fundamente der Kirche fertiggestellt waren.[27] 1833 gestaltet Hittorff die Kirche um und stellt sie im Salon aus. Da der Bau des Glockenturms wegen seines Gewichtes nicht umsetzbar war, fiel der charakteristische Tempelbau als Bekrönung weg. Hittorff ersetzte den Glockenturm durch eine Zweiturmfassade, vor die er einen von zwölf Säulen getragenen Portikus stellte. Gustav-Friedrich Waagen bemerkte 1839 zu diesem Bauwerk: „Das bedeutendste Gebäude von denen, welche jetzt die Stadt Paris ausführen lässt, ist die, am Ende der Strasse Hauteville gelegene, Kirche St. Vincent de Paul, die nach dem Plane von Hittorf von diesem und seinem Schwiegervater Lepère [...] gebaut wird“[28]. Doch erst am 21. Oktober 1844, zwanzig Jahre nach Baubeginn, wurde die Kirche geweiht.[29]

Hittorffs Ansehen war im Laufe seiner Karriere immer weiter gestiegen, so dass er zahlreiche öffentliche und private Aufträge angeboten bekam und annahm. Seine bedeutungsvollsten Bauten sind das in Zusammenarbeit mit Lecointe 1827 begonnene und ein Jahr später eröffnete Théatre de l´Ambigu-Comique. Ebenso die Neugestaltung des Place de la Concorde, die Verschönerung der Champs-Elysées, des Place de l´Étoile, des Bois de Boulogne und der Bau des Cirque d´Été, sowie des Cirque d´Hiver. Sein letzter großer Auftrag war die Gestaltung des Gare du Nord, den er 1861 erhielt. Sechs Jahre später, am 25. März 1867, starb Jakob Ignaz Hittorff im Alter von 75 Jahren in Paris.

2.2 Beschreibung des Außenbaus

Eine Treppenanlage führt zu der 7m erhöht liegenden Kirche St. Vincent de Paul auf dem Place Franz Liszt hinauf (Abb. 6 und 7 Ansicht und Grundriss). Der erste Entwurf Hittorffs enthält eine zentrale breite Treppe, die rechts und links von zwei weiteren gerade verlaufenden Treppen flankiert wird, so dass auch von den Seiten des Platzes die Kirche erreicht werden konnte. (Abb.8 Treppenanlage S. 142). Diesen Entwurf gestaltete der Architekt jedoch um, indem er die Anlage in zwei Abschnitte ein teilte. Er behielt die breite zentrale Treppe bei, ließ aber hufeisenförmige Auffahrten zu deren Seiten, bis zum ersten Abschnitt der Treppe hinaufleiten, die danach nochmals ausschweifend zur Kirche hinaufführten. (Abb.9 Treppenanlage S. 142) Angelehnt ist dieser Entwurf an die Spanische Treppe in Rom, die den Besucher zur Kirche Santa Trinità dei Monti geleitet.[30]

Der 33m breiten und 25m hohen[31] Doppelturmfassade ist ein ionischer zwölfsäuliger Portikus mit sechs Achsen vorgesetzt, dessen kannelierte Säulen die 12 Apostel symbolisieren. Die Anwendung einer antiken, von der Pariser Bevölkerung als heidnisch angesehenen, Vorhalle bei einer Kirche stieß auf einigen Widerstand. Doch durch Hittorffs Einlenken, dass Portiken in der Antike vor Tempeln, wie auch vor Grabstätten und Basiliken standen und dem Zweck dienten, dass Besucher vor der Witterung geschützt waren, sowie durch Hittorffs christliche Zahlensymbolik der zwölf Säulen, wurde die Vorhalle genehmigt.[32] (Abb. 10 Portikus mit vieransichtigen Säulen) Die ionischen Kapitelle wurden von Hittorff vieransichtig und nicht, wie üblich, mit zwei Ansichtsseiten gestaltet, so dass die Voluten, wie beim ionischen Eckkapitell, nicht zu drei, sondern zu vier Seiten ausgebildet sind und somit ein Kreuz bilden. Hittorff entschied sich für die ionische Ordnung, da er der Überzeugung war, die ionische ginge zeitlich der dorischen voraus. Er widersprach hierin Vitruv, der in seinem viertem Buch der „10 Bücher über Architektur“ auf die zeitliche Abfolge der Säulenordnungen eingeht.[33] In Hittorffs „L´Architecture polychrome chez les Grecs“ bergündet er seine These, die er aus archäologischen Arbeiten am Empedokles-Tempel zieht, wie folgt:

„On admet généralement que l´ordre dorique donna naissance à l´ordre ionique; que le chapiteau de ce dernier à cause des volutes, n´a pas une forme primitive qui se déduise de la nécessité ; que c`est un chapiteau dorique, sur l´échine duquel auraient été placées les volutes avec leurs coussinets ; enfin, que son entablement est le dorique, auquel on aurait enlevé les triglyphes et les mutules. Cependent, l´ordre ionique de Selinonte est en opposition avec cette théorie ; son capiteau, qui rappelle un support en bois d´une grande portée, créé par l´utilité, ne ressemble en rien à un chapiteau dorique modifié.“[34]

Der den Portikus krönende Giebel zeigt eine Arbeit von Charles Leboeuf-Nanteuil, der auch die Figuren des Giebelfeldes an der Kirche Notre-Dame de Lorette in Paris angefertigt hatte (Abb. 11 Giebelrelief). An St. Vincent de Paul stellt er die Verherrlichung des Kirchenpatrons Vincent von Paul dar. Der Heilige steht erhöht in der Mitte des Giebels. In seiner linken Hans hält er ein Kreuz, auf das er mit der rechten deutet. Die flankierenden Engel symbolisieren den Glauben und die Barmherzigkeit. Auf der linken Seite schließen sich ein Priester, ein Mohammedaner, ein Galeerensträfling sowie eine Nonne, die einen Kranken pflegt und zu dessen Füssen ein weiterer ein Mann liegt, an. Durch diese Figuren wird das Leben des Vincent von Paul wiedergegeben, sein Einfluss auf die Kirche, die Bekehrung der Menschen, seine Hilfe gegenüber den Galeerensträflingen, die Erbauung von Krankenhäusern und die Gründung des Ordens der „Guten Schwestern“. Auf der rechten Seite ist eine kniende wohlhabende Frau abgebildet, die sich durch die Predigt des Heiligen für ein barmherziges Leben entscheidet sowie eine junge Schwester, die sich in den Dienst des Vincent von Paul stellt, eine weitere Schwester des Ordens und Frauen mit ihren Kindern.

Das Besondere an der Arbeit von Leboeuf-Nanteuil ist, dass er das Giebelfeld nicht als Flach- oder Hochrelief angelegt, sondern es als Nische genutzt hat, um darin vollplastische Figuren zu platzieren. Daraus entstanden mehrere Vorteile. Bei seiner Arbeit brauchte er wesentlich weniger Stein, den die Bildhauer nicht auf Gerüsten, sondern in der Werkstatt bearbeiten konnten wodurch der Stein des Giebelfeldes nicht unfertig über eine lange Zeit auf den Hauptsäulen lagerte, die durch die schwere Last oft Schäden davon zu tragen hatten.

Hinter dem Portikus richtet sich die Doppelturmfassade der Kirche mit einer Breite von 33m und einer Höhe von 25m auf. Eine horizontale Einteilung findet durch zwei Friese statt, die den Bau in ein Sockel- und zwei weitere Geschosse aufteilt. Diese sind durch dorische Pilaster, im mittleren Stockwerk durch korinthische, gegliedert. Die Wände der Türme im ersten Geschoss werden durch Nischen geschmückt, in denen sich Statuen der Apostel Petrus (links) und Paulus (rechts) befinden.

Über der Vorhalle erhebt sich oberhalb des Frieses das zweite Geschoss, in welchem die Türme durch eine Balustrade verbunden sind. Sie ist durch Sockel, auf denen die Statuen der vier Evangelisten stehen, unterbrochen. Die 56m hohen, sich nach oben verjüngenden Glockentürme unterteilen sich nochmals in drei Etagen. Jeder Turm besitzt im unteren Geschoss eine Uhr, über denen sich das zweite Stockwerk mit den Glocken erhebt. Ein Fries mit einer darrüberliegenden Balustrade bilden den Abschluss.

Innerhalb der Vorhalle befinden sich ein großes Haupt- und kleineren Seitenportale. Das bronzene und gusseiserne Hauptportal (Abb.12 Portal) ist 6,10m hoch und 3,09m breit. Im unteren Teil der Tür sind in 12 Feldern die Apostel dargestellt, über denen sich, auf einer Konsole stehend, eine Christusstatue erhebt. Neben dieser lassen die mit Gitterstäben versehenen Fenster das Licht in die Kirche einfallen. Umfasst wird die Tür von einer reich gearbeiteten Zierleiste mit hohem Türsturz, in die christliche Symbole eingearbeitet sind. Der Entwurf zu dem Portal stammt von Hittorff selbst. Er beauftragte jedoch den Bildhauer Jean Baptiste Eugène Farochon mit der Umsetzung seines Konzeptes und einen seiner Freunde, Francois Cella, mit dem Guss der Arbeit.[35]

2.3 Beschreibung des Innenraums

Durch die drei Portale gelangt man in das Innere der Fünfschiffigen Säulenbasilika (Abb.13 Foto Innenraum). Das erhöhte Mittelschiff wird durch ionische Säulen in 12 Joche unterteilt, die über korinthische Säulen in der Empore fortgeführt werden. Die korinthische Ordnung wird von zwei Friesen eingeschlossen. Der untere ist sehr breit und zeigt eine Malerei Flandrins, der obere enthält Medaillons und ist mit reichem bildhauerischen und malerischen Schmuck versehen. Das Hauptschiff wird von einem offenen Dachstuhl abgeschlossen.

Auch die Seitenschiffe sind durch ionische Säulen voneinander getrennt. Die äußeren sind nicht begehbar, sondern durch halbhohe Eisengitter in vier Kapellen eingeteilt, die durch je ein Fenster beleuchtet und je einem Pultdach überfangen werden. Die inneren Seitenschiffe und die Empore sind durch Kassettendecken überdacht, deren Vorbilder im 6. und 7. Jahrhundert in Rom gefunden werden können. (Abb. 14 und 15 Kassettendecken)

Das Hauptschiff wird durch einen Triumphbogen von der Apsis getrennt. Zwei Engel schmücken die Bogenfelder und halten einen Fries mit der Aufschrift „Gloria in excelsis Deo“ in den Händen, oberhalb ihrer Köpfe. Hinter dem Triumphbogen öffnet sich der Chorraum, in dem Hittorff die Säulen zwischen den Haupt- und Seitenschiffen um den Altarbereich weiterführt, so dass ein umlaufender Gang entsteht. Die Ansicht, hinter dem Altarbereich stehend, den Blick nach Westen gerichtet, hielt er selbst 1833 in einem Aquarell fest, das in dem von ihm angefertigten Album zur Pfarrkirche Saint-Vincent-de-Paul Platz fand. (Abb 16 Aquarell Hittorff) Heute liegt dieses Aquarell im Archiv des Wallraf-Richartz-Museums in Köln. Rechts und links vom Chor befinden sich die Sakristeien in der Verlängerung der Kapellen. Hinter ihm öffnet sich, als Abschluss der Kirche, eine Marienkapelle.

Der gesamte Innenraum ist sehr dunkel, da er durch die Fenster der Kapellen, der der Empore, einem hinter dem Portikus liegenden, 3m im Durchschnitt großen Rundfenster und durch ein Oberlicht im Altarraum, nur sehr schwach erhellt wird. Hittorff hatte schon 1824 beschlossen die Kirche mit Glasmalereien auszustatten, hatte aber nicht bedacht, dass die Größe der Fenster nicht mit denen gotischer Kirchen vergleichen werden konnten, so dass der Innenraum sehr dunkel wurde.[36] Charles-Laurent Maréchal und seine Werkstatt übernahmen in den Jahren 1843 - 1833 die Aufgabe, die Glasmalereien nach den Vorgaben des Architekten zu gestalten und auszuführen. Schon im Januar 1843 machte Hittorff den Glasmaler auf dieses architektonische Problem aufmerksam und schrieb ihm in einem Brief: „Verlieren Sie nicht aus den Augen, dass es sich nicht um eine gotische Kirche handelt, die so große Fenster hatte, dass dunkle Töne zur Absorption des Tageslichtes durchaus angemessen, ja sogar notwendig waren, sondern um eine Kirche mit relativ kleinen und rechteckigen Öffnungen.“[37] Doch trotz dieser Warnung wurden die Fenster zu dunkel für den Raum, so dass die farbigen Hintergründe und Ränder hinaus genommen werden und durch Grisaille ersetzt werden mussten.

Dargestellt sind in diesen Glasmalereien verschiedene Heilige. Die Ostseite der Kirche schmücken Johannes der Täufer, Sankt Martin, die heilige Elisabeth von Thüringen und der heilige Franz von Sales. Auf der Westseite sind der Erlöser (Saint Sauveur), der heilige Dionysius, die heilige Clothilde und der heilige Karl Borromäus dargestellt. In die Umrahmung hatte Maréchal weitere den Heiligen betreffende Szenen dargestellt. Neben dem Johannesbild bildete er zum Beispiel seine Lehre und Taufe, das Zeigen auf Jesus und Johannes Köpfung ab (Abb 17 Fenster Johannes des Täufers). Im unteren Teil präsentierten Engel die besiegte Schlange, über der sich eine Taube erhob. Die Bogenfelder zeigten betende Engel, die sich der Hauptszene zuneigten. Über ihnen, in den Ecken der Fenster, trugen weitere Engel die Sterne der Wiedergeburt.[38]

[...]


[1] Hittorff, Jakob Ignaz / Zanth, Ludwig Wilhelm: Architecture moderne de la Sicile ou recueil des plus beaux monumens religieux, et des édifices publics et particuliers les plus remarquables de la Sicile. Paris, 1835.

[2] Hittorff, Jakob Ignaz / Zanth, Ludwig Wilhelm: Architecture antique de la Sicile. Recueil des monuments de Ségeste et de Sélinonte. Paris, 1870.

[3] Hittorff, Jakob Ignaz: Restitution du Temple d´Empédocle à Sélinonte, ou l´architecture polychrome chez les Grecs. Paris 1851, S. 442.

[4] Schild, Erich: Der Nachlass des Architekten Hittorff. Dissertation, Aachen, 1958.

[5] Kiene, Michael: Die Alben von Jakob Ignaz Hittorff, Die Bauprojekte 1821-1858. Köln 1996, S. 17.

[6] Hammer, Karl: Jakob Ignaz Hittorff, Ein Pariser Baumeister 1792-1867. Hrsg.: Deutsches Historisches Institut in Paris: Pariser Historische Studien, Bd.VI, Stuttgart 1968.

[7] Hammer 1968, Vorwort.

[8] Schneider, Donald David: The works and doctrine of Jacques Ignace Hittorff (1792-1867): Structural innovation and formal expression in French architecture, 1810-1867. Volume 1, Part 1 und Part 2 / Volume 2, Dissertation, Pinceton 1971.

[9] Katalog zur Ausstellung: Jakob Ignaz Hittorff, Ein Architekt aus Köln im

Paris des 19. Jahrhunderts. Wallraf-Richartz-Museum Köln, Graphische Sammlung, Köln 21.1.-22.3.1987.

[10] Quarg, Gunter: Katalog der Bibliothek Jakob Ignaz Hittorff. Köln 1993.

[11] Klinkhamels, Susanne: Die Italien-Studienreise (1822-1824) des Architekten Jakob Ignaz Hittorff: Zeichnungen nachantiker Architektur. Dissertation, Köln 1995.

[12] Kiene, Michael: Die Alben von Jakob Ignaz Hittorff, Die Bauprojekte 1821-1858. Köln 1996.

[13] Hammer, Karl: Jakob Ignaz Hittorff (1792-1867). In: Jakob Ignaz Hittorff, Ein Architekt aus Köln im Paris des 19. Jahrhunderts. Wallraf-Richartz-Museum Köln, Graphische Sammlung, 21.1.-22.3.1987, Ausstellungskatalog, Köln 1987, S. 9.

[14] Hammer 1987, S. 9.

[15] Schneider 1971, Volume 1, Part 1, S. 29-67.

[16] Kiene 1996, S. 13.

[17] Klinkhamels 1995, S. 19-38.

[18] Zitiert nach: Claudine de Vaulchier: Saint-Vincent-de-Paul: Reminiszenzen und kreative Schöpfung. In: Jakob Ignaz Hittorff, Ein Architekt aus Köln im Paris des 19. Jahrhunderts. Wallraf-Richartz-Museum Köln, Graphische Sammlung, 21.1.-22.3.1987, Ausstellungskatalog, Köln 1987, S. 124. Übersetzt von Sabine Albrecht und Karin Merkin.

[19] Beutler, Christian: Paris und Versailles. Stuttgart 1970, S. 398f.

[20] Die Kirche befindet sich heute im X. Arrondissement von Paris.

[21] Hammer 1968, S. 155.

[22] Vaulchier: Reminiszenzen, 1987, S. 124.

[23] Ebd., S. 124.

[24] Beutler 1970, S. 133.

[25] Vaulchier: Reminiszenzen, 1987, S. 125.

[26] Ebd., S. 147.

[27] Ebd., S. 128.

[28] Waagen, Gustav-Friedrich: Kunstwerke und Künstler in England und Paris, Bd. III. Berlin 1839, S. 764.

[29] Hammer 1968, S. 157.

[30] Beutler 1970, S. 400.

[31] Hammer 1968, S. 158.

[32] Vaulchier: Reminiszenzen, 1987, S. 131.

[33] Vitruv, Marcus Pollio: Baukunst. Erster Band: Bücher I-V, Hrsg.: August Rode, Zürich und München 1987, S. 153-176.

[34] Hittorff : Architecture polychrome chez les Grecs. 1851, S. 442.

[35] Vaulchier: Reminiszenzen, 1987, S. 156–157.

[36] Vaulchier: Reminiszenzen, 1987, S. 147.

[37] Hittorff, Jakob Ignaz: Construction de la nouvelle église de Saint-Vincent-de-Paul. Correspondance, 1841-1861,Bibliothèque Historique de la Ville de Paris, CP 36 36. In: Vaulchier 1987, S. 148. Übersetzt von Sabine Albrecht und Karin Merkin.

[38] Vaulchier: Reminiszenzen, 1987, S. 150.

Ende der Leseprobe aus 72 Seiten

Details

Titel
Die Kirche St. Vincent de Paul in Paris
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen
Note
1,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
72
Katalognummer
V30953
ISBN (eBook)
9783638320993
Dateigröße
6819 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kirche, Vincent, Paul, Paris
Arbeit zitieren
Patricia Weckauf (Autor), 2003, Die Kirche St. Vincent de Paul in Paris, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/30953

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