Die Teleologie des Kosmos in Aristoteles' Metaphysik

Das Streben nach der ersten ousía


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008
14 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Darstellung und Interpretation
2.1 Gliederung
2.2 Interpretation
2.2.1 Aristoteles eigene Position
2.2.2 Schwierigkeiten anderer metaphysischer Entwürfe
2.2.3 Ordnung und Einheit der Dinge im Kosmos

3 Weiterführende Gedanken
3.1 Teleogische Kohärenz von Metaphysik und Ethik
3.2 Eidos – Idee vs. Form

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem zehnten Kapitel des Buches Lambda XII aus Aristoteles’ Schriften „ta. me,ta ta. fu,sika“ – der aristotelischen „Metaphysik“. Als bedeutendster Schüler Platons hat Aristoteles zwar wesentliche Konzepte seines Lehrers und Mentors übernommen, jedoch oftmals auch besonders deutlich und radikal mit ihm gebrochen. In der ‚theologischen’ Schrift der Metaphysik entfernt er sich mit großen Schritten von der platonischen Ideenwelt und nähert sich dem Konzept eines ersten unbewegten Bewegers, der (gemäß der aristotelischen Einteilung vier verschiedener Ursächlichkeiten in der Welt) als letzte Ziel- und Bewegungsursache angenommen wird. Die Welt gliedert sich nach seiner Konzeption nicht in die platonische Ideenwelt und deren Abbilder, sondern strebt letztlich gänzlich nach dem ersten unbewegten Beweger, der ersten ouvsi,a. Neben der Arbeit am griechischen Originaltext habe ich die Kommentare und Interpretationen von Michael Bordt und William D. Ross in meine Arbeit miteinbezogen, die eine sehr Text getreue Darstellung und Interpretation des Werkes zur Verfügung stellen. Besonderen Wert habe ich auf eine möglichst klare Darstellung der Thesen anderer Philosophen gelegt, die Aristoteles in diesem Teil seines Werkes kritisiert. Ich habe außerdem in Ansätzen versucht, einen Zusammenhang zwischen der metaphysischen Strebestruktur der aristotelischen Wirklichkeit und der Konzeption seiner Ethik herzustellen.

2 Darstellung und Interpretation

2.1 Gliederung

Der als zehntes und letztes Kapitel des Buches Lambda XII eingeteilte Sinnabschnitt von Aristoteles’ Werk „Metaphysik“ muss in zwei verschiedene Teile untergliedert werden. Im ersten Teil erläutert Aristoteles, dass und warum seine Sicht auf die Wirklichkeit eine teleologische ist. Alles, was existiert, ist seiner Auffassung nach auf ein te,loj, ein Ziel, ausgerichtet. Dieses Ziel sei die erste ouvsi,a, welche daher die Ziel- und Bewegungsursache für alle Dinge im Universum sei. Der Darstellung seiner teleologisch gedachten Struktur der Wirklichkeit folgt im zweiten Teil des Kapitels eine ausführliche Kritik an den metaphysischen Entwürfen anderer Philosophen. Aristoteles vergleicht deren Theorien mit der ‚Theologie’, die er selbst im Verlauf des Buches Lambda entwickelt und vertieft hat. Dabei zeigt er, dass seine Auffassungen - wie er meint - denen anderer Philosophen aus verschiedenen Gründen überlegen sind, wobei der drastische Bruch mit den platonischen Vorstellungen besonders betont wird und entscheidend ist. Dieser Abschnitt nimmt den weitaus größeren Teil des besprochenen Kapitels ein.1

2.2 Interpretation

2.2.1 Aristoteles eigene Position

Zu Beginn des Kapitels diskutiert Aristoteles die Frage, auf welche Art und Weise das gesamte Universum das Gute hat, d.h. wie das Gute im Universum ist. Aus den vorangegangenen Kapiteln des Werkes ging hervor, dass alles im Universum auf die erste ouvsi,a hinstrebt. Im siebten Kapitel der Metaphysik hatte Aristoteles bereits erläutert, dass die erste ouvsi,a mit dem Guten identisch sei. Da er folglich mit dem Guten in diesem Kontext nicht irgendein Gutes meint, sondern die erste ouvsi,a, stellt er weiterhin klar, dass er mit „dem Guten“ (to. avgaqo,n) tatsächlich „das Beste“ (to. a;riston) meint. Denn die erste ouvsi,a verhält sich seiner Ansicht nach auf die beste Weise überhaupt. Nach der Art und Weise der Existenz des Guten im Universum zu fragen, bedeutet in aristotelischer Sprache daher, die Seinsweise der ersten ouvsi,a im Universum zu „erwägen“2. Im Zuge dessen schlägt Aristoteles zwei verschiedene Antwortmöglichkeiten vor:

1. Das Gute ist etwas vom Universum Unterschiedenes und Abgetrenntes und
2. Das Gute existiert als die immanente Ordnung der Teile des Universums.

Um zu verdeutlichen, dass gemäß seiner Untersuchung beide Antworten zutreffen, vergleicht Aristoteles das Gute mit einem Feldherrn, der, obwohl er vom Heer unterschieden und gewissermaßen abgetrennt ist, gleichermaßen und besonders, „kai. ma/llon ou-toj“, diejenige Instanz ist, welche Ordnung in das Heer bringt, „denn er ist […] nicht durch die Ordnung, sondern die Ordnung durch ihn.“3 So gilt folglich auch für das Beste, also die erste ouvsi,a, dass sie, obwohl abgetrennt und unterschieden vom Universum, die Ursache für die Ordnung im Universum ist.

Im Folgenden stellt Aristoteles klar, dass alles im sublunaren Raum, also sowohl „Fische wie Vögel und Pflanzen“4 auf vermittelte Weise auf die erste ouvsi,a als ihrem letzten Ziel bezogen ist. Damit wird noch einmal illustriert, dass folglich das Beste im Universum, die erste ouvsi,a, eine Zielursache ist. Um zu zeigen, inwiefern die Dinge in der Welt Bezug zur ersten ouvsi,a haben und auf sie als letztes Ziel hin angeordnet sind, vergleicht Aristoteles die Ordnung der Welt anschließend mit einem Haushalt („oivki,a“). Das Leben und die Entscheidungen der evleuqe,roi, also der Angehörigen der oivki,a, welche keine unfreien Diener oder Sklaven („avndrapo,doi“) sind, werden am unmittelbarsten von der Ordnung eingeschränkt, da sie immer das allgemeine Ziel, nämlich das gute Funktionieren der oivki,a, vor Augen haben.

Dies gilt in viel geringerem Maße für die weitaus individuelleren Aufgaben und Tätigkeiten der rangniederen Unfreien und Sklaven. Auch wenn ein Sklave auf seine Art und mit seinen Fähigkeiten jeweils zum Gelingen des Zieles der oivki,a beiträgt, so identifiziert er sich jedenfalls in relativ unbedeutender Weise mit dem allgemeinen Ziel der oivki,a. Die Verhältnisse im griechischen Haushalt sehen daher in etwa wie folgt aus:

„The freemen in the house answer to the to the heavenly bodies, which are bound by necessity, the slaves and animals to mankind and indeed all sublunary creatures, which are much less divine and whose actions are largely contingent.”5

In analoger Weise soll dies also für die aristotelisch-teleologische Ordnung des Universums gelten. Je unmittelbarer etwas in der Welt mit der ersten ouvsi,a korreliert, desto stärker ist es in seinen Tätigkeiten festgelegt. Dementsprechend schwierig ist es, Dinge, die in ihrer ontologischen Rangordnung von der ersten ouvsi,a weiter entfernt sind, als Teile dieser teleologischen Gesamtordnung zu erkennen. Zum Beispiel zeigt letztere sich „an der Bewegung der Fixsterne unmittelbarer als am Flug einer Fliege, [weil] die Fixsterne unmittelbarer als die Fliege auf die erste ousia bezogen sind.“6 Mit der These, dass auf diese Art und Weise „e`ka,stou avrch. auvtw/n h` fu,sij“7 sei, meint Aristoteles vermutlich, dass die Beschaffenheit, also die fu,sij bzw. die Form eines jeden Dings für dessen jeweiliges Streben bzw. Strebevermögen nach der ersten ouvsi,a innerhalb der Gesamtordnung des Kosmos verantwortlich sei, „i.e. [die fu,sij; M.S.] produces obedience to duty in the higher creatures, caprice in the lower.“8 9 Es geht Aristoteles also offenbar um die Natur, welche in jedem Ding des Kosmos jeweils vorhanden ist. Er schreibt anschließend:

„le,gw dV oi-on ei;j ge to. diakriqh/nai avna,gkh a`,pasin evlqei/n° kai. a;lla ou[twj evstin w-n koinwnei/ a[panta eivj to. o[lon)“[10]

„Ich meine, dass […] alle Dinge zur Auflösung kommen müssen, und ebenso verhält es sich mit anderen Dingen, die alle gemeinsam verbunden zum Ganzen beitragen.“11

Das Verb diakri,nesqai kann in seiner medialen Form als „sich auflösen, sich absondern“ übersetzt werden und wird laut Bordt und Ross im Besonderen in Bezug auf die Elementenlehre verwendet. Ross interpretiert diesen Satz daher folgendermaßen: bezogen auf das teleologische Ganze müssen „all things, even if they make no other contribution to the whole, at least come to be dissolved, sc. so that better things may be made out of their elements.”12 Die Ordnung im Universum im auf die erste ouvsi,a hin geordneten Streben gewährleistet kreislaufartig die Ewigkeit und Aktualität der ouvsi,a. Dies geschieht dadurch, dass die Elemente fortwährend ineinander übergehen.13

[...]


1 Vgl. Bordt, Michael: Aristoteles’ >Metaphysik XII<. Darmstadt : Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2006, 153f.

2 Bordt, 151.

3 Ebd.

4 Aristoteles: Aristoteles’ Metaphysik : Bücher VII(Z) - XIV(N) : Griechisch-Deutsch / Bonitz, Hermann (Übers.) ; Seidl, Horst (Hrsg.). 3., verb. Aufl. Hamburg : Meiner, 1991(Philosophische Bibliothek ; Bd. 308), 1075a, 16f. (Übersetzung).

5 Ross, W.D.: Aristotle’s Metaphysics : A revised text with introduction and commentary. Vol. 2. Oxford : Clarendon Press, 1924, 401.

6 Bordt, 156f.

7 Metaphysik XII, 1075a, 22f.

8 Ross, 402.

9 Vgl. Bordt, 157.

10 Metaphysik XII, 1075a, 23f.

11 Bordt, 151.

12 Vgl. Ross, 402.

13 Vgl. Bordt, 156.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Die Teleologie des Kosmos in Aristoteles' Metaphysik
Untertitel
Das Streben nach der ersten ousía
Hochschule
Philosophisch-Theologische Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Main
Veranstaltung
Die Theologie des Aristoteles (Aristoteles: Metaphysik XII)
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
14
Katalognummer
V309560
ISBN (eBook)
9783668081161
ISBN (Buch)
9783668081178
Dateigröße
729 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Aristoteles, Metaphysik, Teleologie, ousia
Arbeit zitieren
Matthias Alexander Schmidt (Autor), 2008, Die Teleologie des Kosmos in Aristoteles' Metaphysik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/309560

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