Die Rassenideologie als Konzept in Alfred Ploetz’ „Die Tüchtigkeit unsrer Rasse". Eine kritische Analyse


Essay, 2015

6 Seiten, Note: 1


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„Im Gegentheil, wenn die Vervollkommnung der Rasse rasch von Statten gehen soll, muss eine so scharfe Ausjäte Platz greifen, wie sie nur im Interesse der Individuenzahl, d.h. des Kampfes der Rasse mit anderen Rassen, erlaubt ist.“ (Ploetz 1895, S.116)

So konstatiert der Arzt Alfred Ploetz in seinem utopischen Werk „Die Tüchtigkeit unsrer Rasse und der Schutz der Schwachen“ den für ihn einzig logischen Weg zum Erhalt der – aus seiner Sicht – überlegenen Westarischen Rasse. Mit seinem Buch prägt er zur Jahrhundertwende den Begriff der Rassenhygiene und legt eine Grundlage für die Rassenideologie des nationalsozialistischen Regimes. Er verbindet hierbei Maßnahmen der positiven wie negativen Eugenik, das heißt sowohl zur Förderung erwünschten Erbgutes als auch zur Verhinderung unerwünschten Erbgutes bzw. Vernichtung „minderwertiger" Nachkommen. Der Begriff der Eugenik selbst stammt von Francis Galton, der die Beobachtungen seines Vetters Charles Darwin in der Tier- und Pflanzenwelt in der populärwissenschaftlichen Eugenischen Bewegung als Sozialdarwinismus auf die menschliche Gesellschaft übertrug. (Kröner 1998, S.694ff.)

An dieser unkritischen Übernahme von Darwins Beschreibungen der natürlichen Auslese und dem Überleben des Tüchtigsten krankt bereits das ganze Konstrukt des Sozialdarwinismus, es passt allerdings oberflächlich betrachtet zu gut als Ansatz zu den vor allem sozialpolitischen Herausforderungen der Industrialisierung, geprägt von wirtschaftlichen Wechsellagen, gesellschaftlichen Umbrüchen und der stark wachsenden Arbeiterbevölkerung zum Ende des 19. Jahrhunderts. Auch Ploetz wirft die Frage nach Anwendbarkeit von Darwins Theoremen in seiner Schrift auf, wehrt die Kritik aber gleich ab, fände die Konkurrenz um Lebensbedingungen beim Menschen ja nur indirekt statt direkt „in der Form der Bewerbungen um ökonomische Nährstellen“ (Ploetz 1985, S.42) statt. Eine weitere Grundlage für eugenische Überlegungen spielte auch die Überzeugung Galtons und anderer von der Dominanz des Erbfaktors über den Umweltfaktor, also einer unveränderlichen Vererbung von Eigenschaften und Fähigkeiten ohne Einfluss von Umwelt und Bildung. In diese biologistische Sichtweise spielten dann auch die wiederentdeckten Vererbungsregeln Gregor Mendels hinein, der sich jedoch allein mit äußerlichen Merkmalen von Pflanzen, vor allem der Erbse, beschäftigte (Trus 2013, S.28). Die grundlegenden rassistischen Vorstellungen, unter anderem von Arthur Comte de Gobineaus und später von Houston Stewart Chamberlain populär gemacht, von der Überlegenheit der weißen Rasse, allen vornweg der Arier, teilen viele Theoretiker der Zeit (ebd. 2013, S26f.). Für sie scheinen sie durch pseudowissenschaftliche Erkenntnisse wie Kopfmessungen in den Kolonien untermauert. Auch Ploetz übernimmt die Ideologie, so greift er im Kapitel „Wesen der Vervollkommnung“ auf einen Vergleich zwischen „Weissen“, „Negern“ und Gorillas zurück und argumentiert mit Messungen der Gehirngewichte und der „mangelhaftere[n] Ausbildungsfähigkeit der Negerkinder“ (Ploetz 1895, S.91ff.). So sorgt er sich auch nur um die Tüchtigkeit der eigenen Rasse, bedroht durch Vermischung mit minderwertigen Rassen und – noch viel mehr – vor Entartung der Rasse durch Überhand nehmen von „schlechten Convarianten“ (ebd., S.116).

Zur Vervollkommnung und Schutz der Rasse, also seiner Utopie von der Rassenhygiene, stellt er drei Forderungen auf: Die Erzeugung möglichst vieler besserer Nachkommen, „Ausjätung“ des schlechteren Teils der Nachkommen (mindestens bis die Lebensbedingungen des besseren Teils nicht gefährdet sind) und keine sogenannte „Contraselection“, also Schutz und Unterstützung für die „Kranken und Schwachen“ (ebd.). Der von ihm erdachte „ideale Rassenprocess“ beginnt unmittelbar nach der Geburt, wo er ein Kollegium von Ärzten darüber entscheiden lässt, ob das Neugeborene stark und gut genug ist. Ist es „schwächlich oder missgestaltet“, so sei ihm ein „sanfter Tod“ zu bereiten woraufhin die Eltern „in strenger Achtung vor dem Wohl der Rasse […] frisch und fröhlich“ einen neuen Versuch starten, so Ihnen dies nach „ihrem Zeugnis über Fortpflanzungsbefähigung erlaubt ist“. Gleiche „Euthanasie“-Regelung gilt auch generell für den schwächeren Zwilling, ab dem siebten Kind oder bei Eltern jenseits des 45. Lebensjahres. Geburtshilfliche Maßnahmen, künstliche Ernährung und Ammen verbieten sich nach seinen Vorstellungen im Sinne einer „Contraselection“. Wie viele Kinder ein Ehepaar überhaupt zeugen darf, entscheidet sich durch Prüfungen, „die sich besonders auf die Intellektuellen und moralischen Qualitäten bezieht“. „Schwächlichen oder defecten Individuen“ sei die Ehe (die überhaupt erst die legale Voraussetzung für Nachwuchs schafft) nicht zu gestatten. (ebd. S.144ff.)

Um eine „Contraselection“ der Schwachen zu verhindern, aber auch um deren „Ausjätung“ zu beschleunigen, verbietet sich in seiner Utopie das Erbrecht, so dass sich jedes Individuum neu auf dem „ökonomischen Kampfplatz“ beweisen muss. Kranken- und Arbeitslosenversicherungen sowie jede andere Form von Sozialleistungen sieht er als „humane Gefühlsduseleien“, die „die Wirksamkeit der natürlichen Zuchtwahl“ behindern und verzögern. Um das eigene Volk zu verteidigen betrachtet er Krieg als ein legitimes Mittel, in dem dann aber zum „Wohl der Rasse“ Söldnerheere zu verpflichten sind und dort „wo man hauptsächlich Kanonenfutter braucht“ die „schlechten Varianten“ zusammenreiht. (ebd. S.147ff.)

Besondere Aufmerksamkeit widmet Ploetz den Ärmsten der Armen, die die industrielle Revolution zurück gelassen hat. Auch hier bedient er sich Untersuchungen der Kopflänge um auf die Größe des Gehirns und so die Tüchtigkeit zu schließen (ebd. S.173), bei Kindern zieht er deren körperliche Entwicklung im Hinblick auf Größe und Gewicht von Kindern wohlhabender Bürger und in Bergmanns-Familien („Armer“) heran. Das Argument von August Bebel, den er hier zitiert, dass dies den äußeren Lebensbedingungen zuzuschreiben sei, versucht er mit der „Größe und sonstigen Beschaffenheit der Köpfe“ zu entkräften (ebd. S.170ff.). Seine Sorge liegt nun darin, dass trotz der schon bestehenden und von ihm gerne durch Beendigung von Sozialleistungen im Sinne einer „Contraselection“ forcierten „Armuths-Ausmerze“ (ebd. S.164) die Geburtenrate die Sterberate übersteigen könnte und so eine Entartung im Sinne einer Übervölkerung droht. Marx hält hier fest: „In der That steht nicht nur die Masse der Geburten und Todesfälle, sondern die absolute Grösse der Familien im umgekehrten Verhältnis zur Höhe des Arbeitslohnes“ (Marx 1867, S.661). Die Gründe hierfür sieht er in der Geburtenkontrolle der Wohlhabenden durch Verhütung, Planung und Abtreibung (ebd. S.165ff.). Hier lässt er allerdings die Frage aufkommen, ob denn die Armen „durchgehends die Schlechteren“ sind, da ein von ihm zu erwartender relativer Geburtenüberschuss über die Contraselection erhaben sein könnte (ebd. S.181f.).

Das zentrale Motiv des Sozialdarwinismus ist wie oben erwähnt die natürliche Auslese und das Überleben des Stärksten Individuums in einer Gesellschaft bzw. Rasse gegenüber anderen. Diese sogenannte „natürliche Zuchtwahl“ würde durch medizinische Maßnahmen, Sozialversicherungen und Hygiene nicht nur diese natürliche Auslese stören, sondern ihr auch durch „Contraselection“ von schwachen und lebensuntüchtigen Menschen entgegensteuern. Hieraus ergibt sich für Ploetz und andere Notwendigkeit zur Rassenhygiene um die Fortpflanzung minderwertigen Erbgutes zu verhindern und die Vermehrung des hochwertigen zu fördern (Widmann 1998, S.739).

Ploetz fasst diese Gedanken so zusammen: „Bei solchem oder ähnlichem Gewährenlassen der natürlichen Zuchtwahl, die in unserem Beispiel noch durch eine künstliche verstärkt ist, wäre eine rasche Vervollkomnung der Rasse zu erwarten“ (Ploetz 1895, S.147). Was Vordenker der eugenischen Utopie des „idealen Rassenprocess“ (ebd. S.148) wie Ploetz in ihrem sozialdarwinistischen Paradigma aus den Augen zu verlieren scheinen, ist dass jede von ihnen geforderte „künstliche Zuchtwahl“ genau so eine „Contraselection“ wider der natürlichen Auslese darstellen müsste wie die von ihnen kritisierten. Der Ideologie der „besten Rasse“ (ebd. S.130) hinterhereifernd lässt auch Ploetz jeden Zweifel unmittelbar wieder fallen und wird so nur den eigenen Omnipotenzphantasien und Machbarkeitswahn gerecht statt als Antwort auf die soziale Frage und als wissenschaftliche Erkenntnis ernst genommen werden zu können.

Alfred Ploetz hat sicherlich nicht den Holocaust vorher gesehen, für ihn war „der ganze Antisemitismus […] ein Schlag in’s Wasser, dessen Wellenkreise in der Flut der naturwissenschaftlichen Erkenntnis und der humanen Demokratie langsam vergehen werden„ (Ploetz 1895, S.142), trotzdem hat er mit seinen sehr konkreten und menschenverachtenden Utopien eine Grundlage für die Rassenideologie des Nationalsozialistischen Regimes und deren katastrophalen Folgen gelegt, sei es Sterilisationen, "Euthanasie" oder Genozid.

Aber auch in anderen Ländern gab und gibt es Sterilisation aus eugenischen Gesichtspunkten, zum Beispiel ab 1907 in einzelnen Bundesstaaten der USA, angewendet für Verbrecher und Sexualdelinquenten, aber auch Epileptiker, Geisteskranke und Schwachsinnige in staatlichen Institutionen. In Europa folgten in den Dreißiger Jahren die Schweiz und Dänemark, später Schweden, Norwegen, Estland, Litauen und Island, die in der Regel freiwillige Sterilisationen aus eugenischen Indikationen anboten. Auch die Einwanderungspolitik, z.B. der „Immigration Restriction Act“ der USA von 1924 ist von der eugenischen Lobby beeinflusst. Dieser sollte vor allem den Zustrom aus Ost- und Südeuropa einschränken, da diese Immigranten als „rassisch minderwertig“ galten. (Kröner 1998, S.695)

Eugenische Überlegungen sind aber auch ganz aktuell, wo den neu aufgekommenen Möglichkeiten der Präimplantationsdiagnostik und Pränataldiagnostik auch Grenzen aufgezeigt werden müssen. Die rassistischen Ideologien aus Ploetz Tagen haben sich aber noch viel tiefer in die westlichen Gesellschaften hineingearbeitet, ob als „White Supremacy“, Rechtfertigung für die Rassentrennung in den USA vor dem Civil Rights Act oder in Südafrika zu Zeiten der Apartheid, aber auch subtiler als Alltagsrassismus. Die Sorge vor Übervölkerung durch Immigration oder kinderreiche einkommensschwache Familien, die Bangen um unsere „ökonomische[n] Nährstellen“ (Ploetz 1985, S.42) in Europa und die Angst vor dem Fremden ist tagesaktuell und es ist an uns, die bewussten und unbewussten Ressentiment zu hinterfragen und zu überwinden.

Literaturverzeichnis

- Kröner, Hans-Peter: „Eugenik“ in Korff, Wilhelm/Beck, Lutwin/Mikat, Paul (Hg.): Lexikon der Bioethik, Gütersloh 1998
- Marx, Karl: Das Kapital. I. Band: Der Produktionsprozess des Kapitals, Hamburg 1867
- Ploetz, Alfred: Grundlinien der Rassenhygiene. I. Theil: Die Tüchtigkeit unsrer Rasse und der Schutz der Schwachen, Berlin 1895
- Trus, Armin: ... vom Leid erlösen. Zur Geschichte der nationalsozialistischen Euthanasie-Verbrechen, Frankfurt am Main 2013
- Widmann, Peter: „Sozialdarwinismus“ in: Benz, Wolfgang/Graml, Hermann/Weiß, Hermann (Hg.): Enzyklopädie des Nationalsozialismus, München 1998

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Details

Titel
Die Rassenideologie als Konzept in Alfred Ploetz’ „Die Tüchtigkeit unsrer Rasse". Eine kritische Analyse
Hochschule
Universität Hamburg  (Institut für Geschichte, Ethik und Theorie der Medizin)
Note
1
Autor
Jahr
2015
Seiten
6
Katalognummer
V309637
Dateigröße
450 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Alfred Ploetz, Rassenhygiene, Sozialdarwinismus, Rassismus, Medizin
Arbeit zitieren
Maximilian Jösch (Autor), 2015, Die Rassenideologie als Konzept in Alfred Ploetz’ „Die Tüchtigkeit unsrer Rasse". Eine kritische Analyse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/309637

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