Die Integration der Entwicklungsländer in den Weltmarkt

Die Auswirkungen der Deregulierung der Finanzmärkte ab den 1990er Jahren am Beispiel Argentiniens


Diplomarbeit, 2003

113 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

I. Einleitung

II. Die Liberalisierung des Kapitalverkehrs, Wirtschaftswachstum und Instabili- tät
1. Internationale Kapitalströme in den 1990er Jahren
2. Liberale Finanzmärkte und wirtschaftliche Entwicklung
2.1 Gesamtwirtschaftliche Effekte der Kapitalkonvertibilität
2.2 Auswirkungen auf die Effizienz der Finanzmärkte
3. Risiken deregulierter Finanzmärkte
3.1 Makroökonomische Risiken
3.2 Leistungsbilanz und Verschuldung
3.3 Der Anstieg der Realzinsen

III: Die Wachstumsstrategie des IWF: der Washington Consensus
1. Die Herausbildung des Washington Consensus
2. Die Definition des Washington Consensus nach Williamson
3. Die theoretischen Fundamente
3.1 Theorie der optimalen Allokation von Ressourcen
3.2 Wachstum durch Kapitalakkumulation: das Two-Gap-Model
4. Kritische Betrachtung der Washingtoner Wirtschaftspolitik
4.1 Konkurrenzschwäche im internationalen Währungssystem
4.2 Annahme perfekter Marktwirtschaft
4.3 Vorschnelle Liberalisierung und Missallokation
4.4 Die Annahme von Leistungsbilanzdefiziten
5. Der Post-Washington Consensus
5.1 Good Governance
5.2 Pro-Poor Wachstum
5.3 Theorie des Post-Washington Consensus
5.3.1 Privatisierung im Rahmen des Post-Washington Consensus
5.3.2 Marktversagen bei liberalen Märkten
5.4 Konzeptionelle Schwächen des Post-Washington Consensus
5.4.1 Schwachstellen der Privatisierungstheorie
5.4.2 Theoretische Mängel der Industriepolitik

IV. Die Deregulierung der Finanzmärkte in Argentinien ab den 1990er Jahren
1. Die wirtschaftliche Ausgangslage in Argentinien (1989-1991)
2. Neoliberale Wirtschaftsreformen: der Plan-Cavallo
2.1 Liberalisierung der Außenwirtschaft
2.2 Privatisierung staatlicher Betriebe
2.3 Deregulierung des Kapital- und Finanzmarktes
2.4 Währungsreform
2.4.1 Monetär-technische Reform
2.4.2 Monetär-institutionelle Reformmaßnahmen
2.5 Ziele der wirtschaftsliberalen Strukturanpassung
3. Kapitalbewegungen und ihre Auswirkungen auf den Finanzmarkt
3.1 Interne Faktoren und Kapitalbewegungen
3.2 Kapitaleinfuhren und die Auswirkungen auf den Finanzmarkt
3.3 Kapitalströme, Stabilität und Wachstum
3.3.1 Makroökonomische Stabilität und Kapitalbewegungen
3.3.2 Wachstum, ausländische Ersparnisse und Investitionen
3.4 Die Entwicklung des Bankensektors unter der Liberalisierung
4. Makroökonomische Effekte auf die wirtschaftliche Entwicklung Argentiniens
4.1 Der Weg zur Prosperität: 1991-94
4.2 Rezession und Aufschwung 1995-98
4.2.1 Die Mexiko-Krise 1995
4.2.2 Konsolidierung 1996
4.3 Rezession und Krise: 1998-2001
5. Der Eingriff des IWF

V. Zukünftige Anforderungen an die Wirtschaftspolitik
1. Die Reformierung des globalen Finanzmarktes
2. Strategien zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit
2.1 Politiken zur Stärkung des Wirtschaftsstandortes
2.2 Standortpolitik
3. Alternativer Ansatz makroökonomischer Stabilität
3.1 Nomineller Wechselkurs und Lohnanker als Kernbestandteile einer soliden Geld politik
3.2 Einkommen als Wachstumsantrieb
3.3 Strategien zum Abbau der Verschuldung

VI. Bilanz

Anhang

Tabellen

Abbildungen

Chronologie der Argentinienkrise

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Reale BSP-Wachstum in Entwicklungsländern in den 1990ern

Abbildung 2: Kapitalströme in Entwicklungsländer in den 1990ern

Abbildung 3: Kapitalströme in Emerging Markets in den 1990ern

Abbildung 4: Außenverschuldung der Entwicklungsländer in den 1990ern

Abbildung 5: Realzinsen 10jähriger Staatsanleihen in Industrieländern

Abbildung 6: Inflationsrate/Preisniveau Argentinien 1989-2001

Abbildung 7: BSP-Wachstum Argentinien 1989-2001

Abbildung 8: Arbeitslosigkeit Argentinien 1989-98

Abbildung 9: Einkommensverteilung Argentinien 1989-2000

Abbildung 10: Leistungsbilanzsaldo Argentinien 1989-2001

Abbildung 11: Außenverschuldung Argentinien 1993-2000

Abbildung 12: Reale Zinsrate Argentinien 1994-2001

Abbildung 13: Inländische Ersparnisse Argentinien 1989-2001

Abbildung 14: Industrieproduktion/Industrielle Beschäftigung Argentinien 1990-98

Abbildung 15: Haushaltsbilanz Argentinien 1989-2001

Abbildung 16: Kapitalströme Argentinien 1989-2001

Abbildung 17: Staatsausgaben/Ausländische Finanzierung Argentinien 1989-2001

Abbildung 18: Exporte/Importe Argentinien 1990-2000

Abbildung 19: Gesamte Außenverschuldung Argentinien 1989-2001

Abbildung 20: Konsumausgaben Argentinien 1989-2001

Abbildung 21: Leistungsbilanzsaldo (BoP, current US-$) 1989-2001

Abbildung 22: Haushaltsdefizit Argentinien 1990-99

Abbildung 23: Ausgaben/Einnahmen Argentinien 1993-99

Abbildung 24: Zinszahlungen Argentinien 1989-2001

Abbildung 25: Bruttowährungsreserven (inklusive Gold) Argentinien 1989-2001

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Der Washington Consensus nach der Definition von Williamson

Tabelle 2: Entwicklungspolitik ab den 1990er Jahren

Tabelle 3: Die Wirtschaftspolitik des IWF in den 1990er Jahren

Tabelle 4: Die makroökonomische Struktur Argentiniens in den 1990er Jahren

I. Einleitung

Die Integration in den Weltmarkt gilt als Chance zu einem verstärkten Wirtschaftswachstum. Dieser Grundsatz dominiert die internationale Wirtschaftspolitik in der Gegenwart. Das globale Wirtschaftsgeschehen wird durch zwei große Trends bestimmt: die Globalisierung und die Häufung der internationalen Finanzkrisen. Seit dem Ende des zweiten Weltkriegs hat die globale Interdependenz in Form internationaler Handels- und Kapitalströme und des Standortwettbewerbs auf signifikante Weise zugenommen.

Der internationale Finanzmarkt ist aufgrund der Volatilität der Kapitalströme und aufgrund eines fehlenden institutionellen Rahmens durch diverse Risiken gekennzeichnet. Davon sind insbesondere Entwicklungsländer betroffen, die durch unterentwickelte Finanzsysteme geprägt sind. Die Liberalisierung der Finanz- und Kapitalmärkte wird einerseits als Entwicklungschance und andererseits als wichtigste Ursache der zunehmenden Finanzkrisen gesehen. Inwieweit die Vorteile des freien Kapitalverkehrs tatsächlich genutzt und die mit diesem verbundenen Gefah- ren eingegrenzt werden können, hängt von der inländischen Wirtschaftspolitik und dem Ausbau der internationalen Wettbewerbsfähigkeit ab.

Können auch Entwicklungsländer in einer globalisierten Welt einen nachhaltigen Entwicklungsprozess verfolgen? Die vorliegende Arbeit hat das Ziel, Auswirkungen der Weltmarktintegration auf das Wirtschaftswachstum in Entwicklungsländer zu untersuchen. Dazu sollen die Zusammenhänge zunächst auf der Grundlage der neoliberalen Wirtschaftstheorie erörtert und anschließend an einer Fallstudie überprüft werden. Gegenstand der Untersuchung ist die wirtschaftliche Entwicklung Argentiniens zwischen 1989 und 2001. Die Entwicklungen in Argentinien sollen mit Hilfe der liberalen Wirtschaftspolitik erklärt und zugleich soll die neoliberale Entwicklungsagenda auf Brauchbarkeit überprüft werden.

Argentinien ist mit seinen radikalen Wirtschaftsreformen zu Beginn der 1990er Jahre zum In- begriff einer Politik der Marktöffnung und Weltmarktintegration geworden. Für die Fallstudie stellt Argentinien ein besonders gutes Untersuchungsobjekt dar, weil seine Weltmarktintegrati- on ein in seiner Intensität wohl einmaliges wirtschaftspolitisches Experiment bietet. Argentinien folgte mit seiner liberalen Politik den Empfehlungen des IWF und der Weltbank und galt infolge des einsetzenden Wirtschaftsbooms als Musterschüler des Währungsfonds. Das Scheitern des argentinischen Wirtschaftsmodells gegen Ende der 1990er Jahre rief dann umgehend die Kriti- ker des Washington Consensus auf den Plan, die in der Argentinienkrise ein weiteres Beispiel für das Fehlschlagen der Reformempfehlungen für Entwicklungsländer sahen. Ein Ausgangs- punkt der Kritik ist die Deindustrialisierung der Entwicklungsländer, die zunehmende Außenver- schuldung infolge des liberalen Kapitalverkehrs und die wachsende Armutsrate. Verbessert die Weltmarktintegration die langfristigen Entwicklungschancen von Entwicklungsländern?

Die folgende theoretische und empirische Untersuchung widmet sich vier zentralen Fragen zum Untersuchungskomplex:

1. Wie kann der deregulierte Finanzmarkt zu Entwicklung beitragen und welche Risiken birgt er?

2. Wie sieht der Zusammenhang zwischen Entwicklung und liberalen Kapitalverkehr ge- mäss der Entwicklungsstrategie des IWF aus und warum scheitert dieser oft in Finanz- krisen?

3. a) Inwiefern führte die neoliberale Reformagenda, insbesondere die Deregulierung des Finanzmarktes in Argentinien zu Wirtschaftswachstum?

b) Welche Verantwortung trug der IWF an der argentinischen Finanzkrise von 2001 und inwiefern zeigten die Strategien des IWF in dieser Finanzkrise ihre Wirksamkeit?

4. Wie kann eine bessere Integration der Entwicklungsländer in den Weltmarkt erreicht werden, die mit einer nachhaltigen Entwicklung einhergeht und diese Länder vor Ver- schuldungs- und Finanzkrisen schützt?

Zum Abschluss soll der Aufbau der Arbeit vorgestellt werden. Im ersten Kapitel werden auf theoretischer Ebene die Chancen und Risiken einer Liberalisierung der Finanz- und Kapitalmärkte dargestellt.

Anschließend wird in Kapitel II die Wachstumstheorie der internationalen Finanzorganisationen skizziert und eine Beziehung zwischen der Weltmarktintegration und dem Wachstum von Ent- wicklungsländern auf der Basis eines liberalen Kapitalverkehrs hergeleitet. Es wird erörtert, auf welcher theoretischen Grundlage der Zusammenhang zwischen liberalem Finanzmarkt und Wohlstand gesehen wird. Die nach der Weltmarktintegration zu beobachtenden Entwicklungen in Argentinien unterstreichen, dass die Effizienz des Washington Consensus in Frage gestellt werden muss.

In Kapitel III werden die obigen theoretischen Zusammenhänge empirisch an der Fallstudie Argentinien untersucht. Welche Auswirkungen hatte die neoliberale Politik auf die Entwicklung Argentiniens und inwiefern hat die Deregulierung zur wirtschaftlichen Entwicklung beigetragen? Welche Fehlentwicklungen führten in die Finanzkrise und wie griff der IWF ein? Die Arbeit schließt mit Reformoptionen für eine entwicklungsförderliche Weltmarktintegration und einer Bilanz ab.

II. Die Liberalisierung des Kapitalverkehrs, Wirtschaftswachstum und Instabilität

Die Integration in den Weltmarkt durch die Liberalisierung des Kapitalverkehrs Das explosionsartige Wachstum der internationalen Kapitalströme ist eine der weitreichendsten ökonomischen Entwicklungen des späten 20. und 21. Jahrhunderts. In der Gesamtwirtschaft nehmen die Kapital- und Finanzmärkte eine zentrale Rolle ein und bilden das Hauptinstrument makroökonomischer Politik. Oft gilt der freie Kapitalverkehr in Entwicklungs- und Schwellenlän- dern (EUSL) als die treibende Kraft wirtschaftlicher Entwicklung und als Mittel zur weltwirt- schaftlichen Integration (Riesenhuber 2001, 42). Der während der 1990er Jahre fort- schreitende Integrationsprozess der sogenannten Emerging Markets (EM) in den internationa- len Finanzmarkt wurde jedoch von mehreren Finanzkrisen begleitet (IWF 1997, 8). Heute sind sich die Ökonomen darüber einig, dass die Liberalisierung der Finanzmärkte, die zu schnell und ohne die Schaffung eines regulierenden Rahmens vorangetrieben wurde, die Hauptursache für die heutigen Krisen ist. Die Häufung und Gravität der Finanzkrisen deuten daraufhin, dass es fundamentale Schwächen in der internationalen Finanzarchitektur gibt. Selbst Länder mit solider Wirtschaftspolitik und gesundem Kapitalmarkt blieben nicht von den Wirtschaftskrisen verschont1(Stiglitz 2000, 1075). Dies wirft die Frage auf, welche Effekte vom liberalen Kapital- verkehr ausgehen. In diesem Kapitel soll untersucht werden, welchen Beitrag der deregulierte Markt zur Entwicklung bringen kann und welche Risiken er birgt.

1. Internationale Kapitalströme in den 1990er Jahren

Empirische Untersuchungen haben ergeben, dass weltmarktorientierte Volkswirtschaften (VWen) höhere Wachstumsraten der Pro-Kopf-Einkommen aufweisen als geschlossene Länder. Seit Beginn der Uruguay-Runde (1986) haben daher Entwicklungsländer (EL) die schrittweise Kapitalverkehrsliberalisierung und die zunehmende Integration in den Weltmarkt vorangetrieben (Bender 2000, 10). Insbesondere jene Industriestaaten, die ihre Kapitalmärkte erst in einem späten Entwicklungsstadium liberalisierten, forderten von den ELn die rasche Konvertibilität des Kapitalverkehrs (Stiglitz 2002, 83).

Im Zuge der Deregulierung der Finanzmärkte, der technologischen Innovationen und der Etab- lierung neuer Finanzinstrumente gewannen EUSL insbesondere ab den 1990er Jahren auf dem internationalen Kapitalmarkt an Bedeutung. Eine entscheidende Änderung war der Anstieg der privaten Kapitalströme in die Dritte Welt (Naim 2000, 513). In dem Zeitraum von 1990 bis 1997 erhöhten sich die privaten Kapitalzuflüsse von 41,9 Mrd. US-$ auf 156 Mrd. US-$. Neben makroökonomischen und strukturellen Reformen in den Anlageländern ist dies auch auf ein Sinken der durchschnittlichen kurzfristigen Zinsrate der G7-Länder von 8,7% (1990) auf 3,7% (1996) zurückzuführen (Hillebrand 2001, 160). Zwischen 1980 und 1996 sind die ausländi- schen Direktinvestitionen (ADI) in die Dritte Welt auf das 17fache gestiegen (Bender 2000, 10).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2

Kapitalströme in Entwicklungsländer in den 1990ern

Quelle: Worldbank (2003)

Ein zweiter entscheidender Faktor ist ein Wandel in der Zusammensetzung der Kapitalströme. Im Jahre 1971 konnten noch 90% der internationalen Finanztransaktionen der Realökonomie zugeordnet werden, während nur 10% spekulativer Natur waren. In den 1990er Jahren hingegen waren die Prozentsätze umgekehrt; 1995 betrugen die spekulativen Kapitaltransfers bereits 95% und kurzfristige 80% (Riesenhuber 2000, 37f.). Die Auswahl an Finanzinstrumenten ist erheblich gestiegen und die Finanzmärkte sind heute stärker integriert. Gleichzeitig haben die nationalen Regierungen jedoch die Kontrolle über die internationalen Kapitalströme sowie die nationale Geldpolitik verloren (IWF 1998, 5ff.).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3

Kapitalströme in Emerging Markets in den 1990ern

Quelle: IWF (2003)

Mit den höheren Wachstumsraten - das BSP erhöhte sich von 4,1 % in 1990 auf 6,4% in 1996 (vgl. Abbildung 1) - und den höheren Investitionen gingen größere Leistungsbilanzdefizite (LBD) in der Dritten Welt einher. Insgesamt erhöhte sich das LBD von nahezu Null in 1990 auf 76 Millionen US-$ in 19962(Solomon 1999, 115). Eine besonders große Gefahr für die finan- zielle Stabilität bilden kurzfristige und spekulative Kapitalströme. Eine Wirtschaftskrise ist am wahrscheinlichsten, wenn Kapital plötzlich in hohem Maße aus einer VW abfließt (IWF 1998, 21f.). Eine abrupte Umkehr internationaler Finanzströme kann schwerwiegende realwirtschaft- liche Anpassungsprozesse mit sich bringen. Studien haben ergeben, dass es insbesondere in ELn in den 1990er Jahren öfter zur sprunghaften Umkehr von Kapitalströmen gekommen ist (Buch et al. 2001, 10). Die Befürworter eines liberalen Kapitalverkehrs - darunter der IWF - stellen einen Zusammenhang zwischen einem liberalen Finanzmarkt und geringerer Ertrags- volatilität für EL her. Demgegenüber wurde empirisch belegt, dass die Öffnung der Kapi- talbilanz in den EUSL die Volatilität von Produktion und Konsum erhöht (Kose et al. 2003, 7).

Im Folgendem sollen zunächst die Effekte untersucht werden, die von einem liberalen Kapital- verkehr ausgehen. Es soll dabei zunächst auf den Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher Entwicklung und liberalem Kapitalverkehr eingegangen werden. Anschließend werden die mit deregulierten Märkten verbundenen Risiken erörtert. Vor diesem Hintergrund sollen dann in Kapitel IV Strategien vorgestellt werden, die es ermöglichen, die Risiken des internationalen Finanzmarktes zu reduzieren und die globale Finanzarchitektur derart zu strukturieren, dass die Vorzüge langfristiger ausländischer Investitionen erhalten werden können, während spekulative Finanzströme eingedämmt werden.

2. Liberale Finanzmärkte und wirtschaftliche Entwicklung

„ At best they (monetary systems) provide a framework for economic growth and stability and therefore for prosperity and rising living standards” (Solomon 1999, 167).

Die Argumente für die Liberalisierung der Kapitalmärkte basieren auf dem Effizienzgedanken des neoklassischen Modells. Demnach können Erträge aus der Liberalisierung bis in die un- tersten Gesellschaftsschichten „durchsickern“ (trickle-down effect). Diesem Modell nach er- möglicht die Liberalisierung des Kapitalmarktes die Umlenkung von produktiven Kapitalströ- men aus reichen in arme Länder und führt somit zu höheren Erträgen und größerer Effizienz (Tobin 2000, 1101). Die Korrelation zwischen liberalem Kapitalverkehr und Wohlstand ist je- doch sehr umstritten. Robert King und Ross Levine (1993) haben in ihren Studien belegt, dass es einen Zusammenhang zwischen finanzieller Entwicklung sowie Wirtschaftswachstum, Kapital- akkumulation und wirtschaftlicher Effizienz gibt. Zudem haben sie in ihren Untersu-chungen festgestellt, dass Erträge aus der finanziellen Entwicklung vielmehr durch erhöhte Effizienz von Ressourcenallokation als durch ein größeres Investitionsvolumen erzielt werden (Williamson und Mahar 1998, 7).

Die Befürworter eines liberalen Finanzmarktes stellen eine Analogie zwischen liberalem Waren- und Kapitalverkehr her, in der Kapital als Ware aufgefasst wird. Joseph Stiglitz, ehemaliger Chef-Volkswirt der Weltbank (WB), führt jedoch an, dass es anders als im liberalen Handel keine empirischen Belege dafür gäbe, dass freier Kapitalverkehr Wirtschaftswachstum fördert. Die Studien von Rodrik (1998) und Bhagwati (1998) haben die Untersuchungen von Ross und King widerlegt und beweisen, dass es keinen wissenschaftlich nachweisbaren Zusammenhang zwischen ausländischen Kapitaleinfuhren und Wohlstand gibt. Stiglitz plädiert für eine Unter- scheidung zwischen Kapital- und Warenmärkten. Die zentrale Rolle der Finanzmärkte ist die Aufbereitung von Informationen, die Einschätzung der rentabelsten Anlagen und die Überwa- chung der Finanzprojekte, um die produktivsten Investitionen sicherzustellen. Da nicht- vollkommene Märkte keine vollständige Marktinformation bieten, ist keine Pareto-Effizienz gegeben. Daher ist die Schlussfolgerung, dass sowohl liberale Waren- als auch Kapitalmärkte

wachstumsfördernd seien nur in einem begrenzten Kontext richtig. Stiglitz weist eher daraufhin, dass die Zunahme der Finanzkrisen auf die Liberalisierung der Finanzmärkte zurückzuführen ist. Demnach gibt es auf empirischer Ebene kein Argument für liberale Kapitalmärkte (Stiglitz 2000, 1076ff.).

2.1 Gesamtwirtschaftliche Effekte der Kapitalkonvertibilität

Der neoklassischen Theorie nach verhilft freier Kapitalverkehr zu einer effizienteren Allokation von Ersparnissen und Ressourcen. Kapitalströme auf deregulierten Finanzmärkten ermöglichen den optimalen Gebrauch von Ressourcen durch das Ausnutzen nationaler Zinsunterschiede. Dies führt unabhängig davon, wie hoch die inländische Sparneigung oder das Einkommensni- veau ist, zur rentabelsten Anlageform mit dem höchsten realen „Rate of Return“3(Bender 2000, 13). Demnach führt Kapitalknappheit aufgrund hoher Zinsen und den damit einherge- henden hohen Renditeerwartungen zu Kapitalimporten (KI). Mit der Freiheit der Anlageform sinken außerdem die Kreditkosten für den Investor (Enquete-Kommission 2002, 11).

Kapitalbewegungen haben eine stabilisierende Wirkung. Kurzfristige Einkommens- schwankungen können durch Kapitalbewegungen ausgeglichen werden, so dass diese Schwan- kungen nicht auf das gesamtwirtschaftliche Verhalten durchschlagen. Auch interne und externe Konjunkturschocks, die die Handels- und Zahlungsbilanz ins Ungleichgewicht bringen könnten, können auf diese Weise abgefangen werden (Cooper 1999, 102). Deflationäre oder hyperinfla- tionäre Tendenzen können durch Kapitalim- und -exporte vermieden werden. Ausländische Ersparnisse können helfen, Abschwungphasen in der Konjunktur durch die Anregung von In- vestition und Konsum zu beleben. Durch den Zugang zu internationalen Kapitalmärkten können infolge höherer Renditemöglichkeiten inländische Ersparnisse und Investitionen angekurbelt werden und Wachstumsprozesse beschleunigt werden. Williamson hingegen vertritt die Mei- nung, dass Kapitalströme in Schwellenländern (SL) die im vorausgehenden beschriebene stabi- lisierende Wirkung nicht entfalten, die ihnen in der neoklassischen Theorie zugeschrieben wird. Eher löst ein sofortiger Kapitalabzug in vielen Fällen eine Währungsabwertung aus und führt in die Finanzkrise (Cooper 1999, 131).

ADI haben in der Dritten Welt aufgrund der höheren Kapitalrenditen mit Abstand den größten Einfluss auf die gesamtwirtschaftliche Investitionstätigkeit und die inländische Ersparnis. Sie bilden die wichtigste Quelle externer Finanzierung. Portfolio-Zuflüsse dagegen haben nur einen geringen Einfluss, während Bankkredite eine Mittelstellung einnehmen (Buch et al. 2001, 11). Im Zuge des Technologietransfers können diverse positive Effekte ausgelöst werden. ADI kön- nen nicht nur zu Innovation und zur Steigerung der Expertise im Finanzmanagement führen, sondern auch zur Entwicklung eines effizienteren Finanzsystems beitragen und die nationale Wettbewerbsfähigkeit erhöhen (Buch et al. 2001, 11f.). Aus der Spezialisierung von Finanz- dienstleistungen können sich Effizienzgewinne ergeben. Auch die Dynamik des inländischen Finanzmarktes kann angeregt werden. Zunehmender Wettbewerb auf internationaler Ebene kann inländische Produzenten dazu anregen, innovativer, produktiver und effizienter zu werden (IWF 1998, 12). Kapitalmobilität trägt zur stärkeren Diversifizierung des Portfoliorisikos von Vermögensbesitzern im Kapitalexportland bei und spielt eine signifikante Rolle bei der Entwick- lungsfinanzierung (Enquete-Kommission 2002, 61).

Auch hier wendet Williamson ein, dass Risikodiversifizierung auch ohne eine totale Liberalisierung der Kapitalbewegungen realisiert werden kann. Man könne ADI und andere langfristige Investitionen liberalisieren, während man kurzfristige KI beschränkt, die eine höhere Volatilität aufweisen. Er weist daraufhin, dass meist die letzte Phase der Deregulierung, die Liberalisierung kurzfristiger Kapitalströme zu krisenhaften Zuständen führt. Der Herdentrieb von Investoren unterbindet in jedem Wechselkursregime (WKR) die Fähigkeit makroökonomi- schen Managements. Ferner unterstreicht er, dass eine makroökonomische Stabilität4keine Abwehr gegen Finanzkrisen bietet. Dies wurde 1997 durch die Währungskrisen in Ostasien verdeutlicht (Cooper 1999, 132).

2.2 Auswirkungen auf die Effizienz der Finanzmärkte

Empirische Untersuchungen verdeutlichen die Notwendigkeit hoch entwickelter Finanzsysteme für die Förderung von Wirtschaftswachstum sowie für eine erfolgreiche Weltmarktintegration (Buch et al. 2001, 13). Der Finanzsektor dient dazu, Informations- und Transaktionskosten zu senken, gegen Risiken zu versichern und Kapital in die produktivsten Investitionsprojekte zu leiten. Ferner werden Ersparnisse mobilisiert und Liquidität für den Handel bereitgestellt. Kapi- talmobilität ermöglicht Ländern mit unterentwickelten Finanzsystemen den Zugang zum Welt- markt und versetzt sie in die Lage, länderspezifische Nachteile, die sich aus der Unterentwick- lung ergeben, auszugleichen. Grundzüge unterentwickelter Finanzmärkte sind oligopolistische Strukturen und eine geringe Fragmentierung finanzieller Institutionen. Die wichtigsten Zinssätze sowie ein Großteil des Bankensektors werden vom Staat kontrolliert (David 1985, 44f.). In besonders kleinen Ländern kann freier Kapitalverkehr die Liquidität erhöhen, welche als wich- tigster Faktor des Wirtschaftswachstums gilt. Schließlich können der Wettbewerbsdruck erhöht und Reformen in Richtung eines effektiveren inländischen Finanzsektors eingeleitet werden. Diese Faktoren zeigen erhebliche Vorteile gegenüber nationalen Finanzmärkten.

Allerdings trifft der Zusammenhang zwischen liberalen Finanzströmen und finanzieller Entwick- lung nach Expertenmeinung nur auf OECD-Länder zu. Generell wird eine Marktöffnung nur nach einer hinreichend starken Reformierung des inländischen Finanzsektors empfohlen. Eine zu schnelle Öffnung für den ausländischen Wettbewerb kann zu Konkursen inländischer Banken führen und den Anreiz zu risikoreicher Kreditvergabe erhöhen (Buch et al. 2001, 14 ff.).

3. Risiken deregulierter Finanzmärkte

„Openness implies that economies are more sensitive to the economic performance and economic policies of other countries“ (Solomon 1999, 166).

Das klassische Argument für liberalen Kapitalverkehr ist die Annahme effizienter Ressourcen- allokation. Unter der alternativen Annahme, dass Informationen auf unvollkommenen Märkten asymmetrisch sind, ergeben sich Ineffizienzen aufgrund von unvollständiger Information, Moral Hazard und Herdentrieb. In einem Markt mit mangelnder Transparenz können die Qualität und die Risiken von Krediten nicht richtig eingeschätzt werden. Infolgedessen werden viele Projekte mit einem positiven Net Present Value (NPV) nicht durchgeführt, während solche, deren NPV geringer ausfällt, als die Opportunitätskosten (NPV<0) finanziert werden. Unter solchen Um- ständen bietet ein liberaler Kapitalverkehr keine effiziente Ressourcenallokation.

Destabilisierende Wirkungen können von einem Herdentrieb ausgehen, wenn unvoll- ständig informierte Anleger infolge eines Vertrauensverlustes ihr Kapital abziehen, weil sie meinen, dass die Qualität der Sicherheit zu niedrig sei. Infolgedessen kommt es zu starken Preisschwankungen. Gerade in SLn, deren Finanzsektor relativ klein ist, bilden exzessive Um- schwünge im Anlageverhalten ein großes Risiko für das Finanzsystem. Das größte Problem ist die Schaffung von Moral Hazard durch die staatliche Absicherung von riskanten Investitionen ohne die Etablierung adäquater Sicherheitsnetze gegen das Risikoverhalten von Anlegern. Ein besseres Informationsnetz über die Anhäufung von Risiken und Schulden sollte dem Herdentrieb und Moral Hazard entgegensteuern.

Selbst bei vollständiger Marktinformation wären internationale Kapitalströme angesichts beste- hender marktwirtschaftlicher Verzerrungen nicht wohlstandsfördernd. Erhöhte KI können durch die Ausweitung kapitalintensiver Sektoren und den Rückgang arbeitsintensiver Branchen zu Missallokation von Ressourcen führen. Cooper schließt daraus: „Free Movement is likely to be- come allocationally efficient only after trade barriers have come down substantially, particularly on capital-intensive activities in countries well endowed with labour“ (Cooper 1999, 105).

3.1 Makroökonomische Risiken

Das Argument, dass liberale Kapitalmärkte zur Risikodiversifizierung beitragen, ist nichtig. Die Erfahrungen der letzten Jahre haben gezeigt, dass Kapitalströme zu schweren konjunkturellen Schwankungen und Instabilitäten führen. Exzessive KI können zur Überhitzung einer Ökonomie und zu unproduktiver Investition führen. Übermäßige Kapitalexporte (KE) hingegen können eine VW durch Ungleichgewichte ruinieren. Größere kurzfristige Kapitalströme spekulativer Natur üben Druck auf den WK aus, bewirken makroökonomische Ungleichgewichte, temporäre Missallokation von Ressourcen und entmutigen zusätzliche Investoren (Riesenhuber 2001, 43). Destabilisierende Kapitalbewegungen wie steigende Kapitalflucht sind Resultate eines freien Kapitalverkehrs. Gemäß dem IWF belief sich 1990 die Höhe der Kapitalflucht von 14 Staaten, von denen sich neun in der westlichen Hemisphäre befinden, auf 175 Millionen US-$ (Solomon 1999, 115).

Ein liberales Finanzsystem erhöht meist nicht wesentlich die Investitionsfähigkeit, da u.a. kurzfristige Kapitalströme keine Grundlage für Investitionen bilden (vgl. Argentinien in Kapitel IV). Obwohl EUSL teilweise von den Kapitaleinfuhren profitieren konnten, waren die Investitionen, die das wirtschaftliche Wachstum förderten, hauptsächlich auf inländische Er- sparnisse zurückzuführen. Die KI aus den Zentren in die Peripherien machten nur 15 % der Investitionen aus (150 Mrd. US-$ jährlich in den 1990ern). Dahingegen betrug das Volumen spekulativer Finanztransaktionen, die zu den Finanzkrisen führten, etwa 1,5 Billionen US-$ täglich (Tobin 2000, 1101).

Neben den Gefahren eines ruckartigen Kapitalrückzugs bringen Finanzströme diverse Risiken mit sich. Sie können das Management von Geldpolitik und die Inflationskontrolle insbesondere bei einer Dollarisierung in Kombination mit einer hohen Außenverschuldung in Fremdwährung erschweren. In diesem Fall kann die ZB nicht als lender of last resort (LOLR) fungieren, da sie nicht befugt ist, die Geldemission in fremder Währung zu tätigen (IWF 1998, 21). Vermehrte KI erhöhen die Inflationsrate und führen zur realen Abwertung des WKes. Im Rahmen der Anpas- sung an den Weltmarkt müssen die Währungen der EL in den internationalen Märkten frei floa- ten. Dieser Mechanismus des offenen floatings führt zur Wechselkursinstabilität, wenn die Kapi- talmärkte der EL international nicht gut integriert sind (David1985, 124). Fluktuationen im WK können Schulden in Fremdwährung nachhaltig beeinflussen und Liquiditätsprobleme verursa- chen. Aus dem Gebrauch fremder Währungen können sich beispielsweise durch Abwer-tungs- oder Überbewertungstendenzen und einem Anstieg der Inflationsrate große Risiken ergeben (IWF 2000, 5ff.). Eine Währungsattacke kann schnell ausgelöst werden, wenn das Verhältnis der Reserven zu kurzfristigen Außenschulden in Fremdwährung unausgeglichen ist und Inves- toren das Vertrauen verlieren (Stiglitz 2000, 1079f.).

Die hohe Volatilität von Kursen innerhalb der Triade US-Dollar, Euro und Yen sowie die hohen Schwankungen der Währungskurse von EUSL wirken sich negativ auf langfristige Anlagemöglichkeiten wie ADI generell und für EUSL speziell aus. Ursache ist der signifikante Effekt volatiler Kurse auf die Leistungsbilanz (LB) einer VW. Im privaten Bereich führt die Volatilität der Finanzmärkte zur Risikoerhöhung und reduziert Investitionen. Ferner haben hohe und volatile Zinsraten einen direkten Einfluss auf die Cash Flows der Unternehmen und reduzieren somit die Investitionsmittel (Eatwell und Taylor 2000, 52).

Die zunehmende weltwirtschaftliche Abhängigkeit geöffneter Märkte verringert den nationalen wirtschaftspolitischen Regulationsraum und erhöht die makroökonomische Instabilität. Die Möglichkeiten der Einflussnahme auf die Devisen- und Aktienmärkte sind nach einer Öffnung der Kapitalbilanz (KB) sehr gering. Offshore-Geschäfte der Geschäftsbanken unterminieren die Fähigkeit der Zentralbanken (ZB) das Geld- und Kreditangebot zu regulieren und grenzen ihren wechselpolitischen Gestaltungsrahmen ein (ebd.: 37 f.).

Freie Finanzmärkte ermöglichen das Umgehen von hohen Steuern durch Auslandsinvestitionen und unterbinden die steuerliche Distribution. Sie reduzieren die staatliche Investitionstätigkeit in öffentliche Gemeingüter und begünstigen eine Fehlallokation finanzieller Ressourcen (Cooper 1999, 103). Schwache Finanzinstitutionen und ein fehlender regulativer Rahmen können be- stehende Finanzrisiken (Wechselkursrisiko, systematisches Risiko) nicht handhaben. Auch wenn die EUSL nicht der Volatilität kurzfristiger Kapitalströme ausgeliefert wären, sind sie mit größe- ren Risiken konfrontiert, weil ihre Ökonomien weniger diversifiziert sind und Überwachungsor- gane fehlen. Die empirischen Belege der hohen Risiken kurzfristiger Kapitalströme und das Ausbleiben wachstumsfördernder Effekte führen zu der Fragestellung, welchen Nutzen eigentlich liberaler Kapitalverkehr hat (Stiglitz 2000, 1084).

3.2 Leistungsbilanz und Verschuldung

Der Leistungsbilanzsaldo (LBS) einer VW wird durch Kapitalexporte und -importe beeinträch- tigt. Jeder Ausgabenüberschuss durch höhere Importe verschlechtert die Vermögensposition einer Ökonomie. Es kommt zum Abbau der Netto-Gläubigerstellung oder zum Aufbau einer Netto-Schuldnerstellung. Länder mit einem andauernden LBD sind gezwungen, Kapitalzuflüsse zu bewirken. Dies führt zu einer weiteren Verschlechterung ihrer Vermögensposition (Herr 2001, 268). Im Zuge der Liberalisierung des Finanzmarktes und des Rückgangs öffentlicher Entwicklungshilfe sind EL zunehmend darauf angewiesen, ihre Ökonomien über den privaten Kapitalmarkt zu finanzieren, indem sie sich massiv verschulden. Die Gefahr dabei ist, dass die globalen Kapitalmärkte den ELn nur kurzfristige Kredite geben. Da ein Großteil dieses kurzfris- tigen Kapitals im Privatsektor gehandelt wird, liegt es außerhalb der Reichweite staatlicher Kontrolle (Riesenhuber 2001, 41).

Die Länder der Dritten Welt haben aufgrund hoher LBDe eine signifikante Außenverschuldung erreicht. Besonders hohe Verschuldungspositionen weisen Afrika und LA auf. Einen hohen Risikofaktor stellt eine starke Außenverschuldung mittels kurzfristiger Kredite da. Nahezu 50% der privaten Bankkredite an EL haben eine Laufzeit von einem Jahr oder weniger. In diesem Falle ist eine Zahlungsbilanzkrise ohne eine Umschuldung der kurzfristigen Verbindlichkeiten unvermeidbar. Die hohe außenwirtschaftliche Verschuldung schränkt den fiskalischen Gestal- tungsraum ein und macht Länder der Dritten Welt besonders anfällig für Finanz- und Wäh- rungskrisen. Insbesondere Länder mit schwachen Währungen können Abwertungen nicht aus- schließen, da sie größeren Schocks ausgeliefert sind. Diese können sich in Form von Schwan- kungen der absetzbaren Menge und Preise der Exportgüter äußern. Ferner betrifft dies Erwar- tungsänderungen, die EL mit massiven KIn und darauf folgenden KEn belasten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4

Außenverschuldung der Entwicklungsländer in den 1990ern

Quelle: IWF (2003)

Die EUSL sind infolge der Abschaffung von Kapitalverkehrsbeschränkungen nicht mehr in der Lage, sich vor plötzlichen Kapitalzu- und -abflüssen zu schützen. So führen massive Kapitalzu- flüsse zunächst zu einer überhitzten Konjunktur. Eine Erhöhung der Zinsen verstärkt die KI und erhöht die Außenverschuldung des Landes. Umgekehrt sorgt die Reduzierung der Zinsen in einer Finanzkrise zu einer Verstärkung der Rezession, da Anlagemöglichkeiten an Attraktivität verlieren und Kapital wieder das Land verlässt. EL haben einen kleineren Kapitalmarkt sowie eine geringere Kapazität zur Aufsicht und Steuerung des Finanzsektors. Daher bedürfen sie eines besonderen Schutzes. Stabile WKe und eine effizientere Regulierung der internationalen Finanzmärkte stehen daher im Zentrum des weltwirtschaftlichen Interesses (Dieter 2001, 219).

3.3 Der Anstieg der Realzinsen

Die Europäische Zentralbank vertritt die Meinung, dass „die Höhe der realen Zinsen von zent- raler Bedeutung für die Entwicklung der Konjunktur und das langfristige Wachstum einer Volks- wirtschaft ist“ (Deutsche Bundesbank 2001, 47). Wie sich Datenreihen des OECD entnehmen lässt, führt die Liberalisierung seit Beginn der 1980er Jahre zu einem erheblichen Anstieg des Realzinsniveaus weit über das der Zuwachsrate des BIP hinaus. Realzinsen, die die Wachs- tumsraten des BIP übersteigen, sind gleichbedeutend mit einem über dem BIP-Wachstum lie- genden Zuwachs des Geldvermögens (Enquete-Kommission 2002, 71).

Hohe Realzinsen auf Geld- und Devisengeschäfte machen Anlagen attraktiv und bilden somit einen Impuls zur Deregulierung der Kapitalmärkte. Das Realzinswachstum über das BIP- Niveau führt womöglich dazu, dass längerfristige wachstums- und beschäftigungswirksame Investitionen zugunsten von rentablen kurzfristigen Anlagen vermieden werden, da die Rendite aus ersteren nicht auf das Niveau des „externen Zinsfußes“ angehoben werden kann (Enque- te-Kommission 2002, 73ff.).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5

Realzinsen 10-jähriger Staatsanleihen in Industrieländern

Quelle: IWF (2003)

Einerseits sehen Kritiker in der Zunahme der Volatilität kurzfristiger Kapitalanlagen wegen der rapiden Kapitalein- und ausströme großen Umfangs eine Ursache für die Entstehung von Fi- nanzkrisen. Andererseits ist man der Meinung, dass die Volatilität an sich keinerlei Probleme mit sich bringen würde, wenn die Flexibilität der realen Größen entsprechend dem Warenhandel gewährleistet wäre. Dieser Umstand deutet daraufhin, dass das erwirtschaftete Kapital nicht durch einen realen Vermögenswert abgedeckt ist. Hohe Realzinsen lösen zwangsweise periodi- sche Finanzkrisen aus, wenn im Konjunkturverlauf die realen Erträge des Kapitals wie die Ren- diten sinken (ebd.: 76 f.).

Zusammenfassung

Mit dem Wachstum der internationalen Kapitalströme sind auch die Integrationsbemühungen der EUSL in den Weltmarkt gestiegen. Freier Kapitalverkehr kann durch die Anregung der in- ländischen Investitions- und Konsumtätigkeit, durch den Technologietransfer im Rahmen von ADI, durch Risikodiversifizierung sowie durch den Ausbau der Wettbewerbsfähigkeit zu wirt- schaftlicher Entwicklung beitragen. Von der Liberalisierung gehen wachstumsfördernde Impulse aus, aber mit ihr gehen auch Risiken und Finanzkrisen einher. Trotz der höheren Wachstumsra- ten in den EUSL blieb der trickle-down effect und die Verbesserung der Ressourcenallokation aus. Stattdessen vergrößerten sich die sozialen Disparitäten sowie die Krisen-anfälligkeit der Ökonomien. Der Anstieg der Kapitaleinfuhren in die Dritte Welt ging mit LBDen und Verschul- dungspositionen einher. Empirische Studien haben ergeben, dass es keinen nachweisbaren Zusammenhang zwischen Kapitalakkumulation und Wirtschaftswachstum gibt. Die empirischen Belege der hohen Risiken kurzfristiger Kapitalströme und das Ausbleiben wachstumsfördernder Effekte sprechen gegen eine totale Öffnung des Kapitalverkehrs.

Die Integrationsstrategien der EUSL müssen neu überdacht werden, da die Liberalisierung des Kapitalverkehrs mit der Entwicklung des Finanzmarktes und der Schaffung regulativer Rahmen- bedingungen einhergehen muss. Die Herausforderung für die Wirtschaftspolitik besteht darin, die Rahmenbedingungen für einen liberalen Finanzmarkt so zu setzen, dass diese Risiken und Schwächen in der internationalen Finanzarchitektur reduziert werden. Die Liberalisierung muss vor allem mit der Entwicklung des inländischen Kapitalmarktes und der Aufstellung von Regulie- rungs- und Überwachungsbehörden eingehen. Darauf wird später in Kapitel IV eingegangen werden. Die GATT-Verhandlungen, deren Abkommen die Finanzdienstleistungen ausgeklam- mert haben, gehen am Kern des Problems vorbei, da in Zukunft nicht mehr der Warenhandel, sondern die Finanztransfers im Zentrum der Weltwirtschaft stehen werden. Somit ergibt sich ein neuer Handlungsbedarf der Regulierungstätigkeit sowohl auf nationaler als auch auf internatio- naler Ebene (Menzel 1998, 125).

III. Die Wachstumsstrategie des IWF: der Washington Consensus

„The Washington Consensus should become like democracy and human rights, a part of the basic core ideas that we hold in common and do not need to debate endlessly…” (Williamson 1998, 111).

In den 80er und 1990er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde die internationale Wirt- schaftspolitik vom neoliberalen „Washington Consensus“ dominiert, welcher auf der von Rea- gan und Thatcher durchgesetzten Ideologie der freien Marktwirtschaft basiert. Diese Ent- wicklungsagenda, deren Kernbestandteile die Liberalisierung der Märkte und die Integration in die Weltwirtschaft sind, wurde den lateinamerikanischen VWen durch den IWF und die Weltbank (WB) vorgeschrieben. Die Befürworter dieser Wirtschaftspolitik sahen in der Einbindung LAs in den internationalen Wettbewerb eine neue Entwicklungschance. Ziel dieses Reformprogramms war es, Marktwirtschaften durchzusetzen, die nach außen offen sind und nach innen durch makroökonomische Stabilität geprägt sind (Nolte 2000, 302ff.).

Zahlreiche Argumente widerlegen die Tauglichkeit der neoliberalen Reformagenda. Die Ökonomien in Südostasien haben beispielsweise verdeutlicht, dass der Erfolg wirtschaftlichen Wachstums nicht auf die extensive Liberalisierung der Märkte zurückzuführen ist, sondern auf wirtschaftspolitische Maßnahmen, die den Prinzipien des Washington Consensus widersprechen (Fine et al. 2001, 2). Der Ökonom David führt an, dass die Stabilisierungs- und Strukturanpas- sungsprogramme, die der IWF den ELn vorschreibt auf ökonomischen Theorien basieren, die im Entwicklungskontext nur einen begrenzten Nutzen finden5(David 1985, 2). Demnach scheint die Frage berechtigt, ob mit der wirtschaftlichen Stabilisierung und der Öffnung nach außen gemäß dem neoliberalen Konzept bereits die Grundlagen für ein langfristiges, sich selbst tragendes Wirtschaftswachstum gelegt wurden (Nolte 2000, 308).

Nachdem im vorausgehenden Kapitel II die mit einem liberalen Kapitalverkehr verbundenen Chancen und Risiken diskutiert wurden, soll im Folgenden die Wachstumstheorie des IWF einge- führt werden. Es soll eine Beziehung zwischen der Weltmarktintegration und dem Wachstum der EL auf der Basis eines liberalen Kapitalmarktes hergeleitet werden. Dabei soll der Frage nachgegangen werden, wie der Zusammenhang zwischen Entwicklung und dereguliertem Fi- nanzmarkt gemäß der Wachstumsstrategie des IWF aussieht und diskutiert werden, warum dieser sich als nicht nachhaltig erwiesen hat. Es soll zunächst veranschaulicht werden, wie sich die neoliberale Entwicklungsagenda herausgebildet hat und wie diese nach Williamson, der den Begriff des Washington Consensus prägte, definiert wird. Ferner wird verdeutlicht, auf welchen Theorien diese Wirtschaftspolitik aufbaut und welche konzeptionellen Defizite sie birgt. Nach derselben Struktur soll der Post-Washington Consensus als modifizierter Ansatz untersucht werden.

1. Die Herausbildung des Washington Consensus

Während der 1950er und 1960er Jahre waren Wirtschaftspläne und Importsubstitution die trei- benden Kräfte der internationalen Entwicklungspolitik. Die herrschende Entwicklungsstrategie fußte auf dem Prinzip einer nach innen gerichteten nationalen Entwicklung. In den 70er Jahren wandte man sich zunehmend marktorientierten Prinzipien zu, die die Rolle des Preismecha- nismus und die Marktöffnung betonten. Zu Beginn der 80er Jahre erfolgte dann ein Schritt in Richtung Leistungsbeurteilung, die praktisch durch die strukturellen Anpassungsprogramme des IWF und der WB umgesetzt wurde. Die Anpassung zielte darauf ab, die Ressourcenallo- kation durch den Umschwung von einem staatlich dirigierten Wirtschaftsrahmen zu dezentrali- sierten Entscheidungsprozessen effizienter zu gestalten (Gore 2000, 794f.). Gegen Ende der 80er Jahre etablierte sich schließlich eine Übereinstimmung über eine Reihe von Wirtschaftspo- litiken, die John Williamson (1989) als Washington Consensus bezeichnete (Rodrik 2003, 3). Diese Wirtschaftsreformen wurden den lateinamerikanischen Regierungen in den 80er und 1990er Jahren von den in Washington ansässigen Entscheidungsträgern vorgeschrieben.6

Diese Wirtschaftspolitik versucht zunächst, Wirtschaftswachstum durch die Stabilisierung der Makroökonomie zu bewirken und anschließend den Markt so „anzupassen“, dass er effizienter arbeitet (Taylor 1997, 147). Die Entwicklungsstrategie vor dem Washington Consensus war auf dem Glauben gegründet, dass unterentwickelte Ökonomien nicht vom Freihandel profitieren könnten. Daher stieß der Washington Consensus auf das alte Dogma, dass EL ihre VWen von einem unfairen „ausbeuterischen“ Weltmarkt abzuschirmen hätten (Naim 2000, 511). Dem neuen Ansatz zufolge sind Wachstum und struktureller Wandel eher durch die „strukturelle Integration“ der Nationalökonomie in den Weltmarkt als durch die Abschirmung vom internatio- nalen Markt zu erreichen (Gore 2000, 796). Infolge des paradigmatischen Wandels wurde die Einbindung der lateinamerikanischen VWen in den Weltmarkt durch die Liberalisierung der KB als neue Entwicklungschance gesehen (Nolte 2000, 302ff.).

Drei entscheidende Faktoren ermöglichten das Aufsteigen des Washington Consensus. Der erste war die endgültige Absage an die Entwicklungsideologie der 1950er und 1960er Jahre. Importsubstitution, Fünf-Jahrespläne, staatliche Kontrolle über strategische Industrien, Regulie- rung des Arbeitsmarktes und staatliche Überwachung der Kapitalströme hatten ihre Effizienz hinsichtlich des Wachstums in den 70er und 80er Jahren verloren. Ferner schien der Zerfall des Sowjetblocks und die damit verbundene Desillusionierung den endgültigen Triumph des Kapita- lismus und des freien Marktes zu verkünden. Washington schien das unumstrittene politische, ökonomische und ideologische Zentrum der Welt zu sein (Fine et al. 2001, 5). Der Aufstieg des Washington Consensus markiert einen entscheidenden Wendepunkt in der internationalen Wirt- schaftspolitik.

Der zweite Faktor war die aktive Bekräftigung der Inhalte des Konsenses durch inter- nationale Organisationen, allen voran IWF und WB (Fine et al. 2001, 6ff.), sowie die Bindung der Darlehen an die Inkraftsetzung des durch den Konsens vorgesehenen Programms. Die Zielausrichtung des Washington Consensus war zwar zu eng, da er explizit an der Wachstums- stimulierung orientiert war. Er verkündete jedoch ein klares handlungs-orientiertes Konzept nach dem Chaos der Schuldenkrise und dem Scheitern der zentralen Planwirtschaft.

Schließlich zwangen die schlechte Liquiditätslage in LA seit der Schuldenkrise der 80er Jahre und die hohen Kosten kommerzieller Darlehen EL dazu, verstärkt von der Liquidität Gebrauch zu machen, die internationale Finanzinstitutionen wie der IWF bereitstellten (David 1985, 4). Die neue Botschaft aus Washington lautete, dass gute inländische Wirtschaftspolitik trotz un- günstiger internationaler Wirtschaftsentwicklungen ausschlaggebend für Wirtschaftswachstum ist (Naim 2000, 512). Bereits gegen Ende der 1990er Jahre tauchten verstärkt Kritik und Zweifel an der Standardpolitik von Washington auf. (Fine et al. 2001, 8ff.). Bald erkannte man, dass die rigiden Vorschriften makroökonomischer Stabilität nachhaltige Entwicklung nicht för- derten (Naim 2000, 514).

2. Die Definition des Washington Consensus nach Williamson

Der Washington Consensus geht auf die Definition von John Williamson zurück und enthält Schlüsselelemente, die Krugman als „[...] belief that Victorian virtue in economic policy - free markets and sound money - is the key to economic development“ bezeichnet (Krugman 1998, 112). Demnach liegt dem Washington Consensus die Annahme zugrunde, dass freie Märkte und liberales Kapital der Schlüssel zu Wirtschaftswachstum sind (Williamson 1999, 5). Schlüs- selnormen, die eine entscheidende Rolle spielen, sind die ethische Überlegenheit des ökono- mischen Liberalismus sowie die Normen einer liberalen internationalen Wirtschaftsordnung (LIEO). Kernaufgabe dieser wirtschaftspolitischen Instrumente ist es, die Effizienz der Ressour- cenallokation zu steigern und dadurch Wirtschaftswachstum zu stimulieren (Gore 2000, 793). Gegen Ende der 1990er Jahre wurde diese Definition um den Post-Washington Consensus erweitert. Auf diese ergänzende Wirtschaftspolitik wird später eingegangen werden.

Der Konsens ist ein Paradigmenwechsel vom staatlich geführten dirigisme zu marktwirtschaftlichem laissez-faire. Seine Kernprinzipien sind “macroeconomic prudence, outward orientation, and domestic liberalization“ (Williamson 1990, 1). Internationale Kapitalmobilität gilt als Garant für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung eines Landes (Naim 2000, 518). Die Grundregeln der neoliberalen Agenda sind folgende: (a) makroökonomische Stabilität durch Inflationskontrolle und strikte Fiskalpolitik, (b) Marktöffnung durch die Liberalisierung des Handels und der Kapitalbilanz und (c) Liberalisierung der inländischen Produkt- und Faktormärkte durch Privatisierung und Deregulierung (Gore 2000, 790). Tabelle 1 bietet einen zusammenfassenden Überblick über die von Williamson definierte Politik:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1:

3. Die theoretischen Fundamente

Die Grundzüge der Washingtoner Wirtschaftspolitik sind neoliberale Praktiken der Liberalisie- rung, Deregulierung und Privatisierung. Gemäß den Ideen freier Marktkräfte glaubt der IWF, dass die Risiken, die sich aus der Globalisierung insbesondere für EL ergeben, durch eine wei- tere Öffnung ihrer Märkte reduziert werden können (Riesenhuber 2001, 40). Untersuchungen von Barry Eichengreen und Michael Mussa unterstützen die Politik von Washington. Sie erga- ben, dass deregulierte Märkte für ausländisches Kapital höhere Wachstumsraten erzielen konn- ten. Ferner kamen sie zu dem Ergebnis, dass Finanzkrisen eher mit einer schwachen Banken- aufsicht als mit der Liberalisierung der KB zusammenhängen (Naim 2000, 519). Die wirtschaftspolitische Theorie der neoliberalen Entwicklungsagenda stützt sich im Wesentlichen auf zwei Kernelemente. Wirtschaftswachstum wird zum einen durch optimale Ressourcen-allokation ermöglicht, wobei gesicherte Eigentumsverhältnisse und ein liberaler Waren- und Kapitalverkehr die Grundvoraussetzungen bilden. Ferner wird Wachstum durch Kapitalakkumulation im Rahmen eines liberalen Finanzmarktes gesichert.

3.1 Theorie der optimalen Allokation von Ressourcen

Die Entwicklungsstrategie des IWF geht auf die Theorie des allgemeinen Gleichgewichts zurück, die durch Arrow (1954) und Debreu (1959) entwickelt wurde. Die neoklassische Theorie geht von dem Grundmodell der Tauschwirtschaft ohne Produktion aus. Haushalte verfügen über eine exogen gegebene Anfangsausstattung von Ressourcen, die durch Eigentumsverhältnisse gesichert ist und mit dem Ziel der Nutzenmaximierung zum Tausch eingesetzt wird (Herr und Heine 2003, 12). Ausgangspunkt des neoklassischen Modells ist das Paradoxon endlicher Ressourcen vor dem Hintergrund unendlicher Bedürfnisse; demnach zwingt die vorhandene Budgetrestriktion zum Wirtschaften (vgl. Walrasianische Tauschtheorie).

Ein Gleichgewicht wird erreicht, wenn die Entscheidungen der Wirtschaftssubjekte (WS) übereinstimmen und durch Angebot und Nachfrage Gleichgewichtspreise hergestellt werden (Robinson 1974, 16). Gleichgewicht meint einen Zustand, in dem sich kein WS durch irgendei- ne Handlung besser stellen kann, ohne dabei die eines anderen zu senken. Es werden keine zusätzlichen Faktoren eingesetzt, die zunehmende Erträge liefern; die Ressourcen sind voll ausgelastet. Nach der Gleichgewichtslage setzt keine Reallokation von Gütern ein: der Zustand der Pareto-Effizienz ist erreicht (Hahn 1984, 155ff.). Das neoklassische Modell impliziert, dass Marktprozesse stets einen Gleichgewichtszustand herstellen. Die optimale Allokation von Res- sourcen ist Kernbestandteil der neoklassischen Entwicklungsstrategie und Voraussetzung für effizientes Wirtschaften und Wirtschaftswachstum. Marktwirtschaftliche Prozesse sorgen für die optimale Allokation von Ressourcen. Dieser Zustand wird erreicht, wenn sich eine Preis- und Tauschstruktur herausbildet, die unter den Bedingungen des gegebenen Niveaus und der gegebenen Verteilung der Anfangsbestände maximierend auf den Wohlstand wirkt (Herr 2003b, 56ff.).

Staatliche Interventionen in Form von Subventionen, Vorschriften und Regulationen verzerren die marktwirtschaftlichen Strukturen und stören das Gleichgewicht. Bestehende Mängel der Gleichgewichtstheorie stellen in Frage. Der Theorie nach gibt es keinerlei Unsicherheit, da es für jedes Gut zu jedem Zeitpunkt und zu jedem Umweltzustand Zukunftsmärkte gibt. Die Theo- rie geht von einer Sequenzwirtschaft aus, in der jeden Tag getauscht wird und die Entschei- dungen von zukünftigen Ereignissen, aber nicht von Erwartungen abhängen. Ferner wird ange- nommen, dass jedem WS sämtliche Preise bekannt sind und es alle notwendigen Informationen über jedes Gut verfügt. Die Gleichgewichtstheorie lässt den monetären Aspekt unberücksichtigt; sie liefert keine Erklärung dafür, wie Gleichgewichtspreise zustande kommen. Die Theorie greift auf große VWen zurück, in denen einzelne WS ohne Macht sind und das Gleichgewicht nicht beeinflussen. Aspekte wie Unsicherheit, Markterwartungen und das Problem der Informations- asymmetrie bleiben unberücksichtigt. Die obige Annahme veranschaulicht, dass die Bedingun- gen solcher Arrow-Debreu Märkte sehr restriktiv sind. Die neoklassische Theorie befasst sich mit der Allokation gegebener Ressourcen und ist vielmehr eine Tauschtheorie, als eine Theorie der Produktion und des Wachstums (Hahn 1984, 157ff.). Die Wirtschaftspolitik des IWF basiert jedoch auf dieser Theorie.

Der neoklassische Ansatz lässt der Entwicklungsstrategie unterschiedliche Interpretationsmög- lichkeiten. Nur bei flexiblen Preisen können Ressourcen durch marktwirtschaftliche Prozesse verteilt werden. Staatliche Eingriffe in den Marktmechanismus führen zu Verzerrungen und infolgedessen zu Wachstumsverlusten. Bedingung für Vollbeschäftigung sind flexible Löhne. Gesicherte Eigentumsverhältnisse schaffen klare Anreizstrukturen für eine optimale Allokation und sind notwendige Bedingung für Wirtschaftswachstum. Demnach ist die Privatisierung von staatlichen Unternehmen erstrebenswert, um Entwicklung voranzubringen. Effizienz auf der Mikroebene muss durch makroökonomische Stabilität gefördert werden. Erstrebenswert ist demnach eine Geldpolitik, durch die die Erwartungen der Individuen stabilisiert werden. Prak- tisch kann dies durch Transparenz und durch ein konstantes Wachstum der Geldmenge umge- setzt werden. Darüber hinaus kann makroökonomische Stabilität durch ein ausgeglichenes Staatsbudget hergestellt werden. Haushaltsdefizite münden in finanzieller Restriktion und un- terbinden wachstumsanregende Impulse. Ein ausgeglichenes öffentliches Budget sowie eine erwartungsstabilisierende Geldpolitik sind die Eckpfeiler der neoklassischen Entwicklungs- agenda. Gemeinsames Ziel sämtlicher Maßnahmen der Strukturanpassungspolitik ist die opti- male Allokation von Ressourcen. Basierend auf dieser Theorie werden die Reformpakete des IWF in Form von Standardprogrammen weltweit vorgeschrieben (Herr 2003b, 53ff.).

3.2 Wachstum durch Kapitalakkumulation: das Two-Gap-Model

Neben der makroökonomischen Stabilisierungspolitik, die auf optimale Allokation zielt, bildet das „Sparlückenmodell“ das zweite wichtige theoretische Fundament, auf die sich der WC stützt. Das Wachstumsmodell des IWF und der WB greift auf das „two-gap-model“ zurück, das erstmals von Harrod (1939) und Domar (1946) etabliert und später durch die Ökonomen Chenery und Strout (1966) weiterentwickelt wurde. Das Modell basiert auf folgenden Annah- men:

(a) Investitionserfordernisse, die für eine gegebene Wachstumsrate benötigt werden, ver- halten sich proportional zu der Wachstumsrate einer Konstante, dem „Incremental Ca- pital Output Ratio“.

(b) Kapitalbedarf ergibt sich aus der „Sparlücke“ zwischen den Investitionsanforderungen und den vorhandenen Finanzierungsmöglichkeiten, die sich aus der Summe privaten Kapitals und inländischer Ersparnisse ergeben (Easterly 1999, 3).

Die Entwicklungsproblematik wird auf den vorhandenen Kapitalbedarf und eine geringe inländi- sche Ersparnisquote zurückgeführt, die als „Sparlücke“ bezeichnet wird (Herr 2003b, 59). Das Modell impliziert, dass ausländische Kapitalzuflüsse im Verhältnis von 1:1 in die inländischen Investitionen fließen. Ferner wird eine feste lineare Beziehung zwischen Wachstum und Investi- tionen auf kurze Sicht hergestellt (Easterly 1999, 3). Kapitalakkumulation wird zu einem Schlüsselelement, durch das die „Finanzierungslücke“ der Investitionserfordernisse geschlos- sen und Wachstum angeregt werden soll (Williamson 1999, 8). Das Wachstumsmodell von Harrod und Domar postuliert, dass Kapitalakkumulation nicht nur Kapitalkapazitäten schafft, sondern auch zu Ertrag, Einkommen und Beschäftigung führt. Das gesamte erzielte Wachstum ist auf die Beziehung zwischen Ertragsgröße und Investition, genauer dem capital output ratio, zurückzuführen (David 1985, 48).

Hinter der neoklassischen Grenzproduktivitätstheorie der Verteilung steht der Gedanke, dass die Kapitalverwertungsrate durch die physische Grenzproduktivität der Kapitalgüter bedingt ist. Gemäß dem Ertragsgesetz sinkt die Grenzproduktivität des Kapitals mit steigendem Kapital- einsatz. Demnach muss auch die Kapitalverwertung mit steigendem Pro-Kopf-Kapitaleinsatz sinken.

[...]


1Dazu gehören beispielsweise Norwegen, Finnland und Schweden.

2Ein Großteil davon ist auf Ostasien und Lateinamerika zurückzuführen.

3Rate of Return (ROR).

4Darunter versteht man eine strenge Fiskalpolitik, geringe Inflation und eine hohe Sparquote.

5„Many actions that the Fund and Bank recommend to governments are intellectually ill-founded and counterproductive in practice” (Taylor 1997, 145).

6Unter Washington versteht Williams „both the political Washington of Congress and senior members of the administration and the technocratic Washington of the international financial institutions, the economic agencies of the US government, the Federal Reserve Board, and the think tanks“ (Williamson 1989, 7).

Ende der Leseprobe aus 113 Seiten

Details

Titel
Die Integration der Entwicklungsländer in den Weltmarkt
Untertitel
Die Auswirkungen der Deregulierung der Finanzmärkte ab den 1990er Jahren am Beispiel Argentiniens
Hochschule
Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin  (Volkswirtschaftstheorie)
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
113
Katalognummer
V309738
ISBN (eBook)
9783668080362
Dateigröße
1401 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
integration, entwicklungsländer, weltmarkt, auswirkungen, deregulierung, finanzmärkte, jahren, beispiel, argentiniens
Arbeit zitieren
Diplom-Volkswirtin Rukiye Hamza (Autor), 2003, Die Integration der Entwicklungsländer in den Weltmarkt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/309738

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