Das Problem des Lernens wird im Dialog "Menon" vor dem Hintergrund der Lehr- bzw. Unlehrbarkeit der Tugend behandelt. Hierzu wird die paradox klingende These eingeführt, dass alles Lernen Wiedererinnerung an etwas bereits Bekanntes sei, nämlich an ein Wissen, das mit der Geburt verlorengegangen ist. Um diese Lehre, die eine Antwort auf das Problem des Lernens geben möchte, soll es in dieser Arbeit gehen, d.h. Platons Konzeption der Anamnesis-Lehre soll Gegenstand dieser Arbeit sein.
Hierzu soll zunächst in einem ersten Kapitel das erkenntnistheoretische Themenfeld der Erinnerung im Dialogganzen aufgespürt werden, d.h. die Erinnerungsspuren sollen entdeckt werden, um die Entwicklung hin zur Anamnesis-Theorie plausibel zu machen.
Anschließend soll gezeigt werden, dass die Aporie im Gespräch zwischen Sokrates und Menon keine eigentliche Ausweglosigkeit bedeutet, sondern eine Voraussetzung für die Vergegenwärtigung von Vergessenem darstellt. Es soll also deutlich werden, dass die Aporie die Voraussetzung für die Wiedererinnerung schafft.
Im dritten Kapitel sollen das Menon-Paradox und der Anamnesis-Mythos thematisiert werden, wodurch gezeigt werden soll, dass es sich bei der Anamnesis-Lehre offensichtlich um die Lehre von einem latenten Wissen handelt. Demnach wird die Anamnesis-Lehre als der Übergang von bloßer Meinung zum Wissen verstanden.
Anschließend soll im vierten Kapitel, das das Gespräch zwischen Sokrates und dem Sklaven von Menon (Geometriestunde) thematisieren wird, gezeigt werden, dass Sokrates seine Lehre durch das mathematische Beispiel für Menon exemplifiziert, um dessen falsches Verständnis der Aporie zu korrigieren. Hierbei wird auch aufgezeigt werden, weshalb Sokrates ein mathematisches Beispiel wählt und um welche Form von Wissen es sich dabei eigentlich handelt.
Es wird sich überdies zeigen, dass durch die Geometriestunde die Probleme für den Interpreten nicht kleiner werden. So wird im fünften Kapitel die Frage diskutiert werden, ob der Sklave tatsächlich aus sich selbst heraus zu der Lösung des mathematischen Problems gelangt ist, oder ob Sokrates dies mittels Suggestion erreicht hat. Nach einer vorläufigen Beantwortung dieser Frage soll der Versucht unternommen werden, den Gegenstand der Anamnesis genauer zu fassen. Drei mögliche Lesarten werden hierzu vorgestellt.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Platons Anamnesis-Lehre im Menon (79e-86c)
Hauptteil:
1. Erinnerungsspuren innerhalb des Dialogs
2. Ausgangspunkt der Anamnesis: Aporie (79e-80d)
3. Erkenntnismöglichkeit: Menon-Paradox (80d-e) und Anamnesis-Mythos (81a-e)
4. Das Sklaven-Gespräch : die Geometriestunde (81e-85d)
5. Suggestion und Gegenstand der Anamnesis-Lehre: drei Annäherungsversuche
6. Anamnesis und Unsterblichkeit (81a-e, 85d-86c)
Schluss: Rekapitulation
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Das primäre Ziel dieser Arbeit ist die Untersuchung und systematische Analyse der platonischen Anamnesis-Lehre im Dialog Menon. Es soll aufgezeigt werden, wie Platon die Wiedererinnerung als erkenntnistheoretische Antwort auf das Problem des Lernens konzipiert und wie diese Lehre durch den Sklaven-Dialog sowie die Thematik der Unsterblichkeit der Seele fundiert wird.
- Analyse der Aporie als notwendige Voraussetzung für den Erkenntnisprozess.
- Untersuchung des Menon-Paradoxes im Kontext des Anamnesis-Mythos.
- Exemplifizierung der Anamnesis-Lehre anhand der Geometriestunde mit dem Sklaven.
- Diskussion des Verhältnisses von Wissen als Zusammenhangswissen und Anamnesis.
- Kritische Beleuchtung der Verbindung von Seelenunsterblichkeit und Erkenntnistheorie.
Auszug aus dem Buch
4. Das Sklaven-Gespräch : die Geometriestunde (81e-85d)
Um die Möglichkeit des Wissenserwerbs für Menon zu exemplifizieren, wird ein mathematisch nicht vorgebildeter, aber der griechischen Sprache mächtiger Sklave herbeigerufen (82b). Dieser soll vor Menons Augen mittels der sokratischen Maieutik sein verschüttetes, aber bereits vorhandenes Wissen reaktivieren und ein mathematisches Problem lösen, nämlich die Frage: Wie kann man geometrisch den Flächeninhalt eines Quadrats verdoppeln? Da der Sklave dies direkt vor Menon versucht, ist anzunehmen, dass er, der Sklave, gleichsam als Spiegel für Menon selbst fungieren soll. Menon wird also von Sokrates durch die Geometriestunde dazu angehalten, seine eigene Situation (Unwissenheit hinsichtlich der Tugend) von außen zu betrachten und folglich über sie nachzudenken.
Anfangs ist der Sklave der festen Überzeugung, dass er die Lösung des Problems kennt; ähnlich verhielt es sich auch bei Menon zu Beginn des Dialogs, als er eine vorschnelle Antwort auf die Tugend-Frage gab. Nach der ersten falschen Antwort auf das mathematische Problem jedoch unterbricht Sokrates das Gespräch, damit Menon „im Zustand des Sklaven seinen eigenen früheren Zustand scheinbaren Wissens“ erkennt, was ihm offensichtlich vorerst nicht gelingen möchte, d.h. er hat sich sein Nichtwissen noch immer nicht eingestanden.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Platons Anamnesis-Lehre im Menon (79e-86c): Diese Einleitung stellt die Fragestellung nach der Lehrbarkeit der Tugend und die paradoxe These vor, dass alles Lernen Wiedererinnerung ist.
Hauptteil: Einleitende Sektion, die den Übergang zur detaillierten Analyse der Anamnesis-Lehre bildet.
1. Erinnerungsspuren innerhalb des Dialogs: Untersucht die anfänglichen Anspielungen auf das Nichtwissen und die Bedeutung der Erinnerung für den späteren Dialogverlauf.
2. Ausgangspunkt der Anamnesis: Aporie (79e-80d): Erörtert die Aporie als produktive Ausweglosigkeit, die den Lernenden von Scheinwissen befreit.
3. Erkenntnismöglichkeit: Menon-Paradox (80d-e) und Anamnesis-Mythos (81a-e): Analysiert das Paradoxon des Suchens und die Einführung des Mythos der Seelenpräexistenz als Lösungsansatz.
4. Das Sklaven-Gespräch : die Geometriestunde (81e-85d): Zeigt an einem konkreten Beispiel auf, wie Sokrates mittels maieutischer Befragung zur Einsicht führt.
5. Suggestion und Gegenstand der Anamnesis-Lehre: drei Annäherungsversuche: Diskutiert die Rolle der Suggestion und erarbeitet drei Interpretationsansätze zum Gegenstand der Erinnerung.
6. Anamnesis und Unsterblichkeit (81a-e, 85d-86c): Beleuchtet die argumentative Verknüpfung der Anamnesis mit der Seelenunsterblichkeit.
Schlüsselwörter
Platon, Menon, Anamnesis, Wiedererinnerung, Erkenntnistheorie, Aporie, Menon-Paradox, Sklaven-Gespräch, Geometriestunde, Seelenunsterblichkeit, Maieutik, Apriorismus, Wissen, Tugend, Dialektik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der Konzeption der Anamnesis-Lehre in Platons Dialog Menon, die das Lernen als Prozess der Wiedererinnerung eines vorgeburtlichen Wissens der Seele beschreibt.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Themen sind das Menon-Paradox, die Bedeutung der Aporie für den Erkenntnisprozess, die mathematische Demonstration durch das Sklaven-Gespräch sowie die Verknüpfung von Erkenntnistheorie und Seelenunsterblichkeit.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, ein tieferes Verständnis der Anamnesis-Lehre zu gewinnen und zu klären, inwiefern sie als Antwort auf das eristische Argument der Unmöglichkeit des Forschens dienen kann.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Autorin oder der Autor verwendet eine textanalytische und interpretative Methode, um die philosophischen Argumente des Dialogs Menon zu rekonstruieren und in den Kontext der platonischen Philosophie einzuordnen.
Was sind die Schwerpunkte des Hauptteils?
Der Hauptteil analysiert schrittweise die Entwicklung der Anamnesis-Lehre, von den ersten Erinnerungsspuren über die Aporie und das mathematische Beispiel bis hin zur metaphysischen Begründung durch die Unsterblichkeit der Seele.
Welche Schlüsselbegriffe prägen die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Anamnesis, Menon-Paradox, Aporie, Maieutik und die erkenntnistheoretische Frage nach apriorischem Wissen.
Warum wählt Sokrates in der Arbeit ausgerechnet ein mathematisches Beispiel?
Das mathematische Beispiel soll zeigen, dass Erkenntnis nicht durch passives Lernen, sondern durch das Erfassen von logischen Zusammenhängen und Strukturen erreicht wird, die im Subjekt bereits latent vorhanden sind.
Wie bewertet die Arbeit die Rolle der Unsterblichkeit der Seele für die Erkenntnistheorie?
Die Arbeit stellt fest, dass die Seelenunsterblichkeit als notwendige, wenn auch argumentative Hypothese fungiert, um die Möglichkeit zu rechtfertigen, dass die Seele sich an pränatale Erfahrungen erinnern kann.
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- Alexander Meyer (Author), 2014, Platons Anamnesis-Lehre im "Menon" (79e-86c), Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/309752