Sprachpolitik im postkolonialen Mali und die Macht der Sprache im Bildungswesen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015

14 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Historischer Hintergrund

2 Einleitung

3 Koloniale Sprachpolitik und ihre Folgen
3.1 Auswirkungen auf die kulturelle Identität
3.2 Auswirkung auf das Bildungswesen
3.2.1 Französisch als Unterrichtssprache
3.2.2 Regionale Sprachen als Unterrichtssprache

4 Reformen und Ziele der Bildungspolitik

5 Bambara – Vorreiter der nationalen Sprachen

6 Fazit

7 Literaturverzeichnis

1 Historischer Hintergrund

Ab dem Jahre 1890 war das heutige Mali unter dem Namen Soudan Francais Teil des französischen Kolonialreiches, bis es am 22.09.1960 seine Unabhängigkeit erlangte und damit den Namen des alten Kaiserreiches Mali übernimmt. Doch die französische Kolonialherrschaft bringt Folgen mit sich, die teilweise bis heute nachwirken – auch auf sprachlicher Ebene. (vgl. Hofbauer, 2013)

Nach der Unabhängigkeit bleibt durch die damals willkürlich gezogenen Grenzen ein Nationalstaat zurück, der durch die Diversität lokaler Bevölkerungsgruppen und deren Sprachen bis heute Schwierigkeiten mit der Entwicklung eines einheitlichen Nationalgefühls aufweist. (vgl. Hofbauer, 2013). Denn die koloniale Vergangenheit nimmt auch heute noch starken Einfluss auf Malis Kultur und Sprache.

2 Einleitung

In Mali – wie in den meisten afrikanischen Ländern – herrscht durch die Vielzahl an Sprachen und Dialekten eine auffallende linguistische Komplexität: Einerseits die meist unterentwickelten regionalen Sprachen, die dennoch häufig als Verkehrssprache dienen, andererseits die allgegenwärtige ex-Kolonialsprache Französisch, dessen Kenntnis sich allerdings auf einen kleinen Teil der Bevölkerung beschränkt.(vgl Kembo, 2002) Die malische Regierung erkennt heute neben Französisch 13 Sprachen als nationale Sprachen an. Darunter die Peul (auch Fulbe, Fulani oder Fulfulde genannt) , die Tamasheq, die Songhay (auch Sonrai genannt), die Sénoufo, die Soninké, die Dogon, die Bobo (auch Boré oder Bwamu genannt) , die Bozo und einige andere. (vgl. Touré)

Die bedeutendste und geographisch am weitesten verbreitete dieser Sprachen ist Bambara. Mit einem Sprecheranteil von 80% der Bevölkerung nimmt sie den Status einer dominanten Verkehrssprache[1] ein. Doch trotz der weiten Verbreitung findet Bambara relativ wenig Berücksichtigung und Förderung auf sprachpolitischer Ebene, sodass ihr Korpus[2] paradoxerweise bisweilen vergleichbar wenig ausgebaut ist. (vgl. Dumestre,1995). Aktuell ist jedoch eine steigende Tendenz zu beobachten. (vgl. Reh,Heine, 1982) Die Entwicklung des Status und Gründe für die Verbreitung des Bambara wird in der folgenden Arbeit erläutert werden.

Mali gehört zu den Ländern mit exoglossischer[3] Sprachpolitik, welche auf die koloniale Vergangenheit des Landes zurückzuführen ist: Auch heute noch ist Französisch die Amtssprache des Landes. (vgl. A`ame, 2010) Als die Kolonialmacht Frankreich im späten 19. Jahrhundert Westafrika besetzte, erlernte die dominante Minderheit nicht die indigenen Sprachen, stattdessen etablierte Frankreich die französische Sprache mit ihrem weitausgebauten Korpus nicht nur in Regierungsangelegenheiten, sondern auch in den Medien, dem Schulwesen und im Wirtschaftswesen. So wurde Französisch von der language of choice zur official language Französisch-Sudans. (vgl. A`ame, 2010) Außerdem sollte die Förderung des Französischen als nationales Kommunikationsmittel dazu beitragen , das Land, das “ […] vor der Besetzung nichts anderes war als eine Ansammlung von Ethnien“ (Zolberg, 1964; in: A`ame,2010) zu einer Nation zusammenzufügen. Schlussendlich aber diente die Etablierung der Sprache sowohl der Demonstration bestehender Machtverhältnisse zwischen Kolonisierendem und Kolonisierten als auch der Verbreitung politischer und kultureller Ideologien Frankreichs.Stets mit dem Ziel der „Entfremdung des Afrikaners“, um ihn schließlich beherrschen zu können. (vgl. Touré)

Französisch ist zwar heute noch Amtssprache, wird jedoch in Mali nur von einer verschwindenden Minderheit als Muttersprache gesprochen. Trotz allem werden regionale Sprachen – mit Ausnahme des Vorreiters Bambara- im Vergleich zur ex-Kolonialsprache Französisch auch in der heutigen Sprachpolitik Malis eher verdrängt.

Vor diesem Hintergrund stellen sich nun einige Fragen, die in der folgenden Arbeit erläutert werden sollen: Welche Spuren hinterlässt die koloniale Vergangenheit in der Gesellschaft Malis? Welche Auswirkungen hat sie auf die kulturelle Identität der Bevölkerung und welchen Einfluss nimmt die damit einhergehende Einstellung auf das Bildungswesen und – ganz besonders – auf die Wahl der Unterrichtssprache?

3 Koloniale Sprachpolitik und ihre Folgen

3.1 Auswirkungen auf die kulturelle Identität

Für ein Land und seine Bevölkerung sind neben der wirtschaftlichen Lage kulturschaffende Aspekte von hoher Bedeutung. Besonders im Hinblick auf Selbstwahrnehmung und Selbstidentifikation in einer von historischen Umständen zerrütteten Gesellschaft.(vgl.Hofbauer,2013) So steht auch Sprache als kulturschaffender Aspekt in fester Verbindung mit Identität und - auf gesellschaftlicher Ebene – mit Macht. Fanon beschreibt die Folgen der Kolonialisierung mit den Worten:

„ Tout peuple colonisé - c'est-à-dire tout peuple au sein duquel a pris naissance un complexe d'infériorité, du fait de la mise au tombeau de l'originalité culturelle locale- se situe vis-à-vis du langage de la nation civilisatrice, c'est-à-dire de la culture métropolitaine.“ (Fanon, 1952)

Durch die Sprachpolitik der Kolonialisten ist in den Köpfen der Bevölkerung also bis heute die Tatsache verankert ihre eigenen, regionalen Sprachen seien „weniger Wert“ als die des ex- Kolonisators. Denn durch die Assimilationspolitik[4] und in erster Linie durch das damalige Schulsystem, welches keineswegs an die afrikanische Realität angepasst war, zwangen sie der Bevölkerung ihre Sprache auf, sodass regionale Sprachen ab diesem Zeitpunkt immer im Zeichen der Unterdrückung, der Machtlosikeit und Minderwertigkeit standen. (vgl. A`ame, 2010) Diese Assoziation hat die Folge, dass ältere Generationen ihren Kindern zureden, die Sprache und Kultur der einstigen Metropole zu adaptieren, um die Art Segregation, die ihnen wiederfahren ist, zu vermeiden und international soziale Mobilität zu garantieren.

Diese durch die koloniale Schulausbildung und dessen Nachwirkung entstandene Vorstellung hindert die Bevölkerung daran eine positive Sicht auf die eigene Sprache und Identität zu entwickeln. So wie nun junge Generationen die Sprachen ihrer Vorfahren verlernen, geht damit gleichzeitig ein Stück Kultur verloren.

Desweiteren ist zu betonen, dass die koloniale Schulpolitik zwar den Schulbesuch ermöglichte, dieser jedoch nur für die eigenen Zwecke des Kolonisators ausgerichtet war. Durch die unzureichende Ausbildung blieb damit beispielsweise landwirtschaftlichen Gemeinschaften der Zugang zum globalen Markt verwehrt.

Neben der resultierenden Identitätskrise bilden Sprachen auch heute noch Grenzen innerhalb der westafrikanischen Gemeinschaft; Ganz nach dem Vorbild colonisateur - colonisé [5]: Zwischen den Französisch Sprechenden und den „Anderen“; zwischen jenen, die an der Macht, und jenen die machtlos sind. Diese Dichotomie ist in allen Bereichen des alltäglichen Lebens zu beobachten: Innerhalb bestimmter Gemeinschaften, in den Medien, auf Märkten, in Regierungsangelegenheiten, und zu guter Letzt im Bildungswesen. Demnach ist schon die Wahl der Unterrichtssprache eine Entscheidung für die Zukunft. (vgl. A`ame, 2010)

3.2 Auswirkung auf das Bildungswesen

Ein entscheidender Faktor für die Zukunft eines Landes ist die Ausbildung, bzw. die Schulbildung der Bürger, die nicht zuletzt eine umfassende Alphabetisierung beinhaltet. Im postkolonialen Mali stellt diese allerdings immer noch eine große Herausforderung dar. Nicht unbedeutende Rolle spielt hierbei die Wahl der Sprache als Teil der Schulausbildung, welche in dieser Arbeit weiterhin besondere Berücksichtigung finden soll.

Die oben beschriebene Idealisierung des Französischen und die damit einhergehende Herabsetzung regionaler Sprachen bringt auch nach der Unabhängigkeit einige Konsequenzen in der weiteren Entwicklung der Bildungsebene mit sich: Zum einen werden die regionalen Sprachen zunächst nicht gelehrt, sodass die kognitive, affektive und soziale Entwicklung der Schüler, welche wiederum durch Sprache entsteht, nicht effektiv eintreten kann. Desweiteren wird die Kenntnis der ex-Kolonialsprache Französisch als existenzsicherndes Medium dermaßen idealisiert, dass sie unter allen Umständen Unterrichtsprache sein soll – ohne Rücksicht auf die mangelnde Kenntnis dieser seitens der Schüler. Das Resultat zeigt sich darin, dass die Schüler am Ende ihrer Schullaufbahn weder ihre eigene regionale Sprache, noch die französische fließend in Wort und Schrift beherrschen. Denn auch die Kenntnis des Französischen bleibt aufgrund der fehlenden kognitiven Fähigkeiten unzureichend. (vgl. Kembo, 2002)

Um diesem Teufelskreis zu entkommen bedarf es umfassender Schulreformen. Im Laufe der Jahre schreitet die Errichtung sogenannter „experimenteller“ Schulen, welche lokale Sprachen- in erster Linie jedoch Bambara- unterrichten, zwar fort, doch ist das malische Schulsystem trotz umfangreicher sprachpolitischer Reformen nach der Unabhängigkeit weiterhin stark an das zentralisierte französische Modell angelehnt. Dies bedeutet nicht nur die Weiterführung der Unterdrückung regionaler Sprachen und der damit einhergehende Verlust kultureller Identität.

[...]


[1] Verkehrssprache: Sprachen, mit deren Hilfe Angehörige verschiedener Sprachgemeinschaften auf einzelnen Gebieten (z. B.Handel: Handelssprachen) miteinander kommunizieren (http://universal_lexikon.deacademic.com/ (28.06.2015)

[2] Korpus: (Sprachwissenschaft) [als Datenbank angelegte] Sammlung einer begrenzten Anzahl von Texten, Äußerungen o. Ä. als Grundlage für sprachwissenschaftliche Untersuchungen“ (www.duden.de; 18.06.2015)

[3] Exoglossie: Verwendung einer Sprache (meist mit Prestige- Anspruch), die keine einheimische Basis hat und auch mit keinem einheimischen Idiom verwandt ist. […]“ (Kramer, 1984)

[4] Politik eines Staates, die die Assimilation/Anpassung von Minderheiten an die Mehrheit zum Ziel hat. (Fremdwort.de (28.06.2015)

[5] Albert Memmi: « Sociologie des rapports entre colonisateurs et colonisés »

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Sprachpolitik im postkolonialen Mali und die Macht der Sprache im Bildungswesen
Hochschule
Universität zu Köln  (Afrikanistik)
Veranstaltung
Seminar
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
14
Katalognummer
V309864
ISBN (eBook)
9783668082021
ISBN (Buch)
9783668082038
Dateigröße
511 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bambara, Kolonialismus, Soziolinguistik, Französisch, Sprachpolitik, Mali, Bildungswesen
Arbeit zitieren
Luisa Fischer (Autor), 2015, Sprachpolitik im postkolonialen Mali und die Macht der Sprache im Bildungswesen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/309864

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