In Mali – wie in den meisten afrikanischen Ländern – herrscht durch die Vielzahl an Sprachen und Dialekten eine auffallende linguistische Komplexität: Einerseits die meist unterentwickelten regionalen Sprachen, die dennoch häufig als Verkehrssprache dienen, andererseits die allgegenwärtige ex-Kolonialsprache Französisch, dessen Kenntnis sich allerdings auf einen kleinen Teil der Bevölkerung beschränkt.(vgl Kembo, 2002) Die malische Regierung erkennt heute neben Französisch 13 Sprachen als nationale Sprachen an. Darunter die Peul (auch Fulbe, Fulani oder Fulfulde genannt) , die Tamasheq, die Songhay (auch Sonrai genannt), die Sénoufo, die Soninké, die Dogon, die Bobo (auch Boré oder Bwamu genannt) , die Bozo und einige andere. (vgl. Touré)
Die bedeutendste und geographisch am weitesten verbreitete dieser Sprachen ist Bambara. Mit einem Sprecheranteil von 80% der Bevölkerung nimmt sie den Status einer dominanten Verkehrssprache ein. Doch trotz der weiten Verbreitung findet Bambara relativ wenig Berücksichtigung und Förderung auf sprachpolitischer Ebene, sodass ihr Korpus paradoxerweise bisweilen vergleichbar wenig ausgebaut ist. (vgl. Dumestre,1995). Aktuell ist jedoch eine steigende Tendenz zu beobachten. (vgl. Reh,Heine, 1982) Die Entwicklung des Status und Gründe für die Verbreitung des Bambara wird in der folgenden Arbeit erläutert werden.
Französisch ist zwar heute noch Amtssprache, wird jedoch in Mali nur von einer verschwindenden Minderheit als Muttersprache gesprochen. Trotz allem werden regionale Sprachen – mit Ausnahme des Vorreiters Bambara- im Vergleich zur ex-Kolonialsprache Französisch auch in der heutigen Sprachpolitik Malis eher verdrängt.
Vor diesem Hintergrund stellen sich nun einige Fragen, die in der folgenden Arbeit erläutert werden sollen: Welche Spuren hinterlässt die koloniale Vergangenheit in der Gesellschaft Malis? Welche Auswirkungen hat sie auf die kulturelle Identität der Bevölkerung und welchen Einfluss nimmt die damit einhergehende Einstellung auf das Bildungswesen und – ganz besonders – auf die Wahl der Unterrichtssprache?
Inhaltsverzeichnis
1 Historischer Hintergrund
2 Einleitung
3 Koloniale Sprachpolitik und ihre Folgen
3.1 Auswirkungen auf die kulturelle Identität
3.2 Auswirkung auf das Bildungswesen
3.2.1 Französisch als Unterrichtssprache
3.2.2 Regionale Sprachen als Unterrichtssprache
4 Reformen und Ziele der Bildungspolitik
5 Bambara – Vorreiter der nationalen Sprachen
6 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die postkoloniale Sprachpolitik in Mali und deren tiefgreifende Auswirkungen auf das Bildungswesen sowie die gesellschaftliche Identitätsbildung. Dabei wird analysiert, wie die historische Bevorzugung der französischen Sprache als koloniales Erbe bis heute soziale Ungleichheiten und Bildungsprobleme manifestiert und welche Rolle das Bambara als aufstrebende Verkehrssprache in diesem komplexen Spannungsfeld einnimmt.
- Historische Kontinuität kolonialer Sprachstrukturen in Mali
- Einfluss der Sprachwahl auf kulturelle Identität und Selbstwahrnehmung
- Herausforderungen des Bildungssystems durch exoglossische Sprachpolitik
- Die Rolle des Bambara als verbindendes Element und "Vorreiter"
- Zukunftsperspektiven für bilinguale Schulmodelle und Alphabetisierung
Auszug aus dem Buch
3.1 Auswirkungen auf die kulturelle Identität
Für ein Land und seine Bevölkerung sind neben der wirtschaftlichen Lage kulturschaffende Aspekte von hoher Bedeutung. Besonders im Hinblick auf Selbstwahrnehmung und Selbstidentifikation in einer von historischen Umständen zerrütteten Gesellschaft.(vgl.Hofbauer,2013) So steht auch Sprache als kulturschaffender Aspekt in fester Verbindung mit Identität und - auf gesellschaftlicher Ebene – mit Macht. Fanon beschreibt die Folgen der Kolonialisierung mit den Worten:
„ Tout peuple colonisé - c'est-à-dire tout peuple au sein duquel a pris naissance un complexe d'infériorité, du fait de la mise au tombeau de l'originalité culturelle locale- se situe vis-à-vis du langage de la nation civilisatrice, c'est-à-dire de la culture métropolitaine.“ (Fanon, 1952)
Durch die Sprachpolitik der Kolonialisten ist in den Köpfen der Bevölkerung also bis heute die Tatsache verankert ihre eigenen, regionalen Sprachen seien „weniger Wert“ als die des ex- Kolonisators. Denn durch die Assimilationspolitik und in erster Linie durch das damalige Schulsystem, welches keineswegs an die afrikanische Realität angepasst war, zwangen sie der Bevölkerung ihre Sprache auf, sodass regionale Sprachen ab diesem Zeitpunkt immer im Zeichen der Unterdrückung, der Machtlosikeit und Minderwertigkeit standen. (vgl. A`ame, 2010) Diese Assoziation hat die Folge, dass ältere Generationen ihren Kindern zureden, die Sprache und Kultur der einstigen Metropole zu adaptieren, um die Art Segregation, die ihnen wiederfahren ist, zu vermeiden und international soziale Mobilität zu garantieren.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Historischer Hintergrund: Dieser Abschnitt beleuchtet die koloniale Vergangenheit Malis als "Soudan Français" und die daraus resultierende schwierige Etablierung eines einheitlichen Nationalgefühls nach der Unabhängigkeit.
2 Einleitung: Hier wird die linguistische Komplexität Malis dargelegt, in der neben dem dominanten Französisch 13 anerkannte Nationalsprachen existieren, wobei Bambara eine herausgehobene Rolle als Verkehrssprache einnimmt.
3 Koloniale Sprachpolitik und ihre Folgen: Kapitel 3 analysiert, wie die koloniale Vergangenheit durch eine exoglossische Sprachpolitik die heutige Gesellschaft und das Bildungswesen prägt.
3.1 Auswirkungen auf die kulturelle Identität: Es wird erörtert, wie die Abwertung lokaler Sprachen durch Assimilationspolitik zu Identitätskrisen führt und die Selbstwahrnehmung der Bevölkerung nachhaltig negativ beeinflusst.
3.2 Auswirkung auf das Bildungswesen: Dieser Teil thematisiert die Herausforderungen der Alphabetisierung und die Problematik, Französisch als Unterrichtssprache zu etablieren, ohne die kognitive Entwicklung der Schüler zu gefährden.
3.2.1 Französisch als Unterrichtssprache: Das Kapitel untersucht, warum Französisch trotz mangelnder Kenntnisse bei Schülern weiterhin als Machtinstrument und Voraussetzung für den sozialen Aufstieg favorisiert wird.
3.2.2 Regionale Sprachen als Unterrichtssprache: Hier wird die Marginalisierung lokaler Sprachen und der schwierige Stand "experimenteller Schulen" beleuchtet, die in der Muttersprache unterrichten.
4 Reformen und Ziele der Bildungspolitik: Der Text beschreibt das Bestreben Malis, durch bilinguale Schulsysteme und die Aufwertung nationaler Sprachen die Bildungssituation an die malische Realität anzupassen.
5 Bambara – Vorreiter der nationalen Sprachen: Das Kapitel analysiert, wie Bambara durch seine wachsende Verbreitung eine "Trichotomie" der Sprachlandschaft bildet und als Symbol für Modernität wahrgenommen wird.
6 Fazit: Die Arbeit schließt mit der Erkenntnis, dass trotz erster Fortschritte durch bilinguale Reformen die Machtstellung des Französischen weiterhin tief in der Gesellschaft verankert bleibt.
Schlüsselwörter
Mali, Sprachpolitik, Postkolonialismus, Bildungswesen, Bambara, Französisch, Identitätskrise, Alphabetisierung, Nationalsprachen, Sprachliche Macht, Assimilationspolitik, Bilinguale Schulsysteme, Soziale Mobilität, Verkehrssprache, Kulturelle Identität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit dem komplexen Erbe der kolonialen Sprachpolitik in Mali und untersucht, wie dieses Erbe bis heute die Identitätsbildung und die Effektivität des Bildungssystems in einem multilingualen Staat beeinflusst.
Welches sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf der Analyse der historischen Sprachpolitik, der Rolle von Sprache als Identitätsmerkmal, den soziolinguistischen Auswirkungen des exoglossischen Bildungssystems und dem Aufstieg des Bambara als nationale Verkehrssprache.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel ist es zu verstehen, wie die koloniale Vergangenheit die heutige Einstellung zur Unterrichtssprache prägt, warum diese Wahl soziale Ungleichheiten zementiert und welche Rolle lokale Sprachen dabei spielen können, diese Teufelskreise zu durchbrechen.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin oder der Autor?
Es handelt sich um eine deskriptive und analytische Arbeit, die auf einer fundierten Literaturrecherche und der Auswertung von Fallstudien zur Sprachpolitik und Bildungsstatistik in Mali basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der kulturellen Identitätsverluste durch koloniale Assimilation, die kritische Betrachtung des französischen Unterrichtsmodells und die Analyse des Status des Bambara im Vergleich zu anderen Regionalsprachen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Arbeit?
Die Arbeit ist zentral durch Begriffe wie "exoglossische Sprachpolitik", "postkoloniale Identität", "bilinguale Bildung" und die "Dominanz des Bambara" gekennzeichnet.
Welche Rolle spielt das Bambara laut den Untersuchungen?
Bambara hat den Status einer "ethnischen Sprache" verlassen und dient heute als verbindendes Element der Kommunikation, das zunehmend als Symbol für Modernität und Fortschritt innerhalb der malischen Gesellschaft wahrgenommen wird.
Warum wird Französisch trotz der hohen Abbruchraten im Bildungswesen favorisiert?
Französisch wird als exklusives Machtinstrument wahrgenommen; die Beherrschung dieser Sprache gilt als notwendige Voraussetzung für den Zugang zur gesellschaftlichen Elite, zu internationaler Politik und zur globalen Arbeitswelt.
Welche Herausforderungen behindern die Einführung bilingualer Schulsysteme?
Hauptprobleme sind der hohe finanzielle Aufwand für Unterrichtsmaterialien, der Mangel an ausgebildeten Lehrkräften und die Notwendigkeit, alle nationalen Sprachen erst vollständig transkribieren und standardisieren zu müssen.
Welche Bedeutung kommt der DNAFLA im Kontext der Arbeit zu?
Die DNAFLA ist als zentrale malische Einrichtung maßgeblich an der Förderung nationaler Sprachen und der Durchführung landesweiter Alphabetisierungskampagnen für Erwachsene beteiligt.
- Citar trabajo
- Luisa Fischer (Autor), 2015, Sprachpolitik im postkolonialen Mali und die Macht der Sprache im Bildungswesen, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/309864