Montaignes "De L'Amitié". Eine Analyse des Freundschaftsbegriffs im Wandel der Zeit


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014
19 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Definition von Freundschaft

3. Der Freundschaftsbegriff im Wandel der Zeit - von Cicero über Montaigne bis Derrida
3.1 Cicero (106-43 v. Chr)
3.2 Montaigne (1533-1592)
3.2.1 Einleitung des Essays
3.2.2 Der Hauptteil des Essays
3.2.3 Schluss des Essays

4. Derrida (1930-2004)

Abschließende Bemerkungen

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Freundschaft als soziales Phänomen war schon zu Zeiten der Römer zu beobachten. Schon in den ersten bekannten verschriftlichten Geschichten ging es um Freundschaft, oder zumindest um das, was damals als Freundschaft bezeichnet wurde. Dabei wird schon in der Antike der Freundschaftsbegriff eingegrenzt, in dem zu dieser Zeit nur von Männerfreundschaften die Rede war und diese auch nur in bestimmten sozialen Positionen ent- und bestehen konnten. So war damals eine Freundschaft zwischen Frauen oder sozial niedriger geborenen Menschen nicht möglich (Vgl. Pfleger, 24). Oftmals war damals die Heldengeschichte eine Freundschaftsgeschichte, nämlich dann, wenn zwei Helden gemeinsam gegen etwas kämpfen oder sich in größter Not beistehen mussten (Vgl. Pfleger, 13, 25). Im 18. Jahrhundert, mit der aufkommenden Individualisierung, kommt es mehr und mehr zu einem regelrechten Freundschaftskult (Vgl. Pfleger, 13). Freundschaft ist damit schon immer ein beliebtes Thema und Freundschaftsbilder und -ideale repräsentieren dabei oft die Gesellschaft der Zeit. Dieser Wandel spiegelt sich auch im Konzept der Freundschaft wider. Doch gerade heute im Zeitalter der digitalen Medien und sozialen Netzwerke bezeichnet man sehr viele Menschen als Freunde. Heutzutage scheint es nicht ungewöhnlich, beispielsweise bei Facebook 500 Freunde oder mehr zu haben. Ob man diese jedoch als Freunde im klassischen Sinn bezeichnen kann, ist zu bezweifeln. Doch wie hat sich das Konzept von Freundschaft seit der Antike entwickelt?

Die vorliegende Arbeit soll sich vorwiegend mit dem Freundschaftsbegriff in Montaignes Essay De L'Amitié beschäftigen. Zunächst wird der Begriff der Freundschaft genauer definiert und die aristotelischen Arten von Freundschaft näher erläutert. Daraufhin sollen drei Freundschaftsideale in chronologischer Reihenfolge näher beschrieben und analysiert werden - Cicero, Montaigne und Derrida, wobei besonders auf Montaignes Freundschaftsbegriff eingegangen werden soll und dieser den zentralen Punkt dieser Arbeit darstellt. Es stellt sich die Frage, inwiefern Montaignes Verständnis von Freundschaft sich an bereits bestehenden Ideen von Freundschaft orientiert und, ob sich auch andere neuzeitlichere Konzepte an ihm orientiert sind oder ihm widersprechen.

2. Definition von Freundschaft

Freundschaft wird als "eine dyadische Beziehung verstanden, die freiwillig, symmetrisch, reziprok und von längerer Dauer ist." (Pfleger, 20) Damit wird vorausgesetzt, dass Freundschaft, im Gegensatz zu anderen Sozialbeziehungen, auf Freiwilligkeit und Symmetrie beruht. Im Unterschied zur Familie kann man sich Freunde selbst aussuchen und im Unterschied zur Liebe, geht man davon aus, dass Freundschaft immer von beiden Partnern ausgeht, was bei der Liebe nicht unbedingt so sein muss.

Schon Aristoteles hat in seiner „Nikomachischen Ethik” über das Phänomen der Freundschaft geschrieben. Es wird in den Teil der Tugendethik von Aristoteles eingeordnet, in der er versucht zu verdeutlichen, wie der Mensch leben soll (Vgl. Rapsch, 26). Für Aristoteles bedeutet ein Freund zu sein gleichzeitig tugendhaft zu sein (Vgl. ebd). Aristoteles unterscheidet dabei zwischen Freundschaft und Liebe, wobei er die Freundschaft als übergeordnete Sozialform sieht, da Freundschaft auf Gegenseitigkeit beruhen muss, während die Liebe auch nur einseitig sein kann (Vgl. ebd., 27). Für Aristoteles gilt es, drei Arten von Freundschaft zu unterscheiden: die Lustfreundschaft, die Nutzenfreundschaft und die Tugendfreundschaft. Dabei kann die Freundschaft sowohl aus Gleichheit als auch aus Ungleichheit der Partner hervorgehen (Vgl. Klopfer, 165). Bei der Lustfreundschaft bekommen beide das, was sie erstreben und daher gibt es nur wenig Konfliktpotential und nur der Lustgewinn steht im Vordergrund. Bei der Nutzenfreundschaft erwarten sich beide Partner einen positiven Nutzen aus der Freundschaft, doch es gibt viel Unzufriedenheit und Konfliktpotential, weil die Partner der Meinung sind, nie genug zu bekommen (Vgl. ebd.). Diese beiden Formen der Freundschaft sind nicht von besonders langer Dauer und können es auch gar nicht sein, weil diese enden, sobald der Zweck erfüllt ist. „Nutzenfreundschaften entstehen vor allem im Alter, zu ihnen gehört auch die Gastfreundschaft, wohingegen Freundschaften aus Lust meist in der Jugend geschlossen werden.” (Rapsch, 27) Im Gegensatz zu diesen beiden, unvollkommenen Formen der Freundschaft und auch über diesen beiden Formen steht die Tugendfreundschaft oder die Freundschaft um das Wesen des Anderen wegen. Bei dieser, vollkommenen Art der Freundschaft „erhält jeder Partner dasjenige, was er gibt in gleicher oder ähnlicher Form zurück.” (Klopf, 159) Die vollkommene Form der Freundschaft schließt gegenseitige Lust und gegenseitigen Nutzen nicht aus, aber „[i]n der Tugendfreundschaft wünscht jeder dem anderen in gleicher Weise das Gute, weil das Wesen des Anderen geliebt wird, nicht nur ein partieller Nutzen.” (Rapsch, 28) Diese Art der Freundschaft ist von sehr langer Dauer und muss auch nicht mit dem Tod einer der beiden Partner für beendet erklärt werden. Eine Auflösung dieser Freundschaft ist in der Regel nicht nötig. „Eine Auflösung ist nur dann nötig (oder gar zulässig), wenn einer der Freunde sich nicht gleich geblieben ist, dieser minderwertig wird.” (ebd., 29) Dies wirft die These auf, dass eine vollkommene Freundschaft im Sinne von Aristoteles ausschließlich zwischen gleichen beziehungsweise gleich guten Menschen zustande kommen und bestehen kann. Eine Lust- oder Nutzenfreundschaft kann es dagegen auch zwischen 'minderwertigen' Menschen geben. Daraus folgt auch, dass eine vollkommene Freundschaft nur sehr selten geben kann, „denn Menschen dieser Art gibt es nur wenige.” (ebd.) und daher ist eine solche Freundschaft auch nur zwischen wenigen Menschen überhaupt möglich, wenn nicht gar nur mit einem Menschen. Schon die Antike orientiert sich mit ihrem Freundschaftsideal an der Tugendfreundschaft, bei der nach Aristoteles das Verschmelzen der Seele das zentrale Motiv darstellt. Schon er war der Meinung, dass man mit einem vollkommenen Freund eine Seele in zwei Körpern teilt. (Vgl. Zeeb, 79) Später wird dieses Ideal auch von Montaigne verfolgt und vertreten.

3. Der Freundschaftsbegriff im Wandel der Zeit - von Cicero über Montaigne bis Derrida

3.1 Cicero (106-43 v. Chr)

Cicero hat selbst eine Abhandlung zum Thema der Freundschaft geschrieben, die gesondert zu seiner Ethik behandelt wird. Es handelt sich dabei um die Abhandlung Laelius - über die Freundschaft, einen fiktiven Dialog zwischen Laelius und seinen Schwiegersöhnen, der eher als Monolog gesehen werden kann, bei dem Laelius drei Fragen über die Freundschaft behandelt: Was ist Freundschaft? Wie ist sie beschaffen? Welche Vorschriften führen zu ihrem Erfolg? (Vgl. ebd., 32) Für Cicero liegt das Wesen der Freundschaft in der vollkommenen Übereinstimmung zwischen den Freunden. Eine solche Freundschaft ist auch nur möglich zwischen zwei Menschen des gleichen Charakters (Vgl. ebd.). Dabei ist Ciceros Freundschaftsbild mitunter geprägt von politischer Instabilität, Intrigen und Unsicherheiten seiner Zeit (Vgl. Welter, 133). Laelius ist Ciceros Freund Atticus gewidmet (Vgl. ebd., 135) und es geht darin um Laelius' Freundschaft zu Scopio. In Anlehnung an die platonischen Dialoge werden dabei überwiegend allgemeine oder verallgemeinernde Aussagen über Freundschaft getroffen. Obwohl Freundschaft für Cicero nur zwischen gleichen, guten Menschen möglich ist, stellt diese für ihn kein Verschmelzen der Seelen dar (Vgl. Rapsch, 33). Die vollkommene Freundschaft kann nur zwischen Guten entstehen, anders als bei Aristoteles jedoch ist hier der Gute des gewöhnlichen Lebens gemeint, sprich rechtschaffende Männer. „Indessen ist dies meine erste Einsicht, daß nur zwischen Guten Freundschaft sein kann, ich möchte dies aber nicht im strengsten Sinne verstehen.” (Cicero, 10) Ähnlich wie bei Aristoteles ist bei Cicero die Freundschaft nur zwischen zwei oder wenigen Personen möglich (Vgl. Rapsch, 33). Dabei steht Freundschaft als Sozialbeziehung über der Verwandtschaft, weil sie frei wählbar ist und nicht gesellschaftlich bestimmt wird. Der Freund wird als zweites, ja sogar als besseres Ich gesehen (Vgl. ebd.). Freundschaft ist auch bei Cicero über den Tod hinaus möglich. Der Begriff der Freundschaft kann also bei Cicero definiert werden als „völlige Kongruenz der beiden Personen, die mit Gefühlen füreinander verbunden sind.” (Welter, 136)

Es besteht durchaus eine Nähe zur aristotelischen Theorie der einen Seele in zwei Körpern. Dennoch bleibt die Freundschaft in der gemeinschaftlich-politischen Dimension (Vgl. ebd., 137). Der Freund wird nicht wegen seiner Individualität geliebt, sondern „weil er dem allgemeinen Ideal der Mannestugend und der am römischen Staatsleben orientierten Pflicht entspricht.” (ebd.) Freundschaft ist bei Cicero das höchste Gut der Gesellschaft und setzt die Bildung eines guten Charakters voraus, Freundschaft wird daher erst durch Bildung ermöglicht. Die Freundschaft wird nicht aus Nutzen geschlossen, ein Nutzen kann aber durchaus daraus gezogen werden. Die Freunde bleiben dabei jedoch zwei getrennte Personen und verschmelzen nicht. Dazu kommt, dass man, laut Cicero, von einem Freund nur das fordern soll, was man bereit ist, dem anderen zu geben. Dieses Konzept wird später bei Montaigne noch intensiver, denn man kann diesem nicht mehr gerecht werden, da man mehr geben möchte als man hat. Freundschaft gilt als Idee des Gemeinwesens, jeder, der Teil einer Freundschaft ist, ist am Gemeinwesen und dem Staat orientiert. (Vgl. ebd., 138). Nach Cicero kann Freundschaft auch vergehen, nämlich dann, wenn der Freund einem in seinem guten Charakter nicht mehr entspricht. Er schließt somit auch keine Konflikte aus. Zusammenfassend lässt sich daher über Ciceros Freundschaftsbegriff sagen, dass ihm zufolge die Freundeswahl rein rational geschehen soll. Es gibt keine Schicksalsbegegnung, aus der eine vollkommene Freundschaft hervorgeht. Man soll daher auch erst über einen Menschen urteilen, bevor man eine (vollkommene) Freundschaft mit ihm eingeht. „Und ebendarum - man muß es nämlich öfters sagen - darfst du erst nach dem Urteil lieben, nicht, wenn du schon liebgewonnen, erst urteilen.” (Cicero, 36)

3.2 Montaigne (1533-1592)

Freundschaft scheint ein relativ zentrales Thema in Montaignes Leben gehabt zu haben, da es in verschiedenen Essays erwähnt wird. So geht es ebenfalls in De trois commerces teilweise um Freundschaft. Zentraler steht das Thema sogar noch in einem seiner Essays, das ganz und gar dem Thema gewidmet ist und daher passend den Titel De L'Amitié trägt. In diesem Essay geht es um Montaignes Freundschaft zu Etienne de la Boétie, welche nach Montaigne eine ganz besondere Freundschaft war, die jedoch nur von relativ kurzer Dauer war, da Etienne nur sechs Jahre nach deren ersten Begegnung verstarb. Im Folgenden soll der Freundschaftsbegriff nach Montaigne analysiert werden. Dazu wird der Essay in drei Teile unterteilt: die Einleitung des Essays, der Hauptteil (untergliedert in außerfreundschaftliche Verbindungen und die vollkommene Freundschaft) und den Abschluss des Essays.

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Montaignes "De L'Amitié". Eine Analyse des Freundschaftsbegriffs im Wandel der Zeit
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Institut für Romanische Sprachen und Literaturen)
Veranstaltung
Montaigne - Les Essais
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
19
Katalognummer
V309887
ISBN (eBook)
9783668082182
ISBN (Buch)
9783668082199
Dateigröße
431 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Montaigne, Freundschaft, Freundschaftsideale, De L'Amitie, Les Essais, Romanistik, Französisch, Literaturwissenschaft, Literatur vor 1800, Literaturgeschichte
Arbeit zitieren
Anja Freiberg (Autor), 2014, Montaignes "De L'Amitié". Eine Analyse des Freundschaftsbegriffs im Wandel der Zeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/309887

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