Die Lebenssituation asylsuchender, alleinstehender Mütter und ihrer Kinder in Deutschland und der Einfluss staatlicher Maßnahmen

Eine Handlungsempfehlung


Bachelorarbeit, 2015
51 Seiten, Note: 2,3
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der Wandel des Familienbildes in der Bundesrepublik Deutschland vom 18. Jahrhundert bis heute
2.1 Genderspezifische Rollenverteilung vom 18. Jahrhundert bis heute
2.2 Familienformen und gesellschaftlicher Wandel vom 18. Jahrhundert bis heute

3 Alleinerziehende in prekären Lebenslagen
3.1 Begriffsbestimmung
3.2 Lebenssituation Alleinerziehender in prekären Lebenslagen

4 Migration und Flucht nach Deutschland
4.1 Zuflucht über Asyl. Gründe und Verfahren
4.2 Aktuelle Statistik der Einwanderungen und Asylanträge

5 Restriktive Maßnahmen / Rechtsgrundlage
5.1 Asylbewerberleistungs-, Asylverfahrens- und Aufenthaltsgesetz
5.2 Die Gesetzgebung und ihre Bedeutung für Betroffene

6 Mögliche Auswirkungen restriktiver Maßnahmen auf die Lebenssituation alleinerziehender, asylsuchender Mütter anhand eines Fallbeispiels
6.1 Die Lebenssituation im Kontext der Wohnsituation einer kommunalen Gemeinschaftsunterkunft und Auswirkung restriktiver Maßnahmen auf die Gesundheit
6.2 Einfluss restriktiver Maßnahmen auf das Wohl des Kindes

7 Aktuelle Forschungssituation

8 Handlungsempfehlungen

9 Fazit

Literatur

„͙in Deutschland muss eine Mutter ihr Kind schützen“, aber wie kann es dann sein, dass man sie dann so schlecht behandelt? „Wie kann man eine Mutter zerstören und dann gleichzeitig erwarten, dass es dem Kind gut geht?“ (Interview Projektbericht S. 39, Zeile 726)

1. Einleitung

Das Familienbild in der Bundesrepublik Deutschland unterliegt seit jeher einem Wandel. Dieser Wandel zeichnete sich insbesondere seit dem 18. Jahrhundert ab und wurde stets durch die Weiterentwicklung der jeweilig vorherrschenden Gesellschaft beeinflusst. Zu Beginn der Ba- chelorarbeit wird dabei die Rolle der Frau in der Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland untersucht und dargestellt. Der Schwerpunkt der Betrachtung liegt hierbei auf der genderspezi- fischen Rollenverteilung und ihrer Bedeutung für das gesellschaftliche Verständnis. Hierfür wird eine zeitliche Betrachtung von 1965 bis heute herangezogen, um die verschiedenen Familien- formen im Kontext gesellschaftlichen Wandels abzubilden. Entscheidend sind dabei die daraus resultierenden Herausforderungen der heutigen Zeit, gekoppelt an die Selbstbestimmtheit und Eigenverantwortung der Menschen. Im Anschluss wird die besondere Familienform der allein- erziehenden Frauen behandelt. Da davon ausgegangen werden muss, dass gerade die Gruppe der Alleinerziehenden erschwerten Bedingungen begegnen, wird der Fokus hierbei auf Alleiner- ziehende in prekären Lebenslagen gelegt. Es wird dabei der Frage nachgegangen, inwieweit Her- ausforderungen in der Lebensbewältigung für Alleinerziehende bestehen.

Darauf aufbauend wird die aktuelle Situation von Asylbewerber_Innen in Deutschland unter- sucht. Migration und Flucht nach Deutschland stellen für Asylbewerber_Innen oftmals eine Be- lastung dar, die sie erdulden müssen. Die aktuelle Situation ist daher für den weiteren Verlauf entscheidend, zumal auch während des Asylantragverfahrens Schwierigkeiten und Probleme entstehen können. Aus wissenschaftlicher Sicht wird dieser Teil durch Statistiken und aktuelle Zahlen begleitet, die die Ausführungen belegen; Hauptbestandteil bildet hier der Migrationsbe- richt 2012. Einerseits spielen die Fluchtgründe, andererseits die jeweilige Vorgeschichte der Per- son selbst eine wichtige Rolle im Aufnahmeverfahren. Hierfür wird das Asylverfahrensgesetz vorgestellt, um gerade diese Schwierigkeiten im Aufnahmeverfahren zu untersuchen. Es handelt sich dabei im Wesentlichen um sogenannte restriktive Maßnahmen, die gegenüber asylsuchen- den Menschen verhängt werden. Eine vereinfachte Darstellung der Rechtsgrundlagen und Ge- setze soll hierbei zur Verdeutlichung Argumente liefern, dass von restriktiven Maßnahmen sei- tens des Staates auszugehen ist. Ebenso werden die im Prozess zur Verfügung gestellten Geld- und Sachleistungen benannt, die die Asylsuchenden während des Verfahrens unterstützen sollen.

An dieses Kapitel anschließend wird der für diese Arbeit entscheidenden Frage nachgegangen, inwiefern restriktive Maßnahmen durch den Staat Deutschland die Lebenssituation alleinerzie- hender, asylsuchender Mütter und das Wohl der jeweiligen Kinder beeinflussen. Ebenfalls wird betrachtet, inwieweit diese alleinerziehenden asylsuchenden Mütter in ihrer Bewältigung der Lebenssituation und aus gesundheitlicher Sicht beeinträchtigt werden. Die aktuelle Forschungs- situation zeigt hierbei erhebliche Defizite bezüglich asylsuchender, alleinerziehender Frauen, was den Anschein erweckt, dass die Bedeutung dieser Problematik noch nicht einwandfrei er- kannt wurde. Daher werden als theoretische Grundlage verschiedene Zitate aus einem

Fallbei-spiel des Projekts „Flucht und Asyl in Oldenburg“ von 2012 bis 2014 verwendet, um die Ausführungen zu untermauern.

Den Abschluss dieser Arbeit bilden aus den Forschungsergebnissen gezogene Handlungsempfehlungen, die darauf abzielen, Verbesserungen für die Lebenssituation betroffener asylsuchender alleinerziehender Mütter vorzuschlagen. Am Ende dieser Arbeit wird das Fazit die Ergebnisse zusammentragen und weitere Ansatzpunkte für fortlaufende Forschungsprojekte sowie Lücken und weitere Forschungsrichtungen werden vorgestellt.

2. Der Wandel des Familienbildes in der Bundesrepublik Deutschland und die gender- spezifische Rollenverteilung vom 18. Jahrhundert bis heute

Der Begriff Familie ist für sozialwissenschaftliche Untersuchungen aufgrund seiner historischen Wandelbarkeit und ideologischen Befrachtung nur sehr begrenzt geeignet. (Schneider 2012: Was ist Familie?) Aus überliefertem Verständnis wird ein Ehepaar, das mit eigenen Kindern gemeinsam in einem Haushalt lebt als Familie bezeichnet. Robert Schneider von der Bundeszentrale für politische Aufklärung nennt 5 Merkmale, die gegeben sein müssen:

1. Das Vorhandensein von zwei Generationen
2. und von zwei Geschlechtern
3. Die Ehe des Elternpaares
4. verwandtschaftliche Beziehungen zwischen den Familienmitgliedern
5. eine Haushalts- und Wirtschaftsgemeinschaft.

(Schneider 2012: Was ist Familie?)

Ihren Höhepunkt hatte die moderne Familienentwicklung in den späten 1950er und frühen 1960er Jahren. Der Großteil der Bevölkerung sah die Ehe als eine verbindliche und beständige Verbindung an. Jeder Mensch war in dieser Zeit nicht nur berechtigt, sondern auch in gewisser Hinsicht zur Eheschließung verpflichtet. (Peuckert 2012: 16) Dieses bürgerliche Familienleitbild hatte eine starke normative Verbindlichkeit und Akzeptanz in der Gesellschaft, es manifestierte sich auch auf der Ebene des Verhaltens und verwirklichte sich in der Gesellschaft beinahe umfassend. Es wurde zur dominanten Familienform, zur Normalfamilie. (Peuckert 2012) Das Leitbild der modernen bürgerlichen Familie galt als Vergleichsmaßstab für die Veränderung der Lebensformen. (Peuckert 2012: 20) Die Lebensform Familie wurde unter den besonderen Schutz des Staates gestellt, indem sie in der Bundesrepublik Deutschland im Grundgesetz verankert (GG Art. 6) wurde. So dominant wie Mitte der 50er bis Mitte der 60er war eine Form von Familie in Deutschland nie zuvor. (Peuckert 2012: 17) Diese Zeitspanne wurde daher auch als „Golden ge of marriage“ bezeichnet͘ Es war die Blütezeit der ehelichen Kernfamilie͘ (Schneider 2012) Nach Peuckert war der Vorläufer dieses Familienbildes die moderne, bürgerliche Kleinfamilie. Als Kleinfamilie verstand man die lebenslange, monogame Ehe zwischen einer Frau und einem Mann, die mit gemeinsamen Kindern in einem Haushalt lebten. Der Mann übernahm die Rolle der Autoritätsperson und des Haupternährers der Familie und die Frau erzog die Kinder und führte den Haushalt; dies war in Westdeutschland selbstverständlich und wurde von dem größ- ten Teil der Bevölkerung ohne es zu hinterfragen, gelebt. (Peuckert 2012)

Das war nicht immer so, denn vor und zu Beginn der Industrialisierung hat es bereits eine große Vielfalt familialer Lebensformen gegeben. Alle heute auftretenden Lebensformen haben in der Geschichte praktisch schon einmal existiert. Sie sind hinsichtlich der Lebenslage der Menschen und ihrer kulturellen Bedeutung, mit den heute existierenden Lebensformen allerdings nur be- grenzt vergleichbar. Familien waren also größtenteils Produktionsstätten. Am wichtigsten und am weitesten verbreitet, insbesondere für die bürgerliche und handwerkliche Lebensweise war bis zur Industrialisierung im 19͘ Jahrhundert die zu dem Zeitpunkt typische Sozialform des „gan- zen Hauses“͘ Ihr Hauptmerkmal ist die Einheit von Produktion und Familienleben gewesen. Das „ganze Haus“ bestand aus verwandten Familienangehörigen, nicht verwandten Mitgliedern des Hauses, Knechten und Mägden oder Gesellen und Lehrlingen. Sie alle standen hierarchisch unter dem Hausvater. Bei der Wahl des Partners waren finanzielle Gründe wie beispielsweise Arbeits- kraft und Mitgift der Frau entscheidend, Gefühle standen hierbei nicht im Vordergrund. Das „ganze Haus“ erfüllte zahlreiche, gesellschaftlich erforderliche Funktionen, wie Produktion, So- zialisation, Alters- und Gesundheitsvorsorge. Kinder wurden als potenzielle Arbeitskräfte be- trachtet und behandelt. (Peuckert 2012)

Im Verlauf der Industrialisierung breitete sich die kapitalistische Produktionsweise aus, Arbeitsund Wohnstätte trennte sich und die Sozialform des „ganzen Hauses“ verlor ihre Bedeutung.. Auf der Grundlage eines gesellschaftlichen Differenzierungsprozesses bildete sich die bürgerliche Familie als „Normalfamilie“ heraus͘ Im gebildeten und wohlhabenden Bürgertum konnten Frauen und Kinder von der Erwerbstätigkeit freigestellt werden. (Peuckert 2012: 18) Die „Normalfamilie“ war das Vorläufermodell der modernen Familie.

Mit dem Aufstieg des Bürgertums bildete sich die privatisierende Kleinfamilie heraus. Mit dem Rückgriff auf den literarischen Diskurs gegen Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich das „Ideal der romantischen Liebe“ als kulturelles Leitbild͘ Die „romantische Liebe“ bestand in der Verbindung zweier Menschen, wobei das Paar im Mittelpunkt steht. Es geht im Gegensatz zum Leitbild des „ganzen Hauses“ um Gefühle und Glück des Paares und nicht um geistige Überein- stimmung und Vernunft. Mann und Frau galten als gleichwertig und ihre Beziehung war durch Dauerhaftigkeit und Exklusivität geprägt. (ebd.) Träger dieses Ideals der romantischen Liebe war das Bürgertum. Die Liebesheirat wurde zum kulturellen Leitbild des Bürgertums. Ende des 19. Jahrhunderts greift diese normative Orientierung am bürgerlichen Familienleitbild zunehmend auf alle Schichten über. Da es bis zu den 1930er Jahren für die Mehrheit der Bevölkerung jedoch keine deutlichen Verbesserungen des Lebensstandards gab, konnten sich lediglich privilegierte, bürgerliche Schichten am bürgerlichen Familienleitbild orientieren. Veränderungsprozesse der 1950er und 1960er Jahre waren ausschlaggebend für die Generalisierung des modernen, am Bürgertum angelehnten Familienmusters. (ebd.)

Die Beziehungen, die im „ganzen Haus“ vor allem durch ökonomische nforderungen bestimmt waren, sind zugunsten emotionaler Verbindungen zurückgetreten. Im Mittelpunkt standen von da an die Befriedigung subjektiver Bedürfnisse nach persönlicher Nähe, Geborgenheit, Sexualität, Intimität und sozialisatorischen Leistungen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Abb. 1: Eheschließungen, Eheschließungen je 1000 Einwohner: Deutschland, Jahre. Statistisches Bundesamt Wiesbaden 2015)

Kindheit wird seitdem als spezielle Entwicklungsphase betrachtet, die von Eltern durch Zuwen- dung und Förderung begleitet wurden.

In den 50er und 60er Jahren hat sich die Gesellschaft in eine öffentliche und eine private Lebenssphäre geteilt: Die Frau war für die innerhäusliche Sphäre zuständig, der Mann für die außerhäusliche Sphäre. Ab Mitte der 1960er begann sich dieses Leitbild grundlegend zu ändern, was aufgrund des „demografischen Wandlungsprozesses“ geschah. Dies entsprach einer Neudefinition der Geschlechtsrollen. (Peuckert 2012: 17)

Diese Statistik des Statistischen Bundesamtes Wiesbaden zeigt deutlich den Rückgang der Ehe- schließungen von 1950 bis 2015. Die Gründe dafür sind vielfältig: Im Jahr 1964 kam es zum de- mografischen Bruch: Der „Babyboom“ hatte 1964 seinen Höhepunkt mit 1,4 Millionen Lebend- geburten, die Geburtenzahl ging ab dann bis Mitte der 1970er Jahre um eine halbe Million deut- lich zurück. (Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung 2011: S. 30) In den 1920er und 1930er Jahren gab es schon ein hohes Ausmaß an Kinderlosigkeit. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts hat der Rückgang der Geburtenzahl in Deutschland begonnen, unterbrochen wurde nur durch den sogenannten „Baby Boom“ in den 1950er und 1960er Jah- ren. (Peuckert 2012: S. 17) Der Geburtenrückgang wurde durch Entkopplung von Heirat und Fer- tilität begleitet. (Peuckert 2012: S. 17) Die Einstellung zu Ehe und Familie veränderte sich, 1970 wurde die Anti-Baby Pille eingeführt und die Zahl der Geburten ging immer weiter zurück (ebd.), wie in folgender Abbildung des Statistischen Bundesamtes Wiesbaden deutlich wird.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Geburten in Deutschland. Statistisches Bundesamt Wiesbaden 2012

Gegen Ende der 1960er begann ein Widerstand durch Studenten- und Frauenbewegungen in Form von Aufständen gegen die traditionellen Strukturen.

Die Frauenbewegung forderte Gleichberechtigung, sie wollte eine neue Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern, mehr berufliche Gleichberechtigung und Selbständigkeit. (Beck-Gernsheim 2010: 17f) 1975 wurde das Familienrecht reformiert, die Ehepartner sollten nun selbst entscheiden, wie der Haushalt geregelt wird:

„Die Ehegatten regeln die Haushaltsführung in gegenseitigem Einvernehmen“ (§1356 BGB) Dieser Wandlungsprozess hatte große Auswirkungen auf das Familienleitbild: Es war nicht mehr deutlich, wer Familie ist und was Familie ausmacht und auch nicht, welche Formen von Beziehung nun als Familie zu bezeichnen sind, welche vom Leitbild der Normalfamilie abweichen und wer finanzielle Unterstützung vom Staat erhält. (Beck-Gernsheim 2010: 17) Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die Herausbildung der bürgerlichen Familie als „Normalfamilie“ als das Resultat eines funktionalen Differenzierungsprozesses von Gesellschaft betrachtet werden kann. (Peuckert 2012)

2.1 Genderspezifische Rollenverteilung vom 18. Jahrhundert bis heute

Bis ins 20. Jahrhundert hinein übte der Vater die traditionelle Rolle des Familienoberhauptes aus͘ Im „ganzen Haus“ in der vorindustriellen Zeit ist die Frau dem Mann untergeordnet gewe- sen, sie versorgte nicht nur die Kinder und den Haushalt dieser besonderen Arbeits- und Wohn- gemeinschaft, sondern arbeitete zudem mit im Betrieb. Emotionale und sexuelle Beziehungen spielten eine nachgeordnete Rolle. Im Verlauf der Industrialisierung setzte sich zunächst im ge- bildeten und wohlhabenden Bürgertum das Ideal der bürgerlichen Familie durch. Die Liebe wurde zum zentralen Grund der Heirat und Kindheit zur eigenständigen Lebensphase. Die Ge- sellschaft spaltete sich in eine öffentliche und private Lebensphase, dadurch kam es zu einer Neudefinition der Geschlechterrollen. (Peuckert 2012) Die Frau war nun für den innerhäuslichen Bereich zuständig, aber ihre Stellung war ambivalent. Das heißt, sie war dem Mann zwar einer- seits tendenziell gleichgestellt, aber andererseits wurde sie als „Gefühlsspezialistin“ in den häus- lichen Bereich gedrängt. (Peuckert 2012: 28)

Das bedeutete, dass die Frau für die familiären und mütterlichen „emotional-affektiven“ Bedürfnisse zuständig war und häusliche Verpflichtungen erledigte. Dem Mann hingegen unterlagen die „ ußenbeziehungen und die instrumentellen spekte des Familienlebens, er vertrat damit die Familie nach außen“ (Peuckert 2012: 17). Dies entsprach einer Neudefinition der Geschlechtsrollen. (Peuckert 2012)

Das bürgerliche Familienideal setzte sich universell durch und hatte seinen Höhepunkt in den 1950er und 1960er Jahren. Im Verlauf des 20. Jahrhunderts verlor die Rolle des Vaters als Fami- lienoberhaupt immer mehr an Bedeutung. Verantwortlich dafür war die zunehmende Erwerbs- tätigkeit der Frau, denn durch den eigenständigen Gelderwerb wurde die Frau selbstständiger und finanziell unabhängiger. In Folge der Bildungsexpansion in den 1970er Jahren kam es zu einer Angleichung der Bildungschancen junger Frauen. Als Folge davon stieg die Zahl der Er- werbsbeteiligung der Frauen und alternative Ehe- und Familienformen breiteten sich aus. Der Individualisierungsprozess griff auf den weiblichen Lebenslauf über und die traditionellen Ge- schlechtsrollen verloren an Geltung und Überzeugungskraft. (Peuckert 2012: 405) Frauen keh- ren immer häufiger und früher nach der Geburt ihres Kindes in den Beruf zurück und die Nichter- werbstätigkeit begrenzt sich immer mehr auf die Familienphase, in der die Kinder noch nicht zur Schule gehen. Da es den typischen weiblichen Lebensplan nicht mehr gibt, befinden sich junge Frauen heute in einer widersprüchlichen Situation. Familienleitbilder sind stärker von Ambiva- lenzen und Inkonsistenzen geprägt. Frauen tragen eine stärkere Verantwortung, sie müssen im- mer noch Familie und Beruf vereinen, auch wenn beide Ehepartner berufstätig sind. (Peuckert 2012)

2.2 Familienformen und gesellschaftlicher Wandel vom 18. Jahrhundert bis heute

Das statistische Bundesamt definiert Lebensformen wie folgt:

„Grundlage für die Bestimmung einer Lebensform sind soziale Beziehungen zwischen den Mitgliedern eines Haushalts. Eine Lebensform kann aus einer oder mehreren Personen bestehen. Die privaten Lebensformen der Bevölkerung werden im Mikrozensus grundsätzlich entlang zweier "Achsen" statistisch erfasst: Erstens der Elternschaft und zweitens der Partnerschaft. Entsprechend dieser Systematik zählen zu den Lebensformen der Bevölkerung Paare mit und ohne ledige Kinder, allein erziehende Elternteile mit Kindern sowie allein stehende Personen ohne Partner und ledige Kinder.“(Statistisches Bundesamt Wiesbaden: Lebensformen)

Die Familie ist soziologisch betrachtet, schon immer von besonderem Interesse gewesen. Einerseits gilt sie als Sozialisationsinstanz für den Menschen, andererseits als Reproduktionsinstanz für die Gesellschaft. Es gibt zahlreiche Definitionen von Familie und damit verbundenen Theorien. (Fischer 2011. In: Meier-Braun und Weber 2013: 138)

Im vorherigen Kapitel sollte nicht nur die Veränderung des Familienbildes vom 18. Jahrhundert bis heute aufgezeigt werden, sondern auch, dass es nicht die einzig „natürliche“ und richtige Familienform gibt. Es kann somit deutlich gemacht werden, dass jene Familienform, die als tra- ditionell bezeichnet wird, nicht schon immer in der Geschichte der Menschheit existiert hat. Die sogenannte „traditionelle“ Familie hat sich erst spät herausgebildet͘ Ihre Blütezeit hatte die so- genannte Kernfamilie zwischen den 1950er und 1960er Jahren. (Beck-Gernsheim: 2010)

Bis heute gibt es keine Rückkehr zur bürgerlichen „Normalfamilie“, einige Gruppen in der Ge- sellschaft leben das traditionelle Leitbild von Familie weiter, andere wiederum entscheiden sich dagegen. (Beck-Gernsheim 2010: 17) Als Vergleichsmaßstab für den Lebensformenwandel gilt das Leitbild der modernen bürgerlichen Familie. (Peuckert 2012: 20)

Bereits im 19. Jahrhundert hat es unterschiedlichste Lebensformen gegeben, wie im vorherigen Kapitel dargestellt. Darüber hinaus wurde ebenso deutlich, dass es kein einheitliches Bild von Familie gibt. Der Begriff kann nicht klar definiert werden, denn Familie wird unterschiedlich gestaltet. Im 19. Jahrhundert handelte es sich hauptsächlich um Wirtschafts- und Arbeitsgemeinschaften mit festen Aufgabenbereichen, die im Gegensatz zu heute wenig Raum zur freien Entfaltung geboten hatten. (Bretag et al. 2007)

Seit dem 19͘ Jahrhundert hat die Bedeutung traditioneller „Kultur“ und ständischer Differenzie- rung stark abgenommen. Das bürgerliche Familienideal hat sich etabliert und soziale Beziehun- gen in Familien waren nicht mehr durch ökonomische Interessen geprägt. Die Produktion hatte sich vom Haushalt getrennt und Kinder wurden nicht mehr gezeugt, um die materielle Grund- lage zu sichern. Nach dem demografischen Bruch 1964 begann sich die Bevölkerung zu individu- alisieren, dies ist an den zahlreichen Wandlungsprozessen abzulesen. (Peuckert 2012: 17) Mit steigenden Scheidungsraten, der Forderung der Frauen nach Gleichberechtigung in den 1970er Jahren, dem Rückgang der Geburten- und Eheschließungszahlen, der Einführung der Antibaby- pille und die Auflösung der Deutschen Demokratischen Republik seien nur einige Beispiele ge- nannt, die für den Wandlungsprozess eine bedeutende Rolle spielen. Die Institution Ehe hat also mittlerweile an Selbstverständlichkeit verloren. Das ist nicht nur an den Eheschließungszahlen zu erkennen, sondern auch an dem Anstieg alleinwohnender, partnerloser und nichtehelich zu- sammenlebender Personen, sowie getrennt zusammenlebender Paare und Alleinerziehender. (Peuckert 2012: 77)

Pluralisierung von Lebensformen:

Nach Peuckert ist die Pluralisierung eine gleichmäßigere Verteilung der Bevölkerung auf unter- schiedliche Lebensformen. Lebensformen gründen auf sozialen, zwischenmenschlichen Bezie- hungen und werden zwischen Paarbeziehungen und der Elternschaft voneinander unterschie- den. 1996 wurden durch den Mikrozensus Lebensformenkonzepte eingeführt, die sich wie folgt unterschieden werden:

- Ehepaare mit und ohne Kinder
- Nichteheliche Lebensgemeinschaften mit und ohne Kinder (darunter gleichgeschlechtli- che Lebensgemeinschaften und davon seit 2006 eingetragene Lebenspartnerschaften)
- Alleinerziehende
- Alleinstehende (darunter Alleinlebende) (Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung 2015: Le- bensformen)

„Alle Lebensformen mit ledigen Kindern im Haushalt werden - unabhängig vom Alter der Kinder - im Mikrozensus zu den familialen Lebensformen (Familien) gezählt, alle Lebensformen ohne Kinder zum Nichtfamiliensektor.“ (Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung 2015:Lebensformen )

Die Traditionsbiografie, die sich durch eine langfristige Beziehung auszeichnet, wurde durch Ket- tenbiografie abgelöst, welche sich durch mehrere, längere oder kürzere, feste Beziehungen in Folge auszeichnet. Lebensformen lassen sich nicht definieren, weil sie so unterschiedlich sind. (Peuckert 2012: 160)

Der Beziehungswechsel zwischen Menschen im Lebenslauf nimmt von Generation zu Genera- tion weiter zu. Die Anteile von nichtehelichen Lebensgemeinschaften und von Alleinlebenden haben auf Kosten der Ehe zugenommen. Der Wechsel zwischen Lebensformen ist mit individu- ellen Vor- und Nachteilen verbunden. (Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung 2015: Lebens- formen)

Früher gab es kaum Wahlmöglichkeiten in Privat- und Berufsleben, wie in diesem Kapitel deut- lich wurde. Die Versorgung von der Wiege bis zur Bahre, verbunden mit dem Arbeitskollektiv in Fabrik oder Landwirtschaft, wie es beispielsweise zu Zeiten des ganzen Hauses oder der Indust- rialisierung der Fall war, löst sich nun auf. Heutzutage tragen Menschen selbst die Verantwor- tung für ihr eigenes Leben. Die neuen Lebensformen lösen die alten, durch Religion, Tradition oder durch den Staat zugewiesenen Lebensformen ab. Früher wurde man in die traditionelle Gesellschaft hineingeboren, in der modernen westlichen Gesellschaft muss man für die neuen Vorgaben etwas tun und sich aktiv bemühen. Heutzutage muss der Mensch sich täglich in der Konkurrenz um begrenzte Ressourcen durchsetzen. Nun müssen Chancen, Risiken und Unsicher- heiten der Biographie, die früher im Verbund der Familie, in der Dorfgemeinschaft, im Rückgriff auf ständische Regeln oder soziale Klassen definiert waren, von jedem einzelnen Menschen selbst wahrgenommen werden͘ Die „neue“ Freiheit der modernen, westlichen Gesellschaft ist mit Problemen, wie Unsicherheiten und Risiken verbunden. (Beck; Beck-Gernsheim 2015)

Eine Lebensform, die davon besonders betroffen ist, weil sie allein überlegen, planen oder handeln müssen, ist die der Alleinerziehenden; diese wird daher im folgenden Kapitel in den Fokus genommen und erläutert.

3. Alleinerziehende in prekären Lebenslagen

Eine Lebensform, die immer häufiger auftritt, ist die der Alleinerziehenden. Da es unterschiedlichste Begriffsklärungen von Alleinerziehenden gibt, wird sich hier auf den Begriff des Mikrozensus des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung gestützt:

Mütter und Väter, die gemeinsam mit mindestens einem minderjährigen Kind, aber ohne Ehepartner oder Lebenspartner in einem gemeinsamen Haushalt leben, sind als Alleinerziehende zu verstehen. Sie zählen zu den Familien, da diese Zuordnung auf der Eltern-Kind-Gemeinschaft im Haushalt beruht. Die Zahl der Alleinerziehenden wächst seit Jahren, viele von ihnen befinden sich in prekären Lebenslagen, tragen allein die Verantwortung für Familie und Beruf und sind häufiger von Armut und Krankheiten betroffen. (Statistisches Bundesamt Wiesbaden: Alleinerziehende in Deutschland. Ergebnisse des Mikrozensus 2009)

Zunächst soll der Begriff „alleinerziehend“ erläutert werden. Im Anschluss wird auf die Situation Alleinerziehender in prekären Situationen eingegangen.

3.1 Begriffsbestimmung

„Die amtliche Statistik definiert Alleinerziehende primär als Mütter oder Väter, die ohne Ehe oder Lebenspartnerin bzw. -partner mit mindestens einem ledigen Kind unter 18 Jahren in einem Haushalt zusammenleben. (Statistisches Bundesamt Wiesbaden: Alleinerziehende in Deutschland. Ergebnisse des Mikrozensus 2009)

Unerheblich ist dabei, wer im juristischen Sinn für das Kind sorgeberechtigt ist. Im Vordergrund steht [͙΁ der aktuelle und alltägliche Lebens- und Haushaltszusammenhang. Aus diesem Grund wird auch nicht zwischen leiblichen, Stief-, Pflege- und doptivkindern unterschieden.“ (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2012: Alleinerziehend in Deutschland - Lebenssituation und Lebenswirklichkeiten von Müttern und Kindern)

Demnach gilt als alleinerziehend, wer seine minderjährigen leiblichen und/oder nicht-leiblichen Kinder dauerhaft allein erzieht und unter anderem allein für das Einkommen sorgt. Alleinerzie- hende sind keine homogene Gruppe. (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Ju- gend 2012: Alleinerziehend in Deutschland - Lebenssituation und Lebenswirklichkeiten von Müt- tern und Kindern) Es gibt unterschiedliche Definitionen dieser Ein-Eltern-Familien:

1. Alleinerziehende mit oder ohne Lebenspartner im Haushalt
2. Alleinerziehende, die ohne Ehe- oder Lebenspartner mit ihren Kindern in einem Haushalt leben
3. Alle Mütter bzw. Väter mit ledigen Kindern unter 26 Jahre ohne Ehe- bzw. Lebenspartner im Haushalt

(Peuckert 2012: 346)

[...]

Ende der Leseprobe aus 51 Seiten

Details

Titel
Die Lebenssituation asylsuchender, alleinstehender Mütter und ihrer Kinder in Deutschland und der Einfluss staatlicher Maßnahmen
Untertitel
Eine Handlungsempfehlung
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Note
2,3
Jahr
2015
Seiten
51
Katalognummer
V309908
ISBN (eBook)
9783668082441
ISBN (Buch)
9783668082458
Dateigröße
1373 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Migration, Flucht, Asyl, alleinerziehend, Mutter, restriktive Maßnahmen, Kinder
Arbeit zitieren
Anonym, 2015, Die Lebenssituation asylsuchender, alleinstehender Mütter und ihrer Kinder in Deutschland und der Einfluss staatlicher Maßnahmen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/309908

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Lebenssituation asylsuchender, alleinstehender Mütter und ihrer Kinder in Deutschland und der Einfluss staatlicher Maßnahmen


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden