Die Bewertung junger Unternehmen anhand des Realoptionsverfahrens


Bachelorarbeit, 2015
58 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition: junge Unternehmen
2.1. Gründung und Systematisierung junger Unternehmen
2.2. Charakteristika junger Unternehmen
2.3. Unsicherheiten junger Unternehmen

3. Unternehmensbewertung
3.1. Zweck einer Unternehmensbewertung
3.2. Unternehmensbewertungsmethoden
3.2.1. Unternehmensbewertungsmethoden allgemein
3.2.2. Erfolgsorientierte Unternehmensbewertungsverfahren
3.2.3. Marktorientierte Unternehmensbewertungsverfahren
3.2.4. Kostenorientierte Unternehmensbewertungsverfahren

4. Realoptionsverfahren
4.1. Definition Realoptionen und Realoptionsansatz
4.2. Arten von Realoptionen
4.3. Kennzeichen von Realoptionen
4.4. Bewertung von Realoptionen
4.4.1. Grundannahmen der Bewertung von Realoptionen
4.4.2. Bewertung anhand des Replikationsportfolioansatzes
4.4.3. Prinzip der Risikoneutralen Bewertung
4.4.4. Binomialmodell
4.4.5. Black-Scholes Modell

5. Unternehmensbewertung junger Unternehmen
5.1. Problematik Bewertung junger Unternehmen
5.2. Scheitern bisheriger Bewertungsmethoden
5.3. Bewertung anhand des Realoptionsverfahren

6. Schlussteil

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichni

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Idealtypische Phasen der Unternehmensgründung

Abbildung 2: Anlässe der Unternehmensbewertung

Abbildung 3: Equity- und Entity-Variante des DCF-Verfahrens

1. Einleitung

In den letzten 25 Jahren sind Realoptionen zu einem der sich am schnellsten ent- wickelnden Bereichen der Finanzliteratur geworden. Es gibt zahlreiche Artikel, Bü- cher und Fachzeitschriften zu diesem Thema. Die Überprüfung des methodischen Fortschritts führt zu einem besseren Verständnis der Auswirkungen von Flexibilität auf Firmen- und Projektwerte. Ein besonderer Fokus liegt auf bemerkenswerten Beiträgen, die entweder die Forschung von Realoptionsbewertung vorangebracht oder einen grundlegenden Einblick in den Einsatz von Realoptionen in der Realität gegeben haben.1

Die Wurzeln der Optionspreistheorie sind vor allem den zwei Nobelpreisträgern, Myron Samuel Scholes und Robert Cox Merton zu verdanken.2 Sie zeigten auf, dass der Optionswert von den Kosten zur Absicherung des Risikos abhängig ist. Eine einfache Annäherung an den Optionspreis bietet die binomische Annäherung an den Zufallsprozess. Die Optionspreistheorie nutzt die risikoneutrale Bewertung und fügt das Wahrscheinlichkeitsmaß hinzu, um die Übereinstimmungen mit den Markterwartungen zu erhalten. Das heißt, dass der Optionswert über den risikoneutralen diskontierten Cashflow erhalten werden kann.3

Das Thema Realoptionen wird im Zusammenhang mit der Unternehmensbewertung immer mehr diskutiert, da in den vergangenen Jahren zunehmend die Unzufriedenheit im Zusammenhang mit dem Discounted Cash Flow-Verfahren (DCF) bei akademischen Forschern und Unternehmenspraktikern wuchs.4 Diese Unzufriedenheit bezieht sich vor allem auf die systematische Unterbewertung des Unternehmens auf Grund der nicht berücksichtigten unternehmerischen Flexibilität.5 Aber nicht nur das DCF-Verfahren wurde als unzureichend erachtet, auch andere Unternehmensbewertungsverfahren unterliegen steigender Kritik.6

Eine der Schwierigkeiten der Unternehmensbewertung liegt bei der Auswahl der Unternehmensbewertungsmethode.7 Bei langjährig bestehenden Unternehmen wird meist das DCF-Verfahren als Standardmethode gewählt. Eine erhöhte Schwie- rigkeit weisen in diesem Zusammenhang allerdings junge Unternehmen auf. Diese besitzen bestimmte Charakteristika, welche die Unternehmensbewertung verkom- plizieren. Vor allem die Auswahl einer geeigneten Methode stellt in diesem Zusam- menhang die Herausforderung dar. Dabei sind gerade junge Unternehmen existen- ziell für die europäische Wirtschaft.8 Meist gliedern sich junge Unternehmen in den ersten Phasen der Unternehmensentwicklung in die kleinen und mittleren Unter- nehmen (KMU) ein.9 Diese KMUs bilden mehr als 90 % der Unternehmen in ganz Europa und bieten insgesamt betrachtet mehr Arbeitsplätze als Großunterneh- men.10

In dieser Arbeit soll erörtert werden, durch welche Methoden junge Unternehmen am besten bewertet werden können, indem die gängigen Unternehmensbewer- tungsmethoden sowie das Realoptionsverfahren einzeln betrachtet werden, um diese im Anschluss im Zusammenhang mit jungen Unternehmen zu analysieren. Dabei liegt das Hauptaugenmerk auf dem Mehrwert der Bewertung anhand des Realoptionsverfahren junger Unternehmen. Herauszufinden ist, warum junge Un- ternehmen vorzugsweise anhand des Realoptionsverfahren anstatt der gängigen Unternehmensbewertungsmethoden bewertet werden sollen. Weiterhin wird analy- siert, warum die Bewertung junger Unternehmen sich als schwierig erweist. Dabei soll die immer wiederkehrende These, dass die aktuell verwendeten Unterneh- mensbewertungsmethoden unzureichend sind, auf deren kausalen Hintergrund un- tersucht werden.

Vorgegangen wird in dieser Arbeit rein theoretisch, das heißt ohne das Erheben empirischer Daten. In einem ersten Schritt soll geklärt werden, wie junge Unterneh- men definiert werden, indem erarbeitet wird, wie diese gegründet und als junge Un- ternehmen eingestuft werden. Betrachtet werden dabei die Charakteristika dieser jungen Unternehmen, vor allem das Charakteristikum der Unsicherheit. Im zweiten Schritt wird die Unternehmensbewertung definiert. Diese beinhaltet die verschiede- nen Zwecke sowie eine Definition der jeweiligen Bewertungsmethoden. Im dritten Schritt werden Realoptionen betrachtet, indem sie definiert werden und geklärt wird, welche unterschiedlichen Arten vorhanden sind. Danach werden die unter- schiedlichen Klassifizierungen dargelegt und erläutert, wie die Berechnung des Realoptionsansatzes erfolgt. In einem letzten Schritt werden die vorab gesammel- ten Erkenntnisse zusammengeführt, indem jede Bewertungsmethode im Zusam- menhang mit der Bewertung junger Unternehmen kritisch betrachtet und die Pro- blemstellungen der jeweiligen Methode dargelegt wird. Kernpunkt der Arbeit stellt die Zusammenführung der Bewertung junger Unternehmen mit dem Realoptions- ansatz dar.

2. Definition: junge Unternehmen

2.1. Gründung und Systematisierung junger Unternehmen

Unternehmen sind ein marktwirtschaftliches Phänomen. Sie sind durch das Autonomieprinzip und die Gewinnmaximierung gekennzeichnet.11

Junge Unternehmen sind dabei Unternehmen in der Neugründungsphase. Die Gründung an sich wird nicht als zeitpunkbezogenes, sondern als zeitraumbezoge- nes Ereignis definiert. Dadurch wird immer ein Zeitraum betrachtet und nicht nur ein bestimmter Zeitpunkt. Die Unternehmensgründung besteht aus vielen aufeinan- der aufbauenden Prozessen. Der Gründungsprozess ist in mehrere Phasen aufge- teilt. Die erste Phase nennt sich Early Stage Phase, die sich in die Seed Phase und die Start up Phase aufteilt. Die Seed Phase wird auch als Informations-, Orientie- rungs- und Konzeptionsphase bezeichnet. Ziel dieser Phase ist die Aufstellung ei- nes Unternehmenskonzeptes, mit Aussagen über beispielsweise Rechtsform oder Standort. In der Start up-Phase erfolgt die juristische Gründung sowie die Beschaf- fung der Produktionsfaktoren. In dieser Phase werden erstmals Produkte herge- stellt. Nach der Early Stage-Phase folgt die First Stage-Phase, in der einerseits die Existenzsicherung und -festigung und andererseits die Unternehmensentwicklung im Fokus stehen.12

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 : Idealtypische Phasen der Unternehmensgründung Quelle: In Anlehnung an Arnold (1997), S. 26

Ausgangspunkt der Systematisierung junger Unternehmen ist die Frage, ob ein Un- ternehmen bereits besteht.13 Dieses Kriterium wird als Strukturexistenz bezeich- net.14 Dabei spielen die Begriffe Strukturbeschaffung und -veränderung eine wichti- ge Rolle.15 Aus diesen beiden Begriffen folgt die Unterscheidung in originäre und derivative Gründung.16

Derivative Gründungen sind Strukturveränderungen. Hier werden junge Unterneh- men auf bestehenden Strukturen aufgebaut. Dies entsteht durch Eigentümerwech- sel, Teilausgliederungen oder Zusammenführungen von Unternehmen. Auf Grund der bestehenden Strukturen und dem Zugang zum Markt besteht eine sogenannte Pfadabhängigkeit. Die Strukturen und die Erfahrungen sind bereits geprägt. Die Konzeption des Unternehmens wurde bereits am Markt getestet. Somit zählen deri- vative Gründungen nicht als junge Unternehmen. Originäre Gründungen hingegen sind Großprojekte, die aus bestehenden Unternehmen oder durch Risikokapital fi- nanzierte Neugründungen von Unternehmen entstehen. Diese Neugründungen sind durch Risikokapital oder Business Angels finanziert und gelten als sehr inno- vative Geschäftskonzepte, die auf Grund ihrer fehlenden Etablierung keine Bank- kredite erhalten können.17

Des Weiteren werden Unternehmen in Existenzgründungen und Unternehmens- gründungen unterschieden.18 Das Hauptaugenmerk liegt hierbei im Wachstumspo- tential.19 Existenzgründungen umfassen eher Kleingewerbe; Unternehmensgrün- dungen hingegen sind eher innovative Unternehmen.20 Dabei sollte geklärt sein, was genau Innovationen sind.21 Der Ursprung des Wortes Innovation entstammt dem lateinischen „innovatio“, das frei übersetzt „Neuerung“ bedeutet.22 Im heutigen Sprachgebrauch bedeuten Innovationen neuartige Produkte und Prozesse.23 Es gibt noch weitere unterschiedliche Definitionen von Innovationen, auf die in dieser Arbeit jedoch nicht weiter eingegangen werden soll.

Bei reinen Existenzgründungen sind in der Regel Unternehmensgründer und Unternehmer identisch.24 Ein Ausscheiden des Unternehmers führt meist zur Geschäftsaufgabe.25 Existenzgründungen beschäftigen wenige bis keine Mitarbeiter.26 Sie stehen mit ihren Konkurrenten in einem Verdrängungswettbewerb, da diese Unternehmen meist Kopien anderer erfolgreicher und bekannter Unternehmenskonzeptionen darstellen.27 Ein Problem junger Existenzgründungen ist das nicht erkennbare Produkt oder der nicht erkennbare Lebenszyklus.28 Zudem treten durch technologischen Fortschritt veränderte Wertvorstellungen oder demographische Entwicklungen auf. Daraus resultieren für den Neuerungsprozess charakteristische Problemlagen, Chancen und Entscheidungsnotwendigkeiten.29

Unternehmensgründungen sind dagegen größer und beruhen meist auf Innovatio- nen.30 Das Ausscheiden einer Führungsperson hat keine existenzbedrohenden Auswirkungen; hier besteht das Unternehmen weiter und die Führungsperson wird ersetzt.31 Unternehmensgründungen konzentrieren sich stark auf die Produkt-Mark- t-Kombination, die den eigenen Unternehmenswert darstellt.32 Mit den Konkurren- ten auf dem Markt stehen Unternehmensgründungen in einem Innovationswettbe- werb.33 Beim Innovationswettbewerb stehen Unternehmen im Wettbewerb mit dem Ziel, Innovationen hervorzubringen.34

Von allen Gründungen tragen nur fünf bis zehn Prozent zum volkswirtschaftlichen Wachstum und zur Schaffung von Arbeitsplätzen bei.35 Wie bereits angesprochen, handelt es sich bei einer Gründung von Unternehmen um ein zeitraumbezogenes Ereignis.36 In der Literatur gibt es unterschiedliche Auffassungen darüber, wie lang ein Unternehmen als jung gilt.37 In der Regel beginnt nach dem formalen Akt der Unternehmensgründung die Nachgründungsphase bzw. Frühentwicklungsphase, die sich über einen Zeitraum von bis zu fünf Jahren erstrecken kann.38 In diesen ersten fünf Jahren eines Unternehmens scheitert circa die Hälfte aller Unterneh- mensgründungen.39 Das Scheitern folgt mitunter dem tilgungsfreien Zeitraum von über drei Jahren, der durch staatlich geförderten Kredite gewährt wird.40 Dadurch wird zumindest die Finanzlage negativ beeinflusst, was im schlimmsten Fall zur In- solvenz führen kann.41

Junge Unternehmen erfreuen sich in der Literatur an einer beachtlichen Anzahl von Begrifflichkeiten, wie beispielsweise Gründungsunternehmen, Start up oder Spinoff. All diese Bezeichnungen beschreiben junge Unternehmen, jedoch gibt es Unterschiede in der Bedeutung dieser Begriffe.42

Als Beispiel dafür folgt die Definition für Gründungsunternehmen, Start up's und Spin-off-Unternehmen. Gründungsunternehmen basieren auf einer prozessorien- tierten Sichtweise. Hierbei wird die Gründung als Prozess und nicht als formal-juris- tischer Akt betrachtet. Dieser Prozess besteht aus dem Start und dem Aufbau des Unternehmens. Je nach Autor umfasst der Prozess des Gründungsunternehmens die Entwicklung bis zur Überwindung der Markteintrittsbarrieren und dem Zeitpunkt, ab dem das Unternehmen als stabil und marktfähig gilt. Diese weite Definition von Gründungsunternehmen wird seltener als die enge Definition, welche bis zu dem Entwicklungspunkt geht, an dem das Unternehmen die ersten Umsätze generieren kann, verwendet. Danach wird von der Frühentwicklungsphase gesprochen.43

Start up's dagegen legen einen größeren Fokus auf Innovationen. Start up-Unter- nehmen nehmen Tätigkeiten in den neuen Medien auf.44

Spin-off's unterscheiden sich dagegen durch die Art der Gründung.45 Dabei handelt es sich um derivativ-selbstständige Unternehmensgründungen durch wissenschaft- liche Mitarbeiter.46 Das Unternehmen basiert auf dem am Arbeitsplatz erworbenen Wissen.47 Dabei wird eine neue Idee in ein marktfähiges Produkt umgesetzt.48

2.2. Charakteristika junger Unternehmen

Junge Unternehmen weisen unterschiedliche Charakteristika auf, an denen festzu- stellen ist, ob das Unternehmen tatsächlich noch zu der Kategorie der jungen Un- ternehmen gehört oder bereits ein eigenständiges wirtschaftlich stabiles Unterneh- men ist.49

Eines dieser Charakteristika ist die kurze rechtliche und wirtschaftliche Existenz. Bei der rechtlichen Existenz handelt es sich um den juristischen Akt der Existenz- gründung. Nicht bei jeder juristischen Unternehmensgründung handelt es sich um ein junges Unternehmen, wie zum Beispiel bei derivativen Gründungen. Die Dauer der wirtschaftlichen Existenz ist das relevante Kriterium. Die Existenz als junges Unternehmen ist von vielen Faktoren abhängig und nicht zu pauschalisieren. Jedes Unternehmen muss separat betrachtet werden. Ein sehr wichtiges Kriterium ist die Etablierung in der jeweiligen Branche bzw. dem jeweiligen Markt. Je schneller das Unternehmen sich integriert hat, z. B. durch konstante Lieferbedingungen, desto kürzer gilt es als junges Unternehmen. Ebenso abhängig ist die Klassifizierung von der Dauer des Produktlebenszyklus. Bei kürzeren Produktlebenszyklen muss auch für das Unternehmen ein kurzes Zeitintervall als junges Unternehmen gelten und umgekehrt bei langen Produktlebenszyklen ein langes Intervall. Ein weiteres Kriteri- um ist die Marktstruktur. Wenn ein Markt geringe Widerstände bzw. Markteintritts- barrieren hat, kann das Unternehmen sich leichter und schneller etablieren und gilt kürzer als junges Unternehmen.50

Ein weiteres wichtiges Charakteristikum ist die Dynamik.51 Ein Unternehmen gilt all- gemein als dynamisch, wenn es sich nicht nur einmalig verändert, sondern ein kon- tinuierlicher Veränderungsprozess besteht.52 Auftreten können dabei zwei Arten von Ereignissen: exogene oder endogene.53 Die Veränderung auf Grund von Umweltbedingungen wird als ein exogenes Ereignis betrachtet.54 Wichtig für die Dynamik junger Unternehmen ist allerdings die Veränderung auf Grund endogener Ereignisse.55 Endogene Ereignisse kommen aus eigenem Antrieb der jungen Unternehmen, wie beispielsweise durch Innovationen.56 Innovationen bei jungen Unternehmen sind notwendig, damit das Unternehmen Erfolg haben kann.57 Das neue Produkt muss eine Innovation sein, um von den Verbrauchern gekauft zu werden.58 Nur so stellt sich Erfolg für das jeweilige Produkt ein.59

Das dritte wichtige Charakteristikum junger Unternehmen ist das überproportionale Wachstum. Unternehmenswachstum wird allgemein als positive Größenänderung langfristiger Art definiert. Das Unternehmenswachstum liefert keine exakte quantita- tive Größe, ab wann ein Unternehmen nicht mehr als jung gilt. Vielmehr muss die Größe des Unternehmenswachstums in Relation mit dem Branchenwachstum ge- setzt werden. Grundsätzlich muss die Wachstumsrate des Unternehmens größer Null sein und der Quotient aus dem jährlichen Unternehmenswachstum und dem der Branche muss deutlich größer Eins sein. Dabei ist das Unternehmenswachs- tum nicht stetig. Die Beurteilung, ob ein Unternehmen überproportional wächst, ist nicht allein vom Quotienten abhängig, sondern auch von der absoluten Wachs- tumsrate. Für junge Unternehmen ist nicht nur die aktuelle bzw. vergangenheitsba- sierte Betrachtung wichtig, sondern es sind vielmehr die Zukunftsaussichten. Junge Unternehmen haben oftmals in ihrer kurzen wirtschaftlichen Existenz eine über- durchschnittliche Wachstumsrate, was nicht heißen soll, dass jedes junge Unter- nehmen über überproportionales Wachstum als Charakteristikum verfügt. Hierzu gehören vor allem die zukünftigen Wachstumsraten. Diese müssen eine hohe Wahrscheinlichkeit zu überproportionalem Wachstum aufweisen, damit diese Klas- sifizierung zutrifft.60

2.3. Unsicherheiten junger Unternehmen

Unsicherheiten junger Unternehmen ist ein weiteres Charakteristikum, das auf Grund seiner Wichtigkeit separat betrachtet werden muss. Unternehmensgründun- gen können in gewisser Weise als eine Art Experiment betrachtet werden.61 Ziel des Experiments ist eine neue Ressourcenkombination, die Kundenbedürfnisse an bestehenden Märkten besser als bisherige Unternehmen befriedigen können.62 Da- her werden bei jungen Unternehmen unternehmerische Entscheidungen unter Un- sicherheit getroffen.63 Die Unsicherheiten bewirken, dass die zugkräftige Entwick- lung des Unternehmens nicht eindeutig vorausgesagt werden kann.64 Die Unsicher- heit stellt hierbei keine Konstante dar; sie steigt je weiter der Bewertungsstichtag in der Zukunft liegt.65 Grundsätzlich hat jedes Unternehmen Unsicherheiten.66 Aller- dings gibt es einen negativen Zusammenhang zwischen dem Alter eines Unterneh- mens und dem Insolvenzrisiko.67 Ebenso gibt es einen Zusammenhang zwischen der Größe eines Unternehmens und der Überlebenschance.68 Daher ist besonders bei jungen Unternehmen Unsicherheit ein wichtiges Thema.69 Unsicherheiten wer- den in externe und interne Unsicherheiten unterschieden.70 Bei externen Unsicher- heiten handelt es sich um die fehlenden Informationen und Erfahrungen am Markt.71 Junge Unternehmen haben Probleme mit dem Erkennen von Veränderun- gen und der angemessenen Reaktion auf jeweilige Veränderungen.72 Diese Proble- me werden durch die zentrale Rolle des Gründers verstärkt; der Unternehmens- gründer gelangt bei Entscheidungen in kritischen Situationen oft an seine Gren- zen.73 Hinzu kommt noch die Problematik, dass junge Unternehmen geringe Ein- flussmöglichkeiten auf Kunden, Lieferanten und ähnliche haben. Das nötige Ver- trauen ist noch nicht vorhanden.74 Interne Unsicherheiten begründen sich bei jun- gen Unternehmen unter anderem durch das Fehlen von Daten.75 Dabei geht es um die Unternehmensdaten wie Gewinn und Verlustrechnung (GuV) und Bilanzen, so- wie die vergangenheitsbezogener Daten.76 Durch die fehlenden Daten und die mangelnde Erfahrung besteht häufig kein Verständnis kausaler Zusammenhänge.77 Zudem existieren keine vordefinierte Prozesse für die Entscheidungsfindung.78 Alle Entscheidungen lasten in der Regel auf dem Gründer, wodurch es oft zu Fehlent- scheidungen und falschen Einschätzungen kommt. Auch durch die geringe Mitar- beiteranzahl wird von einer niedrigen Wissensbasis im Unternehmen ausgegan- gen.79 Durch das Sammeln von Erfahrungen können Unsicherheiten im laufe der Zeit abgelegt werden.80

Viele junge Unternehmen weisen ein hohes Risiko des Scheiterns auf.81 Empiri- sche Studien zeigen, dass fast die Hälfte der Neugründungen die ersten fünf Jahre wirtschaftlich nicht überstehen.82 Gründe für das Ausscheiden junger Unternehmen lassen sich mit Hilfe der oben genannten Unsicherheitsfaktoren zusammentragen. Der erste Grund für das erhöhte Risiko liegt an den geringen Ressourcen und der mangelnden Bekanntheit.83 Ein weiterer Grund ist die Unternehmensgröße. Größe- re Unternehmen haben eine höhere Überlebensrate.84 Zudem besteht durch das anfängliche überproportionale Wachstum das Risiko eines nachfolgenden Schrumpfungsprozess oder des Ausscheidens aus dem Markt.85 Ein weiterer Unsi- cherheitsfaktor ist die Innovation.86 Wie bereits weiter oben beschrieben, benötigen junge Unternehmen Innovationen, um eine Chance am Markt zu haben.87 Das Risi- ko hierbei ist die Akzeptanz der Innovation oder des neuen Produktes.88 Wenn es am Ende keine Käufer für das Produkt gibt, kann das Unternehmen keinen Erfolg haben.89

3. Unternehmensbewertung

3.1. Zweck einer Unternehmensbewertung

Eine Unternehmensbewertung hat die allgemeine Aufgabe, ein Unternehmen oder einen Teilbereich eines Unternehmens zu bewerten.90 Es gibt zahlreiche Gründe, wofür der Unternehmenswert benötigt wird (siehe Abbildung 1). Die häufigsten Gründe sind Kauf oder Verkauf, Umstrukturierung oder Generierung von Eigen- oder Fremdkapital.91

Abbildung 2 : Anlässe der Unternehmensbewertung Quelle: Nölle J. U. (2009), S. 12

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der Wert eines Unternehmens ist abhängig vom Ergebnis der Beziehung zwischen Bewertungssubjekt, hier dem Investor, und dem Bewertungsobjekt, hier dem Unter- nehmen. Die Höhe des Unternehmenswertes richtet sich nach dem individuellen Nutzen für potentielle Eigentümer. Für die Unternehmensbewertung ist die Bestim- mung des sogenannten Entscheidungswerts von hoher Relevanz. Entscheidungs- werte geben die Konzessionsbereitschaft eines Käufers oder Verkäufers an. Zu- dem beschäftigt sich die Unternehmensbewertung mit dem Schiedswert, dem fai- ren Kompromiss zwischen den Entscheidungswerten aller beteiligten Parteien.92

Für die Ermittlung von Unternehmenswerten kommen in der Praxis zwei Verfahren zur Anwendung. Die erste Anwendung ist das Zukunftserfolgswertverfahren. Hierbei werden zukünftige Zahlungsmittelzuflüsse an den Investor zu einem bestimmten Bewertungsstichtag diskontiert. Das zweite Verfahren ist das Multiplikatorverfahren, in dem der Wert aus dem Vergleich mit Preisen anderer Unternehmen abgeleitet wird. Das verglichene Unternehmen sollte dabei möglichst ähnlich sein. Inzwischen stellt die Unternehmensbewertung eine Potentialbewertung dar. Die zukünftigen Zahlungsströme können nur durch Handeln der Entscheidungsträger entstehen. Entscheidend ist die Entwicklung des Unternehmens.93

3.2. Unternehmensbewertungsmethoden

3.2.1. Unternehmensbewertungsmethoden allgemein

Unternehmensbewertungsmethoden lassen sich nach der Art des Verfahrens ein- teilen. Die Einteilung erfolgt in marktorientierte, erfolgsorientierte, kostenorientierte Bewertungsverfahren und Realoptionen. Erfolgsorientierte Bewertungsverfahren sind zukunftsorientiert, wie das DCF und das Ertragswertverfahren. Marktorientierte Verfahren ermitteln Unternehmenswerte anhand aktueller Marktpreise. Hierbei wird der Unternehmenswert anhand eines Vergleichs der Kennzahlen beider Unterneh- men ermittelt. Die Marktpreise werden hier ins Verhältnis zur Performance-Größe gesetzt, daher werden die Kennzahlen Multiplikatoren genannt. Die Multiplikatoren werden mit Hilfe von börsennotierten Unternehmen oder gezahlter Kaufpreise ähn- licher Transaktionen ermittelt. Verfahren von Multiplikatoren sind zum Beispiel die Equity- und Entity-Multiplikatoren. Equity-Multiplikatoren bewerten das Eigenkapital oder einzelne Aktien, während Entity-Multiplikatoren das gesamte Unternehmen bewerten. Das kostenorientierte Bewertungsverfahren konzentriert sich auf die ent- standenen Kosten für den Aufbau der Gesellschaft. Diese entstandenen Kosten ge- ben hier einen Rückschluss auf den Unternehmenswert. Bekannte Bewertungsver- fahren hierfür sind Reproduktionswert und Liquidationswert oder Buchwert.94

Unternehmensbewertung lässt sich zusätzlich in Gesamtbewertung, Einzelbewer- tung und Mischverfahren klassifizieren. Beim Gesamtbewertungsverfahren wird das Unternehmen als Bewertungseinheit betrachtet. Einzelbewertungsverfahren er- mitteln den Unternehmenswert als Summe aller einzelnen Vermögensbestandteile. Die Kombination von Einzelbewertung und Gesamtbewertungsverfahren ist ein Mischverfahren.95

3.2.2. Erfolgsorientierte Unternehmensbewertungsverfahren

Erfolgsorientierte Bewertungsverfahren beinhalten, wie bereits in Abschnitt 3.2.1 angesprochen, die DCF-Verfahren und das Ertragswertverfahren.96 Das DCF-Ver- fahren lässt sich den dynamischen Investitionsrechenverfahren zuordnen.97 Der Kernpunkt der DCF-Methode ist die Ermittlung des Unternehmenswertes durch Diskontierung zukünftiger Cash Flows.98 Im Fokus stehen Free Cash Flows, also die entnahmefähigen Zahlungsmittelüberschüsse, die sowohl den Eigenkapitalge- bern als auch den Fremdkapitalgebern zustehen.99 Die DCF-Methode wird nach ei- nem Schema bearbeitet .100 Dabei wird im ersten Schritt über das Verfahren ent- schieden.101 Das DCF-Verfahren wird unterschieden in den Equity- und Entity-An- satz.102 Die Berechnung des Marktwertes des Eigenkapitals beim Equity-Ansatz, auch Nettoverfahren genannt, ergibt sich aus den Cash Flows, die den Eigenkapi- talgebern zustehen.103 Diese Cash Flows werden mit den Eigenkapitalkosten abge- zinst.104 Die Eigenkapitalkosten werden durch das CAPM-Modell ermittelt. CAPM ist ein Modell, welches der Portfoliotheorie entstammt. Anhand des Modells können Rendite-Forderungen von Eigenkapitalgebern unter Berücksichtigung des Risikos der jeweiligen Investition ermittelt werden.105 Im Gegensatz dazu werden bei dem Entity-Ansatz, auch Bruttoverfahren genannt, alle den Anteilseignern zustehende Einzahlungsüberschüsse ermittelt, auch die den Fremdkapitalgebern zustehenden Cash Flows. Für die Ermittlung der Einzahlungsüberschüsse wird der Barwert mit dem Kapitalkostensatz benötigt. Dieser wird anhand des WACC-Verfahren ermit- telt.

[...]


1 Vgl. Abs. Baecker, P. N., Hommel, U. (2003), S. 3.

2 Beide wurden 1997 für die Entwicklung einer neuen Methode zur Bewertung von Finanzderivaten mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet.

3 Vgl. Abs. Baecker, P. N., Hommel, U. (2003) Abs. S. 2.

4 Vgl. ebd., S. 2.

5 Vgl. Hommel,U. u. Pritsch, G. (1999), S. 121.

6 Vgl. ebd., S. 2.

7 Vgl. Beck, P. (1996), S. 126.

8 Vgl. Kraus, S. (2006), S. 1.

9 Vgl. ebd., S. 1.

10 Vgl. Birch, D.G.W. (1979), S. 302ff.

11 Vgl. Schierenbeck, H. (2003), S. 23.

12 Vgl. Abs. Hölscher, R. (2002) S. 204.

13 Vgl. Fallgatter, M. J. (2007), S. 24.

14 Vgl. Nathusius, K. (2001), S. 4.

15 Vgl. Fallgatter, M. J. (2007), S. 24.

16 Vgl. ebd., S. 24.

17 Vgl. Abs. Fallgatter, M. J. (2007), S. 25 f.

18 Vgl. Kraus S (2006), S. 16.

19 Vgl. Fallgatter, M. J. (2007), S. 26.

20 Vgl. Kraus S (2006), S. 16.

21 Vgl. Rieg, U.-B. (2004), S. 14.

22 Vgl. ebd., S. 14.

23 Vgl. ebd., S. 14.

24 Vgl. Fallgatter, M. J. (2007), S. 27-28.

25 Vgl. ebd., S. 27-28.

26 Vgl. Kraus S (2006), S. 16.

27 Vgl. Fallgatter, M. J. (2002), S. 23.

28 Vgl. ebd., S. 27-28.

29 Vgl. ebd., S. 27-28.

30 Vgl. Fallgatter, M. J. (2007), S. 27-28.

31 Vgl. ebd., S. 27-28.

32 Vgl. ebd., S. 27-28.

33 Vgl. ebd., S. 27-28.

34 Vgl. Wegner, J.E. (2014), S. 1.

35 Vgl. Kraus, S (2006), S. 16.

36 Vgl. Hölscher, R. (2002) S. 203.

37 Vgl. ebd., S. 203.

38 Vgl. ebd., S. 203.

39 Vgl. ebd., S. 203.

40 Vgl. ebd., S. 203.

41 Vgl. ebd., S. 203.

42 Vgl. Abs. Rieg, U.-B. (2004), S. 13.

43 Vgl. Abs. ebd., S. 14.

44 Vgl. Abs. Hahn, C. (2014), S. 4.

45 Vgl. Rieg, U.-B. (2004), S. 17.

46 Vgl. ebd. S. 17.

47 Vgl. ebd., S. 17.

48 Vgl. Hayn, M. (2003), S. 15.

49 Vgl. ebd., S. 15.

50 Vgl. Abs. ebd., S. 16.

51 Vgl. Tokarski, K.O., (2008), S. 14.

52 Vgl. ebd., S. 14.

53 Vgl. ebd., S. 14.

54 Vgl. ebd., S. 14.

55 Vgl. ebd., S. 14.

56 Vgl. ebd., S. 14.

57 Vgl. Hayn, M. (2003), S. 19.

58 Vgl. ebd., S. 19.

59 Vgl. ebd., S. 19.

60 Vgl. Abs. ebd., S. 22.

61 Vgl. Kessell, A. (2007), S. 49.

62 Vgl. ebd. S. 49.

63 Vgl.Hayn, M. (2003), S. 27.

64 Vgl. ebd., S. 27.

65 Vgl. ebd., S. 27.

66 Vgl. ebd., S. 28.

67 Vgl. Hiddermann, T. (2007), S. 6.

68 Vgl. ebd., S. 6.

69 Vgl. ebd., S. 6.

70 Vgl. ebd., S. 8.

71 Vgl. ebd., S. 9.

72 Vgl. ebd., S. 9.

73 Vgl. ebd., S. 9.

74 Vgl. ebd., S. 9.

75 Vgl. Weimerskirch, P. (1998), S. 7.

76 Vgl. Hommel, U. u. Knecht ,T.C. (2002), S. 9.

77 Vgl. Hiddermann, T. (2007), S. 9.

78 Vgl. ebd., S. 9.

79 Vgl. ebd., S. 10.

80 Vgl. Kessell, A. (2007), S. 49.

81 Vgl. Kraus S (2006), S. 16.

82 Vgl. ebd., S. 16.

83 Vgl. ebd., S. 16.

84 Vgl. ebd., S. 16.

85 Vgl. Hayn, M. (2003), S. 28.

86 Vgl. ebd., S. 28.

87 Vgl. ebd., S. 28.

88 Vgl. ebd., S. 28.

89 Vgl. ebd., S. 28.

90 Vgl. Hayn, M. (2003), S. 34.

91 Vgl. Nölle, J. U. (2009), S12.

92 Vgl. Abs. Beckmann, C. (2006), S. 7.

93 Vgl. Abs. ebd., S. 7.

94 Vgl. Abs. Seppelfricke, P. (2007), S. 13.

95 Vgl. Abs. ebd., S. 14.

96 Vgl. Seppelfricke, P. (2007), S. 13.

97 Vgl. Schacht, U. u. Fackler, M. (2009A), S. 207.

98 Vgl. Seppelfricke, P. (2007), S. 21.

99 Vgl. Diehm, J. (2014), S. 144.

100 Vgl. Schacht, U. u. Fackler, M. (2009A), S. 208.

101 Vgl. ebd., S. 208.

102 Vgl. Seppelfricke, P. (2007), S. 21.

103 Vgl. Seiler, Y. u. Stauber, J. (2003), S. 118.

104 Vgl. ebd., S. 118.

105 Vgl. ebd., S. 118.

Ende der Leseprobe aus 58 Seiten

Details

Titel
Die Bewertung junger Unternehmen anhand des Realoptionsverfahrens
Hochschule
FOM Essen, Hochschule für Oekonomie & Management gemeinnützige GmbH, Hochschulleitung Essen früher Fachhochschule
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
58
Katalognummer
V309934
ISBN (eBook)
9783668082786
ISBN (Buch)
9783668082793
Dateigröße
759 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Realoptionsverfahren, Junge Unternehmen, Unternehmensbewertung
Arbeit zitieren
Nadine Mekiska (Autor), 2015, Die Bewertung junger Unternehmen anhand des Realoptionsverfahrens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/309934

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