Ein ins Zentrum der Forschung gerücktes Phänomen der Sprachwissenschaft ist die Grammatikalisierung. Darunter versteht man einen Prozess des Sprachwandels, bei dem lexikalische Elemente des Wortschatzes zunehmend grammatische Funktionen übernehmen (Leuschner 2005: 1). Von der Entwicklung von Lexemen zu Suffixen (vgl. Werk – Schuhwerk) bis zur Verwendung des englischen Verbs to go, um zukünftige Handlungen auszudrücken (vgl. he is going to Erlangen – he is going to come) gibt es eine große Bandbreite an Grammatikalisierungsprozessen, die in unterschiedlichen Sprachen belegt sind.
In dieser Arbeit soll am Bsp. des sog. Rezipientenpassivs auf dieses Phänomen eingegangen werden, wobei aus den Vollverben bekommen, kriegen und erhalten Hilfsverben zur Passivbildung und somit grammatische Bestandteile der Sprache werden. Neben der Hilfsverbverwendung bleiben die Vollverben aber weiter erhalten, was deutlich macht, dass Grammatikalisierung als gradueller Prozess mit vielen Zwischenphasen einzustufen ist.
Der wissenschaftliche Status des Rezipientenpassivs war lange umstritten, was zum einen am noch vorhandenen semantischen Gehalt der Hilfsverben, zum anderen an der häufigen Verwendung in der Umgangssprache liegt (Pape-Müller 1980: 37). Zifonun (1997: 1824) ordnet daher das 'bekommen-Passiv' „eher der Peripherie der Konstruktion zu, da nicht alle für das Passiv konstitutiven Bedingungen hier erfüllt sind“.
Im Rahmen der Arbeit soll nun der Grammatikalisierungsprozess der drei Konstruktionsverben weiter untersucht werden. Außerdem wird auf Restriktionen in der Verwendung eingegangen, also in welchen Fällen eine Bildung möglich ist und wann nicht, welche Vollverben für eine Konstruktion in Frage kommen bzw. ausscheiden. Gibt es zudem stilistische Aspekte, die das Vorkommen in der geschriebenen und gesprochenen Sprache bedingen? Wann ist das auxiliar verwendete bekommen mit erhalten oder kriegen austauschbar? Auf diese und weitere Fragen soll nun im Folgenden eingegangen werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Entwicklung des Rezipientenpassivs
2.1 Bildung
2.2 Entstehung
2.3 Grammatikalisierung
3. Regeln und Restriktionen in der Verwendung
3.1 Bei Vollverben
3.1.1 Transitive Verben
3.1.2 Intransitive Verben
3.2 Bei den Hilfsverben
3.2.1 Grammatische Aspekte
3.2.2 Stilistische Unterschiede
3.3 Eigenschaften der 'Mitspieler'
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Grammatikalisierungsprozess der Verben bekommen, kriegen und erhalten im Kontext des sogenannten Rezipientenpassivs. Ziel ist es, den Status dieser Konstruktion als vollwertige Passivvariante zu begründen und die syntaktischen sowie semantischen Restriktionen für deren Verwendung im Deutschen zu identifizieren.
- Grammatikalisierungsprozess von Vollverben zu Hilfsverben
- Strukturelle und semantische Restriktionen des Rezipientenpassivs
- Vergleich der Hilfsverben bekommen, kriegen und erhalten
- Stilistische Unterschiede in geschriebenen und gesprochenen Korpora
- Einfluss der beteiligten Satzglieder (Agens, Dativ, Akkusativobjekt)
Auszug aus dem Buch
2.3 Grammatikalisierung
Im folgenden Abschnitt wird nun auf den eben genannten Grammatikalisierungsprozess, also die Entwicklung der Vollverben bekommen, kriegen und erhalten vom lexikalischen in den grammatischen Bestandteil der Sprache, eingegangen. Zentral an dieser Stelle ist die Frage, ob die drei Konstruktionsverben bei passivischer Verwendung tatsächlich als Hilfsverben einzuordnen sind, worüber sich auch die Forschung nicht ganz einheitlich äußert. Haider (1986) zum Beispiel betrachtet bekommen/kriegen/erhalten als sog. „parasitäre Verben“, eine Art Übergangstyp zwischen Voll- und Hilfsverb (vgl. Leirbukt 1997: 212). Demnach wird von einem eher eng gefassten Passivbegriff ausgegangen, was auch gegen die Existenz eines eigenen Rezipientenpassivs spricht und dieses nur als Passiväquivalent ansieht.
Andere Positionen (z.B. Eroms 1978) dagegen vertreten einen erweiterten Passivbegriff sowie die Auffassung einer Dichotomie Vollverb – Hilfsverb, wonach bekommen/kriegen/erhalten in dieser Passivkonstruktion eher den Auxiliaren zuzuordnen sind. Eine weitere These zur Grammatikalisierung vertritt Heine, der von verschiedenen Verwendungsweisen der drei Verben ausgeht. Dazu kann das sog. „Übergangsmodell“ (Heine 1993) weiter Aufschluss geben.
„Der Übergang von lexikalischen zu grammatischen Formen ist nicht sprunghaft, sondern verläuft kontinuierlich […], wobei A die konkrete (bzw. weniger abstrakte) Ausgangsform und B die stärker abstrakte Endform symbolisiert: A → AB → B“ (Heine 1993: 27).
Zur Vorstufe A gehören seiner Meinung nach Sätze wie: (8) Sie bekommt ein Buch. Hier wird bekommen in seiner Ausgangsbedeutung als Vollverb verwendet. Mit AB setzt Heine eine Art Übergangsform an, bei dem nun das Partizip II am Ende des Satzes hinzugefügt wird (vgl. Beispielsatz 1) und eine doppeldeutige Lesart möglich ist. Zur Endform B zählen schließlich Sätze wie: (9) Er bekommt den Führerschein entzogen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in das Phänomen der Grammatikalisierung und Definition des Forschungsgegenstandes, des Rezipientenpassivs.
2. Entwicklung des Rezipientenpassivs: Analyse der Bildung, der historischen Entstehung sowie des Grammatikalisierungsprozesses anhand theoretischer Modelle.
3. Regeln und Restriktionen in der Verwendung: Untersuchung der syntaktischen Grenzen bei Vollverben, Hilfsverben und den beteiligten Satzgliedern.
4. Fazit: Zusammenfassende Einordnung des Rezipientenpassivs als vollwertige Passivkonstruktion und Reflexion der empirischen Ergebnisse.
Schlüsselwörter
Rezipientenpassiv, Grammatikalisierung, bekommen-Passiv, Sprachwandel, Hilfsverb, Dativ, Vollverb, Auxiliarisierung, Sprachwissenschaft, Syntax, Semantik, Sprachgebrauch, Korpusanalyse, Desemantisierung, Dekategorialisierung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert das sogenannte Rezipientenpassiv (auch bekommen-Passiv genannt) im Deutschen und untersucht, wie sich die Vollverben bekommen, kriegen und erhalten zu Passivhilfsverben weiterentwickelt haben.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Schwerpunkte sind die theoretische Herleitung der Grammatikalisierung, die Analyse von Verwendungsrestriktionen für verschiedene Verbklassen und eine empirische Korpusauswertung.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?
Das Hauptziel ist es, den wissenschaftlichen Status des Rezipientenpassivs zu klären und zu belegen, dass es sich um eine eigenständige, vollwertige Passivkonstruktion handelt.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit kombiniert eine theoretische Auseinandersetzung mit der Fachliteratur (z. B. Heine, Leirbukt, Eroms) mit einer korpusbasierten Analyse (DWDS-Zeitungskorpora und Kernkorpora).
Was wird schwerpunktmäßig im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des Grammatikalisierungsprozesses, die Regeln für transitive und intransitive Verben sowie die stilistische Distribution der drei Hilfsverben.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Grammatikalisierung, Rezipientenpassiv, Auxiliarisierung, Sprachwandel und Syntax.
Wie unterscheiden sich die drei Hilfsverben stilistisch voneinander?
Laut Analyse ist bekommen ein neutrales, unbeschränkt verwendbares Hilfsverb, während kriegen eher der Umgangssprache und erhalten gehobenen Kontexten zugeordnet wird.
Warum spielt die Metonymie eine Rolle bei der Entstehung dieser Passivform?
Die Metonymie wirkt laut Autorin als grundlegender kognitiver Prozess am Anfang der Grammatikalisierung, der durch eine semantische Uminterpretation (Reanalyse) bei zweideutigen Sätzen den Weg zur neuen Passivform ebnet.
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- Anna Hummel (Author), 2014, Die Verwendung des Rezipientenpassivs im Deutschen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/309947