Der Geist des Mittelalters. Eine kulturgeschichtliche Auseinandersetzung mit mittelalterlicher Literatur- und Geisteswissenschaft


Vorlesungsmitschrift, 2012

112 Seiten


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Inhaltsverzeichnis

0/ Einleitung: Allgemeines zum Begriff „Mittelalter“
Gliederung der Literatur im Mittelalter

I/ Grundbedingungen und sprachgeschichtliche Epochengliederung

II/ 750-1050 althochdeutsche und altniederdeutsche (ahd-and) Periode
1/ formelle Übersetzungen aus dem Lateinischen
2/ Ästhetische Übertragung römischer Texte ins Deutsche
3/ Schriftlichkeit von heidnischer Tradition
4/ Vermischung von germanischen und christlichen Traditionen

III/ mittelhochdeutsch (mhd.) Literatur 1050-1350 ; mittelniederdeutsche (mnd.) 1200-1500
Mittelhochdeutsche Epik
I/ Die Heldenepik
Das Nibelungenlied
Die Nibelungenklage der C-Fassung
II/ Höfischer Roman
Artusroman
zusammenfassende Poetik des Artusromans
Hartmann von Aue
Wolfram von Eschenbach
Gottfried von Straßburg
Mittelhochdeutsche Lyrik
1/ Der Minnesang
2/ Der Sangspruch
2.1./ Donauländischer Minnesang
2.2./ Rheinischer Minnesang
2.3./ Klassischer Minnesang
Reinmar der Alte / Reinmar von Hagenau
Walther von der Vogelweide
Neidhardt von Riuwental
3/spät-mhd.- frühneuhochdeutsche (fnhd.) Lyrik 1350-1650
Prosa
Verdichtete Didaktik
Sach- und Fachliteratur
Historienbibel
Glossenbibel und Armenbibel
Geistliche, auf Deutsch verfasste Literatur
Deutsche Mystik
Rechtliteratur
Medizinliteratur
Lyrik
Kulturgeschichtliche Anhänge
Die mönchischen Gemeinschaften im Mittelalter in Stichpunkten
Die fundamentalen Ordensgelübde
Die Regel von Aurelius Augustinus von Hippo (354-430)
Regula Benedectini (RB): Zusatz zu der AR
Die Regula Monachorum
Die Bettelorden
Die Kreuzzüge in Stichpunkten
Libertas ecclesiae: Die Reform der katholischen Kirche in Stichpunkten
Zur Gregorianischen Reform
Über weitere Schismen und Kreuzzüge
Das Exil in Avignon (1309 - 1378)
Über Machtsymbole um 1356
Das Große Abendländische Schisma (1378 - 1418)
„Herbst des Mittelalters“
Die Kirche am Vorabend der Reformation
A/ Die häretischen und die reformatorischen Bewegungen
B/ Der Humanismus
Scholastische Philosophie: zwischen Ratio und Mystik

0/ Einleitung: Allgemeines zum Begriff „Mittelalter“

Das Mittelalter (aetas media, die Zwischenära) ist eine geschichtsschreibliche Erfindung, sie umfasst die Periode zwischen der Antike (aetas antiqua, die altertümliche Ära) und der Moderne (aetas nova, die neue Ära) und erstreckt sich über 10 Jahrhunderte. Der Anfang des Mittelalters wird in der geschichtsschreiblichen Tradition im 5. Jahrhundert festgesetzt: 410 wird Rom durch Alaric geplündert, 476 setzen sich die Germanen in Italien durch, wobei Ravenna Ostrom einverleibt wird: in diesem Zeitraum ist der Anfang einer neuen Epoche zu verorten, die Periode der germanischen Königreiche, die oft als Übergangsepoche zwischen dem Untergang Roms und der Neugeburt der italischen Zivilisation um 1400 betrachtet wird. Das Ende des Mittelalters ist nicht so leicht festzusetzen, manche Wissenschaftler bleiben beim Jahre 1453 und der Übernahme Konstantinopels durch die Osmanen sowie der verträglichen Beendigung des Hundertjährigen Krieges, andere schlagen 1492 vor, die Entdeckung einer neuen Welt durch Christophorus Columbus1451-1506. Aber diese Grenzen werden arbiträr, willkürlich je nach Auslegung der Geschichte behauptet. Als das die „Antike“, das „Altertum“, abschließende Phänomen könnte auch die Vollendung der Christianisierung des Imperiums ab dem Konzil von Nikäa im Jahre 325 zählen. Behauptet werden kann auch das Datum der Taufe des fränkischen Feldherrn Chlodwigs466-511, also um 496, wobei Geschichtsschreiber Gregor von Tours539-594 in seinem merowingisch propagandistischem Werk Gesta francii kein Datum angibt. Als Endgrenze könnte auch 1455 gelten, das Jahr, an dem die erstgedruckte Bibel dank dem Verfahren der beweglichen Buchstaben durch die Schwarzkunst des Mainzer Johannes Gutenberg1400-1468 entstand, oder auch 1517, der Ausbruch der Reformation. Im Grunde genommen gilt also als „Mittelalter“ die Übernahme der weltlichen Macht durch die Päpste bis zur Aberkennung dieser Machtausübung. Die Geschichtsschreiber verstehen das Mittelalter als ein Alter des Aberglaubens, während die anschließende Renaissance wahrhaftig als Wiedergeburt der Menschen durch die Verklärung der Ratio erklärt wird. An der Stelle von „Gott“ gilt nun in der Kulturwelt der okzidentalischen Menschen der Mensch selber als Zentrum der Ideenwelt. Dies ist aber eine Erfindung der Geschichtsschreiber der Periode der Aufklärung (so ab 1750). Von da an wird das Wort „Mittelalter“ für „mittelmäßiges Alter“ verwendet, vor allem nach, aber auch schon vor der Veröffentlichung von Größe und Verfall des Imperium Romanum des britannischen Historikers Edward Gibbon1737-1794. Dies hängt auch damit zusammen, dass bei der Aufklärung die Begriffe von „Zivilisation“ oder „Kulturkreis“, sowie „positiver Fortschritt“ geprägt werden. „Zivilisation“ steht als Gegenwort zur „Barbarei“. Und die Aufklärung ideologisiert die Geschichte als stufenweise Fortschritt der Menschheit dank der positiven Wissenschaften, der zivilisierte Mensch der Aufklärung, also der Stadtmensch, dessen Sitten zivil werden, also menschenverkehrskundig, wird erklärt als der Erbe der griechischen Menschheit, damit aber das Bild des Menschen im 18. Jahrhundert und im ausgehenden 19. Jahrhundert auch verglichen wird: Durchsetzung, Größe und Untergang. Das Gibbonsche Schema mag positiv sein, er ist nicht ganz optimistisch, oder besser ausgelegt, es bezieht auch ein, dass dem Untergang widersetzt werden muss durch den Fortschritt der positiven Wissenschaften. So ein Schema bleibt fragwürdig: Kulturkreise entstehen nicht bloß aus dem Nichts und verschwinden auch nie ganz (siehe Hellenismus und Romanität), selbst wenn manche nur dünne Spuren hinterlassen (Keltische Kultur, Nordizismus, Proto-Europäer), oder ihre Spuren verschmelzen soweit mit dem herrschenden Kulturkreis, dass sie heutzutage nur schwer zu deuten sind. Die Renaissance bleibt nichtsdestotrotz eine Revolution: an die Stelle Gottes wird der Mensch gesetzt. So klar ist es nicht, denn vorher wurde auch um den Menschen bemüht, aber bloß als Sohn Gottes (siehe Meinloh von Sevelingen). Nun wird der Mensch als freies Wesen verstanden (siehe Thomas von Aquin), während Gott, dessen Existenz nicht in Frage gestellt wird, zu einer Art Hintergrundgedanke wird. Als Vorfechter der Renaissance gelten Dante Alighieri1265-1321 mit Die göttliche Komödie, Petrarca1304-1374, der als erster zu erwähnen ist, der das Griechische in Italien wieder einführt, sowie der Maler Giotto1267-1337, der für die Fresken der Basilisk zu Assisi zuständig war. Allerdings sind viele Wissenschaftler darüber einig, dass das Mittelalter viele Renaissance-Stufen erlebt hat: die Renaissance von Karl dem Großen, die Renaissance des 12. Jahrhunderts (siehe Meinloh von Sevelingen und Marie Sophie Masse), als die Kultur von den Klöstern in die Städte zieht, als Dome und Kathedralen erbaut wurden, als die ersten europäischen Universitäten eingeweiht wurden (Bologna, Paris, Prag, Oxford). Bei jeder Entwicklungsstufe wird bemerkenswert auf die Antike zurückgegriffen: aus Altem wird neu erschaffen, ganz wie bei der Konzeption der Basilisk zu Saint Denis durch den Abt Suger1080-1151, den Geheimrat der fränkischen, ja französischen Könige Ludwig VI. und Ludwig VII. Der Platonismus und die fortschreitende Verbreitung des Aristotelismus bei den Theologen, den damaligen Philosophen, sind dieser Entwicklung nicht fremd: dadurch öffnet sich der menschliche Geist zu neuen Ideen. Die Renaissance des 15. Jh. zeichnet sich dadurch aus, dass bei jener die Universalität der menschlichen Werte behauptet wurde, eine Grundidee, die dank der Entwicklung der Schwarzkunst breites Publikum hat erreichen können. Die vorigen Handschriften waren wahre Schätze und dem Adel voran vorbestimmt. Ab der Renaissance spielt das Bürgertum eine immer größere Rolle. Dem Glauben wird auch Schach gespielt: vordem hatte er den menschlichen Geist ins Dunkel geführt: sogenannter Obskurantismus (siehe Der Name der Rose). Doch die Hochscholastiker haben der Menschheit einen großen Beitrag geleistet, indem sie haben behaupten können, dass Glaube und Vernunft nicht zu trennen sind. Dies verdanken wir Thomas von Aquin und Albertus Magnus (siehe Grundwissen zu hellenistischen Erben), die einen erheblichen Beifall bei ihren Mitmenschen erfuhren. Sie gelten als Glaubensväter. Jedoch bleibt eine Synthese zwischen Christentum und Antike noch schwer zu vollbringen, aber sozialer Fortschritt wurde einzig durch diesen kühnen Rückgriff einzelner Genies ermöglicht. Im okzidentalischen Mittelalter hat sich manches ereignet: Untergang des größten Reiches der bekannten Welt, Durchsetzung der feudalen Gesellschaft und Wiederaufbau eines regalen Staates, bei dem die Regalien als Symbole der Macht der gottgewollten Herrscher fungieren (Steuern erheben, Krieg führen, Justiz). In der Tat aber verschwinden die Regalien im 9. Jh. (sie dauern also 4 Jh.), aber sie entstehen im 12. Jh. wieder. Zu untersuchen sind drei Grundprobleme:

- die Beziehungen zwischen Politik und Religion im Osten und Westen
- das Verhältnis zwischen Privatem und Öffentlichem bei der Ausübung der Macht, d.h. bei der Lehnsherrnordnung und der Neugestaltung des Königtums durch die Wiederherstellung der Regalien (eine Folge der gregorianischen Reform)
- das Verhältnis zwischen Glauben und Vernunft, d.h. das Verhältnis zwischen Kunst, bzw. Kultur und Antike.

Die Literatur spielt hier eine sehr große Rolle; zusammenfassend lässt sich unser Bild der Literatur im Mittelalter folglich gliedern:

Gliederung der Literatur im Mittelalter

I/ Großepik

1/

Heldenepik: Strophenform

Verschriftlichung mündlicher Tradition = wichtig ist das Wie, nicht das Wa

Anspruch auf Historizität (Völkerwanderung)

1200 Nibelungenlied

archaisierend (recken, degen: damals bereits altertümliche Bezeichnungen)

minne -Motiv aber Kampf um Leben und Tod

Anonymität

2/

chanson de geste : frz Tradition (Karolinger Zeit mit Schwerpunkt auf Carolus Magnus)

Höfischer Roman: adaptation courtoise der chanson de geste (Höfisierung, Anpassung an der höfischen Gesellschaft)

Artusroman: Höfischer Roman in Bezug auf thematische Stoffe aus der England/Bretagne (Chrétien de Troyes)

modern und höfisch

minne -Motiv, Kampf um die Minne (im Dienst der Dame -> Frauendienst)

Paare: Erec-Enite, Iwein-Laudine

Gawein = der Ritter schlechthin

Keie = der Bösewicht schlechthin, aber auch Anteil am Artushof

Artus = der vollkommene König (sowohl weltlich als auch geistlich)

Hauptmerkmale der Hauptfiguren: hohe muot (hohe Bestimmung) und fröude (Freude am Leben)

II/ Lyrik

Minnesang = dem Hochadel vorbehalten, minne -Motiv aber Minne als Gesellschaftskunst, nicht als Liebe

Sangspruchdichtung = Berufsdichtung, Dienstadel, kürzere, politisch-sentenziöse Motive

1/donauländischer Minnesang: 1150-1180

im Donaugebiet verortet

Der Kürenberger (Falkenlied), Dietmar von Aist (erstes Tagelied)

gleiche Melodie, einstrophig, unreine Reime

2/rheinisch-staufischer Minnesang: 1170-1190

im Herrschaftsgebiet der Staufer verortet

Meinloh von Sevelingen (Übergangsdichtkunst)

Einfluss der troubadour -Lyrik (Contrafactura)

Schule um Friedrich von Hausen -> Einfluss des Kaisers und dessen Hause

mehrstrophig, reine Reime, Stollen-Strophe

3/ Klassik des Minnesangs: 1190-1210

Stollen-Strophe

Heinrich von Morungen (Verkörperlichung der minne)

Reinmar der Alte

Höhepunkt und Überwindung des Minnesangs: bereits 1190-1230

Wolfram von Eschenbach, Gottfried von Straßburg

Walther von der Vogelweide (Minnesänger und zugleich Berufsdichter)

4/ Endstufe des Minnesanges: bereits 1210-1240: Neidhart von Riuwental

I/ Grundbedingungen und sprachgeschichtliche Epochengliederung

Als mittelalterliche Literatur wird die schriftliche Tätigkeit zwischen dem 8. Jh. und dem frühen 17. Jahrhundert bezeichnet. Sie wird in drei große Epochen eingeordnet:

1/ althochdeutsche-altniederdeutsche (ahd.-and.) Literatur 750-1050
2/ mittelhochdeutsche (mhd.) Literatur 1050-1350 ; mittelniederdeutsche (mnd.) 1200-1500
3/ frühneuhochdeutsche (fnhd) 1350-1650

Die Literatur des Mittelalters ist von großer Bedeutung um zu verstehen, was das Mittelalterliche ist; überlieferte Literatur gilt als Nachweis der Bedingungen und Voraussetzungen einer Epoche. Die Geschichte dieser Literatur ist an sich etwas sehr Fragmentarisches und kann meist nur lückenhaft und anhand von mehr oder weniger gewagten Vermutungen festgestellt werden. Sie wurde ausschließlich handschriftlich überliefert, sogar nach 1450, also nach der Verbreitung des Buchdruckes anhand von beweglicher Buchstaben (Gutenberg-System in Mainz). Von da an wurden die hochwertigsten Bücher als Inkunabeln (Frühdrücke, der erste ist die Bibel) gedruckt. Wennschon diese Entwicklung der Druckerei sich rasch vollziehen und auf den stets erhöhenden Buchbedarf eine Antwort geben sollte, blieben die Handschriften von großer Bedeutung. Das mittelalterliche Buch ist eigentlich das Erbe des lat. codex und besteht aus gebundenen Pergamentblättern (ursprünglich in Pergamon, Vorderasien, erarbeitete Haut von Schaf oder von Kalb, d.h. Velin). Der Papyrus verschwand, unterdes begann das Papier zu entstehen. Die erste deutsche Papiermühle wurde 1389 in Nürnberg gegründet, doch war noch das Papier von beschränkter Bedeutung. Lückenhaft und mit vielen Verlusten haben glücklicherweise diese aus Pergament bestehenden Träger einer Schlüsselepoche zu unserer Zivilisation geschafft, wobei etliche Bücher auf andere wieder geschrieben wurden. Es sind die sog. Palimpseste. Was für uns ein schrecklicher Verlust bedeutet, soll hingegen im Mittelalter die Reibung (agr. palin: wieder; psaein: reiben) eines für nutzlos und sinnlos (vielleicht auch ketzerisch) erhaltenen Geschriebenen v.a. eine Ersparung von Geld und Zeit bedeutet haben. Ehemals war das Buch eine hochgeschätzte Sache, wertvoll und von dem Reichtum des Besetzers belegend. Nicht die ganze Bevölkerung konnte sich ein solches Ding leisten. Dieser wirtschaftliche Aspekt ist freilich von großer Bedeutung für den Inhalt und den Gebrauch des Buches. Dass sich die vorliegende Arbeit mit der Literatur einer längst untergangenen Epoche als Ansatzpunkt beschäftigt, beweist auch von der Interesse des modernen Menschen für das Geschriebene: der Text schafft das Gesetz, der Text schafft die Wissenschaft, der Text schafft die Kultur; der Text ist des Menschen Spiegel. Wer den Text ignoriert, der wird als bildungsarm bezeichnet, also wird aus der Gesellschaft des Textes, der Belesenen, ausgeschlossen, der Bildungsarme wird zu wahrhaftigem Geistesarmen gemacht. Literatur, mag es sich entweder um Belletristik oder um Sachliteratur handeln, impliziert Macht.

Hier muss auf drei Vorstellungen der mittelalterlichen Gesellschaft eingegangen werden.

1/ Die Mehrzahl der Bevölkerung war des Lesens und Schreibens unkundig (Analphabetismus), denn es war nicht nötig, dass die Hörigen die Geheimsprache der Mächtigen verstehen können. Diese Vorstellung könnte jedoch weitgehend nur ein Klischee sein, denn die Forschung, die sich mit dem „Erlernen von Fachkompetenzen“ bei „niedrigen Klassen“ im Mittelalter befasst, ist sehr bedürftig und leidet zu sehr an scholastisch modernen soziologischen Auslegungen.
2/ Von einer Sprache, wie sich einer heute eine vorstellen dürfte, war eigentlich nicht die Rede. Wenn man sagt, die Franken (gemeint werden die Westfranken, die heutigen Franzosen) sprachen auf Fränkisch, sollte man es eher besser ausdrücken: die Franken konnten fränkische Dialekte. Dies gilt aber für die ganze Bevölkerung, nicht nur für die armseligsten Seelen.
3/ Am gebildetsten gelten die Kleriker. Die mittelalterliche Literatur ist darüber hinaus stark religiös geprägt. Die größten Büchersammlungen befanden sich von daher in den Klöstern. Doch begannen die reichsten Laien, zu ihrem Spaß Bücher zu sammeln, und niederschreiben zu lassen. Etliche Adlige haben also auch mit der Literatur zu tun, und vor allem die sog. Ministerialen (mhd. dienestmann ), die adligen Hörigen der Gefolge eines Herrn, die hohe Bildung samt Kampffähigkeiten beweisen. Die sind Unfreien, doch wirtschaftlich freier als die freien milites. Im Mittelalter war frei, wer zahlen konnte. Ansonsten konnte ein Mann (oder auch eine Frau) Sicherheit bei einem mächtigeren Herrn finden (Klientelismus, Familiarismus), oder dessen Vasall werden (Feudalismus). Der Vasall steht nach sozialem Maßstab zwischen dem Unfreien und dem Freien, ist aber ein honores und ist mehr oder weniger selbstständig. 1037 erklärt aber der Kaiser Konrad II. das edictum de beneficiis , mit dem das Lehen zur Erbschaft gebracht wird. Dank dieser faktischen Befreiung des Adels kann sich die Literatur noch mehr entfalten und von da an über das ganze Europa ausstrahlen.

Dies ist eine andere Eigenschaft des mittelalterlichen Geschriebenen: es war europäisch und der Literatur stand keine andere Grenze als die der Sprache. Durch die Blüte des Mönchtums und wegen der Heiratspolitik des Adels wird diese Grenze aber rasch getilgt. Durch Europa zu reisen war zwar schwer, aber durchaus möglich, vor allem während der politischen Ära unter Karl dem Großen, wo fast das ganze Europa einigt zu sein schien. Der Herrschaft von Carolus Magnus entspricht der blühende Anfang des deutschsprachigen Geschriebenen. Dies soll aber relativiert sein, da 90% des Geschriebenen, offizieller Urkunden, religiöser sowie profaner Literartexte, waren auf Latein verfasst.

Hier aber beschäftigen wir uns mit den zehnprotzig deutschsprachigen Texten, die uns überliefert wurden. Es ist auch zu bemerken, die erste zweisprachige Verfassung eines Textes fand mit der Mainzer Landfriede 1235 statt, und ist die erste Belegung einer auf völkischer Sprach verfassten, offiziellen Urkunde.

Die Hauptbedingungen für die Entstehung der Literatur sind daher kulturell, wirtschaftlich, gesellschaftlich und bildungsgeschichtlich.

Den Vasallen gegenüber waren die Ministerialen wirtschaftlich freier, durften zunächst aber nicht an dem Heer teilhaben, um ihre Ehre zu beweisen. Doch nach und nach beanspruchten manche das Recht, mit Freuden dem Feind zuzureiten, und wurden bald zu milites , zu Rittern. Die Ministerialen bilden mit den Geistlichen den größten Teil des Hofes (curia). Fünf Ämter waren am wichtigsten: der Kämmerer (cubilacurius), zuständig für die persönliche Betreuung des Herrschers; der Vogt (advocatus) für die Verwaltung des Gutes und die Gerichtsbarkeit; der Truchsess (dapifer) für die Besorgung an Lebensmitteln; der Mundschenk (pincerna) für die Getränke; und der Marschall (marescalus) zunächst für die Versorgung der Pferde, und dann für die Organisation und die Führung des Heers. Weil der Hof des Königs nicht sesshaft war (er wanderte durch seinen Gut, wennschon er eine Hauptstadt haben konnte), wurden auch den Vasallen Ämter verliehen: Markgraf für die Verteidigung der Grenze, Vogt für die Verwaltung der Inneren, und dann Graf, Herzog und noch Fürsten um zu differenzieren. Am Hof findet die ganze Politik statt, die ganze Repräsentation, alle Intrige, das war ein Schau- und Kampfplatz, weit von dem Ideal, dem Klischee ritterlicher Loyalität entfernt. Die Gefolge war für den Herrn das wichtigste Element seiner Macht. Je mehr Ansehen der Hof bekommt, desto mehr kann sich der Herr erhoffen, eine gute Politik führen zu können, und seine Macht zu erweitern. Dies kommt auf den milte (Milde, Caritas, Großzügigkeit) des Herrn an, seine largitas, seine Freigebigkeit. Wer milte bewies, wurde von den Barden besungen. Und bekam dazu noch mehr Ansehen, d.h. mehr Macht. Die Attraktivität des Hofes zieht auch die pauperes (die Armen an Kapital) an, die sich dort erhoffen, von dem Gunst des Herrn zu genießen, und selber zur Macht zu kommen.

Dafür sollte aber der Ritter eine möglichst untadeligen Ruf haben, wobei er von den anderen, sowohl von den Bäurischen (dörperlich) als auch von den Nebenbuhlern sich zu unterscheiden versuchte, er wollte zeigen, er sei der Beste, der Härteste, der Trauerloste, obwohl die Klage eine ritterliche Tugend sein dürfte (siehe Nibelungenklage). Damit sollte er auch seiner höveschkeit pflegen, indem er elegentia morum, schoene site, fröude (Heiterkeit) und mâze zeigen soll. Die Ritter mussten eine Elite bilden, zwar eine agonale, aber auch eine kulturelle, zivilisierte und gottehrfürchtige vorgeblich den Bauern (die sich meistens aus Abhängigen zusammensetzten) überlegene Elite. Ein Ritter muss hôhe gemuot erweisen, d.h. finanzielle und kulturelle Glückseligkeit.

Weil der Hof der Ort der Repräsentation war, fand dort die Ausführung der literarischen Aufträge. Die Art, sich anzukleiden, war auch ein Teil der Ausführung. Der angevinisch-engländerische Höfling Peter von Blois (1135-1204), von dem mehrere Lieder in der Carmina Burana versammelt wurden, sagte: „ Höfisches Leben ist der Tod der [christlichen] Seele.“

Der Hof war also der Ort par excellence des Singens, des Spielens, des Tanzens, der Theater, schlicht formuliert: der Kunst, d.h. der menschlichen Größe. Es ist zu vermuten, dass die Landwirtschaft nicht als Kunst, sondern als Arbeit galt, obwohl die Bearbeitung der Natur die Definition der Kultur, der Kunst stark beeinflusst.

Pferdespiele waren auch Belege der Macht eines Ritters: bei Buhurt (Dressurwettbewerb), Tjost (joute, juxta (neben), also ein paarweise Kampf, wo man den anderen vom Sattel zu stoßen hat, diese Form des Waffentrainierens setzt sich erst ab 1300 durch) und Turnier (conflictus gallicus, Ziel war es, in einer bewaffneten Schlacht Gefangene zu machen und Lösegeld zu bekommen, Vorbild dafür ist der Engländer Wilhelm Mareschal, 1144-1219, diese Form der Herausforderung wurde von der Kirche vehement bekämpft) könnte der Kämpfende seine Fähigkeiten erweisen, und bei dem Hof verehret werden, wennschon diese Gelegenheiten als Waffenübungen gemeint waren, bevor man zum Krieg ausbrach. Als Selektion für den kommenden Krieg und als zivilisierte Form der „barbarischen“ Fehden das Turnieren grausam populär. Seine Tapferkeit erweisen war das höchst ehrliche Ziel des Turniers, obwohl die Beutegier ziemlich stärker war.

Turnieren war auch ein Anlass, einer Frau seine minne zu beweisen, aber auch Spaß zu haben und zu spielen (Ulrich von Lichtenstein). Aber Turnier und Tjost kosten den Rittern viel Geld, war von viel Zeit und Kraft eine Verschwendung, und feuerte den Hass und die Gier an. Die Kirche wandte sich sogleich gegen das Turnierwesen, weil es dem Gottesfrieden widersprach und einen Mangel an Kreuzfahrern verursachte. Das Turnier war definitiv ein Ort des Treffens und des Tauschens von Ideen und Werten.

Darüber hinaus verfügten die Adligen über andere verschiedene Weisen, die Zeit in der Dürnitz, in dem Palas zu vertreiben. Die Verwaltung des Gutes war selbst anstrengend, aber Spiele (z.B. Schach oder Dame) und höfische Künste waren sehr beliebt, die Anwesenheit eines Spielmanns sehr gepreist. Die wandernden Sänger hatten großen Erfolg, vor allem wenn sie einer höfischen Dame Minnelyrik vorsang (siehe Minnelyrik). Durch literarische Erfolge könnten manche Narren und Dichter sesshaft werden und der Gefolge des Herrn angehören (wie Volker in dem Nibelungenlied). Wenn man einen Gast bewirtet, dann ist das ein guter Anlass, ein großes Festmahl zu geben, und die Repräsentation wirken zu lassen: Ausbildung, Tischzucht, Tanz: eine große Tugend eines gebildeten Adligen; Ernährungsvermögen, sowie Kleidung spielen eine große Rolle: das ist eigentlich, was man am ersten von einem Menschen ansah. Schmuckärmel, Mi-parti und Buntheit waren lauter Symbole der fröude.

Neben dem Turnieren und den Tafelfreuden zählt die Jagd als der beliebteste Zeitvertreib. Wie die Ritterschaft und wie alles, was im Mittelalter vorkommt, ist die Jagd durch Regeln bestimmt, und wurde ritualisiert. Sie galt nicht als Fleischversorgung, aber eher als vollkommenes Vergnügen und ist dem Adel vorbehalten. Bei hoher Jagd lässt man die Hunde das Wildbret ermüden und zuschließend erschlägt man es. Die Beizjagd steht aber als einer der größte Tugend eines Adligen dar, da sie Selbstherrschaft und Geschicklichkeit bedarf. Kaiser Friedrich III. von Hohenstaufen war ein geschickter und erfahrener Jäger, eine Kunst, die seiner Neigung zu dem Orient zuzuschreiben wäre. Greifvögel waren auch je nach Rang eingeordnet. Die Edelfalken machten das Spaß des hohen Adels, den Habicht gebrauchte der niedrige Adel, die Damen verfügten über Zwergfalken, die Kleriker über Sperber und sogar die Knappen durften mit kleinen Turmfalken in die Jagd ausbrechen. Wer reich war, konnte auch ein persönliches Jagdgebiet einrichten lassen (die Beschreibung des Jagdschloßes zu Penefrec bei Êrec).

Kaiser Maximilian I., der als „der letzte Ritter“ klischeehaft gilt, mochte auch Fischen. Die Literatur, mit der hier auseinandergesetzt wird, ist ein Steckenpferd der Adligen.

II/ 750-1050 althochdeutsche und altniederdeutsche (ahd-and) Periode

In dieser Periode fängt die auf volkstümliche Sprache verfasste Textproduktion an.

Zu der Zeit ist die karolingische Gesellschaft etwas sehr Lockeres. Der von den Menschen bewohnte Raum besteht aus kleinen, mehr oder weniger bewohnten von der Landwirtschaft sehr geprägte Siedlungsräumen entlang Wasserläufen, deren Bevölkerung noch eine nicht arbeitsteilige Mischung von Freien und Hörigen ist. Das Land ist von einem dichten Urwald bedeckt, wo heidnische Stämme drohen, währenddes Missionaren das Volk zu bekehren versuchen. Die Straßen sind sehr rege, viel Handel wird getrieben.

Die Politik von Karl dem Großen ist mithin von erheblicher Bedeutung und legt die Basis der feudalistischen Gesellschaft, der in dieser ahd. Periode nur noch die Sucht nach körperlichem Schutz bedingt, und nicht einer Institutionalisierung der Gesellschaft untersteht. Die Beziehungen zwischen den derzeitigen Menschen bestehen hauptsächlich aus Verwandschaft -, Vasallität - und Grundherrschaftszusammenhängen.

Die Verteilung der Gesellschaft zwischen den drei Ständen (oratores, bellatores und laborates) vollzieht sich allmählich, vor allem kraft der Heeresreform von Karl dem Großen 807; aber erst um 1000 theoretisiert Adalbero / Ascelin, der im Gorze-Kloster (siehe Gorzer Reform) beschulte Bischof von Laon (der zweiten Hauptstadt im Frankenreich) diese gesellschaftliche Entwicklung. Vorher bestand ein Herr (ost) vor allem aus freien Bauernkriegern, doch ab 807 wurden sie als rusticus (bäuerlich) bezeichnet, während die (meist unfreien) Ritter (Leute, die einem Pferde pflegen können) die Rolle des miles übernahm. Aus diesem Abstieg des Freien entsteht ein noch stärkerer Klientelismus, aber damit ist Karl der Große der einzige, der die Zügel hält. Es bestanden jedoch keine Institution, keine Stadtpolizei, keine Bürokratie, kein Schulwesen. Was die Macht angeht, findet an dem Hof des Herrschers statt, sowie innerhalb der kirchlichen Verwaltung (Klöster und Kirchsitze).

In dieser Gesellschaft von clientela ist der Reichtum die Haupteigenschaft von Stärke und wer reich war, konnte gebildete Leute beauftragen, für ihn etwas, das der Repräsentation des Auftraggebers dient, zu dichten. Die einzige, mehr oder weniger freie derzeitige Institution war die Kirche, doch sie bestand aus inselhaften Siedlungen von Geistlichen. Trotzdem waren die Klöster (mehr als die Kirche selbst) von erheblicher Bedeutung (siehe Kirchengeschichte des Mittelalters). In einem Kloster oder einem Domstift (Anfang der Blütezeit der Kathedralen, von Laon ausgehend) bemühen sich gebildete Mönche ein nennenswertes Schulwesen aufzubauen. Von da an beginnt die Trennung zwischen Klerikern und Laien.

Allerdings schickt der ganze Adel seine Sprösslinge in die Klöster, damit sie eine so gut wie möglich gute Bildung bekommen. Danach werden sie entweder zu Geistlichen oder zu Laien. Aber diese sind gebildete Laien und kennen den Wert des Geschriebenen. Sie wissen auch, desto mehr Leute ihr Ansehen schenken, je kräftiger werden sie. Und um Ansehen zu bekommen, kann man etwas dichten lassen, indem man den Ruhm des Auftraggebers in den höchsten Tönen lobt, um dann dies dem Volke lesen oder singen zu lassen. Aber weil das Volk keine Bildung besaß, musste der Bard (troubadour oder trouvère) die Volksprache benutzen. Und so entstand eine Literatur auf volkstümliche Sprache, deren Ziel ist es, dem Volk zu zeigen, wer da der Herrscher ist, wer dort der Beste ist, und wem man zu folgen hat. Dasselbe Prinzip fand Anwendung bei der Missionierung. Wenn der Heilige Columban543-615 sich bei den sächsischen heidnischen Stämmen befand, sprach er kein Latein, sondern Dialekt, Lokalsprache. Dies galt auch für die Vasallen, die sich keine Interpreten leisten konnten. Sprachbezogene Kommunikation ist jedoch nicht leicht zu untersuchen.

Die ahd.-and. Literatur besteht aus vier Grundtypen:

1/ formelle Übersetzungen aus dem Lateinischen

Man bemüht sich aus den vorher erwähnten Gründen das Wissen durch das ganze Europa zu vermitteln. Doch war das Latein nicht die Wiegesprache derer, die das Kloster betraten. Um zu verstehen, worum es bei den lateinischen Texten ging, musste der Laie vorher die kirchliche Verkehrssprache lernen. Der älteste Beleg von einem Text mit ahd. Einträgen ist der in Sankt Gallen (damals einer der Festungen des Wissens in Europa) behaltene Abrogans. Er ist bloß ein Lexikon von lateinischen schwierigen Termini, die man nicht einfach im Gedächtnis erhalten konnte, nebst deren übertragenen Fassungen in teodisca lingua, im lokalen Dialekt. Dieser Abecedarius, der mit dem Eintrag ‚ abrogans = dheomodi ‘ [demütig] beginnt, ist nicht der einzige von solchen, daneben entstehen auch Phrasenbücher, Gesprächsbücher, die das Reisen ins ferne Land ermöglichen, soweit es den Lebenssituationen, die in diese Bücher eingetragen wurden, entsprachen. Ziel war es, das Latein zu unterrichten und die Kontakte zwischen den Völkern des Christentums zu fördern.

Dazu zählen auch das Geheimsprache-Wörterbuch von der rheinischen Mystikerin Hildegard von Bingen1098-1779 und das deutsch-lateinische Schulglossar Summarium Heinrici (weitgehend basierend auf der Enzyklopädie des Isidors von Sevilla560-636, also auf dem Wissen der Antike, den Artes liberales). In diesem Werk wird der erste Eintrag für „Vaterland“ in deutscher Sprache bewiesen.

Um einem beim Verstehen eines Textes auf Latein zu verhelfen, wurde auch ahd. Einträge bloß am Text und daneben eingebaut. Die sog. Glossen spielen auch eine große Rolle für die Interpretation des Textes, und allmählich im Laufe der Wiederschreibung eines Textes waren sie von der originalen Verfassung nicht mehr zu unterscheiden.

Die Hauptmotivation war die Christianisierung der Völker, und es die Missionierung bei den einfachen Leuten zu unterstützen. In diesem Sinn wurde eine Schriftweise erfunden, die karolingische Minusschrift, die einfach zu lesen ist. Die gotica textura daneben ist ganz schwieriger. Die Übersetzung römischer Texte vollendet sich aber genau Wort für Wort (siehe Vater unser und credo). Es dient keinem ästhetischen Ziel, sondern eine bloße Wissensvermittlung, die pragmatisch organisiert war.

Dass solche Bücher niedergeschrieben wurden, lässt sich so verstehen:

1/ Der Abrogans zum Beispiel kann ein Geschenk sein, also von Gelehrten an Gelehrte wird Wissen beschenkt, vielleicht um sie die Qual einer Reise zu ersparen, oder weil man nicht reisen konnte.
2/ Andere Hypothese: der Median an Wissen unter den Menschen der „ aetas obscura “ sinkt, mündliche Überlieferung wird seltener und so braucht man ein Buch, um spätere Generationen das Wissen mitzuteilen.
3/ Andere Hypothese: die Anzahl an Lernenden wird dünner, die Gelehrten haben niemandem mehr zu unterrichten
4/ Andere Hypothese: der Wert des Lateins als echte Verkehrssprache erlebt einen Tiefpunkt, Rückgriff auf Dialekte wird nötig, um dem Nachwuchs das Bibelwissen zu vermitteln.

2/ Ästhetische Übertragung römischer Texte ins Deutsche

Karl der Große und sein Sohn Ludwig der Fromme haben ihr Leben lang viel für die Emanzipation der germanischen Sprache getan, damit die Bekehrung und die Einwurzlung der christlichen Religion gefördert wird. In diesem Sinn überträgt Otfried von Weißenburg, ein Straßburger Gelehrte der zweiten Hälfte des 9.Jh., das Evangelienbuch ins Althochdeutsch.

Aber nicht Wort für Wort.

Die Bibel war das höchstgeschätzte Werk in den Augen eines Christen, und wie Otfried in seinem Vorwort erklärt, kann das Wort Gottes verbreiten, nur was Heiliges ist. Das Hebräisch, das Griechisch und das Lateinisch wurden daher als heilige Sprachen bezeichnet, doch Otfried vertritt die Meinung, dass auch die germanischen Sprachen vermögen, den hohen Wert der Bibel zu leisten. Seine Übertragung ist daher ein hochpoetisches Kunstwerk und legt die Basis der deutschen Metrik und Endreimlyrik.

3/ Schriftlichkeit von heidnischer Tradition

Daneben sind auch Texte zu finden, die sich auf eine nicht-christliche, heidnisch-germanische Tradition beziehen. Diese sind meist rituale Texte, doch sind sie uns dank theologischer Handschrift überliefert. Am berühmtesten sind die Merseburger Zaubersprüche (aus dem Domstift zu Merseburg in Sachsen-Anhalt). Diese Texte sind sehr schwierig zu verstehen, weil sie ungeheuer viel Hapax (einmal erscheinende Wörter) erweisen.

Der Erste Merseburger Zauberspruch ist ein Vierzeiler. Er lautet im Original und im Neuhochdeutsch:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der Zauberspruch beschreibt, wie eine Anzahl „Idisen“ (walkürenartige Frauen, eventuell identisch mit den Disen, weiblichen Gottheiten aus der nordischen Mythologie) auf dem Schlachtfeld gefangene Krieger befreien. Insofern handelt es sich um einen „Löse-Segen“, durch den Gefangene aus ihrer Gefangenschaft befreit werden sollen. Die letzte Zeile „Entspring den Haftbanden, entfahr den Feinden!“ ist die eigentliche magische Komponente, sie enthält die Vorbildhandlung.

Der zweite Merseburger Zauberspruch ist länger als der erste:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Bedeutung des Zauberspruchs ist offensichtlich: das verrenkte Bein eines Pferdes oder Fohlens soll geheilt werden. Entsprechende Darstellungen finden sich oft auf Brakteaten (Goldmünzen) aus dem 5./6. Jahrhundert. Auf vielen Brakteaten aus dieser Zeit wird Wotan abgebildet, wie er ein Pferd heilt, das ein krankes Bein hat (meistens der Vorderlauf). Insofern ist der Spruch klar.

Bis heute in der Fachwelt umstritten sind aber die Götternamen, die im Text genannt werden. Eindeutig identifiziert sind nur „Uuôdan“ (Wodan, Wotan, Odin) und „Frîia“ (Freya, seine Gemahlin). Bei „Phol“ (Vol? Fol?) bestreiten einige Gelehrte, dass es sich um einen Götternamen handelt. Ebenso wird Balder von einigen Gelehrten nicht als Name des Gottes Balder (Baldur), sondern als „Herr“ gedeutet, in diesem Falle bezöge es sich auf Wotan. Sinthgunt und Sunna sind nur hier erwähnt, ebenso Volla. Letztere wird von den meisten Fachleuten mit der Göttin Fulla, einer Zofe der Frigg, gleichgesetzt. Der schwedische Linguist Erik Brate (1857-1924) deutete Phol und Volla als Geschwisterpaar, analog zu Freya und Freyr. Doch das ist nur eine Hypothese, zumal Phol nur hier genannt wird.

Was längere Texte angeht, wird vermutet, dass die Bardkunstdichtung nicht völlig aufgegeben wurde, sondern zur Stabreimdichtung übergangen ist, so nach Snorri Sturluson1778-1241, den Verfasser einer halb prosaisch, halb dichterisch gestalteter Edda-Lieder-Fassung. Er nannte Stabreim eine Art von Anlautenreimen (Alliteration). Siehe also das altenglische Epos Beowulf und die nordische Edda, die nach heutigen Maßstäben von Fiktion handeln. Der Stabreim wurde vom Endreim abgelöst, wobei die Alliteration als Stilfigur noch erhalten ist.

Außerdem entstanden auch auf dem Festland stabreimenende Heldenlieder, die Rücksicht auf die Geschichte der germanischen Völker nehmen, vor allem auf die Zeit der Völkerwanderung. Ältestes Zeugnis für diese Schriftlichkeit ist das osthessische Hildebrandslied. Hintergrund des Lieds ist die Herrschaft von Theodericus Rex dem Großen, König der ostgotischen Amaler (455-526), der als der Gestalt des Dietrichs von Bern in der Heldendichtung häufig vorkommt, und Held des Kreises der Dietrichepik ist.

In dem Hildebrandslied handelt es sich um den Streit zwischen Hadubrant und Hildebrand, Waffenmeister des Theoderichs, also um den Streit zwischen Vater und Sohn. In solchen Heldendichtungen beginnen wir feudalistische Motive zu treffen. Das Hildebrandslied als älteste Überlieferung germanischer Literatur kündigt den Beginn der Verhaltensliteratur an.

4/ Vermischung von germanischen und christlichen Traditionen

Um das Ziel der Bekehrung besser zu erfüllen, adaptieren manche Geistliche die Lehre Christi, damit sie von den Heiden, die stark kämpferisch sind, besser rezipiert wird. Dies gilt für den oberbairischen (Weilheimer) Wessobrunner Gebet und das altsächsische Heliand-Lied.

Das Heliand ist bloß die Anpassung der Schöpfungsgeschichte an die germanische Gesellschaft. Christus wird darin als ein ehrenvoller germanischer Kriegsführer.

Das Wessobrunner Gebet ist daneben das älteste Schöpfungsgedicht auf ahd.

„Dat gafregin ih mit firahim firiuuizzo meista

Dat ero ni uuas noh ufhimil

noh paum noh pereg ni uuas

ni [...] nohheinig noh sunna ni scein

noh mano ni liuhta noh der mareo seo

Do dar niuuiht ni uuas enteo ni uuenteo

enti do uuas der eino almahtico cot

manno miltisto enti dar uuarun auh manake mit inan

cootlihhe geista enti cot heilac [...]

Cot almahtico, du himil enti erda gauuorahtos enti du mannun so manac coot forgapi forgip mir in dina ganada rehta galaupa enti cotan uuilleon uuistom enti spahida enti craft tiuflun za uuidarstantanne enti arc za piuuisanne enti dinan uuilleon za gauurchanne“

„Das erfuhr ich unter den Menschen als der Wunder größtes,

Dass Erde nicht war, noch Himmel oben,

Nicht Baum noch Berg nicht war,

Noch [...] irgend etwas, noch die Sonne nicht schien,

Noch der Mond nicht leuchtete, noch das herrliche Meer.

Als da nicht war an Enden und Wenden,

Da war der eine allmächtige Gott, der Wesen gnädigstes,

Und da waren mit ihm auch viele herrliche Geister.

Und Gott, der heilige [...]

Gott, Allmächtiger, der Du Himmel und Erde erschaffen hast und den Menschen so viele gute Gaben gegeben hast. Gib mir in Deiner Gnade rechten Glauben und guten Willen, Weisheit und Klugheit und Kraft, dem Teufel zu widerstehen, und das Böse zu meiden und Deinen Willen zu verwirklichen.“

Zuletzt ist noch zu sagen, dass die Literatur in diesen Zeiten voller Umbrüche und Klosterbrände nicht leicht zu identifizieren ist: wir verfügen kaum über Handschriften, die oral poetry hat nur Spuren hinterlassen, die in die andere Epoche niedergeschrieben wurden.

III/ mittelhochdeutsch (mhd.) Literatur 1050-1350 ; mittelniederdeutsche (mnd.) 1200-1500

Ab dieser Epoche unterscheidet man die Literatur aus den deutschsprachigen Mittel- und Südgebieten von der Literatur aus den nördlichen Ebenen. Das Mittelniederdeutsch besteht hauptsächlich aus altsächsischen und altfriesischen Dialekten, die politisch betrachtet von niedrigerer (aber nicht von niedriger) Bedeutung als die südliche, bairisch-alemannische, bzw. ostfränkische Sprachen (Mittelhochdeutsch) gelten. Damals hängt die Schriftlichkeit der Mündlichkeit stark ab, das Mittelhochdeutsch ist eigentlich nur eine Sammelbezeichnung für regionale Dialekte, die auf die Literatur Anwendung finden. Durch Untersuchung der Beziehungen zwischen adligen Kanzleien und kaiserlich-päpstlichen Beamten sieht es so aus, als ob damals eine Konsenssprache entstanden ist, damit sie sich untereinander verstehen könnten, wennschon das Latein die Verkehrssprache blieb. Aber nicht alle waren des Lateins kundig, und man benötigte einer überregionalen übertragungsfähigen Sprache. Dies wurde von der Macht bedingt, i.e. von der Sprache der kaiserlichen Kanzlei. Jedoch war diese Ausgleichsprache regional geprägt, allerdings ermöglichen die Regionalismen, die Texte zu örtlichen, und dies bildet für die Forschung einen großen Vorteil.

Mit der Abschwächung der Karolinger Herrschaft (seit dem Vertrag von Verdun 843), die das größte Motor für die ahd. Literatur war, sieht es so aus, als ob die deutschsprachige Literatur nach und nach entschläft, aber nichts ist sicher. Die Adligen sollen sich vor allem der Machtergreifung widmen, sie streiten heftig untereinander, mittlerweile plündern die Wikinger (Sammelbezeichnung für nordgermanische Krieger auf Seeraubfahrt), die Sarazenen (Sammelbezeichnung für Nichtweißhäutige, so wie das Schwarz des Buchweizens, frz. sarrasin) und die Ungarn (slaw. on-oguren, die zehn Stämme der Magyar [madjar]) Städte und Klöster, unterdes gerät die Kirche in Krise: diese Periode wird durch den Begriff Saeculum Obscurum bezeichnet, das Dunkle Jahrhundert, denn es gibt kaum aufklärende Quellen, die Auskunft geben können, zumal es der Kirche, die die Geschichtsschreibung noch bis heute stark prägt, in jener Zeit erheblich an Macht zu verlieren drohte.

Aber mit dem Anbruch der Salier Zeit und der Kapetinger Zeit, sowie durch die Einführung der Zisterzienser Reform und dank der Friedensbewegung und der Kreuzzugsbewegung (Verschiebung einer inländischen sozialen Krise auf ausländisches Operationsfeld) erfährt die deutschsprachige Literatur eine neue Dynamik. Daneben wandelt sich die Gesellschaft um, durch einen erheblichen Bevölkerungswachstum vergrößern sich die Städte, die Wirtschaft blüht und die ländlichen Siedlungen vermehren sich. Die Arbeit wird nach und nach geteilt und es entstehen die ersten Korporationen und Gilden von Handwerkern und Kaufleuten (Entstehung der Hanse). Es blüht auch die Kirche, durch die Pace Dei versucht sie und gewissermaßen gelingt es ihr, die Zügel der Gesellschaft in der Hand zu behalten. Der Adel hat sich indes ebenfalls stark verstärkt, und die adligen Lebensweisen finden rasche Verbreitung durch das ganze Europa. Der Hochadel beginnt von sich selbst bewusst zu werden und dies prägt am meisten die Literatur, die sich zu einer Literatur der Repräsentation und des Mäzenatentums entwickelt. Neben der Vermittlung der ritterlichen Werte trägt auch die Literatur zu Bildung und Wissenschaft, Theologie eingeschlossen, bei. Dadurch säkularisiert sich die Gesellschaft, vor allem im Hochmittelalter (12.Jh.). Die kirchliche Kultur erweist sich freilich von großer Bedeutung, und die schriftliche Produktion auf Latein umfasst noch fast achtzig Prozent der damaligen Schriftlichkeit. Die römische Dichtung wird abermals zu Gegenstand der mittelalterlichen Bildung, und die Scholastik findet in den lateinischen Schriften Materie, um die Laien auszubilden. Die Kreuzzüge und die Reconquista ermöglichen daneben eine Wiederentdeckung der altgriechischen Weisheit, vor allem von Aristoteles und die damaligen Gelehrten verbinden noch fester die christliche Lehre mit der platonisch-aristotelischen Philosophie (augustinischer Neuplatonismus, Thomismus, Mystik). Kraft der maurisch-griechischen Texte verbreiten sich die Wissenschaften, vor allem die Astronomie und die Medizin (mitsamt Landwirtschaft), die als Grundlage des damaligen Bevölkerungswachstums anzusehen ist. Mithin entwickeln sich die traditionellen Wissenschaften: grammaticus, divinitas (Theologie) und legibus (römisches Recht).

Mehr denn je wurden die adligen Laien ausgebildet. Die Frauen lehren dem Buben das generelle menschliche Verhalten, die Männer bringen ihm das Kämpfen, das Jagen und das männliche Verhalten (Hofmannskunst und Ritterbildung) bei, die lokalen pfaffen hatten, neben ihrem kirchlichen Dienst, ihm das Lesen, das Schreiben, die Musik, sowie den Choral und ein wenig Verkehrslatein, sowie was Wissenschaft, Geschichte und Fremdsprachen zu lehren.

Es kommt häufig so vor, das mit 7 der Junge als Geisel den väterlichen Hof (curia) verlässt, um an einem andren Hof Page, Junker und dann Knappe bzw. Schildknappen (scutarius, armiger) zu werden, wobei er die ritterlichen Werte kennenlernt. Wenn die Eltern genug Geld besitzen, geht die Bildung fortan, und ein echter Geistlicher (meist von einem Kloster) bemüht sich, dem Jungen das Latein und andere Fremdsprachen (v.a. die Dialekte der direkten Nachbarschaft, aber auch das Westfränkische, das Byzantinische), sowie die Künste und Wissenschaften zu lehren. Darnach bleibt der Knappe auf fremdem Hof als Edelknecht oder bekommt die Schwertleite, den Ritterschlag ( „Zu Gottes und Maria Ehr, nimm diesen Schlag und keinen mehr“), bzw. die Ritterweihe des Schwertumgürtens, das Schwert wurde gesegnet (Schutz des Volkes gegen den Bösen) und es oblag ihm, sein Leben von Ritter zu führen, und einen Hof zu gründen , wo man liest, tanzt, singt und sich aufführt.

Hätten die Männer keine Zeit doch viel Geld, kann schlechthin der Junge ins Kloster gesandt werden. Die Ausbildung wurde damals verklärt, die Adligen waren der Meinung, dass ein vollkommener Ritter auch ein Gebildeter zu sein hatte. Repräsentation und Verhalten waren die Zentren der Beschäftigung jenes Adels (nach Oswald von Wolkenstein, 1377-1445). Die Repräsentation ist eigentlich wichtig, weil man durch das Ansehen, das Innere des Anderen urteilt. Das ougen schîn wirkt wie ein Laser und durch diesen Augenschein wird das muot , das Innerste, enthüllt.

Die Laien emanzipieren sich dadurch immer mehr von der priesterlichen Vermittlung zwischen Gott und den Menschen, und die Adligen beanspruchen unmittelbar mit Gott zu sprechen. Die kirchliche Bildung wird daher nicht die wichtigste Ausbildung, sondern die Entfaltung des Menschen selbst war am wichtigsten. Daher entwickeln sich blühend die Ritterschaft und die Laienliteratur, sowie die Laienausbildung.

Infolgedessen entsteht das Universitätswesen, das Schulwesen. Die universitas magistrorum et scholarium (Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden) waren anfänglich der Klosterschulen und Domschule angegliedert. Diese scholae publicae empfangen aber auch Laiengäste, die nicht das Kloster und den Dom betreten wollen, sondern nur eine Ausbildung gegen Obedienz (Geld) gelehrt bekommen wollen. Die größten von solchen Schulen waren Sankt Gallen in der Helvetia , Laon, Paris und Tours in Westfranken , Fulda, Lorsch und Lüttich in mittel- und niederdeutschsprachigem Raum , daneben auch Passau in bairischem Raum und Cîteaux (Zisterzienser Reform) in Burgund. In Italien entstanden die ersten echten Universitäten, d.h. die von Kloster- und Domschulen unabhängige Schulen. 1155 erlässt der Kaiser Friedrich I. Barbarossa das Scholarenprivileg, i.e. manchen Gelehrten war es gestatten zu lehren, ohne dass die Kirche sie mit Geld versehen (mit Pfründen waren Dom- und Kollegialstiften versehen). Damit war die Ausbildung nicht mehr ausschließlich die Beschäftigung von Geistlichen, sondern auch von Laien. Auch von den Städten waren die Universitäten geschützt, da die authentica habita (die Rechtsfähigkeit) der Universität die Gerichtsbarkeit befugt. An der Universität waren hauptsächlich die septem artes liberales (Pythagoreer Kanon) gelehrt, die in zwei Teilen (wortorientiert und zahlorientiert) gegliedert waren:

Trivium: Grammatik, Rhetorik und Didaktik (lateinische Sprachlehre, Stilllehre, Logik des aristotelischen Organons)

Quadrivum: Arithmetik, Geometrik, Musik und Astronomie (Zahlentheorie, Euklidische Lehre und Geographie, Kirchenmusik und Lehre der himmlischen astrologischen Körper).

Darüber hinaus kommt die divinitas , die Theologie, als höchste Form der Kunst, daneben das Recht und die Medizin.

Dem Jura widmet sich die italienisch-römische Universität von Bologna, die als erste Universität, 1088 gegründet, gilt, der Theologie die Universität von Paris (1150), der arabischen Medizin die kampanische Universität von Salerno (1173). Paris galt als Muster aller Universität, widersprach aber den Willen von Emanzipation gegenüber dem Papste, da sie bloß von Gregor IX. als höchste Schule der Theologie beauftragt wurde. Was die theologischen Fragen anging, stand schlechthin die Sorbonne über dem Papste.

Bei den Adligen stand aber die minne , die Liebe als höchste Form der Wahrheit. Dies erweist auch Einfluss auf die Ausbildung und führt etwa zu Humanismus und fördert den Augustinismus. Der Mensch, als von Gott gestaltetes Wesen mit Herz und Seele (Glaube und Vernunft) wird nach und nach zum Zentrum aller bildlichen Beschäftigungen und im 14. Jh. und vor allem 15. Jh. umwandelt sich die kirchlich-universitäre Lehre zu studium humanitatis. Damit soll der Mensch die Sprachen der Bibel, das Denken, das Handeln und die Moral beherrschen, mithin kann er das Jura, die Medizin und die Theologie studieren.

1348 wurde die erste deutschsprachige Universität in Prag (wo sich die meiste Zeit die kaiserliche Kanzlei aufhielt) gestiftet, 1365 die Universität von Wien, 1338 die Universität zu Köln.

Die Religiosität prägt auch stark die mhd. Gesellschaft (siehe Kirchengeschichte und Ordensgemeinschaften), vor allem die mystischen und häretischen Bewegungen fanden größten Beifall, neben den Bettelorden. Dies hat mit den Kreuzzügen zu tun. Wodurch die Kreuzfahrer queren, war es guter Anlass, um über kirchliche Fragen nachzudenken. Manche Sachen überwinden mal die Antwortfähigkeit der lokalen Priester und häretische Ideen wachsen wie Unkraut. Es ist zu bemerken, dass die Hauptwege zu Palästina durch Böhmen queren, d.h. durch die Wiege der künftigen Hussitenbewegung.

Wie gesagt findet ein Loch in der Literaturüberlieferung mit dem Verfall der Karolinger statt.

Einen willkommenen Neuanfang erfährt die mhd. Literatur um 1150 mit der Sammlung und Verarbeitung des Werkes von Notker III. von Sankt Gallen (um 1022). Dieser Mönch bemühte sich (natürlich einem Auftrag gemäß) Psalmen zu sammeln, und sie in das System der septem artes liberales zu integrieren, wobei er auf Alemannisch schrieb. Indes herrscht die geistliche mhd. Dichtung vor, man hat sogar mit einer der ersten Bibelübersetzung auf ahd. zu tun (Fragment der Altdeutschen Genesis), daneben mit Mariendichtungen (lob, gebete), mit hagiographischen Dichtungen und Legenden und auch mit mystischen Visionsdichtungen (Dichtung der Frau Ava von Melkt über den Untergang der Welt und das Ankommen Antichristi). Daneben entsteht eine kirchliche Didaktikliteratur (Beichtgedichte, Predigte).

Dazu entsteht eine Sachliteratur, die mit den septem artes liberales sich befasst. Als Beispiel dazu wird ein auf mhd. verfasste Physiologus überliefert, ein phantasievolles Bestiarium von allegorischer Bedeutung. Nimmermehr ist zu vergessen, dass die damalige Gesellschaft sich immer auf den Inhalt der Bibel bezieht. In dem Physiologus ist beispielsweise der Löwe die Allegorie von Markus (tetramorphos : Matthäus ist der Mann, Markus ist der Löwe der Wüste, Lukas ist der Stier, das Opfer, Johannes ist der Adler, das himmlische Geheimnis). Immer hat der Inhalt eines mittelalterlichen Textes, sowie einer Minnedichtung als auch einer epischen Erzählung, Bezug zu der christlichen Lehre (Kriemhild hat drei Brüder, was Bezug zu der Dreifaltigkeit nimmt).

Weltliche Dichtung sind nie pur prosaisch und enthalten stets einen mehrfachen Schriftsinn.

Ein mhd. Text erweist einen sinsus litteralis (wörtliche Bedeutung), und einen sinsus spiritualis (also verweltlicht eine geistliche Idee). Mithin kann er eine allegoria verhüllen (Dogmatik, Allegoria Christi), oder beweist von sinsus moralis (konkrete Anweisungen zur christlichen Lebensführung: der Löwe schützt dessen Kinder), sowie von anagogia (Zukunftswerden des Menschen). Später (bei Joachim von Fiore z.B. aber schon bei der Dichtung der Frau Ava) entsteht ein eschatologischer Sinn (apokalyptisch) direkt im Textaufbau.

Neben der geistlichen Dichtung sind auch Minnedichtungen zu finden (Kürenberger, Dietmar von Aist um 1160).

Von der west- und südfränkisch-englischen Dichtung beeinflusst verändert sich aber die mhd. Literatur (Periode 1170-1230). Da beginnt die deutsche Produktion der Heldenepik und der höfischen Literatur (aus dem roman courtois ). Diese Periode wird oft als Klassik des Mittelalters bezeichnet. Aber wichtiger ist zu erwähnen, dass diese Literatur epochal ist. Die Verfasser sind dessen bewusst, dass eine Veränderung stattfindet, und sogar dass sie dazu beitragen (mit der Figur der angevinisch-englischen Königin und autonomen Herzogin Südfrankreichs Eleonore/Aliénor von Aquitanien1122-1204 sollte man sich hier beschäftigen).

Grund dafür ist vor allem die Erfindung der Liebe, der minne . Der Stoff der Texte orientiert sich neu, und zwar an minnelichen Inhalt (Tristan von Gottfried von Straßburg). Mit der Verbreitung des ritterlichen Ideals und der Vorherrschaft der Laien auf der literarischen Ebene wird die Literatur zwar zu einer Literatur der Repräsentation der Macht des Auftraggebers, aber auch zu einer didaktischen Literatur, wo man das ideale höfische Verhalten und die falschen Wege des Geistes der Kirche (Macht) beschreibt. Diese aristokratische Literatur befasst sich gleichzeitig mit der Selbstdarstellung und mit der Selbstreflexion. Die zentralen Figuren gehören nicht dem Volke, die keine Verfasser beauftragen können, sondern sind ritter, Adlige, vrouwen, auch dienstmänner, milites, oder noch pfaffer. Man idealisiert diese Gesellschaft, indem man beabsichtigt, sie zu humanisieren (Friedensbewegung). Das oberste Ziel, das am Ende erfolgen soll, ist die Harmonisierung der Gesellschaft, wobei man das Ideal der mâze erreichen will: das Maß zwischen erotischer Liebe und göttlicher Verehrung. Der Ritter hat daher eine kämpferische Bestimmung (manheit ), aber als Adliger spielt er auch eine soziale Rolle (höveschkeit ). Den Tugenden des Rittertums muss er sich widmen:

Die persönlichen Tugenden sind:

mâze: Gleichgewicht zwischen Liebe, Abenteuersucht, also Ruhmgier und Verwaltungspflicht

zucht: Erziehung, höfische Bildung)

êre: Ehre und Ansehen

werdekeit: Würdigkeit)

staete: Beständigkeit);

und tugendliche Verhältnisse zu den anderen Adligen beinhalten:

triuwe: Treue

hôher muot: kulturelle Glückseligkeit

demüete: Demut

höveschkeit: Höfischkeit

milte: Freigebigkeit, liberalitas, largesse

güete: Freundlichkeit

manheit : Tapferkeit;

daneben sollte der Kampf und der Krieg (vor allem gegen die Heiden) immer mit vreude/fröude (Freude) geführt werden.

Die Ehrfurcht vor Gott war aber am wichtigsten. Der damalige Adel ist ein Tugendadel, der sich Gott zuwendet. Ziel ist es, die Gnade Gottes durch dessen Erbarmung zu erreichen, sowie den Schutz der Schwachen und das Erschlagen aller Häresie zu gewährleisten. Der Adlige hatte damals einen großen Verantwortlichkeitsanspruch.

Dies ist vor allem bei dem Artusroman zu finden.

Die minne ist daneben der höchste gesellschaftliche Wert (außer dem Lehenswesen freilich). Bei den Geistlichen findet auch eine Liebesmystik statt (Abelard von Laon und Eloise, Hildegard von Bingen).

Auch zu erwähnen ist die neueste Rezeption der Werke des Ovids, und die Erneuerung des Stoffes der Antike (Äneasroman des Heinrichs von Veldeke), die zu einer Verehrung des Mythos von Troja führt (in dem Waltharius ist Hagen ein Trojaner, dazu kommt der Name Tronje, laut Geoffrey von Monmouth stammen alle Briten aus Brutus ab, Urenkel des Äneas, damit sollen alle Franken aus dessen Bruder Frankus abgestammt worden sein).

Die Verfasser waren aber der Fiktionalität ihres Tuns bewusst, wennschon Fiktion Wahrheiten widerspiegeln kann.

Diese Art von Verfassung bildet vor allem in deutschsprachigem Gebiet eine Übertragung der französisch-angevinischen Literatur, aber man fängt auch an, neue Stoffe zu erfinden. Die Literatur musste den Knappen Vorbilder geben, nicht Träumen oder Spaß, und diese säkularen Vorbilder sind keine Individualitäten, sondern fiktionale Spiegeln.

Nicht zu vergessen: darstellen / aufführen bedeutet aktualisieren = also Frage der Zeigemäßigkeit

112 von 112 Seiten

Details

Titel
Der Geist des Mittelalters. Eine kulturgeschichtliche Auseinandersetzung mit mittelalterlicher Literatur- und Geisteswissenschaft
Hochschule
Universität Augsburg
Autor
Jahr
2012
Seiten
112
Katalognummer
V309950
ISBN (Buch)
9783668084933
Dateigröße
929 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Autor ist kein Muttersprachler.
Schlagworte
geist, mittelalters, eine, auseinandersetzung, literatur-, geisteswissenschaft
Arbeit zitieren
M.A. Arnaud Duminil (Autor), 2012, Der Geist des Mittelalters. Eine kulturgeschichtliche Auseinandersetzung mit mittelalterlicher Literatur- und Geisteswissenschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/309950

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