Frühe Kindheit, Medien und Spracherwerb. Der Einfluss des Kinderfernsehens auf frühkindliche Sprachbildungsprozesse


Hausarbeit, 2014
17 Seiten, Note: 1,3
Mara Strick (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Frühe Kindheit:
1.1 Bildung in der frühen Kindheit
1.2 Zusammenfassung

2. Voraussetzungen für einen gelungenen Spracherwerb
2.1 Der Spracherwerb in seinen einzelnen Phasen

3. Inhalt der Dokumentation: „Fernsehen aus dem Fläschchen“
3.1 Kritische Auseinandersetzung mit dem Spracherlernen im Kleinkindalter durch da Fernsehangebot „Baby-First“

4. Zusammenfassung und Ausblick

5. Literaturverzeichnis

Einleitung

Fernsehen ist mittlerweile in der kindlichen Lebenswelt fest verankert. Dabei hat sich das Kinderfernsehen in den letzten 20 Jahren stark verändert. Seit wissenschaftlich belegt ist, dass Kinder im Alter von 0 - 3 Jahren mehr lernen, als in ihrem restlichen Leben, bilden Kleinkinder auch die neue Zielgruppe der Entwickler von Fernsehprogrammen mit einem immer weiter expandierenden Angebot von Fernsehsendern, Schulungs-DVDs und Lernangeboten für Säuglinge. Mittels dieser Angebote können angeblich schon Säuglinge ohne elterliches Zutun besser sprechen und zählen lernen und so insgesamt in ihrer Intelligenzentwicklung gefördert werden. Die Kontroverse um den fördernden Einfluss des Fernsehens ist dabei allgegenwärtig. Die Verknüpfung des Fernsehens mit dem Begriff der Bildung ist verwirrend, sodass es einer kritischen Reflexion und Hilfestellungen bedarf, wie die medialen Angebote einzuordnen sind. Um dieser Auseinandersetzung näher zu kommen, wird im ersten Teil der Arbeit der komplexe Begriff der Bildung in der frühen Kindheit skizziert. Damit im weiteren Verlauf der Einfluss des Fernsehens auf den Spracherwerb analysiert werden kann, soll im zweiten Teil der Spracherwerb in seinen einzelnen Phasen erörtert werden. Im dritten Teil wird das Medium Fernsehen hinsichtlich seiner möglichen Einflussnahme auf frühkindliche Bildungsprozesse, insbesondere auf den Spracherwerb, untersucht werden. Es soll anhand der exemplarischen Auseinandersetzung mit der Fernsehdokumentation „Fernsehen aus dem Fläschchen“ auf die Frage eingegangen werden, ob und wie Kinderfernsehen den Spracherwerb beeinflusst. Die französische Journalistin Anne Georget führte Gespräche mit Neurologen, Psychiatern, Entwicklungspsychologen und Fernsehmachern und versucht so, den Einfluss von Fernsehen auf die Sprachentwicklung von Babys darzustellen. Es wird der Inhalt der Dokumentation dargelegt und im weiteren Verlauf eine kritische Auseinandersetzung mit dem Fernsehangebot für Säuglinge vollzogen. Die Arbeit schließt mit einer Zusammenfassung und einem Ausblick ab.

1. Frühe Kindheit:

1.1 Bildung in der frühen Kindheit

Die Bildungsdiskussion hat verstärkt den Bereich der frühkindlichen Pädagogik erfasst, denn hier erkennt man den größten Revisionsbedarf. Öffentliche, politische und wissenschaftliche Diskussionen, ausgelöst unter anderem durch Schulleistungsuntersuchungen wie die internationale PISA- oder IGLU-Studie, widmen sich dem Thema der frühkindlichen Bildung. Diese Diskussionen sind geleitet von der allgemein anerkannten Einsicht, dass Bildung mit der Geburt beginnt und dass in den ersten Lebensjahren die wesentlichen Voraussetzungen für alle späteren Bildungsprozesse gelegt werden. Während man früher das Neugeborene ausschließlich als schutzloses und passives Wesen gesehen hatte, so spricht man heute vom „kompetenten Säugling“, dessen Fähigkeiten lange unterschätzt wurden.

Die historische Entwicklung hin zu der heutigen Auffassung wurde in der Renaissance gebahnt und in der Epoche der Aufklärung durch die Philosophen Locke und Rousseau entfaltet. Nachdem die Kindheit als eigenständiger, lebensgeschichtlicher Abschnitt anerkannt worden war, widmeten sich Wissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen der Frage: „Wie lernen Kinder und wie können Erwachsene diesen Prozess fördern?“ So entstanden im Laufe der Zeit sozialisationstheoretische, pädagogische, psychologische und neurobiologische Ansätze, die sich dieser Frage widmeten. Wie es zu der Begrifflichkeit und zu dem Verständnis von Kindheit kam, soll im Rahmen des ersten Kapitels nachvollzogen werden, um dann exemplarisch den entwicklungspsychologischen Ansatz Piagets und den pädagogischen Montessoris vorzustellen, da diese beiden Theorien das Bild vom Kind und das Verständnis von Bildung bis heute prägen. In vielen Ansätzen entsprechen diese Theorien aktuellen Auffassungen, was im Weiteren ebenfalls an einem Beispiel dargestellt wird. Der Medienwissenschaftler Neil Postman (1931 - 2003) stellt in seinem Werk „Das Verschwinden der Kindheit“1 die These auf, dass die Institution Kindheit vom Verschwinden bedroht sei. Um dies zu belegen, widmet er sich der Fragestellung, woher die Idee der Kindheit stammt und wie sich eine Abgrenzung vom Erwachsenen zum Kind vollzog.

Im Mittelalter galt, dass mit dem Beherrschen der Sprache, somit ab etwa sieben Jahren, die Phase der Kindheit mehr oder weniger abgeschlossen war und man sich in die verbale Welt der Erwachsenen begab. Laut Postman veränderte sich dieses Bild der Erwachsenen- und Kinderwelt durch die bahnbrechende Entwicklung des Buchdrucks. Es entstand eine neue Welt der Symbole, an der Kindern die Teilhabe nicht möglich war. Auf Grund dieser Exklusion der Kinder aus der Erwachsenenwelt entwarf man eine zweite, die Welt der Kindheit. Seitdem hat sich die Idee der Kindheit „[...] als soziale Struktur und als psychologisches Bedingungsgefüge […] bis in unsere Zeit weiterentwickelt.“2 Daraus folgt, dass „[…] das Kind zu einem Gegenstand der Achtung, zu einem besonderen Geschöpf mit andersartigem Wesen und andersartigen Bedürfnissen [wurde], das von der Erwachsenenwelt abgesondert und von ihr geschützt werden musste.“3 Diese abgesonderte Betrachtung wurde im Zeitalter der Aufklärung durch die Philosophen John Locke (1632 - 1704) und Jean Jeaques Rousseau (1712 - 1778) weiter getrieben. Letzteren kann man als Vater einer kindgerechten Pädagogik bezeichnen, da sich im Folgenden Philosophen und Wissenschaftler auf seine Beiträge bezogen, die zu einer wesentlichen Weiterentwicklung der Idee der Kindheit beitrugen.

Zwei Gedanken sind von besonderer Relevanz: Dass Kindheit aus sich heraus wertvoll ist, und dass „[...] Kindheit das Lebensalter ist, in dem der Mensch dem ≪Naturzustand≫ am nächsten steht.“4 Rousseau kritisiert die vorschnelle Vereinnahmung des Kindes als „Bürger“, während doch das Kind zunächst in seinem Naturzustand gewürdigt werden müsste. Es sollte freigestellt sein, um die Ausbildung seiner Sinne, Organe und Glieder von sich aus zu gestalten. Wenn ursprüngliche Bedürfnisse, Gefühle und Neigungen zu früh durch unpassende Normen und Verbote unterdrückt würden, „[...] so bringe man einen entzweiten Menschen hervor und arbeite seinen Zielen zuwider.“5

Während für Rousseau Erziehung eher als ein Prozess des Abziehens, des Verminderns von Einflüssen war, entwarf Locke die Metapher einer unbeschriebenen Tafel für den Zustand des menschlichen Geistes bei seiner Geburt. Das Kind war somit ein Wesen, das durch das Vermitteln von Bildung, das Erlernen von Schreiben, Lesen und anderer Kulturtechniken zu einem Erwachsenen geformt wurde. Die Fähigkeit, sich selbst zu beherrschen und die Entwicklung von Schamgefühlen wurden als grundlegende Kriterien für das Erwachsenwerden erkannt. Für Locke war somit in seiner Schlussfolgerung Erziehung ein Prozess des Hinzufügens.

Diese beiden konträren Entwürfe stehen bis heute nebeneinander und es stellt sich die Herausforderung, eine Synthese herzustellen zwischen der weitgehend unangefochtenen Ansicht Lockes, "[...] Kinder seien ungeformte Erwachsene, die es zu zivilisieren gelte, […]“6 „[…] ohne die von Rousseau und später der Romantik aufgezeigten Vorzüge der Kindheit zu beeinträchtigen.“7

Ausgehend von der Gewissheit, dass die Welt der Kinder sich grundlegend von der der Erwachsenen unterscheidet, hat der Schweizer Entwicklungspsychologe Jean Piaget (1896 - 1980) mit seiner ursprünglich biologischen Ausrichtung eine Theorie erarbeitet, welche die Denkprozesse der Kinder erfasst, eingeteilt in unterschiedliche Entwicklungsstufen. Laut Piaget konstruieren sich Kleinkinder ihr Wissen durch die aktive Auseinandersetzung mit der Umwelt. Dabei erfassen Kinder neue Gegenstände in ihrer Umgebung durch generalisierende Einordnung und differenzierende Anpassung. Bei Kindern laufen Denkprozess aus „[...] der Perspektive ihrer eigenen unmittelbaren sinnlichen Wahrnehmung [...]“8 ab. Piaget teilt die kognitive Entwicklung in vier Stufen ein. So sammelt in den ersten beiden Lebensjahren das Kind Erfahrungen über die sinnliche Wahrnehmung und mittels Bewegungsvorgängen: „Die Ursprünge der Intelligenz sind nach Piaget auf der sensomotorischen Stufe zu finden, die mit der Geburt beginnt.“9 Ein Säugling „denkt“ in dieser Phase also vorwiegend sensomotorisch. Weitere Stufen der kognitiven Entwicklung sind das präoperationale Stadium, in dem das Kleinkind sich die Sprache aneignet und mit Begriffen, Vorstellungen und Symbolen umzugehen lernt. Es folgt die Stufe des anschaulichen Denkens, in der das Denken sich in inneren Bildern entfaltet, mittels derer bereits auch kausale Zusammenhänge hergestellt werden. Im folgenden Stadium der konkreten Operationen wird nicht mehr nur einseitig gedacht, sondern verschiedene Eigenschaften werden mit einem Gegenstand verknüpft. Das Kind ist nun in der Lage, vorauszudenken und rückblickend sein Handeln zu reflektieren. In der Stufe der formalen Operationen ist mit elf, zwölf Jahren die ausgereifte Form logischen Denkens erreicht. Der Jugendliche ist in der Lage, mit abstrakten Inhalten und Hypothesen gedanklich umzugehen und Probleme werden auf der Basis von Theorien analysiert. Es wird deutlich, dass innerhalb der einzelnen Entwicklungsstufen sich das Denken immer mehr vom konkreten Gegenstand und der sinnlichen Erfahrung löst, hin zu einer komplexeren Wahrnehmung und einer sich verstärkenden Abstraktionsfähigkeit.

Den Ursprung des Lernens sieht Piaget eindeutig in der sensomotorischen Phase verankert, was dem heutigen Bild des fähigen Säuglings entspricht.10

Die Reformpädagogin Maria Montessori (1870 - 1952) entwickelte, abgeleitet von ihren Beobachtungen, die sie, im Gegensatz zu dem wissenschaftlich begründeten Vorgehen Piagets, in den von ihr gegründeten Kinderhäusern sammelte, ein pädagogisches Handlungskonzept. Dieses ist geprägt durch den Gedanken der Erziehung des Kindes zur Selbstständigkeit, indem die Eigentätigkeit des Säuglings gefordert wird, was sie mit dem Satz: „Hilf mir es selbst zu tun!“ zusammenfasst. Die Bezugspersonen nehmen bei diesem Ansatz eine eher passive Rolle ein, da sie neben der physischen Versorgung vorwiegend ein geeignetes Umfeld schaffen sollen, in dem das Kind sich mit seinem individuellen Tätigkeitsdrang frei entfalten kann. Dieses dem Kind von Natur aus angelegte Freiheitsstreben zu schützen und zu fordern, ist somit die Hauptaufgabe der Bezugspersonen. Montessori entwickelt ein Bild vom Kind, dem die Vorstellung einer frei auswählenden und agierenden Persönlichkeit zugrunde liegt und das sich im Rahmen seiner Möglichkeiten selbst bildet. Sie geht davon aus „[...] dass es bei kleinen Kindern nicht um die Vermittlung von Kenntnissen geht, sondern vielmehr um das Erwecken und Entfalten der geistigen Kräfte.“11 Es entsteht der Gedanke der Selbstbildung, der in drei Entwicklungsbereiche eingeteilt wird, die alle gleichermaßen gefördert werden müssen, um die frühkindliche Bildung zu garantieren. Zu diesen Bereichen gehören der sensomotorisch-physiologische Bereich, der kognitiv-affektive, der sozialaffektive und der kulturelle Bereich. Ersteres meint die Erfüllung der Grundbedürfnisse wie Nahrung, Schlaf und Bewegung, wobei Bewegungsvorgänge im Säuglingsalter vor allem durch tastende Bewegungen der Arme und Hände geprägt sind. Der zweite Bereich steht für das Sammeln und Ordnen von Eindrücken, gepaart mit dem Bedürfnis, sich in der Welt teilnehmend zurechtzufinden. Letzteres meint Selbstbildung als einen Prozess, der abhängig von kulturellen und sozialen Gegebenheiten zu sehen ist.12 Montessori bezieht sich hier auf den sozialen Austausch ganz allgemein, aber zählt zu den „aktiven Umgangserfahrungen“ auch im Konkreten „Aufrichtigkeit und Lüge“, „Moral und Unvollkommenheit“ und die Erfahrung von „Tränen, Schmerzen und Unverständnis.“13

[...]


1 Neil Postman: „Das Verschwinden der Kindheit“ Frankfurt am Main, S. Fischer Verlag, 3. Auflage, 1983 2

2 Ebd. Neil Postman, S. 8

3 Ebd. Neil Postman, S. 49

4 Ebd. Neil Postman, a.o.O., S. 72

5 Ebd. J.-J. Rousseau: „Emil oder über die Erziehung“ Paderborn, Schöningh Verlag, 13. Auflage, 1998, S. 6 3

6 Ebd. Neil Postman, a.o.O., S. 74

7 Ebd. Neil Postman, a.o.O., S. 84

8 Ebd. L. Fried, B. Dippelhofer-Stiem, M. Honig, L. Liegle: „Einführung in die Pädagogik der frühen Kindheit“ Berlin, Beltz Verlag, 2003, S. 33

9 Ebd. Celia Stendler-Lavatelli: „Früherziehung nach Piaget“ München/Basel, Ernst Reinhardt Verlag, 1976, S. 32

10 Vgl. Celia Stendler-Lavatelli, a.o.O., S. 32 - 45

11 Ebd. Hildegard Holtstiege: „Montessori-Pädagogik für 0-4 Jahre: Ganzheitliche Bildung in Familie, Kita und Kindergarten“ Freiburg, Herder Verlag, 2009, S. 50

12 Vgl. Hildegard Holtstiege, a.o.O., S. 11 - 55

13 Ebd. Hildegard Holtstiege, a.o.O., S. 55

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Frühe Kindheit, Medien und Spracherwerb. Der Einfluss des Kinderfernsehens auf frühkindliche Sprachbildungsprozesse
Hochschule
Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Alfter
Veranstaltung
Spracherwerb im sozialen Kontext
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
17
Katalognummer
V309990
ISBN (eBook)
9783668083370
ISBN (Buch)
9783668083387
Dateigröße
524 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bildung in der frühen Kindheit, Der Spracherwerb in seinen einzelnen Phasen
Arbeit zitieren
Mara Strick (Autor), 2014, Frühe Kindheit, Medien und Spracherwerb. Der Einfluss des Kinderfernsehens auf frühkindliche Sprachbildungsprozesse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/309990

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