Werden die Olympischen Sommerspiele vermehrt an autokratische Staaten vergeben? Eine Untersuchung mit dem Polity-Index


Hausarbeit, 2015

20 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1 Diskussion über eine mögliche Bewerbung von Berlin oder Hamburg um die Olympischen Sommerspiele 2024

2 Demokratiemessung mit dem Polity-Index
2.1 Aufbau des Polity-Index
2.2 Tresholds
2.3 Kritik
2.4 Datengrundlage: Quellen und Auswahl der Daten

3 Ergebnisse
3.1 Verteilung nach Regimetypen
3.2 Zeitliche Entwicklung der RCPS-Werte
3.3 Diskussion

4 Die Olympischen Sommerspiele wurden bzw. werden nicht vermehrt an autokratische Staaten vergeben

Literaturverzeichnis

1 Diskussion über eine mögliche Bewerbung von Berlin oder Hamburg um die Olympi- schen Sommerspiele 2024

Als am 28.10.2014 das Präsidium des Deutschen Olympischen Bundes (DOSB) bekannt gab, dass sich entweder Hamburg oder Berlin für die Olympischen Sommerspiele 2024 bewerben wird (Zeit Online 2014), war die Skepsis in den betroffenen Bevölkerungsteilen zunächst groß. Laut einer vom DOSB in Auftrag gegebenen Forsa-Studie seien 48% der Berlinerinnen und Berliner für und 49% gegen eine Olympia-Bewerbung (Beikler und Vogel 2014). Zwar soll die Bevölkerung von Beginn an mit einbezogen werden, doch die „rechtliche Form [der Bürgerentscheide] bleibt unklar“ (Weinreich 2014: 5). Schnell wurden hier Erinnerungen wach an München, das sich für die Olympischen Winterspiele 2022 bewerben wollte, seine Kandidatur aber aufgrund eines negativen Bürgerentscheides zurückziehen musste (Weinreich 2013). Ähnlich erging es der norwegischen Hauptstadt Oslo, die ebenfalls für die Olympi- schen Winterspiele in acht Jahren kandidieren wollte, sich aber noch vor einer möglichen Ab- stimmung im norwegischen Parlament aufgrund zu geringer Unterstützung in der Bevölke- rung gegen die Bewerbung entschied (Deutsche Presse-Agentur 2014). Somit verbleiben als Kandidatenstädte für die Olympischen Winterspiele 2022 nur noch Peking in China und Al- maty in Kasachstan (Olympic.org 2014).

Städte in Ländern, die gemäß dem Polity-Index, der dieser Arbeit zugrunde liegt und im wei- teren Verlauf noch genauer erklärt wird, als Autokratien gelten (Center for Systemic Peace 2014b). Die Zustimmung für eine Bewerbung um Olympischen Winterspiele 2022 ist in der chinesischen bzw. kasachischen Bevölkerung aber zumindest laut dem Internationalen Olym- pischen Komitee (IOC) deutlich größer als etwa in Norwegen generell oder Oslo selbst (Weinreich 2014: 5). Im Gegensatz zu Peking/China und Almaty/Kasachstan liegen die bei- den ausgeschiedenen Bewerberstädte München und das als Favorit für die Vergabe der Olympischen Winterspiele 2022 bezeichnete Oslo (Spiegel Online 2014) laut dem Polity- Index jedoch in demokratischen Staaten.

Somit stellt sich Frage, ob diese aktuelle Beobachtung generell übertragen und verallgemeinern werden kann für sportliche Großveranstaltungen wie etwa die Olympischen Winterspiele, oder im Falle Berlins und Hamburgs, die Olympischen Sommerspiele. Es drängt sich also die Frage auf, ob die Olympischen Sommerspiele vermehrt an autokratische Staaten vergeben wurden bzw. vergeben werden, auch deshalb, weil sich das IOC also jenes Gremium, das letztendlich über die Vergabe der Olympischen Sommerspiele entscheidet, in Autokratien traditionell wohl fühlt (Weinreich 2014: 5).

Um diese Frage zu beantworten, ist es sinnvoll, die Historie der Olympischen Sommerspiele genauer zu untersuchen, und dabei vor allem die Demokratiequalität der Länder, an deren Städte die Olympischen Sommerspiele vergeben wurden.

Als Instrument zur Demokratiequalitätmessung wird der Index des Polity-Projektes verwen- det, denn mit dem Polity-Projekt können die Daten des zeitlich umfangreichsten Unterneh- mens auf dem Gebiet der Demokratiemessung genutzt werden (Lauth 2004: 274). Dieses be- inhaltet in seinem aktuellen Datensatz Polity IV von 2013 167 Länder und bildet für zahlrei- che Länder die Jahre von 1800 bis 2013 ab (Marshall 2014). Da kein anderer Demokratiein- dex einen solchen Umfang in seinen Messungen bietet (Anzahl der Länder sowie Zeitraum der Messungen), ist der Polity-Index für die Verwendung in der folgenden Arbeit prädesti- niert.

Im Folgenden wird nun das Polity-Projekt erläutert, wobei auf den Aufbau und seine Thresholds eingegangen wird, bevor einige Kritikpunkte am Polity-Projekt den Methodenteil abschließen.

Anschließend wird die Datengrundlage erläutert, wobei darauf eingegangen wird, woher die Daten stammen und warum welche Daten verwendet bzw. nicht verwendet wurden. In den Ergebnissen wird zunächst ein Überblick über die Befunde der Untersuchungen und Analysen bezüglich der Fragestellung geliefert, bevor auf einzelne Aspekte eingegangen wird. Es schließt eine Diskussion über die Ergebnisse an, in Folge derer im Schluss die Forschungs- frage beantwortet wird.

2 Demokratiemessung mit dem Polity-Index

2.1 Aufbau des Polity-Index

Das Messkonzept des Polity-Projektes ist einer der am weitesten verbreiteten Ansätze in der Demokratiemessung und will die Auswirkungen von politischen Regimen auf die Beständig- keit und Entfaltung von Demokratie bzw. Autokratie messen (Pickel und Pickel 2006). Polity I umfasst dabei 91 Länder von 1800 bis 1971 mit einer zweimaligen Messung, wobei insgesamt 336 politische Systeme vor 1940 untersucht wurden. Ziel der Untersuchung war die Klärung des Zusammenhanges zwischen Regimeausprägung und Stabilität, wobei der Aus- gangspunkt hierbei nicht Demokratiekonzeptionen sondern Gedanken zu autoritären Regimen waren (Lauth 2004: 274).

Polity II bezieht insgesamt 155 Länder, 21 historische und 134 noch bestehende Länder, von 1800 bis 1986 mit ein und misst jährlich. Die Länder werden dabei mit neun Variablen gemessen, jedoch finden nur fünf davon Eingang in die Bestimmung der beiden Regimetypen Demokratie und Autokratie (Lauth 2004: 274-275).

Polity III untersucht 161 Länder im Zeitraum von 1946 bis 1994 jährlich, wobei 157 davon 1994 noch existent waren und eine Bevölkerung von mehr als 500.000 aufwiesen. Dieser Arbeit liegt Polity IV zugrunde, das in seinem Datensatz von 2013 167 Länder misst (Marshall 2014), die wiederum eine Bevölkerung von mehr als 500.000 vorweisen können müssen (Center for Systemic Peace 2014b). Somit liegen für eine Vielzahl von Ländern Wer- te von 1800 bis 2013 vor.

Nun wird kurz auf die Konzeption des Polity-Projektes eingegangen.

Während sich andere prominente Indizes zur Demokratiemessung nur auf bürgerliche Frei- heits- und Beteiligungsrechte stützen, erweitern Jaggers und Gurr für Polity ihre Qualitäts- messung demokratischer politischer Systeme um die Einbettung der Exekutive in die institu- tionelle Ordnung des jeweiligen Landes (Pickel und Pickel 2006: 184). Demokratie wird da- bei, ganz im Sinne Sartoris (Lauth 2004: 275), definiert als das Gegenteil von Autokratie. Was die Demokratie von der Autokratie unterscheidet, sind die Art der Rekrutierung des poli- tischen Personals, der Umfang der Kontrolle der Exekutive, die Offenheit der Partizipations- möglichkeiten sowohl der Politiker als auch der Bürger an der politischen Willensbildung, das Ausmaß der Regulierungstätigkeit des Staates und der Umfang staatlicher Dezentralisierung (Pickel und Pickel 2006: 184). Lauth (2004: 275) sieht somit bei dem Polity-Projekt drei ent- scheidende Merkmale der Demokratie: Zum einen zeichnet sich Demokratie aus durch freie Partizipation, also durch Wettbewerb, weiterhin durch die Begrenzung der Exekutivmacht, sowie durch die Garantie bürgerlicher Rechte (Lauth 2004: 275). Aufgrund der als zu schlecht angesehenen Datenlage wird der Punkt Garantie bürgerlicher Rechte im weiteren Verlauf des Polity-Projektes jedoch verworfen. Die operationale Basis bilden sodann drei zentrale Indika- toren, die mit insgesamt fünf Variablen erfasst werden.

Die drei Indikatoren sind dabei (1) der Wettbewerbsgrad der politischen Partizipation, (2) der Wettbewerbsgrad und die Offenheit der politischen Rekrutierung sowie (3) die Begrenzung der Exekutive (Lauth 2004: 275).

(1) wird durch die Variablen „Wettbewerbscharakter der politischen Partizipation“ und „Steu- erung der politischen Partizipation“ gemessen, (2) durch „Wettbewerbscharakter der Rekru- tierung der Exekutive“ und „Offenheit der Rekrutierung der Exekutive“. Die Messung für (3) ist gleichbedeutend mit dem genannten Indikator und will die Gewaltbeschränkung der Exe- kutive bestimmen (vgl. Abbildung 1: Demokratie-Autokratie-Konstruktion).

Insgesamt variiert „die Anzahl der Kategorien für die einzelnen Variablen [...] von vier bis sieben Stufen“ (Lauth 2004: 275), wobei ein Teil die demokratischen und ein anderer die au- tokratischen Merkmale eines politischen Systems misst. Somit ermöglicht jede Kategorie nur eine demokratische oder autokratische Zuordnung, auch deshalb, weil keine Nullwerte in der Skala vergeben werden können: „Die mit den Kategorien verbunden regimespezifischen Punktwertungen ermöglichen die separate Messung von Demokratie und Autokratie“ (Lauth 2004: 276). Der Maximalwert beider Indizes (Demokratie- und Autokratieindex) liegt für beide bei zehn Punkten.

Demokratie und Autokratie bilden sodann jeweils einen Idealtyp, die an den Polen ein und desselben politischen Kontinuums stehen, wobei somit auch Varianten dieser Systeme über den Grad an Demokratisierung möglich sind (vgl. 2.2 Thresholds). Demokratie ist also nicht einfach nur vorhanden oder nicht, sondern sie setzt sich zusammen aus mehreren Struktu- relementen, die entweder demokratischen oder autokratischen Charakter haben und so ent- sprechend ihres Grades an Demokratisierung auf dem Kontinuum platziert werden (Pickel und Pickel 2006: 184). Die Demokratie- und Autokratiewerte werden nun durch subjektive Bewertungen mithilfe folgenden Fragebogens (vgl. Abbildung 1: Demokratie-Autokratie- Konstruktion) gemessen.

Für jede der fünf Variablen wird bei der Messung eine Kategorie ausgewählt, beispielsweise bei „Steuerung der politischen Partizipaton (PARREG)“ die Kategorie „(4) eingeschränkt“, was gleichbedeutend ist mit null Punkten für den Demokratie- und zwei Punkten für den Autokratieindex. Die Werte aller Variablen werden nun für die beiden Indizes aufaddiert, so dass bei einem Gesamtwert von 0 auf einer der beiden Indizes (Demokratie- und Autokratieindex) jegliche Elemente der jeweiligen politischen Ordnung (Demo- oder Autokratie) völlig fehlen, während bei einem Gesamtwert von 10 bei einem Index eine vollständige Übereinstimmung mit dem jeweiligen System zu beobachten ist.

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Werden die Olympischen Sommerspiele vermehrt an autokratische Staaten vergeben? Eine Untersuchung mit dem Polity-Index
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg  (Institut für Politikwissenschaft und Soziologie)
Veranstaltung
Demokratiemessung (Konstruktionsmerkmale ausgewählter Regierungssysteme in etablierten Demokratien und Transformationsstaaten)
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
20
Katalognummer
V310065
ISBN (eBook)
9783668083752
ISBN (Buch)
9783668083769
Dateigröße
1008 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
werden, olympischen, sommerspiele, staaten, eine, untersuchung, polity-index
Arbeit zitieren
Fabian Herbst (Autor), 2015, Werden die Olympischen Sommerspiele vermehrt an autokratische Staaten vergeben? Eine Untersuchung mit dem Polity-Index, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/310065

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