Die zentrale Frage dieser Arbeit soll sein, ob die Mittelschichten in Lateinamerika zur Unterstützung demokratischer Herrschaft tendieren. „Politisch haben die Mittelschichten eine ambivalente Rolle eingenommen, d.h. sie können sich sowohl der Rechten als auch der Linken anschließen […].“
Ob dies tatsächlich der Fall ist, soll im Rahmen dieser Arbeit überprüft werden. Die Mittelschichten in Chile und Brasilien haben jeweils verschiedene Phasen unter verschiedenen Herrschaftsmodellen erlebt und sich derweil politisch sehr spezifisch verhalten. In beiden Staaten wurden Phasen der Demokratie wie auch der militärischen Regierung durchlaufen, was sie zu einem interessanten Vergleichsgegenstand macht. Die Gemeinsamkeiten und Unterschiede explizit herauszuarbeiten, soll das Interesse dieser Arbeit sein und bestenfalls zu übergreifenden Erkenntnissen über das politische Verhalten von Mittelschichten in Lateinamerika führen.
In der vergangenen Dekade sind die Mittelschichten Lateinamerikas um 50% gewachsen und machen nun 30% der Bevölkerung aus. In Anbetracht dieser anscheinend großartigen Entwicklungen stellen sich trotzdem vielfältige Fragen. Denn die sogenannten „neuen Mittelschichten“ scheinen trotz ihres jüngsten Wachstums unzufrieden zu sein. In Brasilien kündigten sich zum Weltereignis schlechthin, der Fußballweltmeisterschaft 2014, massive Proteste gegen die marode Infrastruktur, das Gesundheits- und Bildungssystem an, die die gesamte öffentliche Sicherheit zwischenzeitlich lahmlegten. In Chile fanden in der Vergangenheit ebenfalls – wenn auch mit wesentlich spezifischeren Inhalten – Proteste statt. Seit Jahren demonstrieren Schüler und Studenten gegen ein privates und somit äußerst kostspieliges Bildungssystem. Die Frage ist, auf was für Gründe derartige Proteste zurückzuführen sind. Auf der Suche nach Ursachen können einerseits die historisch-politischen Entwicklungen der verschiedenen Mittelschichten in Betracht gezogen werden, andererseits ist es auch die spezifische Zusammensetzung der Mittelschichten, die von Bedeutung sein kann.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG UND THEORETISCHE GRUNDLAGEN
2. SCHLÜSSELMERKMALE ZUM VERSTÄNDNIS LATEINAMERIKANISCHER GESELLSCHAFTEN
3.POLITISCHES VERHALTEN DER MITTELSCHICHTEN IN CHILE UND BRASILIEN IM VERGLEICH
3.1. ENTSTEHUNGSKONTEXT DER MITTELSCHICHTEN
3.2. MITTELSCHICHTEN WÄHREND DER "DEMOKRATISCHEN ERFAHRUNG"
3.3. MITTELSCHICHTEN WÄHREND MILITÄRISCHER HERRSCHAFT
3.4. MITTELSCHICHTEN SEIT DER (ERNEUTEN) TRANSITION
4. SCHLUSSTEIL
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das politische Verhalten der Mittelschichten in Chile und Brasilien im historischen Vergleich. Dabei steht die zentrale Forschungsfrage im Mittelpunkt, ob und unter welchen Bedingungen diese sozialen Schichten zur Unterstützung demokratischer oder autoritärer Herrschaftsformen tendieren.
- Historische Entstehung und soziokulturelle Prägung der Mittelschichten in Chile und Brasilien
- Analyse des politischen Verhaltens unter demokratischen Regierungen
- Einfluss militärischer Herrschaftsphasen auf die politische Orientierung
- Die Rolle von Wirtschaftsmodellen und Sicherheitsbedürfnissen für den sozialen Status
- Vergleichende Untersuchung der Transitionsprozesse und aktueller Herausforderungen
Auszug aus dem Buch
3.3. Mittelschichten während militärischer Herrschaft
„Am 11.09.1973 wurde Allende durch einen Militärputsch gestürzt. Die Verfassung einschließlich die Grund- und Freiheitsrechte, wurde außer Kraft gesetzt jegliche Tätigkeit politischer Parteien verboten und eine neooligarchische Restauration eingeleitet.“67
Zugleich war dies die Geburtsstunde der „Chicago-Boys“68, einer Gruppe von in Chicago ausgebildeten Wirtschaftswissenschaftlern, die für die wirtschaftlich ideenlosen Militärs eine wirtschaftliche Rundumerneuerung auf den Weg brachte.
„Der staatliche Sektor sollte deutlich reduziert werden, die Öffnung der Wirtschaft für den freien Handel würde Chiles komparative Vorteile maximieren, eine Stärkung der Privatwirtschaft würde die Unterstützung für die Regierung festigen, und die Regulierung der Löhne durch die Marktkräfte würde die Position der Gewerkschaften schwächen.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG UND THEORETISCHE GRUNDLAGEN: Einführung in die Problematik der Mittelschichtendefinition und Darstellung der theoretischen Ausgangslage bezüglich gesellschaftlicher Modernisierungsprozesse.
2. SCHLÜSSELMERKMALE ZUM VERSTÄNDNIS LATEINAMERIKANISCHER GESELLSCHAFTEN: Untersuchung struktureller Faktoren wie Landbesitz, Agraroligarchien und kultureller Prägungen, die das Verständnis politischer Herrschaft in Lateinamerika formen.
3.POLITISCHES VERHALTEN DER MITTELSCHICHTEN IN CHILE UND BRASILIEN IM VERGLEICH: Analyse der unterschiedlichen Entstehungskontexte, des Verhaltens unter demokratischen Rahmenbedingungen sowie während der Militärdiktaturen und der Phase nach der Transition.
4. SCHLUSSTEIL: Fazit der vergleichenden Studie, in dem das Bedürfnis nach Sicherheit als zentraler Motor für das politische Agieren der Mittelschichten herausgearbeitet wird.
Schlüsselwörter
Mittelschichten, Lateinamerika, Chile, Brasilien, Politische Partizipation, Militärherrschaft, Neoliberalismus, Demokratisierung, Soziale Mobilität, Technokratie, Gewerkschaften, Wirtschaftspolitik, Sicherheitsbedürfnis, Transformation, Sozialstruktur
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit dem politischen Verhalten der Mittelschichten in Chile und Brasilien und untersucht deren Wandel und Entscheidungsmuster in unterschiedlichen politischen Kontexten.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Schwerpunkte liegen auf der historischen Entwicklung der Mittelschichten, dem Einfluss von Wirtschaftsmodellen sowie dem Verhalten unter verschiedenen Regierungsformen von der Demokratie bis zur Militärdiktatur.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Hauptziel ist es, herauszuarbeiten, ob Mittelschichten eher zur Unterstützung demokratischer Strukturen tendieren oder unter dem Druck von Krisen und Unsicherheit autoritäre Systeme stützen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Autorin/der Autor nutzt eine vergleichende Analyse, welche historische Entwicklungen, soziologische Theorien und statistische Daten in Chile und Brasilien gegenüberstellt.
Welche Aspekte stehen im Hauptteil im Fokus?
Im Hauptteil wird detailliert analysiert, wie Entstehungskontext, die Zeit der „demokratischen Erfahrung“, die Ära der Militärdiktaturen und die Zeit nach der erneuten Transition das Verhalten der jeweiligen Mittelschichten prägten.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Mittelschichten, Neoliberalismus, Politische Polarisierung, Modernisierung sowie die spezifischen Begriffe wie „gremios“ in Chile oder der „Estado Novo“ in Brasilien.
Was bedeutet das „ambi- und polyvalente“ Verhalten der Mittelschichten?
Der Begriff beschreibt die Tendenz der Mittelschichten, je nach politischer und wirtschaftlicher Lage zwischen verschiedenen politischen Lagern zu schwanken, um ihren sozialen Status zu sichern.
Warum spielt das Sicherheitsbedürfnis eine so zentrale Rolle?
Die Untersuchung zeigt, dass das Bedürfnis nach dem Erhalt des erreichten sozialen Status und körperlicher Sicherheit oft über der ideologischen Festlegung auf eine bestimmte Herrschaftsform steht.
- Arbeit zitieren
- Erik Sabas (Autor:in), 2014, Politisches Verhalten der Mittelschichten in Chile und Brasilien. Unterstützer von Demokratie?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/310172