Bikulturelle Partnerschaften. Eine qualitativ-empirische Untersuchung zu habituellen Abstimmungsprozessen


Bachelorarbeit, 2014
96 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Einführung in die Thematik
1.1. Einwanderung in Deutschland
1.2. Zu den Begriffen „Migration“ und „Integration“
1.3. Entwicklungsverlauf der Sozialen Arbeit in der Einwanderungsgesellschaft
1.4. Interkulturelle Soziale Arbeit
1.4.1. Zum Begriff „Kultur“
1.4.2. Handlungsfelder
1.4.3. Interkulturelle Kompetenz
1.5. Begriffserklärung „bikulturelle Partnerschaft“ und „binationale Partnerschaft“
1.6. Bikulturelle Partnerschaften und Eheschließungen in Deutschland

2. Äußere Rahmenbedingungen bikultureller Paare
2.1. Das Leben in einem anderen Land
2.2. Stigmatisierungen, Diskriminierungen und Rassismus
2.3. Kinder in einer bikulturellen Partnerschaft

3. Pierre Bourdieus Konzept des Habitus
3.1. Kurzbiografie Pierre Bourdieus
3.2. Der Habitus, was ist das?
3.2.1. Kapital, Klasse und der soziale Raum
3.2.2. Klassenhabitus
3.2.3. Hysteresiseffekt
3.2.4. Habitus und Geschlecht
3.3. Symbolische Gewalt und Habitus-Struktur-Konflikte

4. Methoden der qualitativen Sozialforschung – Auswertungsverfahren
4.1. Begriffserklärung „Leitfadeninterview“
4.2. Begriffserklärung „narratives Interview“
4.3. Auswertungsverfahren

5. Die Untersuchung
5.1. Planung und Durchführung der Interviews
5.2. Vorstellung der Interviewpartner
5.3. Auswertung des Interviews – Ehepaar Koch
5.3.1. Inhaltliche Zusammenfassung
5.3.2. Habituelle Abstimmungsprozesse – Ehepaar Koch
5.3.3. Habituelle Abstimmungsprozesse – Ehepaar Accai
5.3.4. Fallvergleich
5.4. Reflexion

6. Zusammenfassung und Ausblick

Literaturverzeichnis

Internetquellen

Anlagen

Einleitung

Begegnungen von Menschen aus den verschiedensten Ländern und Kulturen sind kein neues gesellschaftliches Phänomen. Die Globalisierung und Internationalisierung in wirtschaftlichen, politischen und auch gesellschaftlichen Bereichen tragen dazu bei, dass die verschiedensten Menschen in Kontakt miteinander treten. Auch der technische Fortschritt ermöglicht die Mobilität und auch die Kommunikation über geographische Grenzen hinweg. Diese Entwicklungen haben auch dazu geführt, dass die Anzahl binationaler bzw. bikultureller Partnerschaften in Deutschland steigt (Kleis, 2013, S.13). Im Jahre 2012 war bei jeder 8. Eheschließung, zumindest ein Partner ausländischer Herkunft. Binationale Verbindungen zeigen somit auch die gesellschaftliche und politischen Entwicklung an (Verband binationaler Familien und Partnerschaften, 2013).

Aus den unterschiedlichsten Gründen, beispielsweise aus wirtschaftlichen, politischen, familiären oder bildungstechnischen Beweggründen, wandern Menschen aus den verschiedensten Ländern nach Deutschland ein. Heute leben in Deutschland ca. 16 Millionen Menschen mit einem sogenannten Migrationshintergrund, was einem Anteil von 19,5 Prozent an der Gesamtbevölkerung entspricht. „Unter Menschen mit Migrationshintergrund, versteht man alle seit 1950 zugewanderten, mit einer fremden Staatsbürgerschaft in Deutschland geborenen, sowie alle die in Deutschland geboren worden sind und mit mindestens einem Elternteil im selben Haushalten leben, der entweder zugewandert ist oder als Ausländer in Deutschland geboren wurde“. Davon haben 8,8 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund einen deutschen Pass, 7,2 Millionen sind Ausländer. Der überwiegende Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund, ca. 3 Millionen, stammt aus der Türkei. 1,5 Millionen Menschen mit einem polnischen Migrationshintergrund leben hier, gefolgt von 1,2 Millionen der Russischen Föderation, 0,9 Millionen aus Kasachstan und 0,8 Millionen Menschen aus Italien. Die meisten Einwohner ohne deutschen Pass (2,6 Millionen) kommen aus der Europäischen Union (Meier-Braun, 2013, S. 16). Deutschland hat sich durch den hohen Anteil von Migranten an der Gesamtbevölkerung, zu einer von Einwanderungen geprägten Gesellschaft entwickelt. Die sich daraus ergebende kulturelle Vielfalt ist auch in Deutschland Normalität geworden (FH Esslingen, 2005, S. 6).

Zunächst einmal gilt es, einen Einblick über die historische Entwicklung der Einwanderungen von Migranten nach Deutschland zu erhalten. Überleitend wir der Entwicklungsverlauf der Sozialen Arbeit, hin zur Interkulturellen Sozialen Arbeit dargestellt und geklärt, was darunter verstanden wird.

Welche Aufgaben und Handlungsfelder ergeben sich daraus für die Sozialarbeiter und Sozialpädagogen, was bedeutet interkulturelle Kompetenz?

Zielgruppe der empirischen Untersuchung, bilden bikulturelle Paare. Vorab erfolgt eine begriffliche Erklärung der Unterscheidung „binational“ und „bikulturell“. Ein statistischer Überblick über bikulturelle bzw. binationale Partnerschaften und Eheschließungen, schließt sich an. Bikulturelle Paare haben im Rahmen ihrer Beziehung oftmals zahlreiche Hindernisse zu überwinden, auf die im zweiten Abschnitt genauer eingegangen wird. Das können rechtliche bzw. behördliche Probleme mit der Aufenthaltsgenehmigung und dem Aufenthaltsstatus des ausländischen Partners sein, oder die Nichtanerkennung von Bildungsabschlüssen. Aber auch das gemeinsame Leben in einem anderen Land bedeutet für den ausländischen Partner, sich erst einmal zu orientieren, sich in einem neuen gesellschaftlichen System zu recht zu finden und evtl. mit Sprachbarrieren konfrontiert zu sein. Dies stellt auch den einheimischen Partner vor neue Herausforderungen (Curvello & Merbach, 2012, S. 35-37). Oftmals sind bikulturelle Paare Diskriminierungen und Stigmatisierungen ausgesetzt, die auf ländertypische Stereotypisierungen zurück zu führen sind (Curvello & Merbach, 2012, S. 38). Auch von rassistischen Diskriminierungen und Äußerungen, die in den verschiedensten Kontexten zum Ausdruck gebracht werden, können bikulturelle Paare betroffen sein (²Verband binationaler Familien und Partnerschaften, 2013, S. 1-3).

Bestandteil des empirischen Teils der Arbeit, bilden die durchgeführten qualitativen Interviews mit bikulturellen Paaren. Das Konzept des Habitus bietet die theoretische Auswertungsgrundlage für die zentral leitende Fragestellung zu habituellen Abstimmungsprozessen in bikulturellen Partnerschaften. Der französische Philosoph und Soziologe Pierre Bourdieu gilt als der wesentliche Begründer der Habitustheorie, welche in den verschiedensten wissenschaftlichen Disziplinen, vor allem in der Sozialwissenschaft, durch gegenstandsbezogene Forschungen Anwendung findet. Bourdieu begreift den Habitus als ein „individuelles Wahrnehungs-, Denk- und Handlungsschemata, in dem sich alle früheren sozialen Erfahrungen vereinen und zum Ausdruck gebracht werden“ und sozusagen das Produkt der Geschichte jedes Individuums darstellt. Die habituelle Prägung ist abhängig von der gesellschaftlichen Position, der Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe, die innerhalb gesellschaftlicher Strukturvorgaben eingenommen wird (Lenger, Schneickert & Schumacher, 2013, S. 14). Bourdieus zentrales Erkenntnisinstrument ist die Theorie des sozialen Raums und in diesem Zusammenhang das Kapital und die Klassen, was eingehend erläutert wird, sowie was unter dem Begriff des Klassenhabitus zu verstehen ist. Um die Entstehungszusammenhänge und die Funktionsweise des Habitus näher zu beleuchten, werden der Hysteresiseffekt und der Zusammenhang zwischen dem Habitus und dem Geschlecht aufgezeigt. Was unter symbolischer Gewalt zu verstehen ist und auf die Entstehung von Habitus-Struktur-Konflikten wird näher eingegangen.

Ziel der durchgeführten Untersuchung ist es, herauszufinden ob und inwiefern habituelle Abstimmungsprozesse in den Partnerschaften stattgefunden haben oder stattfinden. Wurden Entwicklungs- und Veränderungsprozesse innerhalb der Partnerschaften durchlaufen? Welche Einflussfaktoren spielten oder spielen dabei eine Rolle? Im zweiten Schritt, wird auf die Fragestellung eingegangen, ob auch herkunftskulturelle Muster von Bedeutung sind. Nachdem das methodische Vorgehen der Forschungsarbeit erläutert wurde, werden die Interviewpartner vorgestellt. Anschließend erfolgt die Auswertung des Interviewmaterials in den detaillierten einzelnen Auswertungsschritten. Nach der Gegenüberstellung im Fallvergleich erfolgt eine Reflexion der durchgeführten Interviews. Zum Abschluss werden die wesentlichen Erkenntnisse hinsichtlich der zentralen Fragestellung zusammengefasst dargestellt.

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit, wird in der gesamten Arbeit auf die Ausformulierung der weiblichen Form verzichtet. Eine Unterscheidung findet nur dann statt, wenn die Geschlechtsunterscheidungen inhaltlich relevant sind.

1. Einführung in die Thematik

In diesem Kapitel geht es darum, den Entwicklungsverlauf der Einwanderungen nach Deutschland zu schildern und dabei die Begriffe „Migration“ und „Integration“ zu erklären. Die Stellung der Sozialen Arbeit in der Einwanderungsgesellschaft darzustellen und zu erläutern, was unter interkultureller Sozialer Arbeit verstanden wird. Anschließend wird die Verwendung der Begrifflichkeiten „bikultureller“ und „binationaler“ Partnerschaften erklärt und ein statistischer Überblick über die Partnerschaften und Eheschließungen dieser Paare gegeben.

1.1. Einwanderung in Deutschland

Die Zuwanderung erfolgte in mehreren Wellen, die Menschen kamen aus den verschiedensten Regionen der Welt. Die erste Einwanderungswelle in der Nachkriegszeit der Bundesrepublik Deutschland bezog sich hauptsächlich auf Aussiedler aus dem osteuropäischen Raum. Der Begriff „Aussiedler“ geht auf das Bundesvertriebenengesetz zurück. Deutsche oder deutschstämmige, unabhängig davon, ob sie die deutsche Staatbürgerschaft besitzen gelten, laut Art. 116 des Grundgesetzes, als Deutsche und konnten bzw. können mit ihren Familienangehörigen nach Deutschland zurückkehren. Nach Westdeutschland kamen bis 1987 etwa 1,4 Millionen Aussiedler, die überwiegend aus Polen stammten. Besonders aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion reisten zwischen 1991 und 2006 rund 1,9 Millionen Aussiedler nach Deutschland ein (Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, 2009, S. 14).

Von einem zweiten Einwanderungsabschnitt kann seit den 1950iger Jahren gesprochen werden. Im Jahre 1955 wurde das erste Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und Italien geschlossen. Es wurden dringend Arbeitskräfte für das Nachkriegsdeutschland gesucht. Zwischen 1960 und 1986 wurden weitere Abkommen mit Spanien, Griechenland, der Türkei, Marokko, Portugal, Tunesien und Jugoslawien geschlossen. Die Gastarbeiter waren im Schnitt zwischen 20 und 40 Jahre alt und alleinstehend. Integration in die Gesellschaft war damals kein Thema, denn wie ihre Bezeichnung deutlich machte, ging man von einem „Gastspiel“ aus (Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, 2009, S. 12). Lediglich Kirchen, Gewerkschaften und Wohlfahrtsverbände bemühten sich durch Beratungsmaßnahmen und Eingliederungshilfen um Begleitung und Unterstützung der Gastarbeiter. Eine staatliche Integrationspolitik gab es nicht, erst im Jahre 1978 wurde das Amt des Ausländerbeauftragten geschaffen (Meier-Braun, 2013, S. 17).

Nachdem die Wirtschaft sich nach einer kurzen Krise wieder erholt hatte, wanderten 1967 weitere Gastarbeiter nach Deutschland ein. Bis 1973 kamen mehr als 3,9 Millionen Ausländer, was 6,4 Prozent der Bevölkerung entsprach, die keinen deutschen Pass hatten. Die türkischen Migranten waren, gefolgt von den Italienern, die größte Gruppe und stammten meist aus armen Bauernfamilien des türkischen Ostens. In den 1970iger Jahren kam es zu einer wirtschaftlichen Rezession aufgrund der Ölkrise. Die Regierung erlies den „Anwerbestopp“, was es erschwerte als Ausländer eine Arbeitsgenehmigung zu erhalten. Viele Gastarbeiter entschlossen sich deshalb dazu, in der Bundesrepublik zu bleiben und nicht in ihr Heimatland zurück zu kehren. Das Ausländergesetz von 1965 ermöglichte es ihnen, ihre Familien nach Deutschland zu holen. Aus den überwiegend männlichen Arbeitsmigranten entwickelte sich eine Migrantenpopulation mit Frauen und Kindern (Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, 2009, S.13).

Viele türkische Frauen haben in ihrem Heimatland keine Schule besucht und waren Analphabetinnen. Die fehlenden Integrationsmaßnahmen führten zu Isolationen in der deutschen Gesellschaft; soziale Brennpunkte und Parallelgesellschaften waren die Folge. Die Kinder der Einwandererfamilien besuchten ebenfalls ohne Sprachkenntnisse die Schulen. Auch die Schulen waren nicht auf entsprechende Förderungen vorbereitet, was zur Folge hatte, dass sie mit derselben Problematik wie ihre Eltern konfrontiert waren. Geringe Bildung oder fehlende Schulabschlüsse zogen schlecht bezahlte Arbeit und Arbeitslosigkeit nach sich. Das Leben zwischen zwei Kulturen, die des Heimatlandes bzw. des Heimatlandes der Eltern, welches sie kaum kannten und Deutschland, erschwerte die Integration und führte zu Identitätsproblemen (Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, 2009, S.13).

In den 1980iger Jahren kam es zu einer dritten großen Einwanderungswelle von Asylbewerbern. Einen Antrag auf Asyl können Menschen laut dem deutschen Grundgesetz stellen, wenn sie in ihrem Heimatland politisch verfolgt werden. Bis dahin sind rund 8.600 Asylanträge pro Jahr gestellt worden. Zwischen 1980 und 1990 waren es bereits 70.000 Anträge jährlich. Insgesamt beantragten über eine Millionen Menschen zwischen 1991 und 1994 in Deutschland Asyl. Viele Asylanten kamen aus Mittel-und Osteuropa, insbesondere in den 1990iger Jahren auf Grund von (Bürger-) Kriegen im ehemaligen Jugoslawien. Mit dem liberalen Asylrecht nahm auch die Zahl der Migranten zu, die aus wirtschaftlichen Gründen nach Deutschland kamen. Probleme wie u.a. eine hohe Kriminalität, Prostitution und Drogenhandel veranlasste die Politik 1993 zum Erlass eines strengeren Asylrechts. Im Jahr 2007 lagen der Bundesrepublik Deutschland nur 19.164 Asylanträge vor, lediglich 304 Anträgen wurde statt gegeben. Die meisten Asylbewerber stammen gegenwärtig aus dem Irak, dem Fernen Osten und Afrika. Deren mittlerweile geringe Anzahl spielt kaum noch eine Rolle bei den Zahlen der Zuwanderer (Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, 2009, S.14).

1.2. Zu den Begriffen „Migration“ und „Integration“

Vorangehend an den nächsten Schritt, des Entwicklungsverlaufes der Sozialen Arbeit in der Einwanderungsgesellschaft, werden die wie selbstverständlich benutzten Begriffe „Integration“ und „Migration“ näher erläutert.

Das Wort „Migration“ (lateinisch : migratio) heißt in der Übersetzung „Wanderung“. Aus verschiedensten Gründen zum Beispiel wegen Arbeitsmangel oder der Suche nach Schutz vor Verfolgung versuchen Menschen ihre Heimat zu verlassen und ihren Lebensmittelpunkt in ein anderes Land zu verlegen (Meier-Braun, 2013, S. 16). Die Bevölkerungsbewegungen lassen sich in verschiedene Migrationsformen einteilen, hier einige Beispiele. Es handelt sich um eine Heirats- und Liebeswanderung, wenn wegen einer Liebesbeziehung oder Heirat der Wohnsitz in ein anderes Land verlegt wird. Unter Zwangswanderung ist die Abwanderung aus der Heimat aufgrund von politischer, rassistischer oder religiöser Verfolgung bzw. Vertreibung zu verstehen. Bildungs- und Ausbildungswanderung zielt auf den Erwerb von schulischen, akademischen oder beruflichen Qualifikationen ab. Kulturwanderungen in attraktive Städte und Wohlstandswanderungen gehören ebenso zu den Motiven seinen Lebensmittelpunkt zu verlagern, so Oltmer (2013, S. 31). Früher erfolgte die Einteilung der Bevölkerung überwiegend in „Ausländer“ und „Deutsche“. Die meisten Kinder von Einwanderern erwarben bereits durch Geburt die deutsche Staatsbürgerschaft. Viele erwerben die deutsche Staatsangehörigkeit auch durch Einbürgerung und zählen somit zur deutschen Bevölkerung. Um die tatsächliche Lebenswirklichkeit wieder zu spiegeln werden u.a. Ausländer, eingebürgerte Migranten und dessen Kinder aus der zweiten oder dritten Generation unter der Gruppe der Menschen mit Migrationshintergrund zusammengefasst. Fraglich ist, für wie viele Generationen, noch von einem Migrationshintergrund gesprochen werden kann, erklärt das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung (2009, S. 9).

Das Wort „Integration“ (lateinisch : integrare) bedeutet in der Übersetzung „wiederherstellen bzw. die Herstellung eines Ganzen“, es gilt das „Verschiedene“ zusammenzuführen, wobei das Verschiedene als solches kenntlich Bestand haben soll. Integration ist als ein gegenseitiger Prozess zwischen den Einheimischen und den zugewanderten Menschen zu begreifen, der in kulturellen, sozialen und politischen Bereichen stattfindet. (Meier-Braun, 2013, S. 16).

Auch Freise begreift Integration als einen vielschichtigen Prozess, der Bemühungen der gesamten Bevölkerung vorangehen. Die Migranten müssen Sprachkenntnisse des Einwanderungslandes erwerben, um am öffentlichen und kulturellen Leben teilnehmen zu können. Die jeweiligen Gesetze des Landes müssen akzeptiert und mit vollzogen werden. Die einheimische Bevölkerung muss den zugewanderten Menschen das Recht und die Möglichkeiten zur Teilhabe einräumen. Dazu gehört auch beispielsweise die Akzeptanz, die jeweilige Muttersprache weiter sprechen zu können und eigene kulturelle Bräuche und Sitten beizubehalten, sofern diese nicht den Grundrechten wiedersprechen. Die unterschiedlichsten Muttersprachen sollten auch in Schulen unterrichtet werden. Die Möglichkeit zur Religionsausübung sollte ebenfalls gegeben sein. Erst dann, wenn Begegnungen von Menschen und Gruppen verschiedener kultureller Herkunft regelmäßig und selbstverständlich auf allen gesellschaftlichen Ebenen stattfinden, kann von einer wirklichen Integration die Rede sein (Freise, 2007, S. 103).

1.3. Entwicklungsverlauf der Sozialen Arbeit in der Einwanderungsgesellschaft

In den 1950iger Jahren kamen die Arbeitsmigranten nach Deutschland und lebten allein gestellt, vernarb von ihren Familien. Weder die Politik noch die Pädagogik sah Handlungsbedarf, da nur von einer Eingliederung auf Zeit ausgegangen wurde. Sozialarbeiterische Aufgaben bestanden lediglich aus Sozialberatung und Betreuung. Diese Aufgaben übernahmen vor allem die kirchlichen Wohlfahrtsträger (Caritas und Diakonie), die eine Aufteilung der Zuständigkeit nach Herkunft, Religion und Sprache vornahmen (Eppstein & Kiesel, 2008, S. 42-43). Die Migrationspolitik in den 1970iger Jahren war geprägt durch die Begrenzung der Zuzüge von Menschen außerhalb der Europäischen Gemeinschaft. Die Rückkehr und Reintegration in die Herkunftsländer wurde zunächst gefördert, anschließend auch die Integration der Aussiedler und der rechtmäßig in Deutschland lebenden Ausländer (Europäisches Forum für Migrationsstudien, 2001, S. 13).

Zu dieser Zeit, war die Arbeitsmigration geprägt von der Integration in den Wohnungsmarkt und in das deutsche Bildungssystem, was durch Hilfestellungen in der Wohnungssuche und Bildungsförderungsmaßnahmen unterstützt wurde. Initiativen schlossen sich zu Vereinen oder Trägern zusammen. Der Begriff „Ausländersozialarbeit“ etablierte sich. Keinen nennenswerten Schwerpunkt bildete die damalige Asyl- und Flüchtlingsarbeit. Für die Einwanderungsgruppe der Aussiedler gab es bereits Einwanderungshilfen und Integrationsmaßnahmen, sie hatten gegenüber anderen Zuwanderungsgruppen einen privilegierteren Status. Die Soziale Arbeit war tendenziell auf die Differenzierung zielgruppenspezifischer Angebote und die problemorientierte Spezialisierung ausgerichtet (Eppstein & Kiesel, 2008, S. 43-44).

Ein neues Ausländergesetz wurde im Frühjahr 1990 erlassen (Europäisches Forum für Migrationsstudien, 2001, S. 13). Dieses ermöglichte der Bundesregierung eine genauere Differenzierung der jeweiligen Einwanderungsgründe, beinhaltete aber auch Einschränkungen bei Familien- oder Ehegattennachzug. In der Sozialen Arbeit gab es zahlreiche Veränderungen, die mit einer Differenzierung der Angebote, Konzeptionen und der Erweiterung der Zielgruppen und Problemschichten einherging. Multikulturelle Ansätze entstanden in geschlechtsspezifischen, altersspezifischen und problemspezifischen Bereichen, die nicht mehr nur an spezielle Zielgruppen gerichtet waren. Auch im psychosozialen Bereich entstanden grundlegende Veränderungen, es wurden beispielsweise psychosoziale Zentren für Flüchtlinge eingerichtet (Eppstein & Kiesel, 2008, S. 44-45 & S. 48).

Mit der deutschen Einheit und der neuen Grenzfreiheit kam es im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts zu neuen Migrantenbewegungen aus den ehemaligen „Ostblockstaaten“. Die Vervielfältigung der Migrantengruppen, die kulturelle Pluralisierung und der offene Rassismus der Bevölkerung führte zu einem Umdenken und zu einer interkulturellen Neuausrichtung in der Sozialen Arbeit. Leitmotiv wurde die Interaktion zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund (Eppstein & Kiesel, 2008, S. 45-46).

Durch die Arbeitsmigration stieg die Zahl der Menschen mit Migrationshintergrund an. Doch die Politik reagierte lange Zeit nicht darauf, sondern ging von einer Rückkehr in die Heimatländer aus und wies die Notwendigkeit einer konsequenten Integrationspolitik bis zum Anfang der 1990ier Jahre entschieden zurück. Die Bundesrepublik positionierte sich weiterhin nicht als ein Einwanderungsland. Der Zuwanderungsbericht der „Unabhängigen Kommission Zuwanderung“ gilt als Meilenstein im Bereich der Migration und Integration. Eine zentrale Empfehlung der Kommission war, dass eine dauerhafte und befristete Zuwanderung für den deutschen Arbeitsmarkt unabdingbar sei. Der Bericht bildete die Grundlage für das am 01.01.2005 in Kraft getretene Zuwanderungsgesetz, erklären Herwart-Emden, Schurt & Waburg (2010, S. 194-195). Die multikulturelle Neujustierung der interkulturellen Sozialen Arbeit erfolgte in der nächsten Entwicklungsphase durch Spezialisierungen, Professionalisierungen und Institutionalisierungen (Eppstein & Kiesel, 2008, S. 46-47).

1.4. Interkulturelle Soziale Arbeit

Die Verwendung der Bezeichnung interkultureller Sozialer Arbeit entstand wie beschrieben in Beziehung zu den Kulturellen-, Einwanderungs- und Migrationspluralisierungsprozessen. Dabei wird die interkulturelle Soziale Arbeit als Orientierungsfeld verstanden, nicht als eigenes Arbeitsfeld oder Teilgebiet (Eppstein & Kiesel, 2008, S 18). Sie begreift sich als eine Querschnittsaufgabe in allen Feldern der Sozialen Arbeit, die alle kulturellen Dimensionen anspricht (Freise, 2007, S. 19). Sie hat den Auftrag das Verständnis der Gleichheit sowie den Austausch und das Zusammenleben der Menschen unterschiedlicher kultureller Herkunft zu fördern und die Bewältigung von Integrationsprozessen zu unterstützen und weiter zu entwickeln. Insbesondere durch die zunehmenden Einwanderungen, galt es Handlungsstrategien zu entwickeln, die die Kompetenzen und Ressourcen von Migranten fördern. Zugangsmöglichkeiten und die Teilhabe in der Gesellschaft zu verbessern um sozialer Ungleichheit in der Gesellschaft entgegenzutreten (FH Esslingen, 2005, S. 6-7).

1.4.1. Zum Begriff „Kultur“

In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, was unter dem Begriff „Kultur“ genau verstanden wird. In der Literatur gibt es zahlreiche Ansätze dazu. Der Begriff Kultur hat seinen Ursprung u.a. im lateinischen, „cultura“, was Landbau und auch Pflege des Körpers und Geistes bedeutet, sowie

colere“, was bebauen, bewohnen und pflegen ausdrückt (Bielinski, 2011, S. 11) .

Freise erklärt an dem sogenannten Eisbergmodell, was im Rahmen der interkulturellen Bildungsarbeit häufig Anwendung findet, was zum Verständnis von Kultur gehört. An der Spitze des Eisbergs steht sichtbar die Kunst, die sich zum Beispiel durch Musik, Malerei oder Theater ausdrückt. Ebenfalls sichtbar ist die Alltagskultur, die das alltägliche Leben prägt und beispielsweise durch Kleidungsstil, Essgewohnheiten oder die Art zu wohnen deutlich wird. Die Kultur hat sich durch Sprache, Gesetze und Bräuche institutionalisiert. Normen, Werte und Verhaltensweisen, welche wir im Verhalten internalisiert haben, drücken sich zum Beispiel durch Heiratsvorschriften, erlaubte oder unerlaubte Formen der Sexualität oder auch Formen der Geselligkeit aus. Vorstellungen zu Ordnung, Zeit- und Raumorientierung, Gestik und Mimik oder das geschlechtsspezifische Rollenverhalten werden frühzeitig erlernt und unbewusst verinnerlicht. Somit sind diese nicht sichtbar und tauchen nicht an der „Wasseroberfläche“ auf (Freise, 2007, S. 16-17).

Viele Definitionen des Kulturbegriffs zielen darauf ab, Kultur als ein Zusammenspiel von Wissen, Glauben, Moral, Sitte und Kunst zu verstehen, das man als Individuum in einer Gesellschaft erwirbt. Dies sollte jedoch hinterfragt werden, da diese Auslegungen den Eindruck einer einheitlichen Kultur bestimmter Staaten oder Ethnien vermittelt und somit die Gefahr zu Stereotypisierungen besteht. Der Kulturbegriff sollte weiter gefasst werden und sich öffnen, aber auch den Aspekt der Abgrenzung nicht außer Acht lassen, da er auch eine Orientierungsfunktion übernimmt (Freise, 2007, S. 18-19).

1.4.2. Handlungsfelder

Als Folge der Globalsierung, sind Sozialarbeiter und Sozialpädagogen vor die Aufgabe gestellt, sich mit internationalisierten sozialen Problemen zu befassen, um die Entwicklung der mehrkulturellen Gesellschaft zu fördern (Freise, 2007, S. 9). Alle Handlungsfelder der Sozialen Arbeit sind durch diese Entwicklung geprägt, von einer interkulturellen Pluralität. Beratungsstellen werden von Menschen unterschiedlichster Herkunft aufgesucht. Dabei müssen eventuelle Sprachbarrieren, ebenso wie kulturelle Hintergründe berücksichtigt werden. Kommt zum Beispiel eine junge türkische Frau, die ungewollt schwanger geworden ist und noch bei ihren Eltern wohnt, zur Beratung, stehen weitere oder andere Aspekte im Gegensatz zu einer gleichaltrigen deutschen Frau, die sich in einer ähnlichen Situation befindet, im Vordergrund. Viele ältere Migranten sind nicht wie ursprünglich geplant in ihr Heimatland zurückgekehrt, sondern sind wegen ihrer Kinder, die hier eine Familie gründeten oder wegen einer besseren gesundheitlichen Versorgung in Deutschland geblieben. Die Altenhilfe muss sich darauf einstellen, ein Zusammenleben vor allem in Alten- und Pflegeheimen von älteren Einheimischen und älteren Migranten zu gestalten. Die Soziale Arbeit hat die Aufgabe, Problemstellungen, die sich durch das Zusammentreffen von Menschen verschiedener kultureller Herkunft und den Einheimischen ergeben, zu ermitteln. Das bedeutet beispielsweise die Zusammenstellung von interkulturellen Teams in den allgemeinen sozialen Diensten. Informationen von Behörden müssen in verschiedenen Sprachen zugänglich sein, auch Dolmetscherdienste sollten den Institutionen zur Verfügung stehen. Ein spezifisches Handlungsfeld ist die Gemeinwesenarbeit in Stadtteilen, in denen anteilig viele Menschen mit Migrationshintergrund leben, sowie auch die Jugendberufshilfe. Dabei geht es nicht um eine spezielle Arbeit mit Migranten, die Einheimischen sind gleichwohl Zielgruppe sozialer Arbeit (Freise, 2007, S. 19-20).

Soziale Arbeit findet auch auf internationaler Ebene statt. Durch die Globalisierung verschieben sich die Arbeitsplätze ins Ausland, vor allem junge Leute nutzen die Möglichkeit im Rahmen des Studiums oder als Austauschschüler Auslandserfahrungen zu sammeln. Interkulturelle Trainings bieten eine Möglichkeit sich darauf vorzubereiten. Durch internationale Jugendbegegnungen oder auch Stadtteilfeste soll das Zusammentreffen der Menschen mit unterschiedlicher kultureller Herkunft gefördert werden und dazu beitragen, gegenseitige Vorurteile abzubauen (Freise, 2007, S. 20-21). Auch binationale bzw. bikulturelle Paare und Familien gehören zum Alltag Sozialer Arbeit. Beispielsweise engagiert sich „der Verband binationaler Familien und Partnerschaften“ in zahlreichen Städten deutschlandweit. Ihr Ziel ist es, ein gleichberechtigtes Zusammenleben aller, unabhängig der Herkunft, zu fördern, um zu einer interkulturellen Öffnung der Gesellschaft beizutragen. Die Interessenvertretung übernimmt auch eine Beratungsfunktion auf regionaler, Bundes- und Europaebene (³vgl. Verband binationaler Familien und Partnerschaften, keine Jahresangabe).

1.4.3. Interkulturelle Kompetenz

Eine einheitliche Definition, was unter interkultureller Kompetenz verstanden wird gibt es nicht. Ein Grundverständnis ist dahingehend zu erkennen, dass sich interkulturelle Kompetenz durch verschiedene Teilkompetenzen definieren lässt (Fischer, 2005, S. 33).

Für Freise zeichnet sich professionelle interkulturelle Kompetenz im Rahmen der Sozialen Arbeit durch verschiedene Grundkompetenzen aus. Nicht nur umfangreiche Fachkenntnisse, mit eingeschlossen auch Fremdsprachenkenntnissen (Fachkompetenz), sondern auch Selbstkompetenz, die durch das Bewusstsein der eigenen kulturellen Identität erworben wird, sind Grundvoraussetzungen. Dazu gehört auch die Fähigkeit mit Menschen verschiedenster Herkunft kultursensibel kommunizieren zu können, sowie spezielle Methoden interkultureller Sozialer Arbeit anwenden zu können (Methodenkompetenz) (Freise, 2007, S. 158).

Auernheimer hingegen sieht vor allem die kommunikative Fähigkeit als zentrales Element interkultureller Kompetenz an. Nicht nur die verschiedenen gebündelten Kompetenzen seien wichtig, sondern auch die eigene Haltung und Einstellung, die aus dem eigenen Wertehintergrund hervorgehen. Er begreift interkulturelle Kompetenz als eine Lebensaufgabe, die nicht in sich abgeschlossen sein kann, sondern einem Wandel unterliegt und sich immer wieder der gesellschaftlichen Realität anpassen muss (Auernheimer, 2002, zit. in Fischer, 2005, S. 34).

Interkulturelle Kompetenz findet auf verschiedenen Ebenen statt, auf der Ich-, Wir-, Sach- und Organisationsebene, die auch im Zusammenhang von gesamtgesellschaftlichen und globalen Entwicklungen betrachtet werden muss. Insbesondere die Entwicklungen im Rahmen der Europäischen Union und die daraus resultierenden gesetzlichen Änderungen wirken sich auf die Soziale Arbeit aus, was zu einer ständigen Veränderung institutioneller Rahmenbedingungen und professionellem sozialarbeiterischen bzw. sozialpädagogischen Handeln führt, erklärt Fischer (2005, S. 37).

1.5. Begriffserklärung „bikulturelle Partnerschaft“ und „binationale Partnerschaft“

Die Begriffe „binational“ und „bikulturell“ werden in der Fachliteratur oftmals parallel oder als Synonyme verwendet. Spricht man von einer „binantionalen Partnerschaft“ ist damit die Unterscheidung der verschiedenen Nationalitäten bzw. Staatsangehörigkeiten der Partner gemeint. Statistische Erhebungen in Deutschland nehmen meist die verschiedenen Nationalitäten als Auswertungsgrundlage. In einer „bikulturellen Partnerschaft“ stehen die verschiedenen kulturellen Einflüsse im Vordergrund (Bielinski, 2011, S. 11). Das heißt auch in Partnerschaften, in denen beide Partner einen deutschen Pass besitzen, aber dennoch andere kulturelle Wurzeln haben, kann man von einer bikulturellen Partnerschaft sprechen. Bei den Paaren, die ich interviewt habe, trifft dies zu. Aufgrund dessen und weil ich eine zu enge Definition der Begrifflichkeit vermeiden möchte, habe ich mich bei der Titelauswahl für den Begriff „bikulturelle Partnerschaften“ entschieden.

1.6. Bikulturelle Partnerschaften und Eheschließungen in Deutschland

Der Mikrozensus des statistischen Bundesamt Deutschlands, kam bei der jährlichen Haushaltsbefragung zu dem Ergebnis, dass sich die Zahl der deutsch-ausländischen Partnerschaften in Deutschland von 1996 (723 000) bis zum Jahre 2008 (1,4 Millionen) fast verdoppelt hat. Dazu zählen alle Ehepaare, wie auch alle nicht ehelichen Lebensgemeinschaften, die zusammen in einem Haushalt leben. Von den insgesamt 21 Millionen Paaren in Deutschland, hatten im Jahre 2008, 87 Prozent beider Partner die deutsche Staatsangehörigkeit, 7 Prozent führten eine binationale Partnerschaft. Einen ausländischen Pass besaßen 6 Prozent der Paare. Im Jahre 1996 hatten von insgesamt 21,4 Millionen Paaren 90 Prozent beider Partner die deutsche Staatsangehörigkeit, deutsch-ausländische Paare machten 3 Prozent und ausländisch-ausländische Paare 6 Prozent aus, erklärt das Statistische Bundesamt Deutschland (2009).

Seit den 1950iger Jahren erfasst das Statistische Bundesamt Deutschland binationale Eheschließungen. Während in der Nachkriegszeit der Anteil an binationalen Ehen in der damaligen Bundesrepublik Deutschland bei nur 3,9 Prozent lag, waren es im Jahre 1991 im gesamten deutschen Bundesgebiet bereits 10,7 Prozent. Seit den letzten Jahren ist eine steigende Tendenz zu verzeichnen. In Berlin waren es 1999 bereits 24 Prozent, also jede vierte Ehe war binational. Der Anstieg der binantionalen Eheschließung macht deutlich, wie sich die Familienstrukturen mit der Zeit verändert haben, so Kleis (2013, S. 23).

Dem statistischen Bundesamt zur Folge, heirateten im Jahre 1955 viel mehr Frauen (15.074) einen ausländischen Mann und nur 2.708 Männer eine Frau mit einer anderen Staatsangehörigkeit. Das ist auf die Mehrheit der eingewanderten Männer, u.a. durch die Anwerbeabkommen in den 1950iger Jahren, zurück zu führen. Die meisten binationalen Eheschließungen wurden in dieser Zeit mit in Deutschland stationierten US-Streitkräften geschlossen. Seit 1995 wendet sich die Tendenz, mehr deutsche Männer ehelichen eine Frau mit anderer Nationalität (Kleis, 2013, S. 24).

In der Bundesrepublik Deutschland wurden 2012 insgesamt 387.423 Ehen geschlossen, 86,5 Prozent waren deutsch-deutsche Ehen. 52.457 (13,5 Prozent) der Eheschließungen waren mit ausländischer Beteiligung und 44.175 (11,4 Prozent) binationale Eheschließungen mit deutscher Beteiligung wurden geschlossen. Bei lediglich 8.282 (2,1 Prozent) Ehen hatten beide Partner keine deutsche Staatsangehörigkeit. Daraus ergibt sich, dass in etwa jede 8. Eheschließung im Jahre 2012 eine binationale war. Ein weiterer Unterschied lässt sich bei der Wahl des ausländischen Ehepartners feststellen. Deutsche Männer heirateten im Jahre 2012 am häufigsten Frauen aus Polen, der Türkei oder Russland. Deutsche Frauen vor allem Männer die aus der Türkei, Italien, oder den USA stammen, so die Daten des statistischen Bundesamts Deutschland zusammengefasst vom Verband binationaler Familien und Partnerschaften (2013).

Bei der Betrachtung von statistischen Daten ist zu beachten, dass nur Ehen die vor einem Standesamt in Deutschland geschlossen wurden berücksichtigt werden. Binationale Paare sind bei der Eheschließung in Deutschland oftmals zahlreichen bürokratischen Hindernissen ausgesetzt und entscheiden sich daher im Ausland oder in ausländischen Konsulaten innerhalb Deutschlands zu heiraten und werden somit statistisch nicht erfasst. Auch aufgrund von Einbürgerungen und damit dem Erhalt der deutschen Staatsbürgerschaft, sind die statistischen Angaben nur als Tendenzwerte zu verstehen. Es gibt also viel mehr Ehen mit einem Migrationshintergrund, die aber statistisch gesehen als deutsch-deutsche Ehen gelten (Kleis, 2013, S. 27-28).

Im Jahre 2012 kam es insgesamt zu 179.147 Ehescheidungen. Von Paaren mit ausländischer Beteiligung ließen sich 26.069 scheiden, von denen entfielen lediglich 21.044 Scheidungen auf binantionale Paare (Verband binationaler Familien und Partnerschaften, 2013).

2. Äußere Rahmenbedingungen bikultureller Paare

In diesem Abschnitt wird nicht explizit auf problematische Rechtslagen eingegangen, sondern nur bewusst gemacht, welche Situationen und Hürden es in einer bikulturellen Partnerschaft vielfach zu bewältigen gilt. Was bedeutet es, sein Leben in einem fremden Land aufzubauen? In wieweit werden bikulturelle Paare mit Stigmatisierungen, Diskriminierungen und Rassismus konfrontiert? Welche Rahmenbedingungen sollten bei der Familienplanung berücksichtigt werden?

2.1. Das Leben in einem anderen Land

Um auch als Paar gemeinsam leben zu können, ist es für viele bikulturelle Paare nötig, schnell zu heiraten. Rechtliche Rahmenbedingungen, wie Aufenthaltsgenehmigungen erschweren es oftmals ohne „Trauschein“ zusammen zu leben, was durch eine Heirat sichergestellt werden kann. Das hat eine verkürzte Kennenlernphase zur Folge und ermöglicht es nicht langsam und bewusst eine Beziehung eingehen zu können. In vielen Gesellschaften ist es jedoch normal, dass eine Zweiersituation erst nach der Hochzeit möglich ist (Curvello & Merbach, 2012, S. 35). Einen genauen Überblick über die zu beachtenden rechtlichen Rahmenbedingungen bikultureller bzw. binantionaler Paare in Deutschland, liefert ein Ratgeber (vgl. Verband binantionaler Familien und Partnerschaften, 2012).

Der eingewanderte Partner wechselt nicht nur sein gewohntes Umfeld, sondern verlässt auch sein Heimatland und muss sich erst einmal mit den „Spielregeln“ der anderen Kultur und dem unbekannten gesellschaftlichen System vertraut machen sowie Sprachbarrieren überwinden (Curvello & Merbach, 2012, S. 35). Häufig werden Ausbildungs- und Studienabschlüsse aus dem Heimatland nicht anerkannt, was in Beziehung zu dem Aufenthaltsstatus oftmals dazu führt, dass erst einmal eine finanzielle und sprachliche Abhängigkeit von dem Partner besteht. Eine unabhängige Aufenthaltsgenehmigung kann erst nach dreijährigem Bestand der Ehe erworben werden (Curvello & Merbach, 2012, S. 36-37). Durch Sprachkurse oder Weiterbildungen oder auch das Nachmachen des Führerscheins, um auch in der Arbeitswelt Fuß fassen zu können, bedeuteten meist längerfristige gravierende finanzielle Einbußen für die Familie. Das Beschaffen von benötigten Papieren und der Kontakt zum Heimatland können ebenfalls kostspielig sein (Verband binationaler Familien und Partnerschaften, 2006, S. 15-17). Auch der einheimische Partner ist auf einmal mit neuen Fragen und Problemen konfrontiert. Seien es rechtliche Fragen im Zusammenhang mit dem Aufenthalt des Partners oder erniedrigende behördliche Prüfungen zum Beispiel bei der Unterstellung einer Scheinehe. Oftmals signalisieren die behördlichen Mitarbeiter, dass der besondere Wunsch einen Ausländer zu heiraten zusätzliche Arbeit verschafft, dadurch dem Staat evtl. weitere Kosten verursachen könnte. Um beispielsweise die Schwiegereltern nach Deutschland zu holen, sofern sie aus einem visumspflichtigen Land stammen, bedarf es der genauen Auflistung der eigenen Einkommensverhältnisse. Durch den Standortvorteil hat der einheimische Partner meist zu Anfang die Aufgabe im öffentlichen Raum bei Behördengängen oder Arztbesuchen, alles sprachlich zu regeln. Dabei sollte man sich bewusst machen, dass es im Heimatland des Partners genau umgekehrt wäre (Verband binanationaler Familien und Partnerschaften, 2006, S. 13-15). Auch für den Umgang mit Geld und die hier zu leistenenden Kosten, wie Miete, Versicherungen, Strom, Heizung oder Telefon muss der eingereiste Partner ersteinmal ein Gefühl bekommen und den Umgang damit erlernen, weil im Heimatland evtl. ganz andere Preise üblich sind oder die Frage nach Umweltbewusstsein keine Rolle gespielt hat (Verband binationaler Familien und Partnerschaften, 2006, S. 17-18).

2.2. Stigmatisierungen, Diskriminierungen und Rassismus

Vorurteile sind Urteile, die Menschen fällen ohne näheres Wissen zu einer Person, Gruppe oder einem Sachverhalt zu besitzen. Dabei greifen sie auf bereits gemachte Erfahrungen und übernommene Kenntnisse anderer zurück. Fest verankerte Vorurteile zu revidieren ist oft schwierig. Anhand von Merkmalen und Eigenschaften eines Individuums ordnen wir diese bestimmten sozialen, politischen oder religiösen Gruppen zu. Stereotypische Meinungsäußerungen wie „Türken und Araber sind alle Salafisten“ oder „Deutsche sind pünktlich und unfreundlich“ beinhalten oftmals verallgemeinernde Aussagen (Metzing, 2013, S. 31). Bikulturelle Paare können im negativen sowie positiven Sinne gesellschaftlichen Zuschreibungen ausgesetzt sein. Oftmals sind diese an ländertypische Stereotype gebunden, also Stereotype, die mit einem bestimmten Land in Verbindung gebracht werden. Besonders betroffen sind Paare, bei denen ein Partner aus einem wirtschaftlich schwächeren Land kommt. Es werden je nach Paarkonstellationen ausbeuterische Absichten, die Absicht der Aufenthaltserschleichung in einem europäischen Land oder die ökonomische Bereicherung unterstellt. Große Altersunterschiede und Sprachbarrieren können Stigmatisierungen und Diskriminierungen noch verstärken (Curvello & Merbach, 2012, S. 38).

Offener Rassismus ist gesetzlich verboten und trotzdem sind Menschen täglich offenen rassistischen Diskriminierungen ausgesetzt. Auch bikulturelle Paare und Familien erfahren Ausgrenzungen. Ihnen wird die Gleichwertigkeit auf Grund von tatsächlichen oder zugeschriebenen Merkmalen abgesprochen. Dies kann beispielsweise eine andere Hautfarbe, ein fremd klingender Name, oder eine fremde Religionszugehörigkeit sein, was dazu führt, dass sie nicht als Teil der Gesellschaft wahrgenommen und behandelt werden. Das ruft Gefühle der Minderwertigkeit und Hilflosigkeit hervor, worauf meist durch Rückzug und Selbstausgrenzung reagiert wird. Dabei beginnt Rassismus nicht erst bei rassistisch motivierten gewalttätigen Übergriffen, sondern findet auch im alltäglichen Leben statt. Meist im eigenen sozialen Umfeld, wie der Schule, in der Nachbarschaft oder am Arbeitsplatz. Wieder ist die Sprache das zentrale Transportmittel von rassistisch geprägten Äußerungen (²Verband binationaler Familien und Partnerschaften, 2013, S. 1-3). Verachtende Blicke, Pöbeleien oder das Tuscheln hinter vorgehaltener Hand, können als Diskriminierungen gewertet oder verstanden werden (Verband binantionaler Familien und Partnerschaften, 2006, S. 21-22).

Oftmals wird dies bagatellisiert oder einfach ignoriert. Über Rassismus und Diskriminierungen im Sprachgebrauch und in der Literatur, zum Beispiel in Kinder- und Jugendbüchern wird derzeit öffentlich diskutiert. Um zu einer Sensibilisierung und Aufklärung in der Gesellschaft beizutragen bedarf es vor allem der wissenschaftlichen, politischen und öffentlichen Enttabuisierung des Rassismus-Begriffes, sowie qualifizierter Fachkräfte im pädagogischen Bereich, aber auch Ärzte und Psychologen, die diese Thematik ernst nehmen. Auch eine Änderung auf institutioneller Ebene ist notwendig. Es gilt Strukturen zu schaffen, die ein gleichberechtigtes und friedliches Zusammenleben der gesamten deutschen Bevölkerung ermöglichen, erklärt der ²Verband binationaler Familien und Partnerschaften (2013, S. 3-4). Es gilt zu bedenken, dass Gleichgültigkeit und Desinteresse nicht unmittelbar mit dem Begriff der Fremdenfeindlichkeit eihergeht. Beispielsweise beschränkt sich der Kontakt in Mehrfamilienhäusern häufig auf das Grüßen im Treppenhaus. Engere Verbindungen in der Nachbarschaft sind eher die Ausnahme. Dies kann der eingewanderte Partner durchaus als befremdlich empfinden, da er aus seiner Heimat möglicherweise einen engen Kontakt zu seiner Nachbarschaft gepflegt hat (Verband binantionaler Familien und Partnerschaften, 2006, S. 22).

2.3. Kinder in einer bikulturellen Partnerschaft

Viele Migranten stammen aus Ländern, in denen die Betreuung und auch Erziehung der Kinder nicht nur durch Krippen, Kindergärten oder Ganztagsschulen gewährleistet wird, sondern auch selbstverständlich durch Familienmitglieder und auch Nachbarn unterstützend erfolgt. Die eine Hälfte der Großeltern lebt in der Regel im Heimatland des Partners. Die andere Hälfte lebt meist nicht unmittelbar vor Ort und will sich meist nur in geringem Umfang bei der Betreuung der Enkelkinder mit einbringen. Auf Grund der unzureichenden Betreuungssituation in Deutschland, bleibt meist die Frau, in den ersten Lebensjahren des Kindes, zu Hause, was die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zusätzlich erschwert. Ist der Mann der Zugereiste, hat meist die Frau einen höheren Verdienst, da der Mann oftmals unter seiner mitgebrachten Qualifikation arbeiten muss. In diesem Fall übernimmt die Frau meistens die Rolle der „Haupternährerin“ und der Mann die Rolle des Hausmannes. Diese Rollenverteilung ist auch bis heute noch nicht in Deutschland etabliert, für einen Mann, der aus einem anderen kulturellen System stammt, wird diese noch viel ungewöhnlicher sein (Verband binationaler Partnerschaften und Familien, 2006, S. 19-21). Mit dem Aufziehen von Kindern stellt sich auch die Frage nach der Sprache. Soll die Mehrsprachlichkeit gefördert werden, oder ist es besser, wenn wir nur Deutsch mit dem Kind oder den Kindern sprechen? Jahrzehnte lang wurden Eltern dazu angehalten, sich mit ihren Kindern ausschließlich auf Deutsch zu unterhalten, was aber nicht dazu führte, dass eine Verbesserung der Sprachkompetenz erreicht wurde. Wissenschaftliche Forschungen haben erwiesen, dass die Förderung der Mehrsprachlichkeit, die kindliche Entwicklung insgesamt und auch das Erlernen weiterer Sprachen, insbesondere im späteren Schulverlauf fördert. Die Mehrsprachlichkeit sollte als Kompetenz angesehen werden. Dies zu unterstützen und als signifikante Bildungschance öffentlich und politisch anzuerkennen sollte auch im gesellschaftlichen Interesse liegen, erklärt der Verband binationaler Partnerschaften und Familien (2014, S. 1-2). Die Wahl und Anmeldung der Kinder an dem passenden Kindergarten oder der passenden Schulform, stellt selbst für Einheimische eine Herausforderung dar. Obwohl sie in dem deutschen Bildungssystem aufgewachsen sind, kennen selbst sie sich nicht mit allen Details aus. Umso schwerer ist es für den eingewanderten Partner (Verband binantionaler Partnerschaften und Familien, 2006, S. 19).

Im nächsten Abschnitt werden die maßgeblichen Theorien bzw. Ausführungen im Zusammenhang mit dem Konzept des Habitus von Pierre Bourdieu dargestellt, welcher Kern für die wissenschaftliche theoretische Auswertungsgrundlage für die empirische Untersuchung von habituellen Abstimmungsprozessen in bikulturellen Partnerschaften ist.

3. Pierre Bourdieus Konzept des Habitus

Zunächst eine kurze Einführung über die biographischen Eckdaten Bourdieus und Ausführungen zum Thema Habitus. Anschließend wird die von Bourdieu entwickelte Theorie des sozialen Raums, bei der er sich den Begrifflichkeiten des „Kapitals“ und der „Klassen“ bedient und erläutert was unter dem „Klassenhabitus“ zu verstehen ist. Im Folgenden wird beschrieben, wie sich der „Hysteresiseffekt“ (habituelle) ausdrückt und die Zusammenhänge zwischen dem Habitus und dem Geschlecht erklärt. Abschließend wird darauf eingegangen, wie sich symbolische Gewalt äußert bzw. ausdrückt und wie und in welcher Form Habitus-Struktur-Konflikte entstehen können.

Grundsätzlich hat Bourdieu seine Theorie nicht in einem Werk zusammengefasst, man kann vielmehr von einer stetigen Weiterentwicklung seiner Jahre langer empirischer Arbeit sprechen. Insgesamt sind über 50 Werke entstanden, die bis heute nicht alle in die deutsche Sprache übersetzt wurden, so Heimann (2010, S. 98).

3.1. Kurzbiographie Pierre Bourdieus

Pierre Bourdieu wurde 1930 in Béarn geboren. Dies liegt in einer dörflichen Gegend Südwestfrankreichs. Sein Vater war als Angestellter bei der Post tätig. Bourdieu besuchte eine Dorfschule im Ort, wechselte aber recht schnell, aufgrund seiner überdurchschnittlichen Leistungen, auf ein Gymnasium in die nächstgelegene Hauptstadt. Im Anschluss absolvierte er die Lehrerausbildung an den beiden renommiertesten Gymnasien Frankreichs. Sein Philosophiestudium schloss er als Jahrgangsbester 1955 ab. Danach ging Bourdieu in das vom Befreiungskrieg gegen Frankreich geplagte Algerien, um dort seinen Wehrdienst abzuleisten. Die geisteswissenschaftliche Universität Algier stellte ihn als Assistenten ein, wo er sich erstmals mit der soziologischen Forschung beschäftigte und empirische Studien über die Sozialstruktur Algeriens, sowie über Geschlechterverhältnisse, unternahm. In diesem Zeitraum entstanden auch seine ersten Schriften und Bücher. Im Jahre 1961 kehrte er nach Frankreich zurück und unterrichtete an der Universität Lille. 1964 hatte er eine Professur an der École des Hautes Études en Sciences Sociales inne. Die französische Gesellschaft war in den 1960iger Jahren geprägt durch eine hohe Ungleichheit in der Sozialstruktur, was Pierre Bourdieu veranlasste soziologische Untersuchungen der eigenen Gesellschaft unter Bezug von ethnologischen Methoden durchzuführen. Im Fokus stand die Rolle der Schulen (auch Hochschulen einbezogen) in Frankreich. In Zusammenarbeit mit Jean Claude Passeron untersuchte er das ungleiche kulturelle Erbe, welches aufgrund der unterschiedlichen sozialen Herkunft her rührt und es Kinder, die aus den oberen sozialen Klassen stammen einen Schulerfolg sichert, im Gegensatz zu den Schülerinnen und Schülern, die aus den unteren Klassen der Gesellschaft stammen. Die Thematik der sozialen Ungleichheit beschäftigt Bourdieu sein ganzes Leben lang. In dem Buch, das unter dem deutschen Titel „Die feinen Unterschiede“ in Deutschland erschienen ist, untersucht er die Klassenstruktur Frankreichs. In vielen Auslegungen wird dies als sein Hauptwerk angesehen. In seinen weiteren Werken prägte er besonders den Begriff der symbolischen Herrschaft (Krais & Gebauer, 2013, S. 8-11 & S. 82-83). An der École Pratique des Hautes Études wurde er zum Direktor ernannt und arbeitete eng mit Raymond Aron zusammen. Er wurde Co-Direktor des Forschungsinstituts Centre Européen de Sociologie Historique. Im Jahre 1968 trennten sich die Wege der beiden Wissenschaftler. Bourdieu gründete das Institut Centre de Sociologie Européenne und veröffentlichte 1975 seine eigene Zeitschrift, die Actes de la recherche en sciences sociales. Trotz vieler Debatten über seine Werke, galt er ab Ende der 1970iger Jahre als ein hervorstechender und brillanter Wissenschaftler der erneuerten Soziologie. Das hoch angesehene französische Collège de France berief ihn 1981 auf den Lehrstuhl der Soziologie. Im Jahre 1993 erhielt er vom Centre Nationale de Recherche Scientifique eine Goldmedaille, die höchste Auszeichnung in wissenschaftlichen Kreisen. Bourdieu war Ehemann und hatte drei Söhne. Am 23. Januar 2002 starb er mit 71 Jahren in Paris (Krais & Gebauer, 2013, S. 82-83).

3.2. Der Habitus, was ist das?

Der Begriff des Habitus, übersetzt aus dem Lateinischen, bezeichnet die äußere Erscheinung bzw. das gesamte Erscheinungsbild einer Person. Die Definition des Begriffs ist kontextabhängig. In der Medizin findet der Begriff Verwendung, um die Krankheitslage anhand des Erscheinungsbildes festzustellen. In der Biologie dient er zur Beschreibung der äußeren Beschaffenheit von Kristallen, Pflanzen und auch Tieren. Philosophisch wird der Begriff auch als Gewohnheit oder Haltung, die eng an die moralische Einstellung gebunden ist, verstanden. Soziologisch betrifft es die äußere Erscheinung eines Menschen (z.B. das Aussehen und die Haltung, die Sprache und der Kleidungsstil), worauf auf sein gesamtes Auftreten, seine Vorlieben und Gewohnheiten geschlossen wird. In der soziologischen Bedeutung Bourdieus, steht der Habitus für „Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsschemata eines Individuums, in dem sämtliche inkorporierten, früheren sozialen Erfahrungen zum Ausdruck kommen“ (Lenger, Schneickert & Schumacher, 2013, S. 13-14).

Die Habitusanalyse als soziologisches Forschungsinstrument dient der Betrachtung der Einflüsse bzw. Wirkungen gesellschaftlicher Lagen auf das Handeln der Menschen und zur Verdeutlichung und Erklärung des Bestandes von Sozialstrukturen. Grundlegende Einflussgrößen sind die jeweilige Klasse, das Geschlecht und die soziale Lage. Es gilt das Individuum (soziale Subjekt) im Kontext der objektiven Strukturvorgaben einer Gesellschaft (z.B. Normen, Werte oder auch vorherrschende Meinungen) zu ergründen und die unbewussten, als selbstverständlich hingenommenen Handlungsbegrenzungen herauszuarbeiten und zu verstehen und gleichzeitig die Wahrnehmung für soziale Ungleichheit zu schärfen. Die Habitusanalyse stellte im Rahmen der eigenen gesellschaftlichen Position und dem damit verbundenen Habitus eine Selbstreflexion dar. Die forschende Person wird sich der Illusion der Objektivität bewusst, begreift sich als aktiven Teil der sozialen Umwelt und analysiert auch die eigene soziale Position und die damit verbundenen Entwicklungsmöglichkeiten (Heimann, 2010, S. 98-99).

3.2.1. Kapital, Klasse und der soziale Raum

1982 entwickelte der Sozialpsychologe Kurt Lewin den Begriff des Feldes. Bei der Entwicklung seiner Theorie des sozialen Raumes greift Bourdieu auf diesen Begriff zurück. Das Feld lässt sich als Netz bzw. Aufstellung verstehen, in dem die verschiedenen Positionen (soziale Lagen) und die damit verbundenen Deutungs- und Handlungsmöglichkeiten einer Person, die (in diesem Zusammenhang spricht Bourdieu auch von Dispositionen) in einem objektiven Verhältnis zueinander stehen und somit situativ und zukünftig wirken und von der Kapitalverteilung in diesem Feld abhängig sind. Der Habitus bestimmt somit das Verhalten einer Person innerhalb des sozialen Raumes und spiegelt die gesellschaftliche Stellung, die durch die unterschiedlichen Kapitale zum Ausdruck gebracht werden, wieder. Bourdieu unterscheidet zwischen ökonomischem, kulturellem, sozialen und dem symbolischen Kapital. Materielle Ressourcen wie Geld und Wertgegenstände werden als ökonomisches Kapital bezeichnet. Soziales Kapital entsteht aus persönlichen Beziehungen und den daraus entstehenden Gruppenzugehörigkeiten bzw. Vernetzungen. Zum Beispiel Familie, Freunde oder Vereinsmitgliedschaften. Symbolisches Kapital drückt sich beispielweise durch den Rang oder das Prestige innerhalb einer Gruppenzugehörigkeit aus (Heimann, 2010, S. 104). Kulturelles Kapital muss etwas differenzierter betrachtet werden, unter inkorporiertem kulturellem Kapital versteht man die persönlich erlernten Fähigkeiten, aber auch die Weitergabe von familiären Traditionen. Objektiviertes kulturelles Kapital drückt sich auch objektiv in Gegenstände wie zum Beispiel Büchern oder Kunstobjekten aus. Bildungstitel und erworbene Schul- und Hochschulabschlüsse werden als institutionalisiertes kulturelles Kapital betitelt (Rehbein & Saalmann, 2009, S. 137-138).

Im Laufe eines Lebens akkumuliert bzw. sammelt jeder Mensch Kapitale. Bourdieu stellt klar, dass der Habitus nicht angeboren ist, sich aber im Kindheitsalter durch die Auseinandersetzung mit der Umwelt und den Kontakt mit Anderen ausbildet. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Herkunftsfamilie, in der man mit der Geburt automatisch Mitglied einer Gesellschaft und in soziale Zusammenhänge mit einbezogen wird. Nicht nur die Voraussetzungen unter denen man ein bestimmter Teil der Gesellschaft wird ist wichtig, sondern auch die Weiterentwicklung zu einem gesellschaftlichen Wesen, also die spezielle Position die das jeweilige Individuum innerhalb des sozialen Raums einnimmt (Krais & Gebauer, 2013, S. 61-62).

Die Ausübung einer beruflichen Tätigkeit spielt bei der Ausbildung des Habitus ebenfalls eine zentrale Rolle, somit beinhaltet die Position im Raum eine biographische, sowie historische Dimension (Heimann, 2010, S. 104). Betrachtet man die Gesellschaft als sozialen Raum, besteht dieser aus eigenständigen sozialen Feldern. Jedes Feld unterliegt einer eigenen Unumgänglichkeit und einem eigenen Verständnis. Ein Musiker bewegt sich beispielsweise in einer anderen (beruflichen-)Welt, als ein Banker (Krais & Gebauer, 2013, 55-57). Die Grenzen des jeweiligen Feldes sind daran zu erkennen, dass die Effekte aufhören zu wirken. Die Felder sind gleich aufgebaut und strukturiert und dreidimensional ausgerichtet. Die horizontale Dimension (X-Achse) stellt die Kapitalstruktur (ökonomisches und kulturelles Kapital) dar. Auf der linken Seite steht das kulturelle Kapital und auf der rechten Seite das ökonomische Kapital. Die vertikale Y-Achse bezieht sich auf das gesamte Kapitalvolumen. Die dritte Dimension veranschaulicht die zeitliche Entwicklung. Es erfolgt eine Positionierung entsprechend der individuellen Kapitalausstattungen in Relation zueinander. Als Zuordnungsmerkmal der verschiedenen Klassen verwendet er vor allem die Berufsbezeichnungen, die entsprechend der gesellschaftlichen Stellung (Beruf, Einkommen und Ausbildungsniveau) definiert werden. Aber auch Merkmale wie Geschlecht, Wohnort oder die ethnische Zugehörigkeit fließen bei der Positionierung mit ein. Dabei bilden sich Bereiche mit gleichartigen Kapitalausstattungen heraus, diese werden als Klassen oder Milieus bezeichnet (Heimann, 2010, S.104-105). Die Dynamik in einem funktionierenden Feld vergleicht Bourdieu als Spiel, in dem es um Macht und Einfluss geht. Am Beispiel von Akteuren, die sich im literarischen Feld bewegen (Schriftsteller, Dichter, Dramatiker und Literaturkritiker) erfolgt die Unterscheidung zwischen dem kommerziellen Erfolg, der sich in der Produktion für ein Massenpublikum zeigt und der „reinen Produktion“, in dem es um das Ziel der eigenen Anerkennung unter den Akteuren, die sich im Feld befinden, geht (Krais & Gebauer, 2013, S. 56-57).

Der Raum unterliegt einem stetigen Wandel, durch das Auftreten neuer Berufe ändert sich auch die Gesamtstruktur des Raumes, da eine Positionierung immer nur in Relation zueinander vollzogen werden kann. Eine repräsentative Studie ermittelte unter Einbezug der Ausführungen Bourdieus Berufsbereichsräume, die eine Abbildung des deutschen Sozialraums anzeigen (vgl. Vester, Oertzen, Geiling, Hermann & Müller, 2001), (Heimann, 2010, S. 108).

3.2.2. Klassenhabitus

Für die Positionierung im sozialen Raum spielt die relative Stellung von Individuen und Beziehungen ebenfalls eine wichtige Rolle. Bourdieu macht dies anhand eines Beispiels eines Bauern deutlich. Die Lebensverhältnisse und auch die Denkweisen des Bauern sind nicht nur geprägt durch seine Ausstattung von Kapitalen, was seine materielle Existenzbedingungen ausdrückt, sondern auch durch den Gegensatz von einem Menschen der in der Stadt lebt. Von Interesse ist nicht nur der aktuelle soziale Ort einer Person und einer Gruppe aus ähnlichem sozialem Milieu, sondern die Entwicklung bzw. Laufbahn, also die Vergangenheit und die Zukunft bzw. soziale Auf- und Abstiege. Die im Habitus verankerten Denk- und Handlungsschemata werden in der Lebensführung deutlich, wie zum Beispiel der Wohnung, Auto, Kleidungsstil oder auch sportlichen und kulturellen Aktivitäten. Die Unterscheidungen ergeben einen sozialen Sinn, nämlich dass sie soziale Unterschiede und die Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen oder Klassen anzeigen. Stimmen wesentliche Elemente der Lebensführung bzw. des Habitus überein, spricht man von einem Klassenhabitus. Die soziale Lage einer Person, die ihren Klassenhabitus kennzeichnet, manifestiert, also festigt, sich in seinem äußeren Erscheinungsbild, den Moralvorstellungen, dem ästhetischen Empfinden und dem Umgang und Gebrauch von kulturellen Produkten, drückt sich also in seinem Geschmack aus. Bourdieu unterscheidet zwischen dem Geschmack der kulturell und ökonomisch dominanten Klassen und der unteren Klasse (Krais & Gebauer, 2013, S. 36-38). Die französische Gesellschaft des 20. Jahrhunderts unterteilt Bourdieu in drei Klassen, in das Bürgertum (Bourgeoisie oder herrschende Klasse), das Kleinbürgertum und dem Proletariat. Ein zentraler Unterschied besteht darin, dass die herrschende Klasse über mehr Gesamtkapital als die beherrschte Klasse verfügt. Die herrschende Klasse wird nochmal in die Dominaten und Dominierenden unterteilt. Die dominante Gruppe verfügt eher über ökonomisches Kapital, während die dominierende Gruppe über mehr kulturelles Kapital verfügt. Das Kleinbürgertum ist der beherrschten Klasse zuzuordnen, hebt sich aber aufgrund der Existenzbedingungen und seinem Lebensstil vom Proletariat (untere Klasse) ab, deren Aufstiegschancen sehr eingeschränkt sind (Rehbein, Schneickert & Weiß, 2009, 142). Die Unterschiede der Angehörigen der verschiedenen Klassen, was durch die unterschiedlichen Lebensstile deutlich wird, sind somit auf den Habitus zurückzuführen. Er bewirkt aber auch „dass man das mag, was man hat“, man nimmt sein Schicksal sozusagen an, fügt sich diesem und macht aus der Not eine Tugend. Den Habitus im Bezug zu sozialem Aufstieg diskutiert Bourdieu vor allem in der Mittelschicht also dem Kleinbürgertum, in dem die Lebensverhältnisse von dem Anspruch bzw. Willen auf einen sozialen Aufstieg geprägt sind. Dabei erfolgt der Aufstieg in der Regel innerhalb der Klasse des sozialen Raums, das setzt vor allem Änderungen in der Bildung- und Wirtschaftsstruktur voraus, um einen Aufstieg möglich zu machen. Bourdieu macht deutlich, dass es für die unteren Klassen viel schwieriger ist einen sozialen Aufstieg zu erlangen, da u.a. ihr Lebensstil überwiegend auf Beständigkeit ausgerichtet ist und ein Aufstieg mit dem Brechen mit der Tugend einhergeht (Krais & Gebauer, 2013, S. 43-47).

3.2.3. Hysteresiseffekt

Der Habitus ist kein festgelegtes Schicksal, sondern die Antwort auf die Lebensgeschichte eines jeden Einzelnen. Der Habitus ist dispositiv, d.h. veränderbar und wird durch neue Erfahrungen und Impulse ständig beeinflusst. Die meisten Menschen fügen sich aber unbewusst ihrem bestehenden Habitus, in dem sie Situationen wählen oder fortführen die diesem entsprechen, man spricht vom Hysteresiseffekt. Die Verlässlichkeit liegt auf den altbekannten Erfahrungen und Verhaltensmustern, was auf eine Veränderungsträgheit und Beständigkeit von gewohnten Strukturen hinweist. Eine Veränderung kann zu Verunsicherungen führen, man fühlt sich unpässlich. Da nicht auf bekannte Verhaltensmuster zurückgegriffen werden kann, führt dies möglicherweise zu einem Selbstausschluss. Auf Grund von entstandenen Gedankengrenzen, ist es Menschen nicht möglich auf bestimmte Situationen zu reagieren (Heimann, 2010, S. 106).

Die Unangepasstheit des Habitus wird vor allem in Generationenkonflikten deutlich. Der Habitus ist in den Generationen bzw. Altersklassen unter verschiedenen Existenzbedingungen entstanden. Die verschiedenen Vorstellungen sorgen dafür, dass die Einen ein bestimmtes Verhalten, Ansichten und Bestrebungen als selbstverständlich oder sinnvoll erleben, wohingegen es für Andere undenkbar oder sogar beschämend ist (Suderland, 2009, S. 128).

Der Hysteresiseffekt kann auch im beruflichen Zusammenhang veranschaulicht werden. Die Berufung bzw. Berufswahl oder Ausübung spielt dabei eine zentrale Rolle. Stellt die eigene Berufung, welche ein Gefühl hervorruft „am richtigen Ort zu sein“ ein Gleichgewicht zur eigene Position und Disposition bzw. Veranlagungen dar, spricht man von einer Passung. Oftmals kommt es vor, dass sozial benachteiligte Gruppen sich nicht für aufsteigende Berufe entscheiden, da sie in ihrem gewohnten Umfeld verhaftet bleiben und sie ihre Berufung nicht in aufsteigende Berufe führt. Vor allem Mädchen entscheiden sich ihrer Berufung entsprechend für einen Beruf, der im weiblichen Berufssegment angesiedelt ist und nicht unbedingt ihrem individuellen Interesse entspricht. Zum Beispiel im medizinischen Bereich für den Beruf als Krankenschwester oder in administrativen Bereichen für eine Ausbildung als Bürokauffrau. Somit kann es zu geschlechtsspezifischem Selbstausschluss kommen und fördert somit die Einteilung in geschlechtsspezifische Berufsfelder, erklärt Heimann (2010, S. 106).

3.2.4. Habitus und Geschlecht

Als grundlegendes Strukturierungssystem in unserer Gesellschaft gilt die Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau, was gleichzeitig ein gegenseitiges Herrschaftsverhältnis beinhaltet. Die verschiedenen Gesellschaften und Kulturen unterscheiden sich dahingehend, was als männlich oder weiblich gilt. Die Zuordnung von zum Beispiel Handlungsweisen oder persönlichen Merkmalen zum Geschlecht ist auch heute noch soziale Praxis. Die Untersuchung der Geschlechterverhältnisse wurde vor allem in der Studie Bourdieus über die männliche Herrschaft veröffentlicht, in der er deutlich machte, wie Männer und Frauen in ihrem Denken und Handeln das Geschlechtsverhältnis wiedergeben, verändern und weiterentwickeln. Von Beginn des Lebens an entwickelt jeder einen geschlechtsspezifischen Habitus. Das bedeutet eine Identität in der man die Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern verinnerlicht und auch verkörpert. Die soziale Identität entwickelt sich entweder als eine männlich oder weibliche, was direkt bei Geburt an die geschlechtlichen Merkmal geknüpft ist und im Zusammenhang von sozialen Interaktionen mit seinem Umfeld, aus. Das Geschlecht wird als Gegensatz konstruiert, entweder als weibliche oder männliche Identität. Dies schränkt und grenzt das jeweilige Geschlecht in seinen Handlungen, Gefühlen und seinem Verhalten ein. Weibliche Dispositionen oder Veranlagungen bei Jungen und umgekehrt männliche Dispositionen bei Mädchen werden unterdrückt. Bourdieu beschreibt den Prozess, in dem der geschlechtliche Habitus erworben wird, als ein ständiges Orientieren von Handlungen, Signalen und Wahrnehmungen, in dem es gilt sich zwischen den zwei Möglichkeiten des Seins zu entscheiden. Die Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern zeigt sich auch in der Gestaltung des Körpers und prägt zum Beispiel die Körperwahrnehmung und bestimmt die Identität vom Körper her und ist somit ganz fest im Habitus verankert. Es handelt sich um eine von der Gesellschaft selbst produzierte und konstant wiederholte Geschlechterstruktur, die als „natürliche Ordnung der Welt“ angesehen wird. Der Prozess der „Herstellung von Geschlecht“ wird als doing Gender bezeichnet. In Bourdieus Buch, die feinen Unterschiede, verdeutlicht er das geschlechtsspezifische Körperverhalten anhand von klassenspezifischen Essgewohnheiten. Fisch ist keine Kost für den Mann aus den unteren Klassen, nicht nur weil es sich um ein leichtes und teures Nahrungsmittel handelt, was den oberen Klassen zugeordnet wird, sondern weil Fisch auf eine Weise gegessen wird, die nicht dem männlichen Essverhalten entspricht. Mit Fisch essen assoziierte man eine zurückhaltende und vorsichtige Essweise, allein schon wegen der Gräten. Es entspricht eher dem Essverhalten der Frau, mit wenig oder ohne Appetit zu essen, die Häppchen für Häppchen den Fisch verspeist. Das männliche Essverhalten wird eher mit Appetit, vollem Mund und kräftigem Biss verbunden (Krais & Gebauer, 2013, S. 48-52).

3.3. Symbolische Gewalt und Habitus-Struktur-Konflikte

Symbolische Gewalt ist eine verdeckte Form der Gewalt, die in gesellschaftliche Hierarchien und Machtverhältnissen, die auf eine ungleiche Chancenverteilung (soziale Herkunft und Geschlecht) beruhen und zum Ausdruck gebracht werden. Über Symbole wie Kleidung, Vorlieben oder zum Beispiel Freizeitaktivitäten können wir auf den gesellschaftlichen Stand einer Person schließen. Außer die ungleiche Chancenverteilung, muss in diesem Rahmen auch der Habitus im Zusammenhang von den persönlichen (Handlungs-) Feldern berücksichtigt werden. „Menschen verinnerlichen beim Aufwachsen die Symbole ihrer Umgebung. Diese werden Teil der eigenen Identität, des eigenen Habitus, der einerseits individuell ist, aber anderseits an die kollektiven Dimensionen der verinnerlichten Symbole rückgebunden ist. So gibt es Lebensstile, Ansichten, Haltungen, ja sogar Gefühle, die für eine Gruppe von Menschen in manchen Situationen typisch sind“ (Schmitt, 2010, S. 58-59). Sozial gemachte ungerechte Hierarchien werden hingenommen bzw. akzeptiert oder gar nicht als Benachteiligung, sondern zur eigenen Identität passend, erlebt. Schmitt macht dies an dem bekannten deutschen Sprichwort „Schuster bleib bei deinen Leisten“ deutlich. Es wird davon ausgegangen, dass der Schuster „bei seinen Leisten bleibt“ (seinem Habitus) und keinen Konflikt zwischen seinem Habitus und dem unbekannten Feld anstrebt. Er hält es für gerecht, dass zum Beispiel studierte Leute eine höhere Position im Sozialraum einnehmen, weil sie intelligenter sind. Gesellschaftliche Machtverhältnisse werden somit reproduziert, dadurch erfolgt selten ein Aufbegehren und kaum Klassenkämpfe finden statt (Schmitt, 2010, S. 50-51). Die Sprache ist das zentrale Medium, über die sich symbolische Gewalt äußert. Die Machtwirkung entfalten Worte, in dem sie Bedeutungen, Klassifikationen sowie Auf- und Abwertungen anzeigen. Dabei hängt die Wirkung davon ab, wer was in welcher Position und Situation zum Ausdruck bringt. Auch über Gesten und Rituale kann symbolische Gewalt transportiert werden. Bei der Untersuchung der kabylischen Gesellschaft ermittelte Bourdieu, wie auch zum Beispiel durch Sprichwörter, graphische Darstellungen, Haltungen und Verhaltensweisen symbolische Gewalt ausgeübt wird (Schmidt, 2009, S. 233-234).

[...]

Ende der Leseprobe aus 96 Seiten

Details

Titel
Bikulturelle Partnerschaften. Eine qualitativ-empirische Untersuchung zu habituellen Abstimmungsprozessen
Hochschule
Fachhochschule Düsseldorf
Note
2,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
96
Katalognummer
V310183
ISBN (eBook)
9783668086739
ISBN (Buch)
9783668086746
Dateigröße
1093 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bikulturelle Partnerschaften, Habitus, Pierre Bourdieu, empirische Untersuchung, Abstimmungsprozesse, Migration, narrativ, herkunftskulturelle Muster, Soziale Klassen, Integration, Kultur, Einwanderung, interkulturelle Kompetenz, interkulturelle Soziale Arbeit, Stigmatisierungen, Diskriminierungen und Rassismus, Interviews
Arbeit zitieren
Bachelor of Arts- Sozialarbeiterin/Sozialpädagogin Anne Marie Sonnenberg-Hahn (Autor), 2014, Bikulturelle Partnerschaften. Eine qualitativ-empirische Untersuchung zu habituellen Abstimmungsprozessen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/310183

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