Rotkäppchen und seine filmischen Adaptionen

Ein Märchen im Wandel der Zeit


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015
23 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung ...1

2 Rotkäppchen – Das Märchen ...2
2.1 Handlungsanalyse ...2
2.2 Darstellung des Rotkäppchens ...2
2.3 Darstellung des Wolfes ...3
2.4 Aussagenspezifische Interpretationen ...3

3 Rotkäppchen – Verfilmung von 1954 ...5
3.1 Handlungsanalyse ...5
3.2 Darstellung des Rotkäppchens ...6
3.3 Darstellung des Wolfes ...9

4 Rotkäppchen – Verfilmung von 2012 ...10
4.1 Handlungsanalyse ...10
4.2 Darstellung des Rotkäppchens ...11
4.3 Darstellung des Wolfes ...13

5 Symbolik im Märchen und seinen filmischen Adaptionen ...15

6 Fazit ...17

Literaturverzeichnis ...20
Filmquellen ...20
Internetquellen ...21

1 Einleitung

Märchentexte existieren bereits mehrere Jahrhunderte, sodass es heute verschiedenste filmische Adaptionen zu einer Märchenvorlage gibt. Diese unterscheiden sich bereits in der Kameraqualität, denn die ersten Märchenfilme sind in der Zeit des Stummfilmes entstanden und auch heute werden noch neue Adaptionen oder Interpretationen der Märchen herausgebracht. Die filmischen Adaptionen unterscheiden sich auch inhaltlich in den verschiedensten Weisen und die Textvorlage kann als nur grobe Richtlinien gebend verstanden werden.

Zahlreiche Literaturanhänger gehen davon aus, dass Wert, Thematik und Intention von Literaturwerken in deren filmischen Adaptionen verloren gehen. Bazin ist in diesem Zusammenhang jedoch überzeugt, dass Filmadaptionen, die in gewissen Aspekten enorm von der literarischen Vorlage abweichen, ihren eigenen Wert erhalten und als Weiterführung oder Ausarbeitung des literarischen Werks interpretiert werden müssen[1]. Schneider konstatiert, dass sich hauptsächlich das Medium ändere und die Information des Literaturstücks beibehalten werden soll[2]. Er betont aber auch, dass das Buch mehr Freiraum hinsichtlich der Vorstellungskraft und Phantasie des Rezipienten biete.

Diese Arbeit setzt sich zum Ziel, das Literaturwerk „Rotkäppchen“ von Jacob und Wilhelm Grimm aus „Die schönsten Kinder- und Hausmärchen“ der filmischen Adaption von Regisseur Walter Janssen aus dem Jahre 1954 und der filmischen Adaption der Regisseurin Sibylle Tafel aus dem Jahre 2012 gegenüberzustellen und der Frage nachzugehen, inwiefern sich die Aussage sowie Charakter von Rotkäppchen und dem Wolf der Literaturvorlage in der filmischen Adaption darstellen.

Im Folgenden wird zunächst zur Version von Rotkäppchen der Brüder Grimm aus „Die schönsten Kinder- und Hausmärchen“ (KHM) eine Handlungsanalyse aufgezeigt. Anschließend folgen Betrachtungen der Darstellung des Rotkäppchens sowie der Darstellung des Wolfes. Danach werden einige mögliche Interpretationen der Gesamtaussage des Märchentextes dargelegt. Im nächsten Kapitel wird die Adaption von 1954 von Regisseur Walter Janssen näher beleuchtet; auch hier wird anfänglich eine Handlungsanalyse angegeben, gefolgt von den Untersuchungen der Darstellungen von Wolf und Rotkäppchen. In diesem Zusammenhang werden unter anderem Kameraperspektiven und Musik näher betrachtet. Anschließend wird im vierten Kapitel die filmische Adaption von 2012 der Regisseurin Sibylle Tafel nach dem gleichen Schema durchleuchtet. Im Fazit werden die direkten Vergleiche von Text und Adaptionen noch einmal aufgegriffen, bezogen auf Handlung, Symbolik und Darstellung von Wolf und Rotkäppchen.

2 Rotkäppchen – Das Märchen

2.1 Handlungsanalyse

- Komplikation 1: Rotkäppchens Großmutter ist krank.

- Lösung 1: Rotkäppchen soll ihrer Großmutter Verpflegung bringen.

- Komplikation 2: Rotkäppchen trifft im Wald auf den Wolf und verrät diesem, wo seine Großmutter wohnt. Der Wolf will Großmutter und Rotkäppchen fressen. Er lenkt Rotkäppchen ab, um unbemerkt zur Großmutter zu laufen und frisst anschließend beide.

- Lösung 2: Der Jäger, angelockt vom lauten Schnarchen in Großmutters Haus, rettet Großmutter und Rotkäppchen und füllt den Bauch des Wolfes mit Steinen. Der Wolf stirbt schließlich daran.

2.2 Darstellung des Rotkäppchens

Rotkäppchen wird zu Beginn als „eine kleine süße Dirne, die hatte jedermann lieb, der sie nur ansah“[3], beschrieben. Auf die Anweisungen seiner Mutter, es solle nicht vom Weg abgehen und die Großmutter auch ordnungsgemäß begrüßen, verspricht ihr das Rotkäppchen, es werde sich an alles halten. Dies impliziert, dass es ein gut erzogenes und freundliches Kind ist, da es keine Widerworte stellt, sondern direkt sein Wort darauf gibt. Als das Rotkäppchen im Wald auf den Wolf trifft, wird seine kindliche Naivität vorangestellt und ebenso wird es als furchtlos charakterisiert: Es „wußte nicht, was das für ein böses Tier war, und fürchtete sich nicht vor ihm“[4]. So kommt es, dass es dem Wolf, höflich wie das Rotkäppchen ist, bereitwillig auf all seine neugierigen Fragen antwortet. Auch als der Wolf das Rotkäppchen auf die vielen Blumen am Wegesrand aufmerksam macht, denkt es nicht an die Warnung und Anweisung der Mutter, nicht vom Wege abzugehen, sondern ist beeindruckt von den hübschen Blumen und pflückt ein paar Blumen. Dies tut es aus kindlichem Leichtsinn, da es allein daran denkt, wie sehr die Großmutter sich über einen Blumenstrauß freuen wird. Später im Märchen heißt es, „[es] fiel ihm die Großmutter wieder ein“[5], woran erkennbar ist, dass das Rotkäppchen die Großmutter vergaß und sich Zeit beim Blumenpflücken ließ. Es lernt aber, wie am zu Ende des Märchen erkennbar wird, aus seinem Handeln: „Du willst dein Lebtag nicht wieder alleine vom Wege ab in den Wald laufen, wenn dir’s die Mutter verboten hat“[6]. Auch der Zusatz, der besagt, dass das Rotkäppchen, als es im Wald erneut auf einen Wolf trifft, nicht vom Weg abgeht und der Wolf später im Brunnen der Großmutter ertrinkt, zeugt davon, dass Rotkäppchen den gleichen Fehler nicht mehrmals begeht.

2.3 Darstellung des Wolfes

Der Wolf wird im Märchentext direkt als „böses Tier“[7] beschrieben. Trotzdessen tritt er zunächst scheinbar höflich auf und unterhält sich kurz mit dem Rotkäppchen. Schnell wird jedoch durch seine exakten Fragen an das Rotkäppchen sowie durch seine Gedanken[8] klar, dass der Wolf auf etwas abzielt und sich scharfsinnig die nötigen Informationen bei dem Rotkäppchen einholt. Er lenkt das Rotkäppchen hinterlistig auf die schönen Blumen zu und läuft dann „geradeswegs nach dem Haus der Großmutter“[9]; er handelt also sehr zielorientiert. Dieses zielbewusste Handeln lässt den Wolf auch als von seinen Trieben gesteuert, als triebhaft erscheinen. Durch die Tatsache, dass er plant, Großmutter und Rotkäppchen zu verschlingen und ihm ein Menschen nicht genügt, wird die Gier des Wolfes erkennbar. Letztendlich wird ihm diese Gier aber zum Verhängnis, denn er schläft mit seinem vollen Magen tief und fest, sodass er den Jäger später nicht bemerkt.

2.4 Aussagenspezifische Interpretationen

Jacob und Wilhelm Grimm nahmen für ihr Rotkäppchen die französische Version „Le Petit Chaperon rouge“ von Perrault, bei dessen Handlung Großmutter und Rotkäppchen nicht gerettet wurden, als Vorlage[10]. Die Brüder Grimm änderten 1812 nicht nur den Ausgang des Märchens, sondern strichen ebenso jegliche sexuelle Anspielungen, die Perrault in seinem Werk einarbeitete – wie beispielsweise, dass das Rotkäppchen sich entkleidet zum Wolf ins Bett legt. Die Brüder Grimm projizieren „die sozialen Wandlungen in der Sichtweise von Kindern und ihrer Erziehung“[11] in ihrem Märchen und verbürgerlichten es somit.

Die Intention der Brüder Grimm in diesem Märchen ist vielseitig interpretiert worden. Rötzer[12] und ebenfalls Röhrich führen auf, dass Rotkäppchen bereits bei Perrault als „Warnmärchen“ an Kinder adressiert war, „um vor den Gefahren des Waldes zu warnen, vor wilden Tieren oder unheimlichen Personen, die dort wohnen und Kindern auflauern“[13]. Auch Zipes sieht die Geschichte des Rotkäppchens als Warnmärchen[14]. Die grimmsche Version hat diese Warnung beibehalten; wenn auch durch das glückliche Ende etwas abgemildert. Nach Zipes enthält das Märchen der Brüder Grimm „eine verschlüsselte Botschaft über rationalistische Körperbeherrschung“[15], und eben weil das Rotkäppchen über diese nicht verfügt und sich deshalb von sämtlichen Dingen am Wegrand im Wald ablenken lässt, wird es später durch das wölfische Hinunterschlingen bestraft.

Zipes führt eine weitere mögliche Interpretation des grimmschen Märchens auf. Er bezieht sich dabei auf Jäger, der davon ausgehe, dass die Brüder Grimm durch ihr Märchen junge, bürgerliche Mädchen dahingehend zu beeinflussen und somit zu erziehen beabsichtigten, als dass ihre Kreativität und ihre gänzliche Selbst- und Unabhängigkeit unterdrückt werden: „Die Ehrfurcht, die das Märchen der Mutter und der Großmutter gegenüber zeigt, muß absolut sein“[16]. Ritz betitelt das grimmsche Märchen als „Erziehungsmärchen“ und schreibt, dass die Brüder Grimm durch ihr Märchen Kinder vom Verstoß gegen die „elterliche Autorität“[17] abraten: Rotkäppchens Mutter spricht ihrer Tochter Verbote aus, diese verstößt jedoch gegen die Verbote und zieht später aus den Folgen heraus, dass es besser der Mutter gehorchen soll. Ritz findet im Jäger die rettende Vaterfigur und unterscheidet zwischen den aktiven, männlichen Wesen Jäger und Wolf, und den passiven, weiblichen Figuren Rotkäppchen und Großmutter, sodass eine geschlechterspezifische Rollenverteilung erkennbar wird[18].

Bettelheim hingegen sieht im Märchen, dass das Rotkäppchen in seiner ödipalen Phase[19] teilweise stecken blieb und sich somit der Gefahr zur Verführung ausliefert. Es habe seinen ödipalen Konflikt noch nicht lösen können, werde aber schon mit weiteren Konflikten, denen der Pubertät, konfrontiert. Rotkäppchen stehe im Wald bei der Begegnung auf den verführerischen Wolf vor der Wahl zwischen „Realitätsprinzip und dem Lustprinzip“[20], zwischen dem Verbot und dem Wunsch, etwas zu tun. Weiterhin gebe das Rotkäppchen dem Wolf den genauen Weg zur Großmutter preis, da es sie unbewusst beseitigen möchte, worin sich sein ödipaler Konflikt wiederspiegelt. Es versuche, den Wolf an die Großmutter weiterzuleiten, da es selbst mit seiner verfrühten Sexualität, die durch das rote Käppchen symbolisiert werde, und somit auch mit dem Wolf nicht zurechtkomme[21]. Das Rotkäppchen lerne jedoch aus seinem Fehler und arbeite fortan mit der Mutterfigur bzw. der Großmutter zusammen, wie es im Anhängsel des Märchens erzählt wird: Rotkäppchen trifft erneut auf einen Wolf und geht geradewegs zur Großmutter, mit der zusammen es den Wolf überlistet. Nur durch diese Zusammenarbeit mit Älteren könne das Rotkäppchen selbst zu einem Erwachsenen heranreifen[22]. Bettelheim sieht in dem aus dem Bauch Herausschneiden die Wiedergeburt Rotkäppchens, das sich durch das wölfische Verschlingen vom Kind zum jungen Mädchen gewandelt hat. Letztendlich sieht auch Bettelheim in der Rotkäppchen-Geschichte ein Warnmärchen[23], jedoch aber auf einer anderen Ebene als Röhrich, Rötz und Zipes.

Ritz fasst zusammen, Kindern werde durch das Märchen gezeigt, dass sie elterlichen Verboten gehorchen und ihre kindlichen Sehnsüchten nach der Entdeckung der eigenen Umwelt zügeln sollen, um negative Konsequenzen zu vermeiden[24]. Gleichzeitig rechnet er mit Bettelheims Interpretation ab: Für Ritz ist das Rotkäppchen ein sehr junges Mädchen und schon deshalb könne Bettelheims Interpretation des ödipalen Konflikts eines pubertierenden Mädchens nicht stimmig sein[25].

[...]


[1] vgl. Bazin zitiert nach Schneider, 1981, S.13

[2] vgl. Schneider, 1981, S.17

[3] vgl. Grimm, 1837, Kapitel 26

[4] ebd.

[5] ebd.

[6] ebd.

[7] ebd.

[8] „Das junge zarte Ding, das ist ein fetter Bissen, der wird noch besser schmecken als die Alte“, ebd.

[9] ebd.

[10] vgl. Röhrich, 1964, S.127

[11] Zipes, 1982, S.34

[12] vgl. Rötzer, 1988, S.96

[13] Röhrich, 1964, S.127

[14] vgl. Zipes, 1982, S. 17

[15] Zipes, 1982, S.37

[16] ebd., S.39

[17] Ritz, 1993, S.39

[18] vgl. ebd., S.30 f.

[19] Tritt im Alter von 4-6 Jahren auf, die Mädchen wollen ihren Vater heiraten, deshalb sind sie eifersüchtig auf die Mutter und haben zugleich Angst vor einer Bestrafung. Bei den Jungen ist es umgekehrt. Dies ist auf die Entdeckung der Geschlechterunterschiede zurückzuführen. Störungen bzw. die nicht gänzliche Lösung dieses Ödipuskomplexes, vgl. http://www.psychotherapiepraxis.at/artikel/psychoanalyse/psychoanalyse.phtml [Stand: 02.07.2015]

[20] Rötzer, 1988, S.247f.

[21] vgl. ebd., S.250

[22] vgl. ebd., S.250 f.

[23] vgl. ebd., S.251

[24] vgl. ebd., S.30

[25] vgl. ebd. S.47

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Rotkäppchen und seine filmischen Adaptionen
Untertitel
Ein Märchen im Wandel der Zeit
Hochschule
Europa-Universität Flensburg (ehem. Universität Flensburg)
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
23
Katalognummer
V310261
ISBN (eBook)
9783668086197
ISBN (Buch)
9783668086203
Dateigröße
491 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rotkäppchen, medien, analyse, filmische, mittel, kamera, märchen, wolf, jäger, film, musik, charakter
Arbeit zitieren
Julia Exner (Autor), 2015, Rotkäppchen und seine filmischen Adaptionen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/310261

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