Die Kulturphilosophie bei Simmel. Analyse des Aufsatzes "Die Großstädte und das Geistesleben"


Hausarbeit, 2014

18 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Inhalt des Aufsatzes
2.1 Definitionen und Abgrenzung des Großstadtbegriffes
2.2 Wesensmerkmale und Aufgaben der Großstadt
2.3 Kulturphilosophische Merkmale der Großstadt

3. Kritische Einordnung des Aufsatzes

4. Die kulturphilosophische Wirkung des Aufsatzes von Simmel für den heutigen Sachstand des Fachbereiches

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Entwicklung der Moderne ist untrennbar mit Fortschritts- und Urbanisierungsprozessen, die zur Entwicklung der Großstadt geführt haben, verbunden. Eine zunehmende Intensivierung des städtischen Lebens fand dabei ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch Fortschritte in der Entwicklung der Verkehrsmittel, vor allem der Eisenbahn statt.[1] Mit dieser zunehmenden Bedeutung der Großstadt entwickelte sich die Stadtsoziologie, die die neuen Formen der Gesellschaft und die strukturelle Charakteristika des großstädtischen Lebens als Ausgangspunkt hat.[2] Von zentraler Bedeutung ist in diesem Zusammenhang der Essay „Die Großstädte und das Geistesleben“ von Georg Simmel aus dem Jahre 1903, der ursprünglich 21 Seiten umfasste und der von Simmel zuerst vor der Gehe-Stiftung in Dresden vorgetragen wurde. Die von Simmel in diesem Aufsatz entwickelten zentralen Gedanken zu Merkmalen und Auswirkungen der Großstadt sind bis heute zentral für die Stadtsoziologie, was sich u.a. darin zeigt, dass die Gedanken des Vortrags später unter anderem von Louis Wirth aufgegriffen wurden, dem Mitbegründer der amerikanischen stadtsoziologischen „Chicago-Schule“.[3]

In dieser Arbeit geht es darum, den wegweisenden kulturphilosophischen Beitrag Georg Simmels für die Kulturphilosophie der Großstadt herauszuarbeiten und in seiner Bedeutung für die heutige wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Phänomen ‚Großstadt’ zu diskutieren. Ausgangspunkt der Arbeit ist dabei folgende Prämisse Simmels: „Die tiefsten Probleme des modernen Lebens quellen aus dem Anspruch des Individuums, die Selbständigkeit und Eigenart seines Daseins gegen die Übermächte der Gesellschaft [….] zu bewahren - die letzterreichte Umgestaltung des Kampfes mit der Natur, den der Primitive Mensch um seine leibliche Existenz zu führen hat“.[4]

Aber ist diese These Simmels sowohl kulturphilosophisch als auch in Bezug auf die anthropologischen Gedanken Simmels singulär haltbar? Die vorliegende Arbeit geht in drei Analyseschritten dieser Frage nach: Zunächst geht es darum den Aufsatz Simmels zu analysieren und die wichtigsten Argumentationen und Aussagen herauszuarbeiten. Daraufhin werden diese Erkenntnisse Simmels in Beziehung gesetzt zu den anthropologischen Ideen Simmels und mit der Kulturphilosophie der Städte verglichen. Abschließend erfolgt eine Auseinan-dersetzung mit den Ideen Simmels zur Großstadt und seiner Anthropologie sowie der vorhandenen Kulturphilosophie der Städte.

2. Inhalt des Aufsatzes

2.1 Definitionen und Abgrenzung des Großstadtbegriffes

Simmels Großstadtbegriff ist deutlich abzugrenzen von anderen zeitgenössischen soziologischen Beschreibungen der Großstadt. Zunächst einmal geht Simmel nicht wie Weber davon aus, dass sich der Großstadtbegriff vor dem Hintergrund von ökonomischen und politisch-administrativen Strukturen beschreiben lässt, mit denen dann Bezug genommen werden kann auf Wirtschaftsverbände und Rechtsverhältnisse.[5] Zentral ist vielmehr, dass Simmel die sehr große Lokalität ‚Großstadt’ durch soziologische Grenzen definiert. In diesem Sinne handelt es sich bei einer Großstadt nach Simmel zwar um einen beschreibbaren größeren Raum, dieser stellt für ihn aber keine räumliche Tatsache, die soziologische Wirkungen hat, dar, sondern ist „eine soziologische Tatsache, die sich räumlich formt“.[6] Eine Stadt wird also nach Simmel nicht durch bestimmte räumlich-territoriale Gegebenheiten bestimmt, sondern hängt mit der durch die gesell-schaftlichen Verhältnisse entstehenden sozialen Rahmung zusammen.[7] Simmel erteilt damit dem Determinismus der Normativität sachlich-räumlicher Anord-nungen ebenso eine Absage wie Durkheim, der viel stärker Bezug nimmt auf soziale Normen, die für Sachkonstellationen entscheidend sind und soziale Raumbeschriftungen konstituieren. Die Entsubstanzialisierung des Räumlichen, wie sie Simmel postuliert, impliziert, dass konstituierte räumliche Gebilde wie die Großstadt wesentlich mit Formen der Vergesellschaftung zu tun haben. Der Raum der Großstadt ist daher als sozialer Raum zu verstehen und nicht als eine durch territoriale Grenzen festgelegte Ordnung, die die Großstadt konstituiert.[8] In diesem Sinne stellt die Großstadt für Simmel keinen gebauten Raum dar, sondern vielmehr lässt sich die Großstadt auf der Grundlage ihrer abstrakten Funktionen definieren.[9] Der Raum der Großstadt ist also immer auf den Menschen und seine gesellschaftsbezogenen Handlungen zu denken.

2.2 Wesensmerkmale und Aufgaben der Großstadt

Die Wesensmerkmale der Großstadt beschreibt Simmel durch eine Abgrenzung der Großstadt von der Kleinstadt und dem Landleben. Wesentlich ist nach Simmel vor allem die funktionelle Größe, die aber keinen abgegrenzten Raum darstellt, sondern relational zu verstehen ist, d.h. als Größe jenseits der physischen Grenzen der Großstadt:[10] „Wie der Mensch nicht zu Ende ist mit den Grenzen seines Körpers oder des Bezirks, den er mit seiner Tätigkeit unmittelbar erfüllt, sondern erst mit der Summe der Wirkungen, die sich von ihm aus zeitlich und räumlich erstrecken: so besteht auch eine Stadt erst aus der Gesamtheit der über ihre Unmittelbarkeit hinausreichenden Wirkungen“.[11] Mit diesem Bezug auf die funktionelle Größe beschreibt Simmel die Großstadt vor dem Hintergrund der in der Literatur auch ansonsten üblichen Darstellung der Großstadt, wobei er auch auf die Dichte und Heterogenität der Großstadt eingeht. Simmel verwendet dabei die Begriffe ‚Mannigfaltigkeit’ und führt die Zusammendrängung des wirtschaftlichen Austausches an.[12] Ein weiteres Merkmal der Großstadt ist dabei aber auch die mit der Vielfalt und der Größe verbundene Unübersichtlichkeit des städtischen Lebens. Die Großstadt lässt sich nach Simmel daher auch als urbanes Labyrinth bezeichnen.[13] Im Gegensatz dazu ist die Kleinstadt durch eine überschaubare Größe und nur geringe Wechselwirkungen und Komplexität gekennzeichnet und eine Beengung der Verhältnisse, durch die dem Einzelnen Schranken und Beschränkungen nach innen und außen auferlegt werden.[14]

Die Aufgaben einer Großstadt lassen sich mit Blick auf die Abgrenzung des Wesens der Großstadt von den als beengt und beschränkt verstandenen Kleinstadtverhältnissen beschreiben. Zunächst einmal ermöglichen Dichte, Heterogenität und Größe Wechselwirkungen und eine Vielfalt, die ein anderes kulturelles und wirtschaftliches Klima hervorbringt. Auf diese Weise entsteht ein Austausch, der eine Atmosphäre der Kreativität möglich macht, durch die kulturelle Neuerungen leichter hervorgebracht werden.[15]

[...]


[1] Vgl. Preuss 2013, S. 397.

[2] Vgl. Häußermann/Siebel 2004, S. 11.

[3] Vgl. Bendikat 2005, S. 63.

[4] Simmel 2008, S. 103.

[5] Weber 1999.

[6] Simmel 1903, S. 21-73.

[7] Vgl. Kaufmann 2005, S. 90.

[8] Vgl. Kaufmann 2005, S. 90.

[9] Vgl. Müller, Die Großstadt als Ort der Moderne, S. 19.

[10] Vgl. Löw 2010, S. 606.

[11] Simmel 2008, S. 111.

[12] Vgl. Simmel 2008, S. 104.

[13] Vgl. Eckardt 2009, S. 7.

[14] Vgl. Simmel 2008, S. 109.

[15] Vgl. Frey 2009, S. 123.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die Kulturphilosophie bei Simmel. Analyse des Aufsatzes "Die Großstädte und das Geistesleben"
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Kulturwissenschaften)
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
18
Katalognummer
V310344
ISBN (eBook)
9783668086272
ISBN (Buch)
9783668086289
Dateigröße
412 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kulturphilosophie, simmel, analyse, aufsatzes, großstädte, geistesleben
Arbeit zitieren
Reinhold Wipper (Autor), 2014, Die Kulturphilosophie bei Simmel. Analyse des Aufsatzes "Die Großstädte und das Geistesleben", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/310344

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