Wie multikulturell ist Südtirol? Mehrsprachigkeit in Institutionen und Gesellschaft


Seminararbeit, 2015

17 Seiten, Note: 1

Lisa Fink (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Sprachgruppenverteilung und -Erhebung
2.1 Zahlen und Fakten
2.2 Das Problem mit der Sprachgruppenerhebung

3. Das politisch-administrative System Südtirols

4. Ethnische Spaltung im Südtiroler Alltagsleben
4.1 Schul- und Bildungssystem
4.2 Mehrsprachige Medienberichterstattung
4.3 Schritte nach vorne

5. Schlussbemerkung

6. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Ist Südtirol ein multikulturelles Land? Nun, zweifelsfrei ist es zumindest ein multiethnisches Land. Doch die Tatsache, dass verschiedene Sprachgruppen und Menschen unterschiedlicher Herkunft, wie in Südtirol, ein gemeinsames Territorium bewohnen, lässt nach Ansicht des Südtiroler Politikwissenschaftlers Günther Pallaver noch keine Schlüsse auf die Multikulturalität einer Region zu. Für Pallaver stellt der Ethnische Proporz in der Theorie einen guten Ansatz dar. Gleichzeitig erläutert er 2001 in einem Artikel die nachteiligen Folgen des Modells, die sich nicht zuletzt auch in einer Stabilisierung ethnopolitischer Denk- und Handlungsmuster und somit einem Re-Ethnisierungsprozess äußern.[1] Demnach ziehen sich alle drei offiziellen Sprachgruppen Südtirols in ihr eigenes Reservat zurück, während sie lediglich in genau vorgegebenen institutionellen Kanälen kommunizieren. Mit der verstärkten Berücksichtigung des Minderheitenschutzes setzt sich zugleich die Logik der ethnischen Trennung umso rigoroser durch. Misst man Multikulturalität daran, inwieweit kulturelle Partizipation 'der anderen' möglich ist, so ist Südtirol für Pallaver 2001 noch weit entfernt von einem auf Gleichheit beruhenden Austausch zwischen den jeweiligen Gruppen. So kommt er damals zu dem Schluss, dass bislang nur ein geringer Teil der Bevölkerung den Weg eines multikulturellen Zusammenlebens eingeschlagen hat. Dennoch zeigt er sich optimistisch in der Annahme, dass die Zivilgesellschaft sich auf dem besten Weg befände, wenn der Wunsch auch je nach Sprachgruppe unterschiedlich groß sei: »In Südtirol sind alle Voraussetzungen gegeben, dass Land und Leute nicht nur als europäisches Minderheitenschutzmodell herumgereicht werden, sondern auch als ein Modell des konstruktiven Zusammenlebens mehrerer Sprachgruppen, die sich auf dem Weg zu einer multikulturellen Gesellschaft befinden« [2] Im Folgenden soll - 14 Jahre später - gewagt werden, eine ungefähre Bilanz zu ziehen: Wie sieht das Zusammenleben der Sprachgruppen im Jahre 2015 aus? War der gute Wille letzten Endes stark genug? Anhand von Beispielen aus Politik, Bildung und weiteren Institutionen und gesellschaftlichen Aktivitäten soll gefragt werden, inwieweit Südtirol heute seine multikulturelle Identität auslebt und reproduziert.

2. Sprachgruppenverteilung und -Erhebung

Ehe Institutionen und gesellschaftliche Aktivitäten betrachtet werden, soll zunächst ein Blick auf die Verteilung der Sprachgruppen in Südtirol zeigen, ob sich seit 2001 etwas geändert hat - und wenn ja, in welcher Hinsicht? Im Anschluss daran folgt eine kurze Erläuterung der Nachteile und Gefahren der Südtiroler Volkszählung.

2.1 Zahlen und Fakten

In Südtirol leben aktuell 518.935 Personen.[3] Davon sind 106.222 Personen in der Landeshauptstadt Bozen ansässig.[4] Am 31.12.2014 leben 46.045 Ausländer aus 138 verschiedenen Nationen in Südtirol, was einem Zuwachs von 1,3% im Vergleich zum Vorjahr und einer Verdopplung seit 1998 entspricht. Der Ausländeranteil an der Gesamtbevölkerung beträgt indes 8,9 Ausländer je 100 Ansässige.[5] Die demographische Struktur Südtirols wird alle zehn Jahre anhand der Volks- und Wohnungszählung erfasst, bei der auch die Sprachgruppenerhebung durchgeführt wird. Alle Personen mit italienischer Staatsbürgerschaft, die am Stichtag in Südtirol ansässig sind, müssen sich persönlich in einer - seit 2011 nur mehr statistisch relevanten, anonymen[6] - Erklärung einer der drei Sprachgruppen zuordnen. Ist das 14. Lebensjahr noch nicht vollendet, wird die Erklärung von den Eltern abgegeben. Das Landesinstitut für Statistik erklärt auf seiner Internetseite, dass »die Ergebnisse aus der Sprachgruppenzählung für die Berechnung des Sprachgruppenproporzes herangezogen werden. Dieser kommt in zahlreichen Bereichen in Politik und Verwaltung zum Tragen, z.B. bei der Zusammensetzung von Organen und Arbeitsgruppen und bei der Verteilung der Stellen im öffentlichen Dienst.«[7]

So gaben 2011 insgesamt 69,41% an, der deutschen und 26.06% der italienischen Sprachgruppe anzugehören. Die ladinische Sprachgruppe stellt mit 4,53% nach wie vor eine Minderheit dar. Im Vergleich zu 2001 hat die italienische Gruppe um 0,41% abgenommen, die deutsche und die ladinische hingegen um 0,26% und 0,16% zugenommen.[8] Während die deutsche Sprachgruppe in ländlichen Gebieten über wiegt, stellt Bozen eine Besonderheit dar: Hier gehören 2011 73,80% der italienischen, 25,25% der deutschen und 0,68% der ladinischen Sprachgruppe an. Der Großteil der ladinischen Sprachgruppe lebt nach wie vor überwiegend in den ladinischsprachigen Tälern, bzw. in der Landeshauptstadt Bozen.

2.2 Das Problem mit der Sprachgruppenerhebung

Der Südtiroler Journalist und Historiker Claus Gatterer kritisiert 1981 nicht die Praxis der Volkszählung an sich, sondern das Essentielle, das ihr anhaftet: Die »paragraphöse Starre« des Proporzsystems auf zahlreichen Gebieten. Für so manchen Bürger ergibt sich daraus der Zwang, bei Volkszählungen aus existenziellen Gründen zu lügen und somit die eigene Identität zu verleugnen, um sich mögliche Chancen für das eigene Leben nicht zu verbauen.[9] Letztlich zieht die Bevölkerung für sich den Nutzen daraus, von den mit der Erhebung verbundenen subjektiven Rechten zu profitieren, wie etwa Wohnbauförderung, Stipendien, Anstellung im öffentlichen Dienst etc. Das Gleichheitsprinzip wird damit offensichtlich schwer eingeschränkt, woran auch die Anonymisierung seit 2011 nur bedingt etwas ändert. Dieser Kritik schließt sich Günther Pallaver an. Für ihn entwickelt sich jede Volkszählung »zu einem Kampf um jede 'deutsche', 'italienische' und 'ladinische' Seele« [10], da es dabei um die Verteilung von Ressourcen geht, die von der jeweiligen Sprachgruppe abhängen. Pallaver sieht darin den entscheidenden Moment der ethnischen Trennung. Überdies kritisiert er die Tatsache, dass das Autonomiestatut lediglich drei offizielle Sprachgruppen erkennt, während alle anderen unberücksichtigt bleiben. Im Falle gemischtsprachiger Ehen wird den Kindern - ob seit 2011 anonym oder nicht - somit das Recht auf zweifache kulturelle Identität verwehrt. Sie sind gezwungen, sich einer der drei Gruppen anzugliedern, unabhängig von ihrer gefühlten Zugehörigkeit. Zu berücksichtigen ist dabei auch, dass die Entscheidung im Zweifelsfall für die Zuordnung zur größten Sprachgruppe, nämlich der Deutschen, fällt, um die Befriedigung der eigenen materiellen Bedürfnisse gesichert zu wissen. Wer nicht die italienische Staatsbürgerschaft hat, darf seit 2011 gar nicht mehr teilnehmen. Der Proporz stellt letztlich ein höchst politisches Instrument dar.

3. Das politisch-administrative System Südtirols

Die bereits angesprochene, nicht zuletzt auch durch den Proporz verstärkte ReEthnisierung drückt sich offensichtlich in der Tendenz aller drei Sprachgruppen aus, sich in ethnisch homogenen Parteien zu organisieren. Pallaver sieht darin eine Spaltung der Gesellschaft Südtirols in getrennte Subgesellschaften, während institutionelle Kontakte, die diese Trennung abschwächen könnten, von oben untersagt werden. So gelingt es der Politik, laut Pallaver, im Jahre 2001 bislang noch erfolgreich, das Wachstum einer sprachgruppenübergreifenden Zusammenarbeit einzudämmen und rein ethnische Institutionen aufrechtzuerhalten.[11]

Für Pallaver spiegelt das politisch-administrative System Südtirols mitsamt seiner Subsysteme die gesellschaftliche Spaltung entlang ethnischer Demarkationslinien wieder.[12] Die politischen Parteien sind indes nach ethnischen Gesichtspunkten organisiert: Während 2001 noch sechs rein italienischsprachige und drei deutschsprachige sowie eine ladinischsprachige Partei im Südtiroler Landtag vertreten sind, ist dabei lediglich eine Fraktion, die Grüne, sprachgruppenübergreifend.

Bei Zusammenkünften des Südtiroler Landtages kann sowohl schriftlich, als auch mündlich entweder die deutsche oder die italienische Sprache verwendet werden. Bei Landtagssitzungen sorgen ÜbersetzerInnen für eine Simultanübersetzung von der einen Sprache in die jeweils andere. Auch alle Schriftstücke des Landtages und seiner Organe werden zweisprachig verfasst.[13]

Doch wie sieht die Parteienlandschaft heute aus? Derzeit setzt sich der Südtiroler Landtag aus neun Fraktionen zusammen: Den italienischsprachigen Parteien Partito Democratico, L'Alto Adige nel cuore, Movimento 5 Stelle und Team Autonomie, stehen die deutschsprachigen Parteien SVP (Südtiroler Volkspartei), Die Freiheitlichen und die Süd-Tiroler Freiheit gegenüber. Die BürgerUnion Südtirol - Ladinien vertritt hauptsächlich die Interessen der Ladiner, wobei sich auch andere deutschsprachige Parteien, wie die SVP, als Vertreter der deutschen und der ladinischen Interessen verstehen. Auch wenn das Stichwort der »Gemischtsprachigen« im Pro gramm manch anderer Partei, etwa des Teams Autonomie, fällt[14], stellt die Grüne

Fraktion (Gruppo Verde; Grupa vërda) nach wie vor die einzige wirklich sprachgruppenübergreifende Partei dar. Auf ihrer Internetpräsenz heißt es:

» Die Südtirol-Autonomie hat dafür gesorgt, dass sich unser Land friedlich entwickeln konnte und dass die Rechte aller SüdtirolerInnen respektiert werden. Allerdings leben wir SüdtirolerInnen aller Sprachgruppen meist nebeneinander her und nicht wirklich zusammen. Die Trennungslogik, die unsere gesellschaftspolitische Realität prägt, ist nicht dazu geeignet, Konflikte zwischen den Volksgruppen zu überwinden - sie blen- det sie vielmehr häufig nur aus. Nur das tägliche Miteinander, die häufige Begegnung und eine mehrsprachig ausgerichtete Schulbildung kann zu einem echten und in die gemeinsame Zukunft gerichteten Zusammenle- ben führen. Die Grünen sind Südtirols einzige Sprachgruppen übergreifende politische Kraft. Menschen aller Sprachgruppen arbeiten zusammen am grünen Projekt - in der Gesellschaft und in den Institutionen[15]

Im Vergleich zu 2001 wird deutlich, dass deutschsprachige Fraktionen innerhalb des Landtages mittlerweile eher in Wettbewerb mit italienischsprachigen Parteien treten können, als dies noch vor 14 Jahren der Fall war. Dennoch muss man nach wie vor von zwei eindeutig ethnisch separierten politischen Arenen sprechen. In vielen Bereichen des Südtiroler Lebens gilt demnach weniger das Primat der Politik, als vielmehr das der ethnischen Zugehörigkeit. Eine Trennung, die weitreichende Konsequenzen mit sich zieht, zumal sie sich in den einzelnen Politikfeldern niederschlägt und eine ständige ethnische Mobilisierung mit sich bringt. Obgleich die Bedrohung für den Bestand der deutsch-ladinischen Minderheit nicht mehr relevant sein dürfte, werden Landtagswahlen in Südtirol auch 14 Jahre nach der Einschätzung Pallavers noch auf der Achse »wir und die anderen« geführt, wobei beide eine Art Politik der ethnischen Spannungen für den inneren Zusammenhalt einsetzen:

»In Südtirol wird eine Gradwanderungspolitik zwischen ethnischer Anheizung und interethnischer Normalisierung betrieben und je nach Notwendigkeit eingesetzt.«[16]

[...]


[1] Pallaver, Günther (2001): Ist Südtirol ein multikulturelles Land? Probleme und Perspektiven einer mehrsprachigen Gesellschaft. Innsbruck-Wien-München: Studien Verlag, S.137

[2] Ebd., S.149

[3] Landesinstitut für Statistik http://www.provinz.bz.it/astat/de/bevoelkerung/442.asp, Stand: 10.08.2015

[4] Gemeinde Bozen http://www.gemeinde.bozen.it/UploadDocs/16653_Andam_trim_06_2015.pdf, 10.08.15

[5] Landesinstitut für Statistik: http://www.provinz.bz.it/astat/de/bevoelkerung/auslaender.asp, 10.08.2015

[6] Prov. Bz: http://www.provinz.bz.it/news/de/news.asp?news_action=4&news_article_id=350743, 10.08.15

[7] Landesinstitut für Statistik: http://www.provinz.bz.it/astat/de/volkszaehlung/sprachgruppen.asp, 10.08.15

[8] Landesinstitut für Statistik: http://www.provincia.bz.it/astat/de/bevoelkerung/458.asp?aktuelles_action=4- &aktuelles_article_id=396330, 10.08.2015

[9] Gatterer, Claus (1981): Über die Schwierigkeit, heute Südtiroler zu sein/Sulla difficoltà di essere sudtirolese oggi. Herausgegeben vom Kontaktkommitee fürs andere Tirol. Bozen-Innsbruck: Selbstverlag, S.321f.

[10] Pallaver, Günther (2001): Ist Südtirol ein multikulturelles Land? Probleme und Perspektiven einer mehrsprachigen Gesellschaft. Innsbruck-Wien-München: Studien Verlag, S.140

[11] Pallaver, Günther (2001): Ist Südtirol ein multikulturelles Land? Probleme und Perspektiven einer mehrsprachigen Gesellschaft. Innsbruck-Wien-München: Studien Verlag, S.149

[12] Ebd., S.137

[13] Südtiroler Landtag: http://www.landtag-bz.org/de/datenbanken-sammlungen/landtag-a-z.asp, Stand: 10.08.2015

[14] Team Autonomie: http://www.teamautonomie.org/programma, Stand: 10.08.2015

[15] Grüne Fraktion: http://www.verdi.bz.it/unsere-meinung/zusammenleben/, Stand: 10.08.2015

[16] Pallaver, Günther (2001): Ist Südtirol ein multikulturelles Land? Probleme und Perspektiven einer mehrsprachigen Gesellschaft. Innsbruck-Wien-München: Studien Verlag, S. 139

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Wie multikulturell ist Südtirol? Mehrsprachigkeit in Institutionen und Gesellschaft
Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck  (Institut für Europäische Ethnologie)
Veranstaltung
Zusammen und doch getrennt. Ladinisch-italienisch-deutsche Allta- ge in Südtirol aus europäisch-ethnologischer Perspektive
Note
1
Autor
Jahr
2015
Seiten
17
Katalognummer
V310408
ISBN (eBook)
9783668091078
ISBN (Buch)
9783668091085
Dateigröße
487 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
südtirol, mehrsprachigkeit, institutionen, gesellschaft
Arbeit zitieren
Lisa Fink (Autor), 2015, Wie multikulturell ist Südtirol? Mehrsprachigkeit in Institutionen und Gesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/310408

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