Der Wirklichkeitseffekt in Benito Pérez Galdós Roman "Tristana"


Hausarbeit, 2013

9 Seiten


Leseprobe

Inhalt

1. Einführung

2. Tristana - ein Roman des Realismus

3. Der Wirklichkeitseffekt nach Roland Barthes

4. Der Wirklichkeitseffekt an Beispielen aus Tristana

5. Fazit

Einführung

Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich in der Literatur eine neue Stilrichtung, die den bisher vorherrschenden Schreibstil ablöste und erneuerte. Dies geschah in Folge der großen gesellschaftlichen Umbrüche dieser Zeit. Revolutionen, technische Neuentdeckungen und ein neues Denken beeinflussten den Wandel maßgeblich. Das Streben nach Wissen und die neue Lust am Empirischen veranlasste die Schriftsteller, ihre Romane und Gedichte nicht mehr nur dem Schönen zu widmen, sondern der Wirklichkeit, dem Realen, mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Immer genauer wurden die Beschreibungen bei Schriftstellern wie Émile Zola oder Honoré Balzac. Während in Ländern wie Frankreich und Deutschland schon lange nach diesen neuen, naturalistischen Gesichtspunkten geschrieben wurde, entwickelte sich diese neue Strömung in Spanien erst unter dem Einfluss des Krausismus während der 1. Spanischen Republik, ab 1873. Als einer der wichtigsten Vertreter des spanischen Realismus wird Benito Pérez Galdós gezählt, der mit seinen Romanen das bürgerliche Leben in Spanien beschrieb und den Lesern vermittelte. Vor allem sein Werk Tristana ist ein Paradebeispiel für diesen Realismus. Die Geschichte der jungen Frau beschreibt Galdós in aller Ausführlichkeit, ganz nach dem Konzept des Realismus. Anhand einiger Textausschnitte möchte ich in dieser Arbeit zeigen, wie er dies mit Hilfe des Wirklichkeitseffekts, ein Begriff der von dem Franzosen und Strukturalisten Roland Barthes geprägt wurde, umsetzt.

Tristana - ein Roman des Realismus

Der Roman von Benito Pérez Galdós, der im Jahr 1892 veröffentlicht wurde, erzählt die Geschichte der jungen Spanierin Tristana, die, nach dem Tod ihrer Eltern zu dem alternden Lebemann Don Lope in den madrilenischen Bezirk Chamberí zieht. Dieser sieht sie nicht nur als Tochter, sondern ebenso als Partnerin. Tristana entzieht sich jedoch dem Begehren Don Lopes, rebelliert immer öfter und beginnt eine Liebesaffäre mit dem gleichaltrigen Maler Horacio, der ihr eine völlig neue Art zu Denken und zu Leben zeigt. Trotz ihrer Liebe verlässt Horacio sie, um sich um seine kranke Tante zu kümmern, doch über Briefe, die sie sich schreiben, bleiben sie sich nahe. In dieser Zeit der Trennung beginnt Tristana, immer unabhängiger zu werden, sie lernt Englisch und rebelliert weiterhin gegen Don Lope, bei dem sie immer noch wohnt. In ihrer Fantasie malt sie sich die schönsten Abenteuer aus, die sie mit Horacio nach seiner Rückkehr erleben würde, immer mehr verschwimmt ihr Bild von der Realität mit dem ihrer geheimen Wünsche. Als ihr nach einer Krebsdiagnose ein Bein abgenommen wird, wandelt sich ihre lebensfrohe und unabhängige Art vollkommen. Nachdem auch ihr geliebter Horacio sie verlässt, schwinden all ihre Lebensgeister. Sie zieht sich zurück in den Halt und die Zuneigung Don Lopes und heiratet ihn schließlich, wider ihrer eigentlichen Einstellung, am Ende doch. Der Roman ist dem Spanischen Präfeminismus zuzuschreiben, zudem weißt er viele Merkmale des Realismus und Krausismus auf. Auch zeitlich ist er in diese Epoche einzuordnen. Pérez Galdós begann als Schriftsteller in der Romantik, schrieb unter anderem auch in spanischen Tageszeitungen sogenannte Fortsetzungsromane, die seinen Stil sein gesamtes Leben lang beeinflussten. Trotz seiner stark romantischen Prägung, schrieb er auch viele Werke nach realistischer Manier, doch beim Lesen merkt man oft noch die Einflüsse der vergangenen Epoche. Zudem ließ sich Pérez Galdos stark von seinen eigenen Erfahrungen inspirieren, so ähnelt die Figur der Tristana stark seiner zeitweiligen Lebenspartnerin, der Feministin Emilia Pardo Bazán, ihn selbst erkennt man zuweilen in der Figur Don Lopes wieder. Die realistischen Merkmale finden sich in vielen Beschreibungen wieder, man kann sich das Madrid der damaligen Zeit sowie die handelnden Personen vorstellen, es wirkt, als wäre man Teil der Geschichte. Dieses Phänomen ist typisch für den Realismus und Naturalismus. Roland Barthes beschreibt diesen Effekt als Wirklichkeitseffekt.

Der Wirklichkeitseffekt nach Roland Barthes

In seinem Aufsatz „L‘effet de réel“, der in der Essaysammlung „ Das Rauschen der Sprache“ erschienen ist, behandelt Roland Barthes, ein französischer Philosoph des Strukturalismus,[1] welche Auswirkungen diese Häufung von Beschreibungen und detailreichen Ausschmückungen für den realistischen Roman haben. Die Idee des Wirklichkeitseffekts beruht auf den Theorien zur Erzählung von Gerard Genette[2]. Dieser erklärt dort die Merkmale von Erzählungen als literarische Gattung. So gibt es in der Analyse einer Erzählung immer einen Erzähler, der verschiedene Positionen innerhalb der Erzählung annehmen kann, so ist der Erzähler in Tristana zum Beispiel extra- und heterodiegetisch, das heißt er ist nicht Teil der Erzählung[3]. Bei der weiteren Analyse muss man auch den Modus der Distanz beachten, hierbei unterscheidet Genette zwischen der diêgêsis und der mimêsis. Die diêgêsis ist eine reine Erzählung von Tatsachen, sie hat -im Idealfall- ein Informantenmaximum und ein Informationsminimum und ist deshalb viel distanzierter als die mimêsis, die als Nachahmung bezeichnet wird, ein Informantenminimum und ein Informationsmaximum besitzt und somit näher an der Geschichte ist[4]. Diese genaue Darstellung, Nachahmung und Wiedergabe der Ereignisse einer Geschichte in einer Erzählung nennt Genette Mimesis- Illusion, da laut ihm „alle Narration, mündliche sowohl wie schriftliche, sprachlicher Natur ist und weil die Sprache bezeichnet ohne nachzuahmen.“[5] Des Weiteren stellt er sich die Frage, wie man Dinge, sogenannte narrative Gegenstände, nachahmen kann[6]. Dialoge lassen sich in indirekter rede darstellen, um Gegenstände nachzuahmen bedarf es Wortmalereien, Ausschmückungen und detaillierten Beschreibungen. Mit genau diesem Phänomen beschäftigt sich Roland Barthes in seinem Aufsatz „Das Rauschen der Sprache“. Bei der Strukturalen Analyse von Erzählungen kann man diese Beschreibungen entweder einfach weglassen oder als Katalysen behandeln. Eine hohe Frequenz von diesen Katalysen kann laut Barthes für die Stimmung der Szene wichtig sein , sie lassen sich also in die Analyse einfügen[7]. In den meisten Fällen jedoch sind diese beschriebenen Details nichts weiter als Luxus, die die Erzählung nicht weiter vorantreiben, er nennt sie bedeutungslose Eintragungen.[8]

[...]


[1] http://www.egs.edu/library/roland-barthes/biography/ Zugriff: 01.02.2014, 12:59 Uhr

[2] Gerard Genette: Die Erzählung, 3 2010, Paderborn.

[3] Gerard Genette: Die Erzählung, 3 2010, Paderborn. S.28f.

[4] Ebd. S. 104

[5] Ebd. S. 104f

[6] Ebd. S. 105

[7] Roland Barthes: Das Rauschen der Sprache. S.164

[8] Ebd. S. 165

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Der Wirklichkeitseffekt in Benito Pérez Galdós Roman "Tristana"
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Romanische Philologie)
Autor
Jahr
2013
Seiten
9
Katalognummer
V310413
ISBN (eBook)
9783668090484
ISBN (Buch)
9783668090491
Dateigröße
624 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wirklichkeitseffekt, Spanisch, Literaturwissenschaft, Realismus
Arbeit zitieren
Sandra Pein (Autor), 2013, Der Wirklichkeitseffekt in Benito Pérez Galdós Roman "Tristana", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/310413

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