Die Kriegsbräuche der Eskimo


Hausarbeit, 2003

19 Seiten, Note: 1 (sehr gut)


Leseprobe

Inhalt:

1. Einleitung

2. Materielle Kultur: Waffen

3. Gewaltsame Aktionen unter Eskimo: Blutrache

4. Gewaltsame Aktionen nach außen
4.1. Die Auseinandersetzungen mit den Normannen
4.2. Die Auseinandersetzungen mit den Indianern

6. Schlussbemerkung

Literatur:

1. Einleitung

Generell waren die Gesellschaften der die Arktis vom äußersten Fernen Osten Russlands bis nach Grönland bewohnenden Eskimo in nur sehr geringem Ausmaß fest strukturiert; Organisationsformen, die über die der Lokalgruppe hinaus gingen, bildeten eine seltene Ausnahme. Die Bevölkerungsdichte in diesem Raum war, entsprechend der großen Schwierigkeit des Nahrungserwerbs in diesem Areal, die selbst bei den in hohem Maße dem Umfeld angepassten wirtschaftlichen Methoden der Eskimo bestand, sehr gering. Ferner musste ein großer Teil der zur Verfügung stehenden Zeit und Energie auf die zum unmittelbaren Überleben notwendigen Tätigkeiten, insbesondere die oft aufwändige Jagd, verwendet werden. Aus diesen Fakten sowie der Tatsache, dass sich die Eskimo in Grönland sowie im kanadischen Bereich –ganz im Gegensatz zu zahlreichen Indianerstämmen- der Kolonisierung und der Übernahme der Kontrolle über ihr Territorium durch die entsprechenden Staaten kaum mit militärischen Mitteln erwehrten, erschien die Schlussfolgerung nahliegend, dass Eskimo im allgemeinen wenig dazu neigten, Konflikte gewaltsam auszutragen.

Diese These ließ sich jedoch nicht generalisieren: Bei Auseinandersetzungen zwischen Eskimo war das Instrument der Fehde bekannt, die zu einem bewaffneten Aufeinandertreffen zweier Streitparteien mit oft blutigem Ergebnis führen konnte. Nach außen war das Verhältnis

zahlreicher Eskimogemeinden von Labrador bis Alaska zu den benachbarten Indianerstämmen durch gegenseitige starke Abneigung, die sich häufig in Überfällen, die durch zahlreiche Grausamkeiten gekennzeichnet waren, Bahn brach. Ein historisch weiter zurückliegendes Beispiel kriegerischer Zwischenfälle stellte das Verhältnis der Eskimo zu den vom Hohen bis zum Späten Mittelalter in Grönland ansässigen Normannen dar.

Im Rahmen dieser Proseminararbeit sollen zum einen anhand von Einzelbeispielen der Ablauf gewaltsamer Auseinandersetzungen, an denen Eskimo beteiligt waren, aufgezeigt, zum anderen versucht werden, die Bedeutung derartiger Vorkommnisse organisierter Gewalt für deren Gesellschaft aufzuzeigen.

2. Materielle Kultur: Waffen

Traditionelle Offensivwaffen der Eskimo waren Pfeil und Bogen, Lanze, Speer, Harpune, Dolch und Bola, bei den Chugach auch steinerne Spitzhacken, Stilette und Keulen.[1]

Bögen wurden sowohl in einfacher Form als auch insbesondere als Kompositbögen hergestellt. Als Material wurde dabei Treibholz, Walbarten und Geweihstücke vom Karibu oder vom Moschusochsen[2] verwendet. Mit Ausnahme der aus Walbarten hergestellten Bögen wurde diesen Waffen durch Überziehen mit einer, manchmal auch zwei Sehnen größere Festigkeit und Elastizität verliehen. Dem Schutz vor der Witterung diente die Unterbringung von Bögen und Pfeilen in einem Fell- oder Holzköcher, der durch eine innerliche Unterteilung die räumlich getrennte Unterbringung des Bogens und der Geschosse ermöglichte.

Die Pfeile besaßen einen Schaft aus Holz, der zur Stabilisierung im Flug häufig mit zwei, bei den Iglulik-, den Karibu-Eskimo u. a. mit drei, bei den Netsilik mit vier Federn versehen wurde. Die Spitze war aus Stein oder Knochen, bei den Copper-Eskimo auch aus kaltgeschmiedetem Kupfer,[3] in späterer Zeit überall aus Eisen. Die Qualität der Herstellung dieser Waffen wurde von europäischen Beobachtern zumeist gelobt, die maximale Schussentfernung wurde mit 176 yards (ca. 160 m) angegeben, während bis zu einer Distanz von 25 bis 30 yards (ca. 23 bis 27 m) noch mit maximaler Treffsicherheit und Durchschlagskraft geschossen werden konnte.

Teile der Alaska-Eskimo vergifteten die Pfeilspitzen, teilweise auch die Lanzenspitzen, zumeist mit Fingerhutwurzelsaft. Die Bedeutung der Lanzen, die in späterer Zeit mit Eisenspitzen versehen waren, als Kriegswaffen, wurde in zahlreichen mündlichen Überlieferungen hervorgehoben.[4] Die Nunviak-Eskimo Alaskas verwendeten Speerschleudern.[5]

Die Form des Dolches, der bei den Copper-Eskimo aus Kupfer war, wurde von Hearne als

in shape like the ace of spades, with the handle of deers horn a foot long[6] beschrieben.

Keulen wurden aus harten Treibholz hergestellt, während die Bola aus einer in Leder eingenähten Steinkugel bestand, die an einem etwa zwei Meter langen Seil befestigt war, mit dem sie geschleudert wurde.[7]

Traditionelle Defensivwaffen waren der Körperpanzer und der Schild.[8] Die Alaska-Eskimo verwendeten Lamellenpanzer, die aus Streifen von Walrosselfenbein oder –zahnplatten hergestellt waren. Eine andere, insbesondere von den Chugach eingesetzte Version beruhte auf Holzplatten, die von Sehnen zusammengehalten wurden, die dem Gebilde gleichzeitig eine gewisse Flexibilität verliehen. Die letztgenannte Panzerung reichte von den Schultern bis zu den Schenkeln, war jedoch nur gegen Pfeile mit Knochenspitzen durchschlagssicher, während sie von solchen mit Eisenspitzen durchdrungen werden konnte. Komplettiert wurde diese Ausrüstung bei dem erwähnten Stamm oft durch Holzhelme.

Schilde spielten bei den Eskimo eine relativ geringe Rolle, jedoch ist der Einsatz großer Blenden, die bis zu 30 Meter lang sein konnten und einer größeren Anzahl von Kriegern oder Kajaks Schutz boten, überliefert.

Die Grönland-Eskimo erhielten ab 1740 im Zuge ihrer Einbindung in den Pelzhandel Feuerwaffen, bei den Labrador-Eskimo war dies ab 1787, bei den Karibu-, Netsilik- und Chugach-Eskimo um die Wende zum 19. Jahrhundert der Fall. Den Copper-Eskimo waren zum Zeitpunkt des Aufeinandertreffens mit der Expedition Hearnes im Jahre 1771 Gewehre gänzlich unbekannt.[9] Der Großteil der Eskimo Alaskas bekam auf dem Wege über die Russen im Laufe des 19. Jahrhunderts derartige Waffen, während die Phase der Versorgung mit Gewehren bei nahezu allen Eskimo um 1880 abgeschlossen wurde. Hervorgehoben wurde von Beobachtern die im Vergleich zu den Indianern überlegene Fähigkeit der Eskimo, Reparaturen behelfsmäßig bei einem Mangel an Ersatzteilen auszuführen. Der zunehmende Einsatz von Feuerwaffen drängte sowohl die Verwendung der dagegen keinen Schutz bietenden Panzerungen als auch von Pfeil und Bogen als Distanzwaffe im Bereich der Jagd wie auch bei kriegerischen Auseinandersetzungen zurück. So verwendeten Ende des 19. Jahrhunderts selbst die abgelegen im nördlichen Alaska lebenden Kotzebue-Eskimo, die ab etwa 1820 über Feuerwaffen verfügten, Pfeil und Bogen nur mehr zur Vogeljagd oder als Kinderspielzeug.[10]

3. Gewaltsame Aktionen unter Eskimo: Blutrache

Auslöser einer Fehde unter Eskimo war stets Mord.[11] Bei geringfügigeren Vergehen gegen eine Person wurde es stets zunächst als deren eigene Angelegenheit betrachtet, inwiefern sie sich dafür Genugtuung verschaffte oder Regelverletzungen hinnahm. Grundsätzlich anders wurde dies bei einer vorsätzlichen Tötung gesehen: Kam ein Eskimo durch eine Person, die einer anderen Familie angehörte, auf gewaltsame Art zu Tode, war dies regelmäßig Anlass einer Fehde zwischen den Verwandtschaftsverbänden, denen Opfer und Täter angehörten. Ausgetragen wurde diese Auseinandersetzung dabei nicht nur zwischen den engsten Familienangehörigen, mit denen die betroffenen Personen oft in Haushaltsgemeinschaft zusammengelebt hatten bzw. zusammenlebten, sondern zwischen den gesamten Familienverbänden, zu denen die weiteren Verwandten sowohl der väterlichen als auch der mütterlichen Linie zählten.[12] Als Grund einer Mordtat traten zumeist persönliche Zwistigkeiten und Rivalitäten, Streitigkeiten um Frauen,[13] Neid, insbesondere auf erfolgreiche Jäger,[14] oder die Tötung eines Hundes[15] auf.

Die Wurzel des Fehdewesens bildete die in der sozialen Wertigkeit als sehr bedeutend eingestufte Fürsorgepflicht des Einzelnen für seine Angehörigen, bei deren Tötung die Rache an den Tätern als Teil der Verpflichtung dem Opfer gegenüber gesehen wurde. Gleichzeitig sollte die erwartete Abschreckungswirkung einen Schutz für den Einzelnen darstellen. Ein von Steenhoven zitierter Informant ging davon aus, dass beispielsweise im Fall von Schlafenden oder allein Jagenden, die einem Meuchelmörder als leichte Opfer erscheinen mussten, die latente Drohung einer Reaktion der Verwandten eine Rolle spielte :

But such sneaking murders were liable to be reacted to by collective revenge.[16]

Aufgrund des Fehlens dieses Mechanismus wurde die Position eines Fremden, d. h. einer Person, die sich ohne begleitende Verwandte in einem gewissen Gebiet bewegte, als relativ gefährlich betrachtet: Er konnte häufiger Übergriffen oder Gewalttaten ausgesetzt sein.[17]

Vollzogen wurde der Fehdezustand durch den Abbruch aller sozialen Beziehungen durch die Familie des Getöteten zu der des Täters, was schließlich in der Ausübung von Gewalt mit tödlicher Absicht seinen Höhepunkt fand. Dementsprechend lautete das Wort, das bei den Eskimo des nördlichen Alaska für den Fehdezustand verwendet wurde, „ makuruak “, was mit „Unordnung“ übersetzt wurde.[18]

Äußerst problematisch war ein derartiger Zustand aufgrund der Tatsache, dass in der Eskimogesellschaft keine Institution existierte, die auf formelle Weise mit der Möglichkeit betraut war, Fehden zu beenden. Dementsprechend waren die Möglichkeiten, ein einmal begonnenes Blutvergießen zu beenden, gering. Eine bestand darin, dass ein Mitglied einer der beteiligten Familien, oft unbewaffnet, den Personen, die dem anderen beteiligten sozialen Verband angehörten, entgegentrat, und diese dazu aufforderte, ihn zu töten. Verzichteten diese darauf, war die Fehde beendet; im umgekehrten Fall ging sie unvermindert weiter.

Eine weitere Möglichkeit einer einvernehmlichen Beendigung der als in aller Regel als gefährlicher Ausnahmezustand empfundenen Situation war dann gegeben, wenn eine durch Verwandtschaft an beide der beteiligten Gruppen gebundene Person vorhanden war, die als Vermittler auftreten konnte.[19] Das alleinige Vorhandensein einer derartigen Person genügte jedoch oft nicht, um eine Befriedung herbeizuführen; dies konnte nur unter besonders glücklichen Umständen, die beispielsweise im Verhandlungsgeschick des Vermittelnden bestehen konnten, gelingen. Vor allem musste der Betroffene aber willens sein, eine Position als Friedenstifter einzunehmen. Dies war nicht immer der Fall: In einem von Steenhoven überlieferten Beispiel begnügte der Schwiegervater des Anführers einer Blutrache durchführenden Partei, der sich im Lager der gegnerischen Partei befand, sich damit, den Rückzug von sämtlichen Kampfhandlungen anzutreten.[20]

Auch von den Schamanen, die als Institution -zumindest im Zeitraum vor der Christianisierung- allgemein vorhanden und anerkannt waren, war mit Vermittlungsaktionen in der Regel nicht zu rechnen. Vielmehr entsprach es der ihnen zugesprochenen Rolle, den Familienverband, dem sie angehörten, mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln zu unterstützen. Dies konnten sie zum einen aufgrund der ihnen zugesprochenen Fähigkeit, Tote, also auch Ermordete, zum Sprechen zu bringen, tun, indem sie auf diese Weise die Identität des Mörders klärten:

[...]


[1] Im Folgenden nach Schöppl v. Sonnwalden 1988, S. 48ff.

[2] Condon 1996, S. 80f.

[3] Hearne 1968, S. 189

[4] Barüske 1969, S. 241, 267ff.

[5] Schöppl v. Sonnwalden 1988, S. 49

[6] Hearne 1968, S. 191

[7] Schöppl v. Sonnwalden 1988, S. 49

[8] Ebenda, S. 49ff.

[9] Hearne 1968, S. 181

[10] Schöppl v. Sonnwalden 1988, S. 49, 53f.

[11] Spencer 1959, S. 71

[12] Ebenda, S. 65

[13] Schöppl v. Sonnwalden 1988, S. 12

[14] Steenhoven 1962, S.

[15] Spencer 1959, S. 71

[16] Steenhoven 1962, S. 88

[17] Spencer 1959, S. 72f.

[18] Ebenda, S. 71

[19] Ebenda, S. 72

[20] Steenhoven 1962, S. 90

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Kriegsbräuche der Eskimo
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Völkerkunde und Afrikanistik)
Veranstaltung
Arktis (Inuit/Eskimo)
Note
1 (sehr gut)
Autor
Jahr
2003
Seiten
19
Katalognummer
V31076
ISBN (eBook)
9783638321860
ISBN (Buch)
9783638842747
Dateigröße
544 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kriegsbräuche, Eskimo, Arktis
Arbeit zitieren
Herwig Baum (Autor), 2003, Die Kriegsbräuche der Eskimo, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/31076

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