Das Ritterbild in Hartmanns von Aue "Iwein" im Vergleich zu "Iwein Löwenritter" von Felicitas Hoppe


Hausarbeit, 2014

15 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die ritterlichen Tugenden
2.1 Die gôtes hulde
2.2 Die êre
2.3 Das varnde guot

3. Das Ritterbild im Iwein von Hartmann von Aue
3.1 Die gôtes hulde im Iwein
3.2 Die êre im Iwein
3.3 Das varnde guot im Iwein

4. Das Ritterbild im Iwein Löwenritter von Felicitas Hoppe
4.1 Die gôtes hulde im Iwein Löwenritter
4.2 Die êre im Iwein Löwenritter
4.3 Das varnde guot im Iwein Löwenritter

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Glänzende, prunkvolle Rüstungen, eine ehrenhafte Haltung und ein prächtiges Pferd. Sie sind stolz, haben keine Angst und sind sehr stark. Kleine Mädchen träumen von ihnen, Jungs wollen so sein wie sie. Das Idealbild eines Ritters begegnet jungen Menschen bereits früh in ihrer Kindheit, wenn man die berühmten Artusgeschichten liest oder einen entsprechenden Zeichentrickfilm im Fernsehen sieht. Spätestens in der Schule wird man dann im Geschichtsunterricht informiert, wie die Ritter damals lebten und was zum zentralen Aufgabenfeld eines solchen Edelmannes gehörte. Auch in der Deutschstunde behandeln die Lehrer den Artusstoff und führen den Schülern die literarische Version des Ritters vor Augen. Genau auf diese Form wird in der vorliegenden Hausarbeit eingegangen. Exemplarisch für dieses Bild der Ritter sind folgende Verse über König Artus im Iwein von Hartmann von Aue:

„Swer an rehte güete wendet sîn gemüete,

dem volget saelde und êre. des gît gewisse lêre

künec Artûs der guote, der mit rîters muote nach lobe kunde strîten. […]

ist im der lîp erstorben,

sô lebet doch iemer sîn name.“[1]

(V. 1-17)

Diese Anfangsverse verdeutlichen, dass König Artus viel geleistet hat und viel Ansehen, sowohl bei Gott als auch bei den Menschen erlangt hat und sein Name bis in alle Ewigkeit von großer Bedeutung sein wird.

Es scheint also, als ob er zum Vorbild für alle die ihm nachfolgenden Ritter geworden wäre. Es werden Begriffe wie ê r e und rîters muote benutzt, was darauf schließen lässt, dass die Ritter aus der damaligen Zeit eine Art höfischen Ehrenkodex befolgen mussten, um diese

Ziele zu erreichen.[2] König Artus repräsentierte das Bild eines idealen Ritters, da er über verschiedene Tugenden verfügte. Genau diese Tugenden stehen im Mittelpunkt dieser Hausarbeit. Dafür wird zuerst ein allgemeiner Umriss des ritterlichen Tugendsystems gemacht, weil sie zum zentralen Bestandteil des Rittertums angehören.

Anschließend wird das Tugendsystem erklärt und mit den wichtigsten Charakteristika ausgeführt werden. In diesem Kontext erscheint es mir wichtig zu überprüfen, ob die Ritter in Hartmanns von Aue Werk Iwein diesem Idealbild entsprechen. Daraufhin wird dieser klassische Epos unter demselben Augenmerk mit einer neuen Rezeption, dem Jugendroman von Felicitas Hoppe[3], verglichen werden. Hierzu soll angemerkt werden, dass für die neue Rezeption aus dem Jahre 2008 noch keine wissenschaftlichen Arbeiten vorliegen und es sich somit bei den unten stehenden Interpretationen zu diesem Werk um meine eigene handelt, welche jedoch immer mit einem Textausschnitt belegt sind.

Wichtig ist auch noch, dass dieses Ideal nur auf die Dichtung des Mittelalters bezogen und weit von der Wirklichkeit entfernt ist.[4] Wir richten unser Augenmerk in vorliegender Hausarbeit also auf die Ritter der mittelhochdeutschen Literatur und nicht auf die der Realität.

2. Die ritterlichen Tugenden

Der Ritter wird in Otfrid Ehrismanns Werk Mittelhochdeutsch mit einer Reihe von mittelhochdeutschen Adjektiven beschrieben. Neben guot, rîch, kluog und güetlîch zählt der Autor auch Wörter wie milte, stolz, wîs, reine, edel, küene und getriuwe auf.[5]

Wie schon in der Einleitung dargelegt werden konnte, muss es eine Art Ehrenkodex unter den Rittern gegeben haben, welcher ihr Handeln leitete. Dieser Kodex wird in wissenschaftlichen Arbeiten „Tugendsystem“ genannt. Jener Begriff tauchte 1919 zum ersten Mal in Gustav Ehrismanns Arbeiten auf. Es soll die moralischen und ethischen Eigenschaften zusammenfassen, auf welchen das Rittertum basierte.[6] Dieser Katalog an ritterlichen Charakteristika beruht vor allem auf antiken und christlichen Tugenden und ist stark von der Kirche erzogen. Das ritterliche

Tugendsystem ist in drei Wertgebiete unterteilt.[7] Diese Auffassung der ritterlichen Tugendlehre bleibt jedoch nicht unumstritten. Ernst Robert Curtius kritisiert Ehrismanns Thesen scharf, er behauptet, sie wären „ohne Prüfung ihrer Grundlagen vollzogen worden“ und würden außerdem zahlreiche Fehler enthalten.[8] So ist er beispielsweise der Meinung, dass man nicht von einemTugendsystem sprechen kann, da es von der realen Geschichte losgelöst wäre und da es keinerlei Beweise gibt.

Um auf die Leitfrage dieser Hausarbeit antworten zu können und um herauszufinden, ob Hartmanns von Aue Ritter im Iwein auch diesem Idealbild entsprechen, werden im folgenden Kapitel die drei Wertgebiete untersucht werden.

2.1 Die gôtes hulde

Die gôtes hulde, welche auf dem lateinischen Vorbild „summum bonum“ basiert, stellt das erste Wertgebiet des ritterlichen Tugendsystems dar und bezeichnet das Verhältnis zwischen Gott und Ritter. Sie fordert, dass die Ritter „Gott als obersten Lehns- und Gefolgsherrn“ ansehen und ihm in

uneingeschränkter triuwe folgen.[9] Bumke erklärt diesen Begriff mit dem „Einhalten sittlicher Verpflichtungen.“[10] Des Weiteren stellt er die Demut als wichtigste Tugend im ersten Wertgebiet dar: Die eigene Tüchtigkeit der Ritter vermag nichts ohne Gottes Segen, das heißt also, dass Gott über allem steht. Gegenüber ihren Mitmenschen wurde die Demut in Form von Mitleid und Barmherzigkeit ausgedrückt und das nicht nur gegenüber besiegten Feinden, sondern auch gegenüber den Hilfsbedürftigen.[11] Dadurch verdienen die Ritter sich gôtes hulde.[12] Hier wird klar, wie eng die ritterliche und christliche Morallehre miteinander verknüpft sind.[13]

2.2 Die êre

Das Wertgebiet der ê r e, basierend auf dem „honestum“, besitzt eine sehr weite Bandbreite und kann mit dem neuhochdeutschen Begriff der Ehre verglichen werden, auch wenn die mittelhochdeutche Bedeutung etwas abweicht und eher das ritterliche Ansehen meint. Diese Tugend wird vor allem von der mâze und der staete bestimmt. Erstere besagt, dass die Ritter in jeder Situation so handeln sollen, dass sie stets den guten Mittelweg finden. Die mâze kann also nicht als einzelne Tugend angesehen werden, sondern soll ein Bestandteil jeder Einzelnen sein.[14] Die staete geht über den höfischen Bereich hinaus und beschreibt den Willen eines Ritters, der bei der Ausführung seiner Tugenden zum Ausdruck kommt. Sie wird auch noch mit dem Begriff der Beständigkeit ins Neuhochdeutsche übersetzt.[15] „Das Gebot, in allen Dingen maßzuhalten und den richtigen Mittelweg zu finden, fehlte in keiner Ritterlehre.“[16] Die Aussage von Joachim Bumke zeigt also ganz klar, wie wichtig die beiden Begriffe im ritterlichen Tugendsystem sind. Diese Charaktereigenschaft verleiht dem Mann triuwe. Wie schon vorhin erläutert wurde, kann die triuwe also sowohl das Verhältnis zwischen Ritter und Gott, aber auch zwischenmenschliche Verhältnisse, wie etwa zwischen Ritter und Gefolgsherrn, beschreiben.[17]

Die ê r e eines Ritters bezeichnet primär „eine sittliche Charaktereigenschaft, welche den Ritter vor seinen Mitmenschen und vor Gott auszeichnet“.[18] Sie beschreibt aber auch im weitesten Sinn die Empfindung einer tugendhaften Selbstsicherheit, welche der Ritter in jeder Situation anwenden soll. Außerdem umfasst die ê r e auch „äußere Dinge wie Würde, Rang und Reichtum, die dem Ritter ein standesgemäßes Auftreten erlauben.“[19]

Die wohl wichtigste Forderung an die Ritter, welche kennzeichnend für das Höfische ist, ist die Ausübung der minne. Hier tritt folgendes wiederkehrendes Schema ein, nach der Minnebeziehungen meistens ablaufen: Der Ritter dient der geliebten frouwe, um deren Achtung zu erlangen. Da die Liebe einer Frau den Mann zum tugendhaften Handeln antreibt, gilt die minne als weiteres Mittel um ê r e zu erlangen. Die Liebe ist also Antriebskraft und eigentlicher Motor zurAusübung der Tugenden.[20] Weitere bedeutungsvolle Tugenden, welche zum höfischen Bereich gezählt werden und worunter auch das Minnekonzept fällt, sind die zuht und die hövescheit. Letztere kann nur durch die zuht erreicht werden. Sie beschreibt das gute Verhalten bei Hofe, hövescheit dagegen „bezeichnet die höfische Sittsamkeit, welche sich durch gebildetes und angemessenes Benehmen äußert.“[21] Die neuhochdeutsche Übersetzung wäre die höfische Erziehung.[22] Ein ähnlicher Begriff, die courtoisie, ist eng verknüpft mit den beiden letzten Tugenden und bezeichnet den guten und vornehmen Umgang mit den Frauen. Der Gegenbegriff hierzu ist die dörperie, sie beschreibt ein bäuerliches, plumbes Verhalten. Um am gesellschaftlichen Leben am Hofe teilzunehmen, galt die vreude, uns bekannt als Lebensfreude, als Voraussetzung. Diese Tugend ist eng verknüpft mit dem hôhe n muot und „bezeichnet eine erhöhte Lebensstimmung, die auf einem sittlichen Selbstwertgefühl fußt und sich in einer freudigen Lebensbejahung äußert.“[23] Bumke besagt, dass derjenige, der „den Forderungen der hövescheid entsprach“, vreude und hôhen muot besaß.[24]

Des Weiteren gehört die saelde zum Wertgebiet der ê r e. Auch sie bewirkt ê r e und ist das Ergebnis der Ausübung von staete und triuwe. Sie beschreibt das angesehene Selbstbewusstsein eines Ritters, welcher „sich zu großen Taten berufen fühlt“ und äußert sich in großer Glückseligkeit.[25]

Zu guter Letzt gehört die milte auch noch zu diesem Wertgebiet. Sie beschreibt einerseits die Großzügigkeit gegenüber den Armen und andererseits den ritterlichen Edelmut gegenüber dem besiegten Feind. Hier zeigt sich auch wieder der christliche Einfluss auf die ritterlichen Tugenden.[26] Wir können also festhalten, dass die êre als wertvollster Besitz jedes Ritters angesehen werden kann und dass ihr Wegfall gesellschaftliche Demütigung als Folge hat.[27]

2.3 Das varnde guot

Das dritte und somit letzte Wertgebiet basiert auf dem „utile“ und beinhaltet keine moralischen oder inneren Werte, sondern die äußeren Vermögen, wie „Schönheit, Vornehmkeit, Stärke, Macht und Ansehen.“[28]

Die Ritter sollen also nicht nur schön und stark sein, sondern auch adliger

Abstammung und reich sein.[29] Diese Eigenschaften sollen so gebraucht werden, „dass sie die

beiden höheren Wertgebiete nicht schädigen oder beeinträchtigen.“[30] Dies bedeutet, dass die gôtes hulde und die êre weitaus wichtiger sind, als die Äußerlichkeiten. So soll ein Ritter schön und reich sein, jedoch nicht eingebildet sein, was in dem Fall die Tugend der hövescheit verletzen würde.

3. Das Ritterbild im Iwein von Hartmann von Aue

Im vorigen Kapitel wurde erläutert, nach welchen Werten die Ritter ihr Handeln in der mittelhochdeutschen Literatur ausrichten mussten. In folgenden Punkten wird ermittelt, ob die Ritter im Iwein auch tatsächlich diesem Idealbild entsprachen. Dazu werden sie anhand der drei eben gesehenen Wertgebiete analysiert werden.

3.1 Die gôtes hulde im Iwein

Wie am Anfang der vorliegenden Hausarbeit erklärt wurde, geht es im ersten Wertgebiet vor allem um die Beziehung zwischen Gott und Ritter und um die Demut. Zu Beginn des Artusromans Iwein erzählt Ritter Kalogreant von seiner aventiure und wie er sich gegen König Askalon geschlagen geben musste. Dieser jedoch tötete ihn nicht, sondern ließ ihn einfach auf dem Schlachtfeld zurück (vgl. V. 729-747). König Askalons Verhalten beweist also, dass er in Demut handelte und seinen besiegten Feind gehen ließ. Als Iwein zur Quelle reitet, um seinen Vetter zu rächen, geht dieser nicht so edelmutig mit seinem Gegner um. Er erschlägt König Askalon „gegen alle Regeln ritterlichen Kampfes“ und führt einen zweiten Schlag aus, obwohl dieser nicht nötig gewesen wäre.[31] Er erklärt sein Handeln mit der Begründung, dass ihm ohne Zeugen keiner seine Tat anerkennen würde.[32] Hubertus Fischer dagegen teilt diese Meinung nicht. Er behauptet, dass es keine Mordlust, sondern Iweins Pflicht war Askalon hinterher zu reiten, weil es so die Regeln des Artushofes besagen, um seinen Siegesnachweis zu erhalten. Des Weiteren stellt er den König als Feigling dar, weil dieser sich als Unterlegener des Kampfes dem Gegner entziehen will.[33]

Was die Beziehung zu Gott und der Religion im Allgemeinen anbelangt, hat uns Hartmann von Aue in seinem Werk nicht enttäuscht. Iwein ist sich stets Gottes Segens bewusst und weiß, dass dieser ihn erst zu seinem Erfolg bringt (vgl. V. 6420-6422). Laut Wapnewski kann die Menschenkraft das Schicksal bezwingen, wenn Gott mit ihr ist, was wiederum bezeugt, wie wichtig Gott in der Artussage ist.[34] Des Weiteren sieht Salzmann den Löwen, den Iwein in seiner zweiten aventiure rettet, als Symbol Christi an und somit als das Gute, im Gegensatz zum Drachen, der das Böse darstellt. Sie ist außerdem der Meinung, er verkörpere alle ritterlichen Eigenschaften, vor allem die triuwe.[35] Auch Wapnewski stellt den Löwen als Symbol des Rechts und der Treue dar.[36]

3.2 Die êre im Iwein

In Hartmanns von Aue Werk steht die ê r e im Mittelpunkt der ganzen Erzählung und ist Dreh- und Angelpunkt aller Handlungen. Iweins Taten sind stets von ê r e angetrieben, durch sie reitet er überhaupt mitten in der Nacht los, um sich für seinen Verwandten zu rächen und geht nicht mit König Artus und den anderen Ritter zusammen am nächsten Tag, weil er allein derjenige sein will, der den Kampf führen wird (vgl. V. 911-928). Wie vorhin schon erläutert wurde, sind mâze und staete zwei unabdingbare Begriffe des zweiten Wertgebietes. In Hartmanns Roman steht das Einhalten der mâze im Zentrum, auch wenn dem nicht immer so ist.[37] Es geht also um das richtige Verhältnis zwischen ê r e und minne. Iwein verletzt die Tugend der mâze im Kampf um die ê r e.[38] Um zu erklären, wie es zu diesem Missgeschick kommen konnte, gehen wir zunächst erst einmal auf andere Tugenden ein. Nachdem Iwein es geschafft hat, König Askalon zu besiegen und dessen Frau und Burg zu erobern, wird ein riesiges Fest anlässlich der Hochzeit zwischen Laudine und Iwein gefeiert. Dort kommt es zu einem Gespräch, indem Iwein von seinem besten Freund, Gawain, verführt wird, weitere aventiuren mit ihm zu bestehen und seine Frau für eine begrenzte Zeit zurückzulassen (vgl. V. 2765-2912). Wie schon gesagt wurde, braucht es Gawains Überredungskünste, um Iwein zu einer Fortsetzung des ritterlichen Lebens zu überzeugen. Es geht Gawain dabei lediglich um ein stetiges Anwachsen seiner ê r e und das Warnen vor Erecs Schicksal.[39] In vielen wissenschaftlichen Arbeiten wird behauptet, dass Iwein das Gegenbild zu Erec wäre.

Dem ist allerdings nicht so, denn es ist nicht Iwein selbst, der auf die Idee kommt vom Hofe seiner Frau loszuziehen, sondern sein bester Freund ist nötig. Iwein stimmt allerdings aus ehrenhaften und guten Motiven zu: er reitet aus Pflichtgefühl seinen Stande gegenüber mit.[40] Hier finden wir also die Tugend der triuwe wieder, die er gegenüber König Artus und den anderen Rittern einhält. Um Laudine zu besänftigen, gibt er sich selbst eine Frist von einem Jahr, ist er dann nicht zurück, gillt seine Liebe als verloren (vgl. V. 2924-2925). Er reitet weinend davon, was verdeutlicht, wie sehr er Laudine liebt.[41] Wie es so kommen muss, um das Doppelwegschema zu erfüllen, überschreitet Iwein diese Frist und verletzt somit die höfische Tugend der minne und der triuwe, was bedeutet, dass er die mâze nicht eingehalten hat.[42] Er verpasst zwar den Termin seiner Rückkehr, erinnert sich jedoch selbst an seinen Fehler und verfällt sofort in Reue und Sehnsucht, auch wenn er in

Laudines Augen gegen die triuwe verstoßen hat. Eigentlich müsste seine Fristversäumnis bedeuten,dass er die Liebe vergessen hätte, doch dem ist nicht so.[43] „Seine Liebe war so groß, dass die Nichteinhaltung des Termins ihn in Wahnsinn stürzte.“[44] Es wird also noch einmal deutlich gemacht, dass Iwein die minne nicht vernachlässigt hat und auch nicht treulos ist. Iweins Wahnsinn dauert allerdings nicht all zu lange an und wird durch eine Wundersalbe geheilt (vgl. V. 3469-3473). Er beschließt daraufhin, seine ê r e wieder herzustellen in der Hoffnung, so wieder ein angesehener Ritter zu werden und Laudine zurück zu gewinnen (vgl. V. 3569-3571). Hier tritt seine Selbstsicherheit in den Vordergrund, welche auch zu den Tugenden des zweiten Wertgebietes gehört. Ab diesem Punkt beginnt seine zweite aventiuren -Kette. Die meisten seiner Kämpfe führt er im Sinne eines Dienstes oder einer Hilfe an Andere aus, was wiederum seine milte bezeugt.[45] Des Weiteren behauptet Wapnewski, dass seine aventiuren Befreiungshandlungen und Erlösungsakte sind.[46]

Die Befreiung Lunetes oder die Erlösung der vier Brüder aus den Fängen des Riesen Harpins sind nur zwei von mehreren Heldentaten. Es handelt sich hier also um selbstlose Kämpfe für Hilfsbedürftige. Dadurch, dass er die ganze Zeit über anonym bleibt und seine wahre Identität nicht zu erkennen gibt, bringt ihm das folglich keine êre. Sein neues Handeln, welches nicht mehr durch die unaufhörliche Suche nach Ruhm gekennzeichnet ist, macht ihn zu einem vorbildlichen Ritter.[47]

Zwei weitere Eigenschaften des ritterlichen Tugendsystems sind die vreude und der hôher muot. Die Autoren des Verfasserlexikons sind sich einig, dass in Hartmanns Iwein die Freude immer wieder geschildert und gefordert wird.[48] Ein Beispiel hierfür ist das Pfingstfest am Artushof, welches, wie die anderen Feiern auch, sehr prunkvoll ist. Was den hôhen muot betrifft, sind dieselben Verfasser der Meinung, dass Hartmann von Aue diesen ablehnt: „ […] nicht das Hervortreten des Individuums ist bei H. das ideal, sondern vielmehr das maßvolle Beherrschen des Ich […].“[49]

Abschließend kann zu diesem Kapitel zusammengefasst werden, dass die saelde und die ê r e das Werk eröffnen und auch schließen. Des Weiteren beweist Hartmann von Aue, dass das Nichtbetrachten der minne genauso schlimm ist, wie das Vernachlässigen der ê r e.[50]

[...]


[1] von Aue, Hartmann: Iwein. Übers. u. Anm. von Thomas Cramer (1981).

[2] Bumke, Joachim: Studien zum Ritterbegriff im 12./13. Jahrhundert (1977), S. 9.

[3] Hoppe, Felicitas: Iwein Löwenritter (2008).

[4] Vgl. Vogt, Dieter: Ritterbild und Ritterlehre in der lehrhaften Kleindichtung des Stricker und im sog. Seifried Helbing (1985), S. 28. (Im Folgenden: Vogt, Dieter: Ritterbild und Ritterlehre).

[5] Vgl. Ehrismann, Otfrid: Mittelhochdeutsch (1976), S. 94

[6] Ehrismann , Gustav: Die Grundlagen des ritterlichen Tugendsystems (1919). In: Eifler, Günter: Ritterliches Tugendsystem (1970), S.1-84.

[7] Naumann, Hans: Das Tugendsystem (1929). In: Eifler, Günter: Ritterliches Tugendsystem (1970), S. 93 u. 94.

[8] Maurer, Friedrich: Das ritterliche Tugendsystem (1950). In: Eifler, Günter: Ritterliches Tugendsystem (1970), S. 147 u. 148.

[9] Vogt, Dieter: Ritterbild und Ritterlehre, S. 28.

[10] Bumke, Joachim: Höfische Kultur, Band 2, S. 418.

[11] Vgl. Ebd. S. 417 ff.

[12] Naumann, Hans u. Muller, Gunther: Höfische Kultur (1929), S. 4.

[13] Vgl. Vogt, Dieter: Ritterbild und Ritterlehre, S. 28.

[14] Vgl. Ebd. S. 28.

[15] Bumke, Joachim: Höfische Kultur, S. 418.

[16] Bumke, Joachim: Höfische Kultur, S. 419.

[17] Vgl. Vogt, Dieter: Ritterbild und Ritterlehre, S. 30.

[18] Ebd. S. 28.

[19] Ebd. S. 29.

[20] Naumann, Hans u. Muller, Gunther: Höfische Kultur (1929), S.6.

[21] Vogt, Dieter: Ritterbild und Ritterlehre, S. 29.

[22] Bumke, Joachim: Höfische Kultur, S. 425.

[23] Vogt, Dieter: Ritterbild und Ritterlehre, S. 30.

[24] Bumke, Joachim: Höfische Kultur, S. 427.

[25] Vogt, Dieter: Ritterbild und Ritterlehre, S. 30.

[26] Vgl. Vogt, Dieter: Ritterbild und Ritterlehre, S. 30.

[27] Vgl. Ebd. S. 29.

[28] Bumke, Joachim: Höfische Kultur, S. 420.

[29] Vgl. Ebd. S. 423.

[30] Naumann, Hans u. Muller, Gunther: Höfische Kultur, S. 6.

[31] Wapnewski, Peter: Hartmann von Aue (1976), S. 67.

[32] Vgl. Ebd. S. 67.

[33] Vgl. Fischer, Hubertus: Ehre, Hof und Abenteuer in Hartmanns „Iwein“ (1983), S. 30.

[34] Vgl. Wapnewski, Peter: Hartmann von Aue (1976), S. 70.

[35] Vgl. Salzmann, Birgit: Hartmanns „Iwein“ und die mittelenglische Erzählung „Ywain and Gawain“ (2001), S. 116-120.

[36] Vgl. Wapnewski, Peter: Hartmann von Aue (1976), S. 66.

[37] Vgl. Stammler, Wolfgang: Die deutsche Literatur des Mittelalters, S. 212 u. 213.

[38] Vgl. Vogt, Dieter: Ritterbild und Ritterlehre, S. 37.

[39] Arentzen, Jörg u. Ruberg, Uwe: Die Ritteridee in der deutschen Literatur des Mittelalters (1987), S. 193.

[40] Vgl. Wapnewski, Peter: Hartmann von Aue, S. 64.

[41] Vgl. Ebd. S. 64.

[42] Vgl. Stammler, Wolfgang: Die deutsche Literatur des Mittelalters, S. 211

[43] Vgl. Wapnewski, Peter: Hartmann von Aue, S. 63 u. 64.

[44] Ebd. S. 65.

[45] Vgl. Stammler, Wolfgang: Die deutsche Literatur des Mittelalters, S. 212.

[46] Vgl. Wapnewski, Peter: Hartmann von Aue, S. 65.

[47] Vgl. Vogt, Dieter: Ritterbild und Riiterlehre, S. 37 u. 39.

[48] Vgl. Stammler, Wolfgang: Die deutsche Literatur des Mittelalters, S. 213.

[49] Ebd. S. 214.

[50] Vgl. Vogt, Dieter: Ritterbild und Ritterlehre, S. 37.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Das Ritterbild in Hartmanns von Aue "Iwein" im Vergleich zu "Iwein Löwenritter" von Felicitas Hoppe
Hochschule
Universität Trier
Note
1,7
Autor
Jahr
2014
Seiten
15
Katalognummer
V310826
ISBN (eBook)
9783668093928
ISBN (Buch)
9783668093935
Dateigröße
481 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ritterbild, iwein, vergleich, löwenritter, Felicitas Hoppe, Hartmann von Aue
Arbeit zitieren
Jil Hoeser (Autor), 2014, Das Ritterbild in Hartmanns von Aue "Iwein" im Vergleich zu "Iwein Löwenritter" von Felicitas Hoppe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/310826

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