„Hinter Barmen und Dahlem können wir nicht darum nicht mehr zurück, weil sie geschichtliche Tatsachen unserer Kirche sind, denen wir Pietät zu erweisen hätten, sondern weil wir hinter Gottes Wort nicht mehr zurückkönnen“, schrieb der deutsche Theologe Dietrich Bonhoeffer 1936 über die Bedeutung der Barmer Theologischen Erklärung . „Wegweisend bleibt »Barmen« für den weiteren Weg unserer Kirche“, betont Wolfgang Huber, der ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland im März 2009.
Über achtzig Jahre sind bereits vergangen, als die einhundertneununddreißig Synodalen der Barmer Bekenntnissynode am 31. Mai 1934 auf Gottes Wort hörten und sich zu sechs „evangelischen Wahrheiten“ bekannten und damit Kirchengeschichte schrieben – aber eben nicht nur Kirchengeschichte. Neben den Verwerfungsthesen, in denen die Bekennende Kirche angesichts der historischen Ereignisse des Kirchenkampfes die nationalsozialistische Ideologie, die sich die Deutschen Christen zu eigen gemacht hatten, ablehnte, sind es vor allem aber die Bekenntnisthesen, die weltweite Bedeutung erlangten.
Auch in Deutschland ist die Barmer Theologische Erklärung in unterschiedlicher Weise in zahlreiche landeskirchliche Verfassungen sowie in die Grundordnung der EKD eingegangen. Besonders die lutherischen Landeskirchen hatten diesbezüglich allerdings ihre Schwierigkeiten, Barmen als verbindliches Bekenntnis anzuerkennen, auch wenn angesichts zahlreicher Barmen-Jubiläen die Bedeutung der Barmer Theologischen Erklärung auch auf lutherischer Seite stetig wuchs. Denn ungeachtet dessen, dass am 31.05.1934 Glieder lutherischer, reformierter und unierter Kirchen, ihre Stimmen erhoben und gemeinsam bekannten, bleibt die Frage nach Aktualität und Bedeutung der Barmer Theologischen Erklärung für die Gegenwart. Inwieweit ist die Barmer Theologische Erklärung ein Bekenntnis, das auch gegenwärtig für christliche Kirchen Gültigkeit beanspruchen kann? Inwiefern lassen sich die sechs Thesen der Erklärung als evangelische Wahrheiten verstehen? Und was haben sie Christinnen und Christen heute zu sagen? Welche Erkenntnisse, die auch gegenwärtig Relevanz besitzen, lassen sich aus dogmatischer und ethischer Perspektive aus den Thesen der Barmer Theologischen Erklärung gewinnen?
Zusammengefasst: „Was bleibt theologisch von der Barmer Theologischen Erklärung?“.
Dieser Frage stellt sich die vorliegende Arbeit in Auseinandersetzung mit Barth, Bonhoeffer und Wolk Krötke.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Hauptteil
2.1 Wolf Krötkes Verständnis der Barmer Theologischen Erklärung
2.1.1 Barmen im Denken Krötkes
2.1.2 Barmen und Karl Barth
2.1.3 Barmen und Dietrich Bonhoeffer
2.2 Die Barmer Theologische Erklärung als Bekenntnis?
2.3 Die Aktualität der Barmer Theologischen Erklärung
2.3.1 Öffentliche Theologie
2.3.2 Missionale Theologie
3. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die fortwährende theologische Relevanz der Barmer Theologischen Erklärung für die heutige Kirche. Im Fokus steht dabei die Analyse der Positionen von Wolf Krötke, Karl Barth und Dietrich Bonhoeffer, um zu klären, wie die Thesen als zeitgemäßes Bekenntnis verstanden werden können, das praktische Konsequenzen für kirchliches Handeln und gesellschaftliche Verantwortung nach sich zieht.
- Theologische Analyse der Barmer Theologischen Erklärung unter Berücksichtigung von Wolf Krötke.
- Untersuchung der Christozentrik und der Ablehnung natürlicher Theologie.
- Diskussion des Bekenntnisbegriffs und der fortwährenden Auslegungsbedürftigkeit.
- Reflexion über Öffentliche Theologie als Ausdruck kirchlicher Verantwortung.
- Betrachtung der Missionalen Theologie als ganzheitlicher Sendungsauftrag Gottes.
Auszug aus dem Buch
2.1.1 Barmen im Denken Krötkes
Bereits zu Anfang seiner Ausführungen macht Krötke seine Leitthesen deutlich. Sowohl die Thesen als auch die Verwerfungen der Barmer Theologischen Erklärung haben bleibende Aktualität für die heutige Kirche. Würde die Kirche die Thesen der Erklärung „im Ernst zu Wahrheiten von gestern erklären [...], dann wäre sie am Ende.“ Ebenso verhalte es sich mit den Verwerfungsthesen, die zwar speziell gegen die Nationalsozialistische Ideologie, die sich die Deutschen Christen zu eigen gemacht hatten, formuliert worden sind, aber auch heute nicht bestritten werden können, ohne dass die Kirche aufgibt, Kirche Christi zu sein.
Auch wenn Krötke durchaus auch die Defizite Barmens sieht – wie das Schweigen zur Judenfrage, die Beschränkung auf neutestamentliche Schriftzitate, die nicht gendergerechte Sprache sowie ein fehlendes Plädoyer für eine demokratische Grundordnung – und deshalb einen kritischen Umgang mit den Thesen und Verwerfungen der Erklärung fordert, will er keineswegs die bleibende Bedeutung Barmens für die Kirche bestreiten. Zwar lasse sich über Art und Form der ethischen und praktischen Konsequenzen diskutieren, die sich aus den einzelnen Thesen und Verwerfungen ziehen lassen, jedoch dürfe die Kirche keineswegs ihre Identität und ihre Freiheit aufgeben. Und genau darum geht es für Krötke in der Barmer Erklärung. „»Barmen« heißt: Alles, was den christlichen Glauben, das christliche Leben und die Kirche ausmacht, ist auf Jesus Christus bezogen.“ Die Theologische Erklärung von Barmen markiert auf ganz neue Weise – angesichts der je aktuellen Herausforderungen durch die Zeit – den Grund, auf dem die Kirche steht, ihre Identität, ihre Freiheit, das, was sie ausmacht. Um sich diesen Herausforderungen zu stellen, verweist sie uns durch die Schriftworte an die Bibel und damit an das Wort Gottes selbst. Ebendies ist die Grundfunktion eines kirchlichen Bekenntnisses: Die Interpretation der biblischen Botschaft, der Verweis auf diese und die kritische Reflexion an ihr. Für Krötke leistet dies die Barmer Theologische Erklärung.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die historische Bedeutung der Barmer Theologischen Erklärung von 1934 und führt in die Fragestellung ein, inwieweit diese für die gegenwärtige Kirche als Bekenntnis relevant bleibt.
2. Hauptteil: Der Hauptteil analysiert das Verständnis Wolf Krötkes zur Barmer Theologischen Erklärung, diskutiert ihren Status als Bekenntnis und untersucht durch die Linsen der Öffentlichen sowie der Missionalen Theologie ihre aktuelle praktische Relevanz.
2.1 Wolf Krötkes Verständnis der Barmer Theologischen Erklärung: In diesem Kapitel wird Krötkes Sichtweise dargelegt, die die christologische Konzentration der Barmen-Thesen betont und diese in den Kontext der Theologie von Karl Barth und Dietrich Bonhoeffer stellt.
2.1.1 Barmen im Denken Krötkes: Das Unterkapitel arbeitet Krötkes Leitthesen zur bleibenden Aktualität von Barmen heraus, trotz bestehender Defizite wie des Schweigens zur Judenfrage.
2.1.2 Barmen und Karl Barth: Hier wird untersucht, wie Barth Barmen als einen Akt der „Geistesgegenwart“ interpretiert, in dem sich Gott in Christus der Welt zuwendet.
2.1.3 Barmen und Dietrich Bonhoeffer: Der Abschnitt betrachtet Barmen durch die Augen Bonhoeffers, wobei der Fokus auf dem Wahrheitsbegriff und der Kirche als „Kirche für andere“ liegt.
2.2 Die Barmer Theologische Erklärung als Bekenntnis?: Dieses Kapitel reflektiert den Bekenntnisbegriff und fragt, ob Barmen lediglich ein historisches Dokument oder eine lebendige, auslegungsbedürftige Antwort der Kirche auf Gottes Wort ist.
2.3 Die Aktualität der Barmer Theologischen Erklärung: Das Kapitel verknüpft die theologischen Aussagen Barmens mit den praktischen Erfordernissen einer Kirche, die heute Verantwortung in der Welt übernehmen will.
2.3.1 Öffentliche Theologie: Hier wird analysiert, wie die Kirche durch ihr öffentliches Reden und Handeln sowie durch politisch-ethisches Engagement auf Barmen Bezug nimmt.
2.3.2 Missionale Theologie: Dieses Kapitel beschreibt das missionale Handeln als ganzheitliche Bewegung der Kirche, die der Welt dient und Gottes Versöhnungsbotschaft verkündet.
3. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bekräftigt, dass die Barmer Theologische Erklärung auch heute ein geistliches Ereignis darstellt, das zur Verantwortung und zum Vertrauen auf Gottes Wort aufruft.
Schlüsselwörter
Barmer Theologische Erklärung, Wolf Krötke, Karl Barth, Dietrich Bonhoeffer, Bekenntnis, Öffentliche Theologie, Missionale Theologie, Christuszentrierung, Ekklesiologie, Rechtfertigung, Heiligung, Verantwortung, Kirche, Gottes Wort, Zeitgemäße Theologie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der theologischen Aktualität der Barmer Theologischen Erklärung aus dem Jahr 1934 und untersucht, wie diese als Bekenntnis für die heutige Kirche fruchtbar gemacht werden kann.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zu den zentralen Themen gehören das Verständnis der Barmer Thesen durch Wolf Krötke, die Einordnung von Barth und Bonhoeffer, die Debatte über den Bekenntnisbegriff sowie aktuelle Ansätze der Öffentlichen und Missionalen Theologie.
Welches primäre Ziel verfolgt der Autor?
Das Ziel ist es zu zeigen, dass die Barmer Theologische Erklärung keine bloße historische Erinnerung ist, sondern eine lebendige Grundlage für kirchliches Handeln und gesellschaftliche Verantwortung in einer pluralistischen Welt bietet.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine systematisch-theologische Analyse, die auf einer fundierten Auseinandersetzung mit der Fachliteratur, insbesondere der Monographie von Wolf Krötke, basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung von Krötkes Verständnis, die Diskussion des Bekenntnischarakters der Erklärung und die praktische Anwendung durch aktuelle theologische Strömungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlüsselbegriffe sind Barmer Theologische Erklärung, christozentrische Theologie, öffentliches Handeln der Kirche, missionale Theologie und das Verständnis der Kirche als „Kirche für andere“.
Warum spielt das „Schweigen zur Judenfrage“ eine Rolle bei der Analyse?
Der Autor thematisiert dieses Defizit, um deutlich zu machen, dass ein kritischer Umgang mit historischen Dokumenten notwendig ist, ohne dabei deren bleibende theologische Bedeutung für die Identität der Kirche zu leugnen.
Wie unterscheidet die Arbeit zwischen Öffentlicher und Missionaler Theologie?
Während die Öffentliche Theologie den Schwerpunkt auf die gesellschaftliche und politische Verantwortung sowie diskursives Handeln legt, fokussiert die Missionale Theologie auf den Sendungsauftrag zur ganzheitlichen Verkündigung der Gnade Gottes.
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- Stefan Prill (Autor:in), 2015, Die Barmer Theologische Erklärung als Bekenntnis für heute? Auseinandersetzung mit Karl Barth, Dietrich Bonhoeffer und Wolf Krötke, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/310917