Tradition und Moderne in den Balladen von Theodor Fontane. "Der Tag von Hemmingstedt", "Prinz Louis Ferdinand" und "Die Brück’ am Tay"


Masterarbeit, 2014

65 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung und Forschungsfrage
1.1. Tradition und Moderne
1.2. Ballade: Definition, Entstehung und ihr Verhältnis zur Historie
1.3. Theodor Fontanes Balladenschaffen

2. Die in dieser Arbeit untersuchten Balladen
2.1. Der Tag von Hemmingstedt
2.1.1. Geschichtlicher Hintergrund und Balladeninhalt
2.1.2. Dichtung und Historie
2.1.3. Interpretation
2.2. Prinz Louis Ferdinand
2.2.1. Balladeninhalt
2.2.2. Der reale Prinz Louis Ferdinand
2.2.3. Interpretation
2.2.4. Altes und Neues
2.3. Die Brück’ am Tay (28. Dezember 1879)
2.3.1. Balladeninhalt
2.3.2. Forschungsüberblick
2.3.3. Die reale Katastrophe und Fontanes Quelle zu derselben
2.3.4. Interpretation

3. Entwicklung von Tradition und Moderne in Fontanes Balladen
3.1. Zusammenfassung
3.2. Fazit und Ausblick

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung und Forschungsfrage

„Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,

Ein Birnbaum in seinem Garten stand, [...]“

(Keitel 1964, S. 255)[1]

„John Maynard war unser Steuermann,

Aus hielt er, bis er das Ufer gewann, [...]“

(Keitel 1964, S. 287)

So lautet es zu Beginn zweier der berühmtesten Balladen Theodor Fontanes: die erste über den großzügigen Herrn von Ribbeck und die zweite über den Steuermann John Maynard, der durch seinen Tod vielen Menschen das Leben rettete. Generationen von Schülerinnen und Schülern mussten den einen oder anderen dieser Verse auswendig lernen und vortragen. Theodor Fontanes Lyrik und vor allem seine Balladen haben seine Lebzeit weit überdauert und sind heute noch immer sehr beliebt. Neben den Balladen von Goethe und Schiller sind es vor allem Fontanes Werke, die junge Menschen in der Schule bearbeiten müssen und dürfen.

Doch das war nicht immer so, denn noch 1970 bedauerte Rhyn, dass Fontanes „Bedeu­tung als Balladendichter so oft unterschätzt wird“ (S. 8). Fontanes frühere Gedichte seien nur gutes Mittelmaß und würden wie Spreu um die Körner edelsten Goldes herum liegen (ebd). Der Dichter selbst glaubte nicht daran, dass er ein großer Lyriker sei. So schrieb er am 10. November 1847 an Wilhelm Wolfsohn, dass er das Lyrische mit blutendem Herzen aufgegeben habe, denn ‚ihm sei die Gabe für das Lied versagt’ (vgl. Drude 1976, S. 38).

Sicherlich ist auch heute Fontanes Name hauptsächlich mit seinen epischen Werken verbunden und hier vor allem mit den Berliner Romanen. Große Teile seiner Lyrik hingegen sind wenig beachtet. „Was seinen Berliner Romanen durchaus Zuspruch der Kritik sicherte, wurde in der Lyrik weniger toleriert: die poetische Gestaltung der Alltagswelt und der Verzicht auf demonstrative Kunstgesten“ (Scheuer 2001, S. 7). Unter seinen Zeitgenossen eckte Fontanes Lyrik zum Teil an, denn er verstand sich auch hier eher auf epische Erzählweisen. Jedoch kam ihm die „gleiche Rationalität, die ihm das seelenhafte Stimmungs- und Erlebnislied verweigerte“ (Martini 1964, S. 380) in der Balladendichtung zugute. Somit wundert es nicht, dass er sich innerhalb der Lyrik stark zu dieser Gattung hingezogen fühlte (vgl. Scheuer 2001, S. 9). Er selbst war überzeugt: „Mein Bestes, was ich bis jetzt geschrieben habe, sind Balladen und Charakterzeichnungen historischer Personen; ich habe dadurch eine natürliche Übergangsstufe zum Epos und Drama eingenommen“ (Drude 1976, S. 38).

Berühmt geworden sind vor allem drei seiner späten Balladen, wie bereits erwähnt John Maynard (1886) und Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland (1889) und auch Die Brück’ am Tay (1880). Das Besondere an diesen Balladen ist, dass sie auf wahren Ereignissen beruhen, die nicht, wie sonst bei Balladen üblich, in grauer Vorzeit geschahen, sondern sich nur wenige Jahre oder gar nur Wochen zuvor ereigneten. Revolutionär war die Thematisierung zeitgenössischer Phänomene in einer Form, die normalerweise den Rittern und Helden des Mittelalters und der frühen Neuzeit vorbehalten war: „In neue Dimensionen der Geschichte, wie die der Technik und der modernen Arbeitswelt, brechen die späten Balladen Fontanes auf und lösen zugleich die Balladenmythologie der Ritter und Militärs von Gegenbildern einer unspektakulären Humanität her auf“ (Hinck 2000, S. 99). Fontane bleibt also der Form der Ballade treu, nutzt jedoch neue Inhalte für seine Werke. Hierbei kommt es zu einer „Belebung der Gattungs­muster“ (Scheuer 2001, S. 9).

In dieser Arbeit soll untersucht werden, wie Theodor Fontane mit der traditionellen Gattung Ballade spielt und die Moderne in seinen Texten ihren Platz findet. In welchem Verhältnis stehen Tradition und Moderne im Balladen­schaffen Theodor Fontanes? Hierzu sollen exemplarisch drei Balladen unter­sucht werden, die unterschiedliche Phasen seines Schaffens widerspiegeln: Die erste Der Tag von Hemmingstedt ist noch stark an die Balladentradition angepasst, die zweite Prinz Louis Ferdinand zeigt die Differenz und den Konflikt zwischen Tradition und Moderne auf, die dritte Die Brück’ am Tay weicht durch ihre Verarbeitung einer technischen Katastrophe von der Tradition ab und beginnt die Gattung zu modernisieren.

1.1. Tradition und Moderne

Es ist in dieser Arbeit notwendig, mit mehreren Begriffsdefinitionen zu beginnen. Einen Fachbegriff lediglich zu verwenden und Thesen auf denselben zu stützen, kann nur geschehen, wenn dieser zuvor reflektiert wurde. Zunächst müssen darum die Begriffe ‚Tradition’ und ‚Moderne’ umrissen werden. Eine Einigung, was diese Worte genau definieren, ist essentiell zur Prüfung der Fragestellung. Außerdem muss der Fokus kurz auf die Ballade selbst gelegt werden, bevor es konkreter um die Balladen Fontanes gehen kann.

Das Gegensatzpaar Tradition und Moderne tritt in dieser Arbeit auf, um eine Differenz in den Balladen der frühen und späteren Schaffensperioden Theodor Fontanes zu beschreiben. Tradition steht für das Altherge­brachte, das Bekannte, die Wiederholung. Moderne hingegen vertritt die Innovation, die Erneuerung, den Fortschritt.

Wörtlich geht Tradition auf das lateinische tradere, welches ‚weitergeben’ oder ‚überliefern’ bedeutet, zurück (vgl. Simonis 2004). Das Wort schließt sowohl das Überlieferungsgut selbst als auch den Prozess der Überlieferung ein (vgl. Auerochs 2007). Weitergegeben werden zum Beispiel Bräuche, Sitten, Gepflogenheiten oder Religiosität. Das wichtigste Medium für diese Übermittlung durch die Zeit ist die Sprache und hier im Besonderen Texte. Mit einer Tradition wird somit die Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart aufrechterhalten. Für die Literatur sind Traditionen sogar notwendig, denn ‚Texte kommen überhaupt erst durch Zitate, durch Referenzen auf ihre literarischen Vorläufer zustande’ (vgl. Simonis 2004). Eine Literatur ohne das Erbe der vorangegangenen Generationen ist somit nicht denkbar und auch teilweise radikale Traditionsbrüche führen letztendlich wieder zu neuen Traditionslinien (vgl. Auerochs 2007). Diese Arbeit beschäftigt sich jedoch nicht mit dem Prozess der Überlieferung der Balladentradition, sondern mit den damit verknüpften traditionellen Motiven, denn Tradition „trägt vielmehr einen klar geschichtlichen Index und meint dasjenige, was durch den modernen Fortschritt entwertet und zurückgelassen wird“ (Auerochs 2004, S. 29). Der Punkt 1.2. beschäftigt sich konkret mit der Tradition, in der die Balladendichtung steht.

Auch das Wort Moderne wird aus dem Lateinischen abgeleitet. Modernus bedeutet ‚neu’ und ‚derzeit’ (vgl. Becker 2007). In der Literaturwissenschaft wird darunter oft die Zeit verstanden, in der es zur „Überwindung der Regelpoetik“ kommt (ebd). „Der alte Fontane ist nicht nur chronologisch Zeitgenosse der beginnenden Moderne, er hat auch teil an einigen ihrer Erfahrungen wie ihrer Kunstmittel“ (Ohl 1995, S. 237). Es soll in dieser Arbeit jedoch nicht um die Epoche der Moderne gehen, sondern vielmehr um die Geisteshaltung, die den Wandel und die Erneuerung begrüßt und den bereits angeführten Kunstmitteln, mit denen diese Auffassung zum Ausdruck gebracht wird. Außerdem wird die konkrete Anspielung auf gesellschaftliche Veränderungen wie das aufstrebende Bürgertum, die Industrialisierung und die damit einhergehende Techni­sierung der Welt als Motiv in Fontanes Balladen untersucht.

1.2. Ballade: Definition, Entstehung und ihr Verhältnis zur Historie

Grundsätzlich hat die literaturwissenschaftliche Forschung ein Problem mit der festen Definition der Gattung ‚Ballade’. Hierbei stellt sich nämlich die Herausforderung, dass der Begriff ‚Ballade’ viel älter ist als die Gattung, die damit bezeichnet wird. Das Wort ‚Ballade’ meint in unterschiedlichen Zeitaltern verschiedene Ausprägungen lyrischer Texte.

Vom etymologischen Standpunkt aus betrachtet ist das Wort ‚Ballade’ aus dem Franzö­sischen entlehnt und bezieht sich auf den Bereich des Tanzens (vgl. Weißert 1980, S. 1). In der Popmusik hingegen ist mit ‚Ballade’ ein ruhiges, sentimentales, oft melancholisches Lied gemeint (vgl. Kühnel & Kahl 2007, S. 65). Die für diese Arbeit wichtige Definition des Begriffs ‚Ballade’ soll jedoch nur die literatur­wis­senschaftliche Gattung zum Gegenstand haben und alle anderen Bedeutungsebenen des Wortes nicht weiter betrachten.

Bei der Präzisierung der Gattung ‚Ballade’ wird oft auf das Hilfsmittel der Beschreibung zurückgegriffen. Der Bestand an Texten, die zur Gattung Ballade gezählt werden, wird dabei systematisch nach Gemeinsamkeiten durchsucht und so eine Definition gefunden, die für möglichst alle diese Texte Gültigkeit hat (vgl. Leckey 1979, S. 15). Dieses Vorgehen ist kritisch zu betrachten, da es zu einem Zirkelschluss kommen kann, nach dem alles, was zuvor als Ballade gesehen wird, die Definition derselben bestimmt. Deshalb soll zunächst eine für diese Arbeit gültige Begriffsbestimmung erfolgen.[2]

Die wohl bekannteste und am häufigsten zitierte Beschreibung einer Ballade erfolgte 1821 durch Johann Wolfgang von Goethe, der sie ein ‚Ur-Ei’ nannte, in dem Lyrik, Dramatik und Epik vereinigt seien (vgl. Weißert 1980, S. 4). Eine Ballade ist formal lyrischer Natur. Der Inhalt wird episch mit einem hohen Anteil an dramatischem Dialog erzählt. Goethes schwammige Bestimmung hat bis heute Bestand und ist im Endeffekt auch das, worauf sich die meisten Forscher einigen können. Müller-Seidel gibt jedoch zu bedenken, dass, wenn „man das alles noch Ballade nennen will, so muß man sich über die nicht unbedenkliche Ausweitung der Begriffe im klaren sein“ (Müller-Seidel 1980, S. XI). Zumbach hingegen sieht die Schwierigkeit der Festlegung auf eine Definition positiv: „Daß die Ballade bisher nie restlos zufriedenstellend definiert werden konnte, hat auch sein Gutes: So bewahrt sie sogar unter Lit­era­tur­wis­sen­schaft­lern etwas von dem Geheimnis, das sie eigentlich ausmacht“ (2004, S. 10).

Für diese Arbeit soll der vorangestellte Definitionsversuch genügen, jedoch muss zum Verständ­nis die Entstehung der deutschen Ballade stark gekürzt und pointiert umrissen werden. Ein Blick in die Geschichte der deutschen Ballade ist wichtig, da in der vorliegenden Arbeit auch die Tradition untersucht wird, in der die Gattung der Ballade steht. Denn auch jede Ballade Fontanes schleift „stets alle früheren Epochen wie eine Schleppe hinter sich her“ (Zumbach 2004, S. 10).

Aus den Heldenliedern der Völkerwanderzeit entwickelten sich im Mittelalter so genannte Volksballaden (vgl. Avenarius 1951, S. 1). Diese kann man am ehesten als anonym verbreitete, epische Tanzlieder beschreiben. Oft gesungen vorgetragen wurden sie von jedem Sänger beliebig verändert: „Einmal zu Gehör gebracht, ist die Ballade jedermanns Eigentum. Persönliche oder lokale Einzelheiten schleifen sich ab; Situationen, Motive und Charaktere werden verallgemeinert. Die Ballade existiert nur in jedem neuen Augenblick des Vortrags, und wird nie zweimal in gleicher Weise vorgetragen“ (Entwistle 1980, S. 47). Inhaltlich behandelten diese Stücke, die oft schwer vom historischen Lied zu trennen sind, vor allem geschichtliche Stoffe sowie nordische Göttermythen und Heldensagen (vgl. Kühnel & Kahl 2007, S. 65). Hierbei ging es den Sängern jedoch nicht um eine korrekte Wiedergabe der historischen Gegebenheiten. Die auftretenden Figuren waren austauschbar und dienten meist eher zur Veranschaulichung allgemeiner Problematiken (vgl. Freund 1978, S. 11). Niedergeschrieben wurden die Volksballaden erst lange nach ihrer Entstehung. So begann in der Romantik die erste systematische Sammlung englischer Volksballaden durch Bischof Thomas Percy. Seine „Reliques of Ancient English Poetry“ erschienen erstmals 1765 (vgl. Percy 1857). Auch Walter Scott veröffentlichte ab 1802 eine Vielzahl an Balladen in seinem dreibändigen Werk „Minstrelsy of the Scottish border“ (vgl. Scott 1813). Diese Sammlungen waren für viele Balladenschreiber der folgenden Jahrhunderte, unter anderem auch für Fontane, eine Quelle der Inspiration (vgl. Keitel 1964, S. 865).

In der Zeit des Sturm und Drang entwickelte sich in Deutschland die Kunstballade (vgl. Zumbach 2004, S. 10). Eine Abgrenzung zur Volksballade ist oft schwierig, da viele ihrer literarischen Merkmale übernommen wurden (vgl. Kühnel & Kahl 2007, S. 65). Das Neue an dieser Balladenform ist, dass sie nun schriftlich fixiert und nicht mehr unbedingt vorgetragen wird (vgl. Kühnel 1990, S. 37). Durch das Festhalten als Text erhält die Ballade nicht nur eine gefestigte Form, sondern es gibt nun auch klare Schaffer, die Autoren. Sie sind gerade im ausgehenden 18. Jahrhundert sehr produktiv, denn Balladen wurden in Deutschland immer beliebter. Dies gipfelt im so genannten Balladen­jahr von 1797, in dem sich vor allem Goethe und Schiller einen schöpferischen Wettstreit lieferten (vgl. Hinck 1968, S. 5).

Auch Fontane beginnt einige Jahrzehnte später mit dem Schreiben von Balladen, jedoch bezeichnet er manche dieser Werke als ‚Romanzen-Zyklus’ zum Beispiel Von der schönen Rosamunde (vgl. Keitel 1964, S. 31ff). Die Begriffe ‚Romanze’ und ‚Kunst­­ballade’ werden häufig synonym verwendet (vgl. Entwistle 1980, S. 40). Der Unterschied aus heutiger Sicht zwischen den beiden Begriffen besteht jedoch darin, dass die Romanzen oft einen komischen oder ironischen Unterton haben und nicht immer ernst gemeint sind (vgl. Weißert 1980, S. 2). Außerdem betonen Romanzen den lyrischen Charakter des Erzähl­gedichts, während Kunstballaden episch ausgerichtet sind (vgl. Freund 1978, S. 10). Für die Interpretation von Theodor Fontanes Werken wird hier jedoch angenommen, dass er ‚Romanzen’ synonym zu ‚Balladen’ verwendete.[3]

In der Moderne kam es wiederum zu Erneuerungen der Ballade zum Beispiel durch Börries von Münchhausen und Bertolt Brecht, die allerdings nicht Thema der vorliegenden Arbeit sein sollen, da die Werke Theodor Fontanes nicht durch diese Entwicklungen tangiert wurden. Auch auf eine Unterteilung der Balladen in verschiedene Inhalts- oder Aufbautypen wird verzichtet, da eine solche Konkretisierung ebenfalls für den weiteren Verlauf dieser Arbeit nicht von entscheidender Relevanz ist.

Wie oben gezeigt werden konnte, steht die Ballade in einer langen Tradition, die weit über die erste schriftliche Fixierung hinausreicht. Inhaltlich beschäftigt sie sich meist mit Themen der Vergangenheit, also historischen Stoffen, Sagen und Mythen. „Die Gattung Ballade kannte seit ihrem Anfang die Gestaltung geschichtlicher Stoffe“ (Woesler 2000, S. 9). Balladen sind also eng mit der Aufarbeitung von Geschichte verknüpft. Die Entstehung der ersten historischen Balladen fällt somit nicht zufällig in eine Zeit, in der der Fokus verstärkt auf die Vergangenheit gelegt wird (vgl. Fauser 2000, S. 15). Der im 19. Jahrhundert aufkommende Historismus entdeckt Geschichte als eine vorzügliche Stoffsammlung vor allem für die Epik, jedoch auch für Balladen (vgl. Niefanger 2007). In der Lyrik verwehrt jedoch die formbedingte Textkürze eine Darstellung verwickelter geschichtlicher Prozesse, das Gedicht verweist eher auf Punktuelles: „auf Erregungs- oder Umschlags-, auf Triumph- oder Katastrophen­mom­ente im Geschichtsverlauf, auf Streit-, Entschluß- oder existentielle Grenzsituationen der historischen Figuren“ (Hinck 1995, S. 41). Trotz dieser emotionalen Moment­auf­nahme, welche die Ballade wiedergibt, steht sie als Gegenstück zur Gefühlslyrik, da sie mit realen Fakten bestückt und keinesfalls inhaltsleer ist (vgl. Fauser 2000, S. 14f). Jeder Autor hat die Wahl, wie hoch er die Wichtigkeit des historischen Inhalts ansetzt, ob er nur eine Folie oder die Substanz des Textes sein soll.

Da historische Ereignisse in früheren und späteren Epochen oft ganz anders oder auch gegenteilig gesehen wurden, muss man Balladen grundsätzlich in enger Verbindung mit der Zeit, in der sie entstanden, betrachten. Ebenso hat jeder Autor seine eigene Interpretation von bestehenden Fakten. Das Geschichtliche unterliegt somit immer dem jeweiligen Subjektivitätsentwurf (vgl. Fauser 2000, S. 33). Als Beispiel hierfür kann der Stoff um die schottische Thronerbin Maria Stuart dienen. Ihr Schicksal ist ein sehr häufig in der Literatur verarbeiteter Stoff. In den jeweiligen Werken wird sie entweder als freiheitsliebende, selbst bestimmte Frau oder als Intrigantin dargestellt. Auch ihr Verhältnis zu Königin Elisabeth I. von England wird in jedem Werk mit unterschiedlich gelegten Akzenten interpretiert.

Neben historisch belegten Persönlichkeiten wie Königen und anderen Adligen sind auch unbekannte Liebende, Geister, Ritter und allgemein Helden beliebte Protagonisten von Balladen. Oft werden interessante Begebenheiten auch aus der Regionalgeschichte genutzt, um sie in einer Ballade zu verarbeiten: „Nicht nur Bräuche, Volksglauben, Märchen, Sagen und Lieder wurden gesammelt, die Geschichte der einzelnen Stämme und Landschaften wurde daraufhin durchforscht, ob es merkwürdige, für die literarische Gestaltung geeignete Stoffe gab“ (Woesler 2000, S. 11). Die Historie wurde so zum Teil fast systematisch nach verwertbaren Begebenheiten abgesucht, die sich in ein Balladen-Kleid hüllen ließen.

Allgemein scheint es in der Ballade lediglich eine Retrospektive zu geben, jedoch kaum moderne Elemente. Müller-Seidel geht sogar so weit zu sagen, dass „sie in der überlieferten Form der Kunstballade seit Bürger immer weniger geeignet war, Entwicklungen des modernen Lebens zu erfassen“ (Müller-Seidel 1980, S. VII). Balladen scheinen von ihrer Anlage her unvereinbar mit modernen Inhalten, sind sie doch zu eng mit Bildern von Ross, Reiter und Burgfräulein verknüpft. Sie übertragen lediglich moderne Ideen auf eine historische Hülle ohne jedoch selbst eine Geschichte der Moderne zu erzählen und stehen damit in einem „Spannungsfeld von Modernitätsverweigerung und Memorialfunktion“ (Fauser 2000, S. 32). Da zumindest die Handlung immer in längst vergangenen Tagen spielt, wird so einerseits die Verarbeitung aktueller Ereignisse verhindert, andererseits hebt eine Ballade geschichtliche Ereignisse oft stark hervor und hält so die Erinnerung an verflossene Helden wach. Hierbei ist jedoch das intendierte Ziel nicht die Schilderung historischer Fakten, sondern deren künstlerische Auslegung und „Komplexitätsreduktion, die bis zur Geschichtsimagination reicht“ (Fauser 2000, S. 33). Jedoch verarbeitet die Ballade nicht nur Geschichte, sie ist auch von dieser abhängig. Freund geht so weit zu behaupten, dass die Kunstballade nur auf einem konkreten historischen Hintergrund denkbar sei, auch wenn dieser Hintergrund nicht ausdrücklich genannt werde (vgl. 1978, S. 11). Die Volksballade hingegen nutze, wie oben bereits erwähnt, historische Persönlichkeiten nur als „austauschbare Träger allgemein­mensch­licher Befindlichkeiten“ (ebd).

Allgemein entsteht im 19. Jahrhundert in Deutschland ein zunehmendes Interesse an historischen Stoffen, aus dem sich auch die Ballade nährt. Vor allem die deutsche Geschichte interessiert den Bürger, denn sie ist ein wichtiger Faktor in der wachsenden Nationalstaaten­bewegung: „Nicht mehr die Geschichte der Antike, der Bibel und der europäischen Herrscherhäuser interessierten seit der Romantik die Menschen in Deutschland, sondern zunehmend die eigene Geschichte, die bis ins Mittelalter, ja sogar – häufig unberechtigterweise – bis in die Völkerwanderungszeit zurückverfolgt und als Identifikations­potential betrachtet wurde“ (Woesler 2000, S. 7). In dieser Zeit entstehen auch das historische Drama, der historische Roman und die historische Novelle (vgl. Weißert 1980, S. 34). Es ist somit kein Wunder, dass Balladen mit historischem Inhalt eine Blüte in dieser Zeit erfahren haben.

Auch Theodor Fontane schrieb und übersetzte zunächst Balladen, die inhaltlich in diese Tradition passten. Die Vielfalt seiner Balladen soll im Folgenden näher betrachtet werden.

1.3. Theodor Fontanes Balladenschaffen

Die Sammlungen von Theodor Fontanes Lyrik sind in Kategorien eingeteilt, mit deren Hilfe ein Überblick über seine verschiedenen Werke geschaffen wird. Hierbei wird das Kapitel der Balladen oft noch mit einem Titelzusatz versehen, zum Beispiel ‚Balladen. Lieder. Sprüche’ (vgl. Keitel 1964). Auch Fontane selbst überschrieb seine Originalgedichte in einem großen Kapitel mit ‚Bilder und Balladen’ (vgl. Rhyn 1970, S. 8). Seinem Vorschlag folgt die jüngere der beiden in dieser Arbeit angeführten Sammlungen (vgl. Krueger & Golz 1989). Diese unpräzisen Überschriften sind möglicher­weise aufgrund der oben erwähnten schwierigen Gattungsdefinition der Ballade nötig. So fehlt zum Beispiel sowohl bei Der Wettersee als auch bei Der Wenersee der für die Ballade typische Dialog. Beide Gedichte sind jedoch in Balladenkapiteln der unterschiedlichen Sammlungen zu finden.

Fontanes Balladen wurden vom Autoren selbst für die dritte Auflage seiner „Gedichte“ (1889) in drei Kategorien eingeteilt: Nordisches, Englisch-Schottisches und Deutsches Märkisch-Preußisches (vgl. Krueger & Golz 1989, S. 512). Diese Einteilung richtet sich nach dem Inhalt und vor allem dem Handlungsort der Erzählung. Die Stoffe berühren meist die Geschichte der jeweiligen Länder und die sich darum spinnenden Mythen und Legenden. Jedoch ist eine Zuordnung zu diesen Kategorien nicht immer eindeutig möglich, da Fontane die Werke zum Teil erst in späteren Ausgaben einer der drei Untergruppen zuordnete oder sie umsortierte. So steht beispielsweise John Maynard in der einen Sammlung unter der Überschrift ‚Lebensbilder’ (vgl. Keitel 1964, S. 255), in der anderen bei ‚Englisch-Schottisches’ (vgl. Krueger & Golz 1989, S. 168).

Zu den nordischen Balladen Fontanes gehören unter anderem Erzählungen über die Könige Gorm Grymme, der es unter Androhung der Todesstrafe verbietet, ihm vom Tod seines Sohnes zu berichten und Olaf Kragebeen, der von seinem Getreuen verraten wird und sich daraufhin ins Meer stürzt. Vorherrschend sind Geschichten über Kriege, Schlachten und die Eroberungen skandinavischer, vor allem dänischer, Könige. Die Protagonisten sind vorrangig historisch belegte Persönlichkeiten, von denen die meisten zwischen dem 10. und dem 13. Jahrhundert lebten. Fontanes Anregungen zu diesen Werken stammen wahrscheinlich aus ‚Dänische Geschichte’ von dem norwegisch-dänischen Komö­dien­­dichter und Historiker Ludwig Holberg, in dessen Buch Fontane laut seiner Tagebuchnotizen viele Stunden lang gelesen habe (vgl. Keitel 1964, S. 908). Vermutlich besaß Fontane jedoch auch noch andere Werke über die skandinavische Geschichte und las dazu noch die ‚Heimskringla’ des Isländers Snorri Sturluson (ebd). Weitere Anregungen erhielt der Autor durch seine Reisen zu dänischen Kriegsschauplätzen im Jahre 1864 (vgl. Krueger & Golz 1989, S. 513).

Wie bereits erwähnt, ist der Stoff um die schottische Königin Maria Stuart unter Literaten besonders beliebt. Theodor Fontane bildet hier keine Ausnahme. Zwischen seinen anderen englisch-schottischen Balladen finden sich mehrere über ihr Leben, ihren Tod und auch über das Schicksal einiger ihrer Verbündeten. Ein weiterer beliebter Themenkreis seiner in dem Inselstaat spielenden Balladen waren die Aufstände der Jakobiter in Schottland gegen die englische Herrschaft und die sich in einigen Fällen über Generationen hinziehenden Kämpfe und Rivalitäten einiger schottischer Clans. Stark beeinflusst wurden seine englisch-schottischen Balladen durch die bereits erwähnten Sammlungen von Thomas Percy und Walter Scott (vgl. Keitel 1964, S. 865). Einige Stücke sind direkte Übersetzungen aus Percys und Scotts Bestand, andere wiederum sind künstlerische Neuverarbeitungen desselben Stoffes. Fontane überschrieb deshalb eine Abteilung der Balladen-Ausgabe von 1861 mit ‚Lieder und Balladen, frei nach dem Englischen’ (vgl. Krueger & Golz 1989). Die Sammlung von 1989 folgt seiner Einteilung mit leichten Veränderungen. Die meisten dieser Werke handeln von historischen Charakterfiguren und spielen im 16. Jahrhundert in der Zeit Maria Stuarts unter der Regentschaft Elisabeths I. Einige greifen jedoch auf sehr viel ältere Stoffe zurück, zum Beispiel Robin Hood, der zu Beginn des 12. Jahrhunderts gelebt haben soll (vgl. Keitel 1964, S. 879). Andere Stücke wie Jung-Musgrave und Lady Barnard können nicht auf einen Handlungs­zeit­raum festgesetzt werden, weil es sich um alte, überlieferte Volksballaden handelt und die Protagonisten keine historischen Prominenten sind, von denen die Geburts- oder Sterbedaten bekannt sind.

Die deutschen, märkisch-preußischen Balladen Fontanes stammen auch aus seiner Publikation ‚Männer und Helden. Acht Preußen-Lieder’ (vgl. Fontane 1850). Hierin geht es jedoch nicht, wie der Titel vermuten lässt, um heroische Darstell­ungen. Fontane zeigt im Gegenteil Möglichkeiten des Heldischen auf, die alle nicht in das martialische Heldenkonzept passen, das zum Beispiel in Theodor Körners Gedicht Männer und Buben proklamiert wird (vgl. Fauser 2000, S. 30). Die Männer Fontanes zeichnen sich dadurch aus, dass sie freie Entscheidungen treffen, statt am ‚kollektiven Unsinn’ teilzuhaben (ebd). Die preußischen Feldherren, von denen die Balladen handeln, dienten zum überwiegenden Teil unter Friedrich II., der auch Friedrich der Große genannt wird (vgl. Keitel 1964, S. 924ff). Obwohl oft grausame Sachverhalte wie Schlachten dargestellt werden, umschreibt Fontane seine Protagonisten sympathisch, ironisch und humorvoll (vgl. Hinck 2000, S. 84). Mit diesen Gedichten bezieht Fontane Position für einen reflektierten Historismus, der sich für die Modernisierung Preußens einsetzt (vgl. Fauser 2000, S. 31). Geschichte wird bei ihm nicht als notwendig, sondern mit Alternativen dargestellt und aus einer distanzierten Haltung heraus erzählt (ebd). Die weiteren märkisch-preußischen Werke spielen überwiegend im 15. bis 17. Jahrhundert in Brandenburg. Thema sind vor allem die Streitigkeiten verschiedener Fürsten um ihre Rechte an Ländereien.

Die meisten seiner englisch-schottischen Balladen schrieb Fontane zu Beginn seines Balladen­schaffens in den späten 40er und 50er Jahren des 19. Jahrhunderts. Zwischen 1846 und 1847 entstanden auch seine ‚Männer und Helden’. Die nordischen und die restlichen märkisch-preußischen erschienen zum Großteil erst in den 1880er Jahren. Insgesamt machte Fontane als Schriftsteller eine Veränderung durch, die an seinen Balladen abgelesen werden kann. So urteilt Ohl über Fontanes lyrisches Frühwerk: „Fontane ahmt fremde Vorbilder nach, ohne für seine Überzeugungen schon einen eigenen sprach­lichen Ausdruck zu finden. Seine frühe Lyrik verbleibt im Umkreis jener Literatur, der sie ihr Entstehen verdankt“ (Ohl 1995, S. 237). Viele seiner englisch-schottischen Stücke sind noch in diesem Muster verhaftet und orientieren sich zum Teil wörtlich an den Vorlagen durch Percy und Scott. Die Stücke der „Männer und Helden“ Sammlung hingegen zeigen, dass Fontane auch selbst zur kreativen Themenfindung in der Lage ist. Fontane jedoch schämt sich seiner Nachdichtungen nicht: „Fast alle Besprechungen sagen dasselbe, und zwar läuft es darauf hinaus: ich verstünde sehr schön zu übersetzen u. sehr schön nachzubilden. Ich erlebe dabei die Demütigung, daß meine eigenen Produkte immer erst im zweiten Gliede stehn - doch unter uns gesagt, ich bin ganz zufrieden damit. Leute, die sich genieren, irgendeinen Zeitgenossen anzuerkennen, sind gleich bereit zum Lobe, wenn es einem altenglischen Balladensänger gilt, und da die letzteren unbekannt und mausetot sind, kommt solch Lob doch immer mehr oder weniger mir zugute, es findet sich keine andere Adresse“ (Drude 1976, S. 141).

Einige seiner Balladen schlagen unter seinen Zeitgenossen hohe Wellen, da er sich bemüht „eine zeitgerechte soziale Ballade durchzusetzen“ (Müller-Seidel 1980, S. XV), womit er jedoch an seinen Freunde aus dem ‚Tunnel über der Spree’ scheitert. In den Protokollen dieses Sonntagsvereins kann eine vollständige Chronik von Fontanes künstlerischem Weg „von den ersten unselbständigen Versuchen im Stil der Herweghzeit bis zu seinen Meisterballaden und den Anfängen des Prosarealismus“ (Kohler 1940, S. 4) verzeichnet werden. Die Tunnelianer üben besonders in seinen Anfängen einen großen Einfluss auf Fontane aus, jedoch war er sich mit seinen Zeitgenossen nicht immer einig, wie Lyrik zu sein hatte. „Auch wenn Fontane alte Formen - sei es in der Ballade oder im Gelegenheitsgedicht - aufgreift, erzeugt seine prinzipielle Skepsis gegenüber den vorherrschenden Formen und Themen eine Belebung der Gattungsmuster. Das wird am eindrucksvollsten an seinen Balladen sichtbar, die sich scheinbar eng an den von den Freunden im "Tunnel über der Spree" praktizierten Heldenkult anschließen, aber tatsächlich einen neuen Ton anschlagen und vor allem ein neues Menschenbild vermitteln“ (Scheuer 2001, S. 9). Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Fontane einen neuen Weg mit der Ballade einschlug, der in dieser Arbeit untersucht werden soll.

2. Die in dieser Arbeit untersuchten Balladen

Die drei ausgewählten und im Folgenden analysierten Balladen stehen jeweils für einen Abschnitt in Theodor Fontanes Balladenschaffen. Der Tag von Hemmingstedt vertritt Fontanes erste Schritte auf eigenem balladeskem Boden. Nachdem er viele Werke englischer Künstler übersetzt hat, beginnt er eigene Stoffe zu suchen und sie zu verarbeiten. Mit Prinz Louis Ferdinand beginnt eine Phase der Veränderung in den Balladen Fontanes. Zu dieser Zeit löst er sich von alten Mustern, um Neues auszuprobieren. Die Brück’ am Tay schreibt er mit 61 Jahren. Die Handlung der Ballade spielt nur zwei Wochen vor ihrem Erscheinen, was äußerst ungewöhnlich und neuartig an diesem späten Werk des Autoren ist. Jedes der drei in dieser Arbeit behandelten Stücke stellt somit einen exemplarischen Punkt auf dem Weg der Balladen Fontanes zwischen Tradition und Moderne dar.

2.1. Der Tag von Hemmingstedt

Bereits seit Ende des Jahres 1850 arbeitete Fontane an seiner Ballade Der Tag von Hemmingstedt. Er las sie erstmalig am 2. März 1851 im ‚Tunnel über der Spree’, einem literarischen Sonntagsverein, innerhalb einer organisierten Balladen-Konkurrenz vor. Fontane war im ‚Tunnel’ seit September 1844 unter dem Namen ‚Lafontaine’ ein vollwertiges Mitglied (vgl. Berbig 2010, S. 82). Am darauf folgenden Sonntag, den 9. März, brachte Fontane das Stück in zensierter Version abermals zu Gehör. Es wurde mit ‚sehr gut’ bewertet und am 6. April desselben Jahres innerhalb des Balladenwettbewerbs zum Sieger gewählt (vgl. Berbig 2010, S. 236ff). Heyse, Kugler und Friedrich Eggers aus dem ‚Tunnel’ stimmten jedoch gegen Der Tag von Hemmingstedt. Heyse begründete dies mit dem Vorwurf, die Ballade Fontanes sei kein Kunstwerk, sondern nur eine meisterhafte Behandlung eines Stücks alter Chronik (vgl. Drude 1976, S. 161f). Der Autor verteidigte sein Werk in einem Brief an Bernhard von Lepel: „Als ob das Künstlerische immer im Künstlichen läge; gerade da liegt es nicht; solche Sachen können nicht einfach genug sein. Schlicht und wahr sei der Stoff“ (Krueger & Golz 1989, S. 562). Fontane selbst war mit seinem Werk zufrieden, auch wenn der in finanzieller Bedrängnis Steckende nicht die erhoffte großzügige Bezahlung dafür erhielt, sondern lediglich vier Taler für zwei Monate Arbeit (vgl. Perrey & Perrey 1998, S. 55). Gedruckt wurde die Ballade im März 1851 von Wilhelm Wolfsohn in der Zeitschrift ‚Deutsches Museum’ (vgl. Keitel 1964, S. 921). Sogar König Friedrich Wilhelm IV. ließ sich die Ballade vorlesen und „hat sich mit außergewöhnlich warmer Anerkennung darüber geäußert“ (Perrey & Perrey 1998, S. 55). Fontane entnahm die historischen Fakten wohl Ludvig Holbergs ‚Dänische Reichshistorie’ (1732–1735) und stützte seine Ballade darauf (vgl. Jessen 1975, S. 13). Eventuell überflog er auch ‚Geschichte von Dänemark’ (1843) von Friedrich Christoph Dahlmann (vgl. Perrey & Perrey 1998, S. 57). In den Balladensammlungen Fontanes wird Der Tag von Hemmingstedt den deutsch märkisch-preußischen Balladen aufgrund der in Dithmarschen verorteten Handlung zugeteilt.

2.1.1. Geschichtlicher Hintergrund und Balladeninhalt

Der Inhalt der Ballade spielt am 17. Februar 1500, dem Tag, an dem es zur Schlacht bei Hemmingstedt kam. Auslöser des Gefechts war der Konflikt zwischen dem dänischen König und den Bauern Dithmarschens, dessen Verlauf im Folgenden stark gekürzt wiedergegeben wird.

1459 wurde Christian I. König von Dänemark. Er bemühte sich seinen Anspruch auf den Freistaat Dithmarschen als Herzog von Schleswig und Holstein-Stormarn zu festigen (vgl. Lammers 1982, S. 44). Kaiser Friedrich III. übergab König Christian I. 1473 einen Lehnbrief, der Dithmarschen zu Holstein-Stormarn zugehörig erklärte. Die Dithmarscher, die ihren Status nicht verlieren wollten, antworteten mit einem Appell an Papst Sixtus IV., der erklärte, dass Dithmarschen nicht zum Reich gehöre, sondern zur Bremischen Kirche (ebd). Bereits 1188 hatten die Dithmarscher den Bischof von Schleswig als ihren Landesherren anerkannt. Dieses Verhältnis wurde durch die Niederlage der Dänen, die den Landstrich schon damals für sich beanspruchten, in der Schlacht von Bornhöved 1227 gefestigt.

Friedrich III. zog daraufhin seinen Lehnbrief 1481 mit dem Hinweis auf seine Unkenntnis der Zugehörigkeit Dithmarschens zum Erzbistum Bremen zurück. 1481 starb Christian I. und konnte seinen Anspruch nicht mehr geltend machen. Seine Erben waren Johann I. als König von Dänemark und dessen jüngerer Bruder Friedrich, mit dem der dänische Thronfolger sich die Herrschaft über Schleswig und Holstein teilte. Bevor die Brüder jedoch ihren Anspruch auf Dithmarschen kriegerisch geltend machten, ließ Johann I. sich 1499 zum König von Schweden krönen und konnte so den Norden seines Reiches beruhigen (vgl. Lammers 1982, S. 45).

[...]


[1] Bei Zitaten aus den gesammelten Werken Fontanes wird zur besseren Übersicht der jeweilige Herausgeber in Kapitälchen angegeben. Schriften, die zu Lebzeiten des Autoren erschienen, führen Fontane selbst in Klammern an.

[2] Die Geschichte der Balladenforschung soll hierbei nicht Thema sein. Eine aktuelle Zusammenfassung des Forschungsstands findet sich beispielsweise bei Zumbach (2004, S.7ff).

[3] Im Folgenden wird nur noch von ‚Balladen’ gesprochen. Gemeint ist die Kunstballade nach oben angeführter Definition.

Ende der Leseprobe aus 65 Seiten

Details

Titel
Tradition und Moderne in den Balladen von Theodor Fontane. "Der Tag von Hemmingstedt", "Prinz Louis Ferdinand" und "Die Brück’ am Tay"
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Neuere Deutsche Literatur)
Note
2,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
65
Katalognummer
V310982
ISBN (eBook)
9783668099821
ISBN (Buch)
9783668099838
Dateigröße
750 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fontane, Balladen, Die Brück' am Tay, Die Brücke am Tay, Die Brück am Tay, Der Tag von Hemmingstedt, Hemmingstedt, Prinz Louis Ferdinand
Arbeit zitieren
Dorothee Salewski (Autor), 2014, Tradition und Moderne in den Balladen von Theodor Fontane. "Der Tag von Hemmingstedt", "Prinz Louis Ferdinand" und "Die Brück’ am Tay", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/310982

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Tradition und Moderne in den Balladen von Theodor Fontane. "Der Tag von Hemmingstedt", "Prinz Louis Ferdinand" und "Die Brück’ am Tay"



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden