Toni. Erinnerungen eines Zeitzeugen an den 2. Weltkrieg


Essay, 2015
20 Seiten

Leseprobe

Vorwort

Deutschland im Kriegszustand.

Dies ist für Generationen, die nach der kriegerischen ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, also nach 1945, geboren und aufgewachsen sind nur sehr schwer vorstellbar. Man kennt nur die harte Nachkriegszeit und dann den Aufschwung der jungen Bundesrepublik – die Zeit des Wirtschaftswunders.

Über den Krieg wurde in den Familien häufig nicht gesprochen – ob aus Angst, aus Scham oder aus Schuldgefühl. Auch gibt es leider nicht mehr viele Zeitzeugen, die den Zweiten Weltkrieg miterlebt haben. Umso wichtiger ist es, an diese Zeit zu erinnern, damit so etwas nie wieder passiert.

Unser Zeitzeuge Toni Ammersbach – geboren 1927 und verstorben am 23. Dezember 2014 – erinnerte sich noch an alles, als wäre es gestern gewesen. Nach vielen Gesprächen mit dem weisen Opa Toni habe ich niedergeschrieben, was er damals erlebt hat.

Jan Ammersbach, 23.11.2015

Der Krieg

In meiner Jugendzeit hatte fast jeder Haushalt Hühner, Gänse und Enten. Die Gänse wurden gemeinsam auf die Weide gebracht. Vom Nachbarn, der am Tag vorher dran war, wurden eine Pfeife und eine Peitsche übernommen. Schon früh am Tag ging es los mit der Pfeife in der Tasche. Die Leute machten den Stall auf. Die Gänse rannten auf die Straße. Es kamen immer mehr dazu, bis es eine ganze Herde war. Es ging in Richtung Schafhof in der Nähe der Bergmühle. Bis Nachmittag waren die Gänse dann satt und gingen in den Bach. Dann war Zeit zum Spielen. Aufpassen musste man trotzdem gut, sonst wären sie fort gerannt. Es ist oft vorgekommen, dass eine Gruppe den halben Berg hinauf marschierte und dann bis ins Dorf flog. Mit der Herde ging es abends heimwärts. Einer musste vorausgehen und bremsen, sonst rannten sie alles um. Zu Hause fand jede Gans ihren Stall. Für uns Kinder war es eine schöne Zeit.

Natürlich habe ich die Kriegszeit seit 1939 erlebt, als Kind und als Jugendlicher, daheim in Gössenheim. Aber der Krieg begann für mich bei der Wehrertüchtigung im Lager Weiden in der Oberpfalz. Später, im Herbst 1944, ging es dann zum Reichsarbeitsdienst nach Neustadt an der Lahn.

Regensburg, Winter 1944/45

Nach der Musterung war ich in Regensburg im Grenadier-Ausbildungs-Bataillon 20 in der „Von der Tann-Kaserne“ stationiert. Nach einigen Tagen wurden wir auf den Keilberg, das ist in der Nähe der Walhalla, verlegt.

Wir nahmen an einer Übung in Regensburg teil und kamen erst am nächsten Tag zurück zur Kaserne. Bei der Rückkehr sah ich schon am Eingang der Kaserne, dass das Zimmer, in dem ich die Nacht verbracht hatte, vollständig zerbombt war. Wir brauchten einen neuen Unterschlupf, also sind wir in eine Holzbaracke eingezogen. Mit ihrem kaputten Dach war diese Baracke jedoch keine angenehme Schlafstätte.

Dem Regen konnten wir so also nie entfliehen. Zwar brachte man die Betten am Tage in eine trockene Ecke, am Abend blieb mir dennoch nichts anderes übrig, als mich mit nasser Uniform auf das nasse Bett zu legen.

Wir waren jeden Tag im Gelände bei Übungen, wo ich mehrere Fliegerangriffe auf Regensburg von oben sah. So aufregende Bilder hatte ich noch nie zuvor gesehen. Einmal kamen die Bomben so nahe, dass ich mich an einem Grasbüschel festhalten musste. Später erfuhren wir, dass es Luftminen waren. Ich war MG-Schütze drei oder vier, ich erinnere mich nicht mehr genau. Im ersten Zug waren die größeren Soldaten. Ich war im vierten, da war es auszuhalten. Mein Ausbilder war ein guter Mensch. Wenn ich im Dienst in der Walhalla gestöbert habe, hat das keiner gemerkt.

Eines Tages fühlte ich mich nicht gut. Ich hatte Fieber. Früh beim Antreten zum Rapport meldete ich mich krank, musste aber trotzdem ins Gelände. Am nächsten Tag blieb ich im Bett. Zwei Kollegen führten mich in einem Vehikel, einem ovalen Weidenkorb auf zwei Rädern, nach unten. Bei uns zu Hause hieß das "Scheese", am Aufbau war eine Gardine befestigt. Meine Kollegen mussten in der Stadt öfters anhalten, weil der Vorhang immer wieder, meistens von Frauen zurückgezogen wurde. Sie fassten mir an die Stirn: "Armer Kerl", hörte ich sie sagen.

Es war kurz vor Weihnachten, als ich ins Lazarett kam. Eine stillgelegte Schule war zum Lazarett umfunktioniert worden. Bei jedem Fliegeralarm wurde ich in den Keller geschoben. Mein Zustand war sehr schlecht. Mit doppelseitiger Lungenentzündung und Gelenkrheuma lag ich einige Wochen auf Nr. 7 – das war das Sterbezimmer.

In Gössenheim kam ein Telegramm an: „Wenn Sie ihren Sohn noch einmal sehen wollen, dann ist es höchste Zeit.“ Mein Vater machte sich auf die damals nicht ungefährliche Reise, doch ich konnte nicht viel mit ihm anfangen. Mein ganzer Körper war mit schwarzer Salbe bestrichen und mit Papierbinden eingewickelt. Ich hatte ein schwarzes Gummihemd an und musste gefüttert werden. Einzig meinen Kopf konnte ich ein wenig bewegen. Es strengte mich alles so sehr an, dass ich froh war, als ich wieder alleine war.

Kaum konnte ich wieder laufen, heulten die Sirenen. „Alle in den Keller!“ Ich war der Jüngste von allen, weswegen mich die Vorgesetzten auch „Bubi“ riefen. Daher war ich auch in der Küche gut bekannt. Der Koch, zwei Schwestern, und ich hoben einen Eisendeckel an und krochen noch weiter nach unten. Man hörte wie die Bomben krepierten, erst leise, dann laut und nach einer Weile wieder leiser. Das war noch mal gut gegangen. Auf einmal ein Krachen. Staub flog aus den Mauern, die Kerze flog in die Ecke. Einige Meter weit von uns entfernt schlug eine Bombe ein und krepierte nicht. Als wir wieder zu uns kamen hörten wir ein Scharren am Eisendeckel, dann wurde es wieder ruhig. Als ich nach oben kam war die Schule leer. Alles war voll Feuer und Rauch. Im Speisesaal, wo unsere Betten standen, ist die Bombe durchgerast. Bis ungefähr einen Meter über dem Fußboden war noch kein Feuer und kein Rauch. Da kroch ich durch zu meinem Bett und holte meine Sachen.

Der Eingang der Schule war voll von brennenden Schulbüchern. Die Fenster waren mit Eisenstäben gesichert. Ich ging in den Duschraum, warf die Jacke über den Kopf und zog an dem Strick, damit ich nass wurde. So stürmte ich durch das Feuer ins Freie. In einer Holzhalle wollte ich Schutz suchen, doch als ich die Türe öffnete, flüchteten einige Dutzend Ratten ins Freie. Als ich sah, dass in der Halle mit Tüchern zugedeckte Leichen gestapelt waren, flüchtete ich. Ich lief einfach drauflos, zwischen Büschen und Bäumen, denn immer noch fielen die Bomben. Ich legte mich in einen ganz frischen Bombentrichter und dachte: „Jetzt ist mir alles wurscht, mehr kann ich nicht tun.“ Unser Lazarett, die Augustenschule, war völlig kaputt.

Als alles überstanden war, fand ich mich im Schlosspark von Thurn und Taxis wieder. Ich lief zurück zum Schulhof, denn ich wusste ja nicht, wo ich nachts bleiben sollte. Immer mehr Patienten kamen aus den Ecken gekrochen. Wir machten uns auf zu den Englischen Fräulein. Das waren die Schwestern im Kloster. Sie trugen schwarze Kleidung mit großen weißen Hauben. Eingerichtet war dieses Lazarett für innere Krankheiten. Viele Soldaten kamen von der Front und starben dort.

Oft war dort die ganze Nacht keine Ruhe. Ich hatte mich schnell wieder eingewöhnt. Dabei half mir mal wieder mein jugendliches Aussehen. Ich half beim Kartoffelschälen, weswegen ich viele Freiheiten in der Küche hatte. Bis die anderen ihr Essen bekamen, war ich meistens schon satt. Meine Portionen und noch mehr, deponierte ich auf dem Fensterbrett hinter der Gardine. Abends kam immer der Walter Heid aus Gössenheim zu mir. Er war nach Regensburg eingezogen worden und hatte großen Hunger. Er besuchte mich fast jeden Tag.

Von unserem Chef bekam ich einen Dauereingangsschein. Ich musste die verschiedensten Besorgungen machen. Einmal wollte ein Vorgesetzter heiraten, hatte aber nur eisenbeschlagene Stiefel. Ich musste durch ganz Regensburg marschieren und ein paar Schuhe besorgen.

Ein Kollege war nicht mehr einsatzfähig und war dann bei Thurn und Taxis beschäftigt. Das Schloss war sehr interessant.

Von Regensburg nach Gössenheim, März 1945

Im März änderte sich die Situation dann aber schlagartig. Regensburg, Nürnberg und Würzburg wurden bombardiert. Der Koch und ich wurden auf Urlaub geschickt, weil dann Urlaubssperre war. Der Koch gab mir einen Rucksack mit Verpflegung mit auf den Weg. Walter und ich marschierten los, weit aus der Stadt heraus. Mit dem Zug fuhren wir Richtung Nürnberg.

Am Dutzendteich war die Fahrt jedoch vorbei. „Alles aussteigen!“ Mit unseren zwei Koffern marschierten wir los. Die Koffer würde ich heute wegwerfen, so kaputt waren sie.

Auf dem Weg zum Nürnberger Hauptbahnhof mussten wir über ganze Häuser klettern, die auf der Straße lagen. Die Schuhe wurden heiß, weil der Asphalt brannte. Der Bahnhof war völlig kaputt. Wir legten uns auf den Boden, da wir Angst hatten, es könnten wieder Bomben fallen. Am nächsten Tag ging es weiter nach Fürth.

Alle Waggons der Straßenbahn standen ausgebrannt auf der Straße. In Fürth konnten wir dann endlich wieder in den Zug einsteigen und Richtung Würzburg weiterfahren.

Einige Male pfiff die Lok. Dann hieß es wieder: „Alles raus!“ Die Flieger kamen. Wir legten uns unter die Waggons. Als die Flieger weg waren, stiegen wir wieder ein und es ging weiter. Da, wo die ersten Häuschen von Würzburg standen, war Endstation.

Würzburg war eine Geisterstadt. Es standen nur noch die Außenmauern und die Kamine. Auf der Straße konnte man nicht laufen, da lagen zu viele Brandbomben, also ging es an den Schienen entlang. In der Nähe des Friedhofs stand eine Bank, auf der wir Brotzeit machten. Einer meiner Kollegen war bei Ludwigshafen zu Hause. Er nahm das Gleis nach links. Wir winkten uns noch einmal zu und weg war er.

Ich trug dann meine zwei Koffer bis nach Zell. Ich war über ein Viertel Jahr im Lazarett, ich hatte Blasen an den Füßen, aber es musste weitergehen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Toni. Erinnerungen eines Zeitzeugen an den 2. Weltkrieg
Autor
Jahr
2015
Seiten
20
Katalognummer
V311002
ISBN (eBook)
9783668102248
ISBN (Buch)
9783668102255
Dateigröße
483 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
toni, erinnerungen, zeitzeugen, weltkrieg
Arbeit zitieren
Diplom-Ökonom Jan Ammersbach (Autor), 2015, Toni. Erinnerungen eines Zeitzeugen an den 2. Weltkrieg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/311002

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